Posts mit dem Label Desiree Klaeukens werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Desiree Klaeukens werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 15. Januar 2014

Die Höchste Eisenbahn, Stuttgart, 11.01.2014

0 Kommentare

Konzert: Die Höchste Eisenbahn
Vorband: Desiree Klaeukens
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 11.01.2014
Dauer: Die Höchste Eisenbahn 99 Minuten  / Desiree Klaeukens 30 Minuten
Zuschauer: über 270 (ausverkauft)



Moritz Krämer ist erkältet, sitzt zusammengekauert wie ein Häufchen Elend auf der Bühne, während Francesco Wilking einen Solosong spielt. Dennoch überzeugen die beiden Badener, die es vor Jahren nach Berlin zog, gemeinsam mit Felix Weigt und Max Schröder. Es ist Ende September 2012, die Höchste Eisenbahn ist ein junges Projekt. Am Tag darauf sehe ich mit Radiohead eine der wichtigsten Bands meines Lebens in Berlin, doch bleibt jener Abend mit der Höchsten Eisenbahn vor vielleicht fünfzig Zuschauern im bestuhlten Merlin mit einem trotz erkältungsgeschwächten Krämer perfekten Konzert in positiverer Erinnerung. Gerade veröffentlichte man die Debüt-EP und eine handvoll wundervolle Songs. Ein knappes Jahr später folgt das erste Album „Schau in den Lauf Hase“ und wie nebenbei die großartigste deutschsprachige Platte seit über einer Dekade. 


 Bedingt durch den Tod des BootBooHook-Festivals muss ich mich bis zu einem Wiedersehen mit der Band lange gedulden. Es ist der gleiche Ort, die Zeiten jedoch haben sich geändert. Ein kleiner Feuilleton-Hype um das formidable Debüt und tolle Youtube-Videos sorgen für ausverkaufte Clubs deutschlandweit. Das Merlin ist keine Ausnahme und vermeldet bereits zwei Tage vor dem Konzert „restlos ausverkauft“. Am Vortag verkündete Chefin Bärbel Bruns zwar auch schon beim Auftritt Dagoberts, dass dieser  ausverkauft sei. Heute wird beim Betreten des Kulturzentrums deutlich, dass noch einmal eine Schippe draufgelegt wurde und man sich offenkundig bemüht so viele Zuschauer wie irgend möglich hereinzulassen. Der üblicherweise im Konzertsaal aufgebaute Merchandise-Bereich wird in das Café am Eingang verlegt, der Einlass ebenso in den vorderen Raum verlagert. Vor der Tür werden nichtsdestotrotz viele Besucher abgewiesen, die Höchste Eisenbahn ist die Band der Stunde und gewinnt zunehmend an Popularität. 
Am zweiten Tag des Pop Freaks Festivals drängt es sich dicht, die Luft ist stickig, es riecht nach Schweiß, Bier und Rotwein. Dezentes, ungewohntes Rockkonzertfeeling in einem chicen Kulturzentrum. 


Ein kurzer Moment andächtiger Stille, Support-Act Desiree Klaeukens beginnt ihren halbstündigen Auftritt. Wie bei ihrem wunderbaren Wohnzimmer-Konzert bei uns Mitte November wird sie vom Gitarristen Florian Glässing unterstützt. Das Zusammenspiel der beiden Berliner funktioniert ausgesprochen gut. An der E-Gitarre eröffnet Klaeukens mit „Verliebt in Dich“, singt mit zarter Stimme ihre brüchigen, ungewöhnlichen Liebeslieder, während Glässing sie mit leidenschaftlichen Harmonien und ausgezeichnetem Gitarrenspiel unterstützt. 
Ihre Lyrik ist auf angenehme Weise schlicht, die Performance unaufgeregt und einnehmend, wäre da nicht der hohe Geräuschpegel, das nicht enden wollende Gemurmel aus den hinteren Reihen und von der Theke. Die Schattenseiten eines ausverkauften Konzerts machen sich bemerkbar. Klaeukens geht mit der Situation souverän, wenn auch nicht routiniert um. Letztlich entscheidet sie sich für den subtilen Weg, kritisiert die Situation unterschwellig ohne diejenigen zu verprellen, die aufmerksam zuhören.

Wer den Klängen des Duos lauscht, der entdeckt hinter all den melancholischen Versen zart getuschte Bilder wie sie das Cover der „Warm in meinem Herz“-EP zieren. Das Titel gebende Stück ihrer Erstveröffentlichung ist erwartungsgemäß ein Höhepunkt des Sets. Dass diese und auch einige andere Songstrukturen bei Klaeukens an die Flowerpornoes erinnern, ist wenig überraschend, betrachtet man ihre offene Bewunderung Tom Liwas, die sich beim Wohnzimmerkonzert in einer gelungenen Coverversion äußerte. Darüber hinaus ist Florian Glässing seit Jahren Mitmusiker Liwas, der ihn einmal als einen der besten Songwriter bezeichnete, die es in Deutschland gebe. 
Während der Lärmpegel weiter steigt, gibt sich Klaeukens einen Ruck, schaut vorsichtig unter ihrer dunklen Mütze vor, erzählt Anekdoten und glänzt in der zweiten Hälfte ihres Auftritts mit schönen Liedern ihres noch diesen Monat bei Tapete Records erscheinenden ersten Langspielers. „Will dich zu sehr“, „Zwei Tage“ und „Kompliziert“ sind auf eigentümliche Weise frei von überflüssigem Pathos und so zu verstehen, wie sie geschrieben sind. Ohne den Hauch von Ironie und künstlicher Bedeutungsschwere sind es befindlichkeitsfixierte Oden auf Alltägliches. Trotz schwierigen Rahmenbedingungen bedankt sich Klaeukens höflich. Im Deutschland-Radio Kultur stellte man das kommende „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“, auf dem auch Moritz Krämer zu hören sein wird, ausführlich vor. In voller Bandbesetzung live darbieten wird der neuste Stern am Tapete-Himmel das Gesamtwerk auf ausgedehnter Tour im Frühling, dann hoffentlich vor aufmerksamerem Publikum. 


Setlist Desiree Klaeukens, Stuttgart:

01: Verliebt in Dich
02: Züge
03: Warm in meinem Herz
04: Will Dich zu sehr
05: Zwei Tage
06: Kompliziert 



In seinem Klang stringent, musikalisch herausragend, lyrisch preziös, ohne einen einzigen wirklichen Schwachpunkt avancierte „Schau in den Lauf Hase“ im Rückblick für mich unangefochten zum besten Album des Jahres. Trotz der Güte meiner ersten Konzert-Begegnung mit der Höchsten Eisenbahn bin ich im Vorfeld skeptisch, ob es gelingen kann den komplexen, harmonischen Klang der Platte auf die Live-Bühnen zu übertragen. Es genügen wenige Minuten, um meine zweifelnden Überlegungen als Hirngespinste zu entlarven.  
Moritz Krämers unnachahmliches Timbre zwischen sehnsüchtiger Gebrochenheit und künstlerischer Berechnung und sein Händchen für skurrile Geschichten, die bereits sein Soloalbum als Meisterwerk deutschem Singer-Songwritertums auszeichneten, erblühen schon bei „Aliens“ in voller Pracht. Von einer Erkältung ist heute nichts zu spüren, Krämer ist fit und strotzt vor Energie, spielt Akustikgitarre, singt leidenschaftlich und überhaupt nicht – wie Kritiker ihm unterstellen – manieriert. Francesco Wilking tobt sich derweil an den Keyboards aus, wippt mit Oberkörper und Kopf vor und zurück, dann setzt der Tele-Frontmann im mit Füchsen besticktem Hemd ein, garniert den Song mit eigenen Zeilen und entschlüsselt an früher Stelle das Geheimnis dieser Band: In der Harmonie der beiden Protagonisten Krämer und Wilking untereinander und mit Max Schröder (Schlagzeug) und Felix Weigt (Bass, Gitarre und Keyboards), die viel mehr als Begleitmusiker sind, verbirgt sich enorme Energie, die sich im Zusammenspiel auf der Bühne in aller Deutlichkeit entlädt. Instrumente werden immer wieder wild getauscht, Zeilen improvisiert, Scherze gemacht und musikalische Höchstleistungen vollbracht. 


„Body & Soul“, eine mitreißende Mid-Tempo-Nummer, ist Wilking'sches Songwriting vom Feinsten, setzt an der Stelle an, an der Tele einst die klassische Disco in den deutschen Indie-Pop brachte und geht diesen Weg konsequent voran. Ein treibender Bassbeat, tanzende Beine und Begeisterung sind die logische Konsquenz. Wurde das Konzert 2012 noch von Songs aus den Solo-Katalogen der Band – auch Max Schröder alias Der Hund Marie, Ehemann von Heike Makatsch und Drummer von Tomte, und Felix Weigt, unter anderem Bassist bei Kid Kopphausen, gaben Eigenes zum Besten – zusammengehalten, werden heute ausschließlich Lieder der Höchsten Eisenbahn gespielt. 


 Zum Maß der Dinge im deutschsprachigen Bereich herangewachsen steht die Aufführung dem Hörvergnügen des Studiowerks in nichts nach. Höhepunkte der „Unzufrieden“-EP haben nichts an ihrem Reiz verloren und so freut man sich über die Aufzählung in „Jan ist unzufrieden“, den Frust dieses jungen Mannes, den es aus Süddeutschland nach Berlin verschlug, und Ausnahmeverse wie „Jan hat vor das Land zu verlassen, er redet Englisch an den Supermarktkassen“. Die subversive Eleganz des Songtexters Francesco Wilking ist in seinen Kompositionen immer offenbar und stets meisterlich. Dass er sich mit dem überaus talentierten Moritz Krämer zusammentat, ist der größte Glücksfall der jüngeren deutschen Popgeschichte. „Vergangenheit“, das seinerzeit die EP eröffnete, ist ein starker Beleg. Wirkten in der Studio-Version noch Judith Holofernes und Gisbert zu Knyphausen als Co-Texter und Gastsänger mit, macht die Live-Performance ohne die Zeilen der beiden diese obsolet. Keine Frage, die Höchste Eisenbahn spielt längst in einer ganz anderen Liga. 
Wie gut diese Band ist, zeigt sich an kaum einer Stelle deutlicher als bei „Raus aufs Land“. Ein „Miami 2017 (Seen the Lights Go Out on Broadway)“-eskes Piano-Intro lässt es kalkuliert epigonenhaft wie ikonisch beginnen. Dass sich der Song problemlos von allen Assoziationen emanzipieren kann und mit seiner erschütternden Beziehungsgeschichte ehrlich berührt, liegt an einem großartigen Text und der überwältigenden musikalischen Umsetzung. 


 So gut wie nie kommt deutsche Sprache im Pop ohne Plattitüden aus. Die Höchste Eisenbahn ist eine beeindruckende Ausnahme. Die Tapete-Vorzeigeformation spielt mit lockerer Attitüde mit Worten und pathetischen Bildern wie in Wilkings in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Liebesgeschichte von Isi und Robert. Das ist selbstironisch und beispiellos zugleich: „Und die Leute schrien 'Los Robert, tu was du tun musst.' / Und er sprang die fahrende Bahn an, schlug die Scheibe ein und gab Isi einen Kuss / 'Oh Isi, ich war die ganze Zeit bei dir, du wirst nie erraten als was.' / 'Als Pfau?' / 'Genau.'“. „Isi“ ist ein scharfzüngiger Geniestreich und der Beweis, dass auch Popmusik literarische Qualitäten haben kann. „Isi komm, ich weiß noch einen Witz / Welches Tier hat zwei Beine mehr, wenn es sitzt?“ 
Der tanzbare Opener des Albums, „Egal wohin“, kommt überraschend spät und verdeutlicht das erstaunliche Konglomerat der Band. Electro-Sounds treffen auf einen Disco-Beat und Stadion-Chöre. Wilking vergisst seinen Text. Die darauffolgenden Improvisationen seiner Bandkollegen retten die Situation spielend und der Song wird mit grandioser Spontanität würdig zum Abschluss gebracht. 


Wo Wilking mit Komik brillieren kann, setzt Kollege Krämer auf zwischenmenschliches Storytelling. Ob lyrische Dekonstruktionen sozialer Geflechte oder die nüchterne Schilderung einer Beziehung am Scheideweg in „Mira“, die an der durch die Wohnungssuche versinnbildlichten Bindungsangst des Freundes zu zerbrechen droht. Es ist der beste Song des Albums, der die Klasse dieses Konzerts endgültig manifestiert. Die hohen „Unser Haus am See“-Chöre kommen vielstimmig, während Krämer im dunklen Wollpullover beklagt: „Mira wir ham' uns auf dem Weg verlor'n“. Das ist tieftraurig und in seiner Darbietung schonungslos. „Du stehst im Garten und weinst / Aber du lächelst dabei / Du sagst 'Dann bleib' ich allein / Weil du dich niemals entscheidest'“. Trotz aller Melancholie ist die Höchste Eisenbahn nie eine traurige Band. Anders als viele – vor allem Hamburger – Singer-Songwriter-Kollegen lebt die Höchste Eisenbahn nicht vom Schwermut, sondern von pulsierender Energie. Immer treibt irgendwo ein Beat, Rhythmenwechsel überraschen. Hier und da nimmt das Ganze World-Music-Wege in bester „Graceland“-Tradition, nur um dann mit 80s Synthies entgegengesetzte Pfade einzuschlagen. Bei „Was machst du dann“ übernimmt das Publikum gegen Ende des regulären Sets den Kinderchor. Das ausverkaufte Merlin ist im ekstatischen Zustand puren Glücks. Auch die einstigen Störer sind im harmonischen Ganzen integriert, Teil der umarmenden Kraft der Berliner Band. 


Italienisch singend steigert sich Wilking in „Die Uhren am Hauptbahnhof“ in ein fantastisches Crescendo, das zeigt, dass auch der schwächste Song des durchweg genuinen Albums, live keinesfalls im Vergleich zu anderen Stücken abfällt. 
Drei Zugaben gibt es abschließend. Das ernüchterte Auseinanderlebungslied „Die Nacht übertreibt“ wird zur großen Solo-Show Krämers, der allein auf die Bühne zurückkehrt und sich auf der Akustikgitarre begleitet. Nach und nach setzt die Band ein, Wilking singt mit, Zwischenapplaus als natürliches Resultat. Der Titeltrack des Albums mit seiner Paul-Simon-Rhythmik und „Der Himmel ist blau (wie noch nie)“ mit der wohl schönsten Verwendung des Konjuktivs im deutschen Pop folgen, bevor das Konzert endgültig vorbei ist. 
Mit Ausnahme von „Tschernobyl“ spielt Die Höchste Eisenbahn all ihre bisher veröffentlichten Songs und beweist ein für alle mal, dass sie derzeit das Maß der Dinge ist, die Speerspitze des deutschen Indiepops. Auch live. Meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Nie zuvor sah ich ein besseres deutschsprachiges Konzert. Ausnahmslos. Eine Band größer als die Summe ihrer herausragenden Bestandteile.
 


Setlist Die Höchste Eisenbahn, Stuttgart:

01: Aliens
02: Body & Soul
03: Jan ist unzufrieden
04: Vergangenheit
05: Pullover
06: Raus aufs Land
07: Isi
08: Alle gehen
09: Egal wohin
10: Allen gefallen
11: Blaue Augen
12: Mira
13: Was machst du dann
14: Die Uhren am Hauptbahnhof

15: Die Nacht übertreibt (Z)
16: Schau in den Lauf Hase (Z)
17: Der Himmel ist blau (wie noch nie) (Z)


Links: 
- aus unserem Archiv:
- 19.11.2013, Desiree Klaeukens, Stuttgart
- 18.11.2013, Desiree Klaeukens, Karlsruhe
- 21.07.2007, Tele, Rüsselsheim


Tourdaten Die Höchste Eisenbahn:

16.02.2014, Berlin, Lido (Ausverkauft) 
19.03.2014, Jena, Rosenkeller 
20.03.2014, Lörrach, Between the Beats Festival 
21.03.2014, Fulda, Kulturkeller 
12.04.2014 Husum, Husum Harbour 
01.06.2014 Berlin, Lido (Zusatzshow) 
06.-08.06.2014, Beverungen, Orange Blossom Special 
25.-26.07.2014, Reutlingen, Burning Eagle-Festival


Montag, 2. Dezember 2013

Desiree Klaeukens, Stuttgart, 19.11.2013

1 Kommentare

Konzert: Desiree Klaeukens
Ort: Ein Wohnzimmer, Stuttgart
Datum: 19.11.2013
Dauer: etwa 80 Minuten


Alle Fotos: © David C. Oechsle
Desiree Klaeukens lugt vorsichtig unter ihrer Wollmütze hervor, der Soundcheck lief gut, der Gitarrist neben ihr nickt. Gemeinsam mit Florian Glässing ist die junge Berlinerin auf kurzer Deutschlandtour, bevor Auftritte mit Cäthe sowie Francesco Wilkings und Moritz Krämers Band Die höchste Eisenbahn anstehen und das Debütalbum erscheint. Neben einigen Clubkonzerten organisierte die Booking-Agentur ihres Hamburger Labels, tapete records, auch drei Wohnzimmerkonzerte. Das erste fand am Vortag bei Gudrun in Karlsruhe statt. 
Am späten Nachmittag hält der Renault Twingo der Beiden vor dem Elternhaus meiner Freundin in Stuttgart, die Stimmung ist entspannt, wenig später erscheinen die ersten Gäste. Die E-Gitarre hinter Klaeukens wirkt wie ein Deko-Objekt, als die Singer-Songwriterin mit Begleitung des hervorragenden Gitarristen und Tom Liwa-Mitmusikers Florian Glässing vor das Wohnzimmer-Stammpublikum tritt. 

„Und was ich für dich fühle, das behalte ich erst mal nur für mich“, singt die gebürtige Duisburgerin in „Willst du wissen“, dem ersten Stück ihres Sets. Klaeukens gelingt es scheinbar mühelos, die großen Themen anzupacken, ohne daran zu scheitern. Was bei den meisten deutschen Chansonettes in prätentiösen Worthülsen verenden würde, besingt die zierliche Endzwanzigerin in einer klaren Sprache, in der selbst pathetische Sätze bodenständig wirken. „Ich würd' mich verkaufen, ich geb' alles für dich her“, heißt es im selben Song. 
Zweistimmige Gitarren, Glässings Harmoniegesang und die kühle Aura der Sängerin entfalten ihren eigentümlichen Reiz im wunderbaren Zusammenspiel mit der sensiblen Lyrik. Klaeukens wirkt im besten Sinne uneitel, lässt an die musikalische Unschuld der jungen Suzanne Vega denken. Assoziationen, die sie zur Antithese der grauen Masse deutscher Singer-Songwriterinnen machen. Alin Coen und Cäthe mag man großartig finden, doch Klaeukens schreibt die besseren Songs. 

 Wohnzimmerkonzerte können Menschen nach langer Zeit zusammenführen: „Ist Maike schon da?“ Eine Jugendfreundin, mit der Klaeukens einst im Ruhrpott Handball spielte und die sie seit gut 15 Jahren nicht mehr gesehen hat, kündigte sich im Vorfeld an. „Maike hat mir mal ein blaues Auge geworfen“, erinnert sich Klaeukens lächelnd. Heute spielt Maike für Göppingen in der Handball-Bundesliga, ihr Kommen wird von den anwesenden Konzertgängern schließlich bejubelt, nachdem Klaeukens zuvor nach jedem Song mit freundlich-nüchternem Ton die erwähnte Frage wiederholte. Herzliche Umarmungen folgen. 
 „Die Züge fahren dich heut irgendwohin / und ich seh dir hinter her und ich bin froh, / dass ich nicht mitgefahren bin, / denn ich bleib viel lieber hier“, singt Klaeukens in „Züge“, ihrer rührenden Fernbeziehungsode mit dem Credo „Und Manchmal bringt die Entfernung uns näher / Als ein Bett, das wir uns teilen“. 
Schon kurz nach der Veröffentlichung ihrer „Warm in meinem Herz“-Debüt-EP hat sich der tapete records-Shooting Star seinen Platz unter den ersten Liedermacherinnen Deutschlands verdient. Auftritte mit Niels Frevert oder Gisbert zu Knyphausen sind starke Referenzen, denen die junge Sängerin heute Abend vollends gerecht wird. Weder häufiges Stimmen der Gitarren noch ein verpasster Einsatz können diesen positiven Eindruck trüben. Mit Texten, die gefühlvoll zwischen Abschied, Liebe und Tod changieren gelingt es freilich nicht jedem zu glänzen, wie spielend es Klaeukens meistert, ist umso wichtiger zu betonen. 

Tapete setzt häufig auf die richtigen Künstler und immer auf Qualität. Spätestens „Warm in meinem Herz“, die erste Single, ist der unstrittige Beleg dafür, dass die Wahl-Berlinerin keine Ausnahme ist. Attitüde, Musik und Performance verschmelzen, Klaeukens Aufstieg zum Liebling von Musikpresse und Feuilleton ist vorprogrammiert. 
Nach einer kurzen Pause darf auch Florian Glässing einen Song vorstellen und verstreut mit „Koksen“ fast nebenbei Zweifel an Tom Liwas Aussage, Glässing sei einer der besten Songschreiber des Landes. „Kennt hier jemand die Flowerpornoes“, fragt Glässing. Einzelne Stimmen bejahen. Als letzte Zugabe folgt „Ich will nun mal irgendwo hin“ und den Beiden gelingt eine traumhafte Ehrerweisung an den großen Tom Liwa und seine Band: „Es braucht nicht viel um alles kaputt zu machen / Aber ich kann es auch lassen.“ 
 Zum Ende des regulären Sets hängt Klaeukens sich schließlich doch die E-Gitarre um und und deutet die Vielseitigkeit ihres im Januar erscheinenden Debüts „Wenn die Nacht den Tag verdeckt" an. 


„Der Mond glüht!“ Wie sie so dasteht, mit der Mütze und dem dunklen Blazer, fühle ich mich beim Blick auf die silsichere Musikerin urplötzlich an Moritz Krämers „Mitbewohnerin“ erinnert. Vielleicht gar nicht so überraschend, bedenkt man, dass ihr hochbegabter Label-Kollege auf ihrem Erstlingswerk Chöre eingesungen hat. Die tapete-Familie wächst, die Ergebnisse bleiben auf gewohnt erstklassigem Niveau. 


Tourdaten:
 (mit Die Höchste Eisenbahn)
08.01. Hamburg - Knust 
09.01. Darmstadt - Centralstation 
10.01. Köln - Studio 672 
11.01. Stuttgart - Merlin 
05.02. Dresden - Groove Station 
06.02. Wien - B72 
07.02. München - Kranhalle 
08.02. Erfurt - Museumskeller 
09.02. Essen - Zeche Carl 
11.02. Aachen - Musikbunker 
12.02. Leipzig - Nato 
13.02. Hannover - Lux 
14.02. Bremen - Tower 
15.02. Osnabrück - Glanz & Gloria
16.02. Berlin - Lido

Links:
- aus unserem Archiv
- Desiree Klaeukens, Karlsruhe, 18.11.2013

Mittwoch, 20. November 2013

Desiree Klaeukens, Karlsruhe, 18.11.13

1 Kommentare

Konzert: Desiree Klaeukens & Florian Glässing
Ort: Karlsruhe
Datum: 18. November 2013
Dauer: 85 min
Zuschauer: 12


Sehr oft werde ich gefragt: Wie kommst Du an die Künstler, die in Eurem Wohnzimmer spielen? Darauf gibt es viele verschiedene Antworten. Desiree hatte beim Sound of Bronkow vor einem Jahr einen guten Eindruck bei mir hinterlassen.



Spezialist für die Künstler von Tapete ist in unserer Riege ja Jens. Ich hatte schnell aus dem Bauch heraus zugesagt und ließ anschließend den Abend einfach auf mich zukommen. Es würde in jedem Fall ein besonderer Konzertabend werden. Mehr fand ich nicht wichtig.


Florian und Desiree kamen zur Teezeit an und wir hatten damit Gelegenheit, noch ein bisschen aneinander zu schnüffeln, auch ein paar Varianten für das Konzert zu bedenken. Alles war vom ersten Moment an einfach und sehr nett und genauso war dann auch das Konzert. Es gab keine Distanz - für ein Lied setzte sich Desiree sogar zwischen uns Zuhörer. Es gab andächtige Aufmerksamkeit für die Musik. Florian und Desiree wirkten wie ein eingespieltes Team und konnten sich gut aufeinander verlassen - mitunter mit einem Lächeln oder einem leise geflüstertem Schimpfwort als Schmiermittel. 


Desiree gab uns Texte zum kosten, die mit Präzision und etwas understatement gewürzt waren und Melodien, die in der fast akustischen Version mit zwei Gitarren sehr auf ihren Kern zurückgeworfen waren. Was ihnen bestens bekam - in meinen Augen ein untrügliches Zeichen für Qualität. Und was uns allen Lust auf das Album machte, welches im Januar 2014 erscheinen wird und natürlich gaaaanz viele Instrumente und aufwändige Arrangements bieten wird.


Schwierig war an dem Abend eigentlich nur ein Moment: der, als wir einsehen mussten, dass nun definitiv Schluss sein musste. 

Für alle, die nun neugierig geworden sind, kann ich nur das Studium der Tourdaten weiter unten wärmstens empfehlen. So intim wie bei uns wird es noch in Würzburg (am 20. November). Danach sind die Bühnen größer. 

Setlist:
1: Willst du wissen
2: Will dich zu sehr
3: Züge
4: Verliebt in dich
5: Es ist nicht immer
6: Herbst
7: Kokse
8: 2 Tage
9: Zwischenraum
10: Fallen
11: Warm in meinem Herz
12: Kompliziert
13: Ich will nun mal nirgendwo hin

14: Flowerpornoes cover (Z)


Tourdaten:
20.11. Würzburg - Wohnzimmerkonzert (clarahoffmann@web.de)
21.11. Berlin - Lido

als Support für Cäthe:
22.11. Hamburg - Knust
23.11. Rostock - Helgas Stadtpalast
25.11. Leipzig - UT Connewitz e.V.
26.11. Jena - F-Haus
27.11. Dresden - Scheune
28.11. Cottbus - Bebel

als Support für Die Höchste Eisenbahn
08.01. Hamburg - Knust
09.01. Darmstadt - Centralstation
10.01. Köln - Studio 672
11.01. Stuttgart - Merlin
05.02. Dresden - Groove Station
06.02. Wien - B72
07.02. München - Kranhalle
08.02. Erfurt - Museumskeller
09.02. Essen - Zeche Carl
11.02. Aachen - Musikbunker
12.02. Leipzig - Nato
13.02. Hannover - Lux
14.02. Bremen - Tower
15.02. Osnabrück - Glattgart



Aus unserem Archiv
Desiree Klaeukens beim Sound of Bronkow in Dresden 2012

Sonntag, 9. September 2012

Sound of Bronkow Festival Tag 3, Dresden, 02.09.2012

2 Kommentare

Sound of Bronkow Festival - dritter Tag
Ort: Dresden (Societätstheater)
Datum: 2. 9. 2012 12:00 - 18:30 Uhr und 20:00-23:00 Uhr
Zuschauer: 50-300

Der dritte Tag des Festivals hatte zwei Teile: einen Singer Songwriter brunch im Garten und ein abendliches Konzert in der Dreikönigskirche.

Ab 12 Uhr spielte Desiree Klaeukens mit ihrem Gitarristen Florian Glässing locker und sympatisch und länger als geplant, da House of Wolves wegen Zugverspätung erst einen späteren Slot wahrnehmen konnte. Es war gerade richtig, um ruhig in den Tag zu kommen.

The Coloradas sprang dann noch spontan für ein kurzes Set ein und weckte uns doch etwas nachdrücklicher auf, bevor etwa 13:30 Uhr House of Wolves (das ist Rey Villalobos)
sein ätherisches Set beginnen konnte. Das Programmheft versprach hier: "Villalobos´ Stimme klingt, als würde eine männliche Elfe (jaja, solche Vergleiche darf man nich machen, wissen wir) tröstende Lieder singen und erinnert in manchen Momenten angenehm an Nick Drake oder Sufjan Stevens. Dazu betörende, entrückte Songs, die in ihren Videos völlig zu recht in Ozeane von Licht gebadet werden." Und dieses Versprechen erfüllte sich aufs schönste.


Richtig gespannt war ich auf das Projekt Redwood Red von Emma Gatrill und Cathy Cardin. Angekündigt hatten es die beiden Damen von Sons of Noel and Adrian als ihr Projekt mit Harfe und Gitarre. Es waren dann aber sogar 4 Leute auf der Bühne, weil es noch Unterstützung an Bass und Schlagzeug dazu gab. Gute Unterhaltung bot sich schon während des Soundchecks. Ich weiß nicht, wie viele Fotos ich von Emma gemacht habe, wo sie lacht und Witzchen macht. Es war dann aber auch musikalisch eine sehr gelungene knappe Stunde zusammen. Die künstlerischen Handschriften der beiden Damen waren deutlich zu unterscheiden, ergänzten sich hier aber sehr schön. Im Vergleich zur großen Band ging es hier ruhiger und nachdenklicher zu, auch rhythmisch nicht ganz so vielschichtig, aber es war schon eher artifizieller Folk. Die Harfe ist natürlich ein sehr schönes Instrument und gibt der Musik eine ganz eigene Note. Es kamen aber auch die Klarinette zum Zug und es gab eine Stepdance-Einlage von Emma. Als Gartenmusik zum Nachmittag ein besonderes Schmankerl.

Sons of Noel and Adrian lauschen Fenster
Als letzter regulärer Tagesordnungpunkt im Garten durften Fenster den Schlusspunkt setzen. Auch sie füllten die Bühne mit vier Musikern bis an die Grenzen. Sie haben einen sehr eigenen Stil zum Teil sehr energetisch und wechselnden im Set öfter die Instrumente. Häufig wurden elektronische Sounds als Fluchtpunkte der Musik eingesetzt neben Glockenspiel und Schlagwerk. Offensichtlich waren hier im Publikum viele Fans dabei und man sah ganze Pulks von glücklichen Gesichtern.



Das abendliche Konzert in der Dreikönigskirche war ein Novum und sozusagen ein Experiment. Es liegt eigentlich nahe, diesen Ort zu bespielen, weil ohnehin der Kirchturm der Dreikönigskirche auf keinem Fotoset des Sound of Bronkow Festivals fehlt. Er schaut so schön tröstlich in den Garten und zeigt die aktuelle Uhrzeit an. Naheliegend ist es auch aus dem Grund, dass die Dreikönigskirche ein Zwitterwesen ist zwischen Kirche und Veranstaltungsort (als Haus der Kirche). Die sakrale Atmosphäre einer Kirche ist nur mehr andeutend vorhanden. Da die Kirche in ihrer jetzigen Form (nach der Zerstörung im Jahr 1945) erst in den 1980er Jahren wieder wieder aufgebaut wurde, war man so klug, das Haus für verschiedene Nutzungen auszulegen, weil die evangelische Gemeinde der Dresdner Neustadt gar nicht so groß ist, dass sie das Gotteshaus sonst füllen kann. Ein gewisses Risiko bestand trotzdem durch die ungewohnte Akustik des Hallenbaus und die Art, wie das Publikum auf Distanz gehalten wird durch die Sitzordnung.

Ich denke aber, das Experiment verlief zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten. Die drei Künstler Thos Henley, Tiny Ruins und Niels Frevert schafften es jeweils locker nur mit ihrer Gitarre bewaffnet den Raum einzunehmen und das Publikum für sich zu gewinnen. In einem ersten Teil waren sie ab 20 Uhr jeweils etwa 25 min Solo auf der Bühne. Nach einer 20 min Pause saßen dann alle Künstler vorn und wechselten das Podium untereinander.


Es war sehr sympatisch, wie Thos Henley zum überbrücken der Pausen beim Stimmen seine neu gelernten deutschen Sätze zum besten gab. Er ist seit einiger Zeit in Dresden und wird wohl auch wieder mit Oh, Othello unterwegs sein von Dresden aus. Er strahlte zunächst eine gewisse Nervosität aus, die er mit der langen Konzertpause begründete. Aber musikalisch gab es für diese Nervosität keinen Grund.

Tiny Ruins wurde hier schon sehr oft live begleitet. Sie hat die Gabe gleichzeitig zerbrechlich und kraftvoll zu singen. Ich glaube, in der Kirche kannten sie vorher nur sehr wenige. Es ist aber sicher keiner nach Hause gegangen, der nicht von dem Konzert aufs tiefste berührt und begeistert gewesen wäre. Nach dem Konzert hatten wir noch Gelegenheit uns ein wenig zu unterhalten. Sie wurde auf ihre Gitarre angesprochen, die in der Tat ein japanisches Fabrikat aus den 1970er Jahren ist. Mehreren Leuten war es ein Anliegen, sich persönlich für das Konzert zu bedanken und natürlich wurden auch CDs verkauft und signiert.

Niels Frevert hat ganz bestimmt schon viele verschiedene Konzertorte bespielt und trat doch auch etwas vorsichtig tastend auf, wie er mit der Atmosphäre des Raumes umgeht. Er hatte einen Barhocker dabei, dann wollte er doch lieber stehen. Aber ich denke, es hat ihm mit den Dresdnern doch auch Spaß gemacht.

Ein unbedingtes Highlight dieses ohnehin wunderbaren Konzertabends waren die Zugaben. Tiny Ruins akustisch aus dem Gang zwischen den Stühlen und Oh Othello vereint mit einem Lied "whiskey and fireworks", das sie im vergangenen Jahr zum Sound of Bronkow geschrieben hatten. Die Spielfreude der beiden zusammen zu sehen, war für mich ein ganz besonderes Geschenk. Sie befeuern sich gegenseitig und die Blitze gehen hin und her. Natürlich ist Thos Henley auch solo ein toller Künstler, aber mit Oh, Othello gewinnt Musik und Darbietung eine ganz andere Dimension.

So ging das Sound of Bronkow in der Ausgabe von 2012 zu Ende. Es hat mir viele Facetten gezeigt und wunderschöne Stunden geschenkt. Zeit mit musikalischen Freunden, Gelegenheit, neue Musik für mich zu entdecken und Zeit in einer so freundlichen Atmosphäre, dass ich 2013 sehr sehr gern wieder Anfang September nach Dresden fahren möchte und mich dann sicher wieder ganz als Gast von Kumpels and Friends bestens aufgehoben fühlen werde.



 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates