Samstag, 2. September 2017

Belle & Sebastian, Utrecht, 01.09.17


Konzert: Belle & Sebastian
Ort: TivoliVredenburg, Utrecht
Datum: 01.09.2017
Dauer: ca. 95 min
Zuschauer: 2.000 (ausverkauft)




Es gab eine Phase in meiner Beziehung zu Belle & Sebastian vor zwei bis drei Jahren, in der ich dachte, langsam werde mir die Band egaler. Im vergangenen Jahr kam erschwerend dazu, daß die Schotten in der Royal Albert Hall ihre beiden ersten Alben, die 20 wurden, mit zwei fantastischen Abenden feierten. Besser als am Tigermilk-, vor allem aber am If you're feeling sinister-Tag werde ich die nie mehr sehen, so viel war klar. Wie denn auch? Nach den beiden Platten spielten B&S noch Zugaben, die aus B-Seiten, selten oder nie gespielten Songs und eben nicht den Standards bestand (Marx and Engels!). Wenn die Band nicht irgendwann alle frühen EPs an einem Abend spielt, können jetzt leider nur noch schlechtere Konzerte kommen, so mein nächster Gedanke.

Trotzdem musste ich natürlich nicht nachdenken, ob ich zum Konzert in Utrecht fahren würde. So oft kann man die Glasgower Lieblinge nicht sehen, die letzte Deutschlandtour wurde vor ein paar Jahren abgesagt, neue sind nicht in Sicht, fürs Cologne Popfest ist die Band zu groß. 

Als sich Stuart Murdoch nach der zweiten Zugabe, dem ewig nicht gehörten  We are the sleepyheads zu seinen Bandkollegen umdrehte (auch der Schlagzeuger war da!), die gerade gehen wollten, wunderte er sich und bat doch, noch eine dritte Zugabe zu spielen. Trotz der sehr langen Rückfahrt hätte ich gerne noch zehn gehört. Das Konzert war nämlich trotz all meiner Befürchtungen wieder durch und durch aufregend, unterhaltsam, kurzweilig.

Vor B&S-Konzerten gucke ich mir nie die Setlisten der umliegenden Auftritte an, ich möchte mich überraschen lassen. Das funktionierte schon von Beginn an gut. Die Schotten begannen mit Act of the Apostle (I), das ich nie erwartet hätte. Vor der aktuellen Tour hatten sie das zuletzt 2006 zur The life pursuit gespielt. Alles was nicht aus der I'm a cuckoo- oder Funny little frog-Liga kommt, macht ein Klasse-Konzert meiner Lieblinge aus.

... I'm a cuckoo und Funny little frog waren zwei der nächsten drei Lieder. Obwohl ich die so oft gesehen habe und nicht mehr hören kann (dachte ich), waren sie gut! Vor allem Funny little frog machte großen Spaß. Die Version war neu. Jedenfalls glaube ich das (mein selbsterklärtes B&S-Expertentum bekam später einige tiefe Kratzer). Früher sangen Sarah Martin und Stevie Jackson nur im Refrain (bzw. Hintergrund) mit, heute ist Funny little frog ein Duett von Stuart und Stevie, das tut dem Stück extrem gut. 


Zwischen den beiden kam das erste (nunja) neue Lied, We were beautiful, das die Belles neulich präsentiert haben. Das Stück fängt langsam an, getragen und etwas düster, dann kommt ein Teil, der mich an This is not America erinnerte, bevor der wunderschöne Refrain einsetzt. Ein Hit!

Bis dahin war das Konzert schon beruhigend toll! Ein überraschender Auftakt, zwei der lästigen Dauerbrenner erledigt (und einer von denen neu und schön) und ein neuer Song, auf den ich mich künftig freue. Auch beim Frontmann schien die Laune gut zu sein. Er erzählte wie üblich viel, das wirkte aber ehrlich fröhlich. Er erzählte vom letzten Konzert in Utrecht 2004, vom Best Kept Secret Festival, das er geliebt habe und wunderte sich, daß Belle & Sebastian im Rahmen des Alte-Musik-Festivals im Tivoli spielten (das fand da auch statt). Das nächste Lied (apropos alte Musik) sei das einzige, das sie 2004 schon gespielt hätten. Es war Wrapped up in books von Dear catastrophe waitress, auch wieder ein Song aus den Tiefen des Archivs. 


Selbst das mit Abstand schlechteste Lied von Belle war bei weitem nicht so ein Stimmungskiller wie sonst. Perfect couples ist ein von Stevie Jackson geschriebener Titel, den er vermutlich immer spielen darf, wenn er will. Und er will immer, das Lied steht auf jeder Setlist. Bei meinen ersten Malen 2014 und 2015 war Perfect couples wie Religionsunterricht am Samstag, es hörte einfach nicht auf. Sieben Minuten eines schlechten Lieds heißen eben auch, daß zwei gute im Set fehlen. 2017 ist Perfect couples nur noch vier Minuten lang, juchuu! 

Nach zwei Evergreens (Sukie und dem wunderbaren Piazza, New York catcher, dem Lied über den Baseball-Spieler der NY Mets, der Stadtrivalen der Rivalen von Stuarts Lieblingsteam Boston Red Sox - guter Mann! -, das der Sänger über sein Kennenlernen seiner Frau geschrieben hat) kam mein erster Aussetzer. Ich hielt das nächste Lied für ein neues. Dabei stammt Little Lou, ugly Jack, prophet John vom pinken Album, das ich ganz offensichtlich kaum gehört habe. Immerhin erkannte ich es heute morgen. Anders das übernächste Lied - gemeinerweise spielte die Band zwei von ...write about love, das ich auch eben noch für ein neues hielt (I can see your future).

Bevor am Ende die beiden Tanzklassiker The boy with the arab strap und Legal man, gefolgt vom Top-drei-Hit Like Dylan in the movies (mein Unterbewußtsein singt gerade wieder "if they follow you, don't look back, like Dylan in the movies") den Hauptteil beendeten, kamen noch drei weitere Besonderheiten, deep cuts, wie echte Musikjournalisten sagen. 


A century of fakers von der 3.. 6.. 9 seconds EP (von 1997), einer meiner großen Lieblinge, Simple things von der grünen Platte und Stay loose (von Dear catastrophe waitress), das ich noch nie gehört habe. Alleine die drei drückten meinen inneren B&S-Reset-Knopf. Ich habe gerade wieder so große Lust, diese Band zu sehen! 

Vor dem Ende mit den Sleepyheads und Judys Pferdetraum komplettierte The party line (in das noch ein Stückchen eines anderen Lieds eingebaut war) das wundervolle Konzert. Und danach zwei Zeilen von There's too much love, über das Stuart und Stevie vorher im Konzert geredet hatten. "Was wir früher für merkwürdige Texte geschrieben haben. There's too much love? Das kann es doch nicht geben, oder Stevie?" - "Damals schon."

Wie toll der Saal im TivoliVredenburg ist, wusste ich vorher, wie sehr ich B&S mag, auch. Daß der Abend so toll würde, hätte ich nie gedacht. Das kleine Highlight war das Video zu Like Dylan in the movies. Das hatte Stuart am Nachmittag beim Radfahren an den Kanälen entlang mit dem Handy gedreht. Oder doch das doppelte Flötenspiel bei Judy and the dream of horses? Ich glaube am meisten mochte ich einen kurzen Dialog zwischen Stuart Murdoch und einer Frau im Publikum. "Als ich vorhin durch Utrecht gegangen bin, sprach mich eine Frau..." - "Das war ich!" War sie nicht, es war aber wunderschön!


Setlist Belle & Sebastian, TivoliVredenburg, Utrecht:

01: Act of the apostle
02: I'm a cuckoo
03: We were beautiful
04: Funny little frog
05: Wrapped up in books
06: Perfect couples
07: Sukie in the graveyard
08: Piazza, New York catcher
09: Little Lou, ugly Jack, prophet John
10: A century of fakers
11: I can see your future
12: Stay loose
13: Simple things
14: The boy with the arab strap
15: Legal man
16: Like Dylan in the movies

17: The party line (Z)
18: There's too much love (ganz kurz) (Z)
19: We are the sleepyheads (Z)
20: Judy and the dream of horese (Z)

Links:

- aus unserem B&S-Archiv:

- Belle and Sebastian, London, 23.06.16
- Belle and Sebastian, London, 22.06.16
- Belle and Sebastian, Ásbrú, 02.07.15
- Belle and Sebastian, Ásbrú, 02.07.15
- Belle and Sebastian, Barcelona, 29.05.15
- Belle and Sebastian, Paris, 31.10.14
- Belle and Sebastian, Larmer Tree Gardens, 01.09.13
- Belle and Sebastian, Barcelona, 27.05.11
- Belle and Sebastian, Minehead, 11.12.10
- Belle and Sebastian, New York, 30.09.10
- Belle and Sebastian, Latitude-Festival, 17.07.10


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