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Freitag, 15. August 2014

Haldern Pop Festival 3. Tag, 09.08.14

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Konzert: Haldern Pop Festival 3. Tag
Datum: 09.08.14
Ort: Alter Reitplatz, Haldern Pop Bar, Keusgen Tonstudio, Rees-Halderm
Konzertdauer: Konzerte von 12 Uhr bis 2 Uhr



Hatte nachts der auf das Zelt tröpfelnde Regen noch das Schlafen beeinträchtigt (von den grölenden Suffköpfen, die nachts um 3 schreiend über den Zeltplatz wankten, mal ganz zu schweigen) war es am Morgen des Samstags der böige Wind, der mich weckte und mein Zelt fast hinwegfegte. Das war aber zu verschmerzen, denn bald schon legte sich der Sturm und die Sonne kroch aus den Ritzen. Der ganze Tag sollte sonnig werden und der Regen vom Vortag war bald nur noch eine blasse, nicht mehr sonderlich dramatische Erinnerung.

Das wirkte sich auch positiv auf meine Stimmung aus und nach erfrischender Dusche und viel Kaffee begab ich mich auf den Fußweg zur Haldern Pop Bar. Leider schaftte ich es nicht mehr rechtzeitig zu den Charity Children aus Neusseland, aber wenigstens traf ich noch deren rothaarige Sängerin, die mir gutgelaunt berichtete, daß sie mit ihren Musikern in Berlin lebe, von Melt Booking gebucht würden und als Straßenmusiker angefangen hatten. Sie posierte sogar freiweillig noch für ein paar Fotos vor Schafen und einer typischen Haldern Scheune im saftig grünen Garten der Bar.

Dann war die Zeit für die Tschechin Sara alias Never Sol gekommen, die zusammen mit ihrem Bassisten dreampoppig-ätherische Klänge in den überfüllten Raum aufsteigen ließ. Die schmale Sängerin hatte eine hübsche Stimme, aber richtige Begeisterung kam bei mir dennoch nicht auf. Den Songs haftete ein variétéhaftes Parfum an, der Tiefgang der Cocteau Twins wurde nicht erreicht und so catchy wie Beach House klangen die Stücke von Never Sol auch nicht. Das Set dauerte ziemlich lange, hatte ein paar schöne Momente, konnte aber nicht restlos überzeugen. Eigentlich schade, denn die positive Beschreibung in dem Progammheft "Datt Blatt" hatte mich sehr hellhörig werden lassen.

Schade auch, daß ich das Konzert des Pianisten Carlos Cipa im Keusgen Tonstudio verpasste, weil auf der Hauptbühne die Schwedinnen First Aid Kit auftraten. Die beiden sich eigentlich nicht sonderlich ähnlich sehenden Schwestern hatten umwerfende Kleider an, sangen herzallerliebst im harmonischen Gleichklang und wurden zu King of The World sogar von ihrem Fan und Förderer Conor Oberst begleitet. Der ex-Bright Eyes Sänger kam spontan und ohne Vorankündigung bei Lied drei mit schwarzem Hut und dunkler Sonnenbrille hinzu und ließ die Herzen der weiblichen Fans höher schlagen. Vorher waren eher die Männer auf ihre Kosten gekommen, denn süßer als Klara und Johanna geht ja fast gar nicht. Die Skandinavierinnen haben in diesem Jahr ihr neues drittes, in Omaha produziertes Album Stay Gold herausgegeben, spielten natürlich davon so einige gelungen Stücke (Waitress Song, My Silver Lining), begeisterten aber vor allem durch ihren Hit Emmylou. Von First Aid Kit werden wir in den kommenden Jahren noch viel hören, sie gehören inzwischen zum Folk-Establishment inklusive Major Label Deal, zahllosen Mode-Shootings, berühmten Fans und (relativ) hohen Gagen. Glücklicherweise hatte man aber den Eindruck, daß die Spielfreude darunter nicht leidet, man merkte den Mädels an, daß sie sich gut amüsierten.

Eher beschaulich und melancholisch ging es dann bei der britischen Pianistin Poppy Ackroyd zu. Im stickigen und heillos überlaufenen Tonstudio Keusgen klimperte sie die Fans windelweich und betörte mit ihrer Virtuosität und ihrer Natürlichkeit. Diejenigen, die drinnen einen Sitzplatz ergattert hatten, kamen hinterher schweißgebadet und fast ohnmächtig heraus, die anderen, die die Musik nur im Flur hörten, waren trockener, hatten die Musikerin aber nicht zu Gesicht bekommen. 


Ich gehörte zur zweiten Kategorie und bescloß deshalb zu der nachfolgenden Samantha Crain frühzeitig ein Plätzchen drinnen zu ergattern, selbst wenn das Thermometer dort sicherlich 40 Grad angezeigt haben dürfte. Ich wollte die Amerikanerin eben aus der Nähe sehen. Samantha entpuppte sich als äußerst liebenswürdige und natürliche Person, die schnell die Herzen der Halderner gewann. Sie war höchstwahrscheinlich nicht größer als 1,45 m, allerdings mit einer guten Folk/Country-Stimme gesegnet. Dennoch konnte sie mich nicht wirklich in ihren Bann ziehen, denn ihre Stücke klangen mir eine Spur zu traditionell, zu wenig innovativ und konnten nie die Tiefe von jungen Talenten in diesem Bereich wie Angel Olsen oder Tiny Ruins erreichen. Deshalb verließ ich nach 4 Liedern das schwüle Tonstudio und wanderte Richtung Hauptbühe, wo Fink ein solides aber nicht wirklich packendes Follrock Set bot. Auch Hozier im Spiegelzelt war nicht 100 % meine Musik. Das klang mir zu bluesig, jazzig, obwohl der Ire wirklich eine gute Stimme hatte.
Wesentlich besser wurde es aus meiner Sicht aber mit meinem Liebling Conor Oberst, der um 9 Uhr 20 auf der Hauptbühne zu Werke ging. Unterstützt wurde er teilweise von den beiden First Aid Kit, die sich umgezogen hatten und neue wunderschöne Kleider zur Show trugen. Conor war gläzend aufgelegt, agierte durckvoll und dynamisch und rockte mehr als er folkte. Natürlich kamen auch Stücke von Bright Eyes zum Vortrage so der Old Folk Song, der Soul Singer in A Session band oder das grandiose Lua, großartig gesanglich unterstützt von den Söderberg Schwestern. Es war ein einstündiges Feuerwerk hervorragender Folkrockmusik, bei dem Conor von den Musikern von Dawes perfekt begleitet wurde. Alle waren in ausgezeichneter Spiellaune, der Bassist von Daws war die coolste Sau weit und breit (wie der seinen Bass immer nach oben hielt, köstlich !) und der Schlagzeuger sah mit seinen Locken (Dauerwellen ??) zum Schießen aus! Zum großen Finale am Ende hüfte Conor immer wieder auf die Drums und lieferte sich mit dem Schlagzeuger ein packendes Duell. Die Mädels von First Aid Kit kamen aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Einige behaupten hinterher, daß Oberst sicherlich in die Söderberg Schwestern verknallt sei, was man verstehen könnte....

Verknallt waren vor allem auch die älteren Semester im Publikum in die New Yorker Poetin Patti Smith. Fast 70 Jahre alt, ein wenig ergraut, aber immer noch mit knarzig guter Stimme sang sie sich Mütze tragend am Ende regelrecht in einen Rausch. Das Set startete eher beschaulich, aber am Ende wurden mit alten Hits wie Gloria, Because The Night oder Horses rotzige Nummern herausgehauen, bei denen man merkte, warum Patti so viele Sängerinnen in der neuen Art Punk und Folkszene beeinflusst hat. Sie hat halt eben ein wahnsinniges Charisma, auch wenn sie nie die Hübscheste war. Aber eben das macht Mut, denn wer will schon dauerhaft singende Models ohne Ausstrahlung auf der Bühne sehen, die seichte Liedchen trällern? Nein, Patti Smith hat was Erdiges, was Wahrhaftes, was Authentisches, das einen so richtig berührt. Schönheit kommt bei ihr von innen. Sie macht sich Gedanken über die Welt, rezitierte mit ausgebreiteten Armen immer wieder Gedichte zwischen den Songs, performte zusammen mit ihrern ausgezeichneten Band Perfect Day nach Lou Reed und brachte junge und ältere Besucher zusammen. Mag sein, daß Leute jenseits der Vierzig mehr mit der Ikone anfangen konnten, aber ich bin sicher, daß sie an diesem Tag in Haldern auch viele junge Neufans hinzugewonnen hat. Am Ende kam noch Grant Hart mit hinzu und dann wurde minutenlang gerockt, bevor nach etwa 90 Minuten der Vorhang fiel. Ein glänzender Auftritt, der bewies, daß man auch im fortgeschritten Alter noch ausgezeichnet performen kann, wenn wie bei Patti Smith das Herzblut und das Feuer noch intakt sind. Für die Kohle tut sie sich das sicherlich nicht an.

Nach Patti Smith kam dann gelich schon das nächste Highlight und zwar im Spiegelzelt: der Amerikaner Mark Kozelek aka Sun Kil Moon spielte dort mitsamt Bands ganz dezent, aber ganz groß auf. Der etwas beleibte Bursche hat eine solch fantastische Stimme, daß Gänsehautbildungen auf Armen und im Nacken nicht ausbleiben konnten. Am Ende sang er textlich von dem Moment als er seinen Vater hat weinen sehen, da musste ich ganz schwer schlucken. Er beeindruckte aber nicht nur zum Schluß, sondern von Anfang bis Ende, denn alles klang wahnsinnig erlesen, ausgewogen, hochklassig. Musik für Kenner und Feinhörer, die mehr auf gute Texte und starke Arrangements als auf Rockstarposen und Show geben. Unverschämt, daß ein paar Leute im Spiegelzelt zu der oft recht leisen Musik laut plauderten, Palzverweise wären hier mehr als angebracht gewesen. Wer sich davon nicht stören ließ, genoß melancholische Stücke und ließ Tränchen in seinen Bierbecher kullern. Ich hätte dem Ex- Red House Painters Sänger jedenfalls noch stundenlang zuhören können, aber kurz vor Mitternacht war leider Schluß.

Für mich persönlich aber noch nicht ganz, denn das Festival ging für mich erst mit den Schweden Wintergatan zu Ende. Ein krönender Abschluß denn die vielköpfigen Schweden euphorisierten mit ihrer vielschichtigen und abwechslungsreichen Instrumentalmusik sogar die Leute, die wie ich das Konzert draußen auf der Leinwand verfolgten. Da wurde getanzt, gelacht und mitgefeiert wie selten bei diesem Festival. Ein fulminanter Auftritt, bei dem teilweise sehr kuriose Instrumente zum Einsatz kamen. Eigentlich wurde instrumententechnisch fast alles aufgeboten was es gibt, eine Harfe hatte genauso ihren Platz wie analoge Synthesizer, ein Theremin, ein Xylophon, Schreibmaschinen, Gitarren, Melodica und so weiter und so fort. Langeweile kam so nie auf, das Set war höchst abwechslungsreich und stimmungsvoll. Mal fühlte man sich an die feierliche Melancholie von Sigur Ros erinnert, dann wieder an die Postrocker von Explosions In The Sky, oder aber auch an Filmmusik und Klassik. Sanfte, elektrische und rockige Passagen hielten sich die Waage und am Ende stürzten sich alle auf den Merch Stand, um die CD, die Vinylplatte oder auch nur ein Poster zu ergattern. Da wurde unglaublich viel umgesetzt und es standen sogar noch Leute am Verkaufsstand an, als der Soulsänger Kwabs schon mit seinem Set begann.

Soulmusik ist aber so gar nicht mein Fall und so konnte ich mit Kwabs genauso wenig anfangen wie mit Bernhoft (der war leider richtig scheußlich), Lee Fields & The Expressions oder Benjamin Clementine. Machte aber gar nichts, schließlich müssen bei Festivals Fans verschiedenster Musikstile auf ihre Kosten kommen und jeder pickt sich eben seine Rosinen individuell heraus.
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Unter dem Strich habe ich dann auch wieder deutlich mehr Perlen gefunden, als in faule Eier gebissen und ich verließ gegen 12 Uhr den Zeltplatz und Haldern. Bis nächstes Jahr Freunde ! Super wie immer wars!



Dienstag, 12. August 2014

Patti Smith and her Band, Stuttgart, 05.08.2014

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Konzert: Patti Smith and her Band
Ort: Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart
Datum: 05.08.2014
Dauer: etwa 95 Minuten
Zuschauer: ca. 3.500


Neben Bob Dylan steht wohl kein Popmusiker in vergleichbaren Maße im Ruf wie Patti Smith doch vielmehr ein Dichter im eigentlichen Sinn zu sein. Die New Yorkerin gilt schließlich nicht nur verständlicherweise als die Godmother of Punk, sondern immer auch als wichtige Poetin, die ihren Songs gerne Gedichte voranstellt und grundsätzlich eine präzise Bildsprache auffährt. Keine Hand voll Songs ist gespielt, da verblüfft Patti Smith mit einer spontanen Einlage, in der sie das letzte Treffen von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine in Stuttgart vertont, und die fraglos zu den schönsten Konzertmomenten, die ich bisher erlebte, gehört. „Maybe it was 1874 when Arthur Rimbaud arrived on foot in Stuttgart“, singt sie, sich selbst auf der Akustikgitarre begleitend, „He looked for work / Learned perfect German“. Fast fünf Minuten berichtet sie reich an Metaphern aus dem Leben des großen französischen Dichters, der einige Jahre in der Stuttgarter Marienstraße lebte und drückt sich dabei selbst als eindringliche Lyrikerin aus. 


Dass sie diese Eigenschaft in Stuttgart besonders zeigen würde, war beim Betreten der wunderschönen Freilichtbühne im Höhenpark am Killesberg nicht unbedingt zu erwarten. Immerhin sah ich Patti Smith erst wenige Tage zuvor als brillante Headlinerin des Burg Herzberg Festivals und rechnete mit einem sehr ähnlichen Set. Früh deutet sie jedoch an, dass sich der Abend überraschend ungleich gestalten würde. Schon „Redondo Beach“, der fröhlich daherkommende Reggae mit dem düsteren Text vom Debütalbum „Horses“, als Eröffnung weist in eine andere Richtung. Es folgen zwei Stücke vom aktuellen Album „Banga“, die in Breitenbach am Herzberg nicht gespielt wurden. Ähnlich gekleidet – Hut, weißes T-Shirt mit Aufdruck, Holzkreuz um den Hals, weites Herrenjacket über einer schwarzen Weste und Blue Jeans – verströmt sie erneut positive Energie. Bester Laune betrat sie zuvor die Bühne mit einem Strauß weißer Rosen in der Hand, winkte den Zuschauern zu, ständig lächelnd. „April Fool“, ein leichter, Keyboard getragener Popsong passt da gut.
Die Protagonistin tanzt geradezu ausgelassen, breitet die Arme aus, fordert die 3500 Zuschauer zum rhythmischen Klatschen auf. Dann will sie den weißen Strohhut in den Bühnenrückraum werfen. Versehentlich trifft sie ihren langjährigen Gitarristen Lenny Kaye. Beide lachen und entschuldigend legt sie den Kopf an seine Schulter. Die unfreiwillige Situationskomik sorgt für Lacher im Publikum und Smith nebst Mitmusikern hat es im weiteren Verlauf leicht. „Fuji-San“, ihre Ode an den gleichnamigen, höchsten Berg Japans und aufrüttelndes Umweltschutzstatement ist dann schon das zweite und letzte Stück der aktuellen Veröffentlichung, das es heute zu hören gibt und ebnet den Weg für einen ansprechenden Querschnitt durch den großen Katalog der Wahl-New-Yorkerin. 
Mit gleich vier Songs ist „Easter“, das populäre dritte Studioalbum von 1978 besonders präsent. Den Anfang macht das ruhige und okkult angehauchte „Ghost Dance“, passenderweise nach dem Zwischenruf eines Zuschauers, man möge doch die Lautstärke erhöhen. „You know it isn’t Black Sabbath that’s coming“, erklärt sie am Bühnenrand kniend im freundlichen Tonfall. Nach dem begeisternden Schamanentanz als Duett mit Kaye wird es noch eine Spur ruhiger. Smith intoniert das erwähnte Gedicht unmittelbar vor dem großartigen „My Blakean Year“ und dem erneut dem „late and very great“ Johnny Winter gewidmeten „Beneath the Southern Cross“. Wie eine treu ergebene Gemeinde folgt das Publikum den Worten der immer wieder in Predigermanier sprechenden Musikerin. „You can dedicate it to anyone you miss, it’s that kind of song. It’s a song of life, but it’s also a song of remembering“, ergänzt sie. Kurz darauf laufen hinter mir Tränen bei erwachsenen Männern. Die emotionale Kraft des Moments ist überwältigend.



Später steigt sie in den Fotograben, während ihre Band ein stürmisches Medley aus Garagenrock-Klassikern spielt. Lenny Kaye singt in Frontmann-Manier, The Whos „I Can’t Explain“ wird angedeutet, „Psychotic Reaction“ dargeboten. Derweil lässt sich Patti Smith mit Zuschauern fotografieren, schüttelt Hände und zeigt sich angenehm nahbar. Wieder auf der Bühne lässt ein weiteres Highlight nicht lange auf sich warten. Seit langer Zeit nicht mehr aufgeführt, ist „We Three“ so überraschend wie fantastisch und ein klassischer Gänsehautmoment.
„Dancing Barefoot“ schließt an, diesmal ohne die geringsten technischen Probleme. Der Sound ist gut, langsam setzt die Dunkelheit ein. Nach einer starken Version von „Pissing in a River“ hält Smith inne und erzählt ihre Liebesgeschichte mit Fred „Sonic“ Smith von den MC5s, den sie heiratete und der vor zwanzig Jahren starb. Man rechnet förmlich mit „Frederick“, einen ihrer kleinen Hits, doch es folgt das mit Springsteen geschriebene „Because the Night“, ihr einziger echter Charterfolg. Gewidmet wird es dem gemeinsamen Sohn Jackson, der Geburtstag hat und immer wieder mit der Mutter auf der Bühne steht. Anders als 2011 im Frankfurter Mousonturm gibt es keine Livebegegnung mit dem mit Meg White verheirateten Musikersohn, doch rührt die Widmung einer liebenden Mutter. 
Mit dem Medley aus Land und Gloria und einem wütenden „Rock ‚N‘ Roll Nigger“ (mit Edward Snowden-Würdigung) als Zugabe endet der Abend nach vielen Überraschungen exakt wie auf dem Burg Herzberg Festival. So unterschiedlich beide Konzerte auch ausfielen, konnten sie doch gleichermaßen überzeugen. Weiße Rosenblüten lässt sie über die ersten Reihen regnen. Es sind die Schönheit großer Poplyrik, der Spirit des Punks und das überbordende Charisma einer 67-jährigen Dichterin mit weißen Haaren, ja, der entscheidenden Frauenfigur der Popgeschichte seit den späten 70ern, die am Ende strahlend hell über Allem schweben – mit der gleichen betörenden Eleganz wie es ihre Stimme einst bei R.E.M.s „E-Bow the Letter“ tat.




Setlist Patti Smith and her Band, Stuttgart:

01: Redondo Beach
02: April Fool
03: Fuji-san
04: Ghost Dance
05: Verlaine & Rimbau in Stuttgart (Spontanes musikalisches Gedicht)
06: My Blakean Year
07: Beneath the Southern Cross (Johnny Winter gewidmet)
08: Medley aus Open Up Your Door (Richard & The Young Lions-Cover), Open Your Eyes (The Nazz-Cover) und Psychotic Reaction (The Count Five) 
09: We Three 
10: Dancing Barefoot 
11: Pissing in a River 
12: Because the Night (Jackson Smith und Fred ''Sonic'' Smith gewidmet) 
13: Land 
14: Gloria (Them-Cover) 

15: Rock ‘n’ Roll Nigger (Z)

Aus unserem Archiv:
- Patti Smith, Breitenbach am Herzberg, 01.08.2014


Dienstag, 5. August 2014

Patti Smith and her Band, Breitenbach am Herzberg, 01.08.2014

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Konzert: Patti Smith and her Band
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 01.08.2014
Dauer: 94 Minuten
Zuschauer: einige tausend


Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr


Rückkopplungen, hohes Fiepen und Feedbacks gleich zu Beginn wecken unangenehme Erinnerungen an meine erste Konzertbegegnung mit Patti Smith. Diese liegt nun über drei Jahre zurück und war gezeichnet von einer grippegeschwächten Musikerin, die sich mit großer Würde versuchte durch den Abend zu retten. Heiser krächzend, immer wieder entschuldigend, konnte sie das Akustikkonzert im Frankfurter Mousonturm nicht den eigenen Ansprüchen – und denen der Zuhörerschaft – gerecht werden lassen. Ihr Gitarrist Lenny Kaye sang ganze Stücke, „Helpless“ von Crosby, Stills, Nash & Young fasste sinnbildlich alles zusammen. Der Abend missriet allen Rettungsversuchen zum Trotz.


Die großen Soundprobleme bei „Dancing Barefoot“ zu Beginn lassen auch auf dem Burg Herzberg Festival Schlimmes befürchten Würde meine zweite Livebegegnung mit der Punk-Poetin diesmal von der Technik getrübt werden? Smith mit großer Lesebrille und Hut, traditionell in ein weites, schwarzes Jacket, Jeans gekleidet mit Herrenschuhen an den Füßen, entschuldigt sich sofort. Eine kurze Pause folgt, die andeutet, dass es sich die Smith nicht nehmen lassen würde, bei einem ihrer raren Festivalgastspiele für den ganz großen Wurf auszuholen. Denn was dem etwas verunglückten Start folgt, ist Epochales, das meine ewige Top Ten knacken könnte und schon jetzt ein heißer Anwärter auf das Konzert des Jahres ist.
Die 67-Jährige kredenzt eine Mischung aus ihrem reichhaltigen Repertoire, Klassiker, die niemals fehlen dürfen, werden selbstredend gespielt, doch ist es ein Zeichen ihrer unumstrittenen Klasse, dass neuere Stücke qualitativ nicht im geringsten abfallen. Ihre Musiker, allen voran Lenny Kaye, ihr Gitarrist seit frühsten Patti-Smith-Group-Zeiten, geben der wichtigsten Wegbereiterin eines feministischen, emanzipatorischen Gesichts der Popkultur Rückhalt. Den kann sie nutzen, um mit ausgebreiteten Armen und wackelnden Fingern an die Eintracht im zwischenmenschlichen Leben zu appellieren. Es sind Gesten wie diese, die auf dem größten Hippie-Festival Europas ihre volle Wirkung entfalten können.

„Redondo Beach“ und „Distant Fingers“, geliebte Songs ihrer wichtigen ersten beiden Alben „Horses“ und „Radio Ethiopia“ machen den Zuschauern im direkten Anschluss an „Dancing Barefoot“ früh im Set den Zugang leicht.
 Sie sei mit Lenny Kaye über das weitläufige Festivalgelände inmitten der idyllischen Landschaft des Vogelsbergs gelaufen, habe eine beeindruckende Stimmung vorgefunden, weiß Patti Smith nun mit gütigem Lächeln zu berichten. Die Menge klebt dem namhaftesten Act des Festivals an den Lippen, als dieser „Ghost Dance“ vom besonders populären dritten Studiowerk „Easter“ ankündigt. Vor fast vierzig Jahren habe sie den Song mit Lenny Kaye geschrieben und heute passe er besonders gut, betont sie und widmet die düstere Folkballade mit dem unheimlich-treibenden Akustikgitarreneinsatz allen Besuchern. „We shall live again“. Smiths unnachahmliche Art zu singen, kommt mit zunehmenden Alter und ungewollten Brüchen in der Stimme heute noch besser als in den 70ern. Ihre bloße Präsenz genügt, um die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ihr Charisma ist phänomenal. Dass sie dabei im Gegensatz zu anderen Künstlern ihres Kalibers weder auf unnahbare Distanz (Bob Dylan, Lou Reed oder meist auch Neil Young) geht, noch im Ruf steht ihre Launen am Publikum auszulassen (neben den eben genannten unter anderem Van Morrisson) bestätigt sich nach dem, dem „late and great“ Johnny Winter gewidmeten „Beneath the Southern Cross“, als sie während „People Who Died“ in den Fotograben steigt. Schnurstracks läuft sie auf ein kleines, vielleicht fünfjähriges Mädchen am rechten Zuschauerrand zu. Legt ihm die Hände auf den Kopf, hält die Ohren zu.
Auf der Bühne singt Lenny Kaye derweil den Song ihres vor fünf Jahren verstorbenen engen Freunds Jim Carroll. Die Securities verstehen Smiths Geste, bringen den Kindern Ohrstöpsel. Lächelnd reicht Patti Smith ihnen Plectrums aus ihrer Jackentasche, bewegt sich zur anderen Seite, wiederholt dort das Prozedere.



Wieder auf die Bühne gestiegen, ertönt das einnehmende Bass-Intro von „Ain't It Strange“. Es ist das große Gütesiegel dieses Konzerts, dass es keinerlei Schwachpunkte hat. Im rötlich-gelben Abendsonnenschein getüncht, erscheint die Bühne im schönsten Licht. Es ist ein Moment, wie man ihn in dieser Schönheit nur auf Festivals erleben kann. Auf der Akustikgitarre beginnt die New Yorker Ikone das nächste Stück. Abbruch. Der Song habe nur einen einzigen Akkord und sie habe den falschen gespielt, flachst sie. Dann breitet sich wieder das bekannte Lächeln auf ihrem Gesicht aus, als sie freudig Ousmane Ag Mossa als Gast ankündigt. „I stole this beautiful man, who gave us such beautiful music“, berichtet sie. Schüchtern betritt der Gitarrist und Sänger der Tuareg-Band Tamikrest aus Mali, die am frühen Abend spielte und Patti Smith sehr beeindruckte, die Bühne. Ebenso eindrucksvoll gerät dann die spontane Kollaboration für „Banga“, den Titeltrack ihres jüngsten Studioalbums. Als zusätzlicher Rhythmusgitarrist fügt sich der Hauptsongschreiber einer der wichtigsten afrikanischen Bands der Gegenwart grandios ins Ensemble ein. „Banga“ gerät mit seinem aufrüttelnden Text und der aufregenden Performance zum großen Höhepunkt. Lenny Kaye beginnt wie ein Hund zu bellen. Smith setzt mit Wolfsgeheul ein. Mit Knurren und Keifen endet die glanzvolle Darbietung des neusten Stücks, das das Publikum auf dem Burg Herzberg Festival zu hören bekommt.
„Pissing in a River“ verstört auch Jahrzehnte nach der Aufnahme noch mit seiner schonungslosen Gleichgültigkeit. Dann folgen die großen Hits. Das gemeinsam mit Bruce Springsteen geschriebene „Because the Night“ verbleibt bis heute als bekanntester Song, der entsprechend lautstark von tausenden Festivalgängern mitgetragen wird. Ein One-Hit-Wonder, wie gerne behauptet wird, ist sie natürlich keinesfalls. Dass „Land“ daraufhin mit dem bekannten Gedicht beginnt, punkige Gitarren auffährt, um schließlich mit „Gloria“ zu verschmelzen, ist ein fantastischer Zug, der diese Feststellung nur bestätigt. Begeistert wird der Refrain gesungen, das reguläre Set endet.
Als Zugabe kommt „Rock 'n' Roll Nigger“ so unvermeidlich wie fantastisch. Die Haare der Sängerin wehen umher, Hände werden gereckt. Der Aussätzigen-Kampfslogan „Outside the society is where I wanna be“, wird zum umgedeuteten Credo des Abends, alle Aussichtslosigkeit weicht in allumfassende Harmonie.



Die Brille hat Patti Smith längst abgezogen, ihren Hut auch. Ihr Haar ist inzwischen fast weiß und liegt strähnig auf ihren Schultern. „Rock 'n' Roll Nigger“ ist vorbei, als Smith noch einmal versöhnlich ins Rund blickt. Viele haben Tränen in den Augen, als sie im Anschluss an den großen Punksong, der so vielen Grungebands zur Blaupause wurde, die friedliche Kraft des musikalischen Protests und das wichtige Erbe der Hippie-Kultur beschwört: „This is the weapon of my generation“, sagt sie auf ihre Gitarre zeigend, „the only weapon you need and it never runs out of ammunition.“ Die Menge tobt, Smith dankt: „This is the way festivals should be.“ Die abschließenden Worte und die Ankündigung hoffentlich zurückzukehren, fügen sich nahtlos in die Stimmung eines großen Abends ein. Nach dem Konzert gibt es für die Kinder aus den ersten Reihen ein Wiedersehen mit einer Künstlerin, deren Schaffen in einer Reihe mit dem Bob Dylans, Neil Youngs oder Lou Reeds bestehen kann. Während uns Journalisten der Wunsch auf Interviews nämlich verwehrt wurde, lädt Smith die Kinder zu sich in den Backstage ein.
Ein Kind hält den Mund“, schloss Bertolt Brecht, zu dessen Grab die Amerikanerin bei Aufenthalten in Berlin stets pilgert, sein Gedicht „Was ein Kind gesagt bekommt“. Dass sie nun ausgerechnet besonderes Interesse an Kindern hat, ist da wenig überraschend. Reine Affirmation ist schließlich das letzte, was sich die zeitlose Dichterin im Rockstargewand für die Zukunft wünschen dürfte.




Setlist Patti Smith and her Band, Burg Herzberg Festival:

01: Dancing Barefoot
02: Redondo Beach
03: Distant Fingers
04: Ghost Dance
05: My Blakean Year
06: Beneath the Southern Cross (Johnny Winter gewidmet)
07: People Who Died (Jim Carroll Band-Cover; gesungen von Lenny Kaye)
08: Ain't It Strange
09: Banga (mit Ousmane Ag Mossar)
10: Pissing in a River
11: Because the Night
12: Land
13: Gloria (Them-Cover)

14: Rock 'n' Roll Nigger (Z)


 

Konzerttagebuch © 2010

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