Montag, 10. März 2014

Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent, Paris, 14.02., 16.02., 18.02.14


Konzerte: Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent
Orte: Le Trianon, Le Trabendo, La Cigale, Paris
Daten: 14., 16. und 18.02.2014
Zuschauer: Anna Calvi und Au Revoir Simone ausverkauft, St. Vincent nicht ausverkauft
Konzertdauer: Anna Calvi: etwa 1 Stunde 10, Au Revoir Simone 1 Stunde 15, St. Vincent 1 Stunde 20

Klassischer Hattrick! Drei Konzerte in Folge, die ich alle als etwas gekünstelt, zu stark einstudiert und seelenlos empfand: Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent. Wo ist da die Natürlichkeit geblieben? Ich bin sicher, daß jedes Konzert von diesen drei Acts auf der jeweiligen Tour exakt gleich klingt. Das ist fast wie Fließbandarbeit, die Konzerte sind handwerklich tadellos gemacht, werden aber dennoch irgendwie runtergeritten, ein aufgesetztes Lächeln (Au Revoir Simone), oder eine übertriebene Rockstarpose eingenommen (Anna Calvi, St. Vincent), aber echte Emotionen kommen da kaum auf. Zumindest nicht bei mir.

Nun, ich bin sicherlich etwas hart in meinem Urteil, aber das sind eben die Eindrücke, die ich von diesen Konzerten gewonnen habe. 

Gehen wir vielleicht mal chronologisch vor:

Anna Calvi im Trianon, 14.02.2014:

Anna Calvi spielte im wundervollen Theater Trianon gleich zwei ausverkaufte Shows hintereinander. Etwa 3000 Leute wollten also Anna live sehen, beindruckend.

Ich war beim ersten Konzert am 14. Februar dabei und von der technischen Klasse von Anna Calvi begeistert, aber in emotionaler Hinsicht letztlich kaum bewegt. Deutlich zu erkennen war hier, daß jedes Hochreißen der Gitarre, jeder Ausfallschritt, ja selbst die Mimik komplett einstudiert waren. Nun sah ich Anna Calvi nicht zum ersten Mal. Insgesamt komme ich auf mindestens 5 Konzertbesuche. Neu war allerdings, daß ich sie in einer solch großen Venue erlebte. War ich vorher immer nahe dran, stand ich dieses mal recht weit von der Bühne entfernt. Mein Platz war wahrlich nicht toll, ich stand außerhalb des eigentlichen Publikumsbereichs, umringt von vielen Leuten, mit mitelmäßigem Blick und an dieser Selle nicht perfektem Sound. Oliver Peel im Abseits. So oder so ähnlich war das.

Aber davon unabhängig erinnerte mich der Auftritt an etliche andere, die ich von Calvi bereits gesehen hatte. Das langweilte mich, obwohl sie wie immer hervorragend (wenngleich wahnsinnig theatralisch) sang, perfekt Gitarre spielte (der Wahnsinn, was sie da drauf hat!) und natürlich auch wie aus dem Ei gepellt aussah.

Hohes Niveau, das Abend für Abend abgerufen wird, aber nicht wirklich der Inbegriff für Rock'n Roll is wie ich ihn verstehe. Wo ist da Platz für Improvisation, für eine spontane Änderung der Setlist, für eine ungeplante Aktion, für irgend etwas in dieser Richtung? Nicht vorgesehen. Da wird keinerlei Risiko eingegangen. Alles muss perfekt sein. Genauso perfekt wie die Haare und die Klamotten. Hochglanzbluesrock für Modemagazine. Wenn Anna Calvi nicht so klein wäre, könnte sie selbst noch auf dem Catwalk laufen und unser Karl Lagerfeld würde mit seinen beknackten Halbhandschuhen dastehen und Beifall klatschen.

Wobei man definitiv nicht sagen konnte, daß nur die jeweiligen Alben Note für Note nachgespielt wurden. Da gab es durchaus längere Versionen mit ausgeprägten Gitarrenparts so zum Beispiel bei dem vorzüglichen I'll Be Your Man, das mit einem langen Instrumental begann und in der Folge zwischen explosiven Ausbrüchen und ruhigen, sinnlichen Phasen hin und her tänzelte.

Sehr sexy und PJ Harvyesk (aber auch stonerrockig a la Queens Of The Stone Age) Love Of My Life. Da stöhnte sie ähnlich wie eine Maria Sharapova auf dem Tennsicourt, fast so als würde sie ein Oliver Peel persönlich rannehmen.

Nach Piece By Piece kam bei Carry Me Over erneut sehr langer Instrumentalpart in der Mitte, der deutlich von der Albumversion abwich. Ähnliches Bild bei dem das offizielle Set abschließenden Love Wont Be Leaving.

Dazwischen coverte sie sehr sinnlich und sexy Bruce Springsteen (Fire) und liefert mit A Kiss To Your Twin eine hübsche Ballade ab.

Desire war sogar richtig groß, besonders die Harmoniumpassage am Anfang klang herrlich feierlich.

Was allerdings auffiel war, daß sich viele Stücke untereinander ähnelten. Die aufgebaute Dramatik wurde ein bißchen mit Ansage erzeugt, das folgte vieles einem ähnlichen Strickmuster zwischen ruhigen Passagen und feurigen Ausbrüchen.

Da ich das alles schon kannte, konnte mich Anna eben nicht wirlich aus der Reserve locken, selbst wenn ich die 2. Zugabe Blackout nach wie vor umwerfend fand.

Setlist Anna Calvi

01: Suzanne & I
02: Eliza
03: Sing To Me
04: Suddenly
05: Cry
06: Rider To The Sea
07: First We Kiss
08: I'll Be Your Man
09: Love Of My Life
10: Piece By Piece
11: Carry Me Over
12: A Kiss To your Twin (Ballade)
13: Fire (B. Springsteeen)
14: Desire
15: Love Won't Be Leaving

16: Bleed Into Me
17: Blackout
18: Jezebel

Au Revoir Simone, Paris, Le Trabendo, Paris, 16.02.2014


Die Show zum aktuellen Album von Au Revoir Simone hatte Christoph Konzerttagebuch ein paar Tage vor mir bereits in Köln gesehen. Er fand sie langweilig, belanglos, das synchrone Wippen der Sängerinnen machte ihn sogar seekrank. Er stellte die These auf, daß die Platten des weiblichen Trios toll seien, die Band live aber nicht überzeugen könne.


Und in der Tat, den Vorwurf der Belanglosigkeit kann man Au Revoir Simone durchaus machen. Wobei man dabei aber selbstverständlich die Alben mit einbeziehen sollte, denn die sind nun einmal eher leichte Kost, gar seicht wenn man besonders kritisch ist. Die Liveautfritte spiegeln letztlich nur den Charakter der Alben wieder, wobei ich finde, daß die drei Mädels aus New York das Beste aus dem Studiomaterial herausholen und live eher stärker als auf Platte sind. Sie wippen hinter ihren Keyboards wild rum, ja stimmt, aber was sollten sie sonst machen? Statisch bleiben wie Kraftwerk? Wäre cooler, aber auch spannender?



Mein persönliches Problem beim Konzert in Paris war eh ein anderes. In meiner Umgebung wurde sehr laut geplaudert. Drei Italienerinnen hinter mir plapperten ohne Unterlass, kommentierten ein ums andere Mal das gute Aussehen der New Yorkerinnen  auf der Bühe (kein Wort zur Güte der Lied hingegen) und sangen auch (leider falsch!) mit. Das nervte irgendwann so sehr, daß ich mich bald woanders hinstellte, aber auch da wurde ungeniert geschwatzt. Das Publikum fiel wirklich unangenehm auf. Optisch eine Mischung aus Hipstern und Modeblogerinnen (was ja eigentlich wurscht ist), vom Verhalten her einfach nur respektlos. Als ginge es nur ums Sehen und Gesehenwerden. Haben Au Revoir Simone ein solches Publikum verdient? Sind sie etwa gar selbst oberflächlich und arrogant? Au weia, das würde ich ihnen nicht unterstellen wollen! Nur weil sie hübsch sind, müssen sie noch lange keine kratzbürstigen Diven sein. Andererseits spielen sie auch perfekt die Rolle der drei dauerlächelnden Charme-Prinzessinen. Das gehört bei ihnen einfach dazu. Warscheinlich ist ihnen in der Tat oft zum Lächeln zumute, weil sie es lieben auf der Bühen zu stehen, aber ich bin auch davon überzeugt, daß sie selbst dann lächeln würden, wenn es ihnen mal nicht so gut geht (Tod der kleinen Katze oder so...) Anders als eine Scout Niblett die beim letzten Konzert mürrisch dreinblickte, weil sie kränkelte und keinen Bock hatte dies zu kaschieren.




Aber reden wir mal von den performten Songs. Waren die wirklich nur so mittelmäßig wie Christoph sagte? Weil das neue Album nicht so doll ist? Kann ich nicht bestätigen. Stücke wie Crazy, Just Like A Tree oder Someboy Who sind äußerst catchy und stehen den alten Nummern in nichts nach. Man musste freilich das aktuelle Album ein paar mal gehört haben, um das Material live vollends zu genießen. Also Belanglosigkeit hin oder her, die gespielten Lieder waren keineswegs schlecht und wenn das Publikum nicht so genervt hätte, wäre es möglich gewesen, sich diesem gezuckerten Dream Pop vollends auszuliefern.



So aber wurde der Genuß getrübt, wenngleich ich dieses Konzert von Au Revoir Simone als besser und berührender empfand als die Shows von Anna Calvi und von St. Vincent. In manchen Momenten wurde mir durchaus deutlich, warum ich diese Band mag und warum sie so viel Erfolg hat. Da wurde eine Unschuld und Sorglosigkeit vermittelt, die wohltuend wirkte und gute Melodien haben Erika, Anne und Heather sowieso. Wenn es so sahnig gerührt kredenzt wurde wie bei Another Likely Story oder The Lead Is Galloping ("just put your hands up") wurden gar hohe Gipfel erklommen. Dahinplätschernde Stücke wie Let The Night Win oder We Both Know waren aber in der Tat Rohrkrepierer.



Nach knapp einer Stunde wurde das offizielle Set mit dem flotten Shadows abgeschlossen, zum dem die Zuschauer deplatzierterweise mitklatschten. Hier wurde auch etwas Bass gespielt und der ansonsten durchgängig synthetische Sound um ein organisches Element bereichert.


Die erste Zugabe All Or Nothing war dann ein wirkliches Highlight, hier wurden gekonnt zackige Rythmen mit einem ohrwurmigen Refrain und melancholisch-luftigen Parts verbunden. Stay Golden im Anschluß daran sehr getragen und sentimental, bevor mit Knight Of Wands dann noch einaml das Tempo angezogen wurde.

Leider entsprach die Setliste bis auf das I-Tüpfelchen anderen Setlists der aktuellen Tour, was meine These bestätigt, daß da jeden Abend das Gleiche runtergeleiert wird. Kann man nach 4 Alben nicht zumindest ein wenig abwandeln?

Setlist Au Revoir Simone

01: More Than
02: Just Like A Tree
03: Gravitron
04: Another Likely Story
05: Tell Me
06: Let The Night Win
07: Only You Can Make Me Happy
08: We Both Know
09: The Lead Is Galloping
10: Anywhere You Looked
11: Crazy
12: Somebody Who
13: Shadows

14: All Or Nothing
15: Stay Golden
16: Knight Of Wands

St. Vincent, La Cigale, Paris, 18.02.2014


St Vincent stand am 18.02.2014 in der ehrwürdigen Cigale auf dem Programm. Ein wundervolles altes Theater in dem ich zuletzt Bill Callahan gesehen hatte. Heute setzte ich mich zum ersten Mal ganz nach oben auf den Balkon und hatte eine super Sicht.


Visuell wurde dann auch einiges geboten. Wobei mir persönlich der bloße Anblick der hübschen Annie gereicht hätte. Die Räkelnummer auf den weißen Treppenstufen, das übertheatralische Gitarrenspiel, die perfekt durchinszenierte Choreographie, die geprobten Tanzschritte, all dies hätte sie für mich nicht aufbieten müssen.

So erinnerte mich dann auch dieses Spektakel an jene großer Mainstream Pop Diven wie Madonna (der Song Prince Johnny erinert sogar musikalisch an die Ciccone) oder Gwen Stefani. Eine große amerikanische Show, die wenig Freiraum ließ für Natürlichkeit oder charmanten Amateurismus. Zugeben, aus künstlerischer Sicht war das gut gemacht, allein schon atemberaubend wie Annie mit ihren hohen Boots so flink laufen und hüpfen konnte und wie elegant und grazil sie sich in einer Szene die Treppenstufen runtergleiten ließ. Aber: wer brauchte das? Ich jedenfalls nicht.


Zumal mir auch die Musik nicht immer wirklich zusagte. Zwar war das Gitarrenspiel von Annie technisch brillant, aber das Ganze war mir viel zu funkig (Funk mochte ich noch nie), klang zu sehr nach Prince und David Bowie in der Glamphase, strotzte nur so vor (freilich gewollten) Disharmonien und Brüchen. Es wirkte, als wolle uns die Künstlerin auf fast streberhafte Weise zeigen, was sie alles so drauf hat. Dabei wussen wir doch alle längst, daß sie ein großes Talent ist. Mir persönlich hätten etwas eingängigere Lieder besser gefallen. Das neue Material sagte mir kaum zu.



So hatte das Konzert für mich dann auch die besten Momente, wenn alte und ohrwurmige Klassiker wie Cruel oder Cheerleader kamen, bei denen auch mal ein Refrain haften blieb. Ansonsten wurden oft Lieder zerhackt, überfrachtet und mutwillig ihrer Melodie beraubt. Kritiker stehen auf so was, kriegen eine feuchte Hose und schwärmen von der unglaublichen Kreativität, ich aber sehnte mich nach richtigen Songs. 



Schon der erste Titel Rattlesnake gab mir fast Kopfschmerzen und endete mit einem krachigen Gitarrenpart äußerster Theatralik. Besser aber Birth In Revers, der mit seinen abrasiven Riffs an die Gang Of Four erinnte.


Das für mich gelungenste Lied des neuen Albums war Huey Newton, da spielte Annie nämlich zumindest im ersten melancholischen Part ihre schöne Stimme aus, bevor der zweite Teil mit saftigen Gitarren aufwartete.

Hatte das Konzert also musikalisch ein paar gute Momente, irritierte mich durchgängig die Kühle, die von dem Vortrag ausging. Ich merkte quasi nie eine direkte Verbindung zwischen Musikerin und dem Publikum und hatte den Eindruck, daß man in jeder Stadt der Tour exakt das Gleiche sehen würde.

Vielleicht gab es auch deshalb diese seltsame Phase, in der Anne scheinbar spontan Fragen in die Runde warf, obwohl sie noch nicht einmal die Antworteten abwartete. Ob jemand schon einmal das Gefühl gehabt hätte, die eigene Hand gehöre jemand anderem, war eine der Fragen und ein paar Leute im Publikum hoben ihren Arm in die Höhe. Ich war mir sicher, daß sie exakt die gleichen Fragen jedes Mal stellen werde, deshalb hörte ich da gar nicht richtig hin. Es wirkte, als wolle sie krampfhat versuchen, ihre kühle Show etwas aufzulockern.

Nach den gespielten 80 Minuten war ich deshalb nur mittelmäßig begeistert. Das Publikum tobte, aber ich war mir nicht sicher, ob ich St.Vincent in absehbarer Zeit noch einmal live sehen wollte. Ihre Entwicklung geht leider Eichtung Showstar und somit gen Mainstream. Eher nix für mich. Schade.

Setlist St. Vincent

01: Rattlesnake
02: Digital Witness
03: Cruel
04: Birth In Reverse
05: Regret
06: I Prefer Your Love
07: Pieta
08: Laughing With A Mouth Of Blood
09: Surgeon
10: Cheerleader
11: Every Tear Disappears
12: Prince Johnny
13: Year Of The Tiger
14: Black Rainbow
15: Marrow
16: Huey Newton
17: Bring Me Your Lovers
18: Northern Lights
19: Krokodil

20: The Bed
21: Your Lips Are Read 







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