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Samstag, 10. November 2007

Cold War Kids, Blood Red Shoes, u.a., Festival Les Inrocks, 09.11.07

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Konzert: Cold War Kids, Reverend And The Makers, Blood Red Shoes & Effie Briest (Festival Les Inrocks)
Ort: La Cigale, Paris
Datum: 09.11.2007
Zuschauer: vor allem gegen Ende sehr voll


Wer ein ordentliches Gymnasium besucht hat, dürfte mit Sicherheit Effie Briest von Theodor Fontane gelesen haben. Oder zumindest den Stechlin oder die Wanderungen in der Mark Brandenburg. In den nächsten Monat bekommt man aber unter Umständen verwirrende Ergebnisse, wenn man Effi Briest in die Suchmaschine bei Amazon eingibt. Denn es wird dann höchstwahrscheinlich nicht nur der Buch-Klassiker, sondern auch eine CD der rein weiblichen Indie-Band aus Brooklyn als Treffer angegeben.

Die Girlgroup mit dem literarischen Namen hatte die Ehre, den zweiten Festivaltag in der Cigale zu eröffnen. Wer hübsche Mädchen mag, die gleichzeitig auch noch musizieren, bekam reichlich was geboten für sein Geld. Auf der Bühne tummelten sich nicht weniger als sieben Grazien, die für Indie-Rock Verhältnisse nach wie vor recht kuriose Instrumente wie Akkordeon, Klarinette, Rasseln , Kastagnetten, Geigen, etc. zum Einsatze brachten. Was dabei musikalisch rauskam, war ziemlich experimentell und nicht so leicht zugänglich, aber dennoch hochinteressant und neuartig. Als Photograph wußte man gar nicht so recht, welche der Beauties man denn in erster Linie abknipsen sollte, Charme hatten die Mädels alle. Mein Hauptaugenmerk galt allerdings einer langbeinigen jungen Dame mit traumhaft hübschen Schuhen, die abwechseln Akkordeon und Klarinette spielte. Hach, welch schöner Anblick!

Lieder kannte ich allerdings keine, Effie Briest war mir vorher nur aus dem Deutschunterricht ein Begriff. Wird Zeit, daß sich das ändert!

Mehr Photos von Effie Briest!


Auch in der Folge konnte sich das mein Auge an einer schönen jungen Frau laben. Diesmal handelte es sich um Laura-Mary Carter, dem weiblichen Part des infernalischen Duos Blood Red Shoes. Sie und der explosive Drummer Steve Ansell ließen keine Zweifel darüber aufkommen, daß sie einer der Sensationen des Musikjahres 2008 werden, wenn endlich ihr langersehntes Debüt-Album erscheinen wird. Die Singleauskoppelungen daraus, z.B. "It's Getting Boring By The Sea", oder "I Wish I Was Someone Better" waren auch heute schon unglaubliche Abräumer und mischten das Publikum in der Cigale zum ersten Mal so richtig auf. Wahnsinn, wie man zu zweit einen solch ohrenbetäubenden Lärm erzeugen kann! Darüber hinaus gelang ihnen das Kunststück, trotz der Rohheit ihres Sounds melodiös und gut hörbar zu bleiben. Für mich gehört das Duo aus Brighton definitiv zum Besten, was momentan aus England kommt. Kompromissloser und packender kann harte Musik kaum gespielt werden! Dafür gab es auch den verdienten Applaus, die Zuschauer hatten somit Steven den Wunsch erfüllt, den er in sehr korrektem Französisch zu Beginn des Konzertes vorgetragen hatte: "Nous sommes les Blood Red Shoes de Brighton et nous espérons que vous aimez notre concert!"....

Setlist Blood Red Shoes, Festival Les Inrocks, Paris, La Cigale:

01: It's Getting Boring By The Sea
02: You Bring Me Down
03: Try Harder
04: Say Something, Say Anything
05: I Wish I Was someone Better
06: Doesn't Mater Much
07: This Is Not For You
08: ADHD

Anmerkung: Bezüglich der Titel 4,6 und 7 bin ich mir nicht ganz sicher. Der Rest stimmt aber auf jeden Fall.

Dnach zog der Reverend zusammen mit seinen zahlreichen Makers (ich glaube es waren 7) eine große Show ab. Der äußerlich an an Thomas Doll erinnernde Lockenkopf scheint vor Selbstbewußtsein nur zu strotzen, seine Gestik und Mimik spricht Bände. Er klopfte sich zum Beispiel oft auf die Brust, streckte wieder einmal seinen Zeigefinger drohend in die Luft, hielt aber manchmal auch minutenlang inne und beobachtete das Publikum. Zu diesem hatte er einen guten Draht, die Leute gingen jedenfalls ziemlich gut mit und weil dem Reverend dies so gefiel, lieh er sich mehrfach von den Photographen in den ersten Reihen große Apparate aus und knipste die johlende Menge. Neben dem "Chef" war aber auch die attraktive Keyboarderin Laura ein Hingucker; vor meinen Augen kreiste sie ihr Becken, hüpfte vor ihren Keys auf und ab und sang sogar bei ein paar Liedern mit. Bei dem abschließenden
"He Said He Loved Me" spielet sie gar die Hauptrolle. Ob dieses Lied mir deshalb an Besten von einem insgesamt passablen, aber nicht berauschenden Set gefallen hat? Der praktizierte Stil - Rock nach Machart der Arctic Monkeys mit Discoeinschlägen - ist jedenfalls nicht unbedingt meine bevorzugte Musikrichtung. Franzosen, die neben mir standen, hatten aber anscheindend ihre helle Freude: "C'était excéllent!"...

Setlist Reverend And The Makers, Festival Les Inrocks, Paris, La Cigale:

01: The Sate Of Things
02:
03: Heavyweight Champion Of The World
04:
05: Paris At Night
06: Open Your Window
07:
08: The Machine09:
10: He Said He Loved Me

Die Lücken werden ergänzt!

Mehr Photos von Reverend And The Makers

Als Headliner traten abschließend noch die Kritikerlieblinge Cold War Kids aus San Francisco auf. Warum sie mit ihrem amerikanischen Blues-Rock hinter englische Nachwuchsbands gesetzt wurden, war mir allerdings nicht ganz klar. Da hätten die am gleichen Abend zu späterer Stunde in der Boule Noire auftretenden The Twang meiner Ansicht nach viel besser hingepasst. Aber sei's drum, nach etwas schleppendenm Start schaffte es die Band um den charismatischen Sänger Nathan Willett die Massen in der Cigale zu begeistern. Vor allem Hitsingles wie "Hospital Beds" und "We Used To Vacation " kamen gut an und brachten die Leute zum Mitklatschen. Daneben gab es aber immer wieder ein wenig Leerlauf, beispielweise mit "Robbers", das irgendwann in der Mitte des Sets gespielt wurde. Zu dieser Zeit verschnaufte ich ein wenig auf den roten Theaterstühlchen und merkte wie fad ein Konzert sein kann, wenn man sich nicht unter die Menge mischt und ein wenig mittanzt. Bei einem Gig zu sitzen ist also wie beim Kacken zu stehen: unangenehm!

Deshalb bahnte ich mir schließlich wieder den Weg nach vorne. Die Cigale war in der Zwischenzeit sehr voll geworden und man konnte kaum treten. In Bühnennähe war das Ganze dann wieder wesentlich prickelnder und gegen Ende hatten die "Kinder des kalten Krieges" das Publikum sehr gut im Griff. Vor allem "Hang Me Up To Dry" kam unglaublich gut an, fast jeder sang die Texte mit. Ein Lied später fiel dann der rote Vorhang und es schien Schluß zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte keine Band des Abends die Gelegenheit erhalten, Zugaben zu geben. Für die Cold War Kids als frenetisch gefeierte Headliner gab es aber eine Ausnahme und das auf einer EP erhaltene Stück "Quiet Please!" wurde recht zähe 8 Minuten in die Breite gezogen. Das hätte ich persönlich nicht mehr gebraucht, aber der Stimmung im Saale tat dies keinen Abbruch mehr. Die Amerikaner hatten Paris für sich eingenommen...

Setlist Cold War Kids, Festival Les Inrocks, La Cigale, Paris: (ich zitiere im Folgenden die Originalversion mit den abgekürzten Liedtiteln)

01: Dreams Old Man
02: Vacation
03: Passing The Hat
04: Look Out Below
05: Robbers
06: Audience Of One
07: Rubideux
08: St. John
09: Hospital Beds
10: God Make Up Your Mind
11: Hang Me Up To Dry
12: Something Is Not Right...

13: Quiet Please! (Z)



Donnerstag, 23. November 2006

Two Gallants, Cold war kids, Hopper, Paris, 22.11.06

2 Kommentare
Konzert: Two Gallants, Cold war kids & Hopper
Datum:22.11.2006
Location: Nouveau Casino, Paris
Ausverkauft


Heute stand ein richtiger Bluesrock-Abend auf dem Programm, denn alle drei Gruppen könnte man trotz musikalischer Unterschiede unter dieses Genre zusammenfassen. Bei Bluesrock denkt man natürlich in erster Linie an Amerika und liegt damit auch meistens richtig, bei der Band Hopper jedoch nicht. Hinter dem Namen verbirgt sich nämlich ein französisches Quartett, beheimatet in Paris. Die Gruppe existiert bereits seit 1999, hat aber bisher erst ein Album mit dem schönen Titel "A tea with D" herausgegeben, welches ich nun in signierter Ausgabe besitze. Bei Hopper dominieren die Frauen, zumindest stimmlich, denn mit Aurélia Rivage und vor allem Dorothée Hannequin haben sie gleich zwei Sängerinnen, die von zwei männlichen Kollegen an Bass und Schlagzeug begleitet werden. Die zierliche Dorothée ist eine richtige Rockröhre, Vergleiche mit Courtney Love oder Dale Brodie von den Distillers erscheinen mir nicht abwegig. Der Sound der Band ist aber nicht so punkig wie bei den zuvor zitierten Ladys. Bluesangehauchter Rock trifft es schon ziemlich gut. Nicht überraschend also, daß sie Sparklehorse als Einfluss nennen. Über jedem Titel schwebt eine leichte Melancholie, vielleicht deshalb auch die Nennung der sehr sentimentalen Band Blonde Redhead als weitere Inspirationsquelle. Einen französischen Akzent hört man übrigens nicht heraus, man könnte sie wirklich für Amerikaner halten, wenn sie nicht die Ansagen auf französisch bringen würden. Mir hat ihr circa halbstündiges Set auf jeden Fall ziemlich gut gefallen und ich werde sie im Auge behalten, schon allein deshalb, weil ihr zweites Album, welches übrigens in Seattle produziert wurde (mit einem Produzenten, der u.a. schon für The Gossip gearbeitet hat), demnächst erscheinen wird.

Zu meiner Überraschung hatten die Veranstalter nach Hopper noch die Cold War Kids kurzfristig ins Programm genommen. Bei dieser jungen, amerikanischen Band handelt es sich um eine der Hoffnungen der Indieszene für 2007. Der britische NME hat sie kurzerhand schon zur besten neuen, amerikanischen Band benannt und bei MySpace haben sie bereits 200.000 Profilaufrufe und über 18.000 Freunde, obwohl ihr Debütalbum noch gar nicht erschienen ist. Entsprechend gespannt war ich natürlich auf ihren Auftritt. Der erste Song brachte den erwarteten Blues-Rock, aber einige rasante Tempowechsel und experimentelle Einlagen machten schon deutlich, daß man es hier mit einer überaus ambitionierten Gruppe zu tun hat. Kritiker werden das lieben, bei den Musikfans muß man abwarten. Der zweite Titel dann driftete plötzlich in der Mitte in eine Rap-Nummer à la Beastie Boys ab. Das Publikum war verblüfft, aber dies sollte der einzige Titel in diesem Stile werden. Ich muß an dieser Stelle mal ein paar Worte über den Sänger verlieren.

Äußerlich erinnert er mich ein wenig an den durchgeknallten Typen, der in "Natural Born Killers" an der Seite von Juliette Lewis gespielt hat. Kennt hier jemand dessen Namen? Stimmlich hat er eine erstaunliche Bandbreite, zur Verdeutlichung könnte man den knarzigen Sänger von Modest Mose nennen, aber auch Tom Waits, Jack White von den White Stripes oder den Sänger von Clap your hands say yeah. Genannte Namen verraten schon einiges über den Sound der mal bluesig, mal soulig, dann wieder rockig rüberkommt und fast immer eine leicht experimentelle Note hat. Überraschende Tempo-und-Stilwechsel sind keine Seltenheit und der Sänger setzt sich auch das ein oder andere mal an das Piano, um seine Band zu begleiten. Bei einer solchen Komplexheit fällt es mir schwer, jetzt schon ein Urteil zu bilden, denn die vier Amerikaner sind definitiv originell und innovativ, haben aber auch einen nicht zu unterschätzenden Nervfaktor.

Das Gleiche kann natürlich auch für den Haupt-Act des Abends die Two Gallants aus San Francisco gelten. Bis 22 Uhr 45 haben uns Sänger Adam Stephens und der langmähnige Drummer Tyson Vogel warten lassen, bis sie mit einer ihren unendlich traurigen Western-Balladen endlich ihr Set starteten. Bei den Two Gallants ist alles minimalistisch gehalten, es gibt nur Schlagzeug, Gitarre und Mundharmonika als Instrumente. Mehr brauchen sie aber auch nicht, um eine besondere Atmosphäre hinzuzaubern, denn beide legen sich dermaßen ins Zeug, daß man das Gefühl hat, sie hätten nichts dagegen, auf der Bühne zu sterben. Sänger Adam krächzt, jault und schreit sich die Seele aus dem Leib und Drummer Tyson headbangt regelrecht über seinem Schlagzeug. Soviel Einsatz und Hingabe sieht man selten, auch wenn es musikalisch zuweilen etwas amateurhaft erscheint. Aber gerade dieses Rohe, Unfertige, Spröde macht den besonderen Charme aus. Mein persönliches Higlight kommt mit "Steady rollin" schon an zweiter Stelle, ein Lied so herzzerreissend schön, daß auch noch dem hartgesottenstem Cowboy die Tränen kommen könnten.

Danach leider ein kleiner Leerlauf, da teilweise einfach nur instrumentell geschrammelt wird oder aber langsame Endlos-Songs (oft bis zu 10 Minuten) die Geduld etwas strapazieren. Zum Glück lassen sie es aber dann mit "Las Cruces Jail", der ersten Single, so richtig krachen und insbesondere die Songzeile " I put you in my collection of regrets" hat es mir wieder angetan. Sehr schön auch "The Prodigal Son" und "Waves of grain", die einen noch einmal gedanklich tief in den wilden Westen tragen. Das gesamte Set haben sie übrigens den Cold war kids gewidmet, die sie anscheinend sehr schätzen. Ein tolles Konzert einer sympatisch kauzigen Band!


von Oliver



 

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