Freitag, 18. April 2014

John Mayall, Stuttgart, 16.04.2014


Konzert: John Mayall
Ort: LKA Longhorn, Stuttgart
Datum: 16.04.2014
Dauer: 102 Minuten
Zuschauer: etwa 1000



Wer weiß, wie die Karrieren von Eric Clapton, Mick Taylor, Jack Bruce, Mick Fleetwood, Peter Green oder John McVie verlaufen wären, hätte es der Zufall nicht gewollt, dass sie alle in den 60ern zeitweilig bei den Bluesbreakers, der Begleitband des legendären Urvaters des britischen Blues, John Mayall, gespielt hätten. 
„Wäre ich nicht von den Yardbirds weggegangen, hätte ich keinen echten Blues mehr spielen können“, gab der junge Eric Clapton 1965 kurz nach seinem Wechsel von der angesagten Mod-Band, bei der er zunächst von Jeff Beck, später von Jimmy Page ersetzt wurde, zu John Mayalls Kombo in einem Interview zu Protokoll. Der zwölf Jahre ältere Mayall hatte sich damals längst einen Namen als Inbegriff des weißen Blues‘ in Europa gemacht, sodass Clapton noch Jahre später schwärmte: „Bei John Mayall einzusteigen war genau das richtige für mich: Er hatte eine Bluesband und ich war Purist“. Gemeinsam mit Alexis Corner festigte er die Grundsteine eines Genres in Europa, das Bands wie den Rolling Stones als Keimschale ihres Erfolgs diente. Während Claptons Karriere unaufhaltsam bergauf ging, ihn weltweit in den großen Mehrzweckhallen zuhause sein lässt und er die Royal Albert Hall als sein Wohnzimmer bezeichnen kann, spielt Mayall noch heute den Blues in den Clubs, in die er traditionell gehört. 
In seinem 81. Lebensjahr stehend, scheut sich der ergraute Großmeister nicht vor einer mehrmonatigen Tournee. Das letzte von einer langen Reihe von Deutschland-Konzerten führt ihn ins LKA Longhorn im industriell geprägten Stuttgarter Stadtteil Wangen. Seine aktuelle Konzertreise neigt sich dem Ende, aber Mayall zeigt keinerlei Müdigkeitserscheinungen, spielt im Gegenteil ein begeisterndes Set, das gut 1000 Zuschauer in pure Ekstase versetzt. Früher soll er seiner Band ein striktes Alkoholverbot auferlegt haben. Mit 80 zehrt er nun sichtlich von den Folgen der Enthaltsamkeit, denn er selbst habe seit Jahrzehnten nichts getrunken, erzählt er in ruhigem Plauderton der andächtig lauschenden Masse im LKA. Mit zum Zopf gebundenen Haaren, den schweren Goldketten um seinen Hals wirkt er ganz wie ein Prediger. Seine Gemeinde drückt die Hochachtung immer wieder mit Zwischenapplaus aus. Es ist eine beeindruckende Messe unverfälschter Blues-Klänge. 



Als unumstritten herausragender Gitarrist, Pianist, Orgel-, Mundharmonikaspieler und natürlich Sänger wurde er einst gefeiert. Noch heute gelingt es ihm mit Bravour an all diesen Instrumenten zu glänzen. Unterstützung kommt derweil von seinen ausgezeichneten Mitstreitern Rocky Athas (Gitarre), Greg Rzab (Bass) und Jay Davenport (Schlagzeug). Mit lockerer Haltung und an einer psychedelisch lackierten E-Gitarre eröffnet Mayall mit seiner Band den Abend. Seine bloße Präsenz genügt, um dem Publikum zu beweisen, dass es keine Plattitüden über alte Männer mit Gitarren verlieren braucht. Vielmehr werden Blues-Standards so unprätentiös und buchstäblich cool gespielt, wie es nur dann möglich ist, wenn man das Genre mitgeprägt hat. „Walking on Sunset“ vom 68er Album „Blues from Laurel Canyon“ ist längst ein Standard und beeindruckendes Zeitdokument. Zwischen eigenen Meilensteinen werden Klassiker des originären schwarzen amerikanischen Blues gespielt. Beispielweise wird „All Your Love (I Miss Loving)“ von Otis Rush  erstaunlich frisch kredenzt. 



Als er seinen Neffen Lee Mayall als Gast für „I’m A Sucker For Love“ einführt, erreicht der Abend einen seiner besten Momente. Während der Bandleader Keyboard spielt, seine Band ihm ein wunderbar passendes Gewand verleiht, unterstützt der Neffe das Ganze mit fantastischen Saxophon-Einlagen. Auch wenn Blues heute als angestaubt und antiquiert verschrien ist, sind es Songstrukturen, die seit jeher fest in die DNA der Rockmusik eingeflossen sind. Deutlich wird das mit meiner Reise zurück zur wichtigen Wurzel. All das Leid, das im Blues immer mitschwingt, es wirkt so lebendig und frisch, dass man Schwierigkeiten hat, zu realisieren, wie alt dieser Mann auf der Bühne wirklich ist. 
„Chicago Lane“, wieder mit Unterstützung Lee Mayalls, wird als „grande final“ angekündigt und hält alles, was es verspricht. Die Stücke stehen den Glanztaten eines Mose Allison, Freddie King oder Buddy Guy in nichts nach und können auch nicht von einem „Smoke on the Water“-Zwischenspiel in ihrer Wirkung geschmälert werden. Als Zugabe gibt es natürlich „Room to Move“, Mayall verneigt sich angenehm altmodisch, läuft mit ungemein agilen, schnellen Schritten die Treppe hinauf. Verspricht vorher noch zum Autogramme schreiben zurückzukehren. Mit einem gehörigen Maß an Understatement führt John Mayall ein denkwürdiges Konzert zu seinem Ende, trotzt erhobenen Hauptes dem Jugendwahn und nimmt mir wie nebenbei die Angst vorm Alter. 




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