Freitag, 15. August 2014

Haldern Pop Festival 3. Tag, 09.08.14


Konzert: Haldern Pop Festival 3. Tag
Datum: 09.08.14
Ort: Alter Reitplatz, Haldern Pop Bar, Keusgen Tonstudio, Rees-Halderm
Konzertdauer: Konzerte von 12 Uhr bis 2 Uhr



Hatte nachts der auf das Zelt tröpfelnde Regen noch das Schlafen beeinträchtigt (von den grölenden Suffköpfen, die nachts um 3 schreiend über den Zeltplatz wankten, mal ganz zu schweigen) war es am Morgen des Samstags der böige Wind, der mich weckte und mein Zelt fast hinwegfegte. Das war aber zu verschmerzen, denn bald schon legte sich der Sturm und die Sonne kroch aus den Ritzen. Der ganze Tag sollte sonnig werden und der Regen vom Vortag war bald nur noch eine blasse, nicht mehr sonderlich dramatische Erinnerung.

Das wirkte sich auch positiv auf meine Stimmung aus und nach erfrischender Dusche und viel Kaffee begab ich mich auf den Fußweg zur Haldern Pop Bar. Leider schaftte ich es nicht mehr rechtzeitig zu den Charity Children aus Neusseland, aber wenigstens traf ich noch deren rothaarige Sängerin, die mir gutgelaunt berichtete, daß sie mit ihren Musikern in Berlin lebe, von Melt Booking gebucht würden und als Straßenmusiker angefangen hatten. Sie posierte sogar freiweillig noch für ein paar Fotos vor Schafen und einer typischen Haldern Scheune im saftig grünen Garten der Bar.

Dann war die Zeit für die Tschechin Sara alias Never Sol gekommen, die zusammen mit ihrem Bassisten dreampoppig-ätherische Klänge in den überfüllten Raum aufsteigen ließ. Die schmale Sängerin hatte eine hübsche Stimme, aber richtige Begeisterung kam bei mir dennoch nicht auf. Den Songs haftete ein variétéhaftes Parfum an, der Tiefgang der Cocteau Twins wurde nicht erreicht und so catchy wie Beach House klangen die Stücke von Never Sol auch nicht. Das Set dauerte ziemlich lange, hatte ein paar schöne Momente, konnte aber nicht restlos überzeugen. Eigentlich schade, denn die positive Beschreibung in dem Progammheft "Datt Blatt" hatte mich sehr hellhörig werden lassen.

Schade auch, daß ich das Konzert des Pianisten Carlos Cipa im Keusgen Tonstudio verpasste, weil auf der Hauptbühne die Schwedinnen First Aid Kit auftraten. Die beiden sich eigentlich nicht sonderlich ähnlich sehenden Schwestern hatten umwerfende Kleider an, sangen herzallerliebst im harmonischen Gleichklang und wurden zu King of The World sogar von ihrem Fan und Förderer Conor Oberst begleitet. Der ex-Bright Eyes Sänger kam spontan und ohne Vorankündigung bei Lied drei mit schwarzem Hut und dunkler Sonnenbrille hinzu und ließ die Herzen der weiblichen Fans höher schlagen. Vorher waren eher die Männer auf ihre Kosten gekommen, denn süßer als Klara und Johanna geht ja fast gar nicht. Die Skandinavierinnen haben in diesem Jahr ihr neues drittes, in Omaha produziertes Album Stay Gold herausgegeben, spielten natürlich davon so einige gelungen Stücke (Waitress Song, My Silver Lining), begeisterten aber vor allem durch ihren Hit Emmylou. Von First Aid Kit werden wir in den kommenden Jahren noch viel hören, sie gehören inzwischen zum Folk-Establishment inklusive Major Label Deal, zahllosen Mode-Shootings, berühmten Fans und (relativ) hohen Gagen. Glücklicherweise hatte man aber den Eindruck, daß die Spielfreude darunter nicht leidet, man merkte den Mädels an, daß sie sich gut amüsierten.

Eher beschaulich und melancholisch ging es dann bei der britischen Pianistin Poppy Ackroyd zu. Im stickigen und heillos überlaufenen Tonstudio Keusgen klimperte sie die Fans windelweich und betörte mit ihrer Virtuosität und ihrer Natürlichkeit. Diejenigen, die drinnen einen Sitzplatz ergattert hatten, kamen hinterher schweißgebadet und fast ohnmächtig heraus, die anderen, die die Musik nur im Flur hörten, waren trockener, hatten die Musikerin aber nicht zu Gesicht bekommen. 


Ich gehörte zur zweiten Kategorie und bescloß deshalb zu der nachfolgenden Samantha Crain frühzeitig ein Plätzchen drinnen zu ergattern, selbst wenn das Thermometer dort sicherlich 40 Grad angezeigt haben dürfte. Ich wollte die Amerikanerin eben aus der Nähe sehen. Samantha entpuppte sich als äußerst liebenswürdige und natürliche Person, die schnell die Herzen der Halderner gewann. Sie war höchstwahrscheinlich nicht größer als 1,45 m, allerdings mit einer guten Folk/Country-Stimme gesegnet. Dennoch konnte sie mich nicht wirklich in ihren Bann ziehen, denn ihre Stücke klangen mir eine Spur zu traditionell, zu wenig innovativ und konnten nie die Tiefe von jungen Talenten in diesem Bereich wie Angel Olsen oder Tiny Ruins erreichen. Deshalb verließ ich nach 4 Liedern das schwüle Tonstudio und wanderte Richtung Hauptbühe, wo Fink ein solides aber nicht wirklich packendes Follrock Set bot. Auch Hozier im Spiegelzelt war nicht 100 % meine Musik. Das klang mir zu bluesig, jazzig, obwohl der Ire wirklich eine gute Stimme hatte.
Wesentlich besser wurde es aus meiner Sicht aber mit meinem Liebling Conor Oberst, der um 9 Uhr 20 auf der Hauptbühne zu Werke ging. Unterstützt wurde er teilweise von den beiden First Aid Kit, die sich umgezogen hatten und neue wunderschöne Kleider zur Show trugen. Conor war gläzend aufgelegt, agierte durckvoll und dynamisch und rockte mehr als er folkte. Natürlich kamen auch Stücke von Bright Eyes zum Vortrage so der Old Folk Song, der Soul Singer in A Session band oder das grandiose Lua, großartig gesanglich unterstützt von den Söderberg Schwestern. Es war ein einstündiges Feuerwerk hervorragender Folkrockmusik, bei dem Conor von den Musikern von Dawes perfekt begleitet wurde. Alle waren in ausgezeichneter Spiellaune, der Bassist von Daws war die coolste Sau weit und breit (wie der seinen Bass immer nach oben hielt, köstlich !) und der Schlagzeuger sah mit seinen Locken (Dauerwellen ??) zum Schießen aus! Zum großen Finale am Ende hüfte Conor immer wieder auf die Drums und lieferte sich mit dem Schlagzeuger ein packendes Duell. Die Mädels von First Aid Kit kamen aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Einige behaupten hinterher, daß Oberst sicherlich in die Söderberg Schwestern verknallt sei, was man verstehen könnte....

Verknallt waren vor allem auch die älteren Semester im Publikum in die New Yorker Poetin Patti Smith. Fast 70 Jahre alt, ein wenig ergraut, aber immer noch mit knarzig guter Stimme sang sie sich Mütze tragend am Ende regelrecht in einen Rausch. Das Set startete eher beschaulich, aber am Ende wurden mit alten Hits wie Gloria, Because The Night oder Horses rotzige Nummern herausgehauen, bei denen man merkte, warum Patti so viele Sängerinnen in der neuen Art Punk und Folkszene beeinflusst hat. Sie hat halt eben ein wahnsinniges Charisma, auch wenn sie nie die Hübscheste war. Aber eben das macht Mut, denn wer will schon dauerhaft singende Models ohne Ausstrahlung auf der Bühne sehen, die seichte Liedchen trällern? Nein, Patti Smith hat was Erdiges, was Wahrhaftes, was Authentisches, das einen so richtig berührt. Schönheit kommt bei ihr von innen. Sie macht sich Gedanken über die Welt, rezitierte mit ausgebreiteten Armen immer wieder Gedichte zwischen den Songs, performte zusammen mit ihrern ausgezeichneten Band Perfect Day nach Lou Reed und brachte junge und ältere Besucher zusammen. Mag sein, daß Leute jenseits der Vierzig mehr mit der Ikone anfangen konnten, aber ich bin sicher, daß sie an diesem Tag in Haldern auch viele junge Neufans hinzugewonnen hat. Am Ende kam noch Grant Hart mit hinzu und dann wurde minutenlang gerockt, bevor nach etwa 90 Minuten der Vorhang fiel. Ein glänzender Auftritt, der bewies, daß man auch im fortgeschritten Alter noch ausgezeichnet performen kann, wenn wie bei Patti Smith das Herzblut und das Feuer noch intakt sind. Für die Kohle tut sie sich das sicherlich nicht an.

Nach Patti Smith kam dann gelich schon das nächste Highlight und zwar im Spiegelzelt: der Amerikaner Mark Kozelek aka Sun Kil Moon spielte dort mitsamt Bands ganz dezent, aber ganz groß auf. Der etwas beleibte Bursche hat eine solch fantastische Stimme, daß Gänsehautbildungen auf Armen und im Nacken nicht ausbleiben konnten. Am Ende sang er textlich von dem Moment als er seinen Vater hat weinen sehen, da musste ich ganz schwer schlucken. Er beeindruckte aber nicht nur zum Schluß, sondern von Anfang bis Ende, denn alles klang wahnsinnig erlesen, ausgewogen, hochklassig. Musik für Kenner und Feinhörer, die mehr auf gute Texte und starke Arrangements als auf Rockstarposen und Show geben. Unverschämt, daß ein paar Leute im Spiegelzelt zu der oft recht leisen Musik laut plauderten, Palzverweise wären hier mehr als angebracht gewesen. Wer sich davon nicht stören ließ, genoß melancholische Stücke und ließ Tränchen in seinen Bierbecher kullern. Ich hätte dem Ex- Red House Painters Sänger jedenfalls noch stundenlang zuhören können, aber kurz vor Mitternacht war leider Schluß.

Für mich persönlich aber noch nicht ganz, denn das Festival ging für mich erst mit den Schweden Wintergatan zu Ende. Ein krönender Abschluß denn die vielköpfigen Schweden euphorisierten mit ihrer vielschichtigen und abwechslungsreichen Instrumentalmusik sogar die Leute, die wie ich das Konzert draußen auf der Leinwand verfolgten. Da wurde getanzt, gelacht und mitgefeiert wie selten bei diesem Festival. Ein fulminanter Auftritt, bei dem teilweise sehr kuriose Instrumente zum Einsatz kamen. Eigentlich wurde instrumententechnisch fast alles aufgeboten was es gibt, eine Harfe hatte genauso ihren Platz wie analoge Synthesizer, ein Theremin, ein Xylophon, Schreibmaschinen, Gitarren, Melodica und so weiter und so fort. Langeweile kam so nie auf, das Set war höchst abwechslungsreich und stimmungsvoll. Mal fühlte man sich an die feierliche Melancholie von Sigur Ros erinnert, dann wieder an die Postrocker von Explosions In The Sky, oder aber auch an Filmmusik und Klassik. Sanfte, elektrische und rockige Passagen hielten sich die Waage und am Ende stürzten sich alle auf den Merch Stand, um die CD, die Vinylplatte oder auch nur ein Poster zu ergattern. Da wurde unglaublich viel umgesetzt und es standen sogar noch Leute am Verkaufsstand an, als der Soulsänger Kwabs schon mit seinem Set begann.

Soulmusik ist aber so gar nicht mein Fall und so konnte ich mit Kwabs genauso wenig anfangen wie mit Bernhoft (der war leider richtig scheußlich), Lee Fields & The Expressions oder Benjamin Clementine. Machte aber gar nichts, schließlich müssen bei Festivals Fans verschiedenster Musikstile auf ihre Kosten kommen und jeder pickt sich eben seine Rosinen individuell heraus.
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Unter dem Strich habe ich dann auch wieder deutlich mehr Perlen gefunden, als in faule Eier gebissen und ich verließ gegen 12 Uhr den Zeltplatz und Haldern. Bis nächstes Jahr Freunde ! Super wie immer wars!



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