Samstag, 26. April 2014

Birth of Joy, Stuttgart, 17.04.2014


Konzert: Birth of Joy
Vorband: The Recalls
Ort: Club Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 17.04.2014
Dauer: Birth of Joy 75 Minuten; The Recalls 32 Minuten
Zuschauer: etwa 50



„Wir sind Birth of Joy aus Holland und gekommen, um zu rocken.“ Kevin Stunnenberg steht breitbeinig in der Bühnenmitte, scheut sich nicht im geringsten vor überzogenen Rockstar-Posen, wagt vollmundige Versprechen und macht doch alles richtig. 
Bands, in denen der Rhythmus nicht vom Bass sondern der Orgel getragen wird, sind seit den mittleren 60ern nicht ohne Tradition. Während man The Doors gerne als Paradebeispiel nennt, wird meist vergessen, dass Sky Saxon mit seiner Gruppe The Seeds eben diesen den erfolgreichen Weg ebnete. Birth of Joy aus Utrecht bewegen sich geschickt in altbekannten Gewässern und sorgen mit rotziger Hard-Rock-Attitüde und leichten Stoner-Rock-Anleihen für neue Farcetten: Jim Morrison trifft auf Josh Homme und ein bisschen Jack White. Das macht Spaß, ist mitreißend und äußerst stilvoll. Dass dem eine regelrecht retromanische Performance vorangeht, passt da nur gut ins Bild. 


Eröffnet wird der Abend im Zwölfzehn nämlich von The Recalls, einer deutsch-chilenischen Formation aus Stuttgart. Dabei handelt es sich um eine ganz klassische Beat-Kombo in Paisley Hemden, mit Frisuren, die Paul Weller gefallen würden und das nicht nur, weil der Sänger aussieht wie sein eigener Keyboarder und The-Moons-Bandleader Andy Crofts. Deutsche Mod-Bands sind rar gesät, umso begeisternder ist der Auftritt des jungen Quartetts. 

Mit Titeln und Songtexten, die so herrlich einfach sind, wie es nur in den frühen 60ern richtig opportun war, ist das unterhaltsam und unverfälscht. Dazu kommen Kinks-Riffs und eine kollektive Trommeleinlage während des letzten Songs. Gerade erschien das aktuelle Album, „Wait for the Sun“, beim Szenelabel Time For Action Records. Zwischen Northern Soul und improvisierten Garagen-Sounds angelegt, ist die Musik ergreifend schlicht. Nach einer halben Stunde bin ich von der jungen Band überzeugt, die mit Leichtigkeit ihre Labelkollegen The Pikes aus Berlin übertrifft. 


Von der musikalischen Reise ins Jahr der Beatle-Mania entfernt sich der Hauptact Birth of Joy wieder. Passende Referenzen sind Bands der späten 60er. Auf dem Cover von „Life in Babalou“ wie Pink Floyd in Pompeji inszeniert, ist das Konzept allerdings mitnichten psychedelisch. Vielmehr spielen Stunnenberg, Bob Hogenelst (Schlagzeug) und Keyboarder Gertjan Gutman eine anachronistische Rockshow, die sich nicht für den zeitgeistigen Konsens interessiert. Das beginnt beim Rockstar-Gestus des Gitarristen und Sängers und zieht sich bis zu den Ansagen. Lino vom Gig-Blog hört „eine Soundmischung irgendwie aus Led Zeppelin und Kula Shaker mit ein wenig Vanilla Fudge“ und beschreibt mit ein wenig name dropping den akustischen Teil des Konzerterlebnis ziemlich treffend. 


„Teenybopping is everywhere around“, singt Stunnenberg im Timbre eines Jim Morrisons. Das Fehlen des Basses weckt erneut Assoziationen zu den Doors. Deren „Five To One“ wird dann tatsächlich als Zugabe gespielt. Das mag nicht sonderlich originell sein, vielleicht auch Offensichtliches allzu deutlich betonen, doch greift man nichtsdestotrotz erstaunlich kurz, möchte man Birth of Joy des reinen Doors-Epigonentums bezichtigen. Denn wo deren Songs von Manzareks Orgelkaskaden und der physischen Präsenz Morrisons getragen werden, ist das Bandgefüge bei den Niederländern anders aufgestellt. In der Mitte steht der unfassbar präzise Einsatz des Schlagzeugers, der so dominant wie herausragend spielt und den melodischen Instrumenten den nötigen Raum für längere Improvisationen an der Grenze zur Jam-Sessions lässt. „I am messing up“, wird zwar zu bluesigen Riffs skandiert, aber spätens als Stunnenberg im darauffolgenden Song, „Motel Money A Way“, in ehrfurchtsloser Steve-Cropper-Manier „Green Onions“ zitiert, beweist er beiläufig das Gegenteil. 

Atemlos geht es weiter, „Spread Your Wings Like An Eagle“, singt er. Es ist die breitbeinige Großspurigkeit des klassischen Hard Rocks, die dem Konzert und den Songs der Gruppe eine weitere köstliche Note verleiht. Stunneberg findet das alles „geil“, das Publikum auch. Der allererste Song der 2005 gegründeten Band wird den Recalls gewidmet und in die Länge gezogen. Jam-Rock von seiner besten Seite und aufrichtige Begeisterung der gut 50 Zuschauer sind das Resultat.

 „Grow“ heißt das anschließende musikalische Statement, das man am ehesten als Stoner Grunge beschreiben könnte. Nach zwölf Songs dann noch „Make Things Happen“ als Abschluss, schon jetzt eine Art signature tune, einer der besten niederländischen Bands. Anachronismus, Authentiziät und Leidenschaft machen das Konzert zu einem Erlebnis. Das erwähnte Doors-Cover als Zugabe, ein fiependes Feedback, gibt es obendrauf. Der Schluss nimmt noch einmal augenzwinkernd alle Assoziationen aufs Korn und beweist ganz nonchalant, dass auch das pointierte Spiel mit Klischees locker beherrscht wird. „Ballroom days are over“, der altbekannte Slogan, schließlich „Come together one more time“ und „Get together one more time", nocheinmal. Ein Mantra des selbsternannten Schamanen Morrison zum Schluss, nichts wäre passender.


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