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Mittwoch, 29. März 2017

Dear Reader, Stuttgart, 26.03.17

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Konzert: Dear Reader
Ort: Merlin in Stuttgart
Datum: 26. März 2017
Dauer: 80 min
Zuschauer: 250


Wir beim Konzerttagebuch lieben ja Statistiken. Und so wissen wir, dass dies der 25. Bericht über ein Dear-Reader-Konzert in unserem Blog ist und dass es nur eine Band (*) gibt, über die wir schon mehr berichtet haben. Umso bemerkenswerter ist es, dass es letztens eine recht lange Lücke gab:  Die drei jüngsten Berichte waren aus dem Januar 2014: Gudrun aus Berlin, Jens aus Stuttgart und Christoph aus Frankfurt. Automatisch stellte sich natürlich vor diesem Konzert die (bange) Frage, was hat sich gewandelt bzw. was bleibt altvertraut? Das neue Album war Ende Februar in meiner Post gewesen und hatte mich seitdem fast jeden Tag aufs Neue begeistert. Damit waren meine Hoffnungen auf einen wunderbaren Konzertabend hoch gesteckt.


Der Stuttgarter Termin lag ziemlich am Ende der ausgedehnten Tour durch deutsche Lande und so war schon zu mir vorgedrungen, dass es diesmal eine rein weibliche Band geben würde. Genauer gesagt spielten:

 Evelyn Saylor: Synthesizer, Mandoline, Gesang (New York)
 Stella Veloce: Cello, Tasten, Gesang (Sardinien)
 Olga Nosov: Schlagzeug, Percussion, Gesang (Rußland).


Man könnte freilich sagen, dies sei eher altvertraut, denn die Besetzungen und Vorbands für Dear Reader hatten den einen konstanten Teil, dass sie sich ständig ändern.
 

Cherilyn MacNeil kommentierte die Vorstellung ihrer Band am Abend im Merlin nur trocken mit This is Neukölln for you...! Was sicher wahr ist, aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn diese drei Frauen wirkten nicht wie die dazugebuchte Band, sondern machten für mich den übergroßen Teil des Spaßes aus, dieses Konzert zu erleben. Stella Veloce an ihrem interessanten Cello hat auf der Bühne ein klares Standing und brachte Klangfarben in die Mischung ein, die mich wirklich begeisterten. Daneben - ganz rechts auf der Bühne - Olga: Immer beschäftigt, um zwischen den Stücken umzubauen und während der Stücke präzise und energetisch, dabei aber doch filigran und wunderbar vielfältig ein Rhythmusfundament oder einen Klangteppich beizusteuern. 


Wirklich herrlich anzusehen und ich habe das innerlich abgefeiert. An den wichtigen Synthesizern war Evelyn daneben eher unauffällig und ruhig, aber auch diese Rolle ist je eigentlich eine wichtige in einer Gruppe. Wie erwartet, stand im Zentrum des Abends die neue Musik. Die Live-Versionen standen unter der Herausforderung, dass das Album selbst sehr üppig produziert ist und somit nicht 1:1 umsetzbar sein würde. Aber die Lösung überzeugte mich zu 100%. Das war nicht vereinfacht, sondern passend verlebendigt. Es spricht auch für das Konzert und die neue Musik, dass das Publikum ruhig, aufmerksam und begeistert klatschend mitging, obwohl erst an fünfter Stelle und dann kurz vor Ende des Sets bekannte Titel des Vorgängeralbums zu hören waren (wie immer grandios: Victory!).
 

In den Zugaben war dann noch Zeit für einige Klassiker (die aber alle ganz neu klangen in der aktuellen Besetzung) und wir erbettelten uns sogar noch eine zweite Zugabe, die mir derbe ans Herz ging: Eine Lagerfeuerversion von Dancing in the dark - auch schon 2014 in Stuttgart ein gefeierter Schlußpunkt.  Gibt es überhaupt was zu meckern? Cherilyn war im Vergleich zu meinen bisherigen Konzerterlebnissen mit ihr sehr zurückhaltend mit Zwischengeschichten und Erklärungen. Aber in Wirklichkeit war mir das an dem Abend ganz lieb, denn ich hatte ein wenig zu viel Sonne bekommen und hatte das Konzert schon nur mit halber Kraft begonnen.  So ging ich noch vor 22 Uhr mit vollem Herzen und sehr glücklich in die Stuttgarter Frühlingsnacht.

Tolle Fotos und einen ähnlich begeisterten Bericht hat auch der Stuttgarter Gig-Blog.

(*) Just diese Band war übrigens bei meinen ersten zwei Dear Reader Konzerten in Weinheim jeweils im Publikum ...


Setlist:
01: If only is
02: Then, not now
03: Mean well
04: So petty so pathetic
05: Down under, mining
06: Tie me to the ground
07: Oh, the sky!
08: Placate her
09: I know you can hear it
10: Victory
11: Wake him
12: Nothing melodious
13. Took them away
14: The run

15: Left the ground (Z)
16: Heavy (Z)
17: Great white bear (Z)

18: Dancing in the dark (Bruce Springsteen, Z)


Aus unserem Archiv:
Stella Veloce, Karlsruhe, 25.01.13
Dear Reader, Frankfurt, 19.01.14
Dear Reader, Stuttgart, 16.01.14
Dear Reader, Berlin, 01.01.14
Dear Reader, Rüsselsheim, 13.07.13
Dear Reader, Freiburg, 21.05.13
Dear Reader, Stuttgart, 13.05.13
Dear Reader, Freiburg, 13.11.12
Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
Dear Reader, Mannheim, 19.05.12
Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.12
Dear Reader, Paris, 18.01.12
Dear Reader, Weinheim, 15.09.11
Dear Reader, Frankfurt, 11.09.11
Dear Reader, Wien, 08.10.09
Dear Reader, Marburg, 06.10.09
Dear Reader, Düsseldorf, 28.09.09
Dear Reader, Haldern, 15.08.09
Dear Reader, Berlin, 07.08.09
Dear Reader, Paris, 06.05.09
Dear Reader, Nijmegen, 25.04.09
Dear Reader, Köln, 18.04.09
Dear Reader, Paris, 19.02.09
Dear Reader, Köln, 12.02.09



Montag, 31. März 2014

Misuk & Dominik von Gerwald, Stuttgart, 15.02.2014

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Konzert: Misuk & Dominik von Gerwald
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 15.02.2014
Dauer: Misuk etwa 85 Minuten / Dominik von Gerwald etwa 35 Minuten
Zuschauer: ca.100


Bericht und Fotos von Fabian aus Stuttgart


Wenn man bestimmte Musik ganz grob gesagt als Brecht-Pop bezeichnen müsste, würde sie nirgendwo in Stuttgart einen geeigneteren Platz als im Merlin finden. Musik von heute mit den Werken des Augsburger Dramatikers zu verbinden und dieses Experiment aufzuführen ist schon auf dem Papier eher was für's Kulturzentrum, aber im Merlin nichts Exotisches, denn es findet beides das ganze Jahr hier statt. Heute eben komprimiert in einem Abend aus Kontrasten, Sitztanz, Interpretation, Erhalt bedeutender Werke, Provokation und vielleicht sogar einem Bildungsauftrag für knapp 100 Leute, die das Merlin besuchen. 
Diesen 'Bildungsauftrag' darf man aber nicht wörtlich sehen, sondern eher mit Augenzwinkern. Als Verein und öffentlich geförderter Kulturstätte hat das Merlin einen solchen auch und dient sicher nicht nur als Tempel für Popfreaks. Heute bilden Misuk, die vierköpfige Band, deren Fokus Bertolt Brechts Werk ist und die mit ihren Liedern die große Bedeutung dieses Manns unterstreichen und erhalten wollen. Denn die Songs basieren ausschließlich auf den Texten Brechts, man möchte sie in einem neuen, zeitgemäßen Gewand darstellen, was Sängerin Eva Gold gleich zu Beginn erwähnt. Bei einem solchen Abend, sind bestimmt auch Deutschlehrer anwesend. Ohne Zweifel lernt man heute einiges dazu, was man sich für den Unterricht abgucken kann, um Brecht oder andere Literaten der Jugend schmackhafter machen, wenn schon Mathesongs auf Youtube funktionieren. Es geht Misuk aber nicht zwangsläufig um die Jugend, sondern stets um Brecht, der primär für alle da ist. So schließen sich viele Kreise, denn natürlich kommt die Band aus Augsburg, Brechts Geburtsort und auch der Bandname ist eine Wortschöpfung von Brecht. Gegründet wurde Misuk im Rahmen des hiesigen Brecht-Festivals, das immer zum Geburtstag des Dramatikers stattfindet, also gerade vor einigen Tagen erneut. Selten touren sie, denn jedes Bandmitglied ist mit vielen Nebenprojekten beschäftigt, ansonsten bringen sie Brecht in die Clubs. Das scheint eine schwere Aufgabe, der ebenfalls Augsburger Popsänger Oliver Gottwald (Anajo, 2011 im Merlin gewesen) ist sich mit Brecht nicht so vertraut, bezeichnet Misuk aber als guten Pop. Augsburgconnection. 
Wie Brecht in Popsongs stattfinden kann, zeigten schon Rammstein ("Haifisch"), Samy Deluxe ("Poesiealbum") oder auch Gisbert zu Knyphausen in "Verschwende deine Zeit" und bauten seine Zeilen bruchstückhaft in ihre Songs ein. Aber nur Brecht? Die Band selbst weiß um die Sperrigkeit, die sie nach kurzem Instrumental-Intro aufzeigen, aber mit äußerst vielseitigem Sound und Genresprüngen abwechslungsreich gestalten. Gitarrist und Bassist Girisha Fernando, Keyboarder Lilijan Waworka und Drummer Stefan Brodte sind Profis an ihren Instrumenten, was allein schon die Tatsache beweist, Brecht-Texte zu vertonen. Die ausgesprochen gute Rhythmusgruppe treibt nach vorn, stützt die langen, kopflastigen Zeilen und gibt ihnen mit Jazz und Disco-Elementen Tempo und eingängige Beats. Sperrig gestaltet sich auch Golds variable Stimme, die mal energisch, schrill, operettenhaft oder nur gesprochen an die von Nina Hagen erinnert, aber viele Ausdrücke beschert, was den Texten ein Gesicht, einen passenden Körper gibt. Zusätzlich beeindruckt auch Golds Textsicherheit. All diese Texte ohne Fehler auswendig vorzutragen ist unglaublich. Sicher hilft es, dass der Text in einem Lied verbunden ist, doch die Texte muss man trotzdem kennen. Und das tut sie hervorragend. Der Zugang ist dennoch schwierig, wenn das der Versuch ist, Brecht zugänglicher zu machen. Hervorstechend ist aber die Art und Weise, wie die Texte in „Vom Geld“ oder „Das Lied vom Schuh“ performt werden. Und jene Zeilen Brechts, die schon Gisbert zu Knyphausen verwendete, sind bei Misuk heute im Gesamtwerk von der „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ zu hören. 

Gegen Ende spielen Misuk "Surabaya Johnny", das auch die deutsche Indierock-Legende Element of Crime live performt. Das „Solidaritätslied“ wird zum Mitsinghighlight und Eva Gold ist freudig-enthuasiastisch über die Bereitschaft im Publikum. Gold ist neben ihrem variablen Ausdruck, der deshalb auch mal kantig sein kann, immer charmant. Doch Kunst muss in gewissen Maße auch anecken. Brecht ebenso. 

Und auch der heutige Support Dominik von Gerwald, der dies im gesamten Vorprogramm eindrucksvoll beweist. Der kommt jedoch weder aus Augsburg, noch hat er etwas mit Brecht zu tun. Möglicherweise mag er ihn, doch die Musik und Show des eigentlichen Backnangers, der jetzt in Tübingen lebt und als Sänger der Stuttgarter Americana-Folkband Yasmine Tourist auch dem Merlin bekannt ist, hat nur eins mit Brechts Werken gemein: Sie eckt hier und da an. So sehr, das heute einige den Saal verlassen. Das war bei Brecht auch so. Den Zuschauern wird er am Ende dennoch mehr als Misuk im Kopf bleiben. Dass Gerwalds Auftritt bei einem Abend, der Popmusik mit Brecht-Texten verspricht, nur anecken wird, war im Vorfeld schon klar, denn seine neue Soloperformance hat nichts mit Yasmine Tourist, braver Liedermacherei oder gar Brecht zu tun. Neue Performance von Dominik von Gerwald heißt folgendes: Als Sänger von Yasmine Tourist spielte er ab und an Sologigs mit der Akustikgitarre. Seit Anfang diesen Jahres, genauer seit Releaseparty von Kollege Philipp Eißler (BRTHR) im 1.Stock, verschleiert er sich komplett schwarz, spricht kein Wort, spielt nur seine Songs mit Samplings, Hall und Rauschen. Man merkt: Die Maske ist zwar Teil des Ganzen, aber eigentlich soll sie die Aufmerksamkeit komplett auf die Musik lenken, ähnlich wie bei Peter Licht. Doch ein Musiker wird niemals nur durch seine Musik bewertet. Auch das Aussehen, das Auftreten und die Interaktion spielen eine Rolle. Mit der Verschleierung erschafft Gerwald zwar Distanz, aber gleichzeitig 


Aufsehen, denn es ist ein besonderes Merkmal, ein Reizpunkt. Sein Auftreten mit beinah gänzlichem Wegfall von Publikumseinbeziehung umso mehr. Bei Leuten, die von Künstlern in den Arm genommen werden wollen, macht er sich unbeliebt, doch diese geben sich auch mit gefälliger Musik zufrieden ohne wahrhaftig spannende Projekte entdecken zu wollen. Gerwald will nur Musik machen und nicht labern. Das einzige was er heute sagt, ist "The next song ist about killing Huckleberry Finn", eine kühlen Ansage, die wieder ein bisschen provoziert, aber einen unheimlich schönen Song folgen lässt. Es ist sicher Gerwalds Stimme, die auch im Fokus dieses Songs steht, aber genauso die komplette Aufmerksamkeit, die man dieser dramatischen Hymne widmet. Ein Mann allein mit Gitarre kann so viel Strahlkraft im dunklen Raum erzeugen. 
Nach einer halben Stunde Spielzeit spricht er erneut: „Vielen Dank“ - und wünscht einem Publikum, das ihn teilweise links liegen ließ, tatsächlich viel Spaß bei Misuk. Das ist anständig und respektvoll. Freunde werden sie vielleicht nicht, aber man gibt sich die Hand. Sicher hätte das Merlin auch einen 'harmlosen' und lieben Singer/Songwriter einladen können. Vielleicht wusste man auch gar nicht um die große Wandlung des Dominik von Gerwald, schließlich macht er das live erst zum dritten Mal, Yasmine Tourist waren erst letzten Sommer hier zu Gast. Oder die gute Merlin-Bookerin Bärbel Bruns, die das Publikum heute begrüßt, wusste wie so oft genau Bescheid und wollte diesmal nicht den bekannten, warmen Platz im Bett anbieten, sondern auch mal das Dornennest, obwohl es nicht mal so schlimm ist. Genug Punkte sprechen dafür, Gerwalds Show reizvoll und interessant zu finden. Für die, die sich daran stören: Offen zu sein, über den Tellerrand zu schauen, ist das Beste. Heute verlassen eben ein paar den Raum, das ging im 1.Stock raumbedingt schlecht und da waren diese eher mit Bier statt Musik beschäftigt, im Merlin hört das Publikum prinzipiell zu. Und es hört verzerrte Gitarren, laute Trommelschläge, die vom beklebten Macbook gesampelt werden und die raumfüllende Stimme Gerwalds. In einer völlig anderen Umgebung als der im 1.Stock (und einer besseren Anlage als dort), sehen völlig andere Leute, die an den Tischen sitzend gefangen wirken (wer aufsteht, fällt auf) Dominik von Gerwald musizieren. Heute schließt er alle Songs im Gegensatz zum 1.Stock-Gig ab, statt sie von einer Noise-Feedbackwolke in die nächste zu lenken. Aber es ist weiterhin mal brachial, dann fast Stadionrock mit dem Song, dessen Refrain mit „I don't care“ endet und später wieder sanfter. Ruhige und klagende Balladen treffen auf ungestüme Schrammel-Songs, die manchmal ein bisschen The Mars Volta oder Radiohead sind, die er einst gecovert hat. Hier geht Gerwald in seinem breiten und umfangreichen Sound von dumpfen Synthies, düsteren Gitarrenriffs und einigen aggressiven Werken ohne bisherige Titelbezeichnungen auf und bewegt sich auf der dunklen Bühne wie ein Panther im Käfig. Das war zwar nicht Brecht, aber Rilke. Und die Titel seiner Songs weiß bisher nur er selbst, auf der Bühne redet er nicht darüber. Seine EP „Tough Beach“ soll jedoch bald erscheinen. Kombiniert mit dem eher braven, gesitteten Publikum, die Brecht hören wollten und sichtlich wenig mit Gerwald anfangen können, ist es ein amüsantes Bild mit Kontrast. Doch man muss sich drauf einlassen um die Größe zu erkennen, den Umfang, der sich mit Misuk auf alle Fälle messen lässt. Misuk ist zwar nicht musikalisch oder optisch besonders auffällig, aber durch Sängerin Eva Gold hervorstechend. Auch sie ist auf der Bühne nicht immer gefällig und sanft, sie eckt auch mal an. Komisch, dass es hier das Publikum aushält. Zwei komplett verschiedene Herangehensweisen treffen sich an diesem Abend, das macht es so interessant. 

Der Abend zeigt, dass Brechts Texte immer noch ankommen, angenommen werden und interpretiert werden. So viel wie sie enthalten, sind sie heute noch gültig und inhaltlich fordernd. Misuk greifen diese Stimmung auf und vertont sie, es ist neben dem Pop auch ein wenig Theater mit Gestik und Mimik, denn die Texte sind der Grundstein, sie sollen vorgetragen werden. So wird auch das Denken der Leute umgekehrt, Songtexte sind bei Musik nur Beiwerk, kaum relevant, durch "Lorem Ipsum" zu ersetzen, was in allein in der künstlerischen Gesamtbetrachtung eines Werks völliger Unsinn ist. Subjektiv wäre nur die klassische Geschmacksfrage, ob man persönlich einen Song wegen der Musik gut findet, aber den Text weniger. Objektiv kann man ihm aber fairerweise immer Größe zollen. Bis auf kleine Ausfälle tat das heute fast jeder.


Dienstag, 4. Februar 2014

Levin Goes Lightly, Stuttgart, 24.01.2014

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Konzert: Levin Goes Lightly
Vorband: Melvin Raclette
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 24.01.2014
Dauer: Levin Goes Lightly 54 Minuten / Melvin Raclette 13 Minuten
Zuschauer: um die 70


Alle Fotos: © Markus Milcke

Gedämpftes Licht schimmert durch dichten Kunstnebel, Palmen sind auf der Bühne aufgestellt. Dazwischen tänzelt eine bizarre Erscheinung in Leopardenleggins, verzierter Jeansjacke und langer, blonder Elvis-Tolle umher, die mit viel Hall auf der Stimme zu elektronischen Beats vom Band singt, hin und wieder mit der Telecaster in der Hand: Levin Goes Lightly ist eine faszinierende Stuttgarter Kunstfigur aus der blühenden Szene um die inzwischen aufgelösten Waggons am Nordbahnhof, die mit düster schillernden Popsongs und kunstvollen Liveauftritten ein treues und wachsendes Publikum aufbauen konnte. 
Treibender Teppich Records, ein leidenschaftliches, regionales Label, das ein paar verständige Musikverrückte gründeten, veröffentlichte vergangenes Jahr das Debütalbum des Musikers, der eigentlich Levin Stadler heißt, und ernetete wenig später mit dem eindrucksvoll-ambitionierten Sampler „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ überregionale Aufmerksamkeit. Betrachtet man die illustre Ansammlung talentierter Stuttgarter Projekte, muss man eingestehen, dass Levin Goes Lightly zu den außergewöhnlichsten und interessantesten gehört. Sein exaltiertes Bühnengebaren ist der folgerichtige Ausdruck seiner expressiven Musik. 


Wohl überlegt, geht seinem Auftritt beim Pop Freaks Festival im Merlin eine 13-minütige Nummernrevue des Die Nerven-Schlagzeugers Kevin Kuhn als Melvin Raclette, einem seiner zahllosen Projekte, voraus. Im The Police-Shirt spielt Kuhn ein kurzweiliges Set mit pointiert-scharfsinnigen Songs. „Ich fühle mich zu Dir hingezogen“, musikalisch eine Folkpunk-Ballade in Tradition eines Billy Bragg, ist ein ironisches Liebeslied mit geglückten Seitenhieben auf das Stuttgarter Nachtleben und seine Klischees. 
Melvin Raclettes Beitrag zum genannten Sampler, „Come Up With Something“, ein kurzer Punksong mit Surf-Einschlag, ist wie schon beim Instore-Gig im Platten-Café Ratzer Records anlässlich der Release von „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ kurz vor Weihnachten, unbestrittener Höhepunkt, bevor der nerdig angehauchte Humor, den schon der Opener andeutete, in „Geschlechtsverkehr in Hollywood“ zu seiner definitiven Geltung kommt. 


 Zwischendurch spielt er „Dizzy Height“, das bekannteste Stück des Hauptacts, an oder zitiert Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ als Outro. Barfüßig steht Melvin Raclette oft mit starrer Miene in der Bühnenmitte, bewegt sich nur stoßweise und beschließt nach fünf Songs mit „We Belong Together“, einem „ziemlich unbekannten Song" Ritchie Valens', der am tragischen, von Don McLean in „American Pie“ besungenen, „Day the music died“ gemeinsam mit Buddy Holly bei einem Hubschrauberabsturz tödlich verunglückte. „Der Song ist fast 60 Jahre alt, vergesst die GEMA.“

Setlist Melvin Raclette, Stuttgart: 

01: Ich fühle mich zu Dir hingezogen 
02: Come Up With Something 
03: Geschlechtsverkehr in Hollywood 
04: „Ich wette, du denkst, dieser Song ist für dich“ (?) (Mit Stairway to Heaven-Outro) 
05: We Belong Together (Ritchie Valens-Cover)



Im ganzen Saal breitet sich der Nebel aus. Mit positiv an Nick Cave erinnernder Lethargie intoniert der riesige Kunststudent Levin Stadler seine sperrigen, sphärischen Songs, die in ihrer eindringlichen Präsentation überraschende Facetten dazugewinnen. Die einzelnen Stücke sind verworrener, meisterlich gesponnener, psychedelich angehauchter Lo-Fi, der visuell durch die Pflanzenwelt auf der Bühne und auf Leinwand projizierte Videos im Zwielicht ausgeschmückt wird. Um mich herum erscheint alles nur schemenhaft, dann erregt ein monotones, immer lauter werdendes Piepen während des zweiten Songs „Wideness“ meine Aufmerksamkeit. Der erste Gedanke, es würde sich um einen Teil der elektronischen Klangfläche handeln, wird rasch von der Gewissheit verdrängt, dass der Nebel den Rauchmelder an der Decke nahe der Theke ausgelöst hat, aus den Augenwinkel sehe ich einen Mitarbeiter des Merlins das Gerät abschrauben, während der äußerlich ein wenig an Jens Friebe erinnernde Levin Stadler unbeirrt seine Show fortsetzt, dabei vermutlich alles Äußere ausblendet. 


Bei Ansagen wirkt der große Hall auf der Stimme geradezu beängstigend, doch ist er für die konsequente Ästhetik der Show des Gesamtkunstwerks elementar. Jan Georg Plavec schrieb in der Stuttgarter Zeitung letzten Sommer in höchsten Tönen von Levin Goes Lightly. „Ian Curis und Elvis haben einen Sohn“ konnte man lesen – und tatsächlich: Levin Stadler gelingt es den oft wenig sinnlich daherkommenden, kühlen Post-Punk der 80er mit der körperlichen Präsenz, dem Hüftschwung eines Elvis Presley mit der großen Showtradition der 50er zu vereinen. Eine derartige Melange ließ sich in deutscher Musik höchst selten erleben. Einige wenige Köpfe der positiven Seite dessen, was Alfred Hilsberg einst Neue Deutsche Welle taufte, waren dazu in der Lage. Danach kam wenig. Levin Goes Lightly knüpft mit englischen Texten und aufreizender Inszenierung an dieser vakanten Stelle an.


Mit einer Spur The Cure-Atmosphäre garniert, gipfeln „Feeling“ und „Metropolis“ in großartigen Momenten. Der von Plavec betonte Hüftschwung hat auch heute großen Anteil an der Eindringlichkeit der Performance. Immer wieder lässt sich Levin auf die Knie sinken, während seine kurzen, phrasenartigen Texte durch den Raum hallen. Das ist alles intensiv und beeindruckend und als schließlich das Set bezeichnenderweise mit „Elvis“ beschlossen wird, zeigt der Künstler sein ganzes Können. 

Zwischen den Pflanzen auf dem Boden umher kriechend, einen regelrechten Balztanz aufführend und am Ende mit angezogenen Beinen auf dem Rücken inmitten des Publikums liegend, zeigt sich in der dezent schimmernden Nebelwand im Merlin eine psychedelische Artrockshow, die so betörend wie einnehmend artifiziell ist. Weniger als eine Stunde schweißtreibender Verrenkungen und ein Dutzend guter Songs reichen für einen vielversprechenden Einblick in die Welt des ambitionierten Künstlers. Ein Ende ist glücklicherweise nicht in Sich: In absehbarer Zeit soll das zweite Album bei Treibender Teppich Records erscheinen – ebenso wie das Album von All diese Gewalt, einem Nebenprojekt von Die Nerven-Gitarrist Max Rieger. Stuttgart bleibt spannend und die aufstrebende Szene vernetzt. Ein in der Hauptstadt aufgenommenes Live-Video von Levin Goes Lightly wird auf Youtube als „Berlin hates Stuttgart except me“ angepriesen. In diesem Sinne. Schwaben verfügt über aufstrebende Musiker und Bands, über die man in Anlehnung an Jan Wigger als eine Art Qualitätsmerkmal sagen möchte: NICHT aus Berlin



Setlist Levin Goes Lightly, Stuttgart: 

01: 1989 
02: Wideness 
03: Copkiller 
04: Dizzy Height 
05: Feeling 
06: Metropolis 
07: Speedways 
08: Nostalgia 
09: Wild Life 
10: Elvis 

11: You are lonely (?) (Z) 
12: ? (Z) 


Links: 
- aus unserem Archiv: 
- 20.12.2013, Melvin Raclette, Stuttgart

Montag, 3. Februar 2014

Oum Shatt, Stuttgart, 22.01.2014

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Konzert: Oum Shatt
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 22.01.2014
Dauer: 61 Minuten
Zuschauer: um die 60


Nichts weniger als Propaganda für innovativen deutschen Pop schreibt sich das Pop Freaks Festival des Kulturzentrums Merlin auf die Fahnen. Welch grandioses Line-Up Kurator Arne Hübner aufstellte, betonte ich wiederholt, doch offenbart kaum eine auftretende Band der diesjährigen Auflage das Gelingen des eigenen Anspruchs deutlicher als Oum Shatt aus Berlin. Die Band um etablierte Namen der Berliner Musikszene, die mit Künstlern und Bands von Jens Friebe bis zu Die Türen zusammenarbeiteten, besticht mit einem wahrlich innovativen Genre-Mix zwischen Post-Rock, New Wave und tatsächlich unterschwelligen arabischen Rhythmen. „Power to the Women of the Morning Shift“ als vielversprechende erste Single-Auskopplung sorgt für wachsende Aufmerksamkeit. 


Frisches Live-Mitglied der im künstlerischen Wahl-Exil Berlin aufblühenden Österreicher Ja, Panik, Jonas Poppe, überrascht als exaltierter Frontmann an der Gitarre, der mit seinen außerordentlich profilierten Mitmusikern ein Konzert spielt, das berechtigte Hoffnungen auf eine erfolgreiche Zukunft des ungewöhnlich guten Quartetts macht. Im Hintergrund rotiert mit hypnotischer Monotonie eine schwarz-weiße Spirale. Passend zur psychedelischen Ästhetik bauen Poppe, Hannes Lehmann (Gitarre), Jörg Wolschina (Bass und Keyboards) und Berlins extravagantester Drummer Chris Imler wahre Kaskaden trockenen Sounds auf. Das, was Oum Shatt auf die Bühne bringen, ist originell, ist großer Indie-Rock, der aufzeigt, welche Optionen der einst zu recht gen Himmel gelobte, später stagnierende britisch-schottische Post-Punk mit ein wenig Mut gehabt hätte. Selbstredend versuchten Franz Ferdinand beispielsweise mit dem stetigen Feinschliff ihres durchaus patenten Konzepts neue Wege zu gehen, doch ließ sich auch in der Weiterentwicklung eine frappierende Redundanz feststellen. Interessant wenn auch nicht innovativ oder gar weltbewegend erschien mir die erste Veröffentlichung der Berliner, eine vier Lieder umfassende EP, die mit eingängigen Melodien und pulsierenden Rhythmen zwar Interesse weckte, aber sicherlich keine allzu großen Vorschusslorbeeren zuließ. Letztlich aber genügen wenige Minuten und ich finde mich im Sog eines erstaunlichen Konzerts, das mich so nachhaltig beeindruckte, dass ich erst jetzt mit zweiwöchigem Abstand mein Erlebnis in Worte fasse. 


Gerne mit Joy Division verglichen, löst sich diese Assoziation schon während „Delta“, dem ersten Stück des Konzerts in Wohlgefallen auf. Vergleiche mit Ian Curtis' Gesang sind Allgemeinplätze zur Beschreibung eines Indie-Sängers im Bariton und durchaus lästig. Sicher bedienen sich Oum Shatt hier und da ähnlichen Mustern, verfallen aber zu keiner Zeit in anbiederndes Epigonentum, vielmehr vertraut man verstärkt auf ein Fundament aus psychedelischer Tradition und neo-progressiver Ausdruckskraft. „Silent Girl (With Silly Scarf)“, ein Stück mit einem Titel wie aus der sprudelnden Fantasie Omar Rodriguez Lopez', beginnt mit angenehm dilettantischen Akkorden, darüber singt Poppe mit unaufgeregter, fester Stimme. Immer wieder umfasst er das Mikrophon, starrt mit aufgerissenen Augen über die Zuschauer hinweg. In den ersten Reihen werden Ausdruckstänze aufgeführt, die Betonung der arabischen Einflüsse in Presseankündigung und Selbstinformation lockt neben bekannten Gesichtern der Stuttgarter Konzertszene auch zahlreiche World Music-Fans ins Merlin, die die Band wie eine Sensation feiern. 


Zwischen dem Charakter einer spontanen Jam-Session und bis ins Detail durchkalkulierter Performance changierend sind es oft Stücke mit Arbeitstiteln wie „Neu 3“ oder „Neu 5“, die besonders faszinieren. Es sind Momente, in denen man der Band zutraut jedes eingeübte Konzept zugunsten einer leidenschaftlich treibenden Improvisation aufzubrechen, nur um es dann wieder mit müheloser Leichtigkeit in gelenkte Bahnen zu pressen. Schon auf der „Power to the Women of the Morning Shift“-EP herausstechend, sind „Madame O. (Black Friday)“ und vor allem „Hot Hot Cold Cold“ Höhepunkte des kurzweilig wie kurzen Konzerts. Insbesondere letztgenannter Song vermag mit seinem klimaktischen Chor und dem leidenschaftlichem Einsatz Chris Imlers, des „Don Corleone“ der Berliner Musikszene, die Klangästhetik Oum Shatts zusammenzufassen. 


Nach gerade einmal zehn Stücken und dem fulminanten Abschluss mit der ersten Single ist das reguläre Set vorbei. Zwei Zugaben, ehrliche Worte des Danks und es ist Schluss. Die Zuschauer toben, schließlich kehren die vier Berliner für eine dritte Zugabe zurück. Es gibt noch einmal „Hot Hot Cold Cold“, markiges Understatement und ein euphorisches Publikum. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Arne Hübner ein Line-Up voller Schätze der deutschen Popmusik gelang, die wahrlich eine Sache mit Leidenschaft für ihr Genre betreiben: Propaganda. Oum Shatt sind großartig und, wie man am Tag des Konzerts auf Facebook lesen darf, im Februar mit Ja, Panik auf Tour. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen reift – wie auch der Eindruck des Konzerts – im Nachhinein immens. 



Setlist Oum Shatt, Stuttgart:

01: Delta
02: Silent Girl (With Silly Scarf)
03: Kharkow
04: Neu 2 (ARBEITSTITEL)
05: Hot Hot Cold Cold
06: Bangladesh
07: Madame O. (Black Friday)
08: Fairground
09: Tripped Up
10: Power to the Women of the Morning Shift

11: Neu 3 (ARBEITSTITEL) (Z)
12: Shabby Little Things (Z)

13: Hot Hot Cold Cold (Z)


 


Mittwoch, 22. Januar 2014

Trümmer, Stuttgart, 17.01.2014

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Konzert: Trümmer
Vorband: Tokyo Tower
Ort: Kulturzentrum, Merlin
Datum: 17.01.2014
Dauer: Trümmer 67 Minuten; Tokyo Tower 33 Minuten
Zuschauer: 60-70


Alle Fotos: © David Oechsle

„Entschuldigt, ich bin erkältet und klinge heute wie eine Mischung aus Tom Waits und Hildegard Knef.“ Paul Pötsch räuspert sich. „Du klingst wie Westernhagen“, schallt es irgendwo aus dem Publikum. „Westernhagen? Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz... Das geht schon in Ordnung, schätze ich.“ Trümmer aus Hamburg stehen am vierten Abend des Pop Freaks Festivals vor knapp 70 Zuschauern im Merlin und spielen mit Babyshambles-Gitarren zur Blumfeld-Attitüde ein mehr als solides Konzert. 
Nachdem ich Sänger und Gitarrist Pötsch und seine Mitstreiter Tammo Kasper (Bass) und Maximilian Fenski (Schlagzeug) auf einem ekstatischen Silvesterkonzert in einer Künstler-WG in ihrer hanseatischen Heimatstadt erleben durfte, ist klar, dass es schwer wird, heute, zweieinhalb Wochen später an diesen Auftritt heranzukommen. Es ist der Abschluss des zweiten Teils der „Saboteur“-Tour, ihrer ersten eigenen Konzertreise. Zwei Tage zuvor spielte man in Kassel und begeisterte, ein Lokaljournalist fühlte sich gar an die Entstehungsphase der Sex Pistols erinnert. So weit gehe ich nicht, doch gehören Trümmer zweifelsohne zur Speerspitze einer Reihe aufregend wie vielversprechender Bands mit differenzierter politischer Haltung und starken Songs. Wie Messer aus Münster und die schwäbischen Lokalmatadoren Die Nerven stechen Trümmer aus dem Einheitsbrei heraus. Schon beim Winterfest im KOMMA, dem Heimatclub der Nerven in Esslingen, glänzten Trümmer vergangenen Februar zwischen Messer, Zucker und den Gastgebern mit dem besten Auftritt des Abends. Selbstredend sind die Herren Kuhn, Rieger und Knoth auch heute im Publikum, obwohl sie selbst später ein eigenes Konzert beim Stuttgarter Filmwinter spielen. Man kennt und schätzt sich in der Szene. „Heute Abend spielen ausnahmslos die besten Bands Deutschland hier. Wir nehmen uns da nicht aus“, postulierte Nerven-Gitarrist Max Rieger letztes Jahr in Esslingen und bringt seine Wahrnehmung des Musik-Betriebs auf den Punkt. Heute revangiert sich Bassist Kasper: "Nachher spielt beim Filmwinter die beste Punkband Deutschlands, Die Nerven. Lasst uns da alle zusammen hingehen."
Hinter den Musikern prangt der Bandname in beleuchteten Lettern. Die Show kann beginnen. Als Trümmer nun nach dem Support-Set des Electro-Künstlers Michael Fiedler alias Tokyo Tower, den man lokal für seine Arbeit mit Hüttenzound oder Anna Gemina kennt, mit „Schutt & Asche“ eröffnen, zeigen sie, warum Rieger mit seiner These zumindest im Genrerahmen zwischen Noise-Punk, Punk und Diskursrock recht haben könnte. 


Das Hamburger Trio spielt vor den Augen Pötschs Eltern, Carsten Erobique Meyer und der Sängerin Sophia Kennedy mit großem Elan. Maximilian Fenski bewegt sich mit ausladenden Bewegungen stets an der Grenze der Verausgabung, muss gegen Ende sein Hemd öffnen. Derweil pendelt Tammo Kasper im dunklen Sakko vor und zurück, singt immer wieder mit und spielt einen sehr punkigen Bass. 
Nach langer Verweigerung von Facebook und der Infrastruktur des Internets, findet man seit Jahresbeginn ebendort auch statt. Songs entdeckt man hier freilich auch heute nur sehr wenige. Mit Ausnahme der Vinyl-Single mit Doppel-A-Seite „In all diesen Nächten“/“Der Saboteur“ finden sich nur einige verwackelte Live-Mitschnitte auf Youtube. Dass hohe Erwartungen in das Album gerechtfertigt sind, beweisen beispielsweise „Revolte“ und „Straßen voller Schmutz“, die das politisch denkende Kollektiv „straight aus dem Gefahrengebiet“ mitgebracht hat. „Ihr kennt diese Probleme ja aus eurer Stadt. Ihr wisst, was bei Demonstrationen passieren kann.“ Man ist geneigt, die Gruppe einseitig für ihr politisches Songwriting zu schätzen, doch übersieht man dabei dann die durchaus gekonnt gefertigten Liebeslieder. „Papillon“ zum Beispiel ist wohldosiert romantisch und mit seiner klaren Bildsprache fest integriert in die Gesamtästhetik der jungen Band. Manchmal wirkt die Textschwere ein wenig erschlagend wie in „Nostalgie“, vielleicht eine Spur altklug, aber das machen andere wunderbare Verse und das grandiose Zusammenspiel locker wett. 


Tatsächlich habe ich in Deutschland in letzter Zeit selten derart versierte Indie-Gitarren gehört. Es tut gut, die Kinder meiner Generation, die mit den Libertines und Strokes popmusikalisch sozialisiert wurden, auf der Bühne zu sehen. Musikalisch ist das erfrischend und könnte ein Wegweiser für die nächsten Jahre sein. „Wo ist die Euphorie?“ Pötschs Stimme überschlägt sich erkältungsbedingt immer wieder, aber er ist noch „nicht drüber“, wie er befürchtet. Vielmehr betont das ungewohnt Raue einige Momente seiner Lyrik überraschend deutlich, während der Auftritt immer intensiver wird. Besonders spürbar wird die Energie während „Macht“, als Pötsch in die Knie geht und das Mantra des Songs wiederholt. Vor uns steht eine äußerst ambitionierte Gruppe, der es gelingt eine wichtige Tradition des deutschen Indie-Rocks in der Gegenwart zu erhalten: Das kritische Hinterfragen akzeptierter Normen, die Auseinandersetzung mit tatsächlichen Problemen kam in den letzten Jahren weitgehend zu kurz. Trümmer wagen es in einer plakativ unpolitischen Epoche der deutschen Popkultur Haltung einzunehmen. Das verdient größte Anerkennung. 
Dass außerdem mit „Der Saboteur“, „Scheinbar“ und „In all diesen Nächten“ das Set dann großartig enden kann, belegt die Reife der Hamburger, die den geschickten Spannungsaufbau eines Konzerts locker beherrschen. Zur Zugabe kehrt Pötsch alleine zurück und überrascht mit einer formvollendeten Coverversion des Libertines-Standards „Music When the Lights Go Out“. Nebenbei offenbart er allen Skeptikern, welch formidabler Songschreiber in diesem Peter Doherty steckt. Die Referenzen zu all den Projekten des letzten großen Barden aus Albion gipfeln im bestechenden Tribut. Zu „Morgensonne“ kehren die Mitstreiter des rothaarigen Sängers und Doherty-Verehrers in Jeansjacke zurück und setzen an der richtigen Stelle mit den passenden Klängen nach. Mein ehemaliger Mitbewohner meinte vor dem Konzert zu mir, Trümmer würden wie die Babyshambles klingen. Er hat ja so verdammt recht. 
Dann zieht der Tross weiter. "Wir verlassen die gemäßigten Zonen." Die Nerven rufen.



Setlist Trümmer, Stuttgart:

01: Schutt & Asche
02: Die 1000. Kippe
03: Straßen voller Schmutz
04: Revolte
05: Papillon
06: Nostalgie
07: Wo ist die Euphorie?
08: 05:30
09: Zurück zum nichts
10: Macht
11: Der Saboteur
12: Scheinbar
13: In all diesen Nächten

14: Music When The Lights Go Out (The Libertines-Cover) (Z)
15: Morgensonne (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Trümmer, Hamburg, 01.01.2014
- Trümmer, Frankfurt, 12.02.2013
- Trümmer, Feldkirch, 15.08.2013
- Anna Gemina, Stuttgart, 13.09.2013
 


Montag, 20. Januar 2014

Dear Reader, Stuttgart, 16.01.2014

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Konzert: Dear Reader
Vorband: Lost Lander
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 16.01.2014
Dauer: Dear Reader etwa 90 Minuten; Lost Lander 30 Minuten
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft, etwa 200



Ein Übermaß an Spontanität gehört nicht zu den bekannten Tugenden der liebreizenden Cherilyn MacNeil. Vielmehr leben die Konzerte ihres Projekts von einer professionellen, genau durchdachten Performance, die den jeweiligen Tourabschnitt wie eine geschickte Theaterinszenierung erscheinen lässt. Ein großer Trumpf ist dabei, dass es MacNeil und ihrer aktuellen Dear Reader-Besetzung mit leichter Hand gelingt, jegliche Routine hinter einem strahlenden Lächeln zu verbergen. Vermutlich denkt jeder, der die englische Gitarristin und Trompeterin Emma Greenfield das erste Mal fragen hört, wie man einen zaubernden Hund nenne („Labrakadabrador“),  dass sie eine Pause zwischen zwei Songs für spontane Scherze nutzen würde. Erst recht, wenn ihr kanadischer Mitmusiker Sam Vance-Law ergänzt: "Und wie nennt man einen Hund, der nicht zaubern kann?" ("Labrador"). Tatsächlich ist es nebensächlich, ob derartige Dinge einstudiert sind, man sollte sich dessen allerdings im Klaren sein. 


Wenig verwunderlich wird die Setlist während einer abgeschlossenen Tour wenn überhaupt nur geringfügig variiert. Dass eine festgeschriebene Songfolge selten aufgebrochen wird, ist überhaupt nichts ungewöhnliches, dennoch freue ich mich persönlich immer über eine Auswahl, die nicht strikt festgelegt erscheint. Als Cherilyn MacNeil nach Abschluss des regulären Sets und der vorgesehenen Zugaben schließlich alleine mit akustischer Gitarre zurückkehrt und  eben dies tut, bin ich positiv überrascht. 


Im Gegensatz zu den ersten beiden Konzerten des Pop Freaks Festivals (Dagobert und Die Höchste Eisenbahn) ist das Merlin zwar nicht ausverkauft, die gut 150 Zuschauer, die sich an einem Donnerstag-Abend im Kulturzentrum im Stuttgarter Westen einfinden, genießen aber ein großes Konzert und verhalten sich derart vorbildlich, dass die junge Südafrikanerin "Stuggi" mit einer besonderen, nicht vorgesehen Zugabe dankt. An den ersten Akkorden erkenne ich „Dancing in the Dark“ und lasse meine natürliche Skepsis hinter mir und mich auf eine ergreifende Cover-Version ein. Wo es der Schottin Amy MacDonald vor eineinhalb Jahren in Metzingen verwehrt blieb mit ihrer Springsteen-Hommage („Born to Run“) bei mir zu punkten, ist MacNeils Fassung in jeder Hinsicht mustergültig. Die schier grenzenlos sympathische Wahl-Berlinerin adaptiert den All Time Favourite mit beachtlicher Feinheit. Erschien mir die während einer TVnoir-Sendung aufgezeichnete Dear Reader-Version noch belanglos, bin ich von der heutigen Performance überwältigt. Der gebürtigen Johannesburgerin gelingt eine unprätentiöse, herrlich reduzierte Interpretation die ihresgleichen sucht. Den Beweis, wie gut ein wenig Spontanität ihren Konzerten tut, liefert sie mühelos mit. Dass der Abend auch zuvor ausgesprochen gut, wenn auch nicht derart denkwürdig war, liegt auf der Hand. 


Bereits die Vorband Lost Lander sorgt mit guten Songs und charismatischen Musikern für einen starken Start. Die Band aus Amerikas liberalen Herz Portland, Oregon, spielt verträumten Indie-Pop mit signifikanter Folknote. Das für die Europa-Tour zum Duo geschrumpfte Quartett glänzt mit Stücken vom von Brent Knopf produzierten Debütalbums „DRRT“ und einigen neuen Songs. Frontmann Matt Sheehy spielt mit entspanntem Lächeln Gitarre, während die eigentliche Keyboarderin Sarah Fennell neben ihrem Hauptinstrument auch für die perkussiven Elemente sorgt. Mit wunderbar eingängigen Liedern wie „Afraid of Summer“ gelingt dem Duo ein äußerst kurzweiliger Auftritt, der an Angus & Julia Stone erinnert.
Ohnehin ist die Güteklasse sowohl der Songs als auch der Performance eine besonders hohe. Im schicken Jackett gibt Sheehy den distinguierten Indie-Sänger in klar abgesteckter Tradition, während die blonde Fennell mit ihrem Jane-Birkin-Pony und einem durchsichtigen Rock zur fleischfarbenen Leggins gekonnt mit Popsängerinnen-Klischees kokettiert und dabei besser aussieht. Dass darüber hinaus die musikalische Qualität stimmt und besonders die Harmonien überzeugen, spricht für sich. Am Ende des halbstündigen Sets bin ich mir sicher, seit langem keine vergleichbar mitreißende Vorband mehr gesehen zu haben. 


Als Dear Reader wenig später mit „27.04.1994“, einer Ode auf die ersten freien Wahlen in Südafrika nach dem Ende der Apartheid, beginnen, zeigt sich augenscheinlich, wie eingespielt diese Besetzung mittlerweile ist. Cherilyn MacNeil ist bekannt für ihre häufigen Bandwechsel, doch halte ich die aktuellen Dear Reader-Musiker für die idealen Kandidaten; zumindest für die Live-Umsetzung ihres ambitionierten Albums „Rivonia“. Schon im vergangenen Mai spielte MacNeil gemeinsam mit Emma Greenfield (Gitarre, Trompete, Gesang), Thomas Fietz (Schlagzeug), Sam Vance-Law (Violine, Akkordeon, Gesang, Keyboards) und Michael Vinne (Bass) ein fantastisches Konzert im Stuttgarter Schocken. Es war meine bis dato glücklichste Begegnung mit Dear Reader. Der heutige Abend übertrifft mein viertes Konzert der Band sogar noch einmal. 


Wenn es eine Gruppe gibt, die perfekt zum Merlin passt, ist es Dear Reader. Nach wenigen Songs wird klar, dass die Setlist im Vergleich zum ersten Teil der „Rivonia“-Tour im vergangenen Jahr nur geringfügig geändert, dafür aber ein wenig durcheinandergewirbelt wurde. Der einstige Opener „Man of the Book“ gefällt an späterer Stelle immer noch genauso gut wie zuvor, auch wenn die Geschichte von ihrem Ur-Ur-Großvater und Gandhi mittlerweile zu häufig erzählt wurde. Neu in der Setlist hingegen ist zum Beispiel „Mole (Mole)“ vom herrlich verschrobenen Konzept-Album „Idealistic Animals“, das ebenso wie „Whale (Boohoo)“ ein echter Höhepunkt des Konzerts ist. 


Mit sympathischem Strahlen im Gesicht erzählt MacNeil, deren Deutsch immer besser zu werden scheint, zwischen den Stücken Geschichten, verleiht dem Konzert eine positive Aura, die glücklich macht. Nach großartigen Liedern des aktuellen Albums, ihres „ganz persönlichen Graceland“, wie ich in meinem Bericht über das letzte Stuttgart-Gastspiel konstatierte, sind es dann doch wieder die Live-Favoriten „Great White Bear“ und „Monkey (Go Home Now)“ zum Schluss, die die ganze musikalische Vielfalt und Klasse der Künstlerin Cherilyn MacNeil offenbaren, die immer wieder mit überraschenden, teils neuen Arrangements ihrer farbenfrohen, extraordinären Popsongs daherkommt. 

„Left the Ground“ und „What We Wanted“ geben abschließend der Band großen Raum, während der Zugaben ihr preziöses, für Popmusiker ungewöhnliches Zusammenspiel zu unterstreichen. Nach „Bend“ sind Zuschauer wie Musiker glücklich. Als MacNeil kurz darauf spontan und überraschend für „Dancing in the Dark“ zurückkehrt, bin ich um einen magischen Konzertmoment reicher. Überhaupt sollten wir alle froh sein, Cherilyn MacNeil in Berlin zu haben. Undenkbar ein Konzertjahr ohne exzessive Dear Reader-Touren; in welcher Besetzung auch immer.



Setlist Dear Reader, Stuttgart:

01: 27.04.1994
02: Down Under, Mining
03: Dearheart
04: Mole (Mole)
05: Good Hope
06: Man of the Book
07: Whale (Boohoo)
08: Took Them Away
09: Cruelty on Beauty on
10: Victory
11: Already Are
12: Great White Bear
13: Monkey (Go Home Now)

14: Left the Ground (Z)
15: What We Wanted (Z)
16: Bend (Z)

17: Dancing in the Dark (Bruce Springsteen-Cover) (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Dear Reader, Frankfurt am Main, 19.01.14
- Dear Reader, Berlin, 01.01.14
-
Dear Reader, Rüsselsheim, 13.07.13
- Dear Reader, Freiburg, 21.05.13
- Dear Reader, Stuttgart, 13.05.13
- Dear Reader, Freiburg, 13.11.12
- Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
- Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
- Dear Reader, Mannheim, 19.05.12
- Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.12
- Dear Reader, Paris, 18.01.12
- Dear Reader, Weinheim, 15.09.11
- Dear Reader, Frankfurt, 11.09.11
- Dear Reader, Wien, 08.10.09
- Dear Reader, Marburg, 06.10.09
- Dear Reader, Düsseldorf, 28.09.09
- Dear Reader, Haldern, 15.08.09
- Dear Reader, Berlin, 07.08.09
- Dear Reader, Paris, 06.05.09
- Dear Reader, Nijmegen, 25.04.09
- Dear Reader, Köln, 18.04.09
- Dear Reader, Paris, 19.02.09
- Dear Reader, Köln, 12.02.09



Mittwoch, 15. Januar 2014

Die Höchste Eisenbahn, Stuttgart, 11.01.2014

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Konzert: Die Höchste Eisenbahn
Vorband: Desiree Klaeukens
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 11.01.2014
Dauer: Die Höchste Eisenbahn 99 Minuten  / Desiree Klaeukens 30 Minuten
Zuschauer: über 270 (ausverkauft)



Moritz Krämer ist erkältet, sitzt zusammengekauert wie ein Häufchen Elend auf der Bühne, während Francesco Wilking einen Solosong spielt. Dennoch überzeugen die beiden Badener, die es vor Jahren nach Berlin zog, gemeinsam mit Felix Weigt und Max Schröder. Es ist Ende September 2012, die Höchste Eisenbahn ist ein junges Projekt. Am Tag darauf sehe ich mit Radiohead eine der wichtigsten Bands meines Lebens in Berlin, doch bleibt jener Abend mit der Höchsten Eisenbahn vor vielleicht fünfzig Zuschauern im bestuhlten Merlin mit einem trotz erkältungsgeschwächten Krämer perfekten Konzert in positiverer Erinnerung. Gerade veröffentlichte man die Debüt-EP und eine handvoll wundervolle Songs. Ein knappes Jahr später folgt das erste Album „Schau in den Lauf Hase“ und wie nebenbei die großartigste deutschsprachige Platte seit über einer Dekade. 


 Bedingt durch den Tod des BootBooHook-Festivals muss ich mich bis zu einem Wiedersehen mit der Band lange gedulden. Es ist der gleiche Ort, die Zeiten jedoch haben sich geändert. Ein kleiner Feuilleton-Hype um das formidable Debüt und tolle Youtube-Videos sorgen für ausverkaufte Clubs deutschlandweit. Das Merlin ist keine Ausnahme und vermeldet bereits zwei Tage vor dem Konzert „restlos ausverkauft“. Am Vortag verkündete Chefin Bärbel Bruns zwar auch schon beim Auftritt Dagoberts, dass dieser  ausverkauft sei. Heute wird beim Betreten des Kulturzentrums deutlich, dass noch einmal eine Schippe draufgelegt wurde und man sich offenkundig bemüht so viele Zuschauer wie irgend möglich hereinzulassen. Der üblicherweise im Konzertsaal aufgebaute Merchandise-Bereich wird in das Café am Eingang verlegt, der Einlass ebenso in den vorderen Raum verlagert. Vor der Tür werden nichtsdestotrotz viele Besucher abgewiesen, die Höchste Eisenbahn ist die Band der Stunde und gewinnt zunehmend an Popularität. 
Am zweiten Tag des Pop Freaks Festivals drängt es sich dicht, die Luft ist stickig, es riecht nach Schweiß, Bier und Rotwein. Dezentes, ungewohntes Rockkonzertfeeling in einem chicen Kulturzentrum. 


Ein kurzer Moment andächtiger Stille, Support-Act Desiree Klaeukens beginnt ihren halbstündigen Auftritt. Wie bei ihrem wunderbaren Wohnzimmer-Konzert bei uns Mitte November wird sie vom Gitarristen Florian Glässing unterstützt. Das Zusammenspiel der beiden Berliner funktioniert ausgesprochen gut. An der E-Gitarre eröffnet Klaeukens mit „Verliebt in Dich“, singt mit zarter Stimme ihre brüchigen, ungewöhnlichen Liebeslieder, während Glässing sie mit leidenschaftlichen Harmonien und ausgezeichnetem Gitarrenspiel unterstützt. 
Ihre Lyrik ist auf angenehme Weise schlicht, die Performance unaufgeregt und einnehmend, wäre da nicht der hohe Geräuschpegel, das nicht enden wollende Gemurmel aus den hinteren Reihen und von der Theke. Die Schattenseiten eines ausverkauften Konzerts machen sich bemerkbar. Klaeukens geht mit der Situation souverän, wenn auch nicht routiniert um. Letztlich entscheidet sie sich für den subtilen Weg, kritisiert die Situation unterschwellig ohne diejenigen zu verprellen, die aufmerksam zuhören.

Wer den Klängen des Duos lauscht, der entdeckt hinter all den melancholischen Versen zart getuschte Bilder wie sie das Cover der „Warm in meinem Herz“-EP zieren. Das Titel gebende Stück ihrer Erstveröffentlichung ist erwartungsgemäß ein Höhepunkt des Sets. Dass diese und auch einige andere Songstrukturen bei Klaeukens an die Flowerpornoes erinnern, ist wenig überraschend, betrachtet man ihre offene Bewunderung Tom Liwas, die sich beim Wohnzimmerkonzert in einer gelungenen Coverversion äußerte. Darüber hinaus ist Florian Glässing seit Jahren Mitmusiker Liwas, der ihn einmal als einen der besten Songwriter bezeichnete, die es in Deutschland gebe. 
Während der Lärmpegel weiter steigt, gibt sich Klaeukens einen Ruck, schaut vorsichtig unter ihrer dunklen Mütze vor, erzählt Anekdoten und glänzt in der zweiten Hälfte ihres Auftritts mit schönen Liedern ihres noch diesen Monat bei Tapete Records erscheinenden ersten Langspielers. „Will dich zu sehr“, „Zwei Tage“ und „Kompliziert“ sind auf eigentümliche Weise frei von überflüssigem Pathos und so zu verstehen, wie sie geschrieben sind. Ohne den Hauch von Ironie und künstlicher Bedeutungsschwere sind es befindlichkeitsfixierte Oden auf Alltägliches. Trotz schwierigen Rahmenbedingungen bedankt sich Klaeukens höflich. Im Deutschland-Radio Kultur stellte man das kommende „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“, auf dem auch Moritz Krämer zu hören sein wird, ausführlich vor. In voller Bandbesetzung live darbieten wird der neuste Stern am Tapete-Himmel das Gesamtwerk auf ausgedehnter Tour im Frühling, dann hoffentlich vor aufmerksamerem Publikum. 


Setlist Desiree Klaeukens, Stuttgart:

01: Verliebt in Dich
02: Züge
03: Warm in meinem Herz
04: Will Dich zu sehr
05: Zwei Tage
06: Kompliziert 



In seinem Klang stringent, musikalisch herausragend, lyrisch preziös, ohne einen einzigen wirklichen Schwachpunkt avancierte „Schau in den Lauf Hase“ im Rückblick für mich unangefochten zum besten Album des Jahres. Trotz der Güte meiner ersten Konzert-Begegnung mit der Höchsten Eisenbahn bin ich im Vorfeld skeptisch, ob es gelingen kann den komplexen, harmonischen Klang der Platte auf die Live-Bühnen zu übertragen. Es genügen wenige Minuten, um meine zweifelnden Überlegungen als Hirngespinste zu entlarven.  
Moritz Krämers unnachahmliches Timbre zwischen sehnsüchtiger Gebrochenheit und künstlerischer Berechnung und sein Händchen für skurrile Geschichten, die bereits sein Soloalbum als Meisterwerk deutschem Singer-Songwritertums auszeichneten, erblühen schon bei „Aliens“ in voller Pracht. Von einer Erkältung ist heute nichts zu spüren, Krämer ist fit und strotzt vor Energie, spielt Akustikgitarre, singt leidenschaftlich und überhaupt nicht – wie Kritiker ihm unterstellen – manieriert. Francesco Wilking tobt sich derweil an den Keyboards aus, wippt mit Oberkörper und Kopf vor und zurück, dann setzt der Tele-Frontmann im mit Füchsen besticktem Hemd ein, garniert den Song mit eigenen Zeilen und entschlüsselt an früher Stelle das Geheimnis dieser Band: In der Harmonie der beiden Protagonisten Krämer und Wilking untereinander und mit Max Schröder (Schlagzeug) und Felix Weigt (Bass, Gitarre und Keyboards), die viel mehr als Begleitmusiker sind, verbirgt sich enorme Energie, die sich im Zusammenspiel auf der Bühne in aller Deutlichkeit entlädt. Instrumente werden immer wieder wild getauscht, Zeilen improvisiert, Scherze gemacht und musikalische Höchstleistungen vollbracht. 


„Body & Soul“, eine mitreißende Mid-Tempo-Nummer, ist Wilking'sches Songwriting vom Feinsten, setzt an der Stelle an, an der Tele einst die klassische Disco in den deutschen Indie-Pop brachte und geht diesen Weg konsequent voran. Ein treibender Bassbeat, tanzende Beine und Begeisterung sind die logische Konsquenz. Wurde das Konzert 2012 noch von Songs aus den Solo-Katalogen der Band – auch Max Schröder alias Der Hund Marie, Ehemann von Heike Makatsch und Drummer von Tomte, und Felix Weigt, unter anderem Bassist bei Kid Kopphausen, gaben Eigenes zum Besten – zusammengehalten, werden heute ausschließlich Lieder der Höchsten Eisenbahn gespielt. 


 Zum Maß der Dinge im deutschsprachigen Bereich herangewachsen steht die Aufführung dem Hörvergnügen des Studiowerks in nichts nach. Höhepunkte der „Unzufrieden“-EP haben nichts an ihrem Reiz verloren und so freut man sich über die Aufzählung in „Jan ist unzufrieden“, den Frust dieses jungen Mannes, den es aus Süddeutschland nach Berlin verschlug, und Ausnahmeverse wie „Jan hat vor das Land zu verlassen, er redet Englisch an den Supermarktkassen“. Die subversive Eleganz des Songtexters Francesco Wilking ist in seinen Kompositionen immer offenbar und stets meisterlich. Dass er sich mit dem überaus talentierten Moritz Krämer zusammentat, ist der größte Glücksfall der jüngeren deutschen Popgeschichte. „Vergangenheit“, das seinerzeit die EP eröffnete, ist ein starker Beleg. Wirkten in der Studio-Version noch Judith Holofernes und Gisbert zu Knyphausen als Co-Texter und Gastsänger mit, macht die Live-Performance ohne die Zeilen der beiden diese obsolet. Keine Frage, die Höchste Eisenbahn spielt längst in einer ganz anderen Liga. 
Wie gut diese Band ist, zeigt sich an kaum einer Stelle deutlicher als bei „Raus aufs Land“. Ein „Miami 2017 (Seen the Lights Go Out on Broadway)“-eskes Piano-Intro lässt es kalkuliert epigonenhaft wie ikonisch beginnen. Dass sich der Song problemlos von allen Assoziationen emanzipieren kann und mit seiner erschütternden Beziehungsgeschichte ehrlich berührt, liegt an einem großartigen Text und der überwältigenden musikalischen Umsetzung. 


 So gut wie nie kommt deutsche Sprache im Pop ohne Plattitüden aus. Die Höchste Eisenbahn ist eine beeindruckende Ausnahme. Die Tapete-Vorzeigeformation spielt mit lockerer Attitüde mit Worten und pathetischen Bildern wie in Wilkings in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Liebesgeschichte von Isi und Robert. Das ist selbstironisch und beispiellos zugleich: „Und die Leute schrien 'Los Robert, tu was du tun musst.' / Und er sprang die fahrende Bahn an, schlug die Scheibe ein und gab Isi einen Kuss / 'Oh Isi, ich war die ganze Zeit bei dir, du wirst nie erraten als was.' / 'Als Pfau?' / 'Genau.'“. „Isi“ ist ein scharfzüngiger Geniestreich und der Beweis, dass auch Popmusik literarische Qualitäten haben kann. „Isi komm, ich weiß noch einen Witz / Welches Tier hat zwei Beine mehr, wenn es sitzt?“ 
Der tanzbare Opener des Albums, „Egal wohin“, kommt überraschend spät und verdeutlicht das erstaunliche Konglomerat der Band. Electro-Sounds treffen auf einen Disco-Beat und Stadion-Chöre. Wilking vergisst seinen Text. Die darauffolgenden Improvisationen seiner Bandkollegen retten die Situation spielend und der Song wird mit grandioser Spontanität würdig zum Abschluss gebracht. 


Wo Wilking mit Komik brillieren kann, setzt Kollege Krämer auf zwischenmenschliches Storytelling. Ob lyrische Dekonstruktionen sozialer Geflechte oder die nüchterne Schilderung einer Beziehung am Scheideweg in „Mira“, die an der durch die Wohnungssuche versinnbildlichten Bindungsangst des Freundes zu zerbrechen droht. Es ist der beste Song des Albums, der die Klasse dieses Konzerts endgültig manifestiert. Die hohen „Unser Haus am See“-Chöre kommen vielstimmig, während Krämer im dunklen Wollpullover beklagt: „Mira wir ham' uns auf dem Weg verlor'n“. Das ist tieftraurig und in seiner Darbietung schonungslos. „Du stehst im Garten und weinst / Aber du lächelst dabei / Du sagst 'Dann bleib' ich allein / Weil du dich niemals entscheidest'“. Trotz aller Melancholie ist die Höchste Eisenbahn nie eine traurige Band. Anders als viele – vor allem Hamburger – Singer-Songwriter-Kollegen lebt die Höchste Eisenbahn nicht vom Schwermut, sondern von pulsierender Energie. Immer treibt irgendwo ein Beat, Rhythmenwechsel überraschen. Hier und da nimmt das Ganze World-Music-Wege in bester „Graceland“-Tradition, nur um dann mit 80s Synthies entgegengesetzte Pfade einzuschlagen. Bei „Was machst du dann“ übernimmt das Publikum gegen Ende des regulären Sets den Kinderchor. Das ausverkaufte Merlin ist im ekstatischen Zustand puren Glücks. Auch die einstigen Störer sind im harmonischen Ganzen integriert, Teil der umarmenden Kraft der Berliner Band. 


Italienisch singend steigert sich Wilking in „Die Uhren am Hauptbahnhof“ in ein fantastisches Crescendo, das zeigt, dass auch der schwächste Song des durchweg genuinen Albums, live keinesfalls im Vergleich zu anderen Stücken abfällt. 
Drei Zugaben gibt es abschließend. Das ernüchterte Auseinanderlebungslied „Die Nacht übertreibt“ wird zur großen Solo-Show Krämers, der allein auf die Bühne zurückkehrt und sich auf der Akustikgitarre begleitet. Nach und nach setzt die Band ein, Wilking singt mit, Zwischenapplaus als natürliches Resultat. Der Titeltrack des Albums mit seiner Paul-Simon-Rhythmik und „Der Himmel ist blau (wie noch nie)“ mit der wohl schönsten Verwendung des Konjuktivs im deutschen Pop folgen, bevor das Konzert endgültig vorbei ist. 
Mit Ausnahme von „Tschernobyl“ spielt Die Höchste Eisenbahn all ihre bisher veröffentlichten Songs und beweist ein für alle mal, dass sie derzeit das Maß der Dinge ist, die Speerspitze des deutschen Indiepops. Auch live. Meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Nie zuvor sah ich ein besseres deutschsprachiges Konzert. Ausnahmslos. Eine Band größer als die Summe ihrer herausragenden Bestandteile.
 


Setlist Die Höchste Eisenbahn, Stuttgart:

01: Aliens
02: Body & Soul
03: Jan ist unzufrieden
04: Vergangenheit
05: Pullover
06: Raus aufs Land
07: Isi
08: Alle gehen
09: Egal wohin
10: Allen gefallen
11: Blaue Augen
12: Mira
13: Was machst du dann
14: Die Uhren am Hauptbahnhof

15: Die Nacht übertreibt (Z)
16: Schau in den Lauf Hase (Z)
17: Der Himmel ist blau (wie noch nie) (Z)


Links: 
- aus unserem Archiv:
- 19.11.2013, Desiree Klaeukens, Stuttgart
- 18.11.2013, Desiree Klaeukens, Karlsruhe
- 21.07.2007, Tele, Rüsselsheim


Tourdaten Die Höchste Eisenbahn:

16.02.2014, Berlin, Lido (Ausverkauft) 
19.03.2014, Jena, Rosenkeller 
20.03.2014, Lörrach, Between the Beats Festival 
21.03.2014, Fulda, Kulturkeller 
12.04.2014 Husum, Husum Harbour 
01.06.2014 Berlin, Lido (Zusatzshow) 
06.-08.06.2014, Beverungen, Orange Blossom Special 
25.-26.07.2014, Reutlingen, Burning Eagle-Festival


 

Konzerttagebuch © 2010

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