Dienstag, 24. Juli 2007

Arcade Fire & Arctic Monkey, Nîmes, 22.07.07


Konzert: Arcade Fire & Arctic Monkeys

Ort: Les Arènes de Nîmes, Südfrankreich
Datum: 22.07.2007
Zuschauer: 12 - 15.000

Stierköpfe, nichts als Stierköpfe...

Einen in weiß und einen in schwarz haben sie hier im Hotel "Le Cheval Blanc" in
Nîmes im Eingangsbereich rumhängen. Und dazu auch noch Bilder von den Viechern, an der Rezeption nämlich.

Wo man auch hinschaut, hier hat irgendwie alles mit Stierkampf zu tun. Eigentlich kein Wunder, schließlich ist die alte römische Arena gleich gegenüber. Von meinem
Zimmer aus kann ich sie wunderbar sehen.

Heute allerdings werden keine Mastbullen abgemetzelt, sondern die Arena gehört Rockstars: die Arctic Monkeys und Arcade Fire haben die Aufgabe, das in Stein gemeißelte Stadion zum Beben zu bringen. Auch ganz schön gewichtige Viecher, diese Bands! Ein bullenstarkes
Line-Up sozusagen...

Stellt sich glatt die Frage, wer von den Beiden denn der stärkere Stier ist.

Wenn jetzt auch noch die kompletten Strokes auftreten
würden, würde es noch kniffliger, die Frage nach dem Stärksten zu beantworten. Tun sie aber nicht, denn Albert Hammond Jr. hat Julian Casablancas und Co. in New York gelassen, dafür aber vier Freunde mitgebracht, die in seiner Band für den nötigen Dampf sorgen.

Der abtrünnige Strokes-Musiker darf heute abend den Part des Einheizers übernehmen, schließlich kann man einen solche muskulösen Bullen wie die Arctic Monkeys nicht kalt in den Ring lassen.

Der lockenköpfige Frauenschwarm (warum eigentlich?) macht seine Sache dann auch erwartungsgemäß gut, man merkt ihm seine Spielfreude regelrecht an. "Erfolgreicher bin ich mit den Strokes, befriedigender ist aber mein Solo-Projekt für mich", soll er Journalisten in ihre Blöcke diktiert haben.

Vielleicht liegt das an der größerern Freiheit und Aufmerksamkeit, die er alleine genießt, vielleicht aber auch daran, daß ihm die Strokes musikalisch zu hart geworden sind. Nimmt man beispielsweise ein Stück wie "Juicebox" vom dritten Album der New Yorker und vergleicht es mit dem heutigen Opener "Everyone Gets A Star" von Albert, so wird deutlich, daß es der Junior des berühmten Composers poppiger mag.

Albert Hammond Jr, also ein Weichei? Ein Typ, ohne Haare am Sack? - Halt, stop, so seicht und gezuckert, wie das auf dem Album "Yours To Keep" manchmal
rüberkommt, ist das live mitnichten! Mit drei Gitarren und einem Bass machten die Herren nämlich ordentlich Lärm. Sogar solch starken, daß ich es unten nicht lange aushielt und mich auf die oberen Ränge verschanzte. Also nix da mit Albert dem Frauenversteher, der jetzt nur noch Musik für kleine Mädchen macht! Selbst harte Typen wie ich (he,he,he) hatten ihre Freude an dem kurzweiligen Set des Amis. Und wer lässt sich nicht mal gerne Honig um den nichtvorhanden Bart schmieren, wenn eine Schmonzette wie "Bright Young Thing" ertönt? Ein tolles Lied ist das nämlich, ein wahrer Ohrwurm, Mädchenmusik hin oder her!

Nach ca. 40 Minuten hatte Albert dann ausgehammond, nicht ohne neun schwungvolle Stücke untergebracht zu haben, darunter sogar drei Lieder, die nicht auf dem Album enthalten sind.

Setlist Albert Hammond Jr. Nîmes:

01: Everyone Gets A Star
02: Old Black Dawning
03: Holiday
04: In Transit
05: Bright Young Thing
06: Don't Cha Now
07: Back To The 101
08: Postal Blowfish
09: Hard To Live In The City

Das Publikum war also schon ordentlich aufgewärmt, als es mit den arktischen Affen endlich weitergehen konnte, obwohl es eh noch schön warm, wenngleich für
südfranzösische Verhältnisse fast luftig.

Wie schon kürzlich beim Konzert im Pariser Zénith war "The View From The Afternoon" erneut Opener. Quasi auf Knopfdruck war in den vorderen Reihen der Teufel, bzw. der Bulle los. Kein Wunder, denn insbesondere der unfassbare
Drummer Matt Helders prügelte auf sein Schlagzeug ein, als ginge es um sein Leben und auch Alex Turner wird von Gig zu Gig selbstbewußter und offensiver. Stand er noch bei den Konzerten zum ersten Album teilweise recht statisch und cool rum, geht er inzwischen wesentlich direkter auf as Publikum zu und wirbelt wild durch die Gegend. Lediglich der neue Bassist ist nach wie vor eher schüchtern und zurückhaltend, während Gitarrist Cooky ebenfalls zumindest etwas expressiver wirkt als noch vor 1 bis 2 Jahren.

Die Arctic Monkeys sind also inzwischen auch live fast zu Rampensäuen geworden, was ihre immer schon unglaublich dynamische Musik aufs Beste ergänzt.

Im Grunde gaben die Jungspunde von Anfang bis Ende Vollgas und trafen damit bei dem vorne recht jungen Publikum ins Schwarze. Selten habe ich ein Konzert der Engländer gesehen, bei dem so der Punk abging, es wurde sogar Pogo getanzt,
mitunter äußerst brutal. In einer besonders aufgeheizten Situation wurde ein Fan geradezu nach oben geschleudert, als sei er ein Gegenstand! Aus sicherer Entfernung beobachteten wir das wilde Treiben und blieben so unverletzt...

Höhepunkte der Extase wurden erreicht, als "From Ritz To The Rubble" geschmettert wurde, ein Beweis dafür das der Song damals zu Unrecht nicht als Single ausgekoppelt worden war. Ein echter Smasher das Teil, vor allem wenn die
Gitarren am Ende eine irren Wettlauf hinlegen!

Das nächste Lied, das ähliche Wogen der Begeisterung auslöste, war dann "Fake
Tales Of San Francisco", während das auf dem Album fabelhafte "Fluorescent Adolescent" live fast zu langsam und wenig aggressiv war.

"Fake Tales Of San Francisco" hingegen ist und bleibt ein Sahnestück, vor allem wenn es wie heute noch eine Spur
schneller als auf dem Album gespielt wird.

Um die aufgebaute Hochstimmung nicht abreißen zu lassen, brachten die Briten danach "Balaclava" übergangslos. Eben jenes "Balaclava" ist ein Paradebeispiel dafür, daß Titel, die auf einer CD nicht sonderlich hervorstechen, auf Konzerten Abräumer sein können. Mit schier sagenhaftem Tempo wurden hier Gitarrenriffs in den Nachthimmel gejagt, so daß keine Zeit zum Luftholen blieb. Dies war erst halbwegs mit dem melodischen "If You Were There Beware" möglich, nachdem der Klassiker "I Bet You Look God On The Dancefloor" den üblichen überwältigenden Effekt erzielt hatte.

Wenn man aber den unbedingt den Preis für das beste Stück des Abends vergeben wollte, zumindest was die Reaktion bei den Fans anbelangt, würde der Pokal an "When The Sun Goes Down" gehen.

Mein persönlicher Favorit war allerdings das anschließende "Leave Before The Lights
Come On", die Single, die damals zwischen den beiden Alben veröffentlicht wurde.

Zu diesem Zeitpunkt waren 16 Lieder gespielt worden und bisher waren eigentlich keine Überraschungen dabei, die Setlist entsprach fast exakt derjenigen vom Pariser Zénith. Dann kam aber eine und zwar eine faustdicke: ein neues Lied!

Ich kannte es nicht (gibt's denn sowas?), es enthielt die Songzeile "Your Imagination" und gefiel mir auf Anhieb. Nicht nur der Titel war hierbei neu, sondern auch, daß die Monkeys von einem zusätzlichen Gitarren unterstützt wurden, weil Alex Turner sein Arbeitsgerät zur Seite gelegt hatte und lediglich nah am Bühnenrand sang.

Auch beim nächsten Stück schwang er sich die Gitarre nicht um, sondern spielte Keyboard und zwar zu "505", einem Song, den ich live bisher noch nicht geboten bekommen hatte.

Der Abschluß war dann allerdings wieder traditionell, schließlich wude mit "A Certain Romance" und seinen melodiösen Gitarren noch jedes meiner Artic Monkeys-Konzerte beendet.

Nicht nur wegen der traumhaften Kulisse (nüchterner Kommentar Alex T.: "nice setting"), war das mein bisher bester Gig der arktischen Affen!

Setlist Arctic Monkey, Nîmes:

01: View From The Afternoon
02: Brianstorm
03: Still Take You Home
04: Dancing Shoes
05: From Ritz To The Rubble
06: Teddy Picker
07: This House Is A Circus
08: Fluorescent Adolescent
09: Fake Tales Of San Francisco
10: Balaclava
11: Old Yellow Brick
12: I Bet You Look Good On THe Dancefloor
13: If You Were There, Beware
14: Do Me A Favor
15: When The Sun Goes Down
16: Leave Before The Lights Come On
17: Neu! ("Your Imagination")
18: 505
19: A Certain Romance

Der anschließende Umbau dauerte dann fast eine geschlagene Stunde, denn es mußte ja schließlich die gesamte aufwendige Bühnendeko zu "Neon Bible" aufgebaut
werden, mitsamt einer Attrape der mächtigen Kirchenorgel, die bei Stücken wie "Intervention" gebraucht wird. Aber auch mehrere kreisrunde Bildschirme, glitzernde Leuchtstäbe am Bühnenrand und natürlich die Leinwand mit der roten, aufgeschlagenen Bibel gehören zum Spektakel dazu.

Fehlten bloß die Hauptdarsteller aus Kanada. Wo waren sie abgeblieben? Hatten sie sich etwa beim Basketballspielen verletzt? Häh, Basketball ? mag man jetzt fragen...

Ja, richtig gelesen, denn als ich am heutigen Nachmittag mit Cécile durch die wunderschöne Altstadt von Nîmes geschlendert bin, liefen mir einige männliche Mitglieder von Arcade Fire fast in die Arme! Als Erstes erkannte ich den kleinen Bruder von Win Butler (er heißt William), aber als ich den Kerlen hinterhersah, erspähte ich auch Win himself, komplett in schwarz gekleidet und mit einem Basketball in der Hand, zudem noch den Drummer Jérémy Gara und zwei andere Typen, die ich nicht zuordnen konnte. Régine war leider nicht dabei, es war eine reine Männerrunde...

Fräulein Chassagne hatte bestimmt mit den restlichen Arcade Fires eine Stadtbesichtigung gemacht, denn unmitelbar vor der prachtvollen römischen Arena sah man u.a. Streicherin Sarah Neufeld, aber auch Kontrabassist Richard Reed Parry in einem silbernen Mini-Van sitzen und die Chancen sind hoch, daß auch die süße Régine dabei war.

Gegen 23 Uhr war es dann schließlich soweit, die Hauptdarsteller von Arcade Fire
traten auch endlich musikalisch in Aktion und diesmal so richtig, denn um 15 Uhr hatten sie noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit den üblichen Sound-Check durchgeführt, den ich von draußen mitbekam.

Hätten sie doch mal ausführlicher geprobt! Der Sound war nämlich ehrlich gesagt beschissen! Beim Eingangsstück "Keep The Car Running" hörte man nur einen äußerst dumpfen Soundbrei und selbst das folgende "Laika", war kaum zu erkennen.

Mist, Mist, Mist!, dachte ich bei mir, da spielt eine der besten Bands der Welt vor einer solch malerischen Kulisse, die Musiker geben alles, aber auch wirklich alles und der Sound ist einfach nur mies!

Leider wurde es auch mit dem eigentlich brillianten "No Cars Go" nicht viel besser, der Bass erstickte fast gänzlich die feinen Streicherpartien und die Stimmen der
Frauen.

Selbst Win hatte seine liebe Mühe und Not über den Krach hinwegzusingen. Da half
es auch nicht viel, daß der kleine Bruder von Winnie einige Showeinlagen brachte und zum Beispiel von der Bühne sprang oder mit dem Rotschopf Richard Parry Fangen spielte. Auch sonst war auf der Bühne einen Menge los, Régine schien mit ihrem hübschen roten Tuch gar Stierkampf zu spielen.

Fast nichts los war aufgrund des schlechten Tons aber im Publikum, die Anteilslosigkeit der Fans bildete manchmal einen erschreckenden Gegensatz zu der Aktion auf der Bühne.

Selbst die auf französisch gesungene Darbietung des France Gall Hits "Poupée de Cire, Poupée De Son" durch die bezaubernde Régine, sorgte nicht für die zu erwartenden Beifallsstürme.

Irgendwann hatte ich deshalb genug gehört und kam mit Cécile überein, unsere Plätze seitlich von der Bühne zu verlassen, um uns mehr zur Bühnenmitte hin zu
orientieren, in der Hoffnung, das Klangerlebnis würde durch diesen Ortswechsel besser. Die Entscheidung erwies sich als richtig, denn bereits "Ocean Of Noise" war zum Glück nicht so noisig, wie es der Titel erahnen ließ, sondern zum Glück fast rückkopplungsfrei zu genießen. Auch "Tunnels" machte Laune und so wurde das Konzert der Kanadier für uns immer besser, obwohl man auch von der Mitte aus nicht wirklich einen einwandfreien Ton geboten bekam.

"The Well And The Lighthouse" war dann das bisher gelungenste Stück des Abends, Win Butler sang hierzu herzerweichend, während Régine Schlagzeug spielte. Für mich war das eine eindrucksvolle Demonstration des Talents dieser unglaublichen Kanadier, während Cécile den munteren Instrumentenwechsel eher als Show-Off
bezeichnete. Aber kann man der Band wirklich vorhalten, mehrere Instrumente gleichzeitig zu beherrschen? Es kann schließlich nicht jeder so unmusikalisch wie die Pipettes sein, die lediglich die Gesangesparts selbst erledigen...

Für mich hatte auf jeden Fall der beste Teil des Konzerts begonnen und es folgte Smash-Hit auf Smash-Hit, "Power Out" und "Lies" gaben sich die Klinke in die Hand.

Vor allem das letztgenannte Stück sorgte endlich für riesige Begeisterungsstürme, jeder in der Arena, ob jung, oder alt schrie "Lies, Lies, Lies" laut mit und selbst der Refrain wurde minutenlang mitgesummt, selbst dann noch als die 10 Musiker die Bühen verlassen hatten. Die Stimmung hatte ihren Höhepunkt erreicht, eigentlich war sie kaum noch zu toppen. Mich dürstete es aber nach mehr Arcade Fire und ich bekam auch meinen Nachschlag und was für einen..."Intervention!" Welch Kalorienbombe am Schluß! Die Kirchenorgel sorgte für Gefühle der Ergriffenheit, wie man sie ansonsten nur zu Hochzeiten und ähnlichen Feierlichkeiten erlebt. An dieser Stelle schwöre ich: wenn "Intervention" zu Beginn und zum Schluß gespielt wird, gehe ich auch wieder regelmäßig in die Kirche, großes Indianer-Ehrenwort!

Win Butler muß aber dann auch den Gottesdienst leiten und Sätze sprechen wie "I can taste your fear" , oder "Singing Hallelujah with the fear in your heart"und Régine muß diese im Chor wiederholen.

Eigentlich glaubte ich, die schöne "Neon Bible" die im Hintergrund der Bühne prangte, würde jetzt zugeschlagen, aber ich hatte mich zum Glück getäuscht, denn
erst mit dem sensationellen "Wake Up" wurden wir entlassen und auf den Heimweg geschickt!

Wow, was für eine rauschende Nacht! Und wer war jetzt eigentlich der stärkste Bulle im Ring, die Arctic Monkeys, oder doch Arcade Fire?

Hmm, ich glaube, das muß nicht entschieden werden, beide haben mich heute abend aufgespießt und durch die Luft gewirbelt, zumindest bildlich.

Setlist Arcade Fire, Nîmes

01: Keep The Car Running
02: Laika
03: No Cars Go
04: Tahiti
05: Poupée de Cire, Poupée de Son (F.Gall, S. Gainsbourg)
06: Black Wave/Bad Vibrations
07: Neon Bible
08: Black Mirror
09: Ocean Of Noise
10: Tunnels
11: The Well And The Lighthouse
12: Power Out
13: Rebellion (Lies)

14: Intervention (Z)
15: Wake Up (Z)


4 Kommentare :

omitz hat gesagt…

wow! das klingt echt nach einem bomben abend. gerade arcade fire würde ich gerne mal sehen. in kölle haben sie ja kürzlich abgesagt aber es gibt zum glück einen neuen termin.

Christina hat gesagt…

Es ist immer wieder lustig zu lesen, mit wievielen Adjektiven du Régine im Laufe so eines Arcade Fire-Berichts versiehst :)

oliver r. hat gesagt…

Oh, anscheinend mag ich Régine also :)

oliver r. hat gesagt…

Es kommen übrigens noch Bilder, damit man mal einen Eindruck von der prächtigen Kulisse bekommt.
Ansonsten schon mal hier ansehen:

http://www.flickr.com/photos/oliverpeel

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates