Dienstag, 11. Juni 2013

Nick Waterhouse, Stuttgart, 05.06.2013

Konzert: Nick Waterhouse
Ort: Club Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 05.06.2013
Zuschauer: 70 - 80
Dauer: 68 Minuten


Mit riesigen Erwartungen betrete ich den Club relativ früh, nicht ahnend, dass diese noch weit übertroffen werden sollten.
Das amerikanische Wunderkind des klassischen weißen R'n'B Nick Waterhouse macht mit seiner sechsköpfigen Band, The Fabulous Tarots, auch Halt in Stuttgart. Die Deutschland-Termine der Tournee des Los Angelinos, wie man, wie man aus einem Billy Joel Song weiß, die Bewohner LAs wohl korrekt nennt, sind rar gesät. Dass nach Auftritten in Frankfurt, Münster, Heidelberg, Freiburg und dem Orange Blossom Festival auch das Zwölfzehn, mein Stuttgarter Lieblingsclub, bespielt wird, freut mich da ganz Besonders.
Leer ist es, als ich an der Bar ein Getränk bestelle; viele Gäste sitzen noch vor dem Club im Abendsonnenschein und auch Nick Waterhouse und seine Mitmusiker genießen die Strahlen und spielen Tischtennis.


Ein stets stilsicheres 60s DJ-Set voller Klassiker und unbekannter Schätze aus R'n'B, Soul, Beat und Rockabilly lässt einen Vorbandauftritt obsolet erscheinen. Pärchen mit 50er Rockabilly-Frisur tanzen Jive, manch einer tanzt mit sicher selbst, während sich keiner ohne sich wenigstens mit dem Fuß oder Kopf rhythmisch zu bewegen im kleinen Club aufhalten kann.
Mit breitem südkalifornischen Akzent begrüßt der 1986 geborene Sänger und Gitarrist die Zuschauer, fordert sie auf weiter nach Vorne zu kommen. Das Zwölfzehn hat sich rasch gefüllt, ist für die nächsten 70 Minuten eine fiebrige R'n'B-Kaschemme. Mit Hornbrille, strahlend-weißem Hemd, hochbündiger, dunkelgrauer Stoffhose fällt Nick Waterhouse optisch aus der Zeit, sieht wie der wiedergeborene Buddy Holly aus.
Von der Retroschiene ging in der Popmusik schon immer ein verlockender Reiz aus, selten gelingt die Umsetzung so formvollendet wie im Falle Waterhouse.
Gleich der erste Song, „If You Want Trouble“ verdeutlicht, dass man kein vorhersagbares Konzert zu erwarten hat. Die auf dem Boden liegende Setlist wird zwar komplett gespielt; die Reihenfolge ist aber scheinbar völlig egal. Kein Platz für Routine, dafür jede Menge Freiraum für atemberaubende Dynamik. Schon das erste Lied ist ein konsequentes, treibendes Stück Rhythmn and Blues, wie er heute kaum jemanden gelingt. Waterhouse stellt eindrucksvoll klar, dass es ihn noch in der Gegenwart geben kann, den echten R'n'B fernab von allerhand Soul- bis Trashpop, der fälschlicherweise mit dem traditionsreichen Label betitelt wird und dabei immer wieder die Charts anführt. Jedem Radiomoderator, der Rihanna als R'n'B-Sängerin betitelt, möchte man am liebsten belehren, ihm Nick Waterhouse' Debütalbum „Time's All Gone“ schicken.
Immerhin haben Kritiker seine Klasse erkannt - der deutsche Rolling Stone präsentiert die Tour - trotzdem wünsche ich dem Nachwuchsgenie den Erfolg, den er fraglos verdient hätte.
Direkt übergehend in „Ain't There Something That Money Can't Buy?“ hält das Sixtett das Tempo hoch. Jeder Song funktioniert für sich, könnte eine potentielle Single sein. Gut eineinhalb dutzend schlagkräftige Beweise dafür, dass ein Song, eine klassische Single keine drei Minuten lang sein muss, wird Waterhouse im Zwölfzehn spielen. 


Er denke ohnehin in Singles nicht in Alben merkt er lächelnd an, als er „Sleeping Pills“, die aller Wahrscheinlichkeit nach nächste 7' Veröffentlichung des Kaliforniers ankündigt . „You're just an analog guy in a digital world, aren't you?“, fragt Karen Hank Moody in der grandiosen LA-Fernsehserie „Californication“, auf Nick Waterhouse angewendet, ist das Zitat treffender als jedes andere. Mono aufgenommen, ist sein Debütalbum eine der besten Newcomer-Veröffentlichungen des vergangenen Jahres. Wie Amy Winehouse Mitte der 00er Jahre zeigt er wie in der Vergangenheit verhaftete Musik größte Relevanz haben kann. Verständlicherweise ist Benno Herz, Frontmann der deutschen Ausnahmeformation Okta Logue, Fan des Mannes dessen erstklassige Lieder wie „Don't You Forget It“, „Help Me“ oder das in jeder Hinsicht überragende „I Can Only Give You Everything“ erst live ihre gesamte genuine Klasse entfalten.
Die Band benötigt scheinbar keine Zeit, warm zu werden. Mit Schlagzeuger, stimmgewaltiger Backroundsängerin, Keyboarder und Saxophonisten, Bassisten und einem weiteren Gitarristen glänzt Nick Waterhouse, dessen Name wie die ironische Antwort auf Amy Winehouse anmutet, nicht nur als guter Sänger, sondern auch als fähiger Gitarrist mit Hang zu dezenten Surfriffs, wie man sie von Dick Dale oder den Beach Boys kennt.

Sein bisher einziges Studioalbum gibt es fast komplett zu hören, darüber hinaus wird die Setlist um Singles, B-Seiten und zwei passende Cover nahezu unbekannter Songs ergänzt.
Am Ende bin ich überrascht, als nach nicht einmal 70 Minuten das beeindruckende Konzert vorbei ist. Jeglichen Zeitgefühls beraubt, verlasse ich glücklich, mit dröhnenden Ohren und unsterblichen Melodien im Ohr das Zwölfzehn. „Some Place“ und „Raina“ bleiben wohl noch lange in meinem Gedächtnis.
Ich besuchte das Konzert äußerst interessiert, fahre als begeisterter Fan nachhause. Nick Waterhouse erspielte sich mit einem intensiven Clubkonzert, wie man es nicht häufig erlebt, einen Platz unter meinen Lieblingen. Auf das zweite Album darf man gespannt sein, aber erst einmal gibt es sicher einige Singles zu bewundern. Hank Moody würde den Burschen lieben. 



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