Mittwoch, 5. März 2014

Casper, Bielefeld, 24.10.2013

Konzert: Casper
Support: Ahzumjot
Ort: Forum, Bielefeld
Datum: 24.10.2013
Dauer: 100min (Casper), 35min (Ahzumjot)
Zuschauer: ca. 450 - ausverkauft.

Aus der Reihe „Leben im Augenblick und fangen den Blitz in 'nem Glas ein“ - weil das Leben zumeist viel zu schnell vorbeizieht und es sich lohnt zu welchem Zeitpunkt auch immer rückblickend zu verweilen, den Moment festzuhalten und wieder heraufzubeschwören.



Es ist Mitte Juli. Viel zu heiß zum Denken und die letzten Tage des Semesters wollen einfach nicht vergehen. Fast jeden Tag Klausuren und natürlich auch an diesem Morgen. Der einzige Gedanke der meinen Verstand an jenem Tag jedoch beherrscht ist folgender: „Ich brauche verdammt nochmal Karten für die Clubtour von Casper im Herbst.“
So schnell es menschenmöglich zu bewerkstelligen war, schrieb ich die Klausur, klatschte sie der Dozentin auf den Tisch und suchte das Weite. 45 Minuten Blut, Schweiß und Tränen in der Warteschleife von Krasserstoff später, hatte ich es tatsächlich geschafft. Fangirl-Problematik schlechthin.

Fast forward zum 27.09.2013: „Hinterland“ erscheint. 10 Tage voller Radiokonzerte von Berlin, über Magdeburg nach München. Weiter nach Mannheim. Wieder weiter nach Frankfurt. Und Saarbrücken. Dann kurz Videos drehen in New Orleans und dann noch eben Promo in Österreich. Der wohlverdiente Lohn des Irrsinns: die Nummer 1 in den Charts, Goldstatus für „Hinterland“ in kürzester Zeit und ganz nebenbei auch noch Platin für das Vorgängerwerk „XOXO“. Promo extrem à la Casper und man scheint wieder im Jahr 2011 angekommen zu sein, „Hinterland“ polarisiert fast noch stärker und gekonnter als „XOXO“. Zu festgefahren und auf Genre-Schubladen bestehend, scheint die Mehrheit der Musikliebhaber in Deutschland zu sein, die sich so gar nicht damit anfreunden können, wenn sich ein Künstler nicht brav in eine Schublade stopfen lässt – und zwar auch dieses mal nicht. 2011 versuchte man verzweifelt Casper und „XOXO“ greifbar zu machen, erschuf neue Genres wie „Post Hop“ um seine Interpretation von Rap auf Indie-Beats erklären zu können; die Massen und die Mehrheit der Kritiker feierten ihn schlussendlich (vollkommen zurecht!), während andere scheinbar all das, was in ihren eigenen Leben nicht stimmt, auf ihn zu projizieren versuchten.

Der übertriebene Hype und die Hasstiraden in gleichem Maße sind auch etwas mehr als 2 Jahre später nicht abgeklungen und positive, wie negative treibende Kraft hinter „Hinterland“. Als bekannt wurde, dass Caspers neues Werk von Konstantin Gropper, dem Mastermind hinter Get Well Soon und Markus Ganter, der u.a. das Debüt „Psycho Boy Happy“ von Sizarr zu verantworten hat, produziert werden würde, so war es nicht abwegig Großes zu erwarten. Das Resultat vermag jedoch für so manchen die kühnsten Fanträume zu übertreffen: Tom Smith von Editors als Feature auf der selben Platte, auf der ein viel offensichtlicheres, aber nicht minder gelungenes Feature mit Kraftklub stattfindet. Für so manchen schlichtweg nicht nachvollziehbar, für viele andere zum Glück eher ein kleines musikalisches Wunder. Was sich allerdings mit Bestimmtheit sagen lässt, ist das „Hinterland“ Toleranz und Offenheit von Caspers Fans erfordert, die scheinbar nicht jeder aufbringen kann oder möchte.

Der erste Eindruck von „Hinterland“ live bei einem der Radiokonzerte in Mannheim. Tested and approved. Es fühlte sich an wie ein Festivalset mit überwiegend neuen Songs, vorgetragen in einer Kirche. Sehr bizarr. Nach eigener Aussage betrieben Casper und seine Band auf der Radiokonzerttour „Proben vor Publikum“, nahmen sich selbst, wie immer, sympathischerweise nicht allzu ernst und meisterten den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit den neuen Songs gegenüber und der Leichtigkeit und Souveränität, die man von der Casper Gang gewohnt ist.


Weiter zu einem kalten Tag Ende Oktober, genauer gesagt dem 24.10.2013. Tourauftakt der Hinterland Clubtour in Bielefeld. Und ich nach 4h Zugfahrt in mir komplett unbekannten Gefilden mittendrin. Tatsächlich ließ ich mich in meiner Meinung etwas von Caspers Worten selbst beeinflussen und befürchtete, dass mich humorlose Menschen erwarten würden, die mit fremdem Menschen aus Prinzip nicht reden würden und überwiegend sollte er leider irgendwie Recht behalten – an dieser Stelle Grüße an den Menschen, der mir dann freundlicherweise doch noch den Weg zum Forum gezeigt hat, nachdem mehrere Menschen einfach keine Lust hatten mir weiterzuhelfen – es lebe das nicht-funktionierende GPS auf dem Smartphone. Dennoch tat das der Stimmung keinerlei Abbruch: weit nach Einlass reihten sich die Fans, die sich ihrer exklusiven Situation mehr als bewusst waren und teils leider mehr als den doppelten Originalpreis auf einschlägigen Auktionsseiten gezahlt hatten, gefühlt mehrfach um das Forum herum und ließen mich persönlich das Unvermeidliche bereits vorausahnen: viel zu viele Menschen für diesen kleinen Laden, der idealerweise auch noch mitten im Club eine Trennwand aufweist, wodurch einige Menschen wohl wirklich wenig bis nichts sehen konnten.

In überfüllten Locations wird jede Minute zur Qual und pure Vorfreude reicht auch nur bis zu einem gewissen Grad aus, um betrunkene und drängelnde Menschen auf Dauer tolerieren zu können – zum Glück dauerte es nicht lang und es war Zeit für den Support in Gestalt von Ahzumjot. Während mir Ahzumjot letztes Jahr in Wien noch vor Kraftklub und Casper in Kombination einfach ein unnötiger Störfaktor vor einem grandiosen Abend war, so schaffte er es dieses Mal auch mich wirklich zu begeistern, denn er machte genau das, wofür Supportacts eigentlich gedacht sind: gute Laune, spitzen Stimmung und richtig Lust auf den Hauptact. Und man könnte deutlich hören, dass sich einige Ahzumjot-Fans im Hause befanden, da das Publikum wirklich Spaß hatte und mitmachte. Um es mit Caspers Worten zu sagen: Bock.

Dann endlich das seit dem Sommer bekannte und nun gänzlich einzuordnende Intro zu Im Ascheregen. Applaus. Vom ersten Moment „Kopfüber nach vorn“ auf der Bühne. Vollgas. Abriss. „Schönen guten Abend Bielefeld!“ - „Könnt ihr springen?“ - „Geht's euch gut?“. Das darauffolgende ohrenbetäubende Kreischen und der tosende Applaus sprechen für sich. Während man wenige Tage nach Veröffentlichung von „Hinterland“ in Mannheim noch merkte, dass Casper ausnahmsweise der Textsicherste unter den Anwesenden ist, hat er knapp einen Monat später bereits gegen seine treue Anhängerschaft keine Chance mehr – kleine Texthänger seinerseits fallen kaum auf, da das Publikum mit Textsicherheit auf ganzer Linie brilliert und „Alles endet, aber nie die Musik“ lauter aus dem Publikum, als von der Bühne schallt.

Nach bereits zwei Songs merkt man, dass die Setlist wie gewohnt eine durchdachte Dramaturgie transportieren soll und mit Auf und Davon bewegt man sich kollektiv in Richtung gemeinsames Klatschen und vorprogrammiertes Ausrasten – die meisten Anwesenden machen das hier wohl nicht zum ersten Mal. Sanft ans Thema „Ausrasten“ herangeführt folgt Casper Bumayé! und sofortiges mehr oder weniger glückseeliges Chaos – immerhin mal keine Wall of Death. „Alle Arme hoch und ich will den ganzen scheiß Laden springen sehen“ - ein Klassiker unter den Bühnenansagen und funktioniert natürlich. Das dieser Abend ein Heimspiel ist macht sich spätestens durch das versierte „Ööööh“ an der richtigen Stelle bemerkbar und man kann nur feststellen: jeder einzelne der Anwesenden hat derbe Bock. Mindestens genauso viel Bock wie Casper und „seine Kapelle“ eben auch. Perfekte Voraussetzungen für ein herausragendes Konzert. „Ihr seid doch verrückt.“ Recht hat er.

Und weiter: Die letzte Gang der Stadt. „Und alle springen jetzt“. Und wie wir das tun. Das live etwas dumpfere Ganz schön Okay als Sinnbild purer Lebensfreude. „Hallooo-ooh-oh“ in ohrenbetäubender Lautstärke bringt wahnsinnig viel Spaß und Felix Brummer von Kraftklub fehlt nur ein kleines bisschen – das wäre vermutlich auch zu viel des Guten für die meisten Fangirl-Herzen. „Ganz schön Okay“ beweist auf jeden Fall, dass das mit dem Schreiben von eingängigen Hooks auf „Hinterland“ definitiv auch geklappt hat.

Besonders verstörend für jemanden der nicht aus Bielefeld kommt und genau deshalb umso erwähnenswerter: plötzliche „BIE-LE-FELD, BIE-LE-FEEEELD“-Fangesänge und – und das weiß ich nur weil ich Casper-spezifisches Wissen besitze – unweigerlich das „Wen lieben wiiiiiir? DSC!“. Ich muss es nicht verstehen, aber ich kannte dank der Festivalblogs immerhin die richtige Antwort. Schöner und ultimativ nachvollziehbarer für mich der Moment mit dem „Ultra-Fan“, persönlich von Benjamin mit Wasser versorgt, ganz charakteristisch für Casper Konzerte – zum Glück! - ein Fan der anscheinend überall am Start ist und „nur für Spritgeld und Eintrittskarten arbeitet“. Und laut Casper ist das auch verdammt nochmal richtig so! Finde ich auch. Es folgen Bühnenansagen aus der Hölle, ein Geburtstagsständchen für Daniel aus der Casper Gang und dann Coldplay-Potential bei 20QM, trotz minimaler Textschwierigkeiten, die die Sympathie seitens des Publikums vermutlich ins Unmessbare steigern.

Sobald der Mikrofonständer in die Bühnenmitte gerückt wird ist es noch nicht Zeit für Michael X, sondern, wie man an der Resonanz seitens des Publikums nach wenigen Sekunden merkt, Zeit für einen neuen Publikumsliebling: Lux Lisbon. Natürlich beehrt uns Tom Smith, der das Feature im Original zur absoluten Perfektion treibt, an diesem Abend nicht mit seiner Anwesenheit und Stimmgewalt – was vermutlich ganz sinnvoll ist, da ich persönlich sonst einen mittelschweren Nervenzusammenbruch erlitten hätte – dennoch ein toller, emotional intensiver Moment zwischen all dem Durchdrehen und Springen während des Konzerts. Während ich noch meinen Gedanken hinterher hänge erfolgt der wohl massivste Stimmungswechsel des Abends: Blut Sehen. Dramaturgisch wunderbar, auf und ab: „WER IST WEGEN HIP HOP HIER? HIPPI HOPPI ABFEIERMODUS?“ (Ja, dies ist ein direktes Zitat!) Und sowohl Band, als auch Publikum sind sofort komplett dabei: mit beiden Armen in der Luft! Nahtloser (komplett krasser, mind you) Übergang zu Halbe Mille, leider nur halb, aber es folgt Double-Time auf den Beat von „N*ggas in Paris“ - in dem Mix ist wirklich für jeden was dabei. Komplettes Durchdrehen und kollektives Schwingen des imaginären Handtuchs beim Drunken Masters Remix von So Perfekt. Und als wäre das noch nicht genug, walzt das wohlbekannte Intro von Mittelfinger Hoch das Publikum platt. Nicht einmal übertrieben gesagt: minutenlang ein kompletter Raum in Ekstase. Oh und wir hatten übrigens ein Unentschieden! Ich glaube das gab's wirklich noch NIE. WAHN-SINN.


Man könnte ja meinen, dass das Konzert schon fast vorbei wäre, aber nein: Lilablau und Ariel in perfektem Zusammenspiel. Der erste Teil des Abends endet mit Nach der Demo gings bergab und Hinterland, wobei wir übereifrigen Deutschen abermals eindrucksvoll beweisen, dass wir trotz oder gerade wegen all der Begeisterung nicht richtig im Takt mitklatschen können. Ich bin bei rhythmischem Mitklatschen sowieso raus, nehme aber amüsiert das verzweifelte Kopfschütteln und vehement am Takt festhalten des Drummers Timur zur Kenntnis und bin erleichtert, dass sich die Casper Bande trotz katastrophalem Klatschen all around nicht aus dem Konzept bringen lässt.

Leider wieder viel zu schnell Zeit für das Finale mit Endlich angekommen: alles zerberstender Beat von Herrn Gropper persönlich – ich habe unter Einsatz meines Lebens persönlich nachgefragt – und dafür Applaus. Der eigentlich bessere „Coldplay-Moment“ an diesem Abend. Letzter Song, nochmal „alles geben, alles zerlegen“ mit Jambalaya. Die Boom Boom Band reißt ab, mit zusätzlichem echten Trompetenspiel von „Hinterland“-Produzent Markus Ganter himself. Und bis zum letzten Song des Abends zeigt sich das Publikum auch als Cheerleader-Kinderchor perfekt textsicher.

Ein ganzer Raum euphorisiert. „Der schönste Willkommensgruß überhaupt, einfach wunderschön.“
„Hinterland“ funktioniert live bedingungslos. Was manchem auf Platte unmöglich, zu weich, zu Pop, zu was auch immer erscheint, ist live immer noch Casper. Und zwar sowas von. Es sei dahingestellt, ob die Art von spezieller energetischer Show nächstes Jahr auch in den großen Hallen genauso exzellent funktionieren wird, aber das ändert nichts daran, dass dieser Abend in Bielefeld wirklich großartig war und ich ihn Monate später noch unmittelbar in meinem Herzen trage.

Wer sich den Artikel wirklich bis hierher durchgelesen hat: Chapeau und danke! Solche Reviews in Romanlänge sind eben oft das Resultat überbordender Begeisterung und wirklich guter Abende, nach denen sich die Gedanken und Ideen in meinen Kopf förmlich überschlagen. My apologies, aber zumindest ein Teil davon musste endlich niedergeschrieben werden.

Setlist: Casper, Forum Bielefeld, 24.10.2013

01 Im Ascheregen
02 Alles endet (aber nie die Musik)
03 Auf und Davon
04 Casper! Bumayé
05 Die letzte Gang der Stadt
06 Ganz schön okay
07 20 QM
08 Lux Lisbon
09 Blut Sehen
10 Halbe Mille/NIP/So Perfekt/Mittelfinger Hoch
11 Lilablau
12 Ariel
13 Das Grizzly-Lied
14 XOXO
15 Nach der Demo gings bergab
16 Hinterland

17 Der Druck steigt (Z)
18 Michael X (Z)
19 Endlich angekommen (Z)
20 Jambalaya (Z)




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