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Dienstag, 8. August 2023

Haldern Pop Festival 2023

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Konzert: Haldern Pop Festival 2023
Ort: Haldern/Niederrhein
Datum: 03.-05.08.2023
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ca. 5.500



Schon Tage vor dem diesjährigen Haldern Pop Festival war klar: Es wird wieder eine besondere Ausgabe. Stündliche Updates auf allen Kanälen erklärten das Wacken Festival zum Notstandsgebiet und auch der Niederrhein sollte nicht verschont bleiben. Die letztjährige Hitzeschlacht noch vor Augen, war der Gedanke an nächtliche Kältegrade und andauernde Regenfälle unvorstellbar, sollte sich aber bewahrheiten. Das Orga-Team des Festivals blieb aber immer ruhig und vertraute auf die Gelassenheit der Stammgäste und die eigene Erfahrung. 

Um es vorwegzunehmen: Es gab keinerlei Einschränkungen im Programm und bis auf einige, vom Schlamm verschluckte Schuhe, auch keine größeren Probleme für die Besucher. Richten wir daher das Augenmerk lieber auf die Schönheiten der Ausgabe. Wieder einmal präsentierte sich das Haldern Pop als Füllhorn für Newcomer und ausgewählte Headliner, die eigentlich durch die Bank nur eines gemeinsam hatten: Musikalische Qualität. Dort, wo andere Festivals ihren Besuchern mit diversen sichtbaren oder unsichtbaren Aktionen, wie Sparmaßnahmen (weniger Bands) und neuen Einnahmequellen (Glamping, Parkgebühren) zu Leibe rücken, nimmt das gallische Dorf am Niederrhein immer noch eine Ausnahmestellung ein. 

Trotzdem sollten den Zeichen der Zeit, wie einer zunehmenden Überalterung des Publikums, konsequent entgegengewirkt werden. In Zeiten, in denen für viele das Line-Up alleiniges Kaufkriterium darstellt, muss der Mehrwert des Markenkerns Haldern Pop in die Köpfe der jüngeren Generationen. Und der liegt auf Diversität und ein Hand kuratiertes Line-Up. Ein riesiges Poster mit allen Künstler*innen der letzten 40 Jahre am Eingang veranschaulichte dies auf beindruckende Weise. 


Der Beginn im Spiegelzelt am Donnerstag macht dann auch keine Ausnahme. „Special Interest“ starten mit einer lauten, zeitgeistigen und wuchtigen Show die die Anwesenden schonmal auf Betriebstemperatur bringt und thematisieren den Altersdurchschnitt direkt mit einem sarkastischen „you are collecting vinyl, aren`t you ?“. Da bleibt kaum Luft und Zeit sich erstmal mit Gelände und alten Bekannten vertraut zu machen, denn als Nächstes folgt direkt einer der wenigen, lästigen Überschneidungen. 


Brockhoff präsentiert modernen, eingängigen Pop im kleinen, bereits übervollen Niederrheinzelt, während die New Yorker Nation of Language dem Sound von New Order neuen Glanz verleihen. Beides mit Potenzial für größere Bühnen. Dachte man, mit dem Bassisten von Nation of Language den kuriosesten Männerhaarschnitt bereits früh ausgemacht zu haben, wurde es noch einmal eng. Mit den fantastischen Wunderhorse gab es im Anschluss direkt neue Highlights im Bereich Mullit zu bestaunen. 


Die Band wirkt noch etwas unreif auf der Bühne. Sie beginnen, vielleicht auch aus fehlenden Selbstvertrauen, mit den eigentlich stärksten Songs, können aber trotzdem voll überzeugen. „Leader oft he Pack“ hat das Zeug zum echten Hit. Wer Razorlight oder die Fontaines D.C. mag, ist hier genau richtig. Auf der Hauptbühne gibt es derweil koreanischen Hip-Hop. Balming Tiger nutzen die Breite der Bühne endlich einmal komplett aus und der Regen legt endlich die ersten Pausen ein. 

Das kommt für die Meisten wie gerufen und so entwickelt sich der kleine Doppel-Headliner von Tom Odell und den nachfolgenden Leoniden zur fast nicht mehr geglaubten Party an diesem „Wet Thursday“. Gut, wem trotzdem noch nicht nach Schlafen zu Mute ist. Einer der verlässlichsten Highlights sind bekanntermaßen jedes Jahr die letzten Bands im Spiegelzelt, zu ganz später Stunde. 

Und auch dieses Mal wird wirklich keiner enttäuscht. Hamish Hawk präsentiert uns eine waschechte Crooner Show mit mehr als subtilen Anleihen an große Vorbilder wie Suede und Morrissey. Damit bereitet der den Boden für den Abriss mit Ansage: Panic Shack aus Cardiff zerlegen das Zelt zwar etwas zärtlicher als noch die Idles oder Back Midi in den vergangenen Jahren. Trotzdem bekommt man bei dem herrlich melodiösen Punk Pop und den unvergleichlichen Texten „he put the milk in first“ das Grinsen einfach nicht aus dem Gesicht. Am Freitag bestätigt sich dann endlich die alte Seher Weisheit aus Asterix: „Auf Regen wird Sonnenschein folgen“. 


Der Dorfplatz füllt sich schnell. Eine Bühne gibt es zwar dort dieses Jahr nicht, aber der kleine Biergarten ist perfekt, um endlich die Kontakte zu pflegen, die das straffe Programm am Donnerstag nicht zuließ. Rolf Blumig, schon beim Maifeld Derby eine Überraschung, weiß kurze Zeit später im Jugendheim zu begeistern. Teilweise nah am Pop, dann aber wieder absurd komisch und filigran, spielt er mit seinem Publikum. 

Es folgt eine volle Ladung Gitarrenbands wie schon lange nicht mehr. Courting und Gurriers spielen wilde Sets voller Energie, unterbrochen von Pavements letztjährigem Support Katy J. Pearson, die das Ganze etwas ruhiger, aber musikalisch ausgereifter angeht.


Und trotzdem gibt es zwei große, andere Gewinner des Abends im Bereich Indierock: Porridge Radio erhalten einen prominenten Slot auf der Hauptbühne. Wie verdient dies ist, belegt die Band eindrucksvoll mit einem magischen Set voller Spielfreude. Sängerin Darga Margolin schreit, lacht und springt fast über den Wellenbrecher. Es ist DIE Band der Zeit, genau am interessantesten Punkt ihrer Karriere. 


Diese füllt bei der nächsten Band schon fast Bücher. Die Nerven spielen 75 Minuten im Spiegelzelt. Längere Auftrittszeiten können ja bei Festivals schnell ermüden. Hier ist der Mix aus neuen Songs und einem großen Backkatalog ein Segen. Die Nerven sind locker. Der Ernst und die Wut sind zwar noch spürbar, aber es macht jetzt einfach mehr Spaß als früher, ihnen bei diesem Vortrag zu folgen. 

Besonders schön, dass das Haldern Pop an allen Abenden einen tanzbaren Abschuss auf der Hauptbühne präsentiert. Nach den Leoniden am Donnerstag und den wilden Comet is Coming am Samstag ist es an diesem Abend an den Belgiern von Glauque, uns mit treibenden Beats und sprachgewaltigem Rap ins Zelt zu entlassen. 

Wenn einen da nicht noch Low Cut Connie im Spiegelzelt zur Umkehr bewegt hätten. Ein Orkan eines Auftrittes. Little Richard revisited. Auch wenn die Songs am nächsten Morgen vergessen sind, wird hier mit unzähligen Musikern das große All American Songbook zelebriert. Was für eine Nacht. 



Das Tipi des Grauens (ein „geheimes“ Partyzelt, bisher immer nur im Backstage-Bereich platziert), fordert erste Opfer. Der Gang ins Dorf und zum täglichen Pflaumenkuchen muss am nächsten Morgen entfallen, und so startet der Tag mit dem erwarteten Knall im Spiegelzelt. Die zurecht mit Vorschusslorbeeren bedachten Bipolar Feminin pusten einem wieder Leben in den Körper. Mit dem Gestus von Zeltingers Tochter werden aufwühlender Punk und eindringliche Texte dargeboten, denen man sich nicht entziehen möchte. 

The Mysterines wollen es danach etwas zu gut machen, aber gerade deshalb springt der Funke des Arctic Monkeys Support heute nicht über. Schade. Kein Problem, denn es folgt vielleicht Belgiens bester Pop Act zurzeit. 


Sylvie Kreusch wandelt fast etwas zu sehr auf Lykke Li`s Spuren, hat aber genug gute Songs dabei, damit dies nicht zu sehr in Gewicht fällt. Lasziv tanzend spielen Sie und ihre große Band mit dem Publikum und gehört definitiv nächstes Jahr auf die Hauptbühne, oder eigentlich auf jede Hauptbühne. Einer der imposantesten Auftritte des gesamten Wochenendes, auch oder weil es einfach Pop war. 

Immer wieder setzt Regen ein und lässt daher wieder kein entspanntes Quatschen und Schlendern auf dem Gelände zu. Daher fallen für mich auch Emilie Zoe und Lanterns on the Lake mehr oder weniger aus. Der ein oder andere denkt an die Abreise, oder wie diese überhaupt stattfinden kann. Besonders bei den ruhigen Klängen, mit einem mutigen Spot auf der Hauptbühne angesetzten Konzert von Hania Rani, bleibt Zeit zum Träumen. 

Wieviel besser hätte dieser Gig auf der Wiese bei einem großartigen Sonnenuntergang funktioniert? Zum Abend hin wird es dann aber tatsächlich wieder trockener und einen Iren als Headliner stört so etwas eh nicht. 


Glen Hansard gab sich schon am Mittag volksnah wie immer und schlenderte kurz mit gelbem Regenmantel über das Gelände. So nah kommt man einem Oskar Gewinner nur selten. Auf der Bühne zeigt er sich dann wie immer eklektisch aber überraschend elektrisch. Die E-Gitarre sah man bei ihm ja bisher eher selten, heute spielt fast im Geiste von Neil Young auf, begleitet von einer großartigen Band steht die fast perfekte Show der ersten Hälfte in krassem Kontrast zur Zweiten. 

Hier dominiert wieder die irische Improvisationskunst. Diverse Gäste entern die Bühne, ein Sinead O`Connor Snippet hier, ein Solostück von Susan O`Neill dort. Es ist die helle Freude. Nach 75 Minuten ist Glen Hansard gerade warmgespielt, da ist leider schon wieder Schluss. Ein toller Abschluss und auch ein würdiges Ende dieser 40. Ausgabe. Was bleibt am Ende als Fazit? 


Jeder sollte nach diesem Wochenende für diese einmalige Wundertüte eines Festivals und deren spezieller Spielorte werben. Mit dem Kleben von Postern und guter Hoffnung ist es in dieser übervollen Veranstaltungswelt nicht mehr getan, um das übliche „ausverkauft“ zu vermelden. Haldern lebt von den persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen. Lasst mehr Leute aus eurem Umfeld daran teilhaben und dann gemeinsam neue Erlebnisse kreieren. „Spread the word".

alle Fotos: Denis Schinner


Sonntag, 7. Juli 2019

Eddie Vedder, Düsseldorf, 30.06.19

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Konzert: Eddie Vedder
Ort: Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf
Datum: 30.06.19
Dauer: ca. 150 Minunten
Zuschauer: 6.500 (ausverkauft)



Freunde sind sie schon lange, Eddie Vedder und Glen Hansard. Schon 2016 traten die Beiden gemeinsam in Berlin auf. Dieses Jahr gibt es eine erneute Kurztour, die neue Pearl Jam Platte ist anscheinend immer noch nicht fertig, und Vedder scheint seine Soloausflüge zu genießen. Musikalisch hat sich bei beiden in den letzten beiden Jahren wenig verändert. 

Beginnen wir mit Glen Hansard, der zunächst solo das Vorprogramm in der noch immer wenig ansehnlichen Mehrzweckhalle bestreitet. Viel sieht man nicht, gerade einmal zwei Scheinwerfer sind in Aktion und Glen beginnt mit einer schönen Version von "Bird of Sorrow" am Piano. Der Rest ist leider Standard und hat wenig von den sonst so abwechslungsreichen Setlists des Iren. 

Die sich ins wahnwitzige steigernde Version von "When my minds made up" kennt man bereits von diversen anderen seiner Tourneen. "Revelate" von seiner alten Band The Frames klingt dagegen wieder frisch und neu interpretiert. Mit "The Gift" ist aber dann auch schon nach acht Songs wieder Schluss. 

Das grelle Saallicht holt einen wieder zurück in die Gegenwart und die Schlange vor dem Merch und den wieder mal zu wenigen Getränkeständen, bei 35 Grad Außentemperatur, wird wieder länger.

Zu den Streicherklängen von "Even Flow" betritt Vedder dann die Bühne. "Long Road", "About the Bend" und "Eldery Woman" sind ein starkes Trio innerhalb der ersten Songs. Ebenso das Tom Petty Cover "I won`t back down", zur Zeit einer der wenigen festen Bestandteile des Sets. Petty lacht dabei auf der großen Leinwand im Hintergrund. 



Der Mittelteil wirkt heute etwas uninspiriert, irgendwas scheint nicht so richtig zu zünden. Vielleicht hat Eddie auch einfach heute mal ein schwächeren Tag, allerdings immer noch auf hohem Niveau. Er wirkt etwas weniger offen und redselig, auch der Weinkonsum scheint merklich geringer als sonst. 

Erst mit "Black", zusammen mit Glen und den Streichern, folgt der erste echte Gänsehautmoment. Vor den Zugaben dann noch das rockige "Porch", die Lieder von Ten zünden beim Publikum natürlich immer noch am besten. Als  Zugabe heute "Alive", allerdings singen nur die Zuschauer zur Streichermusik, Eddie schüttelt derweil Hände und verteilt den Wein unter seinen Jüngern, wenn man das so interpretieren will. 



Der restliche Zugabenteil besteht fast nur noch aus Coverversionen, sogar "Imagine" von Lennon ist dabei. Dies würde man wohl kaum jemand durchgehen lassen, zeigt aber wieder einmal, dass Vedders Stimme eigentlich nie langweilt. "Hard Sun" ist traditionell der Rausschmeißer bei vollem Saallicht, selbst die Roadies in ihren weißen Kitteln dürfen jetzt mit auf die Bühne. 

Eigentlich wäre jetzt ein langer Abend zu Ende, aber dann gibt es noch eine faustdicke Überraschung. "Seasons", ein Chris Cornell Cover, das Eddie der Tochter von Chris, sowie den Opfern des damaligen Roskilde-Unfalls widmet. 

Es sind diese Momente, die seine große Empathie und Klasse zeigen. Die Freundschaft zu Glen beschreibt er in einer der wenigen Ansagen wie folgt: "Ich rief ihn an und er sagte: Wenn du jemand umgebracht hast, komme ich morgen mit der Schaufel vorbei". Mehr muss man nicht wissen. 

Zwei Stars, von denen man glauben will, dass sie in echt genauso tolle Menschen sind, wie auf der Bühne. 


Freitag, 8. Dezember 2017

New Fall Festival Tag 3, Glen Hansard, Düsseldorf, 18.11.2017

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Konzert: New Fall Festival / Glen Hansard 
Ort: Tonhalle
Datum: 18.11.2017
Dauer: 140 min
Zuschauer: ca. 2.000 (ausverkauft)



Die Tonhalle ist und bleibt das Herzstück des New Fall Festivals. Nachdem im letzten Jahr wegen diverser Probleme eine Messehalle für die größten Konzerte herhalten musste, gab es in diesem Jahr zumindest drei Konzerte in Düsseldorfs Prachtbau, direkt am Rhein.

Tom Odell sorgte am Abend zuvor für den poppigen Teil, bevor am Samstag dann mit Glen Hansard und Michael Kiwanuka zwei Großmeister in den Kategorien Folk und Soulrock gastierten. 

Das Konzert von Glen begann daher bereits um 17:00 Uhr mit einem 30-minütigen, fast andächtigen Vortrag des jungen Dänen Lasse Matthiessen, der seine Ansagen in perfektem Deutsch absolvierte. Präsentiert wurden sehr getragene Balladen an der akustischen Gitarre. Nett anzuhören war das, aber in Erwartung des Orkans den alle erwarteten aber doch etwas zu introvertiert um wirklich zu fesseln. 

Glen Hansard hat wohl die Tour mit Eddie Vedder im Sommer (bei der er den Support bestritt) sehr gut gefallen. Der Bühnenaufbau war fast identisch  mit Vedders in der Zitadelle, sogar die alte Bandmaschine als Schlagzeugersatz hatte er abgeschaut. "Lernen von den Besten" war also das Motto des Abends. 

Ansonsten fehlten eine Band oder Streicher völlig. Nur zu den Zugaben sollte es mit seinem alten Kumpel Rob Bobnik von den Frames eine weitere Gitarre auf der Bühne geben.



Hansard beginnt zunächst ruhig mit "High Hope" und "My little ruin", aber danach bricht mit "When your mind`s made up" schon ein irres Schrei-und Gitarrengewitter los. Eine Version die jetzt schon die meisten von den Sitzen reißt. 

Andere nutzen so etwas wohl für die letzte Zugabe, hier sind noch mehr als zwei Stunden offen. Obwohl Hansard sich auf dieser Tour weniger auf die Hits seiner früheren Bands und diverse Cover-Versionen verlässt, schafft er den großen Wurf bis zum Ende. 

Einzig die Stimme wirkt heute oft zu kreischend, mit seiner großen Band im Rücken klang das im letzten Jahr noch etwas besser. Ansonsten wird wild improvisiert, wie immer. Piano, Mundharmonika, Bandmaschine, alles kommt zum Einsatz. 



Und er hat den einen Song, der Oscarsong, der nur in Gedanken schon Gänsehaut verbreitet. Die ersten Worte genügen, auch ohne weibliche Stimme verliert er nichts von seinem magischen Zauber. Eine Ballade, wie sie schöner nicht sein könnte: "Take this sinking boat and point it home / We've still got time / Raise your hopeful voice you have a choice / You'll make it now."

Die Songs danach sind erstmal weniger wichtig, wie kann man so etwas tolles auch mitten im Set spielen. Es ist ein Mix seiner Soloalben, erst bei den Zugaben wird wieder mehr variiert. 

"Song of Good Hope" singt er, wie früher, unverstärkt in die große Halle. Der einfache Blues "Way back in the way back when" wird durch die einleitende Geschichte erst richtig interessant, und der zu frühe Tod von Malcom Young  beschert uns eine spontane Version von "Gimme a bullet." Da darf der Roadie mitjammen und wird unter Applaus auf die Bühne gebeten.

Ein Künstler mit großer Ausstrahlung und breitem Repertoire verlässt danach die Bühne und wird zurecht gefeiert. Hansard hat sich seit dem Beginn seiner Karriere, als Gitarrist der Band im  Kinofilms "The Commitments", einen Traum erfüllt, aus dem er bisher nicht mehr aufwachen musste. Jeder spürt seine Dankbarkeit, und erhält dafür einen unvergesslichen Abend als Geschenk. 

Fotos: Jill Watson


Sonntag, 4. Juni 2017

Eddie Vedder + Glen Hansard, Berlin, 01.06.2017

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Konzert: Eddie Vedder
Ort: Berlin, Zitadelle
Datum: 01.06.2017
Dauer: 120min
Zuschauer: 3.500 (ausverkauft)




Ein grandioser Abend war das, am Donnerstag in der Zitadelle von Spandau. Nicht alles deutete von Anfang an darauf hin. Bestuhlung (nicht immer schlecht), extrem hohe Ticketpreise sowie die Unsicherheit was überhaupt geboten würde, standen vorab im Raum. 

Eine CD von Eddie Vedder gab es lange nicht, eine Band war nicht angekündigt. "Lediglich" Glen Hansard, den als Vorgruppe zu verpflichten schon extrem hohes Selbstbewusstsein voraussetzt, sollte den Abend unterstützen. Vieles kam zum Glück ganz anders.

Die Zitadelle als Veranstaltungsort ist jedenfalls über alle Zweifel erhaben. Bei schönstem Sommerwetter inmitten von Brunnen, alten Gemäuern und riesigen Bäumen ein Open-Air genießen zu können, war schon die weite Anreise wert. 


Selbst die von mir zunächst als Abzocke gewerteten, zusätzlich an den Seiten der Bestuhlung verkauften Stehplätze hatten eine gute Sicht auf die Bühne. Glen Hansard beginnt mit etwas Verspätung, am Eingang wurde jeder sogar mit Metalldetektoren kontrolliert, und nimmt am linken Bühnenrand auf einem Stuhl platzt. 

Wie immer hat er der Publikum innerhalb weniger Sekunden auf seiner Seite: er scherzt, jault, schreit und gibt den Derwisch. Trotz der nur sieben Songs wechseln sich Lieder der "Frames", "Swell Season" und Cover von "Woody Guthrie" ab und bereiten einen so schon mal auf das Konzept des Abends vor.

Wer die Zeit nutzen wollte um einen Ausflug zum Merch zu machen, sah sich getäuscht. Vom Einlass bis zum Ende von Vedders Konzert sollte die Schlange vor dem Zelt nicht abreißen. Am Schluß gab es nur noch Sticker und Buttons. Der übrige Pavillon war komplett leer gekauft. 


Aber auch ohne handfestes Erinnerungsstück sollte es ein Abend werden, den man nicht vergessen sollte. Nach etwas überlangem Umbau der keiner war (die Bühne stand fertig verhüllt da), schlurft Eddie Vedder wie gewohnt mit seiner Lieblingsmappe auf die Bühne, nachdem nochmal ausdrücklich jegliche Handyfotos verboten wurden.

Eddie startet furios, aber immer noch verhalten mit den Pearl Jam Songs "Sometimes", "Wishlist" und "Can`t keep", sowie kürzeren Covern von Cat Stevens "Trouble" und Pink Floyds "Brain Damage". Und schon ist man in seiner Welt, die für viele hier auch die eigene ist.

Eine Setlist nach Lebenslust-und Laune, ein Abend mit alten Freunden der trotzdem nie nostalgisch oder antiquiert wirkt, sondern das Gefühl des Moments aufgreift und weiterträgt. Eddie spielt E-Gitarre, das hier ist kein langweiliger, akustischer Liederabend, allein schon weil man eigentlich die ganze Zeit Gänsehaut hat. Vedders Stimme ist einfach immer noch ein Ereignis.

Und so geht es dann zwei Stunden weiter, 30 tolle Lieder lang. Höhepunkte sind das lange nicht gehörte "Immortality" und die irre "Masters of War" Version von Dylan. Danach eine wütendes "Porch" bei der Vedder so auf dem Stuhl wackelt wie damals beim MTW-Unplugged Konzert. 

Nach 2/3 der Zeit kommt eine angebliche Zugabenpause, einen Unterschied in der Klasse der Songs macht das nicht. Streicher aus den Niederlanden hat Vedder auch noch mitgebracht. Die spielen dann im Zugabenblock eine instrumentale Version von "Alive" während Vedder sich etwas übertrieben feiern lässt. Wahrscheinlich der einzige entbehrliche Moment des Abends.

"Bowie" und die "Beatles" kommen als Cover auch noch vorbei und dann ist es an Hansard den Abend nach Hause zu spielen. Wie sie beide da sitzen, voller Inbrunst und künstlerischer Klasse, dabei so nahbar und voller Freude über den Augenblick und dann zusammen "Falling Slowly" anstimmen, den Song der Hansard den Oscar brachte und vieles auch schwieriger machte, so muss Musik sein. 

Beide Stimmen hallen durch die Zitadelle in die Nacht und Hansards, mit Löchern durchgespielte Gitarre, droht endgültig zu bersten, so hart spielen sich beide jetzt in Rage. "Rockin` in the free world" und eine wahnwitzige Gospelversion von "Hard Sun" beenden den Rausch. Oscar und Hall of Fame, manchmal trifft es einfach auch die Richtigen. 

Vedder zeigt an diesem Abend seine ganze Klasse und ich bin immer wieder überrascht, dass mich seine Stimme auch nach 25 Jahren immer noch so mitnimmt. Hansard ist auf dem besten Weg in die gleiche Liga. Was für ein Abend. 


Donnerstag, 25. August 2016

Haldern, 2 Festivaltag, 12.08.16

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Konzert: Haldern Pop Festival 2016, 2. Festivaltag mit dem Stargaze Orchestra, Money, Gogo Penguin, Drangsal, Arthur Beatrice, Glen Hansard, Lapsley, Loney Dear und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2016 




Am 2. Festivaltag kam ich nur schwer aus den Federn, aber ich hatte noch ein ganz anderes Problem. Mein Bed and Breakfast lag in Borghees bei Emmerich und somit fast 25 km von Haldern entfernt. Weil ich extrem spät gebucht hatte, bekam ich nichts mehr in Festivalnähe und muste deshalb eine weite Anreise zum Gelände in Kauf nehmen. Hinzu kam, dass der Zugverkehr zwischen Emmerich und Haldern pünktlich zum Festival eingestellt worden war (machten die das extra ?) und man auf Busse ausweichen musste. Ein äusserst pampiger Busfahrer (wo war die legendäre niederrheinische Freundlichkeit geblieben ?) kutschierte mich erst nach Rees und dann 15 Minuten mit einem anderen Bus nach Haldern. Bis ich endlich gegen 14 Uhr 30 ankam, waren die Stargazer mit ihrem David Bowie Special fast durch aber ich hatte das Glück noch zwei wirklich wunderbare Coverversionen zu hören, erst von Let's Dance, dann von Starman.  Den Gastauftritt von Lokalgrösse Stefan Honig hatte ich aber verpasst, der spielte nämlich am Anfang einen Song (Ashes To Ashes) mit dem Ensemble. 


Nach dem Ende des Bowie Specials hatte ich geplant, in der Kirche mit dem Programm weiterzumachen, aber die nun angesetzte Belgierin Melanie De Biasio liess wirklich sehr lange auf sich warten. Insgesamt eine Stunde harrte ich zusammen mit vielen anderen Leuten vergeblich vor der Tür aus, dann gab ich es auf und begab mich zu Fuss zum Spiegeltent, indem nun der Brite Money mit seiner wehklangenden Stimme verzweifelt-schöne Songs performte. Er spielte in kurzen Hosen, hatte unter anderem eine charmante Cellistin und eine Violonistin in seiner Band dabei und liess ein wenig den versoffenen Künstler raushängen. Gleich mehrfach sprach er leicht lallend über Alkohol und Alkoholismus, prostete den Leuten grinsend mit seinem Bierbecher zu und stellte sich desöfteren demonstrativ vorne an den Bühnenrand. Passend dazu schmetterte er den Song A Cocaine Christmas and an Alcoholic's New Year.



Money war (und ist) stimmlich durchaus mit Villagers vergleichbar (das Verletzliche, Sehnsüchtige, Weinerliche), aber während bei Villagers vor genau einem Jahr an gleicher Stelle volle Hütte (bzw. volles Zelt) war, hatte man hier und heute überraschend viel Bewegungsfreiheit. Möglicherweise zogen es einige Festivalgäste vor, draussen die endlich strahlende Sonne zu geniessen, um das Regendesaster des Vortages weitgehend vergessen zu lassen. Melancholiker wie ich aber weilten im Zelt und liessen sich von fragilen Stücken wie You Look Like A Sad Painting On Both Sides Of The Sky, welches die berühmte Pariser Blogothèque erst kürzlich live gefilmt hatte, "deprimieren".


Etwa 40 Minuten spielte Money getragenes und fast klassisch instrumentiertes Songmaterial, dann war Schluss und auch ich stürmte raus in die Sonne.


Auf der Hauptbühne spielten jetzt GoGo Penguin, eine rein instrumentale Jazztruppe mit Piano , Kontrabass und Schlagzeug. Bandleader schien der gut im Futter stehende  Kontrabasser zu sein. Zumindest war er es, der die Ansagen machte und auch durchklingen liess, dass ihr Album bei dem legendaren Blue Note Label erschienen sei. Neben Jazz gab es aber auch Anklänge von Trip Hop und klassischer Musik und selbst wenn ich aus Manchester Formationen wie Joy Division, I am Kloot oder The Chameleons bevorzuge, liess mich das Konzert der drei Briten dennoch neugierig werden. Eine gute Abwechslung.

Ich lief nun rüber zum Spiegelzelt wo der Deutsche Max Gruber alias Drangsal spielte. Endlich mal ein New Waver dachte ich mir erwartunsgfroh, aber nachdem ich ein paar Stücke (auf englisch) von ihm gehört hatte, war die Euphorie auch schon verpufft. Er sang mit Robert Smith-Gedächtsstimme und klang mehr wie ein Plagiat alter britischer Post Punk Helden der frïhen 1980er als etwas Neues. Brachialpop kann man auf seiner Facebook Seite lesen, auf der er fast 10 000 Fans hat. Mich konnte der am Ende mit nacktem Oberkörper auftretende tätowierte Blondschopf nicht als Neufan hinzugewinnen und warum erzählte er überhaupt, dass ihm seine Freudin neue Birkenstock geschenkt hatte ? So was Uncooles verschweigt man doch eher.



18 Uhr 30, Zeit mal wieder auf der Hauptbühne vorbeizuschauen. Dort traten nämlich nun die Amerikaner Algiers auf. Die jungen Kerle aus Atlanta hatte ich bereits einmal in Paris in einem Clubkonzert gesehen. Ihre Mischung aus Gospel, Bluesrock und Post Punk hatte mir unter dem Strich durchaus gefallen, aber genau wie nun in Haldern ging mir die kratzige Stimme des völlig überdrehten Sängers und Gitarristen Franklin James Fisher irgendwann ziemlich auf die Nerven. Man hatte das Gefühl er würde um sein Leben kämfen, so zornig und aufgepeitscht wie der war. Dem Publikum schien es mehrheitlich zu gefallen, was der Bandleader mit dem Satz "Germany you have always been good to us" honorierte.


Zurück zum Zelt, wo nun Walking on Cars aus dem malerischen Dingle in Irland aufspielten. Sehr catchy und eingängig ihre oft von einer Fiddel begleiteten Songs, aber ihr ein wenig an Bands wie die Waterboys oder Dexy's Midnight Runners erinnernder Sound war mir etwas zu simpel und gefällig gestrickt um mich wirklich zu begeistern. 



Ich ging ziemlich bald rüber zur Hauptbühne wo nun Michael Kiwanuka mit seiner Band bereit stand. Die ersten zwei Songs klangen sehr atmosphärisch und spannend und liessen mich etwas an Pink Floyd denken, dann aber verflachte das Set und wurde mir zu beliebig. Stimmlich und handwerklich konnte man schwerlich über Kiwanuka lästern, aber mir war das Meiste doch zu radiotauglich und die Mitsingnummern die gegen Ende kamen brauchte ich auch nicht.


Schnell rüber ins Zel also zum Set von Arthur Beatrice, die ich vor gut 4 Jahren für mich beim südfranzösischen Midifestival entdeckt hatte. Damals glaubte ich beim Lesen des Namens an einen französischen Chansonier und nicht etwa an eine junge britische Band. Als ich sie aber gesehen hatte, war ich beeindruckt und einige Zeit danach sah ich sie erneut und zwar im Spiegelzelt zu Haldern. 3 Jahre später nun also erneut Arthur Beatrice im Tent, aber dieses Mal sang nur die charmante Sängerin Ela Girardot und nicht wie damals auch noch ein Herr mit tiefer Stimme. Dies entzog dem Set ein wenig die Abwechslung, denn es war gerade das wechselseitige Spiel der wunderbar kontrastierenden Stimmen, die dem Ganzen noch mehr Würze und Abwechslung verabreicht hatten. Und nicht nur das, zudem klang heuer auch der Sound weniger wavig und stattdessen mehr soulig-jazzig. Aber natürlich war da immer noch die phantastische Stimme von Ela Girardot (bitte keine Vergleiche zur grässlichen Florence Welch anstellen!), die zudem durch Bühnenpräsenz und Eleganz (das stilvolle weisse Kostüm!) glänzte. 


Man sollte die vier Londoner weiterhin im Auge behalten, auch wenn mir das zweite Album Keaping The Peace, auf dem inzwischen der Schwerpunkt liegt, etwas weniger zusagt als das erste.

Ich musste nun aber schnell zu Glen Hansard rüber, der zusammen mit den Stargazern die Hauptbühne eingenommen hatte.


Viele kannten und liebten Hansard, aber ich selbst war hinsichtlich seine Oeuvres eher unbeleckt. Vor einer ganzen Weile hatte ich mir mal ein Album des Iren zugelegt, es aber nicht oft gehört, weil es mir zu schmusig und gefühlsduselig war. Letztlich bestätigte sich auch dieser Eindruck bei der Liveshow in Haldern, die aber objektiv betrachtet herausragend war. Denn es wurde so ziemlich alles geboten, was sich das Publikum von einem feierlichen Auftritt auf der Hautptbühne erhoffte, als da wären: ein charismatischer Sänger, Streicher, Frauenchöre, Gastduette und viel Herz- Schmerz. Das volle Programm!

Dirk Langen hatte ja bereits ausführlich hierzu berichtet, so dass ich an dieser Stelle abkürze und sofort zu Lapsley komme.

Genau wie Arthur Beatrice zuvor hatte auch Lapsley bereits schon einmal in Haldern gespielt und dennoch ist sie gerade einmal 20 Jahre alt. Gut möglich, dasss die blonde Soulsängerin hier in den nächsten Jahren das halbe Dutzend voll macht und zum Liebling avanciert. Mein Fall war die Musik von Holly Fletcher trotz technisch brillanter Stimme aber nicht. Elektronischer Nu- Soul wie er zur Zeit im Vereinigten Königreich ist nämlich nichts, was mein Herz höher schlagen lässt und so eilte ich schon nach etwa 3 gehörten Liedern zur Hauptbühne um Loney Dear zu bewundern.


Loney Dear die Zweite also! Nach seinem Auftritt am Vortage in der Kirche nun also die Krönung zum König auf der Hauptbühne. 


Zweifel ob ich mich erneut begeistern lassen könnte, waren schnell weggewischt. Die Sets waren nicht identisch, die Akustik war ganz anders (die Stargazer waren heute nicht dabei) und es wurden auch mehr Stücke auf der Main Stage als zuvor in der Church gespielt. Man sah also keineswegs zwei Tage hintereinander genau das gleiche Konzert und wer richtiger Fan war, durfte eh keinen der Auftritte verpassen. Zumal diesmal neben einem Bassisten, einem Drummer, einem Keyboarder auch nun die Percussionistin, Akkordeonistin und Keyboarderin Susanna Odell mit dabei war und für noch grösseren (schliesslich gab es auch die vielen Mädels vom Cantus Domus) weiblichen Charme sorgte. Ich hatte das Glück bei den ersten drei Songs im Fotograben knipsen zu dürfen und kosteste diese schöne Gefühl voll aus. Das hatte schon was, da ganz vorne zu stehen und fast von den Kameras des WDR umgeremplet zu werden! Wie feierlich das Ganze schon wieder klang! Wie glücklich und erfüllt die Musiker aussahen! Wieviel Sensibilität da rüber kam! Es war irre!


Gespielt wurden erneut nagelneue unveröffentlichte Stücke und ein paar Klassiker. Saturday Waits kam ziemlich weit vorne und bezauberte wie eh und je und auch Violent stach hervor, der Titel klang sehr intim. Ein paar Pannen gab es auch, ein Tambourin ging zu Bruch, aber mit seiner nonchalanten und sympatischen Arrt meisterte Emil auch dieses kleine Problemchen souverän.

Von den neune Sachen waren von gestern noch Dark Lights und besonders Hulls präsent. Wenn die Studioaufnahmen so gut werden wie die Livedarbietung dürfte dieses Album eines der stärksten in einem ohnhein schon exquisiten Katalog werden!

Setlist Loney dear, Mainstage Haldern:

01: There Are Several Alberts Here
02: Pun
03: Saturday Waits
04: My Heart
05: Lilies
06: Airport Surroundings
07: Violent
08: Dark Light
09: Young Hearts
10: Ignorant Boy, Beuatiful Girl
11: Hulls

Loney Dear war gegen 24 Uhr durch aber eigentlich ging es musikalisch in Haldern noch ein wenig weiter. Da ich aber öffentliche Verkehrsmittel benutzen wollte (musste), hetzte ich wie ein verfolgtes Tier Richtung Bahnhof, nur um festzustellen, dass ich den letzten Zug (der ohnehin nur bis Empel-Rees gefahren wäre) verpasst hatte. Mir blieb nichts anderes übrig als erneut ein teures Taxi zu nehmen. Verflucht! Aus Knauserigkeit bat ich aber den Taxifahrer mich früher rauszulassen, was ich später bitter bereuen sollte. Ich sparte zwar ein paar Euros, verlief mich aber auf dem Weg zu meinem Bed and Beakfast in stockfinsterer Nacht und irrte wie ein Narr durch die schwarzen Wälder an der holländischen Grenze. Nur duch Zufall und erst gegen 4 Uhr morgens fand ich schliesslich meine Unterkunft in Borghees...

Was für ein Tag!



Montag, 15. August 2016

Glen Hansard + Damien Rice, Haldern Pop Festival, 11.-12.08.2016, Rees-Haldern

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Konzert: Glen Hansard + Damien Rice
Ort: Haldern Pop Festival
Datum: 11.+ 12.08.2016
Dauer: je 90min
Zuschauer: ca. 5.000

Stefan Reichmann, der künstleriche Leiter des Festivals, betonte in der improvisierten Pressekonferenz (in einem romantischen Tipi-Zelt am späten Samstagabend), "die Iren hätten das Festival in diesem Jahr besonders geprägt". 

Zunächst erscheint diese Aussage logisch, waren doch beide vermeintlichen Headliner (bzw. die bekanntesten Namen) am Donnerstag und Freitag Iren. Beim Blick in die überbordende Vielfalt des sonstigen Programms mag diese Meinung allerdings erst einmal verwundern.

Damien Rice hatte auf jeden Fall den problematischeren Teil zu erledigen. Der Donnerstag war nicht nur durch Dauerregen, sondern auch von einer Art arktischen Kälte geprägt, beides im August so nicht unbedingt erwartbar. 

Der Platz war am Abend bereits fast unbespielbar, es regnete weiter und Damien Rice trat gegen Mitternacht vor ein müdes, nasses und fast trauriges Publikum. 

Rice tourt derzeit alleine, was in diesem Fall leider auch deshalb nicht recht funktionieren wollte, da vor ihm mit Jack Garratt ebenfalls, ein sich loopender Solist die Hauptbühne bespielt hatte. Und schon bei den ersten Songs spürt man das Manko, oder auch den Grund, warum Glen Hansard am nächsten Tag alles richtig machen sollte. 

Bei Rice wirken die Live-Versionen fast allesamt schwächer als auf seinen Platten. Trotz der Reduktion steht zwar ein ganz großer Künstler auf der riesigen Bühne, aber die Magie fehlt. 

Hansard erzeugt das genaue Gegenteil. Seine Solo-Alben klingen eher überproduziert und für sein Künsterleben zu glatt, live aber  holt er  aus jedem Song das Maximum mit seiner bestechenden, vielköpfigen Band heraus.

So steigert sich bereits der eigentlich unscheinbare Opener "Birds of sorrow" zu einem Finale, mit dem andere Künstler ihre Zugabe beenden würden. 

Das Konzept von Rice, loopende Spuren verschiedener Instrumente übereinander zu schichten um damit einen voluminöseren Sound erzeugen zu wollen, ist eben nur die Illusion einer Band. 

Hansard dirigiert sie wie ein echter Bandleader mit dem Heben und Senken der Gitarre so leicht, wie man es sonst nur bei den ganz Großen erlebt. Das Kumpehafte von Glen, das etwas Distanzierte von Rice, der mit Sicherheit über noch mehr Talent verfügt, hier spielt es keine Rolle mehr. 

Die reine musikalische Kraft, das Zusammenspiel der Musiker, die Blicke und schnellen Entscheidungen bei Änderungen in den Versionen oder Songs machen Hansard zum klaren Sieger. 

Das Publikum spürt den Atem und die Magie der tausenden Straßenkonzerte, die Hansard alljährlich wieder beschwört, wenn er am Heiligabend zusammen mit Freunden wie Rice, Bono und anderen Geld für einen guten Zweck sammelt. 



Beide vertrauen auf ein eigenes Lichtdesign: Rice setzt auf ein indirektes, bedrohliches von hinten eingesetztes Szenario, Hansard nutzt fast normale Stehlampen und einen schönen Hintergrund um Clubatmosphäre aufkommen zu lassen. 

Glen verzichtet hier leider auf die sonst gebotenen Bowie-Cover, dafür spielt er eine irrwitzige, akustische "Astral Weeks" Version von Van Morisson und am Ende ein Duett mit dem Sänger der Hothouse Flowers (Liam o Maonlai), Bob Dylans "Forever Young". 


Und natürlich erinnert sich Glen auch an die tolle Stimme aus dem Publikum vor drei Jahren (der Rockpalast hatte die beiden hier vorab im Interview wieder zusammengeführt) und trotzdem schien der erneute Auftritt bei "Falling Slowly" nicht geplant zu sein, so viele Tränen flossen vor und auf der Bühne. 

Und das schien auch das Fazit der beiden Abende zu sein: Bei Damien Rice weint man auf der Couch, bei Hansard vor der Bühne. 

Hansard sagte vor dem Konzert zu Stefan Reichman "Auf der Bühne musst du aussehen wie ein Sieger, die Leute mögen Sieger". An einem solchen Abend ist Hansard immer der Sieger, weil er mit dem Publikum spielt, und seine Energie und sein Wille alles überstrahlt.

Nach ihm auftreten, ein Albtraum für jeden anderen Musiker. 

Somit bleibt Rice das Wunderkind mit den besten Songs. Der beste Festivalact aber ist er nicht.

Hansard spricht am Ende von einem besonders tollen Abend. In dieser Form und mit dieser Band wird er damit auf seiner Tour bis zum Ende des Jahres noch viele erleben.

Fotos Glen Hansard: Michael Graef

Montag, 4. Juli 2016

Down the Rabbit Hole Festival, Nimwegen, 24.-26.06.2016

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Konzert: Down the Rabbit Hole Festival
Ort: Nimwegen
Datum: 24.-26.06.2016
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: 20.000 ausverkauft



Nachdem ja schon vier Berichte vom diesjährigen "Down the Rabbit Hole" Festival in unserem Archiv zu finden sind, hier noch der Überblick vom restlichen Wochenende: Das "Down the Rabbit Hole" ist die kleine Schwester des beliebten "Lowlands"-Festival in den Niederlanden.

Hier wurde schon vor mehr als zehn Jahren demonstriert was ein Festival an Komfort und Esprit neben einem extrem variablen Line-Up alles Leisten kann. Doch die Zeiten für das "Lowlands" änderten sich. Mit 55.000 Menschen immer ausverkauft konnte es kein reines "Indie"-Festival bleiben, der Schwerpunkt verlagerte sich auf Pop und Dance und es wurde für den Veranstalter Mojo Zeit für ein neues, kleineres Lieblingskind.

Gut für uns, denn das "Rabbit Hole" liegt viel näher an der deutschen Grenze in Nimwegen, ist mit immerhin 20.000 Zuschauern dieses Mal  ausverkauft, vermittelt aber trotzdem einen extrem entspannten Eindruck ohne Gedränge und Anstehen. Der Trick ist so einfach wie genial. Biete den Leuten auf einem tollen Gelände am See einfach mehr Anlaufpunkte als nötig und alle haben Spaß. 

Wie beim "Lowlands" könnte man auch hier den ganzen Tag von einer Mini-DJ-Bühne zur nächsten Aktion (Hula-Hoopen mit DJ), Kino, Yoga oder Stijldansen im Spiegelzelt flanieren, ohne überhaupt eines der großen Bühnenzelte zu betreten. Drei davon gibt es, von der Kapazität Headliner (10.000), Stadthalle (5.000) bis Clubact (1.000) ist alles dabei. 



Wenn man sich anschaut, wie entspannt die Menschen auf eine liebevolle Gestaltung des Geländes und des Programms reagieren, fragt man sich wirklich, warum es so etwas in Deutschland (trotz erster Versuche) immer noch nicht gibt. 

Nach "Sun Kil Moon" (siehe Bericht) und den "Pavement"-Jüngern von "Parquet Courts", die von einem vollen Zelt erstaunlich viel Anerkennung erhielten, war es Zeit für "Courtney Barnett". Vielfach als "Album des Jahres" ausgezeichnet ist sie immer noch auf Tour, wirkt gegenüber dem fantastischen Nachtauftritt in Haldern letztes Jahr jetzt aber natürlich schon wesentlich routinierter.



Immer noch etwas schüchtern hat sie den Set jetzt voll im Griff, alles ist genau auf die genormte Festival länge arrangiert und scheppert trotzdem herrlich schrammelig daher. Das lustige "Life, be in it" T-Shirt mit seinen Comicfiguren ist Programm. Textsicher singen und tanzen die Niederländer schon am frühen Freitag bei einen ihrer Highlights. Diesmal ist sogar eine Coverversion mit im Programm: Grateful Deads "New Speedway Boogie" dürfte der ein oder andere eher beim "The National" Gig am Samstag erwartet haben. 

"Mac Demarco", in Holland wohl eine Riesennummer füllt das große Zelt fast vollständig, während "Everything Everything" mich persönlich nicht überzeugen können. Ich ertappe mich dabei, die ganze Zeit auf "Distant Past" zu warten, was aber garantiert der letzte Song sein wird, und da war dann der grandiose Auftritt von "PJ Harvey" (siehe Bericht) zurecht wichtiger.  

Der zweite Tag beginnt mit den holländischen "My Baby" durchaus vielversprechend, aber hier wäre ein kleineres Zelt sicher schöner gewesen, tolle Live-Band allemal. "Whitney" und "Rhodes", beides für mich zu poppig und nicht fesselnd genug, da bietet der Elvis-Imitator auf einer Waldbühne aus alten Kühlschränken und Elektroschrott noch mehr Abwechslung.

"The Cinematic Orchestra" gibt es auch noch. Aber so richtige Begeisterung kann bei den zum Teil anstrengenden Jazz-Klängen am Nachmittag auch nicht aufkommen. Somit sind "Savages" zum genau richtigen Zeitpunkt da, um einem nach dem zweiten Pulled-Pork Sandwich wieder etwas Leben einzuhauchen. 

Die Band spielt sich quer durch beide Alben und ist einfach eine Augenschmaus. Nicht, weil es vier Damen sind die hier dem Postpunk frönen, sondern weil es nie langweilig oder gestellt wirkt. Auch wenn der Überraschungseffekt beim mehrmaligen besuchen der Konzerte natürlich nachlässt, können Song wie "Husbands" oder "Fuckers" einfach nicht ihre Wirkung verfehlen. Besonders gut ist heute die lange und extrem gelungene Version von "Adore", die sich zum Finale hin immer weiter steigert und vor "Fuckers" eigentlich schon den Höhepunkt darstellt.



Direkt danach spielt "Glen Hansard" zum Tanz auf. Seit langer Zeit erstmals wieder mit großer Band (Streicher und Bläsern) unterwegs, kann er einerseits seinem Sound alle Details entlocken, auf der anderen Seite ging dadurch die Spontanität etwas dahin. Zudem lag der Schwerpunkt der Songs bei seinen Soloalben, so das einige Klassiker seiner diversen Bands trotz der langen 90minütigen Spielzeit keinen Platz fanden. 

Trotzdem ist Glen natürlich ein perfekter Bandleader und Gastgeber, der alleine mit seinem Charme das Zelt sofort im Griff hat. Die Ansage "Summer, crazy festival time, i will catch that beer" (in Anspielung auf den letztjährigen, holländischen Festivalmoment des Jahres als "John Coffey" während des Crowdsurfens einen halbvollen Bierbecher fängt und austrinkt,  gerät  hier natürlich zum vorhersehbaren Eigentor und Glen bricht das Experiment nach zwei Bierduschen aus den ersten Reihen lachend ab. 

Als Cover sind diesmal eine fantastische Version von Van`s "Astral Weeks", Marvin Gaye´s "Don`t do it" und Daniel Johnston`s "Devil Town" an Board. Eine weitere musikalische Glanzvorstellung von Hansard der noch bis Ende des Jahres mit dieser Band auf Tour sein wird.

"TV Segall" fallen leider wegen der Überschneidung mit "The National" (siehe Bericht) aus, wären aber vielleicht nachträglich die bessere oder zumindest spannendere Wahl gewesen. 

Der Sonntag beginnt für uns wegen der nervigen Schauern später. "Frightened Rabbit" und "Alex Vargas" fallen somit aus, dafür ist aber pünktliches Antreten bei der Indie-Sensation des Jahres (gibt ja nicht mehr so viele) Pflicht: "Car Seat Headrest", deren Sänger wie ein Sohn von "E" ausschaut, spielen einen sich ständig steigernden, tollen Auftritt mit vielen Songs des neuen Albums "Teens of denial". 

Zehn wunderschöne, kleine Indieperlen mit am Ende voll aufgedrehten Gitarren und herrlichem 90er Sound. Nichts neues, aber immerhin etwas sehr gutes. 


Über "Daughter" haben wir ja schon wirklich alles geschrieben. Es zeigt sich aber, wie bei der letzten Tournee, dass die Band Monate benötigt um den Versionen die Lockerheit und Länge zu bieten, die das Ganze anders als auf CD klingen lassen. Nach fast sechs Monaten klingt jetzt alles rauher, spontaner und lustvoller als noch auf den eigenen Konzerten am Anfang des Jahres. 

Die armen "Suede" kommen am frühen Abend dann leider auf der größten Bühne unter die Räder, nicht einmal halbvoll ist das Zelt. Trotzdem gibt die Band alles, aber heute soll es einfach nicht sein. Dafür ist die Konkurrenz des modernen Pop, hier in Form von "M0" einfach zu groß. 

Die "DMA`s" sind, nachdem man den Gag einmal gesehen hat, leider nicht mehr witzig, also ab zu Anohni (siehe Bericht), dem trojanischen Pferd des Festivals, die mit Politik, Kunst und diversen wichtigen Botschaften die Zuschauer staunend zurücklässt. 



Was bleibt ist ein tolles Festival, dass in allen Bereichen punkten kann. Drei völlig verschiedene und doch allesamt fantastische Headliner, ein unfassbares Rahmenprogramm und eine tolle Organisation machen das "Rabbit Hole" zu einem Festival für Leute, die nie auf Festivals gehen würden.

Fotos: Michael Graef








 

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