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Sonntag, 9. März 2014

The 1975, Stuttgart, 08.03.2014

2 Kommentare

Konzert: The 1975
Vorband: Trümmer
Ort: Wagenhallen, Stuttgart
Datum: 08.03.2014
Dauer: The 1975 etwas über eine Stunde; Trümmer 30 Minuten
Zuschauer: einige hundert (ausverkauft)



Selten lagen die Hobby-Enzyklopädisten von Wikipedia mit der Verleihung des Labels Indie so falsch wie im Falle der Boygroup The 1975 aus Manchester, die man dem Genre so sehr zurechnen kann wie 30 Seconds to Mars dem Alternative Rock. Also gar nicht. Dafür ist The 1975 angesagt, sogar schwer. Vor den Wagenhallen wartet eine lange Schlange auf den Einlass, selbstredend ist das Konzert ausverkauft. In England führte das Debütalbum direkt die Charts an, ist inzwischen Gold prämiert und selbst der schwierige US-Markt wurde geknackt. In Deutschland stieg man immerhin auf Platz 57 und wird auch hier in Zukunft noch größer werden. 
 Das Stuttgarter Publikum ist jung, auffallend herausgeputzt und fast komplett weiblich. Vor dem Konzert tritt ein Security-Mann an mich heran: „Der Fotograben ist verdammt eng, schau Dir das bitte mal vorher an.“ Und tatsächlich zwischen Bühne und Zuschauern ist wenig Distanz, in den ersten Reihen wird vornehmlich Englisch gesprochen und man nimmt dem Herren von der Security die Befürchtung, einige Fans könnten kollabieren, sofort ab. 
Dass eine junge Band, deren erfolgreichsten Videos auf Youtube weit über zehn Millionen Mal angeschaut wurden, polarisiert, versteht sich von selbst. Solche Bands werden gleichermaßen geliebt und gehasst. Die Gründe sind vielschichtig, das Resultat nicht. So kommt es, dass ich mir selbst ein Bild von den Live-Qualitäten des Quartetts machen möchte. Außerdem ist meine kleine Schwester zu Besuch, die sich die Band gerne ansehen würde und dann ist da noch der Support und der eigentliche Hauptgrund meines Besuchs: 


 Trümmer aus Hamburg begleiten The 1975 in Heidelberg und Stuttgart und auch beim vierten Mal können mich Paul Pötsch, Tammo Kasper und Maximilian Fenski mit einer souveränen Performance vor einem jungen Publikum begeistern, dessen Gros Fran Healy in „U16 Girls“ besungen haben könnte. Die vermutlich etwa zur Veröffentlichungszeit dieses Britpop-Klassikers geborenen Mädchen in den Wagenhallen hingegen dürften sich kaum für Travis interessieren.


Fokus der Hysterie ist „der Matthew“, ein junger, schlaksiger Mann mit Skrillex-Frise und ein paar Tattoos. Der Matthew heißt mit Nachnahmen zwar auch Healy, hat ansonsten aber wenig mit dem Travis-Sänger zu tun. Betrachtet man die Vorfreude der Fans zwischen Dehydration und ehrlicher Bewunderung einer schwer angesagten Band, ist es erstaunlich, dass es Trümmer gelingt, ein wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Gegensatz zum Hauptact ist das Hamburger Trio durchweg politisch, arbeitet mit Punk-Gitarren und Noise-Anleihen, setzt die Zeichen ganz auf Diskurs in Tradition der Hamburger Schule, selbst wenn man sich gegen derartige Labels sträubt.
Auch wenn die Reaktionen freilich weniger frenetisch ausfallen, als noch beim Silvester-Konzert in einer WG in ihrer Heimatstadt, kann die Gruppe einige der geschätzt 700 Zuschauer gewinnen. „Wo ist die Euphorie?“, fragt Pötsch im ersten Stück des Konzerts und man ahnt, an den Blicken der ersten Reihen, dass sie diese für ihren Matthew und die anderen Boys aufheben. Ab und an, wenn ich die Kamera Richtung Publikum drehe und blitzschnell freudestrahlend Arme in die Luft gerissen werden, lässt sich etwas von den ekstatischen Momenten erahnen, die kurz darauf folgen sollen. Währenddessen können Trümmer vor den Augen des befreundeten Die Nerven-Gitarristen Max Rieger wie erwartet überzeugen. 

Das Set ist kurz, erstaunlich roh und mitreißend. „Revolte“, „In all diesen Nächten“ und natürlich „Saboteur“ zum Schluss sind schon jetzt starke musikalische Statements einer Band, die erst im Frühsommer ihr Debütalbum veröffentlichen und die Indie-Gemeinde mit Babyshambles-Gitarren zur Blumfeld-Attitüde verzücken wird.


Setlist Trümmer, Stuttgart: 

01: Wo ist die Euphorie?
02: Revolte
03: In all diesen Nächten
04: Scheinbar
05: Schutt und Asche
06: Nostalgie
07: Saboteur


Es ist halb zehn als The 1975 das Konzert beginnen. Von Max Rieger ist nichts mehr zu sehen, dafür steht Ex-DSDS-Juror und Fanta-4-Entdecker Andreas Läsker in einigem Abstand zur Bühne. Der gravierende musikalische Unterschied zwischen Hauptact und Support zeigt sich auch an den prominenten Gästen. 
Unter tosendem Applaus betreten Healy (Gesang und ab und zu Gitarre), Adam Hann (Gitarre und Keyboards), George Daniel (Drums) und Ross MacDonald (Bass und Keyboards) die Bühne. Die Anspannung der Fangirls löst sich in ohrenbetäubender Euphorie. Der Sound ist dicht, die Stimme des Sängers gepitcht. Wie Oscar-Preisträger Jared Leto beherrscht der Frontmann die Klischee-Posen eines Rockstars spielend. Um so etwas zu sehen, muss man gewöhnlich wohl zu Linkin Park, den Killers oder eben 30 Seconds to Mars gehen. In den eher intimen Wagenhallen wirkt das alles eine Spur weit überzogen, die Band ist jetzt schon reif für die großen Mehrzweckhallen, die man in England längst bespielt. Versteckt unter einer schwarzen Kapuze, bewegt sich Healy während des Openers „The City“ wie Marilyn Manson, nach wenigen Songs entledigt er sich seines Hoodies und präsentiert im weißen T-Shirt seine Tätowierungen.
„Milk“, „M.O.N.E.Y.“ und „So Far“, irgendwie klingt das alles gleich und viel zu glatt, als würde dem Ganzen durch Playbackelemente ein wenig Feinschliff verpasst werden. Zumindest Healy singt live und mein Verdacht legt sich ein wenig, außerderm weiß er auch, dass er in „Germany“ ist und ist erstaunt, so manchen Groupie, der der Band hinterher reist, zu erkennen. „Hey you're from Finland. That's weird, but I like it.“ Über treue Fans verfügt das Kollektiv also schonmal und als "Heart Out“, „You“ oder „Girls“ und all die anderen gleich klingenden Wolpertinger-Songs tatsächlich lautstark mitgesungen werden, erkenne ich, dass es etwas geben muss, das diese Band auszeichnet, etwas, dass sie zu mehr als einer Projektionsfläche für Teenie-Mädchen macht. Eingängig ist das alles ja, das stimmt, und irgendwie auch angenehm leicht, trotz vermeintlichen Tiefgang in den Texten. Professionell und routiniert ist die Show und ich vermute, neben der ästhetischen Gesamtinszenierung, ist das der Trumpf von The 1975. 
Inmitten eines leuchtenden Quadrats, dem Markenzeichen der Band, trommelt George Daniel locker vor sich hin und wirkt in den wenigen unbeobachteten Momenten ein wenig wie der Schlagzeuger einer Schülerband. Es sind die ruhigen Stellen, in denen die Superstar-Fassade wackelt, an denen ich für einen kurzen Moment so etwas wie Sympathie für The 1975 entwickeln kann. Mit „Robbers“ verflüchtigt sich dieser sentimentale Moment und ich mache mich auf den Weg zur Toilette. Während The 1975 noch einmal aus dem Vollen schöpfen, Arme geschwenkt werden, läuft mir Paul Pötsch von Trümmer über den Weg, der das große Pop-Appeal der Engländer lobt. „Ich mag das“, sagt er, bevor sich der Hamburger verabschiedet und seine Band den Heimweg antritt. Am Nächsten Tag unterstützt man die befreundeten Riot-Grrrls von Zucker beim ersten eigenen Videodreh in Bremen. Einer der zahlreich mitgeschleppten Väter der 1975-Zielgruppe erkennt den Trümmer-Sänger, nickt ihm anerkennend zu. „Ihr wart viel besser.“ Natürlich hat er Recht. 

Als ich zurückkehre, lässt sich Healy im weißen Shirt feiern, die Bühne ist wie in all den Bandvideos in weiß-graues Licht und Nebel gehüllt, die Band zitiert die visuelle Kraft des Film Noir auf der Bühne und scheitert im Spannungsaufbau. Gerade wird „Chocolate“, einer dieser 10-Millionen-Klick-Songs gespielt, die Masse tobt, bevor mit „Sex“, das wahrhaft beste Stück des Quartetts gespielt wird, die Gitarre setzt sich über den flächigen Einheitsbrei hinweg, kurz schimmert ein gewisses Talent aus der erschreckend mediokren, grauen Masse der Band, durch den Nebel des Mittelmaßes hindurch. Zugaben gibt es keine, nach gerade einmal einer Stunde schlurfen die jungen Musiker unter hohen Kreischen von der Bühne, kein Winken, kein echter Abschied, der Matthew und die anderen Boys sind der Nacht entschwunden.
Nach Joy Division, den Stone Roses, Oasis, den Smiths oder auch Elbow ist die nächste vermeintliche Indie-Sensation aus Manchester langweiliger Mainstream-Pop an der Schnittstelle zwischen 30 Seconds to Mars und The Script. Den Fans, die mit dem Schlachtruf „madferit“ sicherlich wenig anfangen können, ist das egal. In England ist man auf dem Weg zum Superstar und auch Deutschland ist bald geknackt. Im Sommer warten hohe Slots bei Hurricane und Southside auf die nordenglischen Schwarz-Weiß-Poser. Auf dem Heimweg blicke ich ratlos meine Schwester an. „Ja, ich hab auch mehr erwartet“, gibt sie schulterzuckend zu.
Ich habe überhaupt nichts gegen guten Pop, diese Band leider ist erschreckend uninspiriert. Dann höre ich lieber Take That. Manchester, du kannst mehr.


Setlist The 1975, Stuttgart: 

01: The City
02: Milk
03: M.O.N.E.Y.
04: So Far
05: Talk
06: She Way Out
07: Settle Down
08: Heart Out
09: Pressure
10: Falling For You
11: You
12: Menswear
13: Girls
14: Robbers
15: Chocolate
16: Sex


Links:
- aus unserem Archiv:
- Trümmer in Stuttgart, 17.01.2014
- Trümmer in Hamburg, 01.01.2014
- Trümmer in Feldkirch, 15.08.2013
- Trümmer in Frankfurt am Main, 12.02.2013

Mittwoch, 22. Januar 2014

Trümmer, Stuttgart, 17.01.2014

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Konzert: Trümmer
Vorband: Tokyo Tower
Ort: Kulturzentrum, Merlin
Datum: 17.01.2014
Dauer: Trümmer 67 Minuten; Tokyo Tower 33 Minuten
Zuschauer: 60-70


Alle Fotos: © David Oechsle

„Entschuldigt, ich bin erkältet und klinge heute wie eine Mischung aus Tom Waits und Hildegard Knef.“ Paul Pötsch räuspert sich. „Du klingst wie Westernhagen“, schallt es irgendwo aus dem Publikum. „Westernhagen? Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz... Das geht schon in Ordnung, schätze ich.“ Trümmer aus Hamburg stehen am vierten Abend des Pop Freaks Festivals vor knapp 70 Zuschauern im Merlin und spielen mit Babyshambles-Gitarren zur Blumfeld-Attitüde ein mehr als solides Konzert. 
Nachdem ich Sänger und Gitarrist Pötsch und seine Mitstreiter Tammo Kasper (Bass) und Maximilian Fenski (Schlagzeug) auf einem ekstatischen Silvesterkonzert in einer Künstler-WG in ihrer hanseatischen Heimatstadt erleben durfte, ist klar, dass es schwer wird, heute, zweieinhalb Wochen später an diesen Auftritt heranzukommen. Es ist der Abschluss des zweiten Teils der „Saboteur“-Tour, ihrer ersten eigenen Konzertreise. Zwei Tage zuvor spielte man in Kassel und begeisterte, ein Lokaljournalist fühlte sich gar an die Entstehungsphase der Sex Pistols erinnert. So weit gehe ich nicht, doch gehören Trümmer zweifelsohne zur Speerspitze einer Reihe aufregend wie vielversprechender Bands mit differenzierter politischer Haltung und starken Songs. Wie Messer aus Münster und die schwäbischen Lokalmatadoren Die Nerven stechen Trümmer aus dem Einheitsbrei heraus. Schon beim Winterfest im KOMMA, dem Heimatclub der Nerven in Esslingen, glänzten Trümmer vergangenen Februar zwischen Messer, Zucker und den Gastgebern mit dem besten Auftritt des Abends. Selbstredend sind die Herren Kuhn, Rieger und Knoth auch heute im Publikum, obwohl sie selbst später ein eigenes Konzert beim Stuttgarter Filmwinter spielen. Man kennt und schätzt sich in der Szene. „Heute Abend spielen ausnahmslos die besten Bands Deutschland hier. Wir nehmen uns da nicht aus“, postulierte Nerven-Gitarrist Max Rieger letztes Jahr in Esslingen und bringt seine Wahrnehmung des Musik-Betriebs auf den Punkt. Heute revangiert sich Bassist Kasper: "Nachher spielt beim Filmwinter die beste Punkband Deutschlands, Die Nerven. Lasst uns da alle zusammen hingehen."
Hinter den Musikern prangt der Bandname in beleuchteten Lettern. Die Show kann beginnen. Als Trümmer nun nach dem Support-Set des Electro-Künstlers Michael Fiedler alias Tokyo Tower, den man lokal für seine Arbeit mit Hüttenzound oder Anna Gemina kennt, mit „Schutt & Asche“ eröffnen, zeigen sie, warum Rieger mit seiner These zumindest im Genrerahmen zwischen Noise-Punk, Punk und Diskursrock recht haben könnte. 


Das Hamburger Trio spielt vor den Augen Pötschs Eltern, Carsten Erobique Meyer und der Sängerin Sophia Kennedy mit großem Elan. Maximilian Fenski bewegt sich mit ausladenden Bewegungen stets an der Grenze der Verausgabung, muss gegen Ende sein Hemd öffnen. Derweil pendelt Tammo Kasper im dunklen Sakko vor und zurück, singt immer wieder mit und spielt einen sehr punkigen Bass. 
Nach langer Verweigerung von Facebook und der Infrastruktur des Internets, findet man seit Jahresbeginn ebendort auch statt. Songs entdeckt man hier freilich auch heute nur sehr wenige. Mit Ausnahme der Vinyl-Single mit Doppel-A-Seite „In all diesen Nächten“/“Der Saboteur“ finden sich nur einige verwackelte Live-Mitschnitte auf Youtube. Dass hohe Erwartungen in das Album gerechtfertigt sind, beweisen beispielsweise „Revolte“ und „Straßen voller Schmutz“, die das politisch denkende Kollektiv „straight aus dem Gefahrengebiet“ mitgebracht hat. „Ihr kennt diese Probleme ja aus eurer Stadt. Ihr wisst, was bei Demonstrationen passieren kann.“ Man ist geneigt, die Gruppe einseitig für ihr politisches Songwriting zu schätzen, doch übersieht man dabei dann die durchaus gekonnt gefertigten Liebeslieder. „Papillon“ zum Beispiel ist wohldosiert romantisch und mit seiner klaren Bildsprache fest integriert in die Gesamtästhetik der jungen Band. Manchmal wirkt die Textschwere ein wenig erschlagend wie in „Nostalgie“, vielleicht eine Spur altklug, aber das machen andere wunderbare Verse und das grandiose Zusammenspiel locker wett. 


Tatsächlich habe ich in Deutschland in letzter Zeit selten derart versierte Indie-Gitarren gehört. Es tut gut, die Kinder meiner Generation, die mit den Libertines und Strokes popmusikalisch sozialisiert wurden, auf der Bühne zu sehen. Musikalisch ist das erfrischend und könnte ein Wegweiser für die nächsten Jahre sein. „Wo ist die Euphorie?“ Pötschs Stimme überschlägt sich erkältungsbedingt immer wieder, aber er ist noch „nicht drüber“, wie er befürchtet. Vielmehr betont das ungewohnt Raue einige Momente seiner Lyrik überraschend deutlich, während der Auftritt immer intensiver wird. Besonders spürbar wird die Energie während „Macht“, als Pötsch in die Knie geht und das Mantra des Songs wiederholt. Vor uns steht eine äußerst ambitionierte Gruppe, der es gelingt eine wichtige Tradition des deutschen Indie-Rocks in der Gegenwart zu erhalten: Das kritische Hinterfragen akzeptierter Normen, die Auseinandersetzung mit tatsächlichen Problemen kam in den letzten Jahren weitgehend zu kurz. Trümmer wagen es in einer plakativ unpolitischen Epoche der deutschen Popkultur Haltung einzunehmen. Das verdient größte Anerkennung. 
Dass außerdem mit „Der Saboteur“, „Scheinbar“ und „In all diesen Nächten“ das Set dann großartig enden kann, belegt die Reife der Hamburger, die den geschickten Spannungsaufbau eines Konzerts locker beherrschen. Zur Zugabe kehrt Pötsch alleine zurück und überrascht mit einer formvollendeten Coverversion des Libertines-Standards „Music When the Lights Go Out“. Nebenbei offenbart er allen Skeptikern, welch formidabler Songschreiber in diesem Peter Doherty steckt. Die Referenzen zu all den Projekten des letzten großen Barden aus Albion gipfeln im bestechenden Tribut. Zu „Morgensonne“ kehren die Mitstreiter des rothaarigen Sängers und Doherty-Verehrers in Jeansjacke zurück und setzen an der richtigen Stelle mit den passenden Klängen nach. Mein ehemaliger Mitbewohner meinte vor dem Konzert zu mir, Trümmer würden wie die Babyshambles klingen. Er hat ja so verdammt recht. 
Dann zieht der Tross weiter. "Wir verlassen die gemäßigten Zonen." Die Nerven rufen.



Setlist Trümmer, Stuttgart:

01: Schutt & Asche
02: Die 1000. Kippe
03: Straßen voller Schmutz
04: Revolte
05: Papillon
06: Nostalgie
07: Wo ist die Euphorie?
08: 05:30
09: Zurück zum nichts
10: Macht
11: Der Saboteur
12: Scheinbar
13: In all diesen Nächten

14: Music When The Lights Go Out (The Libertines-Cover) (Z)
15: Morgensonne (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Trümmer, Hamburg, 01.01.2014
- Trümmer, Frankfurt, 12.02.2013
- Trümmer, Feldkirch, 15.08.2013
- Anna Gemina, Stuttgart, 13.09.2013
 


Mittwoch, 8. Januar 2014

Trümmer, Hamburg, 01.01.2014

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Konzert: Trümmer
Ort: Eine Künstler-WG in einem Künstlerhaus in Hammerbrook, Hamburg
Datum: 01.01.2013
Dauer: 47 Minuten
Zuschauer: >50


Foto wurde uns von Trümmer zur Verfügung gestellt.
 „Nehmt euch, eure Wünsche ernst und nehmt eure Träume ernst. Das ist das allererste Signal, das wir schicken wollen. Wischt nicht alles mit 'nem Witzchen weg, ironisiert euch selber nicht weg.“ Während des Haldern-Pop-Festivals, erklärt Paul Pötsch – Sänger, Gitarrist und Texter der Hamburger Gruppe Trümmer – in einem WDR-Interview die Haltung seiner Band. Überhaupt kreist die Lyrik des 22-Jährigen vehement um ernste Themen, diagnostiziert die Befindlichkeiten seiner Generation und die Probleme dieses Landes, rüttelt auf – und das ohne zu appellieren. Damit schreitet das Trio über ähnliche Pfade wie die politisch versierten musikalischen Vorreiter, dessen, was Musik-Journalisten einst Hamburger Schule tauften, und zu der sich öffentlich vermutlich ausschließlich die englischen Meister des pointierten Indie-Pops, Art Brut, zählen wollen („We are Hamburg school“). Trümmer setzen da an, wo die frühen Blumfeld um Jochen Distelmeyer einst erste Erfolge feierten und warten mit einer Ironiefreiheit auf, die sie von anderen deutschen Bands dieser Zeit abhebt. Ein Attribut das Trümmer in einer durchironisierten, von Yuppies der 90er und Hipster der 10er Jahre geprägten Popkultur zur Blaupause neuen endlich wieder einmal politischen Indie-Pops werden lässt. Live erzeugen Pötsch und seine Mitstreiter Maximilian Fenski (Schlagzeug) und Tammo Kasper (Bass) dazu tatsächlich eine rohe Energie zwischen frühem Punk und 00er-Jahre-Garagen-Gitarren a la Strokes und Libertines, deren Dandytum angenehm adaptiert wurde. 


Schon im Februar letzten Jahres während des KOMMA Winterfests in Esslingen von Trümmer überzeugt, bin ich in den frühen Stunden dieses Jahres überwältigt. In einer Künstler-WG im Hamburger Stadtteil Hammerbrook startet 2014 mit einem buchstäblich ekstatischen Konzert der Gruppe: Um 00.40 Uhr stehen Pötsch, Fenski und Kasper zwischen Plastikbechern und Schnapsflaschen auf der improvisierten Bühne neben dem Plattenteller eines DJs im rechten Eck des Wohnzimmers einer loftartigen Wohnung. 
In Anzügen und Hemden wirkt das alles stilvoll. „Schutt und Asche“, es geht los. Im Publikum kennt man sich, Trümmer sind im Szenebild fest integriert. Die Intensität eines Konzerts an der Quelle ist immens, Kasper pendelt vor und zurück, Fenski drischt hart auf sein Instrument ein, während im ganzen Raum getanzt wird. „Und die Welt macht keinen Sinn“, skandiert Pötsch in „Macht“. 
Songs und Performance sind stimmig, die Qualität des bald erscheinenden Debüt-Albums lässt sich erahnen. Aufgenommen in einem Bauernhof irgendwo in der norddeutschen Provinz, kann man fest davon ausgehen, dass die rohe Live-Energie auch auf Platte generiert werden kann. Tocotronic platzierten in ihrem letzten Album in seinem stärksten Song das Schlagwort „Revolte“ prominent. Dass der gleichnamige Song Trümmers ebendiesem das Wasser reichen kann, soll an dieser Stelle als Gütesiegel festgehalten werden. Kritiker der Band mögen all das prätentiös finden. Das aber muss keineswegs negativ ausgelegt werden. Tocotronic leben davon, Kraftwerk werden seit einiger Zeit  für den denkbar prätentiösesten Akt zurecht gefeiert – nämlich den der musealen Retrospektive, während man doch auch einfach auf Greatest-Hits-Tour gehen könnte. 


„Straßen voller Schmutz“ werden besungen und im Kontext der jüngsten Ausschreitungen auf der Schanze und der Einrichtung so genannter Gefahrenzonen ebendort und auf St. Pauli scheinen die Trümmer-Songs der ideale Soundtrack dieser Tage zu sein. "Unsere Lügen sind wahrer als das, was ihr uns auftischt!"  
„Testament der Angst“ nannten Blumfeld eines ihrer herausragenden Alben. „Diktatur der Angepassten“ war der Schlüsselsong. Pötsch scheint sich seinen Distelmeyer zu Herzen genommen haben und transformiert die gewichtige Attitüde in die Gegenwart. Dass die derzeitige Single mit der Doppel-A-Seite „Der Saboteur“ / „In all diesen Nächten“ gefeiert wird, ist da nur folgerichtig. 
Die SPEX, deren Leser Trümmer auf den vierten Platz der Newcomer 2013 wählten, jauchzt in höchsten Tönen. Letztes Jahr trat man mit Dinosaur Jr. und Casper auf. Der sichere Hype um Trümmer steht in den Startlöchern.  Im vergangenen Festivalsommer wurde man in Haldern oder auf dem Melt! gefeiert, das Konzert im Künstlerhaus macht deutlich, dass 2014 vermutlich ähnlich erfolgreich wird. 
Spätestens als schließlich „Der Saboteur“ und „In all diesen Nächten“, die bisher einzigen im Netz verfügbaren Songs, entschlossen kredenzt werden, aus vielen Mündern mitgesungen wird, Fäuste in die Luft steigen, wird klar, dass der Aufstieg Trümmers zur Band, deren Relevanz allgemein anerkannt wird, kaum gestoppt werden kann. „In all diesen Nächten sind wir nicht brav sondern schlimmer.“ Paul Pötsch, Maximilian Fenski und Tammo Kasper verneigen sich, „Es ist 2014, Mann. Frohes Neujahr, Freunde!“, das war's. Frenetischer Beifall des Publikums. „Morgensonne“ als Zugabe, freundschaftliches Schulterklopfen mit Freunden, die Energie breitet sich aus, das Signal kam an, während mein Konzertjahr mit einer kleinen Perle beginnt. 


Setlist Trümmer, Hamburg:

01: Schutt und Asche
02: Macht
03: Revolte
04: Wo ist die Euphorie?
05: Straßen voller Schmutz
06: Die 1000. Kippe
07: Der Saboteur
08: 05:30
09: Scheinbar
10: Welten in uns
11: In all diesen Nächten

12: Morgensonne (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Trümmer, Frankfurt, 12.02.2013
- Trümmer, Feldkirch, 15.08.2013

Tourdaten:

14.01.2014, Dresden, Scheune
15.01.2014, Kassel, Schlachthof
16.01.2014, Düsseldorf, FFT
17.01.2014, Stuttgart, Kulturzentrum Merlin





















Samstag, 24. August 2013

Casper, Feldkirch, 15.08.2013

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Konzert: Casper
Vorband: Trümmer
Ort: Poolbar, Feldkirch
Datum: 15.08.2013
Dauer: Casper 75 Minuten / Trümmer etwa 30 Minuten
Zuschauer: etwa 1.000

Bericht von Fabian von Gefuehlsbetont:  


Naturgewalt trifft auf Liveshowgigant: Im idyllischen Rahmen unter Bergen legte Casper in seiner laufenden Festivaltour einen Zwischenstopp in Feldkirch ein, um das Abschlusskonzert in der Poolbar zu spielen. 
Im ländlichen Raum begeistert er die überwiegend jugendliche Masse und sorgt im sommerlichen Ambiente für ein gewohnt intensives, wenn auch überraschungsarmes Konzert und liefert dem Poolbar-Festival einen würdigen Abschluss. 
Der Himmel glänzt golden, die Stadt trägt Nirvana-Tanktops oder Mit Verachtung-Shirts, während sich eine Schar an gut gelaunten Menschen vor dem Alten Hallenbad tummelt. 
Derweil spaziert die Band des Abends noch in der Stadt herum. Star-Allüren sind hier Fehlanzeige, so besucht Band-Fokus Casper alias Benjamin Griffey regelmäßig Fans auf den Campingplätzen, wenn er im Sommer auf Festivals spielt. Heute ist er zu Gast in Feldkirch, eine überschaubare und geschichtsträchtige Kleinstadt in Vorarlberg, Österreich. 
Vor dem Konzert treffen sie niemanden in der hiesigen Pick up-Bar an, in der Poolbar später knapp tausend Konzertwütige. Nach sechswöchigem bunten Festivalprogramm der Poolbar, mit Konzerten von Tocotronic, Bad Religion, Kate Nash oder Friska Viljor findet dieses mit Casper nun ein Ende. Dieser hat bereits einen Lauf, spielte schon auf Rock am Ring, splash! oder dem Deichbrand und wird einen Tag später direkt zum Frequency fahren. 
Auf den Leinwänden der Poolbar-Halle werden die Highlights der letzten Wochen gezeigt, viele Anwesende waren mehrfach zu Besuch. Dies zeigt, wie gut das breitgefächerte Programm der Poolbar angenommen wird und Menschen trotz großer Unterschiede der einzelnen Szenen zusammenbringt. Wer könnte dies besser aufzeigen als Casper, der einst in Hardcorebands sang, zum Rap fand und dessen Musik von Indie-Bands geprägt ist. 
Mit seinem Meisterwerk XOXO begeisterte er vor zwei Jahren szenenüberschreitend, riss die Ketten des Raps auseinander und zog Massen an. Nun schmückt das neue Casper-Backdrop den Raum, dem Cover des neuen Albums Hinterland, das am 27.09.2013 erscheint. Einen Song daraus spielte er bereits auf dem diesjährigen splash!, dem wohl bedeutendsten deutschen Hip Hop-Festival, die neue Single Im Ascheregen wurde bereits veröffentlicht. Dennoch verzichtete er in Feldkirch auf diese, dafür ist der splash!-Auftritt dann doch zu besonders, um anderen Terminen ebenfalls neues Material zu präsentieren. Nach XOXO ist die Erwartungshaltung und freudige Anspannung unter Fans wie Kritikern hoch. 
Dass nach vielen Touren zum letzten Album die Live-Qualitäten keineswegs verblassen, zeigte auch der Auftritt in Feldkirch. Um 21 Uhr lässt seine Band mit einem instrumentalen Intro früh erahnen, wie der Abend werden wird. Benjamin Griffey springt in die Mitte, wechselt oft die Seiten und sofort sind alle Stimmen da: Auf und Davon dient seit längerem als Opener, vor zwei Jahren begeisterte man im dunkelblauen Nebel mit Wolfsmasken mit Der Druck steigt, einem äußerst feinen Beginn für ein Konzert. Diesen nutzt Casper nun für die Zugaben – so auch heute. 



Wer Casper noch nie live sah, bekommt in Feldkirch wie auch auf allen anderen laufenden Festivalterminen ein Standardset, das es in sich hat. Klar XOXO-geprägt, aber auch Medleys (Alles verboten, Mittelfinger hoch, Guten Morgen Herzinfarkt) und Songs aus alten Tagen (Unzerbrechlich, Hin zur Sonne) sind mit dabei. Trotzdem würden kleine Variationen der Setlist gut tun. So fehlen Songs wie Die Welt steht still oder Alaska, die es vor einiger Zeit noch live zu hören gab. Auch 230409 wäre denkbar. 
Die Band und Casper selbst haben Spaß – doch es fordert auch Professionalität, jeden Tag vor anderen Leuten das exakt gleiche zu spielen. So ist Casper, wie er selbst vor Unzerbrechlich erwähnt, vom verkannten Underground-Emo-Rapper zum Berufsmusiker geworden. Waren die Clubs vor einigen Jahren nur spärlich besucht, sind sie heute brechend voll. Die Leinwände in der breiten Halle werden auf einmal notwendig, wenn Dirigent Casper sagt, was zu tun ist. Er hat die Masse fest im Griff, weiß, wie er sie kriegt. Nur werden seine immergleichen Ansagen wie „Habt ihr Bock?“, „Schreit so laut ihr könnt!“, „Alle springen jetzt!“ irgendwann lästig, zumal Casper das Publikum auch ohne ständige Imperative mit seiner Musik begeistert und zur Ekstase bringt. 
Das steckt bereits in der Intensität seiner Aufnahmen, ein zusätzliches Aufwirbeln wäre kaum nötig. Genauso wie den Schrei-Wettbewerb bei Mittelfinger hoch, der mit dem alten ‘Unentschieden’-Witz seitens der Band zwar in Ironie trieft, aber gähnend langweilig geworden ist. Bei Michael X bittet er dann um Ruhe und verlässt nach dem aufwühlendsten Song im Set die Bühne. 
Anders geht das die heutige Vorband Trümmer an, die wie Casper von Landstreicher Booking betreut wird. Diese begrüßt den noch halbvollen Saal freundlich, aber unspektakulär mit “Es ist 20.30 Uhr – Zeit für ein bisschen Punkrock.” und macht damit gleich eine Ansage. 


Im dritten Song Scheinbar nehmen sie eben jenes ermüdendes Publikumsentertainment ein wenig auf die Schippe, als sie sich sehr überschwänglich nach dem Wohl im Publikum erkundigen und dabei nur eine Verbindung zum folgenden Song herstellen, der mit der Zeile “Scheinbar geht es allen gut” die Antwort von Paul Pötschs Frage erneut wiedergibt. Neben durchaus poppig-eingängigem, selbsternannten Punkrock erinnern Trümmer in ihrer Formation als Trio mit roten Instrumenten an frühe, weniger protestierende Tocotronic (Auch wegen der Trümmer-Songtextzeile “Ich starte die Revolte”) und an verbissenere Die Sterne, Mikroboy oder Ja, Panik. 
Mit ihrem deutschsprachigen Indie-Rock und der Herkunft Hamburg ist für eine Verbindung zur vielbesagten Hamburger Schule schon einiges gegeben, die junge und nonchalante Band hätte sicher auch kein Problem mit dieser Einordnung. Die Haltung ist eher die: Wir spielen euch ein paar Songs und ihr fühlt euch gut dabei, wir haben genauso Spaß. Der Band kann man die Freude am Musizieren deutlich ansehen, sie spielen druckvoll und brillieren mit frischem Indie-Sound, der von Paul Pötschs kantiger Stimme umgarnt wird. 
Zudem ist die Band äußerst adrett gekleidet und liefert zu ihrem beinahe overdressed-wirkenden Outfit stabilen Pop mit guter Lyrik, stets auf der Suche nach Wegen, Gründen oder dem Sinn und sorgen dennoch für tanzbare Momente. Nach üblichen dreißig Minuten Spielzeit beenden Trümmer ihr Set mit In all diesen Nächten und skandieren gemeinsam mit dem Publikum Cas-per im “oh-oh”-Chor am Ende des Songs. Dieser Song ist zudem das einzige Fundstück im Internet, denn mehr als dieses Youtubevideo findet man nicht. 
Leider wirkt das bisher anwesende Publikum vom guten Auftritt der Band weniger angetan, sondern unbeteiligt und gelangweilt. Dies ist eine fast schon typische Erscheinung bei Casper-Konzerten, die von hartgesottenen Fans belagert werden und sich bis auf Benjamin Griffey’s eineinhalb Stunden kaum für etwas anderes interessieren. So haben die einen exzellente Wartemusik und die, die sich öffneten, einen überzeugenden Trümmer-Auftritt gesehen schnell vergessen, sobald Casper auf der Bühne steht und sich seinem Publikum trotz Massenbegeisterung liebevoll widmet, ihm Komplimente macht, Wasser verteilt und auf viele einzelne eingeht, von deren Freude er sichtlich angetan ist.
 Gemeinsam singen sie für Keyboarder Konrad Happy Birthday am heutigen Tage. Das ist wiederrum der Casper, in den sich die Mädchen verlieben. Lässig, cool und nie arrogant – er zeigt ihnen, dass Überheblichkeit und Egozentrik nicht sexy ist. Kein Wunder, dass er als Sprachrohr der Jugend gilt, was man auch am jungen Alter des Publikums feststellt. Die leichte Kehrseite sind die vielen, treu ergebenen 14-jährigen Fangirls in der ersten Reihe, die Griffey bindungslos und abgöttisch verfolgen. 
Diese junge und leidenschaftliche Schar himmelt den bodenständigen 30-Jährigen wie einen Popstar an, er ist Idol und Kultfigur zugleich. So sehr es auch nicht passt, wird der Bielefelder sie nicht los werden. Doch zumindest tut es gut, dass eben jene Mädchen qualitativ hochwertiger und inhaltsstarker Musik folgen und sich nicht an schiefe Figuren im gleichen Genre hängen. 
Casper hingegen ist fast schon ein fürsorglicher Vater und vermittelt die Größe seiner persönlichen Helden an die Kids weiter: So lernen sie nicht nur Turbostaat (Michael X), Bruce Springsteen und Joy Division (Kontrolle/Schlaf) oder The Smiths (XOXO) kennen, sondern auch den Sound von Odd Future bei Rock’n'Roll, Kanye West bei Guten Morgen Herzinfarkt und Cas in Paris sowie Jay-Z. Wenn das nicht reicht, liegen sich nach dem fulminanten So perfekt-Radiohit bei Don’t look back in Anger alle in den Armen, selbst Trümmer sind auf der Bühne zum Mitsingen zurück. Casper, ein bekennender Oasis-Fan, singt lautstark und mit weicher Stimme. Jetzt ist wirklich alles perfekt.


Setlist Casper, Feldkirch:

01: Auf und Davon 
02: Casper Bumayé! 
03: Die letzte Gang der Stadt + Ms. Jackson (OutKast) 
04: XOXO 
05: Unzerbrechlich 
06: Das Grizzly Lied 
07: Rock'n'Roll / Alles verboten 
08: Blut sehen 
09: Medley (Cas in Paris, Guten Morgen Herzinfarkt, Mittelfinger hoch) 
10: Hin zur Sonne 
11: Lilablau 
12: Michael X 

13: Der Druck steigt (Z) 
14: So perfekt (Z) 
15: Don't look back in anger (Oasis Cover) (Z) 


Links:
- aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann und Band feat. Casper, Mannheim, 01.06.2013
- Trümmer, Frankfurt, 12.02.2013 
- Casper, Trier, 10.12.2011




Mittwoch, 13. Februar 2013

Dinosaur Jr., Frankfurt, 12.02.13

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Konzert: Dinosaur Jr.
Ort: Batschkapp, Frankfurt
Datum: 12.03.2013
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: Dinosaur Jr. gut 90 min, Trümmer 35 min



Auch in der Ruhe zu Hause höre ich kein Dauer-Piepsen, meine Ohrenschützer haben gute Dienste getan! Puh! Es war laut in der Batschkapp, es war sogar verflucht laut, Dinosaur Jr. spielten vermutlich eines der lautesten Konzerte, die ich bisher gesehen habe (unangefochtene Nummer eins sind immer noch die Charlatans, denen ich nie solchen Lärm zugetraut hätte). J Mascis und Co. sind bekannt für brachial lärmende Shows, ich war also gut vorbereitet und hatte die heftigsten Filter in meine Ohrstöpseln gepackt. Die hatten Premiere und sollen in vier Wochen dann bei My Bloody Valentine zeigen, was sie taugen.


Um acht begann mit Trümmer das Vorprogramm. Es ist gerade in der deutschen Indieszene in, sich kurze (sprich zweisilbige) Bandnamen zu geben. Messer, Zucker, Trümmer... Über Zucker, das Hamburger Duo, das ich als Support der Sterne kennengelernt habe, und deren damals einzige Veröffentlichung, eine Split-Musikkassette hatte ich den Namen Trümmer zum ersten Mal aufgeschnappt. Die dreiköpfige Band stammt aus Hamburg und besteht aus Sänger und Gitarrist Paul Pötsch, Bassist Tammo Kasper und Schlagzeuger Maximilian Fenski. Die Vornamen der drei lassen schon auf ihr Alter schließen (post-Kevin), Trümmer sind sehr jung. Vielleicht spiegelt sich das ein wenig in ihren Texten wider, die enthielten mir zu viele Textbaustein-Floskeln, musikalisch merkte man der Band ihre Jugend zumindest nicht im negativen Sinne an, Trümmer klangen enorm gut - reif, als stünden sie bereits seit sehr vielen Jahren auf der Bühne. Auch wenn ich es nicht gewußt hätte, ich hätte die Musiker in Hamburg angesiedelt, auch wenn sie eine Ecke rockiger und schneller spielten als die bekannten Hamburger Schule Bands. Am meisten Spaß machte mir - gute Musik hin oder her - das Gesicht von Schlagzeuger Maximilian! Der Trommler bewegte seinen Mund so intensiv, als singe er mit. Machte er aber nicht, er bewegte den Mund anders als Paul. Entweder kostet Trommeln so viel mehr Luft, daß er sehr intensiv atmete, oder Maximilian sang irgendwelche anderen Lieder während des Schlagzeugens. Es sah jedenfalls herrlich aus!


Niedlich waren die winzigen Lautstärker, die Trümmer dabei hatten. Strenggenommen hatten die normale Größen, neben den imposanten Boxentürmen der Hauptgruppe wirkten die Trümmer-Verstärker aber wie Stecknadelköpfe auf einen Fußball! 


Nach 35 Minuten war Schluß, das Equipment von Dinosaur Jr. stand auch schon an seinem Platz, es dauerte also nicht sonderlich lange, bis der Soundmann die Regler ganz hochfahren konnte. Die wichtigste Vorbereitung bestand eigentlich daraus, aus vier hochkant untereinandergelegten DIN A4-Zettels J Mascis' Setlist zurecht zu puzzeln. Auf jedem Blatt standen vier Worte in Schriftgröße 150 Pkt*, zum Beispiel

WATCH
CRUMB
RUDE
THERE



Das war Js 1,20 m lange Setlist, offenbar der miesen Augen des Musikers geschuldet. Krach scheint also auch schlechtsichtig zu machen.

Es war mein erstes Mal Dinosaur Jr., obwohl ich die Band gerne mag. Sie zählt nicht zum engeren Kreis meiner Lieblingsbands, ich mag sie aber viel lieber als einige Kollegen, die ich häufig gesehen habe. Also sind die Amerikaner in den letzten Jahren auf meiner Todo-Liste immer weiter nach oben geklettert. Trotzdem hätte ich vielleicht bei Alternativen auch diese Gelegenheit versäumt, weil ich mir (unterbewußt) wahrscheinlich nicht vorstellen konnte, wie mir eine Band, die dermaßen brachial-laute Konzerte spielt, live Spaß machen kann, auch wenn ich sie auf Platte mag. Laut ist ja eigentlich immer gut, aber anstrengend laut kann viel Spaß nehmen.


Dinosaur Jr. spielen seit einigen Jahren wieder in der ursprünglichen Besetzung (J Mascis, Lou Barlow, Murph). Alle drei sind sehenswerte Erscheinungen. Murph, der Schlagzeuger, kam in T-Shirt und Badeshort auf die Bühne, deren zur Schleife gebundenes Zugband er erst einmal wieder öffnete, als er hinter seinem Instrument saß. Er ließ sie aber an, obwohl es kurz anders aussah. Mit seiner Glatze und den Strandklamotten könnte er auch bei Right Said Fred oder am Ballermann beschäftigt sein. Sobald es jeweils losging, drosch er so energisch und fachlich perfekt (soweit ich das beurteilen kann) auf seine Trommeln ein, daß der Malle-Look gar nicht weiter auffiel. Vor den Zugaben verschwand er noch einmal kurz hinter die Boxenwände (alleine deshalb sind die eine geniale Idee!), als seine beiden Kollegen schon wieder ein wenig losschrammelten, und holte sich etwas zu essen, das er dann energisch im Mund verarbeitete. Meine Lieblingsszene ansonsten war seine Suche nach immer mehr Drumsticks. Er suchte suchte sich irgendwann einen neuen Stoß Stöcke aus einem Depot hinter den Verstärkern, testete die kurz und verteilte sie. Das waren sicher zehn Paar Sticks. Sein Roadie brachte aber sofort noch einen ganzen Schwung Nachschub. Bei einer Omma hätte man gesagt "Nachkriegsgeneration hortet gerne", hier erschien es schwer erklärbar, weil Murph nicht so viele Sticks durchprügelte, aber warum auch nicht. Die stammen sicher aus klimaneutralem Anbau.


Lou Barlow sieht wie ein nach der Geburt getrennter Zwilling von Markus Acher (The Notwist) aus mit seinem wilden Lockenkopf und dem Vollbart. Der Notwist-Frontmann geht zwar live auch aus sich heraus, sein amerikanischer Zwilling sticht ihn aber locker aus. Bassisten sind durch ihr Instrument (glaube ich laienhaft) ja nicht unbedingt prädestiniert, wild über die Bühne zu hüpfen. Lou spielt zum einen den schnellsten Bass, den ich seit langem gesehen habe - seine linke Hand raste über die Saiten - er hüpfte auch so wild über die Bühne, daß meine Fotos von ihm alle wie langzeitbelichtete Autoscheinwerfer aussehen. Ein paar Lieder sang der Bassist alleine, ein paar gemeinsam mit seinem Frontmann. Für Ansagen war allerdings Lou Barlow alleine zuständig. "Habt ihr einen Kater?", weil wir so leise waren. "Seid ihr auch heute verkleidet rumgelaufen?" Irgendwann ließ er das, weil das Publikum kaum reagierte, etwas, das ich jetzt öfter beobachtet habe. Die Musiker müssen denken, daß wir sie nicht verstehen.


J Mascis ist das Gegenteil von Lou. Er bewegt sich wenig und behäbig, guckt meistens zwischen Zottelbart und fissiligem Haar nach unten. Die einzig schnellen Bewegungen machen seine Hände - und die sind sehr schnell! Js Gesang war zu hören, er war aber kaum zu verstehen, weil alles um ihn herum so unendlich viel lauter war. Dabei hatten die Roadies vorher die beiden mittleren Monitorboxen zum Publikum gedreht. "Das ist nur Js Stimme" hatten sie erklärt. Beim letzten Soundcheck war das Gesangsmikro darauf auch zu hören, während des Konzerts war der Nutzen aber eher homöopathisch.


J Mascis erinnerte mich an Christopher Lee (er sieht auch ungefähr gleichalt aus). Während des Konzerts aus unmittelbarer Nähe fiel mir aber ein, daß er einem anderen Star fast noch mehr gleicht: Adler Sam aus der Muppet Show! Wahnsinnig gut gefiel mir, daß J offenbar sehr modebewußt ist. Passend zu seinen Turnschuhen hatte er ein brombeerfarbenes Stromkabel in seiner Gitarre stecken - wundervoll! Meine Lieblings-J-Szene war vor dem Beginn eines Stücks, als Murph und Lou bereits loslegen wollten, J auch wie üblich schon ein paar Takte angeschlagen hatte, dann aber ohne irgendeinen Kommentar abbrach, zur Box ging, einen Schluck Wasser trank, zurückschluffte und wieder die ersten Takte des Stücks spielte!

Laut war alles! Besonders laut und schnell wurde es aber, als Lou ein Stück der Hardcore-Band Deep Wound ankündigte, in der er mit J gespielt hat. "Wir waren schnell, wir waren sogar sehr schnell!" - "Heute sind wir zu alt, wir spielen daher ein langsameres Stück", das so langsam war, wie der Abend ruhig.

Und wie war es jetzt musikalisch? Hmmm, keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Meine Ohrhörer steckten so tief drin (der Druck war trotzdem gut zu spüren), daß es musikalisch kein erstklassiges Vergnügen war. Ohne Ohrenschutz wäre es das auch nicht gewesen, das werden die vielen Zuseher ohne Stöpsel im Ohr heute und in den nächsten Tagen merken. Das Konzert war aber trotzdem jeden Cent wert, weil ich meistens geahnt habe, welches Lied gespeilt wurde.

Als ich nach dem Ende meine Stöpsel aus den Ohren genommen habe, beruhigt erfolglos aufs Summen wartete, lief von Band My Bloody Valentine...

Setlist Dinosaur Jr., Batschkapp, Frankfurt:

01: Thumb
02: Almost fare
03: The wagon
04: Don't pretend you didn't know
05: Watch the corners
06: Crumble
07: Rude
08: Out there
09: Feel the pain
10: Training ground (Deep Wound)
11: Budge
12: Start choppin'
13: Freak scene
14: Forget the swan

15: Just like heaven (The Cure Cover) (Z)
16: Sludgefeast (Z)


* (habe ich natürlich ausprobiert, sonst tauchen wir demnächst noch im Visier von Plagiatsjägern oder ähnlichem lichtscheuen Volk auf)



 

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