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Donnerstag, 5. August 2021

Heimspiel Knyphausen, Eltville-Erbach, 29.07. - 01.08.21

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Festival: Heimspiel Knyphausen 2021
Ort: Draiser Hof, Eltville-Erbach
Datum: 29.07. - 01.08.2021
Zuschauer: 300 bis 500





Alles auf Anfang! Alles Neu!
- von Denis Schinner - 

Vier Tage. Zwei Bands je Tag. Maximal 500 Besucher. Alle sitzen. Wo soll dass alles noch ein Festivalfeeling entwickeln lassen? Und doch stellt sich (Vor)Freude ein. Bilder vom Aufbau der, zugegebenermaßen recht klein wirkenden, Bühne, das LineUp wird Spaß machen, freies und nicht vorzubestellendes Catering, ein kleines Rahmenprogramm und Wein, Wein, Wein…Irgendwie doch vieles wie früher. Ein kurzer Plausch mit Frederick, Benjamin, Stefan und Anna über die Vorbereitungen und ein paar Eckdaten. Es ist nicht ausverkauft. Für Donnerstag und Sonntag ist noch die Abendkasse geöffnet. Sicherlich ein Resultat der coronabedingten Umstellungen. Die Leute werden sich erst langsam wieder auf Menschenansammlungen einlassen können. Das Heimspiel dauert dieses Jahr vier Tage und Kinder zahlen erstmals den vollen Preis, aufgrund der Vorgaben des Gesundheitsamtes. Denn jede Person zählt. Das hat alles Konsequenzen. Aber die Branche muss starten und jedes wiedererwachende Festival versprüht Hoffnung, auch für diejenigen Macher und Organisatoren, die aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht wieder starten können oder dürfen. 

Tag 1 - Es startet noch entspannter als erwartet. Am Donnerstag waren nur ca. 300 Besucher über den VVK auf dem Gelände. Feste Platzierungen über markierte Tische und Bänke mit ausreichend Abstand sollen die Einhaltung der aktuell in Hessen geltenden Coronaregeln mit absichern. Dazu komplette Registrierung aller vor Ort. Nichts was störend wirkt. Nein, absolut nicht. Die Organisatoren vor Ort haben ganz Arbeit geleistet um ein möglichst unbeschwertes Festivalerleben möglich zu machen. Hut ab! 



Stefanie Shrnk
- dunkelschöner Sound mit Texten voller Schwermut…allein sein ist auch blöd aber zusammen fällt irgendwie auch noch schwer… Und wenn es dann doch noch möglich ist, sich auf der ohnehin kleinen Bühne sich nochmal zu verdichten, dann spricht das für, Ja wofür eigentlich? Der Sound und die Textur passten doch sehr zum Auftakt. Irgendwie tastend, irgendwie unsicher, irgendwie etwas wankelmütig. Steine im Schuh, schmerzende Knie, Wimpern im Auge - wann kommt der Flow zurück? Spucky Action und die Katze von Jesus… manchmal etwas verwirrende Texte, man muss dran bleiben im zu folgen. Geht sitzend fast gut. Zur Zugabe ergänzt endlich eine Gitarre den Sound und es wird leichter und heller. Die Überleitung zum Hauptact des 1. Tages, die Höchste Eisenbahn, mit denen Stefanie vor zwei Jahren zusammen noch auf Tour waren, gelingt nun doch unproblematisch. 



Die Höchste Eisenbahn - Die sommerlichen Festivalgefühle steigern sich beinahe ins fahrlässig Unermessliche, als das Kollektiv anspielt. Abstände verschwimmen kurzzeitig, die Masken fallen und pure Gesichtsnacktheit offenbart sich bei dieser absolut unterbewerten Band! Der ein oder andere spielerische Patzer wird selbstkritisch zwinkernd aufs Homeoffice geschoben. Aber die Kapelle feiert sich und den Abend und alle feiern mit! Erlösend! 

Tag 2 - der Tag startet tiefenentspannt auf der Campingwiese am Weingut. Noch keine 10 Mobile sind am Morgen vor Ort. Kein Gedränge an der Dusche. Alle gechillt! Also ein wenig den Rhein auf und ab. Irgendwo auf einen leichten Riesling einkehren und es sich gut gehen lasse. Auf dem Weg zur 16:00 Uhr Weinprobe dann noch ein bisschen Soundcheck von Gisbert & Kai lauschen und dabei feststellen, dass just auch Texte von Schubert eingespielt werden, die früher mal in der Schule zelebriert wurden. Dejavue quasi… 

Die kleine aber feine Weinprobe führt über vier Stationen mit vier Weinen durch die Geschichte des Gutes und des produzierten Weines. Zweimal an dem Wochenende führt die Weinprobe einen kleinen Kreis von Interessierten an Reben, Trauben, Kessel und Tank, Gährung und Reife heran. Diese netten kleinen Rahmenprogrammpubkte haben sich in all den Jahren des Heimspiels bewährt und wären unter normalen Umständen sicherlich üppiger ausgefallen. So aber - Lieben Dank an Stefan für die Führung und an Eila für die kunstvolle Öffnung der Flaschen! 

Die nun schon erprobte Platzzuordnung schafft weitere Entspanntheit. Des Deutschen liebste Beschäftigung im Urlaub, das Ausbreiten von Handtüchern auf Plätzen, Liegen oder Picknickdecken entfällt hier gänzlich. Alle 500 Besucher:innen (ausverkauft) schlendern entspannt durch die Reihen und suchen ihre gebuchten Tischnummern… 



Ole - Ich wünsche Dir alles Gute und viele Tage am Meer! Was braucht es mehr? Außer vielleicht ein Piano und einen Oli Schulz, der das Tape rauskramt und Gisbert nahe ans Ohr legt. Ein wunderbares leises, lautes, vor allem tiefes Konzert zum Mitlauschen und um dem Rauschen des Meeres hinterherzuhören. Danke! 



Gisbert zu Knyphausen & Kai Schuhmacher - das Schubert Programm, entstanden nach einer Anfrage vo Kai vor rund zwei Jahren, passte sicherlich in die Zeit. Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt. So lässt sich sicherlich die Romantik treffend zusammenfassen. Opulent im Wort und mit dem Arrangement auch opulent im Spiel. Das gesamte Programm, mit Flügel, Streichern, Posaune, E-Gitarre und Drums begleitet, zeichnet das ständige Auf- und Ab zu Schuberts Lebzeiten und transportiert in die Neuzeit. Unterbrochen wird das Set durch etliche bekannte Stücke von Gisbert, zu denen das Publikum Platz immer wieder verlässt und tanzen möchte. Und so reagiert auch das Publikum entsprechend. Mal jauchzend - mal (zu Tode) betrübt. Mal sitzend - mal tanzend! Und man fragt sich, ob der Abend nicht doch noch mehr Leichtigkeit gebraucht hätte. 

Tag 3 - Seepferdchenprüfung. Auf ins Freibad! Bis zum Abend mit erneut 500 Besucher:innen ist viel Zeit und somit erreicht das Entspannungslevel ungekannte Tiefen. Überhaupt entwickelt sich dieses Festival zum entspanntestes Festival ever! 



Ätna - nach deren krankheitsbedingter Absage, wir waren wirklich untröstlich 😢, schickte sich mit Finn Ronsdorf einer an, die Festivalherzen zu erobern, den bislang nur Kenner oder Besucher des letzten ENES kennen mochten. Stimmlich herausragend, eröffnete er dem Publikum 45 Minuten zwischen Staunen, Schmunzeln und absoluter Gebanntheit. Sicherlich viel mehr als nur ein Ersatz!
 


Sophie Hunger - wie gewohnt mehrsprachig zieht die Schweizerin Ihr Publikum vom ersten Akkord an in Ihren Bann. Das neue Album Halluzinationen spielt sie in der Aufnahmebesetzung mit ihr an der Gitarre, Julian Satorius an den Drums, dazu Piano, Horn und fünf Sänger:innen um Marc Beriybill (Cliffs) im Back - der Zauberchor, am Stück und leitet zum Schluss mit dem Codewort „HOPE“ über in die Realität der Neuzeit. Sie schlägt sofort eine Brücke zu jedem, zu jeder Einzelnen im Publikum und genießt dabei die Präsenz. Nichts wird dem Zufall überlassen, neben dem obligatorischen Gitarrenwechsel, werden selbst die Becken an den Drums getauscht um andere Klangfarben erzeugen zu können, sprachlicher Wechsel, mal zart, mal wild und abrupt. Die Backupsingers mal ausgestellt, mal im Vordergrund wenn sich Sophie ans Piano setzt und die Sicht freigibt. 



Der Abend klingt aus mit einer wunderschönen Playlist, tönend aus einer vermeintlich herren-, oder damenlosen Tasche auf einer Weinzeltgarnitur. Es wird (mit Abstand) getanzt und da ist es wieder, das Gefühl der Leichtigkeit und des zu Hause seins. Danke den/derunbekannten Playlistersteller:in! 

Tag 4 - Nun doch etwas geschafft von den vorangegangenen Tagen, glücklicherweise ohne Ausfälle, was durchaus mit der Qualität der probierten Weine zu tun haben dürfte, geht es auf die Zielgeraden. Shopping in der Vinothek, noch ein Café in der Strandbar und ein wenig Soundchecklauscherei bei den wunderbaren Black Sea Dahu. WoMo abfahrbereit richten und auf zum legendären Tisch 32 mit neu gewonnen Musikfreunden aus Magdeburg und Darmstadt. Die feste Zuordnung der Tische und Plätze hätte auch ins Auge gehen können. Danke an Stefanie & Matthias, Petruna & Hanno, Helena oder Michael für die sehr kurzweilige Zeit und den gemeinsamen Spaß! 



Lúisa - feinster Indiepop aus Hamburg. Bereits das zweite Mal nach 2017 beim Heimspiel, damals noch solo, heute von Matze am Bass und Lasse an den Drums unterstützt. Lieder vom Kommen, Bleiben und Gehen. Mal als Chanson getarnt, mal kraftvoll tanzbar. Schöööön! 


Black Sea Dahu - Mein ganz persönliches Finale. Die Züricher Band um die drei Geschwister liefern seit Jahren wirklich, wirklich grandiose Konzerte ab. Dabei nehmen sie die Zuhören mit in ungeahnte Tiefen und tauchen mit ihnen ganz ein in das komplette Gefühlsspektrum. Das Ganze wird sorgfältig und dicht arrangiert mit einem hörbaren Verständnis für das Ganze. Die Zugaben beziehen alle mit ein. Die Bühne wird ins Dunkel gelegt, eine Passage mit dem Publikum wird eingeübt und die Band und die Musik verschmelzen mit dem gesamten Festival. Eine weitere Zugabe wird ohne Probe gespielt. Dass dies möglich wird, zeigt die ganze Qualität von Black Sea Dahu. Denn der Song erscheint erst in rund zwei Monaten ;) 




Was bleibt am Ende? Mich beschleicht das Gefühl einiges gerne in die „neue“ Festivalzeit mit hinübernehmen zu wollen. Weniger Besucher, mehr Platz, Genuss und Qualität, überhaupt mehr Qualität bei begrenzter Quantität! Und ich bemerke bei mir eine Veränderung dahingehend, dass ich Konzertbesuche wohl zukünftig eher nach Orten wähle und nicht mehr nur ausschließlich nach den Bands. So könnten sich die Orte mit den besten Konzepten durchsetzen. Konzepte die Sicherheit und Unbeschwertheit fördern und nicht noch den letzten Euro herausholen müssen. Eben Orte wie das Weingut Baron Knyphausen! Mein Dank gilt Frederick, Benjamin, Stefan, Anna und all den nicht genannten Macher:innen dieses famosen kleinen, feinen Festivals! See you I’m nächsten Jahr! Es war wunderbar! Fühlt Euch gedrückt! Die ganze Galerie in Kürze auf www.desc-photography.com




Sonntag, 3. Dezember 2017

New Fall Festival Tag 1, Die Höchste Eisenbahn, Julien Baker, Düsseldorf, 16.11.2017

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Konzert: New Fall Festival 2017
Ort: div.
Datum: 16.11.2017
Dauer: div.
Zuschauer: div.



Für alle auswärtigen Leser nochmal vorab zu Erklärung: Das New Fall Festival findet zeitgleich in Düsseldorf und Stuttgart mit ähnlichem Programm, am gleichen Wochenende statt. Der Begriff Festival ist insofern etwas verwirrend, da für jedes Konzert einzeln Tickets erworben werden müssen und auf Grund der lästigen Überschneidungen meist nicht mehr als zwei Konzerte pro Tag besucht werden können.

Ansonsten gab es aber auch in diesem Jahr wieder gar nichts zu meckern. Die außergewöhnlichen Säle, eine perfekte Organisation und kurze Wege zeichnen das Festival aus. 



Tradition hat auch, dass die Festivalmacher ihre Gäste fast immer persönlich (von der Bühne aus) begrüssen. Und so lässt es sich "Direktor" Hamed Shahi Moghanni auch diesmal nicht nehmen, vor dem Konzert der Höchsten Eisenbahn im Robert-Schumann Saal zu sprechen. 

Diesmal hat er prominente Begleitung mitgebracht. Witzelt die Band im Anschluss noch darüber, Campino sei doch wohl der "echte" Bürgermeister von Düsseldorf, ist Thomas Geisel gekommen um die Verbundenheit zu dem, für Düsseldorf im Pop/Rockbereich auch nach außen strahlenden Festival, zu bekunden. 



Danach betreten dann Die Höchste Eisenbahn die Bühne und starten mit ihrem Mix aus Songs deutscher Texte und vieler launiger Ansagen, die wohl der Länge des geplanten Konzertes geschuldet sind. Musikalisch wirkt das Konzert überraschend frisch und persönlich, erinnert mit seiner poetischen Wortwahl und Instrumentierung an die Flowerpornoes oder die Sterne (allerdings ohne den politischen Ansatz). 



Verträumte Geschichten von Liebe, Entlieben und dem Chaos des Alltags, hier klingt es viel optimistischer und unverkrampfter als bei anderen deutschen Band der Stunde. (AMK, vwL). 

Lange spielen Sie, ("Timmy" und "Woher denn" packen mich am meisten) und es stellt sich das übliche, ungute New Fall Gefühl ein..."werden wir es rechtzeitig in die Johanneskirche zu Julien Baker schaffen ?"



Schließlich klappt aber wieder alles (incl. Blitzbesuch in der Altstadt) und wir betreten den Bachsaal der Kirche, malerisch gelegen am Martin Luther Platz und stilvoll illuminiert. Der Saal befindet sich praktisch hinter und über dem eigentliche Kirchenschiff und bietet trotzdem noch eine Empore mit Sitzplätzen sowie einen schnuckeligen, kleinen Stehplatzbereich. 

Investigativ erfahre ich: der Küster wohnt noch über dem Saal, ein Grund mehr warum hier wohl selten Konzerte stattfinden, sehr schade.



Zu Julien Baker haben wir bereits oft und viel geschrieben. Das Publikum war anscheinend auch gut vorbereitet und quittiert den minimalistischen und ruhigen Auftritt mit fast beängstigender Stille, (zumindest während der Songs) was sehr angenehm ist. 

Gerne hätte ich nach den diversen Touren diesmal ein Band auf der Bühne gesehen, das ist aber nicht der Fall. Julien spielt ein genau einstündiges Set und verschwindet dann ohne echte Zugabe nach "Something" von Bühne. 



Schade, elf Songs (darunter neue Songs am Piano) sind doch etwas arg kurz. Ihre Klasse blitzt immer wieder auf (Turn out the lights, Funeral Pyre) aber ein neuer Impuls fehlte leider.

Am Ende geht es wieder die steile Wendeltreppe hinab vor die Kirche und man freut sich schon auf den nächsten New Fall Tag in Düsseldorf mit Sophia

Fotos: Michael Graef






Mittwoch, 16. August 2017

Haldern Pop Festival, 2. Festivaltag, 11.08.17

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Konzerte: 2. Festivaltag beim Haldern Pop mit u.a. Aldous Harding, Julie Byrne, Faber, Benjamin Clementine, Matthew And The Atlas
Ort: Haldern Pop Festival, Rees am Niederrhein
Datum: 11.08.17
Dauer: von 10 Uhr 30 bis 3 Uhr früh
Zuschauer: Etwa 7000 


Am zweiten Festivaltag wollte ich unbedingt zu Aldous Harding in der Haldern Pop Bar vor Ort sein. Die Neuseeländerin war dort von 12 Uhr 40 bis 13 Uhr 20 angesetzt. Aufgrund des sehr mittelmässigen Netzes an öffentlichen Verkehrsmitteln, kam ich aber prompt zu spät. Früh aufstehen war ohnehin nicht drin gewesen, gestern nacht hatte ich noch stundenlang Fernsehen geglotzt, es lief die spannende Sendung "die 10 gefährlichsten Flughafen der Welt" und ich konnte ja schlecht nach Platz vier aufhören... 

Aldous Harding platzierte sich bereits im Vorfeld in meiner persönlichen Top Ten Liste, nämlich derjenigen mit den Acts, auf die ich mich am meisten beim Haldern freute. Insofern war mein Bedauern gross, sie verpasst zu haben. Aber ich hatte ihre Show nur vermeintlich verpasst, aufgrund von Verschiebungen im Programmablauf bekam Aldous kurzfristig den Slot von Mammut um 17 Uhr im Zelt zugewiesen und ich hatte das grosse Glück, die Neuseeländerin doch noch geniessen zu können!



Sie kam ganz in weiss (Zeichen von Unschuld?) gekleidet auf die Bühne, nur die Collegeschuhe waren schwarz. Ein recht konservativer East Coast Look für eine solch ausgeflippte Dame, aber vielleicht war das Teil des Konzepts. Mit ihr auf der Stage ihr exzentrischer Pianist mit dem Gebaren eines bekifften Hippies, köstlich! Die beiden fielen wirklich auf, Aldous insbesondere durch ihre Grimassen, ihr Augenverdrehen, ihre seltsame Mimik. Brutale Ehrlichkeit um die Authentizität der Texte zu unterstreichen, unbewusste Marotte, oder Albernheit? Hinterher diskutieren wir unter den Haldern Fotografen dieses Phänomen, ohne das Rätsel wirklich ergründen zu können.



Unbestritten gut war auf jeden Fall die Musik. Harding hat auf ihrem aktuellen Album The Party (das zweite ihrer Laufbahn) so viele starke, eigenwillige, auch textlich interessante Songs zu bieten, dass man heuer nur schwerlich an ihr vorbei kann. Ob das an John Lennon erinnernde Imagining My Man, das elektrisch angehauchte Bend, oder das eingängige Horizon, all diese Stücke klangen auch live extrem gut. Und zusätzlich bekamen wir den vielversprechenden neuen Song Weight Of The Planets geboten.

In der Mitte des Sets stiessen zwei zusätzliche Musiker mit auf die Bühne, ein Drummer plus H. Hawkline an der Gitarre. Hawkline gilt ja auch als Solokünstler als heisser Tip, aber in der Band von Harding fiel er nicht sonderlich auf. Die reduzierten Songs brauchten eigentlich nicht viel Instrumentierung, die Neuseeländerin hätte ihr Konzert auch problemlos nur zu zweit bestreiten können. Letztlich wechselte das Line Up während des Sets in schöner Regelmässigkeit, Aldous stand mal alleine, mal zu zweit, mal zu viert auf der Bühne. Gut war es immer. Nur am Ende störte die Musik die von der Hauptbühne ins Zelt rüberdröhnte (Blaudzun hatte begonnen) ein wenig, aber so etwas gehört bei Festivals eben dazu.



Aber gehen wir mal chronologisch vor, Aldous Harding fand also um 17 Uhr statt, vorher, genauer gesagt um 14Uhr 30, hatte Julie Byrne ihren Auftritt in der Kirche. Und der war erwartet wundervoll. Ganz alleine mit Akustikgitarre hatte die Amerikanerin ihr Konzert bestritten, hatte auf wundervollste und sanfteste Art gesungen und mich damit völlig in ihren Bann gezogen. In der Kirche war es vorbildlich ruhig und alle sahen friedlich und mit freudigen Augen nach vorne, wo Byrne die Friedenspriesterin gab.



Dabei spielte es für mich keine grosse Rolle, dass sich die Lieder untereinander etwas ähnelten, schlicht und einfach gehalten waren. Was für mich zählte war die Naturreinheit (kein Wunder, dass ein traumhaftes Stück Natural Blue hiess), die profunde Schönheit (man höre nur Melting Grid!), die wahnsinnige Zärtlichkeit die von den Liedern ausging, die überwiegend von dem aktuellen zweiten Album Not Even Happiness stammten. Auffällig auch ihr gutes Fingerpicking, das sie von ihrem Vater erlernt hatte.

Eine Wohltat für die Sinne dieses Konzert von Julie Byrne! Vor dem Kircheingang kaufte ich mir auch noch ihr erstes Album (Rooms With Walls And Windows), das ich noch nicht hatte, machte mich dann aber auf den Fussweg Richtung Hauptbühne. Meine Füsse trugen mich leider nicht schnell genug, um noch den Schluss von Penguin Café zu sehen, schade, aber man kann bei Festivals eben nie alles sehen, was man möchte.



Um 16 Ihr 15 traten die Schweizer Faber auf der Hauptbühne auf. Das war zwar musikalisch nicht so ganz mein Stil, aber die Band um Sänger Julian Pollina schaffte es sehr gut, das Halderner Publikum zu unterhalten. Pollina hatte etwas von einem Posterboy, in den ersten Reihen sah man viele schmachtende Mädchen.



Auffällig die Bühendeko, da standen viele Pflanzen rum, das Ganze hatte das Flair eines tropischen Regenwaldes (nun gut, Sonnenblumen gibt es dort nicht)
Unterhaltsam, aber dennoch ziehe ich das Buch Homo Faber von Max Frisch der Musik von Faber vor.



Nach Faber ging ich rüber zum Spiegelzelt zu Aldous Harding, aber den Bericht darüber habe ich ja hier schon an den Anfang gestellt, so dass wir hier nun chronologisch fortfahren können und zwar mit dem Gig von Blaudzun, der bis um 18 Uhr 30 auf der Hauptbühne stattfand. Er war äusserst schwung- und stimmungsvoll und begeisterte das Publikum. Das war tighter Indierock mit gelegentlichen Ausbrüchen Richtung Mainstream, getragen von der Falsettstimme von Johannes Sigmond und den flotten Rhythmen der Band, in der die blonde Perkussionistin mit ihrem attraktiven flachen Bauch optisch herausstach, aber mit ihrer unglaublichen Energie auch musikalisch zum Gelingen beitrug.




Bei den Amazons im Anschluss legte ich dann eine Essenspause ein und fand mich erst wieder zum Auftritt von AnnenMayKantereit ein. Eine Band die in Haldern schon vor der Kirche, in der Bar und auf der Biergartenstage (die gibt es heuer nicht mehr) gespielt hatte, inzwischen aber richtig kommerziell erfolgreich geworden ist und somit logischerweise auf die Hauptbühne platziert wurde.

Neben den eigenen Kompositionen performten die vier Kölner auch zwei Cover, einmal den Farbfilm von Nina Hagen und dann noch das The Zutons Cover Valerie, das Amy Winehouse erst so richtig bekannt gemacht hatte.



Gegen Annemyakantereit wird seitdem sie erfolgreich sind viel gehetzt, aber schlecht war ihr Auftritt in Haldern nicht. Die Rio Reiser Gedächtnisstimme von Bandleader Henning May war markant und 3. Stock ("ich möchte mit dir in 'ner Altbauwohnung wohn', zwei Zimmer, Küche, Bad und einer kleiner Balkon") ist fast eine Art guilty pleasure für mich. Guilty weil es ein wenig sozialromantischer Kitsch ist und auch eher bieder daherkommt.

20 Uhr 15 Zeit für den gehypten Loyle Carner im Spiegelzelt, aber mit seinem Hip Hop konnte ich mich nicht richtig anfreunden, ich mag diesen Musikstil nun einfach nicht, da wäre es gelogen hier Interesse zu heucheln. Seine Verpflichtung beim diesjährigen Festival war aber sicherlich ein Coup der Veranstalter, Loyle Carner ist sehr begehrt zur Zeit.



Toll war dann der Auftritt von Badbadnotgood um 20 Uhr 45 auf der Hauptbühne. Das war Instrumentalmusik mit Jazzeinschlag und leichten Hip Hop Elementen (noch erträglich für meine Ohren), geboten von vier Kanadiern, bei denen der blonde Drummer Alexander Sowinski den Ton angab und die Ansagen machte, sich aber ein in der Mitte der Bühne performender Saxofonist namens Leland Whitty ebenfalls sehr verdient machte.

21 Uhr 30, höchste Eisenbahn um pünktlich zum Konzert  von Die Höchste Eisenbahn dabei zu sein. Die Berliner Band spielte im Spiegelzelt ihre deutschen Popsongs und sorgte für gute Stimmung. Leider war es im Zelt aber so brechend voll und ich stand ganz hinten, hinter enorm vielen enorm grossgewachsenen Leuten, dass ich es nicht lange aushielt und wieder raus ging.



Bei Benjamin Clementine hatte ich deutlich mehr Sicht-und Bewegungsfreiheit und showtechnisch konnte mich der ungemein gut aussehende Pianist überzogen. Er hatte ein extravagantes Kostüm mit einem weisser Kragen (einer Krempe? wie nennt man so etwas?) an und am hinteren Bühnenrand performten ein halbes dutzend Backgroundsängerinnen. Stilistisch schwer einzuordnen, aber die Musik hatte was. 



Benjamin Clementine ist unbestritten ein Mann für die grosse Bühne, obwohl er in Haldern vor ein paar Jahren zunächst im Zelt angefangen hatte. Seitdem ging es für ihn karrieretechnisch immer weiter bergauf, zu Liebhabern haben sich auch einige Hater gesellt, aber selbst wenn das nicht wirklich meine Musik war, fühlte ich mich gut unterhalten, zumal Clementine auch ein guter Kommunikator war und oft mit dem Publikum sprach.



Zu meinem persönlichen Tagesabschluss sah ich mir dann auch noch die Briten Matthew And The Atlas im Spiegelzelt an. Eine tolle Band, die auf dem renommierten Communion Label veröffentlicht und von Matt Hegarty angeführt wird. Der Mann mit der rauchigen Stimme war mit seiner Gruppe schon mal in Haldern und freute sich zurück zu sein. Die Freude lag ganz meinerseits denn ein Titel wie On A Midnight Street, der in der Anfangsphase gebracht wurde, glänzte durch eine famose Melodie und eine traumversunkene Instrumentierung. Auch der Titelsong des aktuellen Albums, Temple , wusste mit ähnlichen Ingredienzen zu gefallen. Das war Folkrock, durchaus Mainstream kompatibel, aber nie flach oder anbiedernd. Schöne Harmoniegesänge hübschten das Ganze zusätzlich auf. Ein gelungener, sympathischer Auftritt, mit dem ich diesen Haldern Tag abschloss. Es war komplett trocken geblieben, obwohl der Himmel immer mal wieder bedrohlich aussah. Ein bisschen Glück mit dem Wetter gehört halt eben auch dazu.




Mittwoch, 15. Januar 2014

Die Höchste Eisenbahn, Stuttgart, 11.01.2014

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Konzert: Die Höchste Eisenbahn
Vorband: Desiree Klaeukens
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 11.01.2014
Dauer: Die Höchste Eisenbahn 99 Minuten  / Desiree Klaeukens 30 Minuten
Zuschauer: über 270 (ausverkauft)



Moritz Krämer ist erkältet, sitzt zusammengekauert wie ein Häufchen Elend auf der Bühne, während Francesco Wilking einen Solosong spielt. Dennoch überzeugen die beiden Badener, die es vor Jahren nach Berlin zog, gemeinsam mit Felix Weigt und Max Schröder. Es ist Ende September 2012, die Höchste Eisenbahn ist ein junges Projekt. Am Tag darauf sehe ich mit Radiohead eine der wichtigsten Bands meines Lebens in Berlin, doch bleibt jener Abend mit der Höchsten Eisenbahn vor vielleicht fünfzig Zuschauern im bestuhlten Merlin mit einem trotz erkältungsgeschwächten Krämer perfekten Konzert in positiverer Erinnerung. Gerade veröffentlichte man die Debüt-EP und eine handvoll wundervolle Songs. Ein knappes Jahr später folgt das erste Album „Schau in den Lauf Hase“ und wie nebenbei die großartigste deutschsprachige Platte seit über einer Dekade. 


 Bedingt durch den Tod des BootBooHook-Festivals muss ich mich bis zu einem Wiedersehen mit der Band lange gedulden. Es ist der gleiche Ort, die Zeiten jedoch haben sich geändert. Ein kleiner Feuilleton-Hype um das formidable Debüt und tolle Youtube-Videos sorgen für ausverkaufte Clubs deutschlandweit. Das Merlin ist keine Ausnahme und vermeldet bereits zwei Tage vor dem Konzert „restlos ausverkauft“. Am Vortag verkündete Chefin Bärbel Bruns zwar auch schon beim Auftritt Dagoberts, dass dieser  ausverkauft sei. Heute wird beim Betreten des Kulturzentrums deutlich, dass noch einmal eine Schippe draufgelegt wurde und man sich offenkundig bemüht so viele Zuschauer wie irgend möglich hereinzulassen. Der üblicherweise im Konzertsaal aufgebaute Merchandise-Bereich wird in das Café am Eingang verlegt, der Einlass ebenso in den vorderen Raum verlagert. Vor der Tür werden nichtsdestotrotz viele Besucher abgewiesen, die Höchste Eisenbahn ist die Band der Stunde und gewinnt zunehmend an Popularität. 
Am zweiten Tag des Pop Freaks Festivals drängt es sich dicht, die Luft ist stickig, es riecht nach Schweiß, Bier und Rotwein. Dezentes, ungewohntes Rockkonzertfeeling in einem chicen Kulturzentrum. 


Ein kurzer Moment andächtiger Stille, Support-Act Desiree Klaeukens beginnt ihren halbstündigen Auftritt. Wie bei ihrem wunderbaren Wohnzimmer-Konzert bei uns Mitte November wird sie vom Gitarristen Florian Glässing unterstützt. Das Zusammenspiel der beiden Berliner funktioniert ausgesprochen gut. An der E-Gitarre eröffnet Klaeukens mit „Verliebt in Dich“, singt mit zarter Stimme ihre brüchigen, ungewöhnlichen Liebeslieder, während Glässing sie mit leidenschaftlichen Harmonien und ausgezeichnetem Gitarrenspiel unterstützt. 
Ihre Lyrik ist auf angenehme Weise schlicht, die Performance unaufgeregt und einnehmend, wäre da nicht der hohe Geräuschpegel, das nicht enden wollende Gemurmel aus den hinteren Reihen und von der Theke. Die Schattenseiten eines ausverkauften Konzerts machen sich bemerkbar. Klaeukens geht mit der Situation souverän, wenn auch nicht routiniert um. Letztlich entscheidet sie sich für den subtilen Weg, kritisiert die Situation unterschwellig ohne diejenigen zu verprellen, die aufmerksam zuhören.

Wer den Klängen des Duos lauscht, der entdeckt hinter all den melancholischen Versen zart getuschte Bilder wie sie das Cover der „Warm in meinem Herz“-EP zieren. Das Titel gebende Stück ihrer Erstveröffentlichung ist erwartungsgemäß ein Höhepunkt des Sets. Dass diese und auch einige andere Songstrukturen bei Klaeukens an die Flowerpornoes erinnern, ist wenig überraschend, betrachtet man ihre offene Bewunderung Tom Liwas, die sich beim Wohnzimmerkonzert in einer gelungenen Coverversion äußerte. Darüber hinaus ist Florian Glässing seit Jahren Mitmusiker Liwas, der ihn einmal als einen der besten Songwriter bezeichnete, die es in Deutschland gebe. 
Während der Lärmpegel weiter steigt, gibt sich Klaeukens einen Ruck, schaut vorsichtig unter ihrer dunklen Mütze vor, erzählt Anekdoten und glänzt in der zweiten Hälfte ihres Auftritts mit schönen Liedern ihres noch diesen Monat bei Tapete Records erscheinenden ersten Langspielers. „Will dich zu sehr“, „Zwei Tage“ und „Kompliziert“ sind auf eigentümliche Weise frei von überflüssigem Pathos und so zu verstehen, wie sie geschrieben sind. Ohne den Hauch von Ironie und künstlicher Bedeutungsschwere sind es befindlichkeitsfixierte Oden auf Alltägliches. Trotz schwierigen Rahmenbedingungen bedankt sich Klaeukens höflich. Im Deutschland-Radio Kultur stellte man das kommende „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“, auf dem auch Moritz Krämer zu hören sein wird, ausführlich vor. In voller Bandbesetzung live darbieten wird der neuste Stern am Tapete-Himmel das Gesamtwerk auf ausgedehnter Tour im Frühling, dann hoffentlich vor aufmerksamerem Publikum. 


Setlist Desiree Klaeukens, Stuttgart:

01: Verliebt in Dich
02: Züge
03: Warm in meinem Herz
04: Will Dich zu sehr
05: Zwei Tage
06: Kompliziert 



In seinem Klang stringent, musikalisch herausragend, lyrisch preziös, ohne einen einzigen wirklichen Schwachpunkt avancierte „Schau in den Lauf Hase“ im Rückblick für mich unangefochten zum besten Album des Jahres. Trotz der Güte meiner ersten Konzert-Begegnung mit der Höchsten Eisenbahn bin ich im Vorfeld skeptisch, ob es gelingen kann den komplexen, harmonischen Klang der Platte auf die Live-Bühnen zu übertragen. Es genügen wenige Minuten, um meine zweifelnden Überlegungen als Hirngespinste zu entlarven.  
Moritz Krämers unnachahmliches Timbre zwischen sehnsüchtiger Gebrochenheit und künstlerischer Berechnung und sein Händchen für skurrile Geschichten, die bereits sein Soloalbum als Meisterwerk deutschem Singer-Songwritertums auszeichneten, erblühen schon bei „Aliens“ in voller Pracht. Von einer Erkältung ist heute nichts zu spüren, Krämer ist fit und strotzt vor Energie, spielt Akustikgitarre, singt leidenschaftlich und überhaupt nicht – wie Kritiker ihm unterstellen – manieriert. Francesco Wilking tobt sich derweil an den Keyboards aus, wippt mit Oberkörper und Kopf vor und zurück, dann setzt der Tele-Frontmann im mit Füchsen besticktem Hemd ein, garniert den Song mit eigenen Zeilen und entschlüsselt an früher Stelle das Geheimnis dieser Band: In der Harmonie der beiden Protagonisten Krämer und Wilking untereinander und mit Max Schröder (Schlagzeug) und Felix Weigt (Bass, Gitarre und Keyboards), die viel mehr als Begleitmusiker sind, verbirgt sich enorme Energie, die sich im Zusammenspiel auf der Bühne in aller Deutlichkeit entlädt. Instrumente werden immer wieder wild getauscht, Zeilen improvisiert, Scherze gemacht und musikalische Höchstleistungen vollbracht. 


„Body & Soul“, eine mitreißende Mid-Tempo-Nummer, ist Wilking'sches Songwriting vom Feinsten, setzt an der Stelle an, an der Tele einst die klassische Disco in den deutschen Indie-Pop brachte und geht diesen Weg konsequent voran. Ein treibender Bassbeat, tanzende Beine und Begeisterung sind die logische Konsquenz. Wurde das Konzert 2012 noch von Songs aus den Solo-Katalogen der Band – auch Max Schröder alias Der Hund Marie, Ehemann von Heike Makatsch und Drummer von Tomte, und Felix Weigt, unter anderem Bassist bei Kid Kopphausen, gaben Eigenes zum Besten – zusammengehalten, werden heute ausschließlich Lieder der Höchsten Eisenbahn gespielt. 


 Zum Maß der Dinge im deutschsprachigen Bereich herangewachsen steht die Aufführung dem Hörvergnügen des Studiowerks in nichts nach. Höhepunkte der „Unzufrieden“-EP haben nichts an ihrem Reiz verloren und so freut man sich über die Aufzählung in „Jan ist unzufrieden“, den Frust dieses jungen Mannes, den es aus Süddeutschland nach Berlin verschlug, und Ausnahmeverse wie „Jan hat vor das Land zu verlassen, er redet Englisch an den Supermarktkassen“. Die subversive Eleganz des Songtexters Francesco Wilking ist in seinen Kompositionen immer offenbar und stets meisterlich. Dass er sich mit dem überaus talentierten Moritz Krämer zusammentat, ist der größte Glücksfall der jüngeren deutschen Popgeschichte. „Vergangenheit“, das seinerzeit die EP eröffnete, ist ein starker Beleg. Wirkten in der Studio-Version noch Judith Holofernes und Gisbert zu Knyphausen als Co-Texter und Gastsänger mit, macht die Live-Performance ohne die Zeilen der beiden diese obsolet. Keine Frage, die Höchste Eisenbahn spielt längst in einer ganz anderen Liga. 
Wie gut diese Band ist, zeigt sich an kaum einer Stelle deutlicher als bei „Raus aufs Land“. Ein „Miami 2017 (Seen the Lights Go Out on Broadway)“-eskes Piano-Intro lässt es kalkuliert epigonenhaft wie ikonisch beginnen. Dass sich der Song problemlos von allen Assoziationen emanzipieren kann und mit seiner erschütternden Beziehungsgeschichte ehrlich berührt, liegt an einem großartigen Text und der überwältigenden musikalischen Umsetzung. 


 So gut wie nie kommt deutsche Sprache im Pop ohne Plattitüden aus. Die Höchste Eisenbahn ist eine beeindruckende Ausnahme. Die Tapete-Vorzeigeformation spielt mit lockerer Attitüde mit Worten und pathetischen Bildern wie in Wilkings in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Liebesgeschichte von Isi und Robert. Das ist selbstironisch und beispiellos zugleich: „Und die Leute schrien 'Los Robert, tu was du tun musst.' / Und er sprang die fahrende Bahn an, schlug die Scheibe ein und gab Isi einen Kuss / 'Oh Isi, ich war die ganze Zeit bei dir, du wirst nie erraten als was.' / 'Als Pfau?' / 'Genau.'“. „Isi“ ist ein scharfzüngiger Geniestreich und der Beweis, dass auch Popmusik literarische Qualitäten haben kann. „Isi komm, ich weiß noch einen Witz / Welches Tier hat zwei Beine mehr, wenn es sitzt?“ 
Der tanzbare Opener des Albums, „Egal wohin“, kommt überraschend spät und verdeutlicht das erstaunliche Konglomerat der Band. Electro-Sounds treffen auf einen Disco-Beat und Stadion-Chöre. Wilking vergisst seinen Text. Die darauffolgenden Improvisationen seiner Bandkollegen retten die Situation spielend und der Song wird mit grandioser Spontanität würdig zum Abschluss gebracht. 


Wo Wilking mit Komik brillieren kann, setzt Kollege Krämer auf zwischenmenschliches Storytelling. Ob lyrische Dekonstruktionen sozialer Geflechte oder die nüchterne Schilderung einer Beziehung am Scheideweg in „Mira“, die an der durch die Wohnungssuche versinnbildlichten Bindungsangst des Freundes zu zerbrechen droht. Es ist der beste Song des Albums, der die Klasse dieses Konzerts endgültig manifestiert. Die hohen „Unser Haus am See“-Chöre kommen vielstimmig, während Krämer im dunklen Wollpullover beklagt: „Mira wir ham' uns auf dem Weg verlor'n“. Das ist tieftraurig und in seiner Darbietung schonungslos. „Du stehst im Garten und weinst / Aber du lächelst dabei / Du sagst 'Dann bleib' ich allein / Weil du dich niemals entscheidest'“. Trotz aller Melancholie ist die Höchste Eisenbahn nie eine traurige Band. Anders als viele – vor allem Hamburger – Singer-Songwriter-Kollegen lebt die Höchste Eisenbahn nicht vom Schwermut, sondern von pulsierender Energie. Immer treibt irgendwo ein Beat, Rhythmenwechsel überraschen. Hier und da nimmt das Ganze World-Music-Wege in bester „Graceland“-Tradition, nur um dann mit 80s Synthies entgegengesetzte Pfade einzuschlagen. Bei „Was machst du dann“ übernimmt das Publikum gegen Ende des regulären Sets den Kinderchor. Das ausverkaufte Merlin ist im ekstatischen Zustand puren Glücks. Auch die einstigen Störer sind im harmonischen Ganzen integriert, Teil der umarmenden Kraft der Berliner Band. 


Italienisch singend steigert sich Wilking in „Die Uhren am Hauptbahnhof“ in ein fantastisches Crescendo, das zeigt, dass auch der schwächste Song des durchweg genuinen Albums, live keinesfalls im Vergleich zu anderen Stücken abfällt. 
Drei Zugaben gibt es abschließend. Das ernüchterte Auseinanderlebungslied „Die Nacht übertreibt“ wird zur großen Solo-Show Krämers, der allein auf die Bühne zurückkehrt und sich auf der Akustikgitarre begleitet. Nach und nach setzt die Band ein, Wilking singt mit, Zwischenapplaus als natürliches Resultat. Der Titeltrack des Albums mit seiner Paul-Simon-Rhythmik und „Der Himmel ist blau (wie noch nie)“ mit der wohl schönsten Verwendung des Konjuktivs im deutschen Pop folgen, bevor das Konzert endgültig vorbei ist. 
Mit Ausnahme von „Tschernobyl“ spielt Die Höchste Eisenbahn all ihre bisher veröffentlichten Songs und beweist ein für alle mal, dass sie derzeit das Maß der Dinge ist, die Speerspitze des deutschen Indiepops. Auch live. Meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Nie zuvor sah ich ein besseres deutschsprachiges Konzert. Ausnahmslos. Eine Band größer als die Summe ihrer herausragenden Bestandteile.
 


Setlist Die Höchste Eisenbahn, Stuttgart:

01: Aliens
02: Body & Soul
03: Jan ist unzufrieden
04: Vergangenheit
05: Pullover
06: Raus aufs Land
07: Isi
08: Alle gehen
09: Egal wohin
10: Allen gefallen
11: Blaue Augen
12: Mira
13: Was machst du dann
14: Die Uhren am Hauptbahnhof

15: Die Nacht übertreibt (Z)
16: Schau in den Lauf Hase (Z)
17: Der Himmel ist blau (wie noch nie) (Z)


Links: 
- aus unserem Archiv:
- 19.11.2013, Desiree Klaeukens, Stuttgart
- 18.11.2013, Desiree Klaeukens, Karlsruhe
- 21.07.2007, Tele, Rüsselsheim


Tourdaten Die Höchste Eisenbahn:

16.02.2014, Berlin, Lido (Ausverkauft) 
19.03.2014, Jena, Rosenkeller 
20.03.2014, Lörrach, Between the Beats Festival 
21.03.2014, Fulda, Kulturkeller 
12.04.2014 Husum, Husum Harbour 
01.06.2014 Berlin, Lido (Zusatzshow) 
06.-08.06.2014, Beverungen, Orange Blossom Special 
25.-26.07.2014, Reutlingen, Burning Eagle-Festival


 

Konzerttagebuch © 2010

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