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Freitag, 12. Januar 2018

2017 - meine Alben des Jahres (Michael)

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Unter den besten Alben sind einige, von deren Interpreten ich bisher nichts gehört hatte. Ihr werdet staunen, aber ich freue mich immer, wenn ich auch nach so vielen Jahren des Musikkonsums noch Neues entdecke. Auch Neues, was es eigentlich schon lange gibt, aber in meinen 41 Jahren aktiven Musikgenusses habe ich eben manche Strömungen weggelassen, spät entdeckt oder auch wieder verschüttet.

Nun also meine 2017er Liste der für mich besten und schlechtesten Alben - diesmal in der Reihenfolge des Gefallens oder Missfallens.

Die Auswahl aus mehr als 120 Platten fiel dann doch nicht so schwer, wie es bei der Anzahl zu erwarten gewesen wäre. Es ist wohl eher ein Zeichen dafür, dass es für Bands und Künstlerinnen wie Künstler nicht mehr so einfach ist, wirklich aus der Masse herauszustechen. Und bei bekannten Bands lege ich die Messlatte hoch, weil ich mich mehr über Weiterentwicklung freue als über Verwalten des eigenen Stils. Deshalb habe ich eine Liste der größten Enttäuschungen angefügt.


Die Besten

LCD Soundsystem - American Dream


Typisch: dieses Projekt habe ich aus dem Radio (Tonart meist auf dem Weg vom Büro nach Hause). Habe ich vorher nie bewusst wahrgenommen und dieses Werk macht Lust auf die alten.






Ibeyi - Ash


Die beiden Schwestern mit kubanischen Wurzeln kenne ich seit ihrem Debütalbum. Dieses hier ist ein absolute Empfehlung, genial reduzierte Songs und nebenbei großes Artwork!







Dhani Harrison - IN//PARALLEL


Was macht der Sohn von George? Das Radio erzählte mir die Geschichte, dass seine Mitmusiker von Fistful of Mercy ihm diesmal verweigert haben, unter dem Bandnamen zu veröffentlichen. Er solle sich endlich trauen, das Album unter seinem eigenen Namen herauszubringen. Es ist ein eigenständiges und grandioses Werk geworden.


Slowdive - Slowdive


Ich habe wohl in den 1990er Jahren Shoegaze verpasst bzw. bei der Nennung der Genreschublade an komplett andere Musik gedacht und nie reingehört. Bin sehr froh über die Entdeckung wie auch über Cocteau Twins und Jaguwar aus Dresden, die gerade heute (12.01.2018) ihr Debüt veröffentlichen.


Steven Wilson - To The Bone


Hier muss ich nicht viel schreiben. Einer meiner Helden nach der Nach-Rock-Ära und ein kreativer Kopf und Workaholic wie sie selten sind heutzutage. Ich hoffe auf noch viele Werke in all seinen Projekten, die er betreibt.





St. Vincent - Masseduction


Auch eine Empfehlung des Radios, passt für meine Ohren.











Albin Lee Meldau - Lovers (EP)


Eine weitere Quelle für Neuentdeckungen sind die NPR Tiny Desk Konzerte. Dort stellt der Sender neue und bekannte Musiker vor. Diese Entdeckung war besonders spannend wegen der sparsamen Instrumentierung und der dazu im Kontrast stehenden Intensität des Auftritts.




Hello Piedpiper - The Raucous Tide


Als Freund der Scala haben wir uns hier riesig über Fabios 2. Album gefreut und darüber, dass er es mit Band aufgenommen und dann auch bei uns gespielt hat.







Caspian Sea Monster - Caspian Sea Monster


Chemnitz hat auch eine Post- und Progrockgemeinde. Aus verschiedenen Bands hat sich diese Formation gegründet und ein bemerkenswertes Debüt abgeliefert. Das Googeln nach dem Bandnamen fördert Kurioses zu Tage.





Nick & June - My November My


Leider hat es noch nicht mit einem Wohnzimmerkonzert geklappt. Das Album gefällt mir ausnehmend gut.









Courtney Barnett & Kurt Vile - Lotta Sea Lice


Kurt Vile kenne ich seit seinem 2009er Album „Childish Prodigy“ und habe mich bei NPR Tiny Desk concerts über die Performance mit Courtney Barnett gefreut.








Feist - Pleasure


Ein Album wie ein ungeschliffener Diamant.











Father John Misty - Pure Comedy


Dieses Werk erschließt sich mir immer noch. Ich höre es in Abständen und finde es immer interessanter. Und entdecke immer andere Ecken in den Songs. Kein Ohrwurm dabei - gut so!







Woods of Birnam - Searching For William


Die Reste von Polarkreis 18 fanden sich zusammen und schrieben ein Album, mit dem sie im Dresdner Schauspiel einen Shakespeare-Abend gestalteten. Ein Kleinod moderner Popkunst.







Le-Thanh Ho - Staub


Tolle und nahegehende deutsche Texte. Le-Thanh Ho zu erleben war auch ein Höhepunkt unserer Wohnzimmerkonzertreihe.









Die schlimmsten Alben

We Invented Paris - Catastrophe


„Rocket Spaceship Thing war 2014 eines meiner Lieblingsalben auf dem Plattenteller, die Tour dazu ganz toll und ein Erlebnis auf dem Parkett des Beatpols in Dresden. Was die Jungs Geräten hat, diesen Synthipop aufzunehmen, erschließt sich mir nicht. Der Albumtitel sehr wohl, vielleicht hatte jemand in der Band schon so eine Ahnung…




U2 - Songs of Experience


Ich gebe zu, ich habe der Band überlange die Treue gehalten, nämlich bis 2009 und „No Line On The Horizon“. Ab dann ging es bergab und mit diesem Album besonders steil. Einfallslos und uninspiriert. Wer bezahlt noch für sowas?






Portugal.The Man - Woodstock


Dieses Album steht hier, weil es gegenüber den Vorgängeralben so abfällt und beliebig wirkt. So verliert man Fans, gewinnt sicher auch neue. Ich hoffe, dass dies ein Album zum Sammeln von Erfahrungen ist. Das nächste wird wieder besser.


Donnerstag, 12. Juni 2014

The National, Köln, 11.06.14

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Konzert: The National
Ort: Tanzbrunnen, Köln
Datum: 11.06.2014
Dauer: The National 105 min, St. Vincent gut 35 min
Zuschauer: leider viel zu wenige



"Oh my god, it's still daytime!" Daß seine Band am späteren Nachmittag spielte, fiel Matt Berninger erst gegen Ende des Konzerts auf. Ab dieser Woche werden wieder Nacht für Nacht Hupkonzerte stattfinden, die gesellschaftlich vollkommen akzeptiert sind, Konzerte im Freien sind das offenbar nicht. Denn obwohl das Gelände des Tanzbrunnens von Messe- und Fernsehsender-Gebäuden umgeben ist, scheint 22 Uhr das fixe Veranstaltungs-Limit zu sein, weil vermutlich eine Minute später die ersten Anrufe bei der Polizei eingehen.


Daß großartige Künstler wie The National nicht gegen die in Deutschland unschlagbare Kombination Fußball/Autofahren anstinken können, ist nicht überraschend. Daß aber offenbar auch am Vorabend der WM andere Konkurrenz so stark war, daß sich viel zu wenige für dieses Open Air Konzert interessierten, ist ein Trauerspiel. Vermutlich tat das Verkehrschaos der Veranstaltung nicht gut. Auch die Anfangszeit (St. Vincent 18:45, The National 20:00) war sicher nicht hilfreich. Aber die großen Lücken überall auf dem Platz hatten die Bands nicht verdient.

Als St. Vincent auftrat, war noch kaum etwas los. Annie Clark, die Frau hinter St. Vincent, hatte ich 2006 als Vorgruppe von Sufjan Stevens zum ersten Mal erlebt. Dieser kurze Auftritt und ein zweiter als Hauptgruppe im Gebäude 9 2007 waren ruhige Konzerte mit vielen Klavier- und Geigentönen. Seitdem hat sich die Amerikanerin in vielerlei Hinsicht radikal verändert. Aus der schüchtern wirkenden Pianistin mit Strickmütze ist eine extrovertierte Gitarristin mit Robert-Smith-Frisur und blutverschmierten Kleid geworden. Im vergangenen Sommer hatte ich Annie als Teil der großen David Byrne & St. Vincent Revue erlebt, einem Konzert mit Marching-Band und voll durchchoreographierten Bewegungen, daß aber nicht nur wegen der eingestreuten Talking Heads Stücke hervorragend war. Wenn sich das Konzept der Indie-Kreuzfahrten bewährt, sollte der Veranstalter diese Show fest buchen.

Beim aktuellen National-Support tritt (trat, es war die letzte gemeinsame Show) St. Vincent als vierköpfige Band auf, mit zwei Keyboardern und einem Schlagzeuger neben Annie Clark. Die meisten Stücke stammten vom neuen Album St. Vincent, das ausgezeichnete Kritiken bekommen hat, das ich aber natürlich noch nicht gehört hatte.

Nichts an dem Auftritt wirkte wie ein normales Konzert, viele Elemente erinnerten mich an ein Musical. Jede Kopfbewegung der Sängerin und ihrer Keyboarderin war einstudiert, Annie Clark bewegte sich wie ein Roboter, wenn sie darauf wartete, eine neue Gitarre umgehängt zu bekommen. 


Ich habe das Konzept dahinter nicht verstanden. Ein blutiges Kleid und Roboterbewegungen? Hätte es dann nicht ein ölverschmiertes Kleid sein müssen? Oder stellte die Künstlerin keinen Roboter dar sondern eine Verletzte, die sich wie einer bewegt? Es sah jedenfalls gut aus, auch wenn ich es nicht kapiert habe. Auch Annies Ausflüge auf den kleinen Steg im Fotograben und die rosa Pyramide mitten auf der Bühne, auf der sie Prince Johnny und Cheerleader spielte, waren toll. Meine St. Vincent Platte werde ich vermutlich auch weiterhin ungeöffnet im Schrank stehen lassen, ich bin zu selten in Lebenssituationen, in denen ihre "sperrige" (Musikjournalistensprache) neuere Musik passt - mir fallen gerade gar keine ein. Aber das Konzert war trotzdem sehr gut!

Setlist St. Vincent, Tanzbrunnen, Köln:

01: Rattlesnake
02: Dgital witness
03: Cruel
04: Every tear disappears
05: Prince Johnny
06: Cheerleader
07: Marrow
08: Regret
09: Birth in reverse 


Daß The National sehr gute Konzerte spielen, habe ich oft erlebt. Im Herbst hatte ich das Gefühl, dies langsam zu oft erlebt zu haben. Neunmal hatte ich Matt Berninger und die zwei Zwillinge gesehen. Die letzte Platte, die arg ruhig ist, und die immer gleichen Überraschungsmomente bei den Konzerten (der Ausflug bei Mr. November, die Ausbrüche vor allem bei Squalor Victoria und das akustische Ende mit Vanderlyle crybaby geeks), das fing langsam an, mich zu langweilen. Gerade die neueren Stücke, die das Tempo aus den Konzerten rausnahmen, passten mir nicht. Bei Lieblingsbands redet man sich aber oft alles schön. Die Platte wurde auch immer besser, vermutlich auch objektiv. Aber sie wird kein Liebling werden.


Einige Freunde, die viel mehr Ahnung davon haben, schrieben mir, daß die letzte Konzerte ausgezeichnet gewesen seien, daß die neueren Lieder mittlerweile anders arrangiert seien und passten viel besser zum Rest. Ich wäre auch ohne hingefahren, die Informationen beruhigten mich aber schon. Und als die ersten Töne vom grandiosen Start a war losgingen, war mir eigentlich egal, wie viele Stücke aus dem Schmusesongs-Regal gespielt würden. Start a war gehört wie Racing like a pro, Apartment story, Ada, Slow show und Green gloves zu den Lieblingen, die zu selten gespielt werden.


Die nächsten fünf Lieder, die ich unterschiedlich gerne mag, waren allesamt umwerfend! Dreimal neue Platte, dreimal fantastisch! Wir waren uns schnell einig, daß nichts mehr schiefgehen könne. Band und Sänger waren brillant, trotz des hellen Lichts und der vielen Lücken. Von Routine oder gar Lustlosigkeit war nichts zu spüren. Und auch wenn The National jetzt im Kino zu sehen sind, hielt ich dies nicht für Schauspielerei.

Sea of love lieferte den ersten Ausbruch des Frontmanns. Auch diese Schreiereien und Randalierereien sind natürlich Standard bei National-Shows. Heute kam mir Matt Berninger aber besonders krawallig vor (und das ist gut!). Afraid of everyone hatte ein wildes, chaotisches Ende, Squalor Victoria eh. Matt teste sein Material sehr viel intensiver als sonst. Er schlug sein Mikro nicht nur gegen den Ständer (wie üblich), er schmiß es auf den Boden, schlug die Weinflasche dagegen - oder seinen Kopf. Es war ein Genuß! Der Soundmann der Band führt Statistik, wie viele Mikros, Mikroständer und Funkempfänger kaputtgehen. Ich habe noch nicht nachgezählt*, nach meinem letzten Konzert im Herbst sind aber eine ganze Menge neue Markierungen auf die Liste gekommen. Matt scheint auch wieder von einer Bühne gefallen zu sein, auch das wird dort erfasst.


Die meisten der neueren Stücke hatten ordentlich Schwung. Humiliation war ein schönes Beispiel, wie man aus einem echten Langweiler mit einem ordentlichen Ausbruch einen Hit macht. Ich brauchte also gar nicht meine alten Boxer-Favoriten für ein großartiges Konzert! Trotzdem war Green gloves eine schöne Überraschung! Am Ende wirkte dann die Wein-Sonne-Kombination, kurz nachdem Matt bemerkt hatte, daß es noch taghell war. Bei Graceless steigerte er noch einmal die Materialtests seiner Spielzeuge (der TÜV Rheinland, der Luftlinie 500 m entfernt sitzt, hätte einen Beobachter schicken sollen). Fake empire danach, das letzte Stück vor den Zugaben, war musikalisch dann großer Mist, weil der Sänger rhythmisch komplett neben der Band lag und trotz deren Bemühungen - einer der Dessners (der linke) sang übertrieben laut mit, als spiele er Metronom - nicht mehr in die Spur fand. Das Lied war trotzdem riesengroß!


Bei den Zugaben kam eine weitere Neuerung, ein Cover. "Wir spielen ein Lied von Perfume Genius, das zehnmal düsterer und depressiver als jeder unserer Songs ist", kündigte Matt Berninger an. Weil das Lied aber so romantisch-schmusig klang, hielten sich die Pärchen in meiner Umgebung plötzlich alle viel fester im Arm als vorher, den düsteren Part hatten sie offenbar überhört ("No one will hear all your crying until you take your last breath..."). 

Der Rest war Standard-Programm. Mr. November mit dem Ausflug ins Publikum und der sehr schönen Szene, daß Matt an dessen Ende einen Mann, der neben seiner Freundin ganz am Rand stand, umarmte, wie es Betrunkene mit Hauswänden machen! Zu Terrible love kam Annie Clark zurück auf die Bühne. Und Vanderlyle... war weit weniger platt als nach nur recht guten Konzerten. 


Ich dachte, ich wäre drüber hinweg. Aber seit diesem Auftritt will ich die Band schon bald wiedersehen. Verdammt!

Setlist The National, Tanzbrunnen, Köln:

01: Start a war
02: Don't swallow the cap
03: I should live in salt
04: Anyone's ghost
05: Bloodbuzz Ohio
06: Sea of love
07: Hard to find
08: Afraid of everyone
09: Squalor Victoria
10: I need my girl
11: This is the last time
12: Green gloves
13: Abel
14: Apartment story
15: Humiliation
16: Pink rabbits
17: England
18: Graceless
19: Fake empire

20: Learning (Perfume Genius Cover) (Z)
21: Mr. November (Z)

22: Terrible love (Z)
23: Vanderlyle crybaby geeks (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The National, Mannheim, 01.06.14
- The National, Paris, 18.11.13
- The National, Brüssel, 17.11.13
- The National, Esch-sur-Alzette, 06.11.13
- The National, Düsseldorf, 05.11.13
- The National, Zagreb, 02.07.13
- The National, Paris, 25.06.13
- The National, Camber Sands, 09.12.12
- The National, Barcelona, 27.05.11
- The National, Eindhoven, 18.02.11
- The National, Paris, 23.11.10
- The National, Neu-Isenburg, 18.11.10
- The National, Wien, 18.08.10
- The National, Haldern, 14.08.10
- The National, Latitude-Festival, 16.07.10
- The National, Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07

- St. Vincent, Mannheim, 01.06.14
- St. Vincent, Paris, 18.02.14
- St. Vincent & David Byrne, Larmer Tree Gardens, 30.08.13 
- St. Vincent, Paris, 09.07.12
- St. Vincent, Paris, 26.02.12
- St. Vincent, Paris, 30.11.11
- St. Vincent, Köln, 19.11.11
- St. Vincent, Paris, 26.04.09
- St. Vincent, Köln, 02.12.07
- St. Vincent, Köln, 10.11.06

- mehr Fotos hier

* jetzt schon: seit 17. November 9 Mikros, 16 Mikroständer und ein Sturz von der Bühne



Sonntag, 8. Juni 2014

Maifeld Derby 2014, Tag 3

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Konzert: Girls in Hawaii, The Elwins, Temples, St. Vincent, The National
Ort: Maifeld Derby, Mannheim
Datum: 01.06.2014
Dauer: Girls in Hawaii ca. 55 Minuten, The Elwins ca. 45 Minuten, Temples ca. 55 Minuten, St. Vincent ca. 60 Minuten, The National ca. 110 Minuten
Zuschauer: unterschiedlich




Am letzten Tag des Maifeld Derbys war ich noch ziemlich geschafft vorm Band-Marathon des Vortags und auch schon ein bisschen Festival-müde. Gut, dass am Sonntag nicht mehr allzu viele Bands in mein persönliches Pflichtprogramm fielen. Stattdessen verbrachte ich ein wenig Zeit beim Steckenpferdwettbewerb, der an sich durchaus unterhaltsam war, mich aber doch nicht genug fesselte, um auch noch die Siegerehrung anzusehen.



Der Festival-Tag begann deshalb erst am frühen Nachmittag mit Girls in Hawaii - einer, man würde es angesichts des Namens nicht unbedingt vermuten, männlichen Band aus Belgien. Das Sextett besteht bereits seit 2001 und musste vor vier Jahren den Unfalltod seines Schlagzeugers (der gleichzeitig der Bruder von Sänger Antoine Wielemans war) verarbeiten.



Die Belgier, bei denen sich Lionel Vancauwenberghe und Antoine Wielemans den Gesang teilen, wobei Letzterer gelegentlich in einen alten Telefonhörer singt, eröffneten ihr Set mit "Sun Of The Suns" und "Not Dead" und ließen nichts unversucht, um das Publikum bereits am frühen Nachmittag zu begeistern: Der Keyboarder François Gustin stieg auf Boxentürme und animierte zum Mitklatschen und wurde bei seinen Kletterpartien nur noch von Antoine Wielemans' Ausflügen übertrumpft. Emotionaler Höhepunkt war aufgrund der Bandgeschichte der ruhigste Titel des zu kurzen Sets, "Misses".



Anschließend verfolgte ich, in Hörweite der Hauptbühne im strahlenden Sonnenschein sitzend, mit einem Auge und Ohr die The Elwins. Die kanadische Band überraschte mit ihrer Entscheidung, ein Beyoncé-Lied namens "Countdown" zu covern und hierfür mit dem Publikum einen (deutschsprachigen) Countdown einzuüben. Außerdem hatte ihr Bassist möglicherweise den auffälligsten Schnurrbart des Festivals (trotz starker Konkurrenz in Form eines Rah Rah-Mitglieds). Amüsant und zum guten Wetter passend war das Set allemal, aber ich muss zugeben, den Kanadiern sonst nicht die Aufmerksamkeit entgegen gebracht habe, die sie vielleicht verdient gehabt hätten.



Direkt nach dem Auftritt der Elwins und der Ehrung für den außergewöhnlichsten Bart konnte auch der Festivalpreis für die spektakulärste Frisur - trotz des noch folgenden Auftritts von St. Vincent - vergeben werden. Im Palastzelt traten Temples auf, und auch wenn in der Band noch drei weitere Preisanwärter gesichtet werden konnten, ging dieser doch klar an deren Sänger James Edward Bagshaw.



Optisch und musikalisch nahm uns das Quartett aus dem englischen Kettering mit auf einen unterhaltsamen und kurzweiligen Trip in die sechziger/siebziger Jahre und die Hochphase des Psychedelic / Glam Rock. Aus ihrem Debütalbum "Sun Structures" präsentierten sie 8 der 12 Songs, die noch um die ungewöhnliche, weil Keyboard-lastige B-Seite "Ankh" ergänzt wurde. Beim ausufernden und rockigen "Sand Dance" konnte man in etwa nachvollziehen, wie es früher wohl auf einem Konzert von Led Zeppelin gewesen ist. Für den Schluss hoben sich die Briten ihre beiden besten Songs auf: "Mesmerise", das durch das Anfügen eines langen instrumentalen Ausklangs bestimmt auf doppelte Spiellänge gezogen wurde, und "Shelter Song".

Setliste:

Colours To Life
Sun Structures
A Question Isn't Answered
Ankh
Move With The Season
Keep In The Dark
Sand Dance
Mesmerise
Shelter Song
St. Vincent

Bekanntlich braucht ja jedes Festival seinen Regenschauer. Der des diesjährigen Maifeld Derbys fand direkt nach dem Temples-Auftritt statt und führte dazu, dass wir lieber eine Pause am überdachten Fressstand einlegten, als das Set von Hozier zu besuchen.



Bei St. Vincent hatte ich im Vorfeld den Verdacht gehabt, dass ihr Auftritt mir auf die Nerven gehen würde - möglicherweise hatte ich das Album einmal gehört und mir außer meinem Urteil sonst nichts davon gemerkt. Dennoch, wir wollten bei The National eine gute Sicht haben, und der wahrscheinlichste Weg dorthin war es, bereits bei St. Vincent vorne zu sein (und den Auftritt von Wye Oak auszulassen). Die Solokünstlerin war übrigens nicht nur beim Maifeld Derby der "Support" für The National, sondern ist auch sonst aktuell mit diesen auf Tour.



Annie Clark hatte im Hintergrund einen Keyboarder und einen Schlagzeuger dabei, vorne auf der Bühne leistete ihr eine weitere Keyboarderin / Gitarristin Gesellschaft. Der Auftritt der Musikerin war sehr künstlerisch durchgeplant. Sie selbst trug ein avantgardistisches Kostüm und machte beinahe ausschließlich roboterartige Bewegungen. Die Mitmusikerin gesellte sich zeitweise zu ihr und nahm an der Choreographie teil - so wurde symmetrisch auf der Bühne umher getrippelt oder auch einmal nach Art von ZZ Top synchron Gitarre gespielt. Das Set hatte auch eine Art "Handlung", so erklomm Annie zu "Cheerleader" ein sehr hohes Podest im Hintergrund der Bühne, sang von dieser erhobenen Position aus und kauerte schließlich, bevor sie am Ende von "Prince Johnny" scheinbar sterbend zusammenbrach und anschließend theatralisch Stufe um Stufe herunter rutschte.



Der Auftritt war auf seine Art also durchaus unterhaltsam und allemal interessanter als der von Warpaint, allerdings finde ich St. Vincents Elektromusik mit häufigem Gitarrengeschrammel in höheren Dosen schnell kopfschmerzauslösend.



Setliste:

Rattlesnake
Birth in Reverse
Regret
Cruel
Digital Witness
Every Tear Disappears
Surgeon
Cheerleader
Prince Johnny
Year of the Tiger
Marrow
Huey Newton
Bring Me Your Loves



Hinterher stellte sich heraus, dass für gute Plätze im The National-Publikum ein Besuch bei der Vorband nicht zwingend notwendig gewesen wäre - bis auf die ersten drei Reihen leerte sich das Zelt in der Pause vor dem Festival-Headliner fast komplett. Aber natürlich füllte es sich genauso schnell auch wieder, so dass man nicht bereuen musste, früh dort gewesen zu sein. Schließlich war dieser Bandname für ein Festival dieser Größe ein ungewöhnlich bekannter. Im Programmheft wurde erklärt, dass die Buchung von The National nur durch eine glückliche Terminlage möglich gewesen war (sprich: die Band war in Deutschland und hatte keinen anderen Termin). Man darf gespannt sein, wie die Festivalmacher diesen Headliner nächstes Jahr toppen wollen. Finanziell dürfte sich der Glücksfall in jedem Fall gelohnt haben: Die Tagestickets für den Sonntag waren zumindest ausverkauft.



The National hatte ich erst im letzten November live gesehen und ihr Konzert für durchaus gut befunden. Würde dieser Auftritt ohne neueres Material einfach dasselbe bieten, nur eben im Zelt? Wiederum war man zu siebt erschienen, zusätzlich zu den regulären Bandmitgliedern hatte man wieder zwei Trompeter dabei.

Nach dem ersten Lied "Don't Swallow the Cap" gab es eine kurze Pause, in der Matt Berninger erklärte, Bryan Devendorf könne nichts mehr hören, was entweder  an einem Aneurysma  liegen könne, oder es seien einfach die Batterien leer. Bryce Dessner entgegnete sofort, dass Matts Witze immer schlechter würden und dass Aneurysmen nicht witzig seien. Uns im Publikum war neu, dass Matt überhaupt Witze macht, es folgten sogar noch weitere - die Bryce allerdings auch nicht lustiger fand.



Weiter ging es mit einem Mix aus neuen und alten Songs, der dem in Düsseldorf ähnelte, auch optisch, denn erneut wurden auf der LED-Wand im Hintergrund passende Bilder zu einigen Songs gezeigt, etwa Regen bei "England" oder blutkörperartige Gebilde bei "Bloodbuzz Ohio". Es gab jedoch auch Unterschiede, denn wir bekamen an diesem Abend unter anderem auch "Hard To Find", "Ada" und "Abel" zu hören.

Matt Berninger war in Hochform, trank großzügig Weißwein, zunächst aus dem Becher, später direkt aus der Flasche, die er im Zugabenteil dramatisch auf einer Monitorbox zerschmetterte, und konnte der auf Facebook zirkulierten Materialzerstörungsliste der Band schon kurz nach Konzertbeginn einen Mikrophonständer hinzufügen, worauf er gleich einen neuen bekam und zunächst grinsend verhinderte, dass der überflüssige von einem Roadie wieder weggenommen wurde. Einer in Reserve ist eben immer gut...



Das Set von The National machte dem Publikum großen Spaß, bei beinahe jedem Song, der angespielt wurde, erklangen laute Jubelrufe. Mir war in der Vergangenheit nicht aufgefallen, dass die Band bei praktisch allen Textpassagen mitsingt - vielleicht hat sie es auch früher nicht getan. Selbst die Bläser sangen manchmal mit. Bei "Pink Rabbits" trat der Posaunist nach vorne an den Bühnenrand und damit ins Rampenlicht. Bryce Dessner hantierte bei "I Need My Girl" mit zwei Gitarren gleichzeitig, während er bei "Slow Show" die Gitarrensaiten mit einem Geigenbogen bearbeitete.

Herr Berninger hat in der Vergangenheit bereits zu Bühnenklettereien geneigt und enttäuschte auch an diesem Abend nicht: Erst sprang er in den Bereich zwischen Bühne und Publikum, später, als wir bereits im Zugabenteil waren, umrundete er in zwei Etappen quasi das Publikum - da wir vorne standen, konnte man nur an der Richtung, in die die Mikrophonschnur zeigte und an den besorgten Blicken der Security erkennen, wo er gerade singend unterwegs war - bis er, unglaubliche Freude und Bewegung im Publikum hervorrufend, direkt bei uns wieder auftauchte.



Matt Berningers emotionale Ausbrüche, beispielsweise bei "Squalor Victoria", waren wieder einmal prächtig, sein Spruch, als bei der Wiederkehr der Band für den Zugabenteil zunächst die Devendorf-Brüder fehlten, "We have lost the Devendorf brothers. Bryan and Scott, call your mother!" gefiel Bryce wiederum nicht. "You don't hear people laughing because you're wearing your earplugs!" war Matts Entgegnung.

Nach drei tollen Zugaben ("Ada", "Mr. November" und "Terrible Love") gab die Band als letztes Lied noch eine akustische Version von "Vanderlyle Crybaby Geeks" zum besten, wofür alle nach vorne an den Bühnenrand kamen und das Publikum in den Gesang mit einstimmte - wieder ein schöner und irgendwie persönlich wirkender Moment, der das Festival perfekt abschloss.



Setliste:

Don't Swallow the Cap
I Should Live in Salt
Mistaken for Strangers
Sorrow
Bloodbuzz Ohio
Sea of Love
Hard to Find
Afraid of Everyone
Conversation 16
Squalor Victoria
I Need My Girl
This Is the Last Time
Abel
Slow Show
Pink Rabbits
England
Graceless
About Today
Fake Empire

Ada
Mr. November
Terrible Love
Vanderlyle Crybaby Geeks 



Letztes Jahr hatte ich ein bisschen gezweifelt, ob das Maifeld Derby ein dauerhafter Eintrag in meinem Kalender bleibt, ließ mich dann letztlich doch wieder hinreißen, die spottbilligen Frühbucher-Scheuklappentickets zu kaufen und wurde nicht enttäuscht. Dieses Jahr gab es geradezu irritierend wenig zu meckern. Selbst die Leergutrückgabe nach dem The National-Set sowie der Rücktausch unserer letzten Getränkemarke waren rasend schnell erledigt.

Einzige Verbesserungsvorschläge, die mir für kommendes Jahr einfallen: Den Parcours d'Amour auch am Festivalsonntag öffnen. Er ist atmosphärisch einfach am schönsten und beinahe die einzige Möglichkeit, auf dem Festivalgelände ohne Wiese halbwegs bequem zu sitzen. Und natürlich der Streichelzoo.

Links: Fallen angesichts der Bandfülle dieses Mal aus, andere Berichte lassen sich aber leicht über die Labels finden.

Bilder: Dirk von Platten vor Gericht, der auch den Temples-Bericht verfasst hat.



Montag, 10. März 2014

Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent, Paris, 14.02., 16.02., 18.02.14

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Konzerte: Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent
Orte: Le Trianon, Le Trabendo, La Cigale, Paris
Daten: 14., 16. und 18.02.2014
Zuschauer: Anna Calvi und Au Revoir Simone ausverkauft, St. Vincent nicht ausverkauft
Konzertdauer: Anna Calvi: etwa 1 Stunde 10, Au Revoir Simone 1 Stunde 15, St. Vincent 1 Stunde 20

Klassischer Hattrick! Drei Konzerte in Folge, die ich alle als etwas gekünstelt, zu stark einstudiert und seelenlos empfand: Anna Calvi, Au Revoir Simone, St. Vincent. Wo ist da die Natürlichkeit geblieben? Ich bin sicher, daß jedes Konzert von diesen drei Acts auf der jeweiligen Tour exakt gleich klingt. Das ist fast wie Fließbandarbeit, die Konzerte sind handwerklich tadellos gemacht, werden aber dennoch irgendwie runtergeritten, ein aufgesetztes Lächeln (Au Revoir Simone), oder eine übertriebene Rockstarpose eingenommen (Anna Calvi, St. Vincent), aber echte Emotionen kommen da kaum auf. Zumindest nicht bei mir.

Nun, ich bin sicherlich etwas hart in meinem Urteil, aber das sind eben die Eindrücke, die ich von diesen Konzerten gewonnen habe. 

Gehen wir vielleicht mal chronologisch vor:

Anna Calvi im Trianon, 14.02.2014:

Anna Calvi spielte im wundervollen Theater Trianon gleich zwei ausverkaufte Shows hintereinander. Etwa 3000 Leute wollten also Anna live sehen, beindruckend.

Ich war beim ersten Konzert am 14. Februar dabei und von der technischen Klasse von Anna Calvi begeistert, aber in emotionaler Hinsicht letztlich kaum bewegt. Deutlich zu erkennen war hier, daß jedes Hochreißen der Gitarre, jeder Ausfallschritt, ja selbst die Mimik komplett einstudiert waren. Nun sah ich Anna Calvi nicht zum ersten Mal. Insgesamt komme ich auf mindestens 5 Konzertbesuche. Neu war allerdings, daß ich sie in einer solch großen Venue erlebte. War ich vorher immer nahe dran, stand ich dieses mal recht weit von der Bühne entfernt. Mein Platz war wahrlich nicht toll, ich stand außerhalb des eigentlichen Publikumsbereichs, umringt von vielen Leuten, mit mitelmäßigem Blick und an dieser Selle nicht perfektem Sound. Oliver Peel im Abseits. So oder so ähnlich war das.

Aber davon unabhängig erinnerte mich der Auftritt an etliche andere, die ich von Calvi bereits gesehen hatte. Das langweilte mich, obwohl sie wie immer hervorragend (wenngleich wahnsinnig theatralisch) sang, perfekt Gitarre spielte (der Wahnsinn, was sie da drauf hat!) und natürlich auch wie aus dem Ei gepellt aussah.

Hohes Niveau, das Abend für Abend abgerufen wird, aber nicht wirklich der Inbegriff für Rock'n Roll is wie ich ihn verstehe. Wo ist da Platz für Improvisation, für eine spontane Änderung der Setlist, für eine ungeplante Aktion, für irgend etwas in dieser Richtung? Nicht vorgesehen. Da wird keinerlei Risiko eingegangen. Alles muss perfekt sein. Genauso perfekt wie die Haare und die Klamotten. Hochglanzbluesrock für Modemagazine. Wenn Anna Calvi nicht so klein wäre, könnte sie selbst noch auf dem Catwalk laufen und unser Karl Lagerfeld würde mit seinen beknackten Halbhandschuhen dastehen und Beifall klatschen.

Wobei man definitiv nicht sagen konnte, daß nur die jeweiligen Alben Note für Note nachgespielt wurden. Da gab es durchaus längere Versionen mit ausgeprägten Gitarrenparts so zum Beispiel bei dem vorzüglichen I'll Be Your Man, das mit einem langen Instrumental begann und in der Folge zwischen explosiven Ausbrüchen und ruhigen, sinnlichen Phasen hin und her tänzelte.

Sehr sexy und PJ Harvyesk (aber auch stonerrockig a la Queens Of The Stone Age) Love Of My Life. Da stöhnte sie ähnlich wie eine Maria Sharapova auf dem Tennsicourt, fast so als würde sie ein Oliver Peel persönlich rannehmen.

Nach Piece By Piece kam bei Carry Me Over erneut sehr langer Instrumentalpart in der Mitte, der deutlich von der Albumversion abwich. Ähnliches Bild bei dem das offizielle Set abschließenden Love Wont Be Leaving.

Dazwischen coverte sie sehr sinnlich und sexy Bruce Springsteen (Fire) und liefert mit A Kiss To Your Twin eine hübsche Ballade ab.

Desire war sogar richtig groß, besonders die Harmoniumpassage am Anfang klang herrlich feierlich.

Was allerdings auffiel war, daß sich viele Stücke untereinander ähnelten. Die aufgebaute Dramatik wurde ein bißchen mit Ansage erzeugt, das folgte vieles einem ähnlichen Strickmuster zwischen ruhigen Passagen und feurigen Ausbrüchen.

Da ich das alles schon kannte, konnte mich Anna eben nicht wirlich aus der Reserve locken, selbst wenn ich die 2. Zugabe Blackout nach wie vor umwerfend fand.

Setlist Anna Calvi

01: Suzanne & I
02: Eliza
03: Sing To Me
04: Suddenly
05: Cry
06: Rider To The Sea
07: First We Kiss
08: I'll Be Your Man
09: Love Of My Life
10: Piece By Piece
11: Carry Me Over
12: A Kiss To your Twin (Ballade)
13: Fire (B. Springsteeen)
14: Desire
15: Love Won't Be Leaving

16: Bleed Into Me
17: Blackout
18: Jezebel

Au Revoir Simone, Paris, Le Trabendo, Paris, 16.02.2014


Die Show zum aktuellen Album von Au Revoir Simone hatte Christoph Konzerttagebuch ein paar Tage vor mir bereits in Köln gesehen. Er fand sie langweilig, belanglos, das synchrone Wippen der Sängerinnen machte ihn sogar seekrank. Er stellte die These auf, daß die Platten des weiblichen Trios toll seien, die Band live aber nicht überzeugen könne.


Und in der Tat, den Vorwurf der Belanglosigkeit kann man Au Revoir Simone durchaus machen. Wobei man dabei aber selbstverständlich die Alben mit einbeziehen sollte, denn die sind nun einmal eher leichte Kost, gar seicht wenn man besonders kritisch ist. Die Liveautfritte spiegeln letztlich nur den Charakter der Alben wieder, wobei ich finde, daß die drei Mädels aus New York das Beste aus dem Studiomaterial herausholen und live eher stärker als auf Platte sind. Sie wippen hinter ihren Keyboards wild rum, ja stimmt, aber was sollten sie sonst machen? Statisch bleiben wie Kraftwerk? Wäre cooler, aber auch spannender?



Mein persönliches Problem beim Konzert in Paris war eh ein anderes. In meiner Umgebung wurde sehr laut geplaudert. Drei Italienerinnen hinter mir plapperten ohne Unterlass, kommentierten ein ums andere Mal das gute Aussehen der New Yorkerinnen  auf der Bühe (kein Wort zur Güte der Lied hingegen) und sangen auch (leider falsch!) mit. Das nervte irgendwann so sehr, daß ich mich bald woanders hinstellte, aber auch da wurde ungeniert geschwatzt. Das Publikum fiel wirklich unangenehm auf. Optisch eine Mischung aus Hipstern und Modeblogerinnen (was ja eigentlich wurscht ist), vom Verhalten her einfach nur respektlos. Als ginge es nur ums Sehen und Gesehenwerden. Haben Au Revoir Simone ein solches Publikum verdient? Sind sie etwa gar selbst oberflächlich und arrogant? Au weia, das würde ich ihnen nicht unterstellen wollen! Nur weil sie hübsch sind, müssen sie noch lange keine kratzbürstigen Diven sein. Andererseits spielen sie auch perfekt die Rolle der drei dauerlächelnden Charme-Prinzessinen. Das gehört bei ihnen einfach dazu. Warscheinlich ist ihnen in der Tat oft zum Lächeln zumute, weil sie es lieben auf der Bühen zu stehen, aber ich bin auch davon überzeugt, daß sie selbst dann lächeln würden, wenn es ihnen mal nicht so gut geht (Tod der kleinen Katze oder so...) Anders als eine Scout Niblett die beim letzten Konzert mürrisch dreinblickte, weil sie kränkelte und keinen Bock hatte dies zu kaschieren.




Aber reden wir mal von den performten Songs. Waren die wirklich nur so mittelmäßig wie Christoph sagte? Weil das neue Album nicht so doll ist? Kann ich nicht bestätigen. Stücke wie Crazy, Just Like A Tree oder Someboy Who sind äußerst catchy und stehen den alten Nummern in nichts nach. Man musste freilich das aktuelle Album ein paar mal gehört haben, um das Material live vollends zu genießen. Also Belanglosigkeit hin oder her, die gespielten Lieder waren keineswegs schlecht und wenn das Publikum nicht so genervt hätte, wäre es möglich gewesen, sich diesem gezuckerten Dream Pop vollends auszuliefern.



So aber wurde der Genuß getrübt, wenngleich ich dieses Konzert von Au Revoir Simone als besser und berührender empfand als die Shows von Anna Calvi und von St. Vincent. In manchen Momenten wurde mir durchaus deutlich, warum ich diese Band mag und warum sie so viel Erfolg hat. Da wurde eine Unschuld und Sorglosigkeit vermittelt, die wohltuend wirkte und gute Melodien haben Erika, Anne und Heather sowieso. Wenn es so sahnig gerührt kredenzt wurde wie bei Another Likely Story oder The Lead Is Galloping ("just put your hands up") wurden gar hohe Gipfel erklommen. Dahinplätschernde Stücke wie Let The Night Win oder We Both Know waren aber in der Tat Rohrkrepierer.



Nach knapp einer Stunde wurde das offizielle Set mit dem flotten Shadows abgeschlossen, zum dem die Zuschauer deplatzierterweise mitklatschten. Hier wurde auch etwas Bass gespielt und der ansonsten durchgängig synthetische Sound um ein organisches Element bereichert.


Die erste Zugabe All Or Nothing war dann ein wirkliches Highlight, hier wurden gekonnt zackige Rythmen mit einem ohrwurmigen Refrain und melancholisch-luftigen Parts verbunden. Stay Golden im Anschluß daran sehr getragen und sentimental, bevor mit Knight Of Wands dann noch einaml das Tempo angezogen wurde.

Leider entsprach die Setliste bis auf das I-Tüpfelchen anderen Setlists der aktuellen Tour, was meine These bestätigt, daß da jeden Abend das Gleiche runtergeleiert wird. Kann man nach 4 Alben nicht zumindest ein wenig abwandeln?

Setlist Au Revoir Simone

01: More Than
02: Just Like A Tree
03: Gravitron
04: Another Likely Story
05: Tell Me
06: Let The Night Win
07: Only You Can Make Me Happy
08: We Both Know
09: The Lead Is Galloping
10: Anywhere You Looked
11: Crazy
12: Somebody Who
13: Shadows

14: All Or Nothing
15: Stay Golden
16: Knight Of Wands

St. Vincent, La Cigale, Paris, 18.02.2014


St Vincent stand am 18.02.2014 in der ehrwürdigen Cigale auf dem Programm. Ein wundervolles altes Theater in dem ich zuletzt Bill Callahan gesehen hatte. Heute setzte ich mich zum ersten Mal ganz nach oben auf den Balkon und hatte eine super Sicht.


Visuell wurde dann auch einiges geboten. Wobei mir persönlich der bloße Anblick der hübschen Annie gereicht hätte. Die Räkelnummer auf den weißen Treppenstufen, das übertheatralische Gitarrenspiel, die perfekt durchinszenierte Choreographie, die geprobten Tanzschritte, all dies hätte sie für mich nicht aufbieten müssen.

So erinnerte mich dann auch dieses Spektakel an jene großer Mainstream Pop Diven wie Madonna (der Song Prince Johnny erinert sogar musikalisch an die Ciccone) oder Gwen Stefani. Eine große amerikanische Show, die wenig Freiraum ließ für Natürlichkeit oder charmanten Amateurismus. Zugeben, aus künstlerischer Sicht war das gut gemacht, allein schon atemberaubend wie Annie mit ihren hohen Boots so flink laufen und hüpfen konnte und wie elegant und grazil sie sich in einer Szene die Treppenstufen runtergleiten ließ. Aber: wer brauchte das? Ich jedenfalls nicht.


Zumal mir auch die Musik nicht immer wirklich zusagte. Zwar war das Gitarrenspiel von Annie technisch brillant, aber das Ganze war mir viel zu funkig (Funk mochte ich noch nie), klang zu sehr nach Prince und David Bowie in der Glamphase, strotzte nur so vor (freilich gewollten) Disharmonien und Brüchen. Es wirkte, als wolle uns die Künstlerin auf fast streberhafte Weise zeigen, was sie alles so drauf hat. Dabei wussen wir doch alle längst, daß sie ein großes Talent ist. Mir persönlich hätten etwas eingängigere Lieder besser gefallen. Das neue Material sagte mir kaum zu.



So hatte das Konzert für mich dann auch die besten Momente, wenn alte und ohrwurmige Klassiker wie Cruel oder Cheerleader kamen, bei denen auch mal ein Refrain haften blieb. Ansonsten wurden oft Lieder zerhackt, überfrachtet und mutwillig ihrer Melodie beraubt. Kritiker stehen auf so was, kriegen eine feuchte Hose und schwärmen von der unglaublichen Kreativität, ich aber sehnte mich nach richtigen Songs. 



Schon der erste Titel Rattlesnake gab mir fast Kopfschmerzen und endete mit einem krachigen Gitarrenpart äußerster Theatralik. Besser aber Birth In Revers, der mit seinen abrasiven Riffs an die Gang Of Four erinnte.


Das für mich gelungenste Lied des neuen Albums war Huey Newton, da spielte Annie nämlich zumindest im ersten melancholischen Part ihre schöne Stimme aus, bevor der zweite Teil mit saftigen Gitarren aufwartete.

Hatte das Konzert also musikalisch ein paar gute Momente, irritierte mich durchgängig die Kühle, die von dem Vortrag ausging. Ich merkte quasi nie eine direkte Verbindung zwischen Musikerin und dem Publikum und hatte den Eindruck, daß man in jeder Stadt der Tour exakt das Gleiche sehen würde.

Vielleicht gab es auch deshalb diese seltsame Phase, in der Anne scheinbar spontan Fragen in die Runde warf, obwohl sie noch nicht einmal die Antworteten abwartete. Ob jemand schon einmal das Gefühl gehabt hätte, die eigene Hand gehöre jemand anderem, war eine der Fragen und ein paar Leute im Publikum hoben ihren Arm in die Höhe. Ich war mir sicher, daß sie exakt die gleichen Fragen jedes Mal stellen werde, deshalb hörte ich da gar nicht richtig hin. Es wirkte, als wolle sie krampfhat versuchen, ihre kühle Show etwas aufzulockern.

Nach den gespielten 80 Minuten war ich deshalb nur mittelmäßig begeistert. Das Publikum tobte, aber ich war mir nicht sicher, ob ich St.Vincent in absehbarer Zeit noch einmal live sehen wollte. Ihre Entwicklung geht leider Eichtung Showstar und somit gen Mainstream. Eher nix für mich. Schade.

Setlist St. Vincent

01: Rattlesnake
02: Digital Witness
03: Cruel
04: Birth In Reverse
05: Regret
06: I Prefer Your Love
07: Pieta
08: Laughing With A Mouth Of Blood
09: Surgeon
10: Cheerleader
11: Every Tear Disappears
12: Prince Johnny
13: Year Of The Tiger
14: Black Rainbow
15: Marrow
16: Huey Newton
17: Bring Me Your Lovers
18: Northern Lights
19: Krokodil

20: The Bed
21: Your Lips Are Read 







 

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