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Donnerstag, 25. August 2016

Haldern, 2 Festivaltag, 12.08.16

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Konzert: Haldern Pop Festival 2016, 2. Festivaltag mit dem Stargaze Orchestra, Money, Gogo Penguin, Drangsal, Arthur Beatrice, Glen Hansard, Lapsley, Loney Dear und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2016 




Am 2. Festivaltag kam ich nur schwer aus den Federn, aber ich hatte noch ein ganz anderes Problem. Mein Bed and Breakfast lag in Borghees bei Emmerich und somit fast 25 km von Haldern entfernt. Weil ich extrem spät gebucht hatte, bekam ich nichts mehr in Festivalnähe und muste deshalb eine weite Anreise zum Gelände in Kauf nehmen. Hinzu kam, dass der Zugverkehr zwischen Emmerich und Haldern pünktlich zum Festival eingestellt worden war (machten die das extra ?) und man auf Busse ausweichen musste. Ein äusserst pampiger Busfahrer (wo war die legendäre niederrheinische Freundlichkeit geblieben ?) kutschierte mich erst nach Rees und dann 15 Minuten mit einem anderen Bus nach Haldern. Bis ich endlich gegen 14 Uhr 30 ankam, waren die Stargazer mit ihrem David Bowie Special fast durch aber ich hatte das Glück noch zwei wirklich wunderbare Coverversionen zu hören, erst von Let's Dance, dann von Starman.  Den Gastauftritt von Lokalgrösse Stefan Honig hatte ich aber verpasst, der spielte nämlich am Anfang einen Song (Ashes To Ashes) mit dem Ensemble. 


Nach dem Ende des Bowie Specials hatte ich geplant, in der Kirche mit dem Programm weiterzumachen, aber die nun angesetzte Belgierin Melanie De Biasio liess wirklich sehr lange auf sich warten. Insgesamt eine Stunde harrte ich zusammen mit vielen anderen Leuten vergeblich vor der Tür aus, dann gab ich es auf und begab mich zu Fuss zum Spiegeltent, indem nun der Brite Money mit seiner wehklangenden Stimme verzweifelt-schöne Songs performte. Er spielte in kurzen Hosen, hatte unter anderem eine charmante Cellistin und eine Violonistin in seiner Band dabei und liess ein wenig den versoffenen Künstler raushängen. Gleich mehrfach sprach er leicht lallend über Alkohol und Alkoholismus, prostete den Leuten grinsend mit seinem Bierbecher zu und stellte sich desöfteren demonstrativ vorne an den Bühnenrand. Passend dazu schmetterte er den Song A Cocaine Christmas and an Alcoholic's New Year.



Money war (und ist) stimmlich durchaus mit Villagers vergleichbar (das Verletzliche, Sehnsüchtige, Weinerliche), aber während bei Villagers vor genau einem Jahr an gleicher Stelle volle Hütte (bzw. volles Zelt) war, hatte man hier und heute überraschend viel Bewegungsfreiheit. Möglicherweise zogen es einige Festivalgäste vor, draussen die endlich strahlende Sonne zu geniessen, um das Regendesaster des Vortages weitgehend vergessen zu lassen. Melancholiker wie ich aber weilten im Zelt und liessen sich von fragilen Stücken wie You Look Like A Sad Painting On Both Sides Of The Sky, welches die berühmte Pariser Blogothèque erst kürzlich live gefilmt hatte, "deprimieren".


Etwa 40 Minuten spielte Money getragenes und fast klassisch instrumentiertes Songmaterial, dann war Schluss und auch ich stürmte raus in die Sonne.


Auf der Hauptbühne spielten jetzt GoGo Penguin, eine rein instrumentale Jazztruppe mit Piano , Kontrabass und Schlagzeug. Bandleader schien der gut im Futter stehende  Kontrabasser zu sein. Zumindest war er es, der die Ansagen machte und auch durchklingen liess, dass ihr Album bei dem legendaren Blue Note Label erschienen sei. Neben Jazz gab es aber auch Anklänge von Trip Hop und klassischer Musik und selbst wenn ich aus Manchester Formationen wie Joy Division, I am Kloot oder The Chameleons bevorzuge, liess mich das Konzert der drei Briten dennoch neugierig werden. Eine gute Abwechslung.

Ich lief nun rüber zum Spiegelzelt wo der Deutsche Max Gruber alias Drangsal spielte. Endlich mal ein New Waver dachte ich mir erwartunsgfroh, aber nachdem ich ein paar Stücke (auf englisch) von ihm gehört hatte, war die Euphorie auch schon verpufft. Er sang mit Robert Smith-Gedächtsstimme und klang mehr wie ein Plagiat alter britischer Post Punk Helden der frïhen 1980er als etwas Neues. Brachialpop kann man auf seiner Facebook Seite lesen, auf der er fast 10 000 Fans hat. Mich konnte der am Ende mit nacktem Oberkörper auftretende tätowierte Blondschopf nicht als Neufan hinzugewinnen und warum erzählte er überhaupt, dass ihm seine Freudin neue Birkenstock geschenkt hatte ? So was Uncooles verschweigt man doch eher.



18 Uhr 30, Zeit mal wieder auf der Hauptbühne vorbeizuschauen. Dort traten nämlich nun die Amerikaner Algiers auf. Die jungen Kerle aus Atlanta hatte ich bereits einmal in Paris in einem Clubkonzert gesehen. Ihre Mischung aus Gospel, Bluesrock und Post Punk hatte mir unter dem Strich durchaus gefallen, aber genau wie nun in Haldern ging mir die kratzige Stimme des völlig überdrehten Sängers und Gitarristen Franklin James Fisher irgendwann ziemlich auf die Nerven. Man hatte das Gefühl er würde um sein Leben kämfen, so zornig und aufgepeitscht wie der war. Dem Publikum schien es mehrheitlich zu gefallen, was der Bandleader mit dem Satz "Germany you have always been good to us" honorierte.


Zurück zum Zelt, wo nun Walking on Cars aus dem malerischen Dingle in Irland aufspielten. Sehr catchy und eingängig ihre oft von einer Fiddel begleiteten Songs, aber ihr ein wenig an Bands wie die Waterboys oder Dexy's Midnight Runners erinnernder Sound war mir etwas zu simpel und gefällig gestrickt um mich wirklich zu begeistern. 



Ich ging ziemlich bald rüber zur Hauptbühne wo nun Michael Kiwanuka mit seiner Band bereit stand. Die ersten zwei Songs klangen sehr atmosphärisch und spannend und liessen mich etwas an Pink Floyd denken, dann aber verflachte das Set und wurde mir zu beliebig. Stimmlich und handwerklich konnte man schwerlich über Kiwanuka lästern, aber mir war das Meiste doch zu radiotauglich und die Mitsingnummern die gegen Ende kamen brauchte ich auch nicht.


Schnell rüber ins Zel also zum Set von Arthur Beatrice, die ich vor gut 4 Jahren für mich beim südfranzösischen Midifestival entdeckt hatte. Damals glaubte ich beim Lesen des Namens an einen französischen Chansonier und nicht etwa an eine junge britische Band. Als ich sie aber gesehen hatte, war ich beeindruckt und einige Zeit danach sah ich sie erneut und zwar im Spiegelzelt zu Haldern. 3 Jahre später nun also erneut Arthur Beatrice im Tent, aber dieses Mal sang nur die charmante Sängerin Ela Girardot und nicht wie damals auch noch ein Herr mit tiefer Stimme. Dies entzog dem Set ein wenig die Abwechslung, denn es war gerade das wechselseitige Spiel der wunderbar kontrastierenden Stimmen, die dem Ganzen noch mehr Würze und Abwechslung verabreicht hatten. Und nicht nur das, zudem klang heuer auch der Sound weniger wavig und stattdessen mehr soulig-jazzig. Aber natürlich war da immer noch die phantastische Stimme von Ela Girardot (bitte keine Vergleiche zur grässlichen Florence Welch anstellen!), die zudem durch Bühnenpräsenz und Eleganz (das stilvolle weisse Kostüm!) glänzte. 


Man sollte die vier Londoner weiterhin im Auge behalten, auch wenn mir das zweite Album Keaping The Peace, auf dem inzwischen der Schwerpunkt liegt, etwas weniger zusagt als das erste.

Ich musste nun aber schnell zu Glen Hansard rüber, der zusammen mit den Stargazern die Hauptbühne eingenommen hatte.


Viele kannten und liebten Hansard, aber ich selbst war hinsichtlich seine Oeuvres eher unbeleckt. Vor einer ganzen Weile hatte ich mir mal ein Album des Iren zugelegt, es aber nicht oft gehört, weil es mir zu schmusig und gefühlsduselig war. Letztlich bestätigte sich auch dieser Eindruck bei der Liveshow in Haldern, die aber objektiv betrachtet herausragend war. Denn es wurde so ziemlich alles geboten, was sich das Publikum von einem feierlichen Auftritt auf der Hautptbühne erhoffte, als da wären: ein charismatischer Sänger, Streicher, Frauenchöre, Gastduette und viel Herz- Schmerz. Das volle Programm!

Dirk Langen hatte ja bereits ausführlich hierzu berichtet, so dass ich an dieser Stelle abkürze und sofort zu Lapsley komme.

Genau wie Arthur Beatrice zuvor hatte auch Lapsley bereits schon einmal in Haldern gespielt und dennoch ist sie gerade einmal 20 Jahre alt. Gut möglich, dasss die blonde Soulsängerin hier in den nächsten Jahren das halbe Dutzend voll macht und zum Liebling avanciert. Mein Fall war die Musik von Holly Fletcher trotz technisch brillanter Stimme aber nicht. Elektronischer Nu- Soul wie er zur Zeit im Vereinigten Königreich ist nämlich nichts, was mein Herz höher schlagen lässt und so eilte ich schon nach etwa 3 gehörten Liedern zur Hauptbühne um Loney Dear zu bewundern.


Loney Dear die Zweite also! Nach seinem Auftritt am Vortage in der Kirche nun also die Krönung zum König auf der Hauptbühne. 


Zweifel ob ich mich erneut begeistern lassen könnte, waren schnell weggewischt. Die Sets waren nicht identisch, die Akustik war ganz anders (die Stargazer waren heute nicht dabei) und es wurden auch mehr Stücke auf der Main Stage als zuvor in der Church gespielt. Man sah also keineswegs zwei Tage hintereinander genau das gleiche Konzert und wer richtiger Fan war, durfte eh keinen der Auftritte verpassen. Zumal diesmal neben einem Bassisten, einem Drummer, einem Keyboarder auch nun die Percussionistin, Akkordeonistin und Keyboarderin Susanna Odell mit dabei war und für noch grösseren (schliesslich gab es auch die vielen Mädels vom Cantus Domus) weiblichen Charme sorgte. Ich hatte das Glück bei den ersten drei Songs im Fotograben knipsen zu dürfen und kosteste diese schöne Gefühl voll aus. Das hatte schon was, da ganz vorne zu stehen und fast von den Kameras des WDR umgeremplet zu werden! Wie feierlich das Ganze schon wieder klang! Wie glücklich und erfüllt die Musiker aussahen! Wieviel Sensibilität da rüber kam! Es war irre!


Gespielt wurden erneut nagelneue unveröffentlichte Stücke und ein paar Klassiker. Saturday Waits kam ziemlich weit vorne und bezauberte wie eh und je und auch Violent stach hervor, der Titel klang sehr intim. Ein paar Pannen gab es auch, ein Tambourin ging zu Bruch, aber mit seiner nonchalanten und sympatischen Arrt meisterte Emil auch dieses kleine Problemchen souverän.

Von den neune Sachen waren von gestern noch Dark Lights und besonders Hulls präsent. Wenn die Studioaufnahmen so gut werden wie die Livedarbietung dürfte dieses Album eines der stärksten in einem ohnhein schon exquisiten Katalog werden!

Setlist Loney dear, Mainstage Haldern:

01: There Are Several Alberts Here
02: Pun
03: Saturday Waits
04: My Heart
05: Lilies
06: Airport Surroundings
07: Violent
08: Dark Light
09: Young Hearts
10: Ignorant Boy, Beuatiful Girl
11: Hulls

Loney Dear war gegen 24 Uhr durch aber eigentlich ging es musikalisch in Haldern noch ein wenig weiter. Da ich aber öffentliche Verkehrsmittel benutzen wollte (musste), hetzte ich wie ein verfolgtes Tier Richtung Bahnhof, nur um festzustellen, dass ich den letzten Zug (der ohnehin nur bis Empel-Rees gefahren wäre) verpasst hatte. Mir blieb nichts anderes übrig als erneut ein teures Taxi zu nehmen. Verflucht! Aus Knauserigkeit bat ich aber den Taxifahrer mich früher rauszulassen, was ich später bitter bereuen sollte. Ich sparte zwar ein paar Euros, verlief mich aber auf dem Weg zu meinem Bed and Beakfast in stockfinsterer Nacht und irrte wie ein Narr durch die schwarzen Wälder an der holländischen Grenze. Nur duch Zufall und erst gegen 4 Uhr morgens fand ich schliesslich meine Unterkunft in Borghees...

Was für ein Tag!



Donnerstag, 14. August 2014

Haldern Pop Festival 2. Tag, 08.08.14

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Haldern Pop Festival 2. Tag, 08.08.14
Ort: alter Reitplatz und Dorfplatz Haldern am Niederrhein
Datum: 08.08.2014
Zuschauer: insgesamt etwa 7000
Konzertdauer: Konzerte von 11 Uhr bis 3 Uhr



Das Erwachen fiel mir nicht leicht an diesem Freitag, dem zweiten Festivaltag im idyllischen Haldern. Psychedelische Träume hatten mich durchgeschüttelt und ich erwachte schweißgebadet in meinem stickigen Zelt. Eine Dusche in einer dieser kleinen aber okayen Kabinen erweckte mich aber bald wieder zum Leben. Nebenan verkauften Holländer mir an ihrem Stand einen starken Espresso und zwei Stücke Marmorkuchen, so daß ich gut gestärkt den Fußweg an den Maisfeldern entlang zum Haldern Pop antreten konnte.

Die Landscahft hier am Niederehin ist herrlich, satte Wiesen, alte Bäume, Blumen, Alleen wo das Auge nur hinschaut. Die Leute, die hier wohnen, dürfen sich wirklich glücklich schätzen. Zumal sie seit ein paar Jahren das Festival mitten in ihrem Dorf haben, seitdem die Haldern Bar und die Kirche ebenfalls als Venues genutzt werden. Die Kirche selbst ist wunderschön und sehr stimmungsvoll und an deisem Freitagmorgen hatten sich schon (für Camperverhältnisse) früh viele Leute eingefunden. Die fast klassisch zu nennende Band Stargaze aus New York hatte ihren großen Tag und durfte   Alexi Murdoch und Shara Worden (My Brightest Diamond) musikalisch begleiten, ein Werk (Tenebre) von Bryce Dessner (Gitarrist von The National) ohne den Autor alleine aufzuführen.

Ich persönlich kam nur in den Genuss des Sets von Shara Worden, aber das war so traumhaft schön, daß sich der Weg definitiv gelohnt hatte. Die Kirche war proppenvoll und selbst im Mittelgang saßen Leute, so daß der Amerikanerin die ihr gebührende Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Sie sang dermaßen glockenklar und durchdringend, daß man sie sich sofort als professionelle Chorsängerin in einer Kirche vorstellen konnte, alles passte also perfekt zusammen. Dazu die sanfte Instrumentierung mit Streichern und dezenten Gitarrenklängen, es hätte nicht traumhafter sein können.

Dennoch verließ ich kurz vor Ende die Church, weil ich unbedingt Jeffrey Lewis & The Jrams in der nahe gelegen Pop Bar sehen wollte. Und Jeffrey und seine beiden Mädels, Heather an den Drums und Caitlin am Bass waren wirklich ein Knüller. In der kleinen stickigen Dorfkneipe spielten sie ein saftig-indierockiges Set mit gelegentlichen Balladen, die voll ins Schwarze trafen. Der Bursche mit der Base Cap wird oft in die Freak Folk Ecke gestellt, aber folkig klang heute nur Weniges. Hier wurde bedingungslos gepunkrockt und die Kneipe ordentlich durchgewirbelt. Das erinnerte musikalisch eher an Pavement als an Freak Folker wie Herman Dune und war durchgängig brillant. Mein persönlicher Favorit im gut geölten Set: You're Invited (you're invited to my birthday party), eine Ballade, zu der die Bassistin Caitlin Gray ausnahmsweise Keyboard spielte. Hinterher verkaufte Jeffrey dann noch etliche seiner super Comics (2,5 Euro das Stück ) un seiner selbstgebrannten CDs (5 Euro, ein Spottpreis!)

Im Anschluß ging es für mich noch einmal kurz zurück in die Church wo der rothaarige Brite Rhodes alleine auf seiner E-Gitarre ins Herz gehende Songs mit markanter Falsettstimme vortrug. Ein neuer Bon Iver, Lonely Dear oder Patrick Watson? Hmm, vielleicht, aber man sollte ihn nicht nur auf seine Kopfstimme reduzieren. Er steht in der Tradition von Songwritern wie Jeff Buckley und seine von Charlie Fink (Noah & The Whale) produzierte EP dürfte erst der Anfang einer vielversprechenden Karriere sein. Das Publikum in der Kirche zu Haldern schien auf jeden Fall sehr angetan und spendete frenetischen Applaus.

Lange konnte ich selbst aber nicht applaudieren, weil es für mich zurück in die Pop Bar ging, wo die  jungen Engländer The Mispers für viel Schwung sorgten. Vier Jungs und ein Mädel an der Geige versetzten den knallvollen Raum in super Stimmung. Das Ganze erinnerte musikalisch an die Talking Heads, Arcade Fire oder Clap Your Hands Say Yeah, der Gesang klang krächzig, die Gitarren euphorisch, der Beat rasant und die Songs (z.B. Gold Dust, ein Hammer !) gingen sofort ins Bein. So gab es dann auch keine einzige Ballade, sondern durchgängig Volldampf und am Ende wollten die Zuschauer die jungen Briten gar nicht mehr gehen lassen. Ein Triumph, gar keine Frage!

Nach meiner Mittagspause, die mich East Cameron Folkcore verpassen ließ, stand auf der Hauptbühne um 16 Uhr 20 ein Highlight an. Der Düssseldorfer Stefan Honig, kurz Honig, und seine zahlreichen Mitmusiker traten bei einsetzendem Regen auf, zauberten aber mit ihrem berauschenden Folkpop die Sonne in die Herzen der begeisterten Zuschauer. 35 Minuten lang wurde äußerst schwungvoll musiziert, Stefan sang sich Ukulele spielend die Stimme heiser, seine Mitmusikerin Julia aka Entertainment for The Braindead betörte mit sanftestem Backgroundgesang, Glockenspiel, Banjo und Akkordeon und die rothaarige Geigerin Heta (ausgeliehen von der holländischen Band Town Of Saints) bezauberte nicht nur durch ihre blauen Augen sondern auch ihr virtuoses Spiel. Die vielen anderen Musiker auf der Bühne spielten ihren Part ebenfalls ganz ausgezeichnet. Es war eine Teamleistung, bei der der Chef Stefan seine Truppe glänzend dirigierte. Alte Stücke wechselten mit neuen ab und das bald erscheinende neue Album It's Not A Hummingbird, It's Your Father's Ghost dürfte den Höreindrücken zufolge ganz großartig werden. Am Ende kamen dann noch etliche Gastmusiker mit hinzu, neben dem mir bekannten Hello Piedpiper noch Ian Fisher, Jonas David, Isa, Bandmitglieder von All The Luck In The World und die Horny Horns. Ein veritables Starensemble der Melodica Festival Szene gab sich hier ein Stelldichein und die vielen glücklichen Gesichter brannten sich tief in mein Gedächtnis. Alle waren glücklich, die Musiker, die sich noch gemeinsam fotografieren ließen und die Zuschauer, die ein gute halbe Stunde lang den Regen völlig vergesen hatten und ganz entzückt waren von der Darbietung von Honig.

Setlist Honig:

01: Leave Me Now
02: Dear Liar
03: Swimming Lessons
04: Leon Law
05: Overboard
06: Golden Circle
07: In My Drunken Head
08: For Those Lost At Sea 

Der Regen sollte leider auch anhalten, was schwerwiegende Folgen für den weiteren Ablauf des Festivatages hatte. Bei den Konzerten von My Brightest Diamond (musikalisch hochsstehend aber weniger beeindruckend als in der Kirche und den Esten Ewert And The Two Dragons (nett, aber leider etwas belanglos) war ich noch halbwegs trocken, Chet Faker, Sam Smith und Stephan Eicher jedoch strich ich völlig durchnässt von meinem Plan und zog mich für eine ganze Weile in mein glücklicherweise trockenes Zelt zurück. 


Ich hatte allerdings richtig gehandelt, noch einmal im Spiegelzelt gegen 21 Uhr vorbeizuschauen, denn dort hatte der aufstrebende Australier RY X einen ganz feinen Auftritt. Der bärtige Mann von Down Under mit der Base Cap zauberte zusammen mit einem Mitmusiker eine wundervolle Atmosphäre ins Tent und brillierte mit seiner gefühlsbetonten (mitunter an James Vincent Mc Morrow erinnernden) Stimme und den gekonnten Arrangements. Er erzählte viel von seiner neuen Heimat Berlin und war auch vom Empfang in Haldern schwer angetan. Er sei stolz dieses tolle Festival spielen zu dürfen und ich glaube, das Publikum war ebenso dankbar ihn hier erleben zu dürfen. Ein Highlight bei der 31. Ausgabe des Haldern Pop!

Zürück im Spiegelzelt war ich wieder zu den Black Lips. Inzwischen waren die Wege draußen richtig matschig geworden und wer leichtes Schuhwerk trug, hatte das Nachsehen. Drinnen aber war es trocken, warm und stickig und das passte irgendwie zu dem verschwitzten Garagenrock der energiegeladenen Amerikaner, die einige Male an die kultigen Ramones erinnerten. Der heisere Gesang von Cole Alexander klang jedenfalls dufte und auch die Songs wussten zu gefallen. Letztlich bekamen die Zuschauer solide Kost geboten, Feinschmecker die auf Patrick Watson und ähnliche Klangästheten stehen, waren hier eher fehl am Platze.

Auch die in Montreal ansässigen Ought sah ich später noch im Zelt und hier fühlte man sich nicht an die Ramones sondern eher an The Fall erinnert. Der spindeldürre Sänger mit dem unschuldigen Harry Potter Gesicht entpuppte sich als Heißsporn, der intonierte wie ein junger Mark E Smith und über die Bühne fetzte wie Eddy Argos (bloß eleganter). Die Band hatte sichtlich Spaß und vor allem der Drummer hinten grinste sich permanent einen ab. Vielleicht wusste er, daß es mit seiner Band zumindest 2014 noch deutlich bergauf gehen sollte, ob es für eine längerfristige Karriere reicht, wag ich allerdings zu bezweifeln. Der scharfkantige Post Punk von Ought machte Spaß, bot letztlich aber wenig Neues.

Ought waren für mich die letzte Band des Tages, für The Acid um 2 Uhr 15 hatte ich keinerlei Kraftreserven mehr übig und 7 Stunden Regen am Stück hatten auch meiner Moral etwas zugesetzt. Dennoch war es unter dem Strich wieder ein guter Tag in Haldern, denn echte Musikfans lassen sich von Petrus nicht wirklich den Spaß vermiesen.

Mittwoch, 17. August 2011

Josh T. Pearson, Haldern Pop Festival, 12.08.11

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Konzert: Josh T. Pearson

Ort: Haldern Pop Bar, Rees-Haldern
Datum: 12.08.2011
Zuschauer: volle Bar, nicht jeder kam rein





Den bärtigen Texaner Josh T. Pearson hatte ich schon am Donnerstag Abend im Spiegelzelt getroffen. Ziemlich müde und ausgezehrt stand der hagere und baumlange Mann da, berichtete, daß er gerade aus Oslo gekommen sei und nach Haldern sofort in die Bretagne zur Route Du Rock aufbrechen werde. Er habe 2011 unzählige Konzerte gespielt und sei nun reichlich platt.

Sein smarter Manager Peter, der immer dabei ist, schien hingegen relativ frisch und berichtete, daß er sich auf den morgigen Tag freue, weil dann Warpaint auftreten würden, die er kürzlich kennen- und liebengelernt hatte (die Musik, nicht die Mädchen. Obwohl?...).

Glücklicherweise machte Josh aber bei seinem Auftritt in der proppevollen Haldern Pop Bar am Freitag aber noch einmal letzte Kraftreserven frei. Und er war zu Scherzen aufgelegt und dies nicht zu knapp! "Ich habe einen großen Schwanz!", oder "du bist doch verrückt", mit deutschen Satzfetzen wusste er großzügig zu dienen. Kein Wunder, hatte er doch eine Weile in Berlin gelebt und war zudem auch mit einer deutschen Frau verheiratet. Das Ende dieser Beziehung hat er kreativ genutzt und in tottraurigen Songs verarbeitet, die er heute auf atemberaubend intime Weise einem verzauberten Publikum zum Besten gab. Er ließ emotional die Hosen runter, freilich nur im übertragenen Sinne, denn die enge gerade geschnittene schwarze Hose blieb an und die Größe seines besten Stücks mussten die Frauen sich deshalb vor dem geistigen Auge vorstellen.

Die Größe seines Talentes und seiner Songwriterkunst dürften eh immenser sein, als sein Schniedelwoods. Ein wahrer Sternenhagel ging hernieder als in diesem Frühjahr das erste Soloalbum des ehemaligen Lift To Experience Sängers erschien. Mojo, Q, Uncut, alle renommierten Magazine waren sich einig, daß der Texaner ein veritables Meisterwerk veröffentlicht hatte. Der Künstler selbst hingegen äußerte sich oft irritiert hinsichtlich seiner Platte: "diese Lieder sind so traurig, daß ich sie eigentlich nie wieder hören will", soll er gesagt haben. Gut für uns, daß er sie trotzdem spielt. Sweetheart I Ain't Your Christ, Woman When I've Raised Hell (heuer gespielt für eine Zuschuerin namens Franzsika), Sorry With A Song, ein Stück war schöner als das andere und nur Hartgesottene konnten sich ein innerliches Schluchzen verkneifen. Sensationell wie Pearson die Inbrunst, Lautstärke und Intensität variierte. Mal zupfte er nur ganz sanft an den Saiten seiner Gitarre, mal ließ er seine langen Finger so schnell fliegen, daß seine Klampfe perlte wie ein frisch geöffneter Champagner. Er war in der Lage mit Stimme und Akustischer jede gewünschte Emotion auszudrücken. Vom winselnden Greinen bis zur barschen Anklage war alles dabei. Pearson versteht es immer wieder aufs Beste, seine Zuhörer zu fesseln und sie auf seine Reise durch sein Gefühlsleben mitzunehmen, Haldern machte da keine Ausnahme. Mir persönlich ging das wahnsinnig unter die Haut, auch deshalb, weil ich mich mit den Stücken bereits beschäftigt und den Amerikaner schon mehrfach live gesehen hatte. Wenn er da bei Sorry With A Song um Verzeihung bitte ("but please accept my humble song") dann ist das schon ein Frontalaufgriff auf die Tränendrüse, jedoch ohne Kitsch und schmalzige Attitüde. Man fragt sich ohnehin, was er falsch gemacht haben kann in seiner Beziehung. Wenn man ihn so sieht, ist es schwer vorstellbar, daß er mal ausrastet oder böswillig wird (du bist so gemein!") und er hat zudem ein solch entwaffnendes Lächeln, daß man ihm fast jeden Unsinn verzeiht.

Auch den Witz über die Deutschen ("how do you get 50 germans out of a swimming pool? you just go to the edge of the pool and say very loudly: please get out of the pool now!") nahm ihm niemand übel, schließlich traf der Kalauer ja die Sache auf den Punkt.

"Toll, klasse, prima", diese von Josh am Ende auf deutsch in die Runde geworfenen Vokabeln beschrieben das Abgelieferte ziemlich gut, das Konzert war in der Tat toll und dürfte sich auch in ein paar CD Verkäufe umgemünzt haben. Es sei denn die Leute sind vorgegangen wie ihnen Pearson das vorschlug: "you can give me the money and download this shit for free!"...

Setlist Josh T. Pearson, Haldern Pop Bar, Haldern Festival 2011:

01: Sweetheart I Ain't Your Christ
02: Woman, When I've Raised Hell...
03: Sorry With A Song
04: Country Dumb
05: The Singer To The Crowd (Thousand Cover)




Dienstag, 16. August 2011

Haldern Pop, 2. Festivaltag, 12.08.11

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Konzert: Haldern Pop, 2. Festivaltag mit Matthew & The Atlas, Josh T. Pearson, Dry The River, Gibstert zu Knyphausen und vielen anderen

Ort: Haldern Pop Bar, Spiegelzelt und Hauptbühne, Rees-Haldern, Niederrhein
Zuschauer: ausverkauftes Festival und allerorten viele Leute


Hatte ich erwähnt, daß mir ein übler Jetlag in den alten Knochen steckte? Dass ich seit vier Wochen nicht mehr in meinem eigenen Bett geschlafen hatte, ich inzwischen biblische 40 Jahre alt bin und für Festivals eigentlich nicht mehr genügend Kondition habe?

Darauf war am Freitag, dem 12. Agust 2011 geschissen! Dann war ich eben müde, ausgelaugt und durch den Wind, die ersten Bands, die in der gemütlichen Haldern Pop Bar auftraten, wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen! Freilich rächte sich mein Ehrgeiz am Ende, denn den feinen Erased Tapes Special Abend im Spiegelzelt musste ich platt wie eine Flunder absagen, obwohl ich liebend gerne den feinfühligen Pianisten Nils Frahm und seine Labelkollegen, darunter die sublime Cellistin Anne Müller, erlebt hätte. 0 Uhr 45 war mir dann doch zu spät.

Aber rollen wir den Tag doch am besten chronologisch auf.

Zunächst brauchte ich Espresso und zwar in rauen Mengen. Fündig wurde ich beim Szeneitaliener in Bocholt (ja, so was gibt's da, Bocholt ist hip!), wo ich gleich zwei doppelte ("doppio" für Kenner) bestellte und so langsam wieder Mensch wurde. Dann war aber Zeit, nach Haldern aufzubrechen und Christoph und ich fuhren in den Ortskern, wo sich die inzwischen gut etablierte Haldern Pop Bar befindet. Die Schlangen vor der Tür waren gegen 12 Uhr/12 Uhr 30 bereits enorm, obwohl der Regen bereits jetzt viele Häupter benetzte. Glücklicherweise war ich als Presse akkreditiert und konnte mich deshalb vordrängeln. Viel von dem Konzert von Matthew & The Atlas sah ich dennoch nicht, da meine Vorderleute mich längemäßig deutlich überragten und die Bar proppenvoll war. Einige pfiffige Zeitgenossen hatten sich auf Stühle oder das Fensterbrett gestellt, um auch mit den eigenen Augen zu sehen, wer da vorne so schön sang. Es waren Matthew and The Atlas, fünf junge Menschen aus England, die mit Banjo und Akkordeon antraten und mit Lindsay West auch eine junge Frau in ihren Reihen hatten. Lindsay konnte ich allerdings nicht erkennen, da sie auf einem Stühlchen saß.

Die junge Band gehört zur neuen englischen Folkszene, in der Mumford & Sons die Leitwölfe, aber bei weitem nicht die eiizigen mit Herblut, Charme und Talent sind. Ein junger Musiker, der bei Mumford & Sons in Diensten steht, war es allerdings, der die Bewegung zusammen mit ein paar anderen ins Rollen gebracht hat. Die Rede ist von Ben Lovett, der im Jahre 2006 begann, in einem West Londoner Club monatliche Folkabende zu organisieren und schon sehr bald aufstrebenden Stars wie Noah & The Whale, Laura Marling, JJ Pistolet, Peggy Sue etc. eine Plattform bot. Communion war geboren und wurde im Jahre 2009 sogar ein Label, auf dem unter anderem Nathaniel Rateliff, Ben Howard (waren Donnerstag im Spiegelzelt), Marucs Foster und eben die uns an dieser Stelle interessierenden Matthew And The Atlas veröffentlichen.

Matthew und seine Mitstreiter machten ihrem Label Communion am heutigen Tage keine Schande, sondern vertraten es äußerst würdig. Die Stimmug in der Haldern Pop Bar hätte nicht besser sein können. Grund hierfür waren die ungemein eingängigen (aber nicht platten!) Melodien, die tollen Singalong Parts und nicht zuletzt die wahnsinnige Reibeisenstimme von Matthew, die neben Marcus Mumford auch ab udn zu an Bon Iver erinnerte.

Das Konzert entwickelte sich zu einem kleinen Trimuphzug, Titel wie I Will Remain, Within The Rose, In Winter oder Beneath The Sea wurden begeistert aufgenommen. Matthew and The Atlas fanden genau die richtige Mischung zwischen herzerwärmenden Balladen und schmissigen Gassenhauern. Besonders der Song Within The Rose hatte es mir ganz außerordentlich angetan. Ich bekam ihn in den nächsten Tagen nicht mehr aus dem Ohr: "ohohohoho, you 'll find me in the morning hidden within the rose, down beneath the great lake... my grandfather did ask me: "did you know what you have done?", diese Songfetzen schwirren mir noch heute durch den Schädel. Himmlisch wie sich hier die Stimmen ergänzen, auf der einen Seite die brüchige Stimme von Matthew, auf der anderen das liebliche Kehlche von Lindsay. Ein Lied, das einen Schwärmen lässt und bei weitem nicht die einzige Perle im feinen Repertoire der Band war. Logisch also, daß etliche EPs nach dem Konzert einen neuen Besitzer fanden und viele von dem besten Konzert des Tages sprachen.

Für mich hatte dieses aber trotz geteilter Begeisterung für Matthew And The Atlas der bärtige Texaner Josh T. Pearson abgeliefert. Denn der Bursche hat nicht nur einen großen Schwanz ("eigene Aussage"), sondern jede Menge unfassbar nahegehender Lieder.

Zu diesem Konzert und zu den anderen am Mittwoch mehr...





 

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