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Sonntag, 20. November 2016

Björk, Reykjavík, 05.11.16

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Konzert: Björk &
  Streicher der Sinfóníuhljómsveit Icelandic Symphony
Ort: Saal Eldborg im Konzerthaus Harpa in Reykjavík
Datum: 5. November 2016
Dauer: 110 min
Zuschauer: 1800 - ausverkauft


Die tollen Bilder sind von Claudia - Vielen Dank! 

Es hatte sich ein wenig bescheuert - bestenfalls abenteuerlich - angefühlt, den stolzen Preis für das Björk-Konzert am Samstag Nachmittag auf ein ohnehin fantastisches und zu volles Airwaves-Programm draufzulegen (*). In den Tagen des Festivals hatte sich dieses Gefühl immerhin schon konsolidiert zu: Wie toll, dass wir wenigstens einmal ins Allerheiligste der wunderschönen Harpa kommen werden... Im Konzert jedoch habe ich mich von Gefühlen überwältigt erlebt, die ich mir (und in Wirklichkeit wohl auch Björk) nicht zugetraut hätte. Spätestens als Björk kurz vor Ende der ersten Hälfte am Bühnenrand stehend immer wieder in den Zuschauerraum sang hear me/heal me brachen bei mir alle Dämme. In der Pause schauten wir drei uns an wie weihnachtlich beschenkte Kinder - die Augen konnten schon sprechen über das wofür mir auch heute zwei Wochen später noch die Worte fehlen.


Natürlich ist Björk ein Phänomen. Weltweit und erst recht in Island. Sóley hatte ihre Cellistin vorgestellt als She plays with our Björk. Darüber hinaus ist sie schon so lange in meinem Leben präsent. Zu Beginn ihrer Solo-Karriere lief ihre Musik bei mir sehr viel und diese fast 20 Jahre alte Musik hat sich noch gar nicht abgenutzt und ist auch heute noch einzigartig und uneingeholt. In der Zwischenzeit fühlte ich mich ihr aber mehr als Frau verbunden, die in einem von Männern domierten Feld so ungestört wie möglich versucht, ihre Ideen zu verwirklichen - ihre Musik berührte mich nur noch punktuell, dafür faszinierten mich ihre Ideen, ihre Energie und dass sie mir auch als Weltstar noch so menschlich erschien - kein Idol sondern ein Vorbild. Zufällig über dieses Segment meiner täglichen Leseportionen hatte ich auch vom neuesten Album erfahren. Vulnicura - das Album, in dem sie dokumentierte, wie sie sich aus dem schwarzen Loch herauskämpfte, das sie nach der Trennung von ihrem langjährigen Lebenspartner aufgesogen hatte. Ein Album, das zunächst lange nur als Streicherstimmen existiert hatte.

In Wirklichkeit hatte ich aber vor dem Konzert gar nicht darüber spekuliert, was Björk uns in der Harpa vorsetzen würde. Und ich hatte auch noch gar nicht in Vulnicura hineingehört (wofür ich ja knapp zwei Jahre Zeit gehabt hätte). Dies war aber vielleicht auch gut so, denn so traf mich das Album mit voller Wucht in einer Verfassung wo ich bereit zum zuhören war. Begleitet nur von einem Orchester aus 27 Streichern (je neun Geigen, Violen und Celli). Was in dem Umfeld einer so großen Konzerthalle wie eine kleine, eine Kammerbesetzung wirkte. Für die zweite Hälfte wurden später noch zwei Kontrabässe hinzugefügt, was wirklich einen großen Klangunterschied machte. Es gab eine dezente Lichtshow und bis zur Pause fast keine Ansagen außer einem kleinen Tak.

  

Mit dem Abdunkeln hatte sich eine fast mit Händen greifbar andächtige Stille über den Raum gelegt. Das Konzert begann mit rufenden Klängen, die dann von den Celli fürsorglich durch den ganzen Song getragen wurden. Schon in diesem Moment fühlte ich mich wie ein Narr, denn natürlich würde dies ein herrliches Konzert werden! Show me emotional respect traf mich als erste Textzeile auch mitten ins Herz kaum dass das Konzert richtig begonnen hatte. Und in dem Moment dämmerte mir auch, dass wir wohl das Trennungsalbum hören würden. Eine Erfahrung die so ganz und gar persönlich wie absolut universell ist, da sie uns auf die tiefsten Fragen zurückwirft: Wer bin ich, wenn ich nur mit mir bin. Und ich gar nicht mehr jung bin und ich einem jungen Menschen eine geborgene Kindheit geben wollte. In der für mich heimatlichen Umgebung eines Konzertsaales im klassischen Musikstil erzählt, konnte ich mich auch an diesen Abgrund heranwagen obwohl Björk gerade in dieser ersten Hälfte so viel Trauer mit uns teilte. Insbesonder Black lake war kurz vor dem nicht mehr erträglichen. Aber wie sagte Björk selbst: It's a sign of maturity to be stuck in complexity (Lionsong)
 


Angenehm fand ich dabei, dass der Konzertsaal wirklich alle dazu anhielt nur zu hören und sich während der Lieder nicht zu äußern und selbst der Applaus kam mir zwischendurch wie ein unbefugtes Eindringen vor, das dem Fluß des Geschehens auf der Bühne nicht gerecht wurde. Besonders aufwühlend war für mich in diesem ersten Teil der Song Family.

 Is there a place where I can pay respects 
 for the death of my family

 How will I sing us out of this sorrow
 Build a safe bridge for the child out of this danger


Erst ganz zum Schluß bei Notget wurde auch Wut fühlbar darüber, dass sie aus eigener Kraft nicht verhindern konnte, dass ihr das Wichtigste genommen wird.
 


Nach dem ersten Teil wurde der Zyklus von Vulnicura nicht einfach fortgesetzt - statt dessen gab es z.B. mit I've seen it all ein wiederhören mit einem wohlvertrauten Song. Thematisch wurde der Zyklus schon fortgesetzt, auch wenn er sich nicht an die Tracklist des Albums hielt, es war aber mit dramatischerem Impetus und mehr von einem inneren Aufbruch gezeichnet und endete mit einer dramatischen Tangoversion von Bachelorette. Björk stellte uns im Anschluss vier Musiker vor, die schon vor fast 20 Jahren beim Album Homogenic dabei gewesen waren und beschrieb, dass die Proben für das Konzert daher für sie sehr emotional gewesen seien.

Natürlich musste es eine Zugabe geben - und was für eine. Wir sollten mitsingen und Björk selbst stand auf der Bühne voller Kraft - rockröhrig als Trolls Schwester und gab uns einen Arschtritt zurück in die Welt:

 Excuse me / But I just have to Explode
 Explode this body / Off me 
 I'll be brand new / Brand new tomorrow
 A little bit tired / But brand new



Setlist:
01: Stonemilker
02: Lionsong
03: History of Touches
04: Black Lake
05: Family
06: Notget

- Pause -
07: Aurora
08: I've Seen It All
09: Jóga
10: Vertebræ by Vertebræ
11: Quicksand
12: Mouth Mantra
13: Bachelorette

14: Pluto   (Z)


(*) Das spontante Ja folgte wohl eher einer gewissen Tradition, Pop-Ikonen für die ich in Deutschland nicht arg weit fahren würde, einmal im Leben ausgerechnet in Island live zu sehen. Wobei es für Björk ja wenigstens ein logischer Ort war und ich mir in jedem Fall ein sehr gutes Konzert versprach, allerdings im Vergleich zu anderen Airwaves Konzerten eher im unteren Mittelfeld der Island Erinnerungen 2016.

eindrucksvolle Fotos
treffender Bericht 

Aus unserem Archiv:
Björk, Melt!, 20.07.08
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves



Montag, 7. November 2016

Die Nerven, Reykjavík, 03.11.16

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Konzert: Die Nerven
Ort: Húrra in Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 3. November 2016
Dauer: 35 min
Zuschauer: krachevoll (vielleicht 250)



All die tollen Fotos sind von Claudia - Vielen Dank!

Mein zweiter Tag beim Airwaves hatte vor allem aus zarten Frauenliedern bestanden - ein Highlight nach dem anderen - Musik ganz nach meinem Herzen. Freilich hatte ich sehenden Auges zugestimmt, lokalpatriotisch den Abend bei Die Nerven im Húrra Rockclub ausklingen zu lassen. Aus der Liste an Archivberichten unten kann man leicht ablesen, dass das Konzerttagebuch die Konzerte von Bassist Julian Knoth, Gitarrist Max Rieger und Kevin Kuhn am Schlagzeug sehr schätzt. Trotzdem ist weder der Krach noch ein Rockclub um Mitternacht (spätestens dann voller mehr oder weniger betrunkener junger Männer) mit einem Moschpit mein eigentliches Metier.


Am nächsten Tag standen deutsch sprechende Klugschwätzer hinter mir bevor das Konzert von Warm Graves beginnen sollten - einer deutschen Band (aus Leipzig). Die Unterhaltung ging etwa so: Ist wohl die einzige deutsche Band beim Airwaves - ach nee, da war noch eine - wie hieß die? Die Nerven! Aber die waren richtig schlecht. Wo hast Du sie angesehen? DIE hab ich mir nicht angesehen - da reicht doch youtube.... 
  

Ich musste schmunzeln, weil ich die Show ja immerhin gesehen hatte und aus verschiedenen Gründen gern das blöde Gespräch Messerscharf zerlegt hätte. Aber wer aufgrund von youtube Videos urteilt, der ist wohl ohnehin nicht zu "retten" und die passenden Entgegnungen fallen einem sowieso immer erst zu spät ein.


Ich fand das Konzert nämlich sogar richtig gut. Vor allem sehr unterhaltsam - was die Musik, die Performance und das Publikum betraf. Wenngleich nicht wirklich berührend (im Gegensatz zu vielen Leuten im Publikum, die total abgingen und hinterher die Band im Abbauen noch herzen mussten). Weil ich die Grundhaltung hinter all der verbalisierten Wut nicht glaube und mit Posen nicht so viel anfangen kann. Zum Glück hatte ich eine geschützte Ecke gefunden, von der ich trotzdem alles gut im Blick hatte und so wird mir der Abend auch deshalb als gut in Erinnerung bleiben, weil ich am Ende tatsächlich kein Bier über den Latz geschüttet bekommen habe.


Aus unserem Archiv:
Die Nerven, Mannheim, 03.06.16 
Die Nerven, Bonn, 22.10.15
Die Nerven, Rüsselsheim, 11.07.15
Die Nerven, Stuttgart, 06.02.14
Die Nerven, Stuttgart, 17.01.14
Die Nerven, Karlsruhe, 07.12.13
Die Nerven, Stuttgart, 06.09.13
Die Nerven, Stuttgart, 01.08.13 

Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves


Sonntag, 6. November 2016

Iceland Airwaves Tag 3, Reykjavík, 04.11.16

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Iceland Airwaves Tag 3 für mich mit den Konzerten
  The anatomy of Frank (35 min)
  Árstíðir (40 min)
  Mugison (40 min)
  Ólöf Arnalds (30 min)
Ort: Bókabúð Máls og menningar & Fríkirkjan in Reykjavík
Datum: 4. November 2016



Die tollen Bilder sind von Claudia - Vielen Dank! 

Der dritte Tag hatte durch die geplanten Kirchenkonzerte eine gewisse Planungsstruktur für mich. Dieser Teil des Konzerttages würde 20 Uhr beginnen. Eigentlich sollte ich mir noch ein klein wenig - aber nicht zu viel davor heraussuchen! Was gab es besseres als einen der vielen Gigs von The anatomy of Frank - diesmal in dem Buchladen Bókabúð Máls og menningar in der Haupteinkaufsstrasse Reykjavíks quasi auf dem Weg mitzunehmen! Da es während der deutschen Tourstationen nicht geklappt hatte, wäre doch ein Wiedersehen hier in Reykjavík ganz nett. Mit dem Sonnenuntergang machten wir uns am Wasser entlang auf den Weg in die Stadt. 


Der Laden war leicht zu finden und obwohl es ein großer Shop war, auch der Ort für das Konzert - einfach auf die Menschentraube zu! Zum Glück, denn wir waren wirklich auf den letzten Drücker erst da. Am Ende waren es mindestens 60 Leute, die sich zwischen den Regalen und auf den Emporen von dem US-amerikanischen Charmeur um den Finger wickeln ließen. Ich war sehr neugierig auf die Bandformation nach drei Solo-Set-Erfahrungen. Aber natürlich lebte auch die Bandperformance von Kyles Bühnenpräsenz. Als er diesmal auch zu isländischen Sprachschnipseln griff, war ich mir nicht sicher, wie viele Isländer im Publikum waren, und ob er da nicht Perlen vor die Säue geworfen hatte, denn es lachte so recht keiner.


Zum Einstieg gab es zwei ruhige Songs mit Tasten und sehr wenig Schlagzeug: Die Xylophon Klöppel reichten für alles an den Drums. Dann wurde es zum ersten Mal lauter mit A Bridge over Lake Champlain und das war mit bumms schon sehr toll! Auch Katia's song, da er sich mit Band so richtig schön steigern konnte. 


Es gab natürlich einen Werbeblock für die schöne CD, die eine Landkarte von Nordamerika ist auf der zwei CDs festgemacht werden können und ein großes Finale mit Vancouver und einem aus voller Kehle singenden und anschließend tobenden Buchladen. Er hatte sein Zauberkunststück wieder einmal vollbracht und schickte alle mit einem leichten Herzen und einem Ohrwurm zur nächsten Station.
 

 
Nach einem kleinen Spaziergang war ich an der Kirche, wo es zunächst mit Árstíðir weiter ging. Dafür hatte ich eine Erwartungshaltung und die wurde auch erfüllt. Wofür ich gar keine Vorstellung hatte, war das nächste Konzert in der Kirche. Von Mugison habe ich eine CD zu Hause, die ich sehr gut finde, aber weiß sonst nichts über die Band. Was dann passierte, war einfach nur herrlich zu nennen. Wir feierten eine regelrechte Satansmesse mit fettem Tenorsax, bis zu drei Gitarren, einem total krassen Drummer und Bass. Man könnte vielleicht rockiger Blues dazu sagen. Wobei der isländische Einschlag immer verhindert, dass er zu klebrig wurde. Das war schon auf halbem Weg zu Kaizers Orchestra sowohl musikalisch als auch theatralisch. Es wurde aber auch lustig dadurch, dass die Kirche für dieses Konzert wirklich zum bersten gefüllt war und es anscheinend eine große Anhängergemeinde in Island gibt, die sich hier versammelt hatte.
 


Die Ansagen waren göttlich. Z.B. der folgende Plan für das Konzert: First we get the hits out of the way to play some new stuff to return to some hits and other new songs. Man könnte sagen, dass während der angesagten Hits die Kirche eingerissen wurde, was unter einem Jesusbild mit offenen Armen irgendwie besonders komisch wirkte. Oder man könnte sagen, ich habe den Troll brüllen gehört und bei einem Gospelchor mit Wolfsgeheul mitgemacht.

 

In jedem Fall hat die Kirche gewackelt, unser Schweiß die Scheiben von innen beschlagen und keiner ist aus diesem Konzert herausgegangen ohne restlos Spaß gehabt zu haben - inklusive der Band.
 


Was mir bei allen Konzerten, wo ich für mehrere Bands hintereinander blieb auffiel, war der total professionelle Ablauf beim Umbau. Es waren stets sehr wenige Hände beschäftigt, die wenig Gewese machten, aber die Bühne in 15-20 min total umbauten und anschließend fast mit unbemerktem Soundcheck alles glatt laufen ließen. Diese 20 min Pause waren gerade recht, um erlebtes zu verdauen, ein paar Sachen aufzuschreiben oder kurz mal für die körperlichen Bedürfnisse zu sorgen. Aber sie unterbrachen den Musikabend nicht so sehr wie ich das aus Deutschland gewöhnt bin. Bitte nachmachen!

 

Nach Mugison wurde fast nur abgeräumt. Die letzte Sängerin des Abends brauchte nur ein Gesangsmikro, einen Stuhl für den Begleitmusiker und ein Mikro für dessen Baritongitarre. Olöf Arnald war musikalisch schon ein ziemlicher Gegenentwurf zum Troll-Rock'n-Roll davor. Zum Teil wirkte ihre Musik wie Kinderlieder mit vielen Strophen auf mich. Sie hatten isländische und englische (starker Akzent) Texte und waren im Ablauf Gesang mit Gitarre(n) sehr traditionell. Leider sang sie nicht immer sauber und war in den höheren Lagen nicht rund, aber der melancholische Einschlag einiger Lieder war schön. Das Publikum feierte sie enthusiastisch - ich hatte den Eindruck, das waren Hardcore-Fans, die genau für diese Art von Musik gekommen waren. 


Das klare Wetter des Tages hatte sich auch über die drei Kirchenkonzerte gehalten und wir freuten uns auf einen Heimweg unter klarem Sternenhimmel. Dagegen wurde allerdings einiges unternommen: Zunächst gab es ein Feuerwerk, dass ordentlich Dunst über die Innenstadt legte und leider war auch der Fußgängerweg am Meer so überfroren, dass ich nach einiger Zeit aufgeben musste und meinen Heimweg doch durch die etwas gesichtslosen Neubaublocks am Rande Reykjavíks nahm.
 
Aus unserem Archiv:
The Anatomy Of Frank, Karlsruhe, 15.09.16
The Anatomy Of Frank, Esslingen, 23.04.16
The Anatomy Of Frank, Karlsruhe, 12.03.15

Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves



This is the Kit, Reykjavík, 03.11.16

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Konzert: This is the Kit
Ort: Iðnó  in Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 3. November 2016
Dauer: 35 min
Zuschauer: 100


All die tollen Fotos sind von Claudia - Vielen Dank!


An unserem zweiten Tag beim Iceland Airwaves waren wir vor dem Konzert von This is the Kit schon ganz schön kreuz und quer durch die Stadt gelaufen. Dabei wäre es bei dem Regenwetter eigentlich angeraten gewesen, sich einen schönen Platz auzusuchen und dort zu bleiben... Aber es war auch der Tag wo mein Herz mich mit Nachdruck zu ganz bestimmten Musikerinnen schickte und damit das Zickzack-Muster durch die Stadt verursachte. Von außen sah das vielleicht auch so aus, als würde ich mir möglichst viele Veranstaltungsorte vergleichend ansehen wollen. Jeder hatte dabei seinen Charme gezeigt (die Berichte sprechen auch davon), aber der Preis für das unbestritten schönste Venue ging für mich an das Iðnó.
 

Ein mittelgroßes Theater, in dessen Vorräumen man gemütlich sitzen und trinken und schwatzen kann. Im Obergeschoß ein sehr gemütliches gründerzeitlich ausgestattetes Restaurant. Alles mit einem Charme, dem man sich geschlagen geben muss. Damit ein Ort wie geschaffen für die Lieder von Kate Stables. Und es sei vorab verraten, This is the Kit spielten genau so charmant, einladend und leuchtend auf, wie es der Ort herausforderte. Dabei standen die Zeichen nicht nur auf Friede-Freude-Eierkuchen, denn Rozi  Plain hatte mit einer bösen Infektion zu kämpfen und den ganzen Tag mit Antibiotika-Infusion im Krankenhaus verbracht.
 

Zum ersten Mal erlebte ich die Band in voller Besetzung, d.h. neben den mir aus der Trio-Besetzung bekannten Jesse Vernon und Rozi Plain waren auch Jamie Whitby-Coles am Schlagzeug und Neil Smith an der E-Gitarre dabei. Es gab vier (!) Gesangsmikros und im Verlauf des Konzertes immer wieder warmen und sehr gelungenen Satzgesang. Definitiv ein Baustein dafür, weshalb mir der Abend so gut gefallen hat.
 

Im Verlauf des Konzertes ging mir durch den Kopf wie sehr die Musik diesseitiges Geschehen in eine jenseitige Dimension übersetzt und wie sehr die beiläufige Erzählhaltung der Lieder dazu beiträgt, dass ich sie als authentisch und wahr empfinden kann und aufmerksam zuhöre. Diese Beschreibung klingt nun so, als wäre es so ein Solo-Frau-mit-Gitarre-Säusel-Ding, aber es funktionierte mit großer Band tatsächlich noch viel besser wegen mehr verfügbarer Klangfarben.

 

Der Raum war für das Konzert recht gut gefüllt und Kate schien nicht recht glauben zu können, dass die Aufmerksamkeit tatsächlich This is the Kit galt: Ihr seid wahrscheinlich für die nächste Band da - danke dass ihr schon früher gekommen seid! Das wurde nach dem Song aber mit rauschendem Applaus zurückgewiesen. Die Band hatte gerade einen intensiven Monat gemeinsam an neuem Material gearbeitet. Kate sprach von Höhen und Tiefen und dass es schön sei, diese Zeit nun mit einem Bandkonzert in diesem Rahmen abzuschließen.


Was bleibt mir nun musikalisch in Erinnerung? Der Einstieg mit raunendem Gesang (solo), das intensive Misunderstanding (so wiegend und bittend), das herrliche upbeat Lied Hotter  colder mit komplexem Rhythmus und sicher auch das letzte Stück Blessed are those who see and are silent - so intensiv und beschwörend. An einem an Höhepunkten überreichen Tag war das vielleicht die schönste halbe Stunde.


Aus unserem Archiv 
This is The Kit, Haldern, 11.08.16
This Is The Kit, Düsseldorf, 05.11.13
This Is The Kit, Haldern, 09.08.13
This Is The Kit, Stuttgart, 27.07.13
This Is The Kit, Reutlingen, 26.07.13
This Is The Kit, Paris, 28.09.11
This Is The Kit, Paris, 17.09.11
This Is The Kit, Paris, 21.04.11
This Is The Kit, Paris, 06.02.11
This Is The Kit, Paris, 27.03.10
This Is The Kit, Paris, 03.12.09
This Is The Kit, Paris, 09.06.09
This Is The Kit, Paris, 11.03.09
This Is The Kit, Paris, 06.03.09
This Is The Kit, Paris, 26.03.08
This Is The Kit, Paris, 01.02.08

Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves


Árstíðir, Reykjavík, 04.11.16

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Konzert: Árstíðir
Ort: Fríkirkjan in Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 4. November 2016
Dauer: 40 min
Zuschauer: volle Kirche (vielleicht 300)


Die tollen Bilder sind von Claudia - Vielen Dank!

Ich hatte schon darüber berichtet, dass in der Überfülle das Iceland Airwaves Programms ein Abend für mich von Anfang an geplant war: Freitag Abend geht es in die Kirche. Das lag vor allem daran, dass das offizielle Konzert von Árstíðir hier angekündigt war - ausgerechnet an dem Ort, den ich per Video schon von den Weihnachtskonzerten kannte. Wie sehr hatte ich mir immer gewünscht, einmal bei so einem Weihnachtskonzert dabeisein zu können. Nun gab es immerhin eine ziemlich gute Näherungslösung, die möglich werden könnte.  Lustigerweise war als zweite Band des Abends in der Kirche Mugison angekündigt, über die ich vor 2 Jahren bei einem Weihnachtsdeal gestolpert war und die ich mir live unbedingt mal näher ansehen würde. Der Abend würde von Ólöf Arnalds (Cousine von Ólafur) abgerundet werden, deren Musik ich kenne, nicht aus ganzem Herzen toll finde, wo man aber mal sitzen bleiben könnte.


Ein Nachteil des eigentlich für meine Bedürfnisse perfekten Konzertortes war, dass ich mir nicht sicher war, ob das kleine Gotteshaus dem Ansturm gewachsen sein würde, weshalb ich mich schon zeitig auf den Weg machte. Zum Glück war es ein klarer Abend und der Blick auf den großen See am Rathaus nicht zu verachten. Durch die Kirchenfenster konnte man im erleuchteten Innenraum Eindrücke vom Soundcheck stibitzen und den Raum bewundern. Das war ein bisschen wie Nase plattdrücken an der Weihnachtsstube. Die Besetzung war genau die Gleiche wie am Mittwoch (insgeheim hatte ich ja auf die eine oder andere Überraschung gehofft...). Mit der Zeit wurde es freilich einen Tacken zu kalt und im nachhinein war klar, es hätte auch gereicht, erst etwa 20 min später vor Ort zu sein - aber hinterher ist man ja immer schlauer. Eingelassen wurde schließlich 15 min vor Konzertbeginn und der Kirchenraum war schön warm und anheimelnd.
 


Das Konzert begann dann fast auf den Punkt und wieder mit den zwei ersten Songs vom aktuellsten Album Hvel. Das zweite - Things you said - endete sehr emotional und für den Raum sehr passend mit einer regelrechten Geigenhimmelfahrt. Es folgte wie schon im Set am Mittwoch etwas neues Material, wobei das zweite Stück regelrecht rockig und stürmig wirkte und mit einem dramatischen Abbruch ein ordentliches Ausrufezeichen setzte. Auf Wunsch der neuen Managerin folgte Shine. Eines der Stücke, in dem ich bei jedem hören ganz und gar zergehen könnte und mich hinterher ermutigt fühle. Auch Nú gleymist ég ist so eine sichere Bank mit der unwerfenden Dramatik im Mittelteil. Die anschließende Ansage, dass nun You again, dran wäre, wurde mit spontanen Juchzern aus dem Publikum beantwortet. Leider war hier schon klar, dass es nun auf das Ende zugehen würde.
 


Das so wohlbekannte und herrlich dramatische Stück Shades wurde als Abschluss wieder ganz packend inszeniert und blieb in seiner Dramatik nicht hinter z.B. mit Moschpit ausgestatteten Konzerten zurück. Es schickte uns alle mit einem gigantischen Ausrufezeichen ins Festivalgeschehen zurück. Wohl der Kürze der Zeit geschuldet, gab es fast keine Ansagen außer den Bezug zu ihren ersten Schritten 2008 in dieser Kirche und zur Tradition der Weihnachtskonzerte daselbst - insgesamt also wirklich heimatlich.  Der rundum hervorragende Eindruck von Musik, Atmosphäre und enthusiastischem Publikum wurde nur dadurch geschmälert, dass es einfach zu früh schon wieder zu Ende war.


Setlist:
01: Himinhvel
02: Things You Said

03: Someone who cares
04: neu
05: neu
06: Shine
07: Nú gleymist ég
08: You again
09: Shades

Aus unserem Archiv:
Árstíðir, Reykjavík, 02.11.16
 
Árstíðir, Esslingen, 23.04.16
Árstíðir, Gera, 25.04.14
Árstíðir, Berlin, 08.04.12 
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves 


JFDR, Reykjavík, 03.11.16

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Konzert: JFDR
Ort: Reykjavík Art Museum (Iceland Airwaves)
Datum: 3. November 2016
Dauer: 30 min
Zuschauer: 300


Nach dem Sóley-Konzert stand für uns JFDR auf dem Programm, deren Konzert beim ATP in Ásbru wir ja vor etwa 18 Monaten so gigantisch gut fanden. So wollten wir sie unbedingt wieder live erleben. Der Veranstaltungsort war das  Reykjaviker Kunstmuseum und ich hatte mir vorgestellt, dass es im Museum einen Vortragsraum geben würde der für Konzerte genutzt wird. Deshalb war ich nicht schlecht überrascht, einen wunderbar interessanten, hohen und ziemlich großen Saal vorzufinden, der mit vielleicht 300 Leuten vor der Bühne nur sehr locker besetzt war. Von jedem Punkt im Raum hatte man einen hervorragenden Blick auf die große Bühne, was wahrscheinlich auch noch für vollere Shows zutrifft.


Beim Eintreten in das Gebäude wurden wir begrüßt von
Jófríður Ákadóttirs sphärisch schwebender Stimme. Zusammen mit dem imponierenden Raum und der großen Bühne ein eindrücklicher wow-Effekt. Und in diesem Moment nahm ich auch wahr, dass auf der Bühne ganz schön viel Betrieb war. Wir hatten das Projekt ja zuletzt als Trio erlebt, diesmal hatte sie vier Mitmusiker dabei, die mit ihrerm Sound auf eine so große Bühne hervorragend passten. Leider habe ich ihre Namen nicht verstanden. Mir ging so durch den Kopf, was die junge Frau in den Tagen des Iceland Airwaves alles so leistet mit drei verschiedenen Projekten jeweils mehrfach aufzuspielen und dann noch hier so souverän und entspannt inklusive humorvoller Ansagen eine Riesenshow zu liefern. Sie wirkte dabei ganz locker und glücklich - Hut ab! 


Das zweite Stück setzte dem "Elfenlied" Rhythmus und Schaffensdrang entgegen. Nur drei Akkorde und die Melodielinie wurden durchgehend wiederholt. Das erzeugte eine hochspannende Stimmung und ich konnte gar nicht verstehen, was da eigentlich passierte.  Auf dem Programm stand nun ein Lied, das sie als Country Song for everyone who is very scared of falling in love ansagte. Ihre Stimme ließ mich mit Gänsehaut erschauern (im allerbesten Sinne). Was macht sie da so beiläufig und anstrengungslos mit mir?
 


Es gab mein Innerstes ergreifenden Gesang zu sparsamster flimmernder Gitarre und hintergründig ein drängendes Schlagwerk. Das steigerte sich auf eine dem Saal mehr als angemessene Lautstärke mit hoher Dramatik inklusive einem sehr präsenten Saxophon. Der nächste Song White sun ist gerade mit einem Video in die Welt geschickt worden und gehört somit zu dem wenigen Material, das man auch vom Sofa aus genießen kann. Die vergleichsweise vielen Solo-Mitschnitte zeigen zwar ihre Begabung für die Bühne und ihre tolle Stimme, bleiben aber hinter dem Liveerlebnis mit großer Band einen ganz schön großen Schritt zurück.


Für das Finale wurde es schließlich sogar richtig tanzbar. Der Rhythmus ging in die Beine, die Stimme blubberte und das Saxophon tanzte um ihre Melodielinie. Was für eine tolle Nummer! JFDR, das war wirklich eine wunderbare halbe Stunde auf dem Airwaves und ich bin immer noch ganz verzaubert.

 


Aus unserem Archiv: 
JFRD, Ásbru, 02.07.15
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves



Freitag, 4. November 2016

Sóley, Reykjavík, 03.11.16

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Konzert: Sóley
Ort: Mengi in Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 3. November 2016
Dauer: 60 min
Zuschauer: 75


Die beiden tollen Fotos sind von Claudia - Vielen Dank!

Ich hatte schon davon berichtet, mit welchem Herzklopfen ich am ersten Tag das Konzert von Árstíðir erwartet habe. Noch viel schlimmere Bauchschmerzen hatte ich, ob es mir wohl gelingen würde, in eines der wenigen winzig dimensionierten Konzerte von Sóley zu gelangen. Im ersten Versuch trat so ungefähr alles ein, was ich an abschreckenden inneren Bildern gehabt hatte: Schon 45 min vor Beginn standen bestimmt 50 Leute im strömenden Regen vor dem kleinen Venue und alle fragten sich, ob sich das ausharren im Regen wirklich lohnen würde - sprich, ob sie noch unter den ersten 50 Leuten in der Schlange sein würden. Wahrscheinlich hatten die Veranstalter ein Erbarmen, denn sie hatten dann doch Karten für 75 Personen vorbereitet und wir waren mit Nummer 61-63 gerade noch so mit drin, wenn auch ganz schön hintendran gedrängelt.

In der Ankündigung des Konzertes hatten drei Aspekte angeklungen: Intime Größe, viele Mitmusiker und neues Material. Tatsächlich hatte Sóley für ihr neues Material insgesamt sieben Mitmusiker auf der kleinen Bühne:


 Albert Finnbogason Bass, 
 Jón Óskar Jónsson Schlagzeug, 
 Katrín Helga Andrésdóttir Piano, 
 Sigrún Jónsdóttir & Hilma Kristín Sveinsdóttir Klarinette, 
 Þórdís Gerður Jónsdóttir Cello,
 Margrét Arnardóttir Akkordeon

Davon waren zu Beginn nur die zweite Frau an den Tasten auf der rechten Seite vorn (neben Sóley auf der linken Seite), der Bass (hinter Sóley sitzend) und ganz hinten links der Schlagzeuger zu sehen. Für die anderen waren aber schon Notenständer vorbereitet. Zunächst wurden zwei gut bekannte  Songs in völlig neuer Kleidung präsentiert: The sun is going down und Pretty face mit seinem typischen Rhythmus unverkennbar, aber doch neu und in einer unfassbaren Dynamik präsentiert von fast unhörbar zu Beginn auf ziemlich laut am Ende aufgedreht. Sehr dunkel wurde es anschließend für One eyed Lady. Sóley wechselte vom Piano weg für die schieferen Töne und rief das would you kill for love? ins Publikum, dass einem heiß und kalt zugleich wurde.
 


Anschließend wurde etwas nervös vier Stücke mit neuem Material in großer Besetzung versprochen. Während die zusätzlichen Musikerinnen noch Platz nahmen, erklärte sie uns, dass sie seit der Geburt ihrer Tochter ein paar neue Seiten  an sich entdeckt hat, z.B. hätte sie ihr erster Song in einer Dur-Tonart vorzuzeigen. Tatsächlich gefielen mir alle neuen Songs sehr gut und der letzte war sogar sehr beschwingt. Es wurde langsam ganz schön warm im kleinen Raum, aber es standen auch nur noch zwei Lieder auf dem Programm: I'll drown und ein neues Lied mit dem Titel Endless Summer (was wohl voraussichtlich auch der Titel des neuen Albums sein wird). I'll drown fand ich phantastisch - es war schwirrend und flirrend und die Wärme im Raum korrespondierte mit einem heißen Sommertag, den die Musik vor meinem inneren Auge entstehen ließ. Mit Musik wie Endless Summer will Sóley Hoffnung in die Welt tragen. An dem Abend war das gelungen. Das Warten im Regen hatte sich für alle, die das Konzert schließlich sehen durften, wohl mehr als gelohnt. Altes und neues in einer tollen und einzigartigen Fassung haben mich wirklich begeistert.


Setlist:
01: The sun is going down
02: Pretty face
03: One eyed lady
04: (neu)
05: (neu)
06: (neu)
07: (neu)
08: I'll drown 
09: Endless summer (neu)

Aus unserem Archiv:
Sóley, Heidelberg, 06.12.15
Sóley, Karlsruhe, 09.08.12
Sóley, Darmstadt, 06.08.12
Sóley, Paris, 09.09.11 

Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves


Iceland Airwaves Tag 1, Reykjavík, 02.11.16

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Mein Iceland Airwaves 2016 Tag 1:
  Árstíðir (35 min)
  Hinemoa (30 min)
  Pétur Ben (30 min)
Ort: Gamla Bió
Datum: 2. November 2016
Zuschauer: 60, 100 und 250

(c) Claudia

Einmal im Jahr - Anfang November beim Iceland Airwaves - feiert die isländische Musikszene ordentlich in Reykjavík. Anderswo sieht man sich in den Weihnachtsferien - als isländische Indie-Musikerin ist es dagegen ein muss, in der ersten Novemberwoche in Reykjavík zu sein. Zum Glück dürfen auch nicht-Isländer mitfeiern und nachdem wir uns nach dem ATP-Festival im letzten Jahr nur von Island losreißen konnten, nachdem wir einen festen Plan für das Wiederkommen abgemacht hatten, war das Iceland Airwaves 2016 ganz unabhängig vom Line-up für uns gesetzt. Das Prozedere des Festivals kannten wir alle aus Berichten: Ein offizielles Programm findet von Mittwoch bis Sonntag in verschiedenen Klubs, Sälen und dem Opernhaus Harpa statt, aber daneben gibt es etwa doppelt so viel Konzerte in sogenannten Off-Venues zu erleben. Ein paar ausländische Bands dürfen dabei sein, aber im Wesentlichen rockt und säuselt hier schon der Isländer auf der Bühne.
 
Foyer des Gamla Bió

Da wir alle ganz viel isländische Musik ganz wundertoll finden, hört es sich logisch an, dass wir den Plan fassten, nun auch einmal dabeisein zu wollen. Aber das stimmt nur in der Theorie. Denn ich hasse Auswahlfestivals, wo fest steht, dass ich im Überangebot mehrfach zwischen verschiedenen Optionen wählen muss, die ich beide (oder gar drei) gern erleben würde und die Sorge, in kleinen Venues nicht Platz zu finden bzw. ewig vorher anzustehen ist nicht meine Vorstellung von angenehm verbrachter Zeit. Man stelle sich dazu noch November in Island vor mit Regen, Temperaturen kurz über Null und vielleicht noch horizontalem Wind. Dazu kommen die Festival-üblichen viel zu kurzen Slots von nur 30 min für jede Band. Nee, ich glaube ich hätte mich nicht überreden lassen, dafür Zeit und Geld zu erübrigen. Zum Glück wird das beim Iceland Airwaves etwas abgemildert durch Wiederholungen - viele Bands treten drei bis fünfmal zu unterschiedlichen Tageszeiten an sehr unterschiedlichen Orten auf. Damit lassen sich viele Konflitke auflösen. Aber... Trotzdem! 
 

Die Probe auf's Exempel machte ich mit dem ersten Off-Venue Konzert von Árstíðir, wo es mir eigentlich zu wichtig war, als dass ich es hätte locker angehen können (auch wenn es anschließend noch vier Versuche geben würde). Zum Glück ging das Experiment nach sehr viel Herz klopfen und Nerven zittern gut aus. Da wir schon im wunderschönen Theaterhaus Gamla Bió waren, beschloss ich anschließend nicht durch den Regen zu einem anderen interessant klingenden Konzert zu rennen, sondern unten im großen Saal zu bleiben - auch weil wir uns für den ersten Tag Pétur Ben ausgesucht hatten, der dort später spielen würde.  Damit ergab sich zufällig die Gelegenheit, die Band Hinemoa zu erleben und mit ihr eine herrliche musikalische Überraschung. Der Saal war mit knapp 100 Leuten nur sehr locker besetzt, hat aber eine sehr einladende Atmosphäre und ich wusste schon in dem Moment, als ich mich auf die Seiten-Tribüne setzte, dass es mir hier sehr gut gefallen würde.


Hinemoa sind:
  Ásta Björg Björgvinsdóttir - Gesang, Gitarre, Tasten
  Bergrós Halla Gunnarsdót - Gesang, Gitarre, Tasten

  Kristófer Nökkvi Sigurðsson - Perkussion
  Sindri Magnússon - Bass
 


Also zwei Frontfrauen mit einem Schlagzeug- und einem Bassmann. Auffällig war sofort für mich der sehr tolle Satzgesang und das passte dann auch dazu, dass sie schon beim Árstíðir Releasekonzert als Support dabei waren. Es fing ziemlich poppig an mit genug Indieeinschlag für mich, um angelockt zu sein. Danach schwangen sie sich mit einem ruhigeren Liebeslied noch mehr auf meine Wellenlänge ein. Richtig toll wurde es für mich mit dem Song Bye Bye Birdie und sogar noch besser beim isländischen Song  Í Rökkurró - einfach herrlich war das! Aber mit dem Abschiedssong Running among the Stars wurde noch eins drauf gesetzt durch den Gegensatz von schmachtender Strophe  und dem tanzbaren Refrain - ein wirklich irrer Tempowechsel und damit ein herrlicher Rausschmeißer-Song.


Setlist:
01: Imaginary Cartoons 
02: Declaration 
03: Bye Bye Birdie 
04: Still for a moment 
05: Í rökkurró 
06: Running Amongst The Stars
 


Über den Sänger Pétur Ben stolperte mit dem 2008er Album Wine for my weekness - insbesondere der Song I'll be here blieb im Ohr - sogar bis heute. Vielleicht ist das dem Sänger gar nicht so recht, noch immer vor allem damit verbunden zu werden. Jedenfalls war das, was ich mir als Konzert erwartet hatte, etwas ganz anderes, als der Herr für diesen Abend vorbereitet hatte. Auf der Bühne spielte ein Quintett auf mit großem Schlagzeug, Kontrabass, Saxophon, einer Frau hinter Synthieberg (diese sang auch oft zweite Stimme) und einem Bass neben Pétur Ben und seiner Gitarre.


(c) Claudia

Das Set begann mit einem eigentlich bekannten Stück - Painted Blue - das klang aber ganz anders als weiter unten verlinkt. Es gab nämlich ein unheimlich treibendes Schlagzeug und interessante Taktwechsel. Und so trieb er uns druch ein tolles Set, das mal rockig und drängend und dabei doch auch schwingend und leicht war. Auf jeden Fall extrem abwechslungsreich und begeisternd. Den Zusammenhalt lieferte dabei stets seine Melodie und die Stimme.  Ein regelrechter Krachblues - Blinded by the warning lights - zum Abschied war dabei für mich das Spannungs-Highlight (und natürlich ohne Saxophon...) Gerade als ich bedauern wollte, dass es nun wohl mit dem Spaß schon vorbei sei, holte er 21 Leute als Chor auf die Bühne für einen Vorgeschmack auf das mitternächtliche Körus-Konzert in der Fríkirkjan. Was für ein Glückgefühl dabei transportiert wurde, läßt sich nur sehr schwer in Worte fassen. Und wurde dadurch zu einem grandiosen emotionalen Finale geführt, dass wir mitsingen durften. 


(c) Claudia
Ein wirklich überraschendes Konzert der Sonderklasse ging damit zu Ende und bildete zugleich den Abschluss meines ersten Iceland Airwaves Tages. Zunächst hatte ich mir selbst die Schuld gegeben, seit 2008 mein Pétur-Ben-Bild nicht modernisiert zu haben, aber ich habe keinerlei Spuren im Netz gefunden, die ein solches Konzert hätten vermuten lassen.

Setlist:
01: Painted Blue
02: Search and Destroy
03: O.S. 2.0
04: My saints K.o.'d
05: Skinny Girl
06: Blinded by the warning lights
07: Lonesome like me (Körus) 
  

Aus unserem Archiv:
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves




 


Svavar Knútur, Reykjavík, 03.11.16

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Konzert: Svavar Knútur
Ort: Landnámssýningin in Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 3. November 2016
Dauer: 45 min
Zuschauer: 70


Die tollen Fotos sind von Claudia - vielen Dank!
 

Tag zwei in Reykjavík hatte ja mittags schon wirklich toll begonnen. Anschließend machten wir Pause und Pläne und Foto-Sortierung und was alles sein muss, damit man in der Fülle der Eindrücke nicht untergeht. Für das Abendprogramm hatten wir uns Svavar Knútur als Startpaket ausgewählt, der zur Teatime im Landnámssýningin angekündigt war. Man kann den Namen anfangen zu lesen und kommt darauf, dass es was mit der Erstbesiedlung von Island zu tun haben könnte. Tatsächlich erwies es sich als Museum mit einem großen (etwas gegliederten) Raum, in dem nachvollzogen wurde, wie die ersten nachweisbaren Siedler Island zu ihrer Heimat machten. Angenehm war, dass es - wie in einem schönen Museum nicht unüblich - eine Garderobe und ordentliche Toiletten gab und alles ruhig, kompetent und freundlich zuging. Kein warten und kein schubsen. Ein prima Anfang für einen langen Tag!


Was wir uns von dem Konzert erwartet hatten, erfüllte sich alles auf das Schönste: Es wurde viel Blödsinn geredet, fleißig mitgesungen und die Erinnerung brachten uns auch auf dem nächtlichen Heimweg noch zum loslachen. Svavar begann damit, sich zu entschuldigen, dass er nicht ganz pünktlich sei (was fast nicht stimmte, denn es ging nur um 2 Minuten), weil sein kleiner Sohn eine Lungenentzündung hat und die Kinderbetreuung... Das war eine gute Überleitung dazu, dass er das erste Lied seiner Tochter widmete: Soundtrack. Unser Konzert war Teil eines Straußes von Svavar-Knútur-Konzerten während des Festivals - alle an Off-Venues, weil er ein Airwaves Outlaw sei. Nachdem er sich einige Jahre darüber geärgert hätte, derartig übergangen zu werden, fände er es mittlerweile viel netter vor aufmerksamem Publikum zu spielen als durch betrunkene Idioten gestört zu werden. Da hatten wir ihn, unseren schwarzhumorigen Isländer... Um zu zeigen, dass wir wirklich ein ganz liebes Publikum sind, sangen wir anschließend bei Humble hymn auch ganz innig mit. Dabei gab es die erste Show-Einlage beim Vorsagen des Textes durch den Künstler: Svavar als Evangelikaler Prediger oder auch kurz - Svavar der Kinderschreck... 


Singen hält bekanntlich gesund und so ist er wohl in Wirklichkeit nicht einfach irgendein zwischen alle Stühle rutschender Indie-Pop-Singer-Songwriter, sondern ein Public Health Troubadur! Für das nächste Lied Clementine packte er zum ersten Mal seine brandneue Ukulele aus. Mein musikalischer Höhepunkt folgte mit dem Song Curtain. Fast schon hatte er mich überzeugt, er würde sich in dem kurzen Slot doch auf die Musik konzentrieren, als er für den Wanderlust-Song ganz, ganz weit ausholte. Alle möglichen Nationalhymnen neu interpretierte, den Ehrentitel Schrödingers Troubadur aus dem Publikum verliehen bekam und uns versuchte zu überzeugen, dass wenn man Wale versteht, man weiß, dass sie ganz üble Gesellen sind. Was die Geschichte mit dem wirklich schönen Lied Wanderlust zu tun hat (den wir natürlich auch schön mitgesungen haben), habe ich freilich nicht verstanden... Als ich schon befürchtete, jetzt sei wahrscheinlich Schluß (die halbe Stunde war schon ziemlich übererfüllt), gab es noch eines der Ohrwurm-Lieder (inkl. Geschichte) mit Girl from Vancouver. Da Savavar-Knútur-Konzerte immer Lust auf mehr machen, befragten wir ihn anschließend noch nach Konzertterminen in Deutschland und ich kann hiermit die frohe Kunde verbreiten, dass es eine vorweihnachtliche Tour durch einige Stationen in Deutschland und der Schweiz geben wird!


Setlist:
1: Soundtracks
2: Humble hymn
3: Clementine
4: Curtain
5: Wanderlust
6: Girl from Vancouver


Tourdaten: 
01.12. Grüner Salon Berlin
02.12. Warenwirtschaft Hamburg
04.12. Krone Alt-Hoheneck Ludwigsburg
05.12. Trachtenvogel München
07.12. Gemeinschafthaus Köniz
08.12. Piccolo Giardino Zürich
09.12. Horns Erben    Leipzig
10.12. Schauburg Dresden


Aus unserem Archiv: 
Svavar Knútur, Karlsruhe, 15.09.16
Svavar Knútur, Leipzig, 09.10.13 
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves

 

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