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um
22:17
Konzert: Hannah Lou Clark
Ort: Gamla Bió, Reykjavik (Iceland Airwaves)
Datum: 03.11.2016
Dauer: knapp 30 min
Zuschauer: ein paar hundert
Hannah Lou Clark sagte mir vor dem Airwaves Festival nichts. Wahrscheinlich hätte ich mir die Engländerin auch nicht angesehen, hätte mir nicht eine Freundin vorher dringend dazu geraten. Bei der Masse an mir unbekannten Bands war ich sehr dankbar für solche Hinweise. Für diese halbe Stunde musste ich mich schon einmal nicht durchs sonstige Lineup hören.
Hannah Lou Clark spielte im Gamla Bió, der ehemaligen Oper ganz in der Nähe der Harpa. Der alte Opern-Saal des Gamla Bió ist wundervoll und erinnerte mich ein wenig an Säle wie das Stollwerck oder das E-Werk in Köln. Dummerweise diente der Raum aber auch denjenigen, denen das Foyer zu kalt war, als Unterhaltungsort, das Konzert war eines von wenigen beim Airwaves mit einem furchtbar unaufmerksamen Publikum.

Die Quatscher verpassten viel, der Auftritt der Engländerin war sehenswert! Hannah Lou Clark stammt aus der Nähe von Reading und war zuletzt in einer Band namens Foe aktiv, mit der sie eine EP und 2012 eine Platte veröffentlichte. Seitdem ist die Sängerin unter ihrem Namen aktiv. Während Foe ziemlich theatralischen Pop machte, der mich ein wenig an die Dresden Dolls erinnert, ist Hannahs Solomusik auf Gitarre, Schlagzeug, Bass und ihre Stimme reduziert. Sehr weit weg von Künsterlinnen wie PJ Harvey oder Scout Niblett war das nicht, was die Britin mit ihrer Band spielte. Die drei Frauen (Bass, zweite Gitarre, Hannah) und der Mann (Schlagzeug) klangen sogar einmal (bei Silent Type) nach Dinosaur jr.
Mir gefiel der halbstündige Auftritt von Hannah Lou Clark sehr gut. Bei Airwaves dominieren isländische Musiker. Die wenigen internationalen Acts (jedenfalls die, die ich gesehen habe), waren ausgezeichnet ausgewählt, die junge Engländerin war da keine Ausnahme.
Setlist Hannah Lou Clark, Gamla Bió, Reykjavik:
01: Matilda
02: Don't sweat it
03: Cowboy Joe
04: We're rich
05: It's your love
06: Silent type
07: Grief underneath
um
13:06
Konzert: Björk
Ort: Harpa Eldborg, Reykjavic (Iceland Airwaves)
Datum: 05.11.2016
Dauer: 47 & 44 min
Zuschauer: 1.800 (ausverkauft)
Ende September kündigte das Iceland Airwaves einen zusätzlichen Programmhöhepunkt an: Björk, der größte Star der Insel würde ein Konzert während des Festivals spielen. Nicht auf dem Festival, während des Festivals, ein wichtiger Unterschied. Das Konzert war nämlich nicht Bestandteil des Eintrittspreises, Tickets mussten zusätzlich gekauft werden und kosteten gleich viel oder eine Spur weniger (die schlechten Karten) als das Festival selbst. Wir redeten uns das hinterher damit schön, daß unsere Plätze in der letzten Reihe ganz oben gerade mal zehn, zwölf Bier gekostet hatten.
Zwei Stunden später hätte es mir auch nichts ausgemacht, hätten wir das Doppelte bezahlt. Aus dem "Björk in Island ist schon besonders, laß uns das machen" war ein atemberaubend ergreifendes Erlebnis geworden.
Ich habe Björk 1993 mit ihrem Album Debut kennengelernt und hatte eine kurze, intensive Fanphase, die sich aber wegen all dem anderen, was Anfang der 90er Jahre erschien, nicht richtig durchsetzte. Seitdem schätze ich die Künstlerin Björk, interessiere mich aber für ihr Werk nicht mehr sehr. Ich wusste überhaupt nicht, was uns erwarten würde, als wir ganz oben Platz nahmen. Auf der ameisengroßen Bühne standen hufeisenförmig aufgebaute Stühle. Um fünf nach fünf kam eine unüberschaubar große Menge Streicher (es waren 30) in langer Reihe auf die Bühne und setzte sich. 10 Cellisten rechts, 20 Violinisten und Bratschisten links. Als alle saßen, trat der Dirigent auf, nach ihm Björk in einem roten Kleid, das an eine Erdbeere erinnerte und das der portugiesische Designer David Ferreira entworfen hat.
In der folgenden Dreiviertelstunde waren Kleid, Eintrittspreis, nächste Konzerte und alles andere allerdings ganz weit weg. Im großen Saal der Harpa gab es nur Björks tieftraurige Elfenstimme und die Streichertöne, die sie begleiteten. Erst nach dem letzten Hall jedes Liedendes wagte das Publikum zu applaudieren. Auch wenn man nicht um die Entstehungsgeschichte der Lieder wusste, spürte und hörte man, daß die Stücke nicht von einer glücklichen Liebe handeln.
Die erste Konzerthälfte bestand aus den ersten sechs Stücken von Björks letzten Album Vulnicura, mit dem die Künstlerin das Ende der Beziehung zu ihrem langjährigen Partner Matthew Barney verarbeitet. Björk tigerte von rechts nach links über die Bühne, sang, jede Silbe betonend (sie spricht auch so, wie wir später erfuhren) und durchlebte wohl wirklich eine ganze Menge des Schmerzes noch einmal musikalisch.
Für mich weit über der Künstlerin sitzend, war das Konzert eines, wie ich es noch nie erlebt habe. Uns hatten Freunde am nächsten Tag erzählt, sie seien auch in der Björk-Ausstellung gewesen, die in der Harpa gezeigt wurde. Mit Virtual-Reality-Brillen sei man dort in Björk-Videos eingestiegen, habe sich wie die Sängerin selbst gefühlt. Auch im Konzertsaal mit seinem brillanten Klang war nur Björk (und ein paar Streicher), nur ihre Stimme. Es war hochgradig faszinierend.

Nach Notget traten Sängerin und Orchester ab. Auf der Bühne wurden Plätze für eine paar Kontrabässe aufgebaut. 25 min später kamen das Ensemble und Björk (diesmal in einem blauen Ungaro-Kleid) zurück. Der zweite Teil des Konzerts, der inklusive der Zugabe Pluto (von Homogenic - eines der wenigen ganz alten Stücke des Abends) noch einmal fast eine Dreiviertelstunde dauert, ist stilistisch nah am ersten, auch wenn einige der Stücke eine weniger düstere Grundstimmung haben. Aber es bleibt Björks Stimme unterstützt von Streichern, nichts anderes, keine Beats etwa. Und genau das macht das Konzert so eindrucksvoll.
Im zweiten Teil singt die Isländerin, die mit ihrer Band The Sugarcubes auch Teil der Ausstellung des Reykjavik Punk Museums ist, das in der Woche des Festivals im Beisein von Johnny Rotten in einer ehemaligen öffentlichen Toilette eröffnet wurde, noch zwei weitere Lieder von Vulnicura (Mouth mantra und Quicksand) und u.a. die Singles Bachelorette und Jóga (von Homogenic - von 1997).
Natürlich wäre das Festival auch ohne Björk phänomenal gut gewesen. Die kleine Frau im Erdbeer-Kleid, machte die Woche aber dann noch eine Spur magischer.
Setlist Björk, Harpa Eldborg, Reykjavik:
01: Stonemilker
02: Lionsong
03: History of touches
04: Black lake
05: Family
06: Notget
07: Aurora
08: I've seen it all
09: Jóga
10: Vertebræ by Vertebræ
11: Quicksand
12: Mouth mantra
13: Bachelorette
14: Pluto (Z)
Links:
- Björk, Reykjavik, 05.11.16
- unsere Berichte vom Iceland Airwaves
um
10:10
Konzert: Die Nerven
Ort: Húrra, Reykjavik (Iceland Airwaves)
Datum: 03.11.2016
Dauer: gut 40 min
Zuschauer: vielleicht 250 (volle Kneipe)
Ich habe gut drei Jahre und 2.200 km gebraucht, um endlich einmal Die Nerven live zu sehen und nach drei Minuten dachte ich, die ersten drei Jahre unserer Beziehung seien die besseren gewesen. Schlagzeuger Kevin Kuhn kam in T-Shirt und Unterhose auf die Bühne des Húrra, einer kleinen Kneipe in der Nähe des Kunstmuseums. Seine beiden Kollegen, Gitarrist Max Rieger und Bassist Julian Knoth waren zwar komplett bekleidet, schlossen sich aber Kevins Rockposen an. Albtraum war ein passender Titel für den Auftakt. Das also ist die spannendste Band* der spannenden Stuttgarter Szene? Dieses Rockgejamme? Es war zu voll, um gleich wieder rauszugehen - aber 40 Minuten können lang sein, wenn die Band schlimm ist.

Ein paar Augenblicke später dachte ich schon, daß 40 Minuten viel zu kurz sind. Im zweiten Lied (Barfuß durch die Scherben vom letzten Album Out) schwenkte meine leicht angeekelte Distanz um in kritiklose Begeisterung. Es stimmte, was alle auf mich eingeredet hatten, die Gruppe aus Esslingen ist eine fantastische Liveband mit mitreißenden Songs und faszinierend viel Energie.
Auch wenn viele Deutsche beim Airwaves waren, kannte sicher die Mehrheit im Saal vorher nichts von den Nerven. Aber sehr schnell zappelte jeder, auf der Bühne war auch wirklich reichlich überschüssige Energie vorhanden.
Die beiden Sänger Julian (der auch als All diese Gewalt Musik macht) und Max wechselten sich ab, stilistisch änderte sich dadurch nichts (es gibt ja solche Bands mit zwei Sängern, in denen die jeweilige Lieder typisch für den Sänger sind, Wolf Parade zum Beispiel).
Die Rockgesten, die es immer wieder gab, brauche ich nicht. Aber sie nervten irgendwann auch nicht mehr, weil die Lieder und die Art, wie sie gespielt wurden enorm stark waren. Bestes Stück war Angst, wobei sich das alles nicht viel nahm.
In den letzten Tagen bin ich unfreiwillig über einige dieser offenbar jetzt überall auftauchenden entsetzlichen Musiker wie Mark Forster, Tim Bendzko, Max Giesinger (vorher nie gehört) und Wincent Weiss (auch nicht) gestolpert. Wenn von einer neuen Musiker-Generation aus Deutschland die Rede ist, fallen diese Namen. Kein Wunder, daß man nach Island reisen muß, um die tollen deutschen Bands wie die Nerven oder Warm Graves kennenzulernen.
Setlist Die Nerven, Húrra, Reykjavik:
01: Albtraum
02: Barfuß durch die Scherben
03: Gerade deswegen
04: Schrapnell
05: Dreck
06: Blaue Flecken
07: Roter Sand
08: Angst
09: Der letzte Tanzende
Links:
- aus unserem Archiv:
- Die Nerven, Reykjavik, 03.11.16
- Die Nerven, Mannheim, 03.06.16
- Die Nerven, Bonn, 22.10.15
- Die Nerven, Rüsselsheim, 11.07.15
- Die Nerven, Stuttgart, 06.02.14
- Die Nerven, Stuttgart, 17.01.14
- Die Nerven, Karlsruhe, 07.12.13
- Die Nerven, Stuttgart, 06.09.13
- Die Nerven, Stuttgart, 01.08.13
* wobei sich da die Gelehrten streiten und auch Karies nennen
um
22:21
Konzert: Beliefs
Ort: Bíó Paradís
Datum: 03.11.2016
Dauer: knapp 35 min
Zuschauer: vielleicht 80
Meine Airwaves-Planung war choatisch. Als wir Mittwoch in Reykjavik ankamen, hatte ich noch kaum eine Idee, welche der drölfhundert mir unbekannten Bands ich mir ansehen würde. Wie gut, daß ich Freunde mit Ahnung und stilsicherem Musikgeschmack habe. "Gerade gesehen, dass die wunderbaren Beliefs aus Toronto auch dort spielen werden. Die sind wirklich toll." Also Beliefs!
Die kanadische Band spielte im Bíó Paradís, was ich für einen Bio-Laden gehalten hatte, sich aber als ein Bistro herausstellte. Es sah wenigstens nach einem aus. Der Laden hatte eine Glasfront, vor der Beliefs ihre Instrumente aufbauten, als ich ankam. Davor standen Tische und Stühle, am anderen Ende des Raums eine Bar. So weit noch Bistro. Es roch allerdings nach Kino. Fast jeder der einheimischen Besucher kaufte nämlich Popcorn als Konzertessen, das hatte ich auch noch nicht. Von vorne laute Shoegaze-Musik, von hinten Popcorn-Duft... das "Paradís" im Namen verstand ich!
Auch wenn ich die beiden Platten der Kanadier schon vor dem Konzert gehört hätte, hätte ich kein Lied erkannt. Beliefs spielten nämlich ausschließlich neue, unveröffentlichte Stücke. Da die Band vor allem vor Leuten spielte, die sie nicht kannten, war es ja egal, ob sie ein Best of oder eben die neue Platte spielt. Also kann man auch gleich testen, ob die neuen Songs live funktionieren.
Beliefs wurden ursprünglich als Duo von Josh Corody und Jesse Crowe gegründet. Live wurden sie von einem Schlagzeuger und einem Keyboarder unterstützt. Josh und Jesse (die im anderen Leben einen Frisörsalon in Toronto betreibt) haben sich über die gemeinsame Liebe zu Bands wie My Bloody Valentine kennengelernt. Mich verbindet mit der rothaarigen Sängerin, daß wir auf die Frage nach den besten Konzerten der letzten Jahre mit "Slowdive" antworten würden.
Das Konzert war herrlich laut! Shoegaze-Bands müssen Krach machen, leise macht das alles kaum Sinn. Das Schöne an dieser Art Musik ist aber, daß die irre lauten Lieder immer noch wundervoll klingen, beautiful noise. Manche der Stücke waren wild; bei Comb beispielsweise sang erst Josh, wozu Jesse tanzte. Irgendwann wurde es noisig, die rothaarige Frau brüllte am Ende. Auch Retreat / Light the fire war enorm krachig mit zwei Schlagzeugern.
Mein Liebling kam kurz vor Ende. Das letzte Stück Faulty hatte einen enorm monotonen Rhythmus und wundervolle Gitarren! Sicher wird das auch auf der neuen Platte mein Liebling.
Wie schön das doch ist, wenn man sich auf seine Freunde verlassen kann. Der Tipp, Beliefs anzusehen, war hervorragend, die Band ein großer Spaß!
Setlist Beliefs, Bio Paradis, Reykjavik:
01: Divided youth
02: 1994
03: All things considered
04: Swampcore
05: Half empty
06: Comb
07: Retreat / Light the fire
08: Shadow of the son
09: Faulty
um
18:08
Konzert:
PJ Harvey (120 min)
Mammút (40 min)
Kevin Morby (40 min)
Ort: Valshöllin Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 6. November 2016
Zuschauer: etwa 1500
Die schönen Fotos sind von Claudia - Vielen Dank!
Ich sprach schon in meinem Bericht über das Björk-Konzert darüber, dass ich etwas unfreiwillig Heroen-Konzerte in Island zu "sammeln" scheine. Für den letzten Tag - und sicher als Finale gedacht - stand für das Airwaves Festival in Reykjavík PJ Harvey als Headliner in dem einzigen großen Venue fest, das am Sonntag bespielt werden würde. Dem Programm konnte man entnehmen, dass man hierfür extra ein Ticket (im wahrsten Wortsinn) erstehen musste, das am Freitag ab 12:00 Uhr ausgegeben würde. Was uns in dem Moment noch nicht so recht klar war, dass dies das Ticket für die gesamte Sonntagsveranstaltung in Valshöllin, einer Sporthalle am Nordrand von Reykjavíks Innenstadt war.
Ich muss zugeben, dass ich mich der Tortur einer fragwürdigen Ticketschlange sicher nicht unterzogen hätte, wenn ich allein in Reykjavík gewesen wäre. Aber zu dritt war es ein bisschen wie ein Klassenausflug und wir kriegten in der Schlange sogar noch den einen oder anderen Konzerttipp für unsere Freitags- und Samstagsplanung. Da wir nicht riskieren wollten, zu weit hinten zu landen, waren wir etwa eine Stunde vor Ticketausgabe da und konnten so immerhin im Vestibül der Harpa auf dem Boden sitzend warten und nachdem es mit der Ausgabe losging, waren wir in etwa 15 min tatsächlich dran. Ich beglückwünschte mich ganz besonders zu dieser Entscheidung, als wir an einem Teil der hinter uns wartenden wirklich endlosen Schlange vorbei gingen um die Harpa mit unseren Tickets in der Hand wieder zu verlassen...

Am Sonntag waren wir alle ein wenig platt vom anspruchsvollen Programm der Tage davor und es regnete den ganzen Tag in Strömen. Es war das blanke Glück, dass für die 35 min Fußweg der Regen etwas nachließ und dann sogar ganz aufhörte, denn zusammen mit dem Wind kann man sich nicht gut vor dem Durchnässen schützen. Kaum angekommen, setzte der Regen auch schon wieder ein und ich bedankte mich noch einmal ganz herzlich bei allen Wetterheiligen, die uns ein bisschen Luft verschafft hatten.

Beim hineingehen verstanden wir auch erst, dass wir ohne die Karten für PJ Harvey für den ganzen Sonntag abgemeldet gewesen wären (außer vom Programm der nicht offiziellen Konzerte natürlich). Die Halle war zu den letzten beiden Songs von RuGI noch sehr locker gefüllt und wir konnten bis ganz nach vorn gehen und auch noch ein wenig auf dem Boden sitzen. Die beiden 14-jährigen jungen Frauen wirkten vor der Kulisse der Halle schon ein wenig falsch platziert. Das anwesende Publikum applaudierte ihnen aber ganz heftig. Der eigentliche Beginn des Konzertabends war dann ein halbstündiges Set von Kevin Morby mit Meg Duffy an der Gitarre, Cyrus Gengras am Bass und seinem ehemaligen The-Babies-Bandkameraden Justin Sullivan an den Drums. Mir war die Musik und das ganze Auftreten viel zu oberflächlich und selbstverliebt und ich fand keine musikalischen Anknüpfungspunkte.
Interessanter erschien mir da die isländische Frauenband Mammút, die in ihrer Heimat Hit an Hit reihen und 2013 immerhin acht Nominierungen in den Icelandic Music Awards hatten. Zu meinem großen Missvergnügen war dies aber ein Konzert, für das Hörschutz dringend nötig war (neben dem Nerven-Konzert das einzige). Das Spektakel veranstalteten Katrína Mogensen (Gesang), Vilborg Ása Dýradóttir am Bass, Alexandra Baldursdóttir (Gitarre) mit den beiden Herren Arnar Pétursson (auch Gitarre) und Andri Bjartur Jakobsson an den Drums. Das war zwar interessant anzusehen, aber irgendwie in der Lautstärke auch zu anstrengend, um es wirklich zu genießen. Insofern war ich eigentlich schon ziemlich hin, bevor PJ Harvey überhaupt die Bühne betraten, zumal es inzwischen so voll geworden war, dass man sich auch in den Pausen nicht mehr setzen konnte, wenn man nicht zertreten oder von stolpernden nach vorne drängenden Isländern mit Bier beschüttet werden wollte.

Wie schön hätte sich das in der ähnlich großen großen Halle der Harpa gemacht, im sitzen und ohne Streß.... Aber es spricht durchaus für die Musik von PJ Harvey und ihren neun Mitmusikern, dass mich die erste Hälfte des Konzertes noch einmal voll elektrisieren konnte und die bange Frage: War es das wert? mit einem klaren JA! zu beantworten ist. Schon der Einzug als Marching-Band war einfach nur mitreißend zu nennen. Sowohl von der Inszenierung als auch von der Musik her. Anschließend war es ein wenig wie beim Kreistraining, denn die Musiker mussten oft ihre Position wechseln und waren grob im Kreis um PJ Harvey angeordnet.

Das mag etwas despektierlich klingen, ist aber nicht so gemeint, denn die große Geste der Musik und der Inszenierung kamen gut bei mir an und es entstand schon der Eindruck, dass hier alle hervorragende Musiker waren und auch voll beteiligt an dem, was als PJ-Harvey-Konzert vielleicht zu sehr auf die dominante Figur im Zentrum konzentriert wäre. Andererseits war es auch wieder richtig, denn sie war in ihrer irgenwie unaufdringlichen Art doch DIE präsente Figur auf der Bühne. Leider wurde mir nach einer Stunde Konzert die Luft im Pulk knapp und ich musste unbedingt zur Seite hinaus. Von da konnte ich immerhin noch einiges auf der Bühne erkennen aber ein ideales Konzerterlebnis sieht natürlich anders aus und schon bald wurde es auch zu vielen anderen zu dicht vorn, sodass auf meinem Seitenplatz die Luft schon wieder zu Sauerstoffarm wurde und ich nach hinten ausweichen musste, noch lange vor den Zugaben. Damit war mein PJ-Harvey-Konzerterlebnis eigentlich zu früh zu Ende. Trotzdem ging ich sehr zufrieden nach Hause mit dem Wissen, ein hautnahes Erlebnis gehabt zu haben, das seinesgleichen sucht.

Setlist:
01: Chain of Keys
02: The Ministry of Defence
03: The Community of Hope
04: The Orange Monkey
05: A Line in the Sand
06: Let England Shake
07: The Words That Maketh Murder
08: The Glorious Land
09: Written on the Forehead
10: To Talk to You
11: Dollar, Dollar
12: The Devil
13: The Wheel
14: The Ministry of Social Affairs
15: 50ft Queenie
16: Down by the Water
17: To Bring You My Love
18: River Anacostia
19: Highway 61 Revisited (Bob Dylan cover, Z)
20: Is This Desire? (Z)
Aus unserem Archiv:
The Babies, Köln, 14.06.13
The Babies, Barcelona, 25.05.13
PJ Harvey, Hilvarenbeek, 24.06.16
PJ Harvey, Paris, 24.02.11
PJ Harvey, Paris, 14.02.11
PJ Harvey, Paris, 16.11.07
um
11:13
Konzert: Björk &
Streicher der Sinfóníuhljómsveit Icelandic Symphony
Ort: Saal Eldborg im Konzerthaus Harpa in Reykjavík
Datum: 5. November 2016
Dauer: 110 min
Zuschauer: 1800 - ausverkauft
Die tollen Bilder sind von Claudia - Vielen Dank!
Es hatte sich ein wenig bescheuert - bestenfalls abenteuerlich - angefühlt, den stolzen Preis für das Björk-Konzert am Samstag Nachmittag auf ein ohnehin fantastisches und zu volles Airwaves-Programm draufzulegen (*). In den Tagen des Festivals hatte sich dieses Gefühl immerhin schon konsolidiert zu: Wie toll, dass wir wenigstens einmal ins Allerheiligste der wunderschönen Harpa kommen werden... Im Konzert jedoch habe ich mich von Gefühlen überwältigt erlebt, die ich mir (und in Wirklichkeit wohl auch Björk) nicht zugetraut hätte. Spätestens als Björk kurz vor Ende der ersten Hälfte am Bühnenrand stehend immer wieder in den Zuschauerraum sang hear me/heal me brachen bei mir alle Dämme. In der Pause schauten wir drei uns an wie weihnachtlich beschenkte Kinder - die Augen konnten schon sprechen über das wofür mir auch heute zwei Wochen später noch die Worte fehlen.

Natürlich ist Björk ein Phänomen. Weltweit und erst recht in Island. Sóley hatte ihre Cellistin vorgestellt als She plays with our Björk. Darüber hinaus ist sie schon so lange in meinem Leben präsent. Zu Beginn ihrer Solo-Karriere lief ihre Musik bei mir sehr viel und diese fast 20 Jahre alte Musik hat sich noch gar nicht abgenutzt und ist auch heute noch einzigartig und uneingeholt. In der Zwischenzeit fühlte ich mich ihr aber mehr als Frau verbunden, die in einem von Männern domierten Feld so ungestört wie möglich versucht, ihre Ideen zu verwirklichen - ihre Musik berührte mich nur noch punktuell, dafür faszinierten mich ihre Ideen, ihre Energie und dass sie mir auch als Weltstar noch so menschlich erschien - kein Idol sondern ein Vorbild. Zufällig über dieses Segment meiner täglichen Leseportionen hatte ich auch vom neuesten Album erfahren. Vulnicura - das Album, in dem sie dokumentierte, wie sie sich aus dem schwarzen Loch herauskämpfte, das sie nach der Trennung von ihrem langjährigen Lebenspartner aufgesogen hatte. Ein Album, das zunächst lange nur als Streicherstimmen existiert hatte.
In Wirklichkeit hatte ich aber vor dem Konzert gar nicht darüber spekuliert, was Björk uns in der Harpa vorsetzen würde. Und ich hatte auch noch gar nicht in Vulnicura hineingehört (wofür ich ja knapp zwei Jahre Zeit gehabt hätte). Dies war aber vielleicht auch gut so, denn so traf mich das Album mit voller Wucht in einer Verfassung wo ich bereit zum zuhören war. Begleitet nur von einem Orchester aus 27 Streichern (je neun Geigen, Violen und Celli). Was in dem Umfeld einer so großen Konzerthalle wie eine kleine, eine Kammerbesetzung wirkte. Für die zweite Hälfte wurden später noch zwei Kontrabässe hinzugefügt, was wirklich einen großen Klangunterschied machte. Es gab eine dezente Lichtshow und bis zur Pause fast keine Ansagen außer einem kleinen Tak.

Mit dem Abdunkeln hatte sich eine fast mit Händen greifbar andächtige Stille über den Raum gelegt. Das Konzert begann mit rufenden Klängen, die dann von den Celli fürsorglich durch den ganzen Song getragen wurden. Schon in diesem Moment fühlte ich mich wie ein Narr, denn natürlich würde dies ein herrliches Konzert werden! Show me emotional respect traf mich als erste Textzeile auch mitten ins Herz kaum dass das Konzert richtig begonnen hatte. Und in dem Moment dämmerte mir auch, dass wir wohl das Trennungsalbum hören würden. Eine Erfahrung die so ganz und gar persönlich wie absolut universell ist, da sie uns auf die tiefsten Fragen zurückwirft: Wer bin ich, wenn ich nur mit mir bin. Und ich gar nicht mehr jung bin und ich einem jungen Menschen eine geborgene Kindheit geben wollte. In der für mich heimatlichen Umgebung eines Konzertsaales im klassischen Musikstil erzählt, konnte ich mich auch an diesen Abgrund heranwagen obwohl Björk gerade in dieser ersten Hälfte so viel Trauer mit uns teilte. Insbesonder Black lake war kurz vor dem nicht mehr erträglichen. Aber wie sagte Björk selbst: It's a sign of maturity to be stuck in complexity (Lionsong)

Angenehm fand ich dabei, dass der Konzertsaal wirklich alle dazu anhielt nur zu hören und sich während der Lieder nicht zu äußern und selbst der Applaus kam mir zwischendurch wie ein unbefugtes Eindringen vor, das dem Fluß des Geschehens auf der Bühne nicht gerecht wurde. Besonders aufwühlend war für mich in diesem ersten Teil der Song Family.
Is there a place where I can pay respects
for the death of my family
How will I sing us out of this sorrow
Build a safe bridge for the child out of this danger
Erst ganz zum Schluß bei Notget wurde auch Wut fühlbar darüber, dass sie aus eigener Kraft nicht verhindern konnte, dass ihr das Wichtigste genommen wird.

Nach dem ersten Teil wurde der Zyklus von Vulnicura nicht einfach fortgesetzt - statt dessen gab es z.B. mit I've seen it all ein wiederhören mit einem wohlvertrauten Song. Thematisch wurde der Zyklus schon fortgesetzt, auch wenn er sich nicht an die Tracklist des Albums hielt, es war aber mit dramatischerem Impetus und mehr von einem inneren Aufbruch gezeichnet und endete mit einer dramatischen Tangoversion von Bachelorette. Björk stellte uns im Anschluss vier Musiker vor, die schon vor fast 20 Jahren beim Album Homogenic dabei gewesen waren und beschrieb, dass die Proben für das Konzert daher für sie sehr emotional gewesen seien.
Natürlich musste es eine Zugabe geben - und was für eine. Wir sollten mitsingen und Björk selbst stand auf der Bühne voller Kraft - rockröhrig als Trolls Schwester und gab uns einen Arschtritt zurück in die Welt:
Excuse me / But I just have to Explode
Explode this body / Off me
I'll be brand new / Brand new tomorrow
A little bit tired / But brand new
Setlist:
01: Stonemilker
02: Lionsong
03: History of Touches
04: Black Lake
05: Family
06: Notget
- Pause -
07: Aurora
08: I've Seen It All
09: Jóga
10: Vertebræ by Vertebræ
11: Quicksand
12: Mouth Mantra
13: Bachelorette
14: Pluto (Z)
(*) Das spontante Ja folgte wohl eher einer gewissen Tradition, Pop-Ikonen für die ich in Deutschland nicht arg weit fahren würde, einmal im Leben ausgerechnet in Island live zu sehen. Wobei es für Björk ja wenigstens ein logischer Ort war und ich mir in jedem Fall ein sehr gutes Konzert versprach, allerdings im Vergleich zu anderen Airwaves Konzerten eher im unteren Mittelfeld der Island Erinnerungen 2016.
eindrucksvolle Fotos
treffender Bericht
Aus unserem Archiv:
Björk, Melt!, 20.07.08
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves
um
00:33
Konzert: Let's Eat Grandma
Ort: Kex Hostel, Reykjavik, Iceland Airwaves 16
Datum: 05.11.2016
Dauer: 22 min
Zuschauer: rund 200 (wie bei allen Konzerten war das Kex knallvoll)
Im Leben käme ich nie auf die Idee, Dummheiten wie "für eine Frau spielt sie gut Schlagzeug" zu denken, die man leider oft genug liest. Auch wenn ich dieses Jahr viel mehr Bands mit vielen Frauen als ohne gesehen habe, ist mir vollkommen egal, welches Geschlecht die Bandmitglieder haben. Eine Gruppe nur deshalb schlecht zu finden, weil ein Typ an der Gitarre steht, käme mir nie in den Sinn, solange er seinen Job gut macht. Das gilt auch fürs Alter einer Band. Das ist keine Ausrede, in keine Richtung. Am Ende des Konzerts gilt nur, ob es mir gefallen hat oder nicht.
Bei Let's Eat Grandma erkenne ich an, daß die beiden jungen Musikerinnen aus Norwich für ihre enorm jungen Jahre wahnwitzig viel können, eine durchdachte Show gespielt haben, nicht bloß Konzert, auch Cabaret-Elemente geboten haben und so viel mehr Präsenz auf der kleinen Bühne des Kex gezeigt haben als viele, die seit Jahrzehnten die Livemusik-Situation kennen. Aber durchgängig (musikalisch) spannend fand ich das Konzert leider nicht.
Jenny Hollingworth und Rosa Walton sehen aus wie Schwestern, sind 17 Jahre alt und stammen aus Norwich. Sie begannen ihr Konzert im Kex sehr speziell: vom Band lief ein Rhythmus, dazu klatschten sich beide wie bei einem Schulhofspiel ab. Eine der beiden blieb am Keyboard, die andere setzte sich auf den Boden. Das Lied mit diesem Abklatschen war Deep six textbook, eine der Singles vom im Sommer erschienen Debüt I, Gemini.
Vermutlich war mein Problem mit dem Konzert, daß es zu viel von allem gab. Zu viele Ideen, zu viele Choreo-Elemente, zu viele Stile, zu viele Haare. Es ist originell, daß sich bei Eat shiitake mushrooms die beiden Frauen am Keyboard abwechseln und die, die nicht spielt, dann tanzt. Aber es ist bei einem 22-minütigen Set auf eine Spur drüber, wenn so viele dieser Elemente vorkommen, daß ich als Zuschauer mich kaum auf die Songs konzentrieren kann. Auch innerhalb der teilweise langen Lieder wechselte meine Stimmung. Zum Teil gefielen die mir hervorragend, dann trauerte ich wieder einer guten Song-Idee nach, die aufgegeben wurde. Rapunzel fängt mit Keyboard und Blockflöte asiatisch an, dann wechselt eine der beiden Engländerinnen ans Schlagzeug, die andere singt von ihrer toten Katze und ihrem Vater, der sie schlägt.

Ich kann mir gut vorstellen, daß Let's Eat Grandma sehr positive Kritiken erntet, mich hat das Konzert leider nicht umgehauen. Mich beeindruckt enorm, daß zwei 17-jährige sich solche Lieder und solch eine Performance ausdenken. Aber es war nicht das Konzert in Island, an das ich in ein paar Jahren noch denken werde.
Setlist Let's Eat Grandma, Kex Hostel, Reykjavik:
01: Deep six textbook
02: Eat shiitake mushrooms
03: Rapunzel
04: Sink
Links:
- all unsere Berichte von Iceland Airwaves 16
um
23:56
Konzert: Samaris
Ort: Kex Hostel, Reykjavik (Iceland Airwaves)
Datum: 03.11.2016
Dauer: gut 30 min
Zuschauer: vielleicht 200 (bis auf den letzten Platz gefüllt)
Zwei Tage später sollten wir in Reykjavik Islands größten Star sehen, eines meiner ersten Konzerte beim Iceland Airwaves bestritt allerdings der kommende Weltstar der so musikalischen Insel: Jófríður Ákadóttir mit ihrer Band Samaris. Björk und Jófríður verbindet einiges: ihr elfenhafter Gesang, das offenbar unbegrenzte Talent und die ebenso unlimitierte Bandbreite, ihre Kunst zu gestalten. Jófríður trat beim Airwaves mit Gangly, ihrer experimentellsten Band (gemeinsam mit Úlfur Alexander Einarsson von Oyama z.B.), mit ihrem Solo-Projekt jfdr und mit ihrer - ja was? Trip Hop? - Band Samaris auf. Lediglich Pascal Pinon waren nicht im Lineup des Festivals, Jófríðurs Schwester Ásthildur ist krank.
Pascal Pinon mag ich eigentlich am liebsten. "Eigentlich" deshalb, weil ich nach dem Airwaves nicht mehr sicher bin. Dafür reichte eine halbe Stunde Samaris.
Die Konzerte im Kex Hostel wurden von KEXP (Seattle) übertragen. Dafür hatte der Radio-Sender eine Ecke des Cafés des Kex in ein Wohnzimmer verwandelt. Dadurch, daß eine Raumecke die Bühne war, gab es bei den Konzerten im Hostel zwei Seiten, um vor ihr zu stehen oder zu sitzen, das war ungewöhnlich, damit passte es aber ganz gut zum Konzert.
Samaris sind neben Jófríður Þórður Kári Steinþórsson, der für die elektronischen Elemente verantwortlich ist, und Klarinettistin Áslaug Rún Magnúsdóttir. Ich hasse Klarinetten. Ich hasse dieses dumpf-fiese Geräusch, das die Dinger erzeugen. Klarinetten klingen nach rülpsenden Elchen. Daß ich irgendwann eine Band lieben könnte, in der dieses ekligste aller Instrumente eine zentrale Rolle spielt, hätte ich mir nie vorstellen können. Dabei hilft sicher, daß Áslaug sie alles andere als klassisch einsetzt. Die Musikerin, die ein Adidas-Ensemble trug, spielt keine Melodien sondern einzelne Töne, kleine Stücke, die oft verfremdet werden. Wenn man die Klarinette nicht sähe, käme man vermutlich nicht darauf, daß Samaris auch analoge Instrumente einsetzen.
Genauso ginge man wohl davon aus, daß Jófríðurs Stimme elektronisch verändert sein muß. Die Sängerin klingt so sehr elfenhaft, wie man es sich nicht schöner ausmalen kann. Aber es ist alles echt, sie hört sich bei Pascal Pinon oder ihren jfdr-Sachen genauso an.

Samaris spielten ausschließlich Stücke vom neuen Album Black lights, das im Sommer erschienen ist (und das bereits Nummer drei ist). Am Stil haben Samaris nichts geändert: elektronische Beats, die Jófríðurs Stimme unterlegen - oder umgekehrt. Bei T3mpo sang zwar auch Áslaug einmal, wie ihre Klarinette war die Stimme aber unterstützend und nicht in den Vordergrund drängend. Die restliche Zeit verbringt auch sie hinter ihren elektronischen Instrumenten. Oder sie hält ihre Klarinette wie eine Gitarre. Ich glaube, sie mag das Ding auch nicht.
"There's no relaxing", gab Jófríður irgendwann vor, das stimmt allerdings nicht. Die Art Musik, die Samaris macht, könnte schrecklich anstrengend sein, alleine die Stimme der enorm jungen Sängerin macht es aber schon angenehm, den Liedern stundenlang zuzuhören!
Leider blieb dieser kurze Auftritt mein einziges Samaris-Konzert des Wochenendes. Bei all den grandiosen Künstlern des 330.000-Einwohner-Landes konnte ich nicht immer die gleichen angucken. Und unter all diesen großen Musikern ist Jófríður bald die größte!
Setlist Samaris, Kex Hostel, Reykjavik:
01: T4ngled
02: R4vin
03: T3mpo
04: Wanted 2 say
05: Black lights
Links:
- aus unserem Archiv:
- Samaris, Reykjavik, 03.11.16
- Samaris, Berlin, 17.09.14
- Samaris, Köln, 16.09.14
- Samaris, Paris, 01.02.14
- all unsere Berichte vom Iceland Airwaves 16
um
00:59
Konzert: Oyama
Ort: Harpa, Reykjavik (Iceland Airwaves)
Datum: 03.11.2016
Dauer: knapp 40 min
Zuschauer: leider nicht schrecklich viele (vielleicht 200 im riesigen Saal)
Im vergangenen Jahr waren wir beim ATP Iceland. Nachdem dort Belle & Sebastian als Headliner angekündigt worden waren, war ich sicher, das ATP werde das dritte Bowlie; das dritte von meinen Glasgower Lieblingen kuratierte Festival. Dummerweise lagen die All Tomorrow's Parties schon so sehr auf dem Sterbebett, daß es weder ein Bowlie noch ein Festival mit besonders spannendem Line-Up wurde. Aber auch wenn es das beste Musikwochenende meines Lebens gewesen wäre, Oyama aus Island wären als eine der besten Bands hängengeblieben.

Ich kannte die Band damals nicht, sie spielte am Nachmittag - und sie begeisterte mich restlos! Oyama sind etwas Exotisches, eine isländische Shoegaze-Gruppe. Daß sie beim diesjährigen Airwaves spielen würden, hatte ich gehofft und natürlich waren Oyama gesetzt. Das waren sie aber dummerweise nicht bei schrecklich vielen Menschen außer mir. Der zweitgrößte Saal des Kulturzentrums Harpa (Silfurberg), in den 750 Zuschauer passen, war sehr spärlich besucht. Witzigerweise waren viele der wenigen Zuschauer Japaner. Oyama ist ein Name vieler japanischer Städte (und ein Nachname), das hatte sie vermutlich neugierig gemacht. Daß eine isländische Shoegaze-Band groß in Fernost ist, kann ich mir nicht vorstellen.
Verdient hätten sie es!
Die 40 Minuten in der Harpa waren wundervoll! Die Lieder kannte ich alle schon, auch das bisher unveröffentlichte Handsome devils (oder devil?), das Oyama schon im vergangenen Jahr gespielt hatten.
Oyama sind die beiden Sänger Júlía Hermannsdóttir (auch von Wesen) und Úlfur Alexander Einarsson (von Útidúr), Gitarrist Kári Einarsson, Bassist Bergur Thomas Anderson und Schlagzeuger Rúnar Örn Marinósson. Júlía und Úlfur wechseln sich beim Singen ab. Die Lieder, die sie singt, wirken langsamer und getragener als Úlfurs, sind es aber nicht unbedingt. Júlías Stimme ist einfach so herrlich gehaucht, daß ihre Stücke dadurch auch etwas weniger schnell erscheinen. Mit Abstand am tollsten war The cat has thirst, das hatte ich im vergangenen Jahr schon einmal mit Golden hair von Slowdive verglichen hatte (und ich hatte recht).

Oyama spielen manchmal herrlich subtil mit den Shoegaze-Stilmitteln, oft werden Krach-Ausbrüche angedeutet, finden dann aber nicht statt. Aber manchmal eben schon. Oft gibt es ganz kurzen Gitarrenkrach zwischen den Textzeilen, ich weiß gar nicht, ob ich das bei vielen anderen Bands so schon erlebt habe. Bei Everything sum of the time von der ersten EP war das sehr sehr toll!
Am Tag danach spielten Oyama ein zweites Konzert beim Airwaves. "It will be our party gig! If you love to party..." - "...go to another show. You won't like our concert!" Leider habe ich das zweite verpasst. Aber das darf noch nicht mein letztes Oyama-Konzert gewesen sein, dafür mag ich die Band viel zu gerne! Dann muß ich auch dringend Úlfur fragen, was es mit dem Aufdruck auf seiner Gitarre auf sich hat. Da steht "Wie schon Ricky Martin"
Setlist Oyama, Iceland Airwaves, Reykjavik:
01: Overflow
02: The right amount
03: Handsome devils (neu)
04: The cat has thirst
05: Siblings
06: Everything sum of the time
07: Sweet ride
Links:
- aus unserem Archiv:
- Oyama, Keflavik, 03.07.15
- alle Berichte vom Iceland Airwaves
um
21:08
Konzert: Warm Graves
Ort: Gamla Bió, Reykjavik (Iceland Airwaves Festival)
Datum: 05.11.2016
Dauer: gut 30 min
Zuschauer: ein paar hundert
Nach 25 Minuten nahm der Keyboarder von Warm Graves zum ersten Mal seinen Finger vom Instrument. Da hatte die Band aus Leipzig drei Lieder gespielt, die allerdings fast wie eines wirkten. Dadurch, daß auch in den Pausen immer wabernde Keyboard-Töne zu hören waren, waren die Lieder ohnehin nicht abgeschlossen.

Wie bei vielen Konzerten des Festivals hatte ich keine echten Erwartungen. Ich kannte Warm Graves nicht, ich hatte keine Chance, in die bei Soundcloud bereitgestellte Platte Ships will come reinzuhören (die physisch bei This Charming Man Records erschienen ist). Die Festival-App, die mein Zeitplan war, hatte als Referenzen Arcade Fire oder Godspeed You! Black Emperor genannt, da konnte schon nicht viel schiefgehen.
Der Auftritt der dreiköpfigen Band (Keyboard, Gitarre und Schlagzeug) begann herrlich unkonventionell: gut vier Minuten lang waren nur sphärische Gitarren- und Keyboard-Nebel zu hören, bevor mit dem Einsetzen des Schlagzeugs so etwas wie ein Startsignal erfolgte. Als der Gesang des Gitarristen einsetzte, fühlte ich mich an Wu Lyf erinnert, diese kurzlebige Band aus Manchester, die erst einmal dadurch auffiel, daß niemand etwas über sie wusste, dann aber herrlich düstere Musik veröffentlichte. Der gebrüllte, aber irgendwo ganz im Hintergrund stattfindende "Gesang" bei Warm Graves, von dem man nichts verstand, erinnerte mich sehr an Wu Lyf. Beim zweiten Lied (The cold woman) verstand ich dann die Arcade Fire Referenzen, der erste Teil des Textes hätte der von Tunnels sein können. Aber der Gesang ist nicht darauf ausgelegt, ihn zu verstehen, daher kann ich nicht überprüfen, ob wirklich "And if my parents are crying
then I'll dig a tunnel
from my window to yours" gesungen wurde. Mir gefällt die Idee.

Die Stilmittel, mit denen Warm Graves arbeiten, erscheinen mir als Laien nicht als besonders kompliziert: das eindringliche Schlagzeug klang eher monoton, die Melodien nicht schrecklich komplex und die Texte, nun, zu denen kann ich ja nichts sagen, weil ich nicht mal die Sprache erkennen konnte. Trotzdem war der Auftritt schlicht und einfach brillant und wurde gefeiert!
Vielleicht waren die Booker begeistert davon, daß es auch außerhalb ihrer Insel isländische klingende Bands gibt. Weil am Abend noch Kate Tempest oder Gangly im gleichen Saal auftreten sollten, war das Gamla Bió schon voll. Und obwohl Warm Graves nicht wenig experimentell klingen, blieben alle und feierten sie.
Setlist Warm Graves, Gamla Bió, Reykjavik:
01: Best Ezra
02: The cold women
03: Headlines
04: Roleaux
Links:
- aus unserem Archiv:
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um
23:02
Konzert: VAR
Ort: Hitt húsið
Datum: 05.11.2016
Dauer: knapp 25 min
Zuschauer: sicher 150 in vollgestopften Hitt húsið
Wenn 25 Minuten Konzert bei einem fünftägigen Festival so einen bleibenden Eindruck machen, daß sie mir immer wieder in den Sinn kommen, wenn ich an die vergangene Woche denke, muß dieser Miniauftritt besonders gewesen sein.
Ich glaube, die schwedisch-englische Gruppe hinter uns in der Warteschlange für PJ Harvey-Tickets hatte uns zum ersten Mal gesagt, wir dürften VAR unter keinen Umständen verpassen. Das hatten wir zu dem Zeitpunkt aber schon und die Gelegenheiten wurden weniger. Am Samstag schließlich passte es, das letzte Konzert der Isländer würden wir sehen können. Wir hatten vorher Wesen begutachtet, waren dann den kurzen Weg zum Hitt húsið gehetzt und hatten in dem knallvollen Café gerade noch Platz gefunden. VAR hatten noch nicht angefangen, obwohl es bereits fünf nach geplantem Start war. Diese Zeit fehlte der Band am Ende leider, die Zeitpläne wurden bezüglich des Endes der Shows perfekt eingehalten, wer später anfing, konnte eben weniger spielen.
Aber auch wenn wir nur ein Lied der Gruppe aus Reykjavik mitbekommen hätten, ich hätte es geliebt!
VAR sind ursprünglich ein Projekt von Júlíus Óttar Björgvinsson und Myrra Rós, mittlerweile eine fünfköpfige Band. Ich stand aber so ungünstig hinter einer Säule, daß ich eigentlich nur Júlíus und den Schlagzeuger (Andri Freyr Þorgeirsson) sehen konnte.
Das erste Stück (Back home) des Konzerts begann ruhig, fast getragen, hatte ein bewußt neben dem Takt gespieltes Schlagzeug und war spannend. Bis es plötzlich laut und krachig wurde - Mogwai mit isländischem Gesang (so ganz sicher war ich mir bei der Sprache aber nicht) oder Sigur Rós ohne Elfen. Es war wundervoll! Eine unerwartete Postrock- oder Shoegaze-Perle in dem kleinen Café am Hafen, irgendwann am frühen Nachmittag.
Varmá begann mit einer kleinen, immer wieder gespielten Klaviermelodie, in die Júliús hoher Gesang einsetzte, bis auch hier die Lautstärke immer mehr anstieg. Der Sänger stieg auf Stühle, stieß eine Lampe um, schmiß die langen Haare und sang dazu atemberaubend schön zu dem wundervollen Lärm, den seine Band erzeugte!
Spätestens beim letzten Stück (Þórsmörk) ärgerte ich mich unendlich, nicht alle fünf VAR-Konzerte beim Airwaves gesehen zu haben. Ohne ein Wort von Þórsmörk verstanden zu haben, war das Lied so etwas wie der perfekte Soundtrack zum herbstlichen Island, umwerfend schön und herrlich wild. Þórsmörk ist ein Tal in der Nähe des unaussprechlichen Vulkans an der Südküste Islands.
Nach einem ewig langen ruhigen Einleitungsteil erzeugte einer der Musiker plötzlich (vermutlich mit einer singenden Säge) Geräusche eines verrosteten Gartentors, die einen deutlich Bruch zum fast lieblichen Gesang bis dahin darstellten. Das Törchen war das Startsignal zu einem Postrock-Geballere (keine Vulkanausbruch-Metaphern!).
Ich tue mich ein wenig schwer damit, mich auf das beste Konzert des Festival festzulegen (denn da waren ja auch noch PJ Harvey und Björk beispielsweise), VAR haben mich aber enorm beeindruckt! Wie das Land so die Band.
Setlist VAR, Hitt húsið, Reykjavik:
01: Back home
02: Varmá
03: Þórsmörk
Links:
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