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15:47
Konzert: Levin Goes Lightly
Vorband: Melvin Raclette
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 24.01.2014
Dauer: Levin Goes Lightly 54 Minuten / Melvin Raclette 13 Minuten
Zuschauer: um die 70
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| Alle Fotos: © Markus Milcke |
Gedämpftes Licht schimmert durch dichten Kunstnebel, Palmen sind auf der Bühne aufgestellt. Dazwischen tänzelt eine bizarre Erscheinung in Leopardenleggins, verzierter Jeansjacke und langer, blonder Elvis-Tolle umher, die mit viel Hall auf der Stimme zu elektronischen Beats vom Band singt, hin und wieder mit der Telecaster in der Hand:
Levin Goes Lightly ist eine faszinierende Stuttgarter Kunstfigur aus der blühenden Szene um die inzwischen aufgelösten Waggons am Nordbahnhof, die mit düster schillernden Popsongs und kunstvollen Liveauftritten ein treues und wachsendes Publikum aufbauen konnte.
Treibender Teppich Records, ein leidenschaftliches, regionales Label, das ein paar verständige Musikverrückte gründeten, veröffentlichte vergangenes Jahr das Debütalbum des Musikers, der eigentlich Levin Stadler heißt, und ernetete wenig später mit dem eindrucksvoll-ambitionierten Sampler „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ überregionale Aufmerksamkeit. Betrachtet man die illustre Ansammlung talentierter Stuttgarter Projekte, muss man eingestehen, dass Levin Goes Lightly zu den außergewöhnlichsten und interessantesten gehört. Sein exaltiertes Bühnengebaren ist der folgerichtige Ausdruck seiner expressiven Musik.

Wohl überlegt, geht seinem Auftritt beim Pop Freaks Festival im Merlin eine 13-minütige Nummernrevue des Die Nerven-Schlagzeugers Kevin Kuhn als Melvin Raclette, einem seiner zahllosen Projekte, voraus. Im The Police-Shirt spielt Kuhn ein kurzweiliges Set mit pointiert-scharfsinnigen Songs. „Ich fühle mich zu Dir hingezogen“, musikalisch eine Folkpunk-Ballade in Tradition eines Billy Bragg, ist ein ironisches Liebeslied mit geglückten Seitenhieben auf das Stuttgarter Nachtleben und seine Klischees.
Melvin Raclettes Beitrag zum genannten Sampler, „Come Up With Something“, ein kurzer Punksong mit Surf-Einschlag, ist wie schon beim Instore-Gig im Platten-Café Ratzer Records anlässlich der Release von „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ kurz vor Weihnachten, unbestrittener Höhepunkt, bevor der nerdig angehauchte Humor, den schon der Opener andeutete, in „Geschlechtsverkehr in Hollywood“ zu seiner definitiven Geltung kommt.
Zwischendurch spielt er „Dizzy Height“, das bekannteste Stück des Hauptacts, an oder zitiert Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ als Outro. Barfüßig steht Melvin Raclette oft mit starrer Miene in der Bühnenmitte, bewegt sich nur stoßweise und beschließt nach fünf Songs mit „We Belong Together“, einem „ziemlich unbekannten Song" Ritchie Valens', der am tragischen, von Don McLean in „American Pie“ besungenen, „Day the music died“ gemeinsam mit Buddy Holly bei einem Hubschrauberabsturz tödlich verunglückte. „Der Song ist fast 60 Jahre alt, vergesst die GEMA.“
Setlist Melvin Raclette, Stuttgart:
01: Ich fühle mich zu Dir hingezogen
02: Come Up With Something
03: Geschlechtsverkehr in Hollywood
04: „Ich wette, du denkst, dieser Song ist für dich“ (?) (Mit Stairway to Heaven-Outro)
05: We Belong Together (Ritchie Valens-Cover)

Im ganzen Saal breitet sich der Nebel aus. Mit positiv an Nick Cave erinnernder Lethargie intoniert der riesige Kunststudent Levin Stadler seine sperrigen, sphärischen Songs, die in ihrer eindringlichen Präsentation überraschende Facetten dazugewinnen. Die einzelnen Stücke sind verworrener, meisterlich gesponnener, psychedelich angehauchter Lo-Fi, der visuell durch die Pflanzenwelt auf der Bühne und auf Leinwand projizierte Videos im Zwielicht ausgeschmückt wird.
Um mich herum erscheint alles nur schemenhaft, dann erregt ein monotones, immer lauter werdendes Piepen während des zweiten Songs „Wideness“ meine Aufmerksamkeit. Der erste Gedanke, es würde sich um einen Teil der elektronischen Klangfläche handeln, wird rasch von der Gewissheit verdrängt, dass der Nebel den Rauchmelder an der Decke nahe der Theke ausgelöst hat, aus den Augenwinkel sehe ich einen Mitarbeiter des Merlins das Gerät abschrauben, während der äußerlich ein wenig an Jens Friebe erinnernde Levin Stadler unbeirrt seine Show fortsetzt, dabei vermutlich alles Äußere ausblendet.

Bei Ansagen wirkt der große Hall auf der Stimme geradezu beängstigend, doch ist er für die konsequente Ästhetik der Show des Gesamtkunstwerks elementar. Jan Georg Plavec schrieb in der Stuttgarter Zeitung letzten Sommer in höchsten Tönen von Levin Goes Lightly. „Ian Curis und Elvis haben einen Sohn“ konnte man lesen – und tatsächlich: Levin Stadler gelingt es den oft wenig sinnlich daherkommenden, kühlen Post-Punk der 80er mit der körperlichen Präsenz, dem Hüftschwung eines Elvis Presley mit der großen Showtradition der 50er zu vereinen. Eine derartige Melange ließ sich in deutscher Musik höchst selten erleben. Einige wenige Köpfe der positiven Seite dessen, was Alfred Hilsberg einst Neue Deutsche Welle taufte, waren dazu in der Lage. Danach kam wenig. Levin Goes Lightly knüpft mit englischen Texten und aufreizender Inszenierung an dieser vakanten Stelle an.

Mit einer Spur The Cure-Atmosphäre garniert, gipfeln „Feeling“ und „Metropolis“ in großartigen Momenten. Der von Plavec betonte Hüftschwung hat auch heute großen Anteil an der Eindringlichkeit der Performance. Immer wieder lässt sich Levin auf die Knie sinken, während seine kurzen, phrasenartigen Texte durch den Raum hallen. Das ist alles intensiv und beeindruckend und als schließlich das Set bezeichnenderweise mit „Elvis“ beschlossen wird, zeigt der Künstler sein ganzes Können.

Zwischen den Pflanzen auf dem Boden umher kriechend, einen regelrechten Balztanz aufführend und am Ende mit angezogenen Beinen auf dem Rücken inmitten des Publikums liegend, zeigt sich in der dezent schimmernden Nebelwand im Merlin eine psychedelische Artrockshow, die so betörend wie einnehmend artifiziell ist. Weniger als eine Stunde schweißtreibender Verrenkungen und ein Dutzend guter Songs reichen für einen vielversprechenden Einblick in die Welt des ambitionierten Künstlers. Ein Ende ist glücklicherweise nicht in Sich: In absehbarer Zeit soll das zweite Album bei Treibender Teppich Records erscheinen – ebenso wie das Album von All diese Gewalt, einem Nebenprojekt von Die Nerven-Gitarrist Max Rieger. Stuttgart bleibt spannend und die aufstrebende Szene vernetzt. Ein in der Hauptstadt aufgenommenes Live-Video von Levin Goes Lightly wird auf Youtube als „Berlin hates Stuttgart except me“ angepriesen. In diesem Sinne. Schwaben verfügt über aufstrebende Musiker und Bands, über die man in Anlehnung an Jan Wigger als eine Art Qualitätsmerkmal sagen möchte: NICHT aus Berlin.

Setlist Levin Goes Lightly, Stuttgart:
01: 1989
02: Wideness
03: Copkiller
04: Dizzy Height
05: Feeling
06: Metropolis
07: Speedways
08: Nostalgia
09: Wild Life
10: Elvis
11: You are lonely (?) (Z)
12: ? (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- 20.12.2013, Melvin Raclette, Stuttgart
um
18:45
Konzert: Oum Shatt
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 22.01.2014
Dauer: 61 Minuten
Zuschauer: um die 60
Nichts weniger als Propaganda für innovativen deutschen Pop schreibt sich das Pop Freaks Festival des Kulturzentrums Merlin auf die Fahnen. Welch grandioses Line-Up Kurator Arne Hübner aufstellte, betonte ich wiederholt, doch offenbart kaum eine auftretende Band der diesjährigen Auflage das Gelingen des eigenen Anspruchs deutlicher als Oum Shatt aus Berlin.
Die Band um etablierte Namen der Berliner Musikszene, die mit Künstlern und Bands von Jens Friebe bis zu Die Türen zusammenarbeiteten, besticht mit einem wahrlich innovativen Genre-Mix zwischen Post-Rock, New Wave und tatsächlich unterschwelligen arabischen Rhythmen. „Power to the Women of the Morning Shift“ als vielversprechende erste Single-Auskopplung sorgt für wachsende Aufmerksamkeit.

Frisches Live-Mitglied der im künstlerischen Wahl-Exil Berlin aufblühenden Österreicher Ja, Panik, Jonas Poppe, überrascht als exaltierter Frontmann an der Gitarre, der mit seinen außerordentlich profilierten Mitmusikern ein Konzert spielt, das berechtigte Hoffnungen auf eine erfolgreiche Zukunft des ungewöhnlich guten Quartetts macht.
Im Hintergrund rotiert mit hypnotischer Monotonie eine schwarz-weiße Spirale. Passend zur psychedelischen Ästhetik bauen Poppe, Hannes Lehmann (Gitarre), Jörg Wolschina (Bass und Keyboards) und Berlins extravagantester Drummer Chris Imler wahre Kaskaden trockenen Sounds auf. Das, was Oum Shatt auf die Bühne bringen, ist originell, ist großer Indie-Rock, der aufzeigt, welche Optionen der einst zu recht gen Himmel gelobte, später stagnierende britisch-schottische Post-Punk mit ein wenig Mut gehabt hätte. Selbstredend versuchten Franz Ferdinand beispielsweise mit dem stetigen Feinschliff ihres durchaus patenten Konzepts neue Wege zu gehen, doch ließ sich auch in der Weiterentwicklung eine frappierende Redundanz feststellen. Interessant wenn auch nicht innovativ oder gar weltbewegend erschien mir die erste Veröffentlichung der Berliner, eine vier Lieder umfassende EP, die mit eingängigen Melodien und pulsierenden Rhythmen zwar Interesse weckte, aber sicherlich keine allzu großen Vorschusslorbeeren zuließ. Letztlich aber genügen wenige Minuten und ich finde mich im Sog eines erstaunlichen Konzerts, das mich so nachhaltig beeindruckte, dass ich erst jetzt mit zweiwöchigem Abstand mein Erlebnis in Worte fasse.

Gerne mit Joy Division verglichen, löst sich diese Assoziation schon während „Delta“, dem ersten Stück des Konzerts in Wohlgefallen auf. Vergleiche mit Ian Curtis' Gesang sind Allgemeinplätze zur Beschreibung eines Indie-Sängers im Bariton und durchaus lästig. Sicher bedienen sich Oum Shatt hier und da ähnlichen Mustern, verfallen aber zu keiner Zeit in anbiederndes Epigonentum, vielmehr vertraut man verstärkt auf ein Fundament aus psychedelischer Tradition und neo-progressiver Ausdruckskraft. „Silent Girl (With Silly Scarf)“, ein Stück mit einem Titel wie aus der sprudelnden Fantasie Omar Rodriguez Lopez', beginnt mit angenehm dilettantischen Akkorden, darüber singt Poppe mit unaufgeregter, fester Stimme. Immer wieder umfasst er das Mikrophon, starrt mit aufgerissenen Augen über die Zuschauer hinweg. In den ersten Reihen werden Ausdruckstänze aufgeführt, die Betonung der arabischen Einflüsse in Presseankündigung und Selbstinformation lockt neben bekannten Gesichtern der Stuttgarter Konzertszene auch zahlreiche World Music-Fans ins Merlin, die die Band wie eine Sensation feiern.

Zwischen dem Charakter einer spontanen Jam-Session und bis ins Detail durchkalkulierter Performance changierend sind es oft Stücke mit Arbeitstiteln wie „Neu 3“ oder „Neu 5“, die besonders faszinieren. Es sind Momente, in denen man der Band zutraut jedes eingeübte Konzept zugunsten einer leidenschaftlich treibenden Improvisation aufzubrechen, nur um es dann wieder mit müheloser Leichtigkeit in gelenkte Bahnen zu pressen.
Schon auf der „Power to the Women of the Morning Shift“-EP herausstechend, sind „Madame O. (Black Friday)“ und vor allem „Hot Hot Cold Cold“ Höhepunkte des kurzweilig wie kurzen Konzerts. Insbesondere letztgenannter Song vermag mit seinem klimaktischen Chor und dem leidenschaftlichem Einsatz Chris Imlers, des „Don Corleone“ der Berliner Musikszene, die Klangästhetik Oum Shatts zusammenzufassen.

Nach gerade einmal zehn Stücken und dem fulminanten Abschluss mit der ersten Single ist das reguläre Set vorbei. Zwei Zugaben, ehrliche Worte des Danks und es ist Schluss. Die Zuschauer toben, schließlich kehren die vier Berliner für eine dritte Zugabe zurück. Es gibt noch einmal „Hot Hot Cold Cold“, markiges Understatement und ein euphorisches Publikum.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Arne Hübner ein Line-Up voller Schätze der deutschen Popmusik gelang, die wahrlich eine Sache mit Leidenschaft für ihr Genre betreiben: Propaganda. Oum Shatt sind großartig und, wie man am Tag des Konzerts auf Facebook lesen darf, im Februar mit Ja, Panik auf Tour. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen reift – wie auch der Eindruck des Konzerts – im Nachhinein immens.
Setlist Oum Shatt, Stuttgart:
01: Delta
02: Silent Girl (With Silly Scarf)
03: Kharkow
04: Neu 2 (ARBEITSTITEL)
05: Hot Hot Cold Cold
06: Bangladesh
07: Madame O. (Black Friday)
08: Fairground
09: Tripped Up
10: Power to the Women of the Morning Shift
11: Neu 3 (ARBEITSTITEL) (Z)
12: Shabby Little Things (Z)
13: Hot Hot Cold Cold (Z)
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13:21
Konzert: Trümmer
Vorband: Tokyo Tower
Ort: Kulturzentrum, Merlin
Datum: 17.01.2014
Dauer: Trümmer 67 Minuten; Tokyo Tower 33 Minuten
Zuschauer: 60-70
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| Alle Fotos: © David Oechsle |
„Entschuldigt, ich bin erkältet und klinge heute wie eine Mischung aus Tom Waits und Hildegard Knef.“ Paul Pötsch räuspert sich. „Du klingst wie Westernhagen“, schallt es irgendwo aus dem Publikum. „Westernhagen? Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz... Das geht schon in Ordnung, schätze ich.“ Trümmer aus Hamburg stehen am vierten Abend des Pop Freaks Festivals vor knapp 70 Zuschauern im Merlin und spielen mit Babyshambles-Gitarren zur Blumfeld-Attitüde ein mehr als solides Konzert.
Nachdem ich Sänger und Gitarrist Pötsch und seine Mitstreiter Tammo Kasper (Bass) und Maximilian Fenski (Schlagzeug) auf einem ekstatischen Silvesterkonzert in einer Künstler-WG in ihrer hanseatischen Heimatstadt erleben durfte, ist klar, dass es schwer wird, heute, zweieinhalb Wochen später an diesen Auftritt heranzukommen.
Es ist der Abschluss des zweiten Teils der „Saboteur“-Tour, ihrer ersten eigenen Konzertreise. Zwei Tage zuvor spielte man in Kassel und begeisterte, ein Lokaljournalist fühlte sich gar an die Entstehungsphase der Sex Pistols erinnert. So weit gehe ich nicht, doch gehören Trümmer zweifelsohne zur Speerspitze einer Reihe aufregend wie vielversprechender Bands mit differenzierter politischer Haltung und starken Songs. Wie Messer aus Münster und die schwäbischen Lokalmatadoren Die Nerven stechen Trümmer aus dem Einheitsbrei heraus. Schon beim Winterfest im KOMMA, dem Heimatclub der Nerven in Esslingen, glänzten Trümmer vergangenen Februar zwischen Messer, Zucker und den Gastgebern mit dem besten Auftritt des Abends. Selbstredend sind die Herren Kuhn, Rieger und Knoth auch heute im Publikum, obwohl sie selbst später ein eigenes Konzert beim Stuttgarter Filmwinter spielen. Man kennt und schätzt sich in der Szene. „Heute Abend spielen ausnahmslos die besten Bands Deutschland hier. Wir nehmen uns da nicht aus“, postulierte Nerven-Gitarrist Max Rieger letztes Jahr in Esslingen und bringt seine Wahrnehmung des Musik-Betriebs auf den Punkt.
Heute revangiert sich Bassist Kasper: "Nachher spielt beim Filmwinter die beste Punkband Deutschlands, Die Nerven. Lasst uns da alle zusammen hingehen."
Hinter den Musikern prangt der Bandname in beleuchteten Lettern. Die Show kann beginnen.
Als Trümmer nun nach dem Support-Set des Electro-Künstlers Michael Fiedler alias Tokyo Tower, den man lokal für seine Arbeit mit Hüttenzound oder Anna Gemina kennt, mit „Schutt & Asche“ eröffnen, zeigen sie, warum Rieger mit seiner These zumindest im Genrerahmen zwischen Noise-Punk, Punk und Diskursrock recht haben könnte.
Das Hamburger Trio spielt vor den Augen Pötschs Eltern, Carsten Erobique Meyer und der Sängerin Sophia Kennedy mit großem Elan. Maximilian Fenski bewegt sich mit ausladenden Bewegungen stets an der Grenze der Verausgabung, muss gegen Ende sein Hemd öffnen. Derweil pendelt Tammo Kasper im dunklen Sakko vor und zurück, singt immer wieder mit und spielt einen sehr punkigen Bass.
Nach langer Verweigerung von Facebook und der Infrastruktur des Internets, findet man seit Jahresbeginn ebendort auch statt. Songs entdeckt man hier freilich auch heute nur sehr wenige. Mit Ausnahme der Vinyl-Single mit Doppel-A-Seite „In all diesen Nächten“/“Der Saboteur“ finden sich nur einige verwackelte Live-Mitschnitte auf Youtube. Dass hohe Erwartungen in das Album gerechtfertigt sind, beweisen beispielsweise „Revolte“ und „Straßen voller Schmutz“, die das politisch denkende Kollektiv „straight aus dem Gefahrengebiet“ mitgebracht hat. „Ihr kennt diese Probleme ja aus eurer Stadt. Ihr wisst, was bei Demonstrationen passieren kann.“
Man ist geneigt, die Gruppe einseitig für ihr politisches Songwriting zu schätzen, doch übersieht man dabei dann die durchaus gekonnt gefertigten Liebeslieder. „Papillon“ zum Beispiel ist wohldosiert romantisch und mit seiner klaren Bildsprache fest integriert in die Gesamtästhetik der jungen Band.
Manchmal wirkt die Textschwere ein wenig erschlagend wie in „Nostalgie“, vielleicht eine Spur altklug, aber das machen andere wunderbare Verse und das grandiose Zusammenspiel locker wett.

Tatsächlich habe ich in Deutschland in letzter Zeit selten derart versierte Indie-Gitarren gehört. Es tut gut, die Kinder meiner Generation, die mit den Libertines und Strokes popmusikalisch sozialisiert wurden, auf der Bühne zu sehen. Musikalisch ist das erfrischend und könnte ein Wegweiser für die nächsten Jahre sein. „Wo ist die Euphorie?“ Pötschs Stimme überschlägt sich erkältungsbedingt immer wieder, aber er ist noch „nicht drüber“, wie er befürchtet. Vielmehr betont das ungewohnt Raue einige Momente seiner Lyrik überraschend deutlich, während der Auftritt immer intensiver wird. Besonders spürbar wird die Energie während „Macht“, als Pötsch in die Knie geht und das Mantra des Songs wiederholt. Vor uns steht eine äußerst ambitionierte Gruppe, der es gelingt eine wichtige Tradition des deutschen Indie-Rocks in der Gegenwart zu erhalten: Das kritische Hinterfragen akzeptierter Normen, die Auseinandersetzung mit tatsächlichen Problemen kam in den letzten Jahren weitgehend zu kurz. Trümmer wagen es in einer plakativ unpolitischen Epoche der deutschen Popkultur Haltung einzunehmen. Das verdient größte Anerkennung.
Dass außerdem mit „Der Saboteur“, „Scheinbar“ und „In all diesen Nächten“ das Set dann großartig enden kann, belegt die Reife der Hamburger, die den geschickten Spannungsaufbau eines Konzerts locker beherrschen.
Zur Zugabe kehrt Pötsch alleine zurück und überrascht mit einer formvollendeten Coverversion des Libertines-Standards „Music When the Lights Go Out“. Nebenbei offenbart er allen Skeptikern, welch formidabler Songschreiber in diesem Peter Doherty steckt. Die Referenzen zu all den Projekten des letzten großen Barden aus Albion gipfeln im bestechenden Tribut. Zu „Morgensonne“ kehren die Mitstreiter des rothaarigen Sängers und Doherty-Verehrers in Jeansjacke zurück und setzen an der richtigen Stelle mit den passenden Klängen nach. Mein ehemaliger Mitbewohner meinte vor dem Konzert zu mir, Trümmer würden wie die Babyshambles klingen. Er hat ja so verdammt recht.
Dann zieht der Tross weiter. "Wir verlassen die gemäßigten Zonen." Die Nerven rufen.
Setlist Trümmer, Stuttgart:
01: Schutt & Asche
02: Die 1000. Kippe
03: Straßen voller Schmutz
04: Revolte
05: Papillon
06: Nostalgie
07: Wo ist die Euphorie?
08: 05:30
09: Zurück zum nichts
10: Macht
11: Der Saboteur
12: Scheinbar
13: In all diesen Nächten
14: Music When The Lights Go Out (The Libertines-Cover) (Z)
15: Morgensonne (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Trümmer, Hamburg, 01.01.2014
- Trümmer, Frankfurt, 12.02.2013
- Trümmer, Feldkirch, 15.08.2013
- Anna Gemina, Stuttgart, 13.09.2013
um
18:32
Konzert: Dear Reader
Vorband: Lost Lander
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 16.01.2014
Dauer: Dear Reader etwa 90 Minuten; Lost Lander 30 Minuten
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft, etwa 200

Ein Übermaß an Spontanität gehört nicht zu den bekannten Tugenden der liebreizenden Cherilyn MacNeil. Vielmehr leben die Konzerte ihres Projekts von einer professionellen, genau durchdachten Performance, die den jeweiligen Tourabschnitt wie eine geschickte Theaterinszenierung erscheinen lässt. Ein großer Trumpf ist dabei, dass es MacNeil und ihrer aktuellen Dear Reader-Besetzung mit leichter Hand gelingt, jegliche Routine hinter einem strahlenden Lächeln zu verbergen. Vermutlich denkt jeder, der die englische Gitarristin und Trompeterin Emma Greenfield das erste Mal fragen hört, wie man einen zaubernden Hund nenne („Labrakadabrador“), dass sie eine Pause zwischen zwei Songs für spontane Scherze nutzen würde. Erst recht, wenn ihr kanadischer Mitmusiker Sam Vance-Law ergänzt: "Und wie nennt man einen Hund, der nicht zaubern kann?" ("Labrador"). Tatsächlich ist es nebensächlich, ob derartige Dinge einstudiert sind, man sollte sich dessen allerdings im Klaren sein.

Wenig verwunderlich wird die Setlist während einer abgeschlossenen Tour wenn überhaupt nur geringfügig variiert. Dass eine festgeschriebene Songfolge selten aufgebrochen wird, ist überhaupt nichts ungewöhnliches, dennoch freue ich mich persönlich immer über eine Auswahl, die nicht strikt festgelegt erscheint. Als Cherilyn MacNeil nach Abschluss des regulären Sets und der vorgesehenen Zugaben schließlich alleine mit akustischer Gitarre zurückkehrt und eben dies tut, bin ich positiv überrascht.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Konzerten des Pop Freaks Festivals (Dagobert und Die Höchste Eisenbahn) ist das Merlin zwar nicht ausverkauft, die gut 150 Zuschauer, die sich an einem Donnerstag-Abend im Kulturzentrum im Stuttgarter Westen einfinden, genießen aber ein großes Konzert und verhalten sich derart vorbildlich, dass die junge Südafrikanerin "Stuggi" mit einer besonderen, nicht vorgesehen Zugabe dankt. An den ersten Akkorden erkenne ich „Dancing in the Dark“ und lasse meine natürliche Skepsis hinter mir und mich auf eine ergreifende Cover-Version ein. Wo es der Schottin Amy MacDonald vor eineinhalb Jahren in Metzingen verwehrt blieb mit ihrer Springsteen-Hommage („Born to Run“) bei mir zu punkten, ist MacNeils Fassung in jeder Hinsicht mustergültig. Die schier grenzenlos sympathische Wahl-Berlinerin adaptiert den All Time Favourite mit beachtlicher Feinheit. Erschien mir die während einer TVnoir-Sendung aufgezeichnete Dear Reader-Version noch belanglos, bin ich von der heutigen Performance überwältigt. Der gebürtigen Johannesburgerin gelingt eine unprätentiöse, herrlich reduzierte Interpretation die ihresgleichen sucht. Den Beweis, wie gut ein wenig Spontanität ihren Konzerten tut, liefert sie mühelos mit. Dass der Abend auch zuvor ausgesprochen gut, wenn auch nicht derart denkwürdig war, liegt auf der Hand.

Bereits die Vorband Lost Lander sorgt mit guten Songs und charismatischen Musikern für einen starken Start. Die Band aus Amerikas liberalen Herz Portland, Oregon, spielt verträumten Indie-Pop mit signifikanter Folknote. Das für die Europa-Tour zum Duo geschrumpfte Quartett glänzt mit Stücken vom von Brent Knopf produzierten Debütalbums „DRRT“ und einigen neuen Songs. Frontmann Matt Sheehy spielt mit entspanntem Lächeln Gitarre, während die eigentliche Keyboarderin Sarah Fennell neben ihrem Hauptinstrument auch für die perkussiven Elemente sorgt.
Mit wunderbar eingängigen Liedern wie „Afraid of Summer“ gelingt dem Duo ein äußerst kurzweiliger Auftritt, der an Angus & Julia Stone erinnert.

Ohnehin ist die Güteklasse sowohl der Songs als auch der Performance eine besonders hohe. Im schicken Jackett gibt Sheehy den distinguierten Indie-Sänger in klar abgesteckter Tradition, während die blonde Fennell mit ihrem Jane-Birkin-Pony und einem durchsichtigen Rock zur fleischfarbenen Leggins gekonnt mit Popsängerinnen-Klischees kokettiert und dabei besser aussieht. Dass darüber hinaus die musikalische Qualität stimmt und besonders die Harmonien überzeugen, spricht für sich. Am Ende des halbstündigen Sets bin ich mir sicher, seit langem keine vergleichbar mitreißende Vorband mehr gesehen zu haben.

Als Dear Reader wenig später mit „27.04.1994“, einer Ode auf die ersten freien Wahlen in Südafrika nach dem Ende der Apartheid, beginnen, zeigt sich augenscheinlich, wie eingespielt diese Besetzung mittlerweile ist. Cherilyn MacNeil ist bekannt für ihre häufigen Bandwechsel, doch halte ich die aktuellen Dear Reader-Musiker für die idealen Kandidaten; zumindest für die Live-Umsetzung ihres ambitionierten Albums „Rivonia“. Schon im vergangenen Mai spielte MacNeil gemeinsam mit Emma Greenfield (Gitarre, Trompete, Gesang), Thomas Fietz (Schlagzeug), Sam Vance-Law (Violine, Akkordeon, Gesang, Keyboards) und Michael Vinne (Bass) ein fantastisches Konzert im Stuttgarter Schocken. Es war meine bis dato glücklichste Begegnung mit Dear Reader. Der heutige Abend übertrifft mein viertes Konzert der Band sogar noch einmal.

Wenn es eine Gruppe gibt, die perfekt zum Merlin passt, ist es Dear Reader. Nach wenigen Songs wird klar, dass die Setlist im Vergleich zum ersten Teil der „Rivonia“-Tour im vergangenen Jahr nur geringfügig geändert, dafür aber ein wenig durcheinandergewirbelt wurde. Der einstige Opener „Man of the Book“ gefällt an späterer Stelle immer noch genauso gut wie zuvor, auch wenn die Geschichte von ihrem Ur-Ur-Großvater und Gandhi mittlerweile zu häufig erzählt wurde. Neu in der Setlist hingegen ist zum Beispiel „Mole (Mole)“ vom herrlich verschrobenen Konzept-Album „Idealistic Animals“, das ebenso wie „Whale (Boohoo)“ ein echter Höhepunkt des Konzerts ist.

Mit sympathischem Strahlen im Gesicht erzählt MacNeil, deren Deutsch immer besser zu werden scheint, zwischen den Stücken Geschichten, verleiht dem Konzert eine positive Aura, die glücklich macht.
Nach großartigen Liedern des aktuellen Albums, ihres „ganz persönlichen Graceland“, wie ich in meinem Bericht über das letzte Stuttgart-Gastspiel konstatierte, sind es dann doch wieder die Live-Favoriten „Great White Bear“ und „Monkey (Go Home Now)“ zum Schluss, die die ganze musikalische Vielfalt und Klasse der Künstlerin Cherilyn MacNeil offenbaren, die immer wieder mit überraschenden, teils neuen Arrangements ihrer farbenfrohen, extraordinären Popsongs daherkommt.

„Left the Ground“ und „What We Wanted“ geben abschließend der Band großen Raum, während der Zugaben ihr preziöses, für Popmusiker ungewöhnliches Zusammenspiel zu unterstreichen. Nach „Bend“ sind Zuschauer wie Musiker glücklich. Als MacNeil kurz darauf spontan und überraschend für „Dancing in the Dark“ zurückkehrt, bin ich um einen magischen Konzertmoment reicher. Überhaupt sollten wir alle froh sein, Cherilyn MacNeil in Berlin zu haben. Undenkbar ein Konzertjahr ohne exzessive Dear Reader-Touren; in welcher Besetzung auch immer.
Setlist Dear Reader, Stuttgart:
01: 27.04.1994
02: Down Under, Mining
03: Dearheart
04: Mole (Mole)
05: Good Hope
06: Man of the Book
07: Whale (Boohoo)
08: Took Them Away
09: Cruelty on Beauty on
10: Victory
11: Already Are
12: Great White Bear
13: Monkey (Go Home Now)
14: Left the Ground (Z)
15: What We Wanted (Z)
16: Bend (Z)
17: Dancing in the Dark (Bruce Springsteen-Cover) (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Dear Reader, Frankfurt am Main, 19.01.14
- Dear Reader, Berlin, 01.01.14
- Dear Reader, Rüsselsheim, 13.07.13
- Dear Reader, Freiburg, 21.05.13
- Dear Reader, Stuttgart, 13.05.13
- Dear Reader, Freiburg, 13.11.12
- Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
- Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
- Dear Reader, Mannheim, 19.05.12
- Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.12
- Dear Reader, Paris, 18.01.12
- Dear Reader, Weinheim, 15.09.11
- Dear Reader, Frankfurt, 11.09.11
- Dear Reader, Wien, 08.10.09
- Dear Reader, Marburg, 06.10.09
- Dear Reader, Düsseldorf, 28.09.09
- Dear Reader, Haldern, 15.08.09
- Dear Reader, Berlin, 07.08.09
- Dear Reader, Paris, 06.05.09
- Dear Reader, Nijmegen, 25.04.09
- Dear Reader, Köln, 18.04.09
- Dear Reader, Paris, 19.02.09
- Dear Reader, Köln, 12.02.09
um
19:23
Konzert: Die Höchste Eisenbahn
Vorband: Desiree Klaeukens
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 11.01.2014
Dauer: Die Höchste Eisenbahn 99 Minuten / Desiree Klaeukens 30 Minuten
Zuschauer: über 270 (ausverkauft)
Moritz Krämer ist erkältet, sitzt zusammengekauert wie ein Häufchen Elend auf der Bühne, während Francesco Wilking einen Solosong spielt. Dennoch überzeugen die beiden Badener, die es vor Jahren nach Berlin zog, gemeinsam mit Felix Weigt und Max Schröder. Es ist Ende September 2012, die Höchste Eisenbahn ist ein junges Projekt. Am Tag darauf sehe ich mit Radiohead eine der wichtigsten Bands meines Lebens in Berlin, doch bleibt jener Abend mit der Höchsten Eisenbahn vor vielleicht fünfzig Zuschauern im bestuhlten Merlin mit einem trotz erkältungsgeschwächten Krämer perfekten Konzert in positiverer Erinnerung. Gerade veröffentlichte man die Debüt-EP und eine handvoll wundervolle Songs. Ein knappes Jahr später folgt das erste Album „Schau in den Lauf Hase“ und wie nebenbei die großartigste deutschsprachige Platte seit über einer Dekade.

Bedingt durch den Tod des BootBooHook-Festivals muss ich mich bis zu einem Wiedersehen mit der Band lange gedulden. Es ist der gleiche Ort, die Zeiten jedoch haben sich geändert. Ein kleiner Feuilleton-Hype um das formidable Debüt und tolle Youtube-Videos sorgen für ausverkaufte Clubs deutschlandweit. Das Merlin ist keine Ausnahme und vermeldet bereits zwei Tage vor dem Konzert „restlos ausverkauft“. Am Vortag verkündete Chefin Bärbel Bruns zwar auch schon beim Auftritt Dagoberts, dass dieser ausverkauft sei. Heute wird beim Betreten des Kulturzentrums deutlich, dass noch einmal eine Schippe draufgelegt wurde und man sich offenkundig bemüht so viele Zuschauer wie irgend möglich hereinzulassen. Der üblicherweise im Konzertsaal aufgebaute Merchandise-Bereich wird in das Café am Eingang verlegt, der Einlass ebenso in den vorderen Raum verlagert.
Vor der Tür werden nichtsdestotrotz viele Besucher abgewiesen, die Höchste Eisenbahn ist die Band der Stunde und gewinnt zunehmend an Popularität.
Am zweiten Tag des Pop Freaks Festivals drängt es sich dicht, die Luft ist stickig, es riecht nach Schweiß, Bier und Rotwein. Dezentes, ungewohntes Rockkonzertfeeling in einem chicen Kulturzentrum.
Ein kurzer Moment andächtiger Stille, Support-Act Desiree Klaeukens beginnt ihren halbstündigen Auftritt. Wie bei ihrem wunderbaren Wohnzimmer-Konzert bei uns Mitte November wird sie vom Gitarristen Florian Glässing unterstützt. Das Zusammenspiel der beiden Berliner funktioniert ausgesprochen gut. An der E-Gitarre eröffnet Klaeukens mit „Verliebt in Dich“, singt mit zarter Stimme ihre brüchigen, ungewöhnlichen Liebeslieder, während Glässing sie mit leidenschaftlichen Harmonien und ausgezeichnetem Gitarrenspiel unterstützt.
Ihre Lyrik ist auf angenehme Weise schlicht, die Performance unaufgeregt und einnehmend, wäre da nicht der hohe Geräuschpegel, das nicht enden wollende Gemurmel aus den hinteren Reihen und von der Theke. Die Schattenseiten eines ausverkauften Konzerts machen sich bemerkbar. Klaeukens geht mit der Situation souverän, wenn auch nicht routiniert um. Letztlich entscheidet sie sich für den subtilen Weg, kritisiert die Situation unterschwellig ohne diejenigen zu verprellen, die aufmerksam zuhören.

Wer den Klängen des Duos lauscht, der entdeckt hinter all den melancholischen Versen zart getuschte Bilder wie sie das Cover der „Warm in meinem Herz“-EP zieren. Das Titel gebende Stück ihrer Erstveröffentlichung ist erwartungsgemäß ein Höhepunkt des Sets. Dass diese und auch einige andere Songstrukturen bei Klaeukens an die Flowerpornoes erinnern, ist wenig überraschend, betrachtet man ihre offene Bewunderung Tom Liwas, die sich beim Wohnzimmerkonzert in einer gelungenen Coverversion äußerte. Darüber hinaus ist Florian Glässing seit Jahren Mitmusiker Liwas, der ihn einmal als einen der besten Songwriter bezeichnete, die es in Deutschland gebe.
Während der Lärmpegel weiter steigt, gibt sich Klaeukens einen Ruck, schaut vorsichtig unter ihrer dunklen Mütze vor, erzählt Anekdoten und glänzt in der zweiten Hälfte ihres Auftritts mit schönen Liedern ihres noch diesen Monat bei Tapete Records erscheinenden ersten Langspielers. „Will dich zu sehr“, „Zwei Tage“ und „Kompliziert“ sind auf eigentümliche Weise frei von überflüssigem Pathos und so zu verstehen, wie sie geschrieben sind. Ohne den Hauch von Ironie und künstlicher Bedeutungsschwere sind es befindlichkeitsfixierte Oden auf Alltägliches. Trotz schwierigen Rahmenbedingungen bedankt sich Klaeukens höflich. Im Deutschland-Radio Kultur stellte man das kommende „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“, auf dem auch Moritz Krämer zu hören sein wird, ausführlich vor. In voller Bandbesetzung live darbieten wird der neuste Stern am Tapete-Himmel das Gesamtwerk auf ausgedehnter Tour im Frühling, dann hoffentlich vor aufmerksamerem Publikum.
Setlist Desiree Klaeukens, Stuttgart:
01: Verliebt in Dich
02: Züge
03: Warm in meinem Herz
04: Will Dich zu sehr
05: Zwei Tage
06: Kompliziert
In seinem Klang stringent, musikalisch herausragend, lyrisch preziös, ohne einen einzigen wirklichen Schwachpunkt avancierte „Schau in den Lauf Hase“ im Rückblick für mich unangefochten zum besten Album des Jahres. Trotz der Güte meiner ersten Konzert-Begegnung mit der Höchsten Eisenbahn bin ich im Vorfeld skeptisch, ob es gelingen kann den komplexen, harmonischen Klang der Platte auf die Live-Bühnen zu übertragen.
Es genügen wenige Minuten, um meine zweifelnden Überlegungen als Hirngespinste zu entlarven.
Moritz Krämers unnachahmliches Timbre zwischen sehnsüchtiger Gebrochenheit und künstlerischer Berechnung und sein Händchen für skurrile Geschichten, die bereits sein Soloalbum als Meisterwerk deutschem Singer-Songwritertums auszeichneten, erblühen schon bei „Aliens“ in voller Pracht. Von einer Erkältung ist heute nichts zu spüren, Krämer ist fit und strotzt vor Energie, spielt Akustikgitarre, singt leidenschaftlich und überhaupt nicht – wie Kritiker ihm unterstellen – manieriert. Francesco Wilking tobt sich derweil an den Keyboards aus, wippt mit Oberkörper und Kopf vor und zurück, dann setzt der Tele-Frontmann im mit Füchsen besticktem Hemd ein, garniert den Song mit eigenen Zeilen und entschlüsselt an früher Stelle das Geheimnis dieser Band: In der Harmonie der beiden Protagonisten Krämer und Wilking untereinander und mit Max Schröder (Schlagzeug) und Felix Weigt (Bass, Gitarre und Keyboards), die viel mehr als Begleitmusiker sind, verbirgt sich enorme Energie, die sich im Zusammenspiel auf der Bühne in aller Deutlichkeit entlädt. Instrumente werden immer wieder wild getauscht, Zeilen improvisiert, Scherze gemacht und musikalische Höchstleistungen vollbracht.

„Body & Soul“, eine mitreißende Mid-Tempo-Nummer, ist Wilking'sches Songwriting vom Feinsten, setzt an der Stelle an, an der Tele einst die klassische Disco in den deutschen Indie-Pop brachte und geht diesen Weg konsequent voran. Ein treibender Bassbeat, tanzende Beine und Begeisterung sind die logische Konsquenz. Wurde das Konzert 2012 noch von Songs aus den Solo-Katalogen der Band – auch Max Schröder alias Der Hund Marie, Ehemann von Heike Makatsch und Drummer von Tomte, und Felix Weigt, unter anderem Bassist bei Kid Kopphausen, gaben Eigenes zum Besten – zusammengehalten, werden heute ausschließlich Lieder der Höchsten Eisenbahn gespielt.

Zum Maß der Dinge im deutschsprachigen Bereich herangewachsen steht die Aufführung dem Hörvergnügen des Studiowerks in nichts nach.
Höhepunkte der „Unzufrieden“-EP haben nichts an ihrem Reiz verloren und so freut man sich über die Aufzählung in „Jan ist unzufrieden“, den Frust dieses jungen Mannes, den es aus Süddeutschland nach Berlin verschlug, und Ausnahmeverse wie „Jan hat vor das Land zu verlassen, er redet Englisch an den Supermarktkassen“. Die subversive Eleganz des Songtexters Francesco Wilking ist in seinen Kompositionen immer offenbar und stets meisterlich. Dass er sich mit dem überaus talentierten Moritz Krämer zusammentat, ist der größte Glücksfall der jüngeren deutschen Popgeschichte. „Vergangenheit“, das seinerzeit die EP eröffnete, ist ein starker Beleg. Wirkten in der Studio-Version noch Judith Holofernes und Gisbert zu Knyphausen als Co-Texter und Gastsänger mit, macht die Live-Performance ohne die Zeilen der beiden diese obsolet. Keine Frage, die Höchste Eisenbahn spielt längst in einer ganz anderen Liga.
Wie gut diese Band ist, zeigt sich an kaum einer Stelle deutlicher als bei „Raus aufs Land“. Ein „Miami 2017 (Seen the Lights Go Out on Broadway)“-eskes Piano-Intro lässt es kalkuliert epigonenhaft wie ikonisch beginnen. Dass sich der Song problemlos von allen Assoziationen emanzipieren kann und mit seiner erschütternden Beziehungsgeschichte ehrlich berührt, liegt an einem großartigen Text und der überwältigenden musikalischen Umsetzung.

So gut wie nie kommt deutsche Sprache im Pop ohne Plattitüden aus. Die Höchste Eisenbahn ist eine beeindruckende Ausnahme. Die Tapete-Vorzeigeformation spielt mit lockerer Attitüde mit Worten und pathetischen Bildern wie in Wilkings in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Liebesgeschichte von Isi und Robert. Das ist selbstironisch und beispiellos zugleich: „Und die Leute schrien 'Los Robert, tu was du tun musst.' / Und er sprang die fahrende Bahn an, schlug die Scheibe ein und gab Isi einen Kuss / 'Oh Isi, ich war die ganze Zeit bei dir, du wirst nie erraten als was.' / 'Als Pfau?' / 'Genau.'“. „Isi“ ist ein scharfzüngiger Geniestreich und der Beweis, dass auch Popmusik literarische Qualitäten haben kann. „Isi komm, ich weiß noch einen Witz / Welches Tier hat zwei Beine mehr, wenn es sitzt?“
Der tanzbare Opener des Albums, „Egal wohin“, kommt überraschend spät und verdeutlicht das erstaunliche Konglomerat der Band. Electro-Sounds treffen auf einen Disco-Beat und Stadion-Chöre. Wilking vergisst seinen Text. Die darauffolgenden Improvisationen seiner Bandkollegen retten die Situation spielend und der Song wird mit grandioser Spontanität würdig zum Abschluss gebracht.

Wo Wilking mit Komik brillieren kann, setzt Kollege Krämer auf zwischenmenschliches Storytelling. Ob lyrische Dekonstruktionen sozialer Geflechte oder die nüchterne Schilderung einer Beziehung am Scheideweg in „Mira“, die an der durch die Wohnungssuche versinnbildlichten Bindungsangst des Freundes zu zerbrechen droht. Es ist der beste Song des Albums, der die Klasse dieses Konzerts endgültig manifestiert. Die hohen „Unser Haus am See“-Chöre kommen vielstimmig, während Krämer im dunklen Wollpullover beklagt: „Mira wir ham' uns auf dem Weg verlor'n“. Das ist tieftraurig und in seiner Darbietung schonungslos. „Du stehst im Garten und weinst / Aber du lächelst dabei / Du sagst 'Dann bleib' ich allein / Weil du dich niemals entscheidest'“.
Trotz aller Melancholie ist die Höchste Eisenbahn nie eine traurige Band. Anders als viele – vor allem Hamburger – Singer-Songwriter-Kollegen lebt die Höchste Eisenbahn nicht vom Schwermut, sondern von pulsierender Energie. Immer treibt irgendwo ein Beat, Rhythmenwechsel überraschen. Hier und da nimmt das Ganze World-Music-Wege in bester „Graceland“-Tradition, nur um dann mit 80s Synthies entgegengesetzte Pfade einzuschlagen.
Bei „Was machst du dann“ übernimmt das Publikum gegen Ende des regulären Sets den Kinderchor. Das ausverkaufte Merlin ist im ekstatischen Zustand puren Glücks. Auch die einstigen Störer sind im harmonischen Ganzen integriert, Teil der umarmenden Kraft der Berliner Band.

Italienisch singend steigert sich Wilking in „Die Uhren am Hauptbahnhof“ in ein fantastisches Crescendo, das zeigt, dass auch der schwächste Song des durchweg genuinen Albums, live keinesfalls im Vergleich zu anderen Stücken abfällt.
Drei Zugaben gibt es abschließend. Das ernüchterte Auseinanderlebungslied „Die Nacht übertreibt“ wird zur großen Solo-Show Krämers, der allein auf die Bühne zurückkehrt und sich auf der Akustikgitarre begleitet. Nach und nach setzt die Band ein, Wilking singt mit, Zwischenapplaus als natürliches Resultat. Der Titeltrack des Albums mit seiner Paul-Simon-Rhythmik und „Der Himmel ist blau (wie noch nie)“ mit der wohl schönsten Verwendung des Konjuktivs im deutschen Pop folgen, bevor das Konzert endgültig vorbei ist.
Mit Ausnahme von „Tschernobyl“ spielt Die Höchste Eisenbahn all ihre bisher veröffentlichten Songs und beweist ein für alle mal, dass sie derzeit das Maß der Dinge ist, die Speerspitze des deutschen Indiepops. Auch live. Meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Nie zuvor sah ich ein besseres deutschsprachiges Konzert. Ausnahmslos. Eine Band größer als die Summe ihrer herausragenden Bestandteile.
Setlist Die Höchste Eisenbahn, Stuttgart:
01: Aliens
02: Body & Soul
03: Jan ist unzufrieden
04: Vergangenheit
05: Pullover
06: Raus aufs Land
07: Isi
08: Alle gehen
09: Egal wohin
10: Allen gefallen
11: Blaue Augen
12: Mira
13: Was machst du dann
14: Die Uhren am Hauptbahnhof
15: Die Nacht übertreibt (Z)
16: Schau in den Lauf Hase (Z)
17: Der Himmel ist blau (wie noch nie) (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- 19.11.2013, Desiree Klaeukens, Stuttgart
- 18.11.2013, Desiree Klaeukens, Karlsruhe
- 21.07.2007, Tele, Rüsselsheim
Tourdaten Die Höchste Eisenbahn:
16.02.2014, Berlin, Lido (Ausverkauft)
19.03.2014, Jena, Rosenkeller
20.03.2014, Lörrach, Between the Beats Festival
21.03.2014, Fulda, Kulturkeller
12.04.2014 Husum, Husum Harbour
01.06.2014 Berlin, Lido (Zusatzshow)
06.-08.06.2014, Beverungen, Orange Blossom Special
25.-26.07.2014, Reutlingen, Burning Eagle-Festival
um
22:08
Konzert: Dagobert
Vorband: Philipp Bellinger
Ort: Kulturzentrum Merlin
Datum: 10.01.2014
Dauer: Dagobert 71 Minuten; Philipp Bellinger 15 Minuten
Zuschauer: 220 (ausverkauft)
Tiefer als in Kuriositäten der 60er und 70er und das umfangreiche Werk des Andreas Dorau habe ich mich nie in die Welt schlageresker Klänge gewagt, glücklicherweise, wie ich gerne betone. Dass es schließlich ein phänomenaler Feuilleton-Hype und „Ich bin zu jung“ sind, ein Crooner, der die allgegenwärtige, lyrische Schwere und Ernsthaftigkeit des deutschen Schlagers mit geradezu satirischer Überbetonung auf den Punkt bringt, die mich erstmals auf ein ausgewiesenes Schlagerkonzert treiben, ist an sich furchtbar, wäre der Schweizer Dagobert nicht eine derart faszinierende Figur, der es gelingt mit überspitzten Klischees, Widersprüchen und gnadenlos pointierter Performance zu begeistern und den ausgewiesen schlechten Geschmack genießbar zu machen.
Als Eröffnung des Pop Freaks Festivals ist der großgewachsene Anfang-Dreißigjährige eine Idealbesetzung, der Zuschauerzuspruch ist enorm. Mit freudestrahlendem Gesicht verkündet Merlin-Chefin Bärbel Bruns ein ausverkauftes Haus.
Tatsächlich habe ich das Kulturzentrum nie zuvor voller erlebt.
Vor Dagoberts Show betritt ein schlanker Mann im dunklen Jackett und T-Shirt mit Dagoberts Konterfei die Bühne und nimmt hinter dem Klavier Platz. Philipp Bellinger ist der Pianist und Gitarrist des in Berlin lebenden Schweizers und eröffnet mit einem kurzen Set den Abend. Mit durchweg vielversprechenden, brillant zwischen der Seichtheit eines Maximilian Heckers und Warren Zevons Zynismus pendelnden Songs, spielt Bellinger ein erstaunlich starkes Set. Manchmal genügen eben fünf Stücke und Zeilen wie „Jona in the belly of the whale, he never felt this way before“ in einer Viertelstunde für einen nachhaltig-positiven Gesamteindruck.

Im mausgrauen Jumpsuit steht Dagobert kurz vor zehn vor den Zuschauern, seinen Namen in großen, rot leuchtenden Lettern hinter sich. Das Publikum ist äußerst heterogen. Das klassische, aufgeschlossene Merlin-Kulturpublikum trifft auf Hipster, Indie-Jünger und echte Schlagerfans. So vor Widersprüchen triefend wie die Zuhörerschaft ist auch der Künstler selbst. Große Zeitungen verloren viele Worte um die bizarre Biografie, die Dagobert in einem Youtube-Video erzählt. Zu konstruiert erscheinend, als dass man die Geschichte glauben könnte, wirkt der schlaksige Hüne mit seinen akkurat gescheitelten, zurück gekämmten Haaren wie eine wohl durchdachte Kunstfigur. In meinen folgenden Ausführungen, gehe ich fest davon aus, dass all das als pointierte Parodie zu verstehen ist.

Ohne Bellinger beginnt das Konzert. Lediglich mit einem iPod am Mikrophonständer des Sängers koordiniert dieser die Musik. Grässliche Synthie-Sounds erschallen, schlecht (über-)produzierte Bläser- und Streicher-Klänge. Mein natürlicher Schutzinstinkt warnt mich. Noch könnte ich das Konzert verlassen, denke ich, während der Mann auf der Bühne schmalzige Zeilen wie aus dem Setzkasten singt. „Du gehörst zu mir“ und „Du bist bei mir“ sind Standardverse des Genres, die in Dagoberts Songs jedoch wie Ausrufezeichen wirken, die zu sagen scheinen „Hey, das ist Satire, nimm' dich selbst nicht so ernst“. Kurz darauf kann ich mich auf das Ganze einlassen, bin gar begeistert. Als eine Melodie, die ein wenig Ähnlichkeit mit Alphavilles „Forever Young“ aufweist, erklingt und Dagobert „Für immer blau“ singt, gewinnt der Abend deutlich an Fahrt. Im weiteren Verlauf werden Klischees ausgereizt, Mitmachspiele zelebriert, Hände abgeklatscht, Schalala- und sogar Schubidu-Chöre mitgesungen und Arme geschwungen; von rhythmischen Mitklatschnummern mal ganz abgesehen. Nur die Feuerzeuge fehlen. „Ich mag deine Freunde nicht“ ist wenig später, sieht man von der entsetzlichen Instrumentierung und Schunkelmelodie ab, eine großartige Umkehr all jener „Ich bin okay – Du bist okay“-Songs und wunderbar zynisch.

Viele Schlagersendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen leben vermutlich auch von auffälligen Outfits. Schon nach drei Titeln – um mit einem Grand-Prix-Wort zu sprechen – verschwindet Dagobert hinter einer auf der Bühne aufgebauten spanischen Wand und zieht sich um. Der Kostümierungswahn wird gekonnt karikiert. Vier Wechsel der Kleidung wird es während des Konzerts geben, darunter SM-konnotierte Lederkluft und das eigene Fan-Shirt.
Mit Gitarrenunterstützung wird eines der bekanntesten Lieder, „Morgens um halb vier“, zum gefeierten Publikumsliebling, während „Hochzeit“ mit der Zeile „Du bist viel zu schön um ausszusterben, lass uns're Kinder deine Schönheit erben“ ein lyrisches Schmankerl parat hält. Der dezente Akzent und Probleme mit der Stimmhaftigkeit mancher Silben erinnert an berüchtigte Genregrößen. Als Dagobert in „Jenny“, einem „neuen Lied über Freundschaft“, mit dem unübertrefflichen Reim „Egal ob Bier oder Bananensaft / mit Dir schmeckt alles fabelhaft“ aufwartet, beginne ich richtig Spaß zu haben.

Bis vorgestern habe er in Mannheim sein neues Album aufgenommen, berichtet der beim punkaffinen Hamburger Traditionslabel Buback Tonträger veröffentlichende Künstler, bevor er ergänzend erwähnt, dass die Lifestyle-Zeitschrift GQ ihn zum bestangezogensten und stilvollsten Schweizer gewählt habe. „Natürlich zu unrecht“, wie er mit an Arroganz grenzendem, gespieltem Understatement betont, während er sich selbstredend mit der Hand durch die Haare fährt. „Ich habe mein Haarwachs im Studio liegen gelassen, verzeiht, dass mein Haar heute nicht ordentlich liegt.“ Vor großen Gesten, Eitelkeit und Posen sich niemals scheuend, macht Dagobert eine souveräne Figur. An der mit Leuchtapplikationen gepimten Flying-V-Gitarre fügt sich Bellinger in das übersteigert pompöse Gesamtbild der Revue. Eine Umzugspause überbrückt er mit einem langen Solo. "So schön verstrahlt" mit dem Mantra „Ich war noch nie ein Genie“ folgt. Mitsingende Zuschauer bestimmen die Szenerie, dann lässt Dagobert das Mikrophon im Mund verschwinden, ein deutliches Bild. Danach: Ein wenig A-Capella mit Mitklatschspiel und Liebesbekenntnissen an die Flippers, die Scorpions und The Cramps(!), „Du bei mir mit 'ner Flasche Bier“.

Trotz aller Schwermut funktionieren die Songs als Stimmungsmacher. „Ich bin zu jung“ wird an den ersten Takten erkannt, der Refrain allein durch das Publikum getragen. Überlebensgroße Gesten, zwei Zugaben, dann ist Schluss. „Ihr seid wunderschön.“ Eine Plattitüde. Eine Verneigung. Das war's. Großes Theater in 17 Szenen.
Auf Indie-Festivals wie dem Maifeld Derby in Mannheim wurde Dagobert 2013 gefeiert. Der Bielefelder Rapper Casper nahm ihn Ende Dezember mit zum Zurück Zuhause Festival. Die Erfolgsgeschichte des selbsternannten Schnulzensänger aus den Bergen wird auch dieses Jahr fortgesetzt werden. Das Eröffnungskonzert der Pop Freaks bewies mir warum.
Setlist Dagobert, Stuttgart:
01: "Du gehörst zu mir"
02: Für immer blau
03: Ich mag Deine Freunde nicht
04: Morgens um halb vier
05: Hochzeit
06: "Rede mit mir"
07: Jenny (neu)
08: Hast Du auch so viel Spaß
09: "Ich fühle mich so einsam"
10: Moonlight Bay (neu)
11: Zehn Jahre
12: Gitarren-Solo
13: Ich bin verstrahlt
14: "Du bei mir mit 'ner Dose Bier" (?) (A-Capella)
15: Ich bin zu jung
16: "Ich will 'ne Frau, die mich will" (Z)
17: Wunderwerk der Natur (Z)