Montag, 3. Juni 2013

The Magnetic North (+Sarah Neufeld), Berlin, 19.05.2013


Konzert: The Magnetic North + Sarah Neufeld
Ort: Volksbühne Berlin
Datum: 19.05.2013
Zuschauer: fast ausverkauft
Dauer: ca. 45+90 Minuten




Mit großen Erwartungen fahre ich an diesem Abend zur Volksbühne. Neben Sarah Neufeld werde ich zum zweiten Mal auch The Magnetic North erleben.

Sarah Neufeld habe ich Anfang des Jahres zusammen mit Nils Frahm, Peter Broderick u.a. im Cafe des Michelberger Hotels erleben dürfen. Ich muss gestehen, dass ich Arcade Fire noch nie live erlebt habe und auch noch kein Album von vorne bis hinten durchgehörte - noch dass mir eine Violinistin besonders aufgefallen ist. Und eben diese Violinistin von Arcade Fire wandelt nun auch auf Solopfaden.


Was ich vom Michelberger mitnahm, war die Erinnerung an eine sympathische junge Frau, die freudig fiedelte. Es beeindruckte mich, mit welcher Magie sie nicht nur ihr Instrument beherrschte, sondern ebenso das Publikum mit in den Bann zog. Und das obwohl das Publikum damals eng zusammengequetscht beieinander stand und trotz dessen fast geräuschlos zuhörte.

Ich hatte an diesem Abend das große Glück mich in den Soundcheck einzuschmuggeln. So erlebte ich eine Sarah Neufeld, die ich so auch schon vom Michelberger Hotel kannte: Konzentriert und sympathisch.


Skeptisch war ich im Vorfeld, ob der Bekanntheitsgrad von The Magnetic North und Sarah Neufeld dafür reichen würden, die doch recht geräumige Volksbühne ausreichend zu füllen. The Magnetic North sah ich zuletzt 2012 als Vorband von den damals gehypten Other Lives. Da gingen sie meiner Erinnerung nach doch recht unter - was auch an der schlechten Abmischung lag. Es war einfach nur laut und so recht wollte keine Atmosphäre entstehen. Dennoch blieb mir deren Platte im Ohr und der energische Hinweis von Christoph, dass The Magnetic North großartig seien.

An diesem Abend sollte sich meine Skepsis nicht bestätigen, denn der Saal füllte sich und war kurz vor Konzertbeginn sicherlich annähernd ausverkauft.
Sarah Neufeld betrat die Bühne in einem schwarzen langen Gewand und begann sofort ihr schnelles Geigenspiel. Es erinnert an die Fusion von psychodelischen Klängen und irischem Pub. Innerlich bin ich da auch hin- und hergerissen. Sie beweist ihr ganzes Können - und doch packt mich ihr Auftritt nicht völlig. Immer mal wieder fühle ich mich von ihrer Musik eingesogen, aber ihr Hang zu Geschwindigkeit löst in mir Hektik aus. Sie beherrscht ihr Instrument auf grandioser Art und Weise und genau das ist auch mein Problem mit ihrem Auftritt: Es wirkt wie eine Demonstration ihres Könnens. Es fehlen für mich die Mitspieler, die das feurige Geigenspiel in Schach halten und ergänzen. Trotz aller Kritik war ihr Auftritt besonders.



Nur eine kurze Pause und The Magnetic North betreten die Bühne. Und an diesem Abend stehen nicht nur Hannah Peel (gibt es da wohl Überschneidungen zu Oliver Peel?), Gawain Erland Cooper (Erland & The Carnival) sowie Simon Tong (u.a. The Verve, Blur) alleine auf der Bühne, sondern sie werden sie noch von einem Chor, einem Bläser- und Klassikensemble begleitet.

Sind das noch die The Magnetic North, welche im Festsaal Kreuzberg noch im allgemeinen Gebrabbel und Gläsergeklirre fast untergingen? Was für ein gewaltiger Sprung. Jetzt bin ich voller Erwartungen, dass sie den Rahmen auch füllen können. Denn im Gegensatz zu den traditionellen Veranstaltungsorten Berlins, gibt es in der Volksbühne i.d.R. keine Hintergrundgeräuschkulisse. 


Also perfekte Bedingungen für die Aufführung ihres Debüts "Orkney: Symphony Of The Magnetic North".

Wird der Abend mit Stromness noch seicht eingeleitet, geht es mit The Black Craig gleich fulminant weiter. Was für ein Glücksgriff, dieser Chor. Sofort bin ich ergriffen von der Dramatik der Musik.


Im Hintergrund Videoschnipsel in schwarz/weiß. Wirbelstürme, Feldarbeiter.


Poppiger geht es mit Rackwick weiter. Hannah Peel steht im Zentrum der Bühne - hinter Keyboard und Reglern. Links und rechts neben ihr Erland und Simon. Jeweils an Bass und Gitarre. Im Gegensatz zum Auftritt im Festsaal erlebe ich an diesem Abend einen glasklaren Gesang von Erland und Hannah. Ihr Zusammenspiel ist ergreifend. Ich bin glücklich. Ward Hill ist live mit den Bläsern sogar noch schöner als die Studioversion. Leider geht Simon an diesem Abend ein wenig unter. Ob es gewollt ist, dass seine Gitarre kaum hörbar ist? Auch sonst hält er sich eher im Hintergrund, während Hannah und Erland sich gegenseitig die Bälle zuwerfen.

Es ist schön, wie Erland von der Entstehung des Albums erzählt. Ihm erschien Betty Corrigall im Traum, welche vor 300 Jahren Selbstmord beging, nachdem sie aus ihrem Heimatdorf verbannt wurde. Sie erwartete ein Kind eines fremden Seemanns. Betty sagte ihm im Traum, dass er zusammen mit Hannah Peel und Simon Tong ein Album über Orkney aufnehmen soll. Netterweise gab sie ihm gleich die Liste der Songs. Und nun stehen sie mit diesem vollendeten Werk vor uns. Ob diese Geschichte doch nur nettes Seemannsgarn ist?

Für mich ist Betty Corrigall das schönste Lied des Albums. Und auch live kam all die Tragik und die Trauer der Musik in vollstem Umfang bei mir an.


Schön ist auch, dass bei Old Man Of Hoy die Spieluhr nicht aus der Konserve kam. Bei Nethertons Teeth musste ich an Den Zauberer von Oz denken. Es hat im positiven Sinne sehr viel von einem schönen Musical. Dann "endlich" Bay Of Skaill, das wohl bekannteste Lied von The Magnetic North. Der Chor tranportiert auch die ganze Intensität des Liedes. Großer Jubel im Saal ist der Dank!


Überhaupt macht sich im Publikum große Begeisterung breit. Nach Hi Life und Orphir mit Yesnaby noch vor der Zugabe das letzte Stück des Albums. Wie ein Gute-Nacht-Lied, wird das bisherige Set damit würdig abgeschlossen.


Nach den geplanten Zugaben Warbeth Encore und Hoy Sound, fühlen sich The Magnetic North vom Publikum noch dazu "genötigt" eine weitere Zugabe zu spielen. Da ihr eigentliches Repertoire erschöpft ist, wird auf Wunsch des Konzertorganisators der Volksbühne The Black Craig wiederholt.

Ein wahrlich beeindruckendes Konzert haben The Magnetic North an diesem Abend gespielt. Die unterschiedlichen Extreme, die Tragik, die Dramatik des Insellebens waren spürbar. Die Widersprüchlichkeit zwischen Gemeinschaft und Isolation, zwischen Sehnsucht und Heimatgefühl, zwischen Liebe und Angst sind das was mich mit ihrer Musik verbindet.

Tief berührt gehe ich durch die Strassen Berlins. Ich bin berauscht von dem, was ich an diesem Abend erlebte - was Musik alles in mir auszulösen vermag.


Setlist Sarah Neufeld, Volksbühne, Berlin:

01: Requiem For Douglas
02: Hero Brother

03: Dirt
04: Sprinter Fire
05: You Are The Field
06: Wrong Thought

07: Right Thought
08: Muscle til Death

09: Breathing Black Ground
10: They Live On

Setlist The Magnetic North, Volksbühne, Berlin:

 
01: Stromness
02: Black Craig
03: Rackwick

04: Ward Hild
05: Warbeth
06: Betty Corrigall
07: Old Man Of Hoy
08: Nethertons Teeth
09: Bay Of Skaill
10: Hi Life
11: Orphir
12: Yesnaby


13: Warbeth Encore (Z)

14: Hoy Sound (Z)

15: Black Craig (Z)





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