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Samstag, 26. April 2014

Birth of Joy, Stuttgart, 17.04.2014

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Konzert: Birth of Joy
Vorband: The Recalls
Ort: Club Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 17.04.2014
Dauer: Birth of Joy 75 Minuten; The Recalls 32 Minuten
Zuschauer: etwa 50



„Wir sind Birth of Joy aus Holland und gekommen, um zu rocken.“ Kevin Stunnenberg steht breitbeinig in der Bühnenmitte, scheut sich nicht im geringsten vor überzogenen Rockstar-Posen, wagt vollmundige Versprechen und macht doch alles richtig. 
Bands, in denen der Rhythmus nicht vom Bass sondern der Orgel getragen wird, sind seit den mittleren 60ern nicht ohne Tradition. Während man The Doors gerne als Paradebeispiel nennt, wird meist vergessen, dass Sky Saxon mit seiner Gruppe The Seeds eben diesen den erfolgreichen Weg ebnete. Birth of Joy aus Utrecht bewegen sich geschickt in altbekannten Gewässern und sorgen mit rotziger Hard-Rock-Attitüde und leichten Stoner-Rock-Anleihen für neue Farcetten: Jim Morrison trifft auf Josh Homme und ein bisschen Jack White. Das macht Spaß, ist mitreißend und äußerst stilvoll. Dass dem eine regelrecht retromanische Performance vorangeht, passt da nur gut ins Bild. 


Eröffnet wird der Abend im Zwölfzehn nämlich von The Recalls, einer deutsch-chilenischen Formation aus Stuttgart. Dabei handelt es sich um eine ganz klassische Beat-Kombo in Paisley Hemden, mit Frisuren, die Paul Weller gefallen würden und das nicht nur, weil der Sänger aussieht wie sein eigener Keyboarder und The-Moons-Bandleader Andy Crofts. Deutsche Mod-Bands sind rar gesät, umso begeisternder ist der Auftritt des jungen Quartetts. 

Mit Titeln und Songtexten, die so herrlich einfach sind, wie es nur in den frühen 60ern richtig opportun war, ist das unterhaltsam und unverfälscht. Dazu kommen Kinks-Riffs und eine kollektive Trommeleinlage während des letzten Songs. Gerade erschien das aktuelle Album, „Wait for the Sun“, beim Szenelabel Time For Action Records. Zwischen Northern Soul und improvisierten Garagen-Sounds angelegt, ist die Musik ergreifend schlicht. Nach einer halben Stunde bin ich von der jungen Band überzeugt, die mit Leichtigkeit ihre Labelkollegen The Pikes aus Berlin übertrifft. 


Von der musikalischen Reise ins Jahr der Beatle-Mania entfernt sich der Hauptact Birth of Joy wieder. Passende Referenzen sind Bands der späten 60er. Auf dem Cover von „Life in Babalou“ wie Pink Floyd in Pompeji inszeniert, ist das Konzept allerdings mitnichten psychedelisch. Vielmehr spielen Stunnenberg, Bob Hogenelst (Schlagzeug) und Keyboarder Gertjan Gutman eine anachronistische Rockshow, die sich nicht für den zeitgeistigen Konsens interessiert. Das beginnt beim Rockstar-Gestus des Gitarristen und Sängers und zieht sich bis zu den Ansagen. Lino vom Gig-Blog hört „eine Soundmischung irgendwie aus Led Zeppelin und Kula Shaker mit ein wenig Vanilla Fudge“ und beschreibt mit ein wenig name dropping den akustischen Teil des Konzerterlebnis ziemlich treffend. 


„Teenybopping is everywhere around“, singt Stunnenberg im Timbre eines Jim Morrisons. Das Fehlen des Basses weckt erneut Assoziationen zu den Doors. Deren „Five To One“ wird dann tatsächlich als Zugabe gespielt. Das mag nicht sonderlich originell sein, vielleicht auch Offensichtliches allzu deutlich betonen, doch greift man nichtsdestotrotz erstaunlich kurz, möchte man Birth of Joy des reinen Doors-Epigonentums bezichtigen. Denn wo deren Songs von Manzareks Orgelkaskaden und der physischen Präsenz Morrisons getragen werden, ist das Bandgefüge bei den Niederländern anders aufgestellt. In der Mitte steht der unfassbar präzise Einsatz des Schlagzeugers, der so dominant wie herausragend spielt und den melodischen Instrumenten den nötigen Raum für längere Improvisationen an der Grenze zur Jam-Sessions lässt. „I am messing up“, wird zwar zu bluesigen Riffs skandiert, aber spätens als Stunnenberg im darauffolgenden Song, „Motel Money A Way“, in ehrfurchtsloser Steve-Cropper-Manier „Green Onions“ zitiert, beweist er beiläufig das Gegenteil. 

Atemlos geht es weiter, „Spread Your Wings Like An Eagle“, singt er. Es ist die breitbeinige Großspurigkeit des klassischen Hard Rocks, die dem Konzert und den Songs der Gruppe eine weitere köstliche Note verleiht. Stunneberg findet das alles „geil“, das Publikum auch. Der allererste Song der 2005 gegründeten Band wird den Recalls gewidmet und in die Länge gezogen. Jam-Rock von seiner besten Seite und aufrichtige Begeisterung der gut 50 Zuschauer sind das Resultat.

 „Grow“ heißt das anschließende musikalische Statement, das man am ehesten als Stoner Grunge beschreiben könnte. Nach zwölf Songs dann noch „Make Things Happen“ als Abschluss, schon jetzt eine Art signature tune, einer der besten niederländischen Bands. Anachronismus, Authentiziät und Leidenschaft machen das Konzert zu einem Erlebnis. Das erwähnte Doors-Cover als Zugabe, ein fiependes Feedback, gibt es obendrauf. Der Schluss nimmt noch einmal augenzwinkernd alle Assoziationen aufs Korn und beweist ganz nonchalant, dass auch das pointierte Spiel mit Klischees locker beherrscht wird. „Ballroom days are over“, der altbekannte Slogan, schließlich „Come together one more time“ und „Get together one more time", nocheinmal. Ein Mantra des selbsternannten Schamanen Morrison zum Schluss, nichts wäre passender.


Mittwoch, 5. März 2014

Okta Logue, Stuttgart, 28.02.2014

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Konzert: Okta Logue
Vorband: Jank Kovak
Ort: Club Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 28.02.2014
Dauer: Okta Logue 87 Minuten; Jank Kovak 31 Minuten
Zuschauer: ausverkauft



Mit kaum einer anderen Stadt, mit keinem anderen Festival sind so viele Hoffnungen und Träume verbunden wie mit Austin, Texas, und dem South by Southwest. Für viele europäische Bands waren die Auftritte hier der Schlüssel zum Erfolg in den USA und auch für den endgültigen Durchbruch in der Heimat. In wenigen Tagen beginnt die diesjährige Auflage und der Geist des SXSWs erfüllt wieder die liberale Musikmetropole in den konservativen Südstaaten. Vielleicht sind die gut fünf geplanten Auftritte hier für Okta Logue das letzte Mosaikstückchen zum längst überfälligen endgültigen Durchbruch, der die Band einem breiten Publikum vertraut macht. 


Gut eine Woche zuvor endet eine kurze Tour durch die Heimat im Stuttgarter Club Zwölfzehn. Nach vier Auftritten in Hannover, Bonn und Hamburg stellen die Darmstädter alles, was ich in diesem Jahr gesehen habe, in den Schatten, mehr als das, spielen das beste Konzert, das ich von dieser Band, die immerhin mein Konzert des vergangenen Jahres stellte, bisher erleben durfte. Beim dritten Gastspiel ist das Zwölfzehn nun ausverkauft, bis in die hinteren Reihen drängt es sich dicht, als die Herz-Brüder Benno und Robert, Philipp Meloi und Nicolai Hildebrandt die niedrige Bühne betreten. 


 Wer keine Lust auf eine weitere Hymne hat, sollte jetzt aufhören zu lesen, denn in den folgenden eineinhalb Stunden zementiert sich all das, was ich in der Vergangenheit in dieser jungen Gruppe gesehen habe. Eine der womöglich besten aufstrebenden Bands der Welt kommt aus Hessen. Und das ist nicht zu hoch gegriffen. In Deutschland gibt es nichts, was mit Okta Logue vergleichbar wäre. Die ewigen Verweise auf Psychedelic- und Prog-Rock und vor allem die ständige Retro-Etikettierung greifen viel zu kurz, was sich mittlerweile auch im Publikum zeigt.
Diejenigen Zuschauer, die man augenzwinkernd „Progosaurier“ nennen könnte, sind mittlerweile klar in der Minderheit, während das Gros der Konzertbesucher immer jünger wird. Wurden Okta Logue schon vergangenen November bei ihrem berauschenden Auftritt während des Popnotpop-Festivals gefeiert, ist heute bereits die Reaktion beim bloßen Betreten zur elektronischen Klangfläche des Intros regelrecht euphorisch. „Let Go“, ist herrlich reiner Pop mit Beat-Backround. Schon beim Opener ist alles in sich stimmig. Die Surfer-Atmosphäre harmoniert blendend mit dem gefälligen Keyboard Hildebrandts, den schönen „Ahah“-Chören und der unaufdringlichen Slide-Gitarre des großartigen Philipp Meloi, dem es mit punktgenauen Soli und einer beeindruckenden Nonchalance gelingt, jeden Song zum glänzen zu bringen. 


Überzeugte mich zuvor noch das souveräne Set der während der Tour mit Okta Logue zum Folk-Duo geschrumpften Band Jank Kovak mit Klängen, wie sie die Coen-Brüder in ihrem letzten Meisterwerk beschworen, und einem guten Cover von Dylans „Shelter From The Storm“, wird im direkten Kontrast zu dieser überaus guten Band die Klasse Okta Logues erst richtig deutlich. Die Spielfreude mit der „Shine Like Gold“, eines der herausragenden Stücke des Debüts „Ballads Of A Burden“, heute daherkommt, vergoldet einen ohnehin grandiosen Song. Die Spannung im Saal lässt sich fast physisch greifen. Es ist heiß, der Schweiß läuft strömend, die Luft ist stickig und wird von einem süßlichen Dunst gewürzt, als „Dream On“ und das unveröffentlichte „Everyday“ über einen hinwegziehen. Häufig mit David Gilmours Stil verglichen, setzt Meloi während „You“, dem Schlüsseltrack des aktuellen Albums, „Tales Of Transit City“, zu einer großen Solo-Show an, die so unprätentiös wie brillant ist und so manchem alten Blueser zeigt, dass es so viel mehr gibt als die immer gleichen Riff-Kaskaden. 

Nach dem in einer Syd Barrett-Manier wunderbar verschrobenen „Mr. Busdriver“, einem Song der den derzeitigen Hype um die Temples ungerechtfertigt erscheinen lässt, deutet Sänger und Bassist Benno Herz neue Wege an: „All I See“ ist das erste Lied des vermutlich ziemlich genau in einem Jahr erscheinenden kommenden Albums und von ausgewählter Qualität. Die Darmstädter Band bleibt sich trotz offensichtlicher Entwicklung treu und wer ob des poppigen Sounds des Stücks unken mag, es drohe nun der Ausverkauf des Bandklangs, kann sich beruhigen. Mit einer Anbiederung an irgendjemanden ist nicht zu rechnen, dafür gibt es vermutlich wieder längere Songs, wie „Decay“, das die komplette B-Seite des Debüts füllte und auch heute der unübertreffliche Live-Höhepunkt ist. Benno Herz und Philipp Meloi stehen sich gegenüber, Robert Herz hält einen äußerst genauen Beat und jeder Tempowechsel ist eine Freude. Dazu spielt Keyboarder Hildebrandt Trompete, das Publikum tanzt und als es nach über zwanzig Minuten entlassen wird, folgt das nächste Epos und mit „Transit“ die sphärische Abrundung eines großen Konzerts. 


 Rauchend kehrt die Band zurück, die Zigaretten werden ausgetreten und „Bright Lights“, der größte Hit, versetzt auch die letzten Reihen in den tanzenden Zustand echter Verzückung. „Judith“ wird spontan gegeben und der Power-Pop von „Chase The Day“ führt das zu Ende, was der Anfang versprach.
Eine Hymne zum Schluss, was wäre treffender für einen Abend, der schon jetzt ein heißer Anwärter auf das Konzert des Jahres ist und dessen Nachhall nicht einmal von der rigiden Discopolitik des Clubs getrübt werden kann, der die Zuschauer direkt nach dem Konzert aus dem Saal schickt, um Platz für einen Electro Swing zu machen? "Vielen Dank! Das war das beste Konzert der Tour und das meine ich wirklich ernst, das sage ich nicht überall", sagt Benno Herz lächelnd. Man glaubt es ihm sofort. Wie und vor allem von wem soll dieses Konzert noch getoppt werden? Übermorgen beginnt die US-Tour in New York, dann kommt das SXSW. Let Go! Es geht immer weiter für Deutschlands beste und wohl stilvollste Band. Schweiß und Freudentränen werden aus dem Gesicht gewischt.



Setlist Okta Logue, Stuttgart:

01: Intro
02: Let Go
03: Shine Like Gold
04: Dream On
05: Everyday
06: You
07: Mr. Busdriver
08: All I See (NEU)
09: Cats In The Alley
10: Just To Hear You Sleep
11: Decay
12: Transit

13: Bright Lights (Z)
14: Judith (Z)
15: Chase The Day (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Okta Logue, Berlin, 20.09.2013
- Okta Logue, Stuttgart, 22.07.2013
- Okta Logue, Ulm, 05.09.2013
- Okta Logue, Darmstadt, 17.05.2013


Tourdaten:
07.03.2014, Knitting Factory, Brooklyn, New York (USA) 
08.03.2014-
16.03.2014, South By Southwest 2014,Austin, TX (USA) 
21.03.2014, Knitting Factory, Brooklyn, New York (USA) 
06.05.2014-
10.05.2014, Canadian Music Week, Toronto (CA) 
05.06.2014, Centralstation, Darmstadt
31.07.2014-
03.08.2014, Burg Herzberg Festival (D)


Sonntag, 6. Oktober 2013

Amatorski, Stuttgart, 04.10.13

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Konzert: Amatorski
Ort: Zwölfzehn in Stuttgart
Datum: 4. Oktober 2013
Dauer: 85 min
Zuschauer: 40-50


Amatorski ist hier zwischen Christoph und mir eines DER Ereignisse 2013. Unsere beiden  Berichte  vom Wiesbadener Konzert und von dem kürzlich in Frankfurt brennen vor Begeisterung und Verwunderung. Die CD tba läuft nach fast einem Jahr immer noch völlig unabgenutzt und mich begeisternd in meinem Wohnzimmer. Umso blöder das Gefühl sie im Juli zweimal hintereinander knapp verpassen zu müssen. Nun, im Oktober passte es endlich und ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Machte mich sogar auf den Weg nach Stuttgart, was immer irgendwie kompliziert ist wegen der doofen Zugverbindung und der überfüllten Autobahn.



Das Zwölfzehn kannte ich bis dahin noch nicht. Mir wurde aus vertrauenswürdiger Quelle versichert, es sei der beste Laden der Stadt... Da ich nicht so viele Läden in Stuttgart kenne, kann ich das nicht wirklich kommentieren, aber es gefiel mir im Großen und Ganzen gut. Als ich ankam, war die kleine Bühne vollgestopft mit Instrumenten. Links das Schlagzeug, rechts außen der Yamaha Miniflügel. Dazwischen noch Xylophon, diverse Effektinstrumente, zwei Keyboards und ein Gitarrenständer. Ich fragte mich spontan, wie die Musiker dort noch Platz finden würden.




Gegen 21:15 Uhr schließlich kamen sie hinter dem roten Vorhang hervor, quetschten sich an ihre Plätze und begannen das Set mit einem intensiven Instrumentalstück Empty robots Pt. 1. Mir fiel wieder ein, wie begeistert ich im Februar vom filigranen Spiel des Schlagzeugers  Laurens Van Bouwelen gewesen war.  Er war diesmal von mir aus gesehen am weitesten links. Deshalb gibt es von ihm keine Fotos. Sein Spiel hatte ich jedoch bestens im Blick und der ruhte immer wieder fasziniert auf dem, wie er sich im Drumset bewegte und was er für Klänge hervorzaubern konnte. Die Sängerin Inne Eysermans  und Sebastiaan Van den Branden mit seiner Gitarre standen jeweils nur etwa einen Meter von mir entfernt, Hilke Ros meist an zusätzlichen Tasten, manchmal auch am E-Cello stand etwas im Schatten weiter hinten im Set zwischen Inne und Sebastiaan.




Für das zweite Stück Almost dancing griff Inne zum ersten Mal zur Gitarre statt in die Tasten. Mein persönlicher erster Höhepunkt war das dritte Stück des Abends jedoch Soldier. Welche Intensität! Selbst Laurens, den Schlagzeuger hielt es für Momente nicht im Sitz. Welche Gänsehaut. Und wie verwandelt gegenüber der Version auf CD! Mit Peaceful gab es schließlich das erste Duett zwischen Inne und Sebastiaan und einen ersten Platzwechsel zwischen Inne und Hilke (zum Glück beide schlank genug für die nötigen Manöver auf der Bühne). Für 22. Februar griff Hilke endlich zum Cello. Das Stück war für mich fast nicht mehr erkennbar mit Reggea-artigem Rhythmus dargeboten. Spätestens hier wurde mir klar, dass die mir so vertrauten Titel in den Händen der Band inzwischen gewachsen waren und sich dabei gewandelt hatten. Das traf für fast alle Songs der Setlist zu - mal mehr mal etwas weniger.



Das Stück 8. November war z.B. tänzelnd wie ein Degengefecht bis es schließlich emotional explodierte. Für Warszawa gab es einen großen Xylophon-Part und es war nett zu sehen, wie Hilke sich verspielte und darüber den Kopf schütteln und lächeln musste.  Das Stück Cyrk präsentierte sich wie ein Bärentanz im Zirkus. 


Mein so vertrautes und geliebtes Tiny Bird brachte schließlich endlich ein echtes Duett von Sebastiaan und Inne (wie zauberhaft und schön!) - ausnahmsweise kein Schlagezeug, denn alle acht Hände ruhten auf Tasten. Der Rhythmus wieder eine tänzelnde, hüftenschwingende Rumba. Das nächste Stück How are you endete in einem famosen, explosionsartigen Ausbruch. Im Kontrast dazu hatte das letzte Stück I'll become a friend einen fast mystisch zu nennenden Einstieg.



Das Publikum kochte und natürlich gab es zwei Zugaben. Dabei das vielleicht schönste Stück des Abends Never told als Rumba mit wunderbarem Duett. Und weil wir auch danach noch nicht Ruhe gaben, den Hit Come home. Aber irgendwie konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie mit diesem Lied irgendwie durch sind. Es war für uns als Liebesgabe, aber für sie selbst eher nicht so interessant. Die Band war sichtlich gerührt über die Begeisterung des Publikums und das war für mich sehr schön zu sehen. 


Ich bin sehr gespannt darauf, was diese vier als nächstes vorhaben und wohin uns der Weg noch führen wird.


Setlist:
1: Empty robots Pt. 1
2: Almost dancing
3: Soldier
4: Peaceful
5: 22 February
6: 8. November
7: Warszawa
8: Anthem
9: Cyrk
10: Tiny bird
11: How are you
12: I'll become a friend

13: Empty robots Pt. 2 (Z)
14: Never told (Z)

15: Come home (Z)


Aus unserem Archiv:
Amatorski in Frankfurt am 30. September 2013 (Christoph)

Amatorski in Wiesbaden am 07. Februar 2013 (Gudrun)
Amatorski in Wiesbaden am 07. Februar 2013 (Christoph)

Interview mit der Bedroomdisko (kurz und knackig)

Weitere Fotos:







Dienstag, 11. Juni 2013

Nick Waterhouse, Stuttgart, 05.06.2013

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Konzert: Nick Waterhouse
Ort: Club Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 05.06.2013
Zuschauer: 70 - 80
Dauer: 68 Minuten


Mit riesigen Erwartungen betrete ich den Club relativ früh, nicht ahnend, dass diese noch weit übertroffen werden sollten.
Das amerikanische Wunderkind des klassischen weißen R'n'B Nick Waterhouse macht mit seiner sechsköpfigen Band, The Fabulous Tarots, auch Halt in Stuttgart. Die Deutschland-Termine der Tournee des Los Angelinos, wie man, wie man aus einem Billy Joel Song weiß, die Bewohner LAs wohl korrekt nennt, sind rar gesät. Dass nach Auftritten in Frankfurt, Münster, Heidelberg, Freiburg und dem Orange Blossom Festival auch das Zwölfzehn, mein Stuttgarter Lieblingsclub, bespielt wird, freut mich da ganz Besonders.
Leer ist es, als ich an der Bar ein Getränk bestelle; viele Gäste sitzen noch vor dem Club im Abendsonnenschein und auch Nick Waterhouse und seine Mitmusiker genießen die Strahlen und spielen Tischtennis.


Ein stets stilsicheres 60s DJ-Set voller Klassiker und unbekannter Schätze aus R'n'B, Soul, Beat und Rockabilly lässt einen Vorbandauftritt obsolet erscheinen. Pärchen mit 50er Rockabilly-Frisur tanzen Jive, manch einer tanzt mit sicher selbst, während sich keiner ohne sich wenigstens mit dem Fuß oder Kopf rhythmisch zu bewegen im kleinen Club aufhalten kann.
Mit breitem südkalifornischen Akzent begrüßt der 1986 geborene Sänger und Gitarrist die Zuschauer, fordert sie auf weiter nach Vorne zu kommen. Das Zwölfzehn hat sich rasch gefüllt, ist für die nächsten 70 Minuten eine fiebrige R'n'B-Kaschemme. Mit Hornbrille, strahlend-weißem Hemd, hochbündiger, dunkelgrauer Stoffhose fällt Nick Waterhouse optisch aus der Zeit, sieht wie der wiedergeborene Buddy Holly aus.
Von der Retroschiene ging in der Popmusik schon immer ein verlockender Reiz aus, selten gelingt die Umsetzung so formvollendet wie im Falle Waterhouse.
Gleich der erste Song, „If You Want Trouble“ verdeutlicht, dass man kein vorhersagbares Konzert zu erwarten hat. Die auf dem Boden liegende Setlist wird zwar komplett gespielt; die Reihenfolge ist aber scheinbar völlig egal. Kein Platz für Routine, dafür jede Menge Freiraum für atemberaubende Dynamik. Schon das erste Lied ist ein konsequentes, treibendes Stück Rhythmn and Blues, wie er heute kaum jemanden gelingt. Waterhouse stellt eindrucksvoll klar, dass es ihn noch in der Gegenwart geben kann, den echten R'n'B fernab von allerhand Soul- bis Trashpop, der fälschlicherweise mit dem traditionsreichen Label betitelt wird und dabei immer wieder die Charts anführt. Jedem Radiomoderator, der Rihanna als R'n'B-Sängerin betitelt, möchte man am liebsten belehren, ihm Nick Waterhouse' Debütalbum „Time's All Gone“ schicken.
Immerhin haben Kritiker seine Klasse erkannt - der deutsche Rolling Stone präsentiert die Tour - trotzdem wünsche ich dem Nachwuchsgenie den Erfolg, den er fraglos verdient hätte.
Direkt übergehend in „Ain't There Something That Money Can't Buy?“ hält das Sixtett das Tempo hoch. Jeder Song funktioniert für sich, könnte eine potentielle Single sein. Gut eineinhalb dutzend schlagkräftige Beweise dafür, dass ein Song, eine klassische Single keine drei Minuten lang sein muss, wird Waterhouse im Zwölfzehn spielen. 


Er denke ohnehin in Singles nicht in Alben merkt er lächelnd an, als er „Sleeping Pills“, die aller Wahrscheinlichkeit nach nächste 7' Veröffentlichung des Kaliforniers ankündigt . „You're just an analog guy in a digital world, aren't you?“, fragt Karen Hank Moody in der grandiosen LA-Fernsehserie „Californication“, auf Nick Waterhouse angewendet, ist das Zitat treffender als jedes andere. Mono aufgenommen, ist sein Debütalbum eine der besten Newcomer-Veröffentlichungen des vergangenen Jahres. Wie Amy Winehouse Mitte der 00er Jahre zeigt er wie in der Vergangenheit verhaftete Musik größte Relevanz haben kann. Verständlicherweise ist Benno Herz, Frontmann der deutschen Ausnahmeformation Okta Logue, Fan des Mannes dessen erstklassige Lieder wie „Don't You Forget It“, „Help Me“ oder das in jeder Hinsicht überragende „I Can Only Give You Everything“ erst live ihre gesamte genuine Klasse entfalten.
Die Band benötigt scheinbar keine Zeit, warm zu werden. Mit Schlagzeuger, stimmgewaltiger Backroundsängerin, Keyboarder und Saxophonisten, Bassisten und einem weiteren Gitarristen glänzt Nick Waterhouse, dessen Name wie die ironische Antwort auf Amy Winehouse anmutet, nicht nur als guter Sänger, sondern auch als fähiger Gitarrist mit Hang zu dezenten Surfriffs, wie man sie von Dick Dale oder den Beach Boys kennt.

Sein bisher einziges Studioalbum gibt es fast komplett zu hören, darüber hinaus wird die Setlist um Singles, B-Seiten und zwei passende Cover nahezu unbekannter Songs ergänzt.
Am Ende bin ich überrascht, als nach nicht einmal 70 Minuten das beeindruckende Konzert vorbei ist. Jeglichen Zeitgefühls beraubt, verlasse ich glücklich, mit dröhnenden Ohren und unsterblichen Melodien im Ohr das Zwölfzehn. „Some Place“ und „Raina“ bleiben wohl noch lange in meinem Gedächtnis.
Ich besuchte das Konzert äußerst interessiert, fahre als begeisterter Fan nachhause. Nick Waterhouse erspielte sich mit einem intensiven Clubkonzert, wie man es nicht häufig erlebt, einen Platz unter meinen Lieblingen. Auf das zweite Album darf man gespannt sein, aber erst einmal gibt es sicher einige Singles zu bewundern. Hank Moody würde den Burschen lieben. 



Mittwoch, 10. April 2013

Naked Lunch, Stuttgart, 08.04.2013

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Konzert: Naked Lunch
Vorband: And The Golden Choir
Ort: Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 08.04.2013
Zuschauer: ziemlich voll; vielleicht 150
Dauer: Naked Lunch 95 Minuten; And The Golden Choir 23 Minuten



Als Österreicher bin ich froh in Stuttgart zu sein.“ 
Oliver Welter nimmt einen Schluck aus der Plastikwasserflasche einer großen Discounter-Kette und lächelt in den gut gefüllten schwäbischen Club. „Seltsam, oder? Ich weiß nicht, woran das liegt.“ Lakonisch verdruckst fährt er pointiert fort. „Wahrscheinlich liegt es an Martin Harnik, gebt ihm mehr Einsatzminuten.“ Die beim Hamburger Indie-Label „Tapete Records“ veröffentlichende Vorzeigeband Klagenfurts und der in Hamburg geborene österreichische Fußball-Nationalspieler, der für den VfB spielt. Ein naheliegender Schulterschluss, der dennoch für großen Applaus sorgt.

Zuvor ist Support Act Tobias Siebert als And The Golden Choir für etwas über 20 Minuten auf der Bühne, der Rotwein trinkend im Vorprogramm eine mittelmäßige Figur macht, Akustikgitarre spielt und singt, während seine Band von einer Schallplatte kommt, die er auf der Bühne spielen lässt. Das Konzept hätte gelingen können, doch dann bleibt die Platte immer wieder hängen, was zu unschönen Momenten führt. "Entschuldigt bitte, meine Band hat gestern zu viel getrunken." Stimmlich ähnelt das Ganze eine Spur zu epigonenhaft Thom Yorke, doch immerhin ist die Ausstrahlung ziemlich sympathisch. 
Vielleicht sollte ich dem jungen Musiker im dunklen Jacket bei einem Soloauftritt eine weitere Chance geben. Potential haben seine opulenten Lieder nämlich zweifelsohne, was auch schon Me And My Drummer erkannt haben, die scheinbar gut mit ihm befreundet sind und ihn im vergangenenen Winter mit auf Tour nahmen. 
Doch zurück zu Naked Lunch: Bands aus Österreich sind in der deutschen Musikszene erstaunlich unterpräsentiert. Erfolgreiche Musiker und Bands? Was fällt einem da schon ein; Falco, Wolfgang Ambros, der unvergessene Meister des deutschprachigen Song Noir Ludwig Hirsch, oder ganz schlimme Dinge wie Opus. Alles - zugegebenermaßen - ältere Projekte; zwei der genannten Musiker sind seit Jahren tot. Dann gibt es noch Udo Jürgens, auch aus Klagenfurt und ein eher älteres Semester.
Denkt man an Indie-Bands aus Österreich wird das Ganze - zumindest für mich - noch schwieriger. Blicke ich in die vergangenen Jahre zurück, so muss ich mir doch eingestehen, gerade einmal drei Musikprojekte aus unserem Alpennachbarland gesehen zu haben: My Glorious, mit denen ich im letzten Jahr auf dem Soundgarden Festival in Bad Nauheim flüchtig Bekanntschaft machte, ein Act zum vergessen; Chansonette Gustav, die mich mit ihrer nicht katalogisierbaren Musik 2011 beim Berliner Poesiefestival verzauberte, wo sie PeterLicht und Thomas Meinecke die Show stahl; und Ja, Panik!, die ich lange feierte, die aber seit einiger Zeit in Berlin zuhause sind – und auch genau so klingen.
Umso größer war die Motivation, zu Naked Lunch in einen meiner Lieblingsclubs, dem Zwölfzehn, zu gehen, einer von nur sechs Tournee-Stationen in Deutschland. Auch wenn es für eine Rockband sicherlich nicht sonderlich originell ist, sich nach einem Roman des Beat Generation – Autors William S. Burroughs zu benennen, wissen Oliver Welter (Gesang und Gitarre), Herwig Zamernik (Gesang und Bass), Stefan Deisenberger (Keyboards) und Alex Jezdinsky (Schlagzeug) mit ungewöhnlichen Popsongs zwischen The Notwist, The Cure und The National zu bestechen, wobei sich die Ähnlichkeit mit den amerikanischen Indie-Helden vor allem im Bühnengebaren Welters zeigt, vor allem in den Momenten, in denen er die Gitarre zur Seite legt, um den staksenden Frontmann zu geben, der weltentrückte Popsongs singt.

Während Naked Lunch in Österreich ein klares Vorzeigeprodukt alternativer Musik sind, blieb das Quartett in Deutschland immer ein Nischenprodukt eingeweihter, verschworener Liebhaber. Dabei sind die meisten Alben der 1991 gegründeten Formation weitaus mehr als solides Handwerk. 1997 erkannte das große Major-Label „Mercury“ die Qualitäten der Band aus der großen Stadt am Wörthersee, der ja eher für unsäglich seichte Schlagerfilmchen mit Roy Black oder unerträglichen Stumpfsinn wie diesen „Supernasen“-Film bekannt ist, als für herausragende popkulturelle Kunst. Naked Lunch ist da der bestmögliche Gegenpol. „Nenn' mich nicht Gerd Höllerich“, wie Bernd Begemann sagen würde. Das erste Album bei „Mercury“, „Superstardom“, erschienen 1997, klingt noch ganz anders, als der sphärische, Synthesizer getragene Indie-Pop, den die Band in der jüngeren Vergangenheit und auch im Zwölfzehn ekstatisch zelebriert. Vor 16 Jahren dominierten Punkeinflüsse und rockige Gitarren. Songs wie „We are Universe“ lassen mich bei Naked Lunch gar an ein österreichisches Pendant zu den frühen Placebo denken. Mit der musikalischen Weiterentwicklung, die sich vor allem auf den beiden - meines Erachtens besten - Naked Lunch-Alben „This Atom Heart Of Ours“ (2007) und dem gerade veröffentlichten Album „All Is Fever“, dem ersten bei meinem Lieblingslabel, haben auch die Fans der ersten Stunde kein großes Problem. Die Band hingegen steht konsequent zur weiterentwickelten Ausrichtung und folgt nicht dem Wunsch eines Zuschauers, der sich „Tambourine“, eine Single aus „Superstardom“, lautstark wünscht.
Keep It Hardcore“ der Opener des aktuellen Albums besteht den Livetest grandios. Der fast sechs minütige Song, der mit bedrohlichem Basseinsatz und Schlagwerkbehandlung beginnt, bevor Gitarre und Keyboard einen weichen Gegenpol bilden, ist der ideale Beginn des Konzert. Es vergehen über zwei Minuten bis Welters Gesang einsetzt, Bassist Zamernik steuert von jetzt an immer wieder bezaubernde Harmonien hinzu. „Keep it hardcore / Keep it real.“ Als Germanistik-Student, der ständig daran erinnert wird, auf Intertextualität zu achten, suche ich nach Bezügen zu dem meisterhaften Pulp-Album „This is Hardcore“, finde diese aber nur in kurzen Momente, wenn die Liedästhetik ähnlich gewählt ist, was hauptsächlich auf die Harmonien zutrifft.
My Country Girl“, zweiter Song heute Abend, rührt mich in seiner schlichten Folkhaftigkeit. Hier wird die Nähe zur Weilheimer Szene um The Notwist, zu deren Umfeld Naked Lunch bekanntlich zählen, überaus deutlich. Die Musik ist reduziert, Welter klingt heiser. „So take me to the woods and the hey / step into a place I've never been / down there where the sea meets the sky / take me to the wasteland of your mind.“ Der Song steigert sich. Zamernik, der die Melodie mitsingt, wird immer hektischer, Welter folgt ihm. Das ist dann bedrohlich, nicht einmal pathetisch. Und wunderschön.

41“ ist nicht minder brillant und alles versinkt bereits beim dritten Song in andächtiger Weltentrücktheit. Es geschieht nicht oft, dass einen Klangtrips derartig physisch mitnehmen. Spätestens bei „Militairy Of The Heart“, der Single des 2007er Albums tanzt man auf engen Raum, vereinzelt wird mitgesungen. Der Pathos ist schlicht, die Bilder passen zur Musik. „I walk on with my seven inch boots / I cross this planet in a day / I madly climb the highest mountain / I swim the deepest ocean / only to be with you.“ Die sechs großen symmetrisch verteilten Glühbirnen blinken im Takt, Wärme füllt den Raum.
God“ von „Songs for the exhausted“ (2003) ist eines der ältesten Stücke, die es heute gibt, bevor die fünf folgenden Songs des regulären Sets ausnahmslos von meinen genannten zwei Lieblingsalben stammen.
Nach einer winzigen Pause kehren die vier (eigentlich drei, denn Keyboarder Deisenberger verlässt sie gar nicht erst, sondern "versteckt" sich hinter seinem Instrument) auf die Bühne zurück, um „The Sun“, die aktuelle Single, die mit Synthie-Streichern und einer eingängigen Melodie, den wohl größten Pop-Appeal des Band d'oeuvres besitzt. Danach gibt es verzichtbare Zurufe aus dem Publikum und „King George“, das deutliche Referenz auf „My Friend George“ von Lou Reed nimmt, hier habe ich meine Intertextualität, man muss doch immer nur suchen.
The Funeral“ soll dann der letzte Song heute Abend werden. Es ist das emotionalste Lied des Konzerts, was der Titel bereits nahe legt. Die Musik kommt vom Band, während die gesamte Gruppe und der Vorband-Musiker nebeneinander stehen und zauberhafte Harmonien beisteuern und Welter in melancholischer Schlichtheit einen Suizid besingt; ein todtrauriges Lied, man lauscht andächtig. Hier wird nicht ungeschickt auf die Tränendrüse gedrückt, ich muss schlucken. Nacheinander verlassen die Musiker die Bühne, nachdem man wieder an den Instrumenten Platz nahm.

Der Applaus fällt frenetisch aus. Welter kehrt alleine auf die Bühne zurück, um eine weitere wohl nicht geplante Zugabe zu spielen: „Shine on“ vom aktuellen Album, das heute in seiner erstklassigen Ganzheit gespielt wurde. Der eigentlich nur vier Minuten lange Song wird heute in die Länge gezogen. Irgendwann stehen alle Mitmusiker auf der Bühne und alle singen den Refrain zusammen.Keyboarder Deisenberger spielt Schlagzeug. Dann endet ein Abend in sphärischer Ekstase mit einer Band, die fraglos die Speerspitze österreichischer Indie-Musik darstellt. Chapeu, Naked Lunch. Wir sehen uns wieder. Shine on!



Setlist, Naked Lunch, Stuttgart:

01: Keep It Hardcore
02: My Country Girl
03: 41
04: Town Full Of Dogs
05: First Man On The Sun
06: In The Dark
07: Militairy Of The Heart
08: Into Your Arms
09: At The Lovecourt
10: God
11: Dreaming Hiroshima
12: Hammer It All
13: My Lonely Boy
14: Waterfall
15: Colours

16: The Sun (Z)
17: King George (Z)
18: The Funeral (Z)

19: Shine On (Z)




Sonntag, 17. Februar 2013

The Joy Formidable, Stuttgart, 03.02.13

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Konzert: The Joy Formidable
Vorband: We // Are // Animal
Ort: Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 03.02.2013
Zuschauer: 250 (vermutlich ausverkauft)
Dauer: The Joy Formidable knapp unter 100 min., We // Are // Animal etwa 30 min.


von Jens aus Stuttgart
 

Vor einigen Jahren sah ich The Joy Formidable bei Rockpalast im WDR. Es wurde ein Auftritt in Köln gezeigt, bei dem das Waliser Trio The Temper Trap aus Australien supportete. Damals kam mir die Musik und Perfomance der charismatischen, kleinen blonden Frontfrau und Gitarristin Ritzy Bryan mit dem niedlichen Kleid und ihrer Bandkollegen Rhydian Dafydd (Bass) und Matt Thomas (Schlagzeug) wie eine Offenbarung vor. Ende 2009 konnte ich mir nichts irrelevanteres vorstellen als zeitgenössischen Grunge. Als ich dann Songs wie „Cradle“, „Austere“ und „Whirring“ hörte und den Auftritt der Band im Fernsehen dazu sah, fühlte ich mich überrumpelt. Keine Frage hier wurde klassischer Grunge gespielt, durchsetzt von Shoegaze-Einflüssen. Und dann diese „Wall of Sound“, die nicht so dekadent klang, wie das was Phil Spector unter dem Begriff prägte und meilenweit vom prätentiösen Riffrock entfernt war, den Muse in den letzten Jahren immer überflüssiger werdend zelebrierten. Damals kaufte ich mir sofort die EP „A Balloon Called Moaning“; ein ganz wunderbares Zeugnis einer aufstrebenden, jungen Band, auf dem die fantastischen, genannten Lieder enthalten waren, neben anderen Perlen. Sofort wurde ich Fan, fieberte dem Debütalbum entgegen, das als „The Big Roar“ angekündigt wurde, doch noch viel sehnsüchtiger flehte ich Deutschland-Auftritte herbei, zu denen es nicht kam. Abgesehen von wenigen Auftritten im Winter 2009. Ein Jahr später konnte man schließlich das Debüt vorbestellen, unter anderem als exklusives Boxset. „South London Guitar Massacre“ betitelt, stellten The Joy Formidable Mitte Dezember 2010 ein Video in Youtube, in dem – garniert mit Referenzen an Genreklassiker des Horrorfilms – zu sehen war, wie Ritzy mit wahnsinnigen Blick und pinker (!) Kettensäge eine E-Gitarre zersägt. Das hatte natürlich nichts mit der autodestruktiven Kunst eines Gustav Metzgers zu tun, wie Pete Townshend einst die Equipmentzerstörungsorgien der Who in den 60ern rechtfertigte, sondern war als reine Promotion gedacht. Mich jedenfalls sprach das Angebot sofort an: So versprach die Band den ersten 300 Vorbestellungen des Boxsets ein Gitarrenstück beizulegen; natürlich schlug ich zu. Als ich das Album im Januar 2011 dann hörte, hielt meine anfängliche Begeisterung an, die erst mit dem aktuellen Album „Wolf' Law“ rapide abnehmen sollte.

Obwohl mir die zuvor ausgekoppelten, neuen Songs überhaupt nicht gefielen, freute ich mich unheimlich, als nach drei-jähriger Wartezeit nun doch eine anständige Europatour angekündigt wurde: Mit Tourauftakt in Stuttgart.


Draußen war es bitter kalt, als wir den bereits gut besuchten Club Zwölfzehn betraten. Für mich ist das Zwölfzehn fraglos eine der drei besten Locations in Stuttgart für großartige Konzert. Und im kleineren Clubsegment sogar meine liebste. Vom Band lief obskure, pathetische Musik, die zunächst an den Artrock der 70er erinnerte, dann an den Stadionrock Muse und sich letztendlich als unbekannter 90er Indierock entpuppte.

Als Support waren We // Are // Animal angekündigt, eine rockige Formation, ebenfalls aus Wales. Trotz technischer Probleme (ein Gitarrenverstärker funktionierte nur fehlerhaft), überzeugte mich der treibende Rock mit World Music Einflüssen. Ein zusätzlicher Percussionist bewahrte dabei die eher eintönige Musik vor einem möglichen Abdriften in die Bedeutungslosigkeit. Darüber hinaus ermöglichte es zusätzliche Klangspektren weg vom klassischen Indiegitarrenrock. Ein bisschen klang es als hätte Ginger Baker nach dem Ende von Cream eine weniger virtuose Band gegründet, in der ein walisischer Johnny Rotten, der aussieht wie Bob Geldof Frontmann ist. „Black Magic“, ein besonders prägnanter Song blieb mir äußerst positiv im Gedächtnis – ebenso wie die fast unverständlichen Ansagen mit breitem walisischen Akzent. Der erste Deutschland-Auftritt We // Are // Animals war sicherlich nicht mein letztes besuchtes Konzert des elektrifizierenden Kollektivs.


Nach einer längeren Umbaupause geht das Licht aus und Ritzy Bryan, Rhydian Dafydd und Matt Thomas betreten die niedrige Bühne des kleinen Clubs mit der anregenden 60s-West-Coast-Surfer-Atmosphäre. Man könnte sich einen Auftritt der frühen Beach Boys hier durchaus erträumen. Musikalisch liegen zwischen Ritzy Bryan und Brian Wilson selbstredend Welten, auch wenn die Joy Formidable Sängerin immer wieder betonte, dass „Pet Sounds“ eines der prägendsten Alben für sie war (für wen war es das nicht?).

Mit „Cholla“, der in meinen Augen interessantes Single des aktuellen Albums beginnt das Set. Ein eingängiger Grunge-Song, der insgesamt poppiger ausfällt als die meisten Songs des Debütalbums prallt einen entgegen. Ritzy Bryan steht in einem der für sie so typischen, dezent bemusterten, hochgeschlossenen Kleidern hinter dem Lichterketten verzierten Mikrophon und singt strahlend einen Song, dem man anzuhören glaubt, dass The Joy Formidable auf ausgedehnter US-Tour mit den Foo Fighters waren, die dafür sorgte, dass die Waliser dort ein weitaus angesagterer und größerer Act sind als in ihrer britischen Heimat oder gar in Kontinentaleuropa. Deutlichster Beleg ihrer Popularität in Nordamerika dürfte wohl die Soundtrack-Beteiligung an einem der „Twilight“-Filme sein. Dass sowohl der entsprechende Song („Endtapes“) als auch ein Teenager-Vampir-Lovestory affines Publikum in Stuttgart fehlten beruhigte mich sehr.

Als zweiten Song kündigt Ritzy mit überraschend reinen Oxford-English „Austere“ an. Die Euphorie der Zuschauer steigt deutlich, auch die Perfomance wird intensiver. Wie ein Wirbelwind fegt Ritzy Bryan über die Bühne, blickt sympathisch-wahnsinnig, indem sie die Augen weit aufreißt und pendelt vom linken Bühnenende, wo ihr Exfreund Rhydian Bass spielt, zur rechten Seite, wo irritierenderweise das Schlagzeug aufgebaut war. „This Ladder Is Ours“ einer der mediokren Tracks des aktuellen Albums folgt, und ich spüre, wie sich Langeweile in mir breit macht. Zum Glück kann „The Greatest Light Is The Greatest Shade“ die Situation retten. Der wohl epischste Song des Debüts entfacht live seinen ganzen Zauber. Das Zusammenspiel von Rhydian, der bereits jetzt schweißüberströmt ist, und Ritzy ist dabei fast magisch. Die freigewordene Energie ist kaum in Worte zu fassen und lässt einen ungläubig zurück, weiß man, dass beide kein Paar mehr sind. Auch wenn sie immer wieder betonen, sie seien nur noch beste Freunde und rückblickend die wichtigsten Menschen in ihrem Leben, ist in ihrer Interaktion ein erotischer Zauber, der die unterkühlte Aura der blonden Frontfrau für kurze Augenblicke verschwinden lässt. Nicht nur für mich sieht es aus, als habe man ein Liebespaar vor sich, das all die positive Energie in der Musik verschmelzen lässt.

Entschuldigt mir meinen leicht esoterisch angehauchten Exkurs, doch frage ich mich tatsächlich, was mich wohl erwartet hätte, wenn ich wie geplant im Oktober 2010 mir den Auftritt auf der NME-Tour im Londoner KOKO angesehen hätte, anstelle Indisch essen zu gehen. Doch führen diese Spekulation viel zu weit.


Als die ersten Akkorde zu „While the Flies“ erklingen, freue ich mich sehr. Für mich stellt er einen Höhepunkt der „Balloon...“-EP dar, der unverständlicherweise keinen Platz auf „The Big Roar“ fand. Dabei spiegelt er doch fantastisch die Mystik, die sich häufig in der Musik findet, wieder und glänzt mit hervorragend gezeichneten Bilder, die in all ihrem Pathos doch noch immer liebevoll detailliert sind: „I'll take to throwing all the pennies I stole / I'll throw them well and get a wish now it's time for all / For pinching thumbs to help revive me / These pinching thumbs will lift you from the enemy / And when the dust settles and we raise once more“.

Darauf folgt „Cradle“, der Schweiß tropft von der Decke und es wird kollektiv auf engen Raum getanzt. Das Highlight des bisherigen Abends. Drei neue Songs folgen und ich wünsche mir innerlich, dass das kommende Album in eine andere Richtung geht.

„I don't want to see you like this“, die eingängige Single aus der „Big Roar“-Zeit und „The ever changing spectrum of a lie“, der epische, langgezogene, Opener des Debütalbums mit einem atemberaubendenen Crescendo, beenden das reguläre Set. Ritzy hält ihre Gitarre über die Köpfe der ersten Reihe, reißt die Augen weit auf und lässt die ersten Reihen die Saiten berühren. Dann verlassen die drei die Bühne. Das Publikum holt Atem, applaudiert enthusiastisch und bekommt mit „Forest Serenade“ eine Zugabe aus „The Wolf's Law“, die wohl der großartigste Titel des mittelmäßigen Albums ist. Als zweite Zugabe gibt es den titelgebenden Track, der mich in seiner gesamten Soundästhetik nicht fesseln will.

Dave Grohl bezeichnete „Whirring“ einmal als einen der besten Songs der letzten Jahre und heute Abend erfahre ich am eigenen Leib warum. Ich mochte die sperrige Single schon immer, genoss verschiedenste Liveversionen auf Youtube, aber nichts kann mit dem verglichen werden, was sich in Stuttgart abspielte. Ritzy rammt ihren Kopf gegen Ende Rhydian in die Brust, wie es Zidane 2006 im Weltmeisterschaftsfinale bei Materazzi die rote Karte einbrachte und Frankreich den Titel kostete. Im Gegensatz dazu ist Ritzys Handlung das Zeichen puren Glückes. Die Version dauert an die zehn Minuten, wenn nicht länger. Auch wenn es ein Klischee ist, ich fühle mich in der Musik versunken. Dann ist Schluss, meine Ohren dröhnen trotz Oropax. Wir verlassen das Zwölfzehn glücklich und erschöpft. Ich weiß bereits jetzt, es war eines der besten Konzerte des Jahres. Draußen schneit es. Die Euphorie hält an.

Setlist The Joy Formidable, Zwölfzehn, Stuttgart:

01: Cholla
02: Austere
03: The ladder is ours
04: The greatest light is the greatest shade
05: Little blimp
06: While the flies
07: Cradle
08: Tendons
09: Silent treatment
10: Maw maw song
11: I don't want to see you like this
12: The everchanging spectrum of a lie

13: Forest serenade (Z)
14: Wolf's law (Z)
15: Whirring (Z)



 

 

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