Montag, 5. November 2007

Los Campesinos!, Brüssel, 04.11.07


Konzert: Los Campesinos!

Ort: Botanique Brüssel
Datum: 04.11.2007
Zuschauer: etwa 50


Wenn man sich selbst einen Hype schafft, ist das Risiko groß, daß die Band, die man so großartig findet, sich dann irgendwann als Enttäuschung rausstellt. Auch wenn bei mir am Anfang der großen Liebe zu Los Campesinos! schon ein Liveauftritt steht (beim Wireless Festival im Sommer in London), habe ich die Band danach zwangsläufig nur auf Platte gehört. Eigentlich hätte sich die Live-Gelegenheit schon im Rahmen der PopKomm ergeben, da sagten Los Campesinos! aber kurzfristig ab, weil die Aufnahmen für ihr Debütalbum in Kanada noch nicht abgeschlossen waren und überließen uns dem allgegenwärtigen Gentleman Reg.

In Festland-Europa waren mir nur wenige LC! Termine bekannt, ein paar in Frankreich kommende Woche, München und Berlin in den
nächsten Tagen und Brüssel. Da Brüssel von Köln aus am schnellsten erreichbar ist (und da ein Warten auf die Tour nach Albumveröffentlichung im Januar wirklich nicht möglich war...), sollte es also im Botanique sein.

Das Botanique ist offenbar Teil des Botanischen Gartens in der Innenstadt Brüssels und beherbergt neben einem Museum, einigen Bars und Kneipen auch mehrere Clubs, bzw. Säle, in denen Konzerte stattfinden. LC! sind (noch) zu klein, um die Räume mit den aufregenderen Namen, die Rotonde oder die Orangerie, zu füllen, das Konzert fand also im Keller, in einer Witloof Bar statt. Wir hatten vorher noch Zeit, das Gebäude zu erkunden und waren hin und weg. Das in den 80ern zum Kulturzentrum gemachte Haus ist voll mit Pflanzen, Fischteichen und hat überall
Säle und Räumchen, in denen Konzerte stattfinden. Neben Los Campesinos! traten Sonntag noch die Blood Red Shoes auf.

Musiktouristfreundlich begann das Programm um acht. Vorgruppe waren die ebefalls sehr gehypten Vampire Weekend aus New York. Die vierköpfige Band ist brandneu, ihr erstes richtiges eigenes Konzert fand im Sommer in den USA statt, supportet aber bereits die Shins in Frankreich und England. Ihr Stil wird als Afro-Pop beschrieben, eine genannte Referenz ist Paul Simon... Hätte ich das vorher gelesen, wäre ich vermutlich verschreckt worden, gemerkt habe ich von den Einflüssen ganz ehrlich aber nichts.

Die Witloof Bar ist ein kleiner, sehr luftiger Keller für 200 Leute, in dem überall
Säulen stehen - auch auf der Bühne. Den Schlagzeuger der Band konnte man von den Seiten gar nicht sehen, weil immer eine der Backsteinsäulen im Weg war.

Gefallen hat mir Vampire Weekend sehr. Die Band macht sehr hörenswerten Indie-Rock, mit Schlagzeug, Bass, Gitarre und Keyboard und mit einem Sänger mit fabelhafter Stimme. Einige der Lieder des Abends klangen wahnsinnig vielversprechend und machen mich neugierig auf ein Album.

Setlist Vampire Weekend Botanique Brüssel:

01: Campus
02: Mansard roof
03: Cape Cod Kwassa Kwassa
04: M79
05: Bryn
06: I stand corrected
07: A-Punk
08: One (Blake's got a new face)
09: The kids don't stand a chance
10: Oxford comma

Wie sieben Musiker sich den knappen Bühneplatz dann aufteilen wollten, war uns ein Rätsel! Noch dazu benötigt die Band aus Wales reichlich Platz für Keyboards und so tolle Instrumente wie Glockenspiel, Melodicas, Kuhglocken, Rasseln, Geige... Aber es funktionierte. Denn um neun bauten sich vor den Säulen sechs der sieben Los Campesinos! auf, nur deren Schlagzeuger blieb im Hintergrund. Vorne standen Aleksandra (Keyboard und Gesang), die mit einer Tasse Tee auf die Bühne kam, Bassitin Ellen, Sänger und Keyboarder und Glockenspieler Gareth, die beiden Gitarristen Tom und Neil und Harriet, die Violine und Keyboard spielt.

Die Vielzahl der Instrumente macht einen besonderen Reiz der Band aus. Es passiert in jedem Lied dauernd irgend etwas. Diese Klangkombinationen ergeben einen ganz eigenen Stil - und im Gegensatz zu anderen Bands, die so etwas betreiben
(Architecture in Helsinki), famose Popsongs. Die Debüt-EP der Waliser "Sticking fingers into sockets" enthält einige davon, die Hymne "You! Me! Dancing!", die fabelhaften "Don't tell me to do the math(s)" oder "We throw parties, you throw knives".

Gareth begrüßte uns, sagte, sie seien Los Campesinos! aus Wales bei England, und sie seien zum ersten Mal in Belgien. Auf seine Nachfrage sagte nur einer der Gitarristen, er hätte schon mal einen Schulausflug nach Spa gemacht, was die belgischen Besucher wunderte. Er erklärte
das aber damit, daß es eben eine Klassenfahrt gewesen sei, er habe keine Wahl gehabt.

Das Konzert begann dann mit einem mir unbekannten Lied, das im Titel irgendetwas mit "Broken heart" hat. Es heißt aber sicher anders, denn LC! nennen ihre Lieder lieber ausführlich ("
...Tweeshake + roll our eyes in unison"). Das neue Stück gefiel mir gleich sehr gut - es kannte aber wohl niemand der Zuhörer bisher. Danach folgte mit "Don't tell me to do the math(s)" gleich ein Höhepunkt! Zu dem Lied gibt es übrigens eine schöne Anekdote. Am Anfang heißt es da "Don't read Jane Eyre!" In einem Brontë-Forum schrieb dazu jemand, es gäbe da eine tolle neue Band, nur hätten die wohl etwas gegen Charlotte Brontës Roman. Gareth Los Campesinos! antwortete daraufhin dort, dies sei nur ein Zitat, sie selbst seien eine Band, in der einige Studenten der Literaturwissenschaften seien, sie schrieben niemals etwas Negatives über Jane Eyre!

Gestern fragte er dann später, was sie denn an ihrem freien Tag in Brüssel am Montag machen könnten. Er habe zwar nichts mit Kultur am Hut, die anderen aber schon! Er habe aber immerhin eine Filiale einer englischen Bäckereikette entdeckt.

Das Set ging weiter mit der aktuellen Single "
The international tweexcore underground", wieder gefolgt von einem neuen Lied. Einziges Manko bei dem Konzert war, daß das Mikro von Sängerin Aleks zu leise eingestellt war. Gerade bei Liedern wie "The international tweexcore underground" fiel das auf. Aber dafür, daß der Keller mit seinen Säulen sicher kein Soundmann-Paradies ist, war es ansonsten sehr gut abgemischt.

Das Programm des 45-minütigen Auftritts war gut gemischt. LC! spielten vier mir neue Lieder, die fünf "richtigen" Lieder der EP, die beiden auf der ersten Demo EP "Hold on now, youngster" erschienenen Stücke "
Death to Los Campesinos!" und "Sweet dreams, sweet cheeks", die es bei der walisischen BBC gibt und eben die aktuelle Single. Leider waren die meisten Lieder der Mehrzahl des Publikums nicht genug bekannt, um riesige Stimmung zu erzeugen. Aber bei "You! Me! Dancing!" gröhlte der ganze Saal mit. Wow!

Los Campesinos! schaffen es, ihren komplexen Sound live perfekt wiederzugeben.
Das wurde beim ewig langen Intro zu "You! Me! Dancing!" deutlich. Da stand Gareth zunächst am Schlagzeug und spielte auf den Becken. Das Lied steigert sich immer weiter und setzt mit wildem Glockenspiel richtig ein. Das machte der Sänger dann auch wieder. Und dabei traf er trotz wildem Hämmerns auf das Mini-Xylophon die richtigen Töne erstaunlich gut. Wichtiges Element des LC! Sounds ist auch die Geige von Harriet, die bei den meisten Liedern zum Einsatz kommt. Die Frau, die ein Blümchenkleid trug, singt aber auch oft die Background Stimme.

Es ist nicht richtig zu beschreiben, es ist aber ein einmaliges Erlebnis, diese Band zu sehen und zu hören! (Ich hoffe natürlich nicht, daß es als echtes Konzert einmalig bleibt). Für mich sind Los Campesinos! die mit Abstand aufregendste Band seit sehr langer Zeit. Ich freue mich schon jetzt irre auf das für Anfang des Jahres angekündigte Album und auf die von Gareth für Januar angedeuteten Konzerte in Deutschland! "Wales near England" hat da eine grandiose Band hervorgebracht - auch wenn keiner der Sieben aus Wales stammt...

Ein heißer Kandidat für das Konzert des Jahres.

Setlist Los Campesinos! Botanique Brüssel:

01: Broken heartbeats sound like breakbeats

02: Don't tell me to do the math(s)
03: The international tweexcore underground
04: Drop it doe eyes
05: Death to Los Campesinos!
06: We throw parties, you throw knives
07: It started with a mixx
08: Knee deep at ATP
09: ...Tweeshake + roll our eyes in unison
10: You! Me! Dancing!
11: Sweet dreams, sweet cheeks

12: Frontwards (Z)

Links:

- Los Campesinos! beim Wireless Festival in London (17.06.07)
- mehr Fotos




7 Kommentare :

Christina hat gesagt…

Das war soooo toll, ich kann es immer noch nicht fassen!!!

Christina hat gesagt…

"Broken Heartbeats Sound Like Breakbeats" vielleicht? Das habe ich irgendwo in einer schrecklichen Liveaufnahme...Ich kann mich aber gerade gar nicht dran erinnern, ob es das war.

Christoph hat gesagt…

Ganz sicher sogar!

ichbinbesseralsdu hat gesagt…

Wenn Ihr wenigstens einmal richtig recherchieren wuerdet, statt Euch nur damit zu bruesten, die Band "als Erste" gesehen zu haben...

"(sie hatte nämlich keine Auftritte außerhalb Großbritanniens)."
--> Von wegen! Am 29.06. dieses Jahres zum Beispiel im Razzmatazz in Barcelona. Von den Auftritten in den USA im Sommer ganz zu schweigen.

"auch der erste Auftritt der Band in Europa (also jenseits des Kanals)."
--> Tja, 03.11.07 im Paradiso in Amsterdam.

Sechs, setzen! ;-)

Christoph hat gesagt…

Tja, da bist Du wohl besser als ich.

Vielen Dank für die Hinweise! Die Band hat gestern einen anderen Eindruck erzeugt. Ich habe Deine Anmerkungen (unrecherchiert) übernommen und den Artikel korrigiert.

Aber es ging nicht ums Brüsten, mir war sehr wohl bewußt, daß ich die Band nicht als erster gesehen habe.

Christina hat gesagt…

Die Aussagen der Band bezogen sich ja auch auf die Praxis des Zugaben spielens im europäischen Festland...vielleicht durften sie am Abend vorher nicht, weil es im Rahmen dieses London Calling Festivals war?
Dass man das schon mal falsch verstehen kann ist doch kein großer Fehler. Finde ich.

oliver r. hat gesagt…

Ich finde den Bericht meines Mitbloggers sehr gut recherchiert und geschrieben! In Paris habe ich erfahren, daß ein Konzert der Band genauso abläuft, wie Christoph es beschreibt.

Der Kommentar "sechs, setzen" belegt wieder einmal das oberlehrerhafte deutsche Wesen. Da ändert auch das Emoticon mit dem Zwinkerauge nichst dran.

 

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