Samstag, 22. März 2014

Wolf Mountains, Stuttgart, 20.03.2014


Konzert: Wolf Mountains
Vorband: JFR Moon
Ort: Dresden Bar, Stuttgart
Datum: 20.03.2014
Dauer: 51 Minuten
Zuschauer: vielleicht 50 (brechend voll)




Die Stuttgardia, neo-mythische Schutzpatronin der Stadt, blickt von der Wand des Ratskellers in die Dresden Bar herüber, während sich der kleine Club am Marktplatz füllt, bevor sie Zeuge eines außergewöhnlichen Konzerts wird. 
„Birthday Songs For Paul“ heißt das Debütalbum der Garagen-Surf-Rock-Combo Wolf Mountains, dessen Release auf CD und Kassette heute Abend gefeiert wird. Den Charme eines großen Szenetreffens versprühend, lauschen gut 50 Zuschauer in der brechend vollen Bar dem psychdelischen Folk des in Berlin lebenden Human-Abfall-Gitarristen JFR Moon im Vorprogramm, bevor das einladende Trio sein Set beginnt. Im Publikum sammeln sich derweil Vertreter der relevanten Stuttgarter Untergrundbands, einige Journalisten, DJs und allgemein bekannte Szenegesichter. Die Kunstfigur Levin Goes Lightly ist da, Luca Gillian, Sänger der lokalen Wave-Größe Die Selektion, und, zwei Tage vor ihrer ersten Israel-Tour, natürlich auch alle drei Mitglieder von Die Nerven, deren Schlagzeuger Kevin Kuhn auch bei Wolf Mountains trommelt und als zweiter Sänger fungiert. 


Das Konzert beginnt brachial. Songs, die wie die Garagen-Punk-Versionen von Surfnummern irgendwo zwischen kompromisslos dekonstruierten Beach-Boys-Harmonien und der dilettantischen Version von Dick-Dale-Gitarren klingen, überzeugen vollends. Der Club ist in dichten Zigarettenrauch gehüllt, es ist heiß, stickig, die Augen brennen, irgendwann wird gepogt. Es sind die idealen Rahmenbedingungen für einen unvergesslichen Abend. 
Während man durch die große Fensterfront auf Rathaus, Ratskeller und die Luxuskaufhäuser am Marktplatz sehen kann, brilliert das Trio in klassischer Rockband-Besetzung kontrastiv mit sperrigen Klängen. 2012 gegründet, entwickelte sich die Band mit starken Songs, so kurzweilig wie kurzen, lauten und großartigen Live-Shows zur spannendsten Stuttgarter Formation nach Die Nerven. Bisherigen Höhepunkt der Bandvita stellt fraglos die Veröffentlichung des ersten Albums und die gebührende Feier mit dem heutigen Konzert dar.
Vorsichtig tastet sich „Nobody Ever Called“ heran. Dann setzt Gitarrist und Sänger Reinhold Buhr zum markant-hohem Riff an, Kuhn und Thomas Zehle am Bass bauen einen spannungsvollen Rhythmus auf, schließlich steigert sich der Gesang in markerschütternde Schreie. Schon der erste Song deutet alles an.
Kaum ein Stück erreicht in seiner Studioversion die drei Minutengrenze. Live wird vieles ein wenig herausgezögert, nicht immer stimmt jeder Einsatz. Doch bekommen gerade kleinere Patzer dem Gesamterlebnis gut. Wenige Minuten sind gespielt, da wirft Kuhn seinen Mikrophonständer nach einem Missverständnis mit Buhr um. „So, ihr könnt gehen. Die Band hat sich soeben aufgelöst.“ Im kollektiven Gelächter mündend, erweist sich der Ausraster des Drummers als Stimmungsindikator. Es wird getanzt, tatsächlich ein wenig zu viel gesprochen, während Wolf Mountains ein Eineinhalb-bis-Drei-Minuten-Wunder nach dem nächsten feuern. 

Für „Sunshine Detective“ vom grandiosen Stuttgart-Sampler „Von Heimat kann man hier nicht sprechen. 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart“, wird spontan Die-Nerven-Bassist Julian Knoth, der fast Gründungsmitglied der Wolf Mountains ist, auf die Bühne gebeten. Tambourin spielend, unterstützt er das fantastische Stück zwischen düsterem Glam, Noise und klassischem Hardrock perkussiv. Vereinzelt wird mitgesungen, die Soundstruktur ist herrlich verkommen, der Song ein schmutziges Juwel. Für Release-Konzerte nicht ungewöhnlich, folgt für den nächsten Song ein weiterer Feature-Gast: Veronica Burnuthian, Sängerin der Münchner Gruppe Atatakakatta und Freundin Kevin Kuhns , singt eine von ihr geschriebene Noise-Nummer. Im regulären Set folgt eine weitere spontane Tambourin-Einlage, diesmal von Selektion-Frontmann Gillian, bevor „Hold Yr Girl“, bekannteste und eingängigste Nummer, dem Abend seinen fantastischen, vorläufigen Höhepunkt beschert.

„Summer’s Gone“, singt ein altersmilder Brian Wilson im besten Stück auf „That’s Why God Made The Radio”, dem durchwachsenen Comeback-Album aller noch lebender Beach-Boys-Originalmitglieder 2012. Im gleichnamigen, skizzenhaften Track der Wolf Mountains beschwört Kevin Kuhn mit Hall auf der Stimme das Gegenteil, besingt Adoleszenz und Erwachsenwerdung mit erstaunlicher Wendung. Es ist der perfekte Schluss des eigentlichen Sets. Wie auch auf dem Album fasst das kurze Stück auch live all das blendend zusammen, was Wolf Mountains und ihr Debüt ausmacht. Jugendliche Leichtsinnigkeit und Wut erscheinen bis auf die Grundmauern der Traditionen, zu denen sich die Musik bekennt, komprimiert und werden zu Indikatoren aufregender, unverbrauchter Musik. 


Dann nimmt Die-Nerven-Gitarrist und Produzent des Wolf-Mountains-Erstling Max Rieger für die Zugabe am Schlagzeug Platz, JFR Moon positioniert sich mit Schellenring neben dem Bassisten, während Kuhn an die Gitarre wechselt und Reinhold Buhr, seines Instruments entledigt, am Mikrophon steht. Die Zuschauer toben, als der Abend in seinem fulminanten Finale gipfelt.


"Verdammter Inzest", ruft einer und bringt den Trumpf wie auch das Problem der Stuttgarter Musikszene auf den Punkt: Es gibt sie tatsächlich, jene großartigen Bands, die im nationalen Vergleich ausgesprochen gut aufgestellt sind, doch ist das Personal sehr begrenzt. Nicht nur Kevin Kuhn, der – wie ein T-Shirt seiner Hauptband nahelegt – „viel zu tun“ hat, spielt gefühlt in jeder zweiten Band, nein überhaupt sei „die Szene sehr klein“, wie Julian Knoth im Interview mit laut.de erklärt: „Es gibt diesen einen Sampler "Von Heimat Kann Man Hier Nicht Sprechen", der vor ein paar Monaten rauskam. Das sind 13 Stuttgarter Bands und ich glaube, insgesamt spielen da nur 21 Musiker mit.“ So lange diese Bands und Musiker jedoch ortsansässig bleiben, ist es gar nicht so schlecht bestellt um Schwabens Metropole. Man kann nur hoffen, dass der Exodus gen Berlin, Leipzig, Dresden, Hamburg oder Wien weitgehend ausbleibt, damit die Stuttgardia noch lange auf spannende Bands blicken kann und nicht alles immer nur easy oder heisskalt ist.






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