Freitag, 19. Dezember 2008

Los Campesinos! & Sky Larkin, Paris, 18.12.08


Konzert: Los Campesinos! & Sky Larkin
Ort: la Maroquinerie, Paris (Inrocks Indie Club)
Datum: 18.12.2008
Zuschauer: nicht ausverkauft
Konzertdauer: Sky Larkin ca. 45 Minuten, Los Campesinos! genau 1 Stunde



Weihnachten das Fest der Liebe, des Friedes, der Familie. Ein besinnliche Zeit, die oft gar nicht so leicht zu ertragen ist, weil man über viele Dinge reflektiert, die man im Laufe des Jahres verdrängt hat.

Im kollektiven Kosumrausch (Weltwirtschaftskrise? War da was? Alle Läden sind proppevoll und die Leute schleppen bergeweise Pakete nach Hause, auch ich!) wird man in Paris vor den Türen der Läden z.B. auf unangenehme Weise daran erinnert, daß es viele Leute gibt, denen es wirklich hundsmiserabel geht. Von den Obdachlosen bzw. Clochards, poltisch korrekt SDF (sans domicile fixe= ohne festen Wohnsitz) genannt, spreche ich. Sie liegen in Schlafsäcken vor den Eingängen und hoffen auf milde Gaben. Das versetzt mir immer einen Stich ins Herz, weil ich weiß, daß eine Geldspende umgehend in eine Flasche Schnaps umgetauscht würde. Der nächste Wirtschaftsaufschwung - wenn er denn kommt - wird definitiv an ihnen vorbeigehen! Paris, die Stadt der Liebe und des Lichts (Paris, la ville lumière) kann so herzlos und düster sein!

Nach erledigten Weihnachtseinkäufen ging ich deshalb mit gemischten Gefühlen in die Maroquinerie. Die Rue Boyer, in der der Laden liegt, ist keine Glitzergegend. Das Viertel ist eher einfach und für Pariser Verhältnisse recht arm, sprüht aber vor Kreativität. Neben der Maroquinerie liegt gleich das Kultuzentrum La Bellevilloise, in dem auch ab und zu Konzerte stattfinden und die Bar La Feline, Anlaufstelle für Pariser Nachwuchsrockbands, ist auch nur einen Katzensprung entfernt.

Und die Maroquinerie selbst hat nicht nur den Konzertraum im Keller zu bieten. Man kann auch oben in einem ansprechend hergerichteten Restaurant essen, hinterher an der Bar mit den Bandmitgliedern plaudern und andere interessante und musikbegeisterte Leute kennenlernen. Es gibt auch eine heimelige Terrasse, aber die ist natürlich im Sommer attraktiver, obwohl sich selbst im Winter Leute unter die Heizstrahler hängen, um draußen zu qualmen.

Was ich erst seit kurzem weiß: In dem Komplex wird auch kreativ gearbeitet. Die Büroräume des vorzüglichen Labels Fargo befinden sich hier und die Jungs und Mädels, die für Fargo tätig sind, tun alles, um glänzende Künstler wie Alela Diane, J. Tillman (Soloprojekt des Drummers der Fleet Foxes), oder Alamo Race Track so gut wie möglich zu betreuen.

Heute ging es aber nicht um einen Labelabend von Fargo, sondern von Wichita aus England. Gleich vier ihrer Artisten sollten heute abend auftreten und zwar Lovvers, Those Dancing Days, Sky Larkin und Los Campesinos!

Those Dancing Days glänzten aber durch Abwesenheit und Lovvers bekam ich nicht mehr mit. Nicht schlimm, denn nach so vielen 2008 absolvierten Konzerten ist die Aufnahmefähigkeit logischerweise begrenzt. Und die zwei verbliebenen Bands versprachen auch noch einen gelungen Konzertabend...

Von Sky Larkin hatte mir Christoph schon oft vorgeschwärmt. Immer wenn ich ihn in den letzten Wochen am Telefon hatte, kam er irgendwann auf die junge Bands aus Leeds zu sprechen. "Habe jetzt Karten für Sky Larkin gebucht", erzählte er mir z.B. vor ein paar Monaten. Als ich verwundert nachprüfte, ob denn das Trio bereits Headliner für eigene Clubkonzerte in Deutschland sei, erfur ich, daß sie lediglich im Vorprogramm von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band auftraten. Hinterher schrieb er mir begeistert eine E- Mail: Sky Larkin waren großartig, Conor hingegen laaaaaangweilig!

Auch ich bekam in Paris die Gelegenheit die gleiche Kombination - Sky Larkin und Conor Oberst - zu sehen. Allerdings verpasst ich den Auftritt der Engländer trotz der Lobhudelungen von Christoph. Ehrlich gesagt: das war mir piepegal! Gerade in Frankreich werden Vorbands nämlich oft mit Desinteresse bestraft, was dazu führt, daß ich mich in beiden möglichen Fällen ärgere: Entweder die Vorgruppe ist wirklich mies und wird zu recht ignoriert und ich frage mich, warum ich für die Typen wichtige Lebenszeit vergeude, oder aber die Vorgruppe ist gut, bekommt aber kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dann stört mich das Verhalten der Zuschauer. Eine klassische Lose/Lose Situation so etwas!

Heute war die Ausgangslage aber anders. Bei den sogenannten Inrocks Indie Clubs in der Maroquinerie gibt es keine Vor- und Hauptgruppe im herkommlichen Sinne. Zwar bekommt die Band, die als letzte ranmuß, am meisten Spielzweit eingeräumt, aber diese unterscheidet sich nur unwesentlich von derjeneigen der vorletzten Band. Im heutigen Fall haben Los Campesinos! beispielsweise nur gut 10 - 15 länger als Sky Larkin gespielt.

Und das Trio aus Leeds nutzte ihre Dreiviertelstunde wirklich konsequent. Mit Karacho und ohne wirkliche Verschnaufpausen polterten sie durch ihr fetziges und lärmumtostes Set und sammelten mit ihrem natürlichen Charme bei mir ordentlich Pluspunkte. Sängerin und Gitarristin Katie hatte für den Abend ein besonders ausgefallenes Bühnenoutfit gewählt. Die dauernd lächelnde Frontlady trug nämlich ein grünes Filzkleid im Stile von Robin Hood, inklusive Herzchen und güldenem Lametta! Auf ihrem Kopf hatte sie ein drolliges Käppi platziert, das man so ähnlich von Hofnarren her kennt. Auch die Fuß- und Beinbekleidung war außergewöhnlich. Rot-grüne Ringelsöckchen kombinierte sie mit stylischen silberfarbenen Sneakers von Puma. Ihr rotschöpfiger Drummer machte es sich da leichter. Jeans, nackter Oberkörper, Weihnachtsmann-Zipfelmütze und ein weißer Rauschebart waren sein Dresscode. Nur der Basser machte bei dieser Maskerade nicht mit, er verzichtete gänzlich auf solchen Schnickschnack und war auch sonst eher unauffällig. Die Show gehörte dem Girl und dem explosiven Drummer mit seinem Mützchen also fast ganz alleine. Katie hatte neben ihrem tollen Dress auch eine schöne Stimme in die Waagschale zu werfen. Sie bewegte sich irgendwo zwischen Björk und jungen Rockröhren von Neo- New Wave Bands. Eine charmantes und fetziges Girl!

Die gespielten Lieder kannte ich vorher nicht, aber das war auch nicht weiter schlimm, denn heute ging es hauptsächlich darum, das Jahr ordentlich ausklingen zu lassen und nicht zu sehr trüben oder ernsten Gedanken nachzuhängen. Christoph hat sicherlich zu den einzelnen Songs in seinen Reviews auch schon eine Menge erzählt. Ich beschränke mich somit auf den Verweis an den Kollegen. Allerdings gab es heute ein Weihnachtsspecial: Bei dem angekündigten Christmas Song handelte es sich witzigerwiese um... Last Christmas von Wham! Wham, igitt! Die mochte ich noch nie, aber ich kann mich noch sehr gut an das Lied erinnern, das jedes Weihnachten wieder ausgraben wird und auch das (eigentlich gar nicht so schlechte) Video ( hier gucken) mit der Feier in einer verschneiten Berghütte ist bei mir noch präsent.

Und was soll ich sagen? In der Version von Sky Larkin war das Lied wirklich gut! Der Schmalz und der klebrige Zuckerguß, der dem Original anhaftete, wurde kurzerhand durch einen schrägen Basslauf und eine heulende Giatrre ersetzt. Und es sang auch nicht George Michael (Gott sei Dank!) sondern Katie. Frohe Weinhachten!

Witzige Szene zum Abschluss: Drummer Nestor Matthews hatte sich dermaßen verausgabt, daß er minutenlang geschlaucht am Boden liegen blieb!

Aber Nestor sollte nicht der einzige Schlagzeuger des Abends bleiben, der im Weihnachtsmanngewand hinter seiner Schießbude agierte. Lustigerweise hatte sich nämlich auch Olli Campesinos einen weißen Bart umgehangen und ebenfalls eine rote Zipfelmütze aufgesetzt (ob das die gleichen waren und sie in der Kabine einfach nur getauscht hatten?).

Als erste der Campesinos! Familie erschien aber Ellen. Wow, sah die scharf aus! Rote Strähnchen peppten ihren Blondschopf auf und ihren aufregenden Körper hatte sie in ein rot-weiß gepunktetes Sixties-Kleid gehüllt. Dazu trug sie schwarz-weiße Pumps und selbst der Bass war farblich abgestimmt. Was ich von meiner Position aus nicht sah: Ellen hat ein Zungenpiercing! Als ich mich nach dem Konzert auf der Terrasse der Maroquinerie ein wenig mit ihr unterhielt, sah ich es ganz deutlich. Mamma Mia!...

Im Verlaufe des Konzertes fixierten meine Augen aber ein anderes Mädel der Band und zwar Harriet, die Violinistin. Ein ganz anderer Typ als Ellen, zumindest äußerlich. Flache Ballerinas, ein blaues Samtkleid und dazu ein entzückendes Lächeln so daß ihre wundervollen grünen Augen strahlten. Ich war verliebt. Zumindest platonisch. Ein Mädchen neben mir im Publikum bemerkte, daß ich Harriet permanent abknipste und zwinkerte mir zu: "Elle es très belle, hein?" - Sie ist sehr hübsch, oder? Ich war etwas verlegen, fand aber schnell meine Fassung wieder und antwortete knapp: "Ich brauch' die Fotos für eine Musikseite, das ist alles"...

Die dritte junge Frau in der Band, die Keyboarderin und Glöckchenspielerin Aleks befand sich schließlich in dem anderen Winkel des Saales und war somit ein wenig aus meinem Blickfeld. Auch sie war wie immer herzallerliebst und sehr stilvoll. Eine Art Alexandra Maria Lara der Indie-Musikszene. In einem wunderbaren Moment zeigte sie ihr schönstes Lächeln, so daß die Sonne aufging, ansonsten schien sie aber immer ein wenig traurig und nachdenklich. Sie wirkte so blaß, dünn und auch ein wenig müde, was mir Sorgen um ihre Verfassung bereitete.

Kurzum: Für die Stunde des Konzertes war ich gleichzeitig in Ellen, Harriet und Aleks verknallt, ich glaube in Harriet am meisten! Und es halte mir jetzt auch niemand Notgeilheit oder Untreue vor. Ich spreche hier von der reinen, unschuldigen und platonischen Anziehung durch drei reizende weibliche Geschöpfe, so wie ich sie zuletzt als Grundschüler für die Lieblingsmädchen aus meiner Klasse empfunden habe...

Aber es gibt ja auch genügend männliche Wesen bei Los Campesinos! Sie sind sogar in der Überzahl, so daß sich auch die weiblichen Zuschauer in der Maroquinerie nicht beschweren konnten. Wer wohl ihr Favorit war? Ollie, der spindeldürre Drummer mit den flinken und reaktionsschnellen Armen? Oder der Doppelpack aus den beiden Gitarristen Neil (trug T-Shirt von den Parenthetical Girls) und Tom (sein T-Shirt war von Deerhoof), die oft in das gleiche Mikro schreien? Oder am Ende doch der stets gutgelaunte Sänger Gareth, der seit dem letzten Konzert in Paris wieder ein paar Pfündchen zugelegt hat, ohne jedoch wirklich dick oder punmmelig zu sein? Hmm, wäre ich eine Frau würde ich Neil nehmen. Glaube ich zumindest. Oder Tom, der spricht nämlich sogar ein kleines bißchen französisch, weil seine Mutter bekanntermaßen Französischlehererin ist, was Gareth regelmäßig in Paris schamlos ausnutzt und den armen Tom immer als Dolmetscher vorschickt. "Tom, sag' mal was, Du kannst doch französisch!" Der braunhaarige Kerl ist dann immer ganz verdutzt und stammelt sinnloses Zeug vor sich hin. Immerhin bekam er einen wichtigen Satz zustande: "Joyeux Noel" (denkt Euch bitte die Pünktchen auf dem E dazu, ich finde die Tastenkombination nicht!) - Fröhliche Weihnachten!

Aber mal ganz kurz weg von den Musikern und hin zu den Songs. Die kamen gewohnt schräg, tempogeladen und wahnsinnig laut rüber und wie immer bekamen die falschen Waliser auch hin, vor lauter Aktion einigermaßen Struktur reinzubringen. Manchmal hat man zwar den Eindruck, sie hätten zu viele Ideen auf einmal unterbringen wollen, aber am Ende passt es dann doch irgendwie. Und zu perfekt und harmonisch wollen sie ja auch gar nicht sein, ihr leicht chaotisches Spiel und der schiefe Gesang von Gareth wird letzlich immer von der lieblichen Stimme von Aleks gerettet.

Innerhalb der einzelnen Songs des Sets zogen auch schon die vier neuen Stücke recht gut, aber letztlich platzte der Knoten beim Publikum erst so richtig mit dem alten Hit You! Me! Dancing! Von da an gab es bei den Zuschauern eigentlich kein Halten mehr, die Leute hüpften wie aufgedreht umher und zauberten so eine sensationelle Stimmung herbei! Kaum einen hielt es jetzt noch an sich. Als hätten die Campesinos Lachgas versprüht und sämtliche Bewegungsblockaden bei den Parisern gelöst! Vier Lieder lang glich das Konzert somit einem Abiball nach dem 5. Liter Bier und so ließen es sich auch die Bandmitglieder nicht nehmen, ins Publikum abzutauchen. Neil wurde auf Händen getragen und selbst die schüchterne Aleks kletterte nun wie die anderen auf eine Box und sang von dort aus weiter...

Was für ein gelungener Abschluss eines ereignisreichen Konzertjahres 2008!!

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Lesern vielmals für ihr Interesse bedanken und von Herzen frohe Weihnachten wünschen. Schaut auch an und nach den Feiertagen immer mal wieder bei uns vorbei. Es warten nämlich noch unsere beiden Listen mit den besten Konzerten des Jahres 2008 auf euch! Stay tuned!

Danke, Merci! Frohe Weihnachten! Seid lieb zu Papi, Mami und den Geschwistern...


Setlist Los Campesinos!, La Maroquinerie, Paris:

01: Ways To Make It Through The Wall
02: The International Tweexcore Underground
03: All Your Kayfabe Friends
04: Death To Los Campesinos!
05: Miserabilia
06: This Is How You Spell, Hahaha, I Destroyed The Hopes And Drams Of A Generation Of Faux-Romantics
07: Knee Deep At ATP
08: Documented Minor Emotional Breakdown # 1
09: My Year In Lists
10: You! Me! Dancing!
11: We Are Beautiful, We Are Doomed
12: Sweet Dreams, Sweet Cheeks

13: Broken Hearts Sounds Like Breakbeats (Z)


- Fotos von Sky Larkin hier
- Mehr Fotos von Los Campesinos! hier

- Rockingparis hat ein tolles Video von Los Campesinos! gefilmt. Man sieht dort Gareth, wie er Sky Larkin, Lovvers und das ganze Label Wichita lobt und auch den Hit Sweet Dreams, Sweet Cheeks. Hier klicken, da geht die Party am Ende ab!




3 Kommentare :

E. hat gesagt…

ich wollte ja erst einmal den bericht über den verrückten gogol lesen! also, lass die campesinos waren und informiere über den aufgedrehten vogel.

werbung in eigener sache auf einer ganz anderen seite, die darüber hinaus auch einen besuch lohnt: http://slowcoustic.com/

Frank hat gesagt…

Hey Jungens! Wünsch' euch auch frohe Weihnachten. Freu mich schon auf Konzerte und Berichte in 2009...

Christina hat gesagt…

ich komme immer noch zweimal täglich hierher, um mir die Bilder von Katie in ihrem Weihnachtswichtelkostüm anzugucken <3 !
Zum Glück kommen Sky Larkin ja im Februar ja auch mal ohne die nervigen LC! auf Europatour ;)

 

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