Posts mit dem Label Hamburg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hamburg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 27. September 2023

Reeperbahn Festival 2023, Hamburg

0 Kommentare










 


Konzert: Reeperbahn Festival
Ort: Hamburg
Datum: 20.09.-23.09.2023
Dauer: 4 Tage
Zuschauer: diverse


Vier Tage Reeperbahn Festival sind vorüber. Das Festival hat zu alter Kraft und Stärke gefunden. Wetter und Line-Up passten perfekt zusammen und auch die Organisation war in diesem Jahr gut aufgestellt. 

Trotzdem kann es selbst den erfahrenen Festivalgänger abschrecken, wenn man bis zum Festivalbeginn nicht einmal schafft, die offizielle Playlist komplett durchzuhören. Aber das ist aber halt auch der Charme eines großen Newcomer- und Showcase Festivals.


Immer mehr zeigt sich aber, dass hier eigentlich verschiedene Festivals parallel stattfinden. Wer Post-Punk und Gitarren liebt, brauchte eigentlich das Molotov mit seinen vier Bühnen gar nicht verlassen. Ab Mittag und bis spät in die Nacht gaben sich hier alle Indie Hoffnungen die Gitarre in die Hand. Besonders der Open-Air Back Yard war in diesem Jahr bei durchweg warmen Temperaturen ein Highlight. 

Hier begeisterten am Mittwoch direkt die aus Nottingham stammenden Cucamaras mit einer energetischen Show, die im nächsten Jahr bei vielen Festivals bestimmt auch für Begeisterung sorgen wird. 

Zuvor erlebte man im kuscheligen Moondoo die herrlich unkomplizierte und humorvolle Katie Gregson-MacLeod. In Schottland schon mehr als ein Geheimtipp. 

Zurück im Molotov, diesmal in der Skybar unter dem Dach, dann endlich auch mal schon bekannte Töne. Deathcrash sind mit ihrem Slowcore schon seit circa zwei Jahren in aller Munde und liefern hier einen staubtrockenen, aber leider nicht so elegischen Auftritt hin, wie bereits gesehen. In den nur 45 Minuten erlaubter Spielzeit konnten sie ihre komplette Bandbreite aber auch nicht beweisen. 

Den einsamer Sieger des Tages gab es dann bei Nacht in der wunderschönen Kirche von St. Pauli zu bewundern. Puma Blue steht völlig zurecht ganz kurz vor seinem großen Durchbruch. Wie er hier virtuos mit seiner Band die Genres von Jazz, Pop, Indie und Soul zelebriert, lässt viele mit offenem Mund zurück. Ein wahnsinnig talentierter Songschreiber noch dazu. Unbedingt anhören. 

Auf der tollen, offenen Bühne am Spielbudenplatz gibt es am nächsten Tag nach dem ersten Kaffee einen koreanischen Showcase mit vier Bands, von denen Cotoba besonders herausragen. Überschwängliche Spielfreude, mal als Indiepop, dann wieder etwas vertrackter und mit mehr Ecken und Kanten. 


Iedereen aus Köln lassen es zunächst im Irish Pub und am Tag darauf nochmal im Fanshop von St. Pauli richtig krachen. Punk in seiner reinsten Form, aber mit der spielerischen Klasse und Härte eines klassischen Duos a la White Stripes. 

Wer die Schweizer von Black Sea Dahu mag, kann danach bei Soft Loft, ebenfalls aus der Schweiz, etwas Luft holen. Genauso wie bei AVEC, wurde gefälliger Indiepop geboten. 

Zurück zum Molotov. Hier startet der australische Nachmittag mit einem extra eingeflogenen Ansager, der fast mehr Raum einnimmt als die auftretenden Bands. Doch sobald die Flying Colours das Mikro übernehmen, ist das schnell vergessen. In nur 30 Minuten fegen sie alle Bedenken beiseite, der Auftritt könnte im Hellen vielleicht deplatziert sein. Kein Spur. Toller Shoegaze, tolle Songs. 

Zum Runterkommen dann ab in Angie's Nightclub. ARTE zeichnet zwei Folgen Plattenkiste mit “Promis” auf. Der Talk gerät launig bis peinlich, die Gäste wenig erfahren im Umgang mit Plattenspielern “ach, es gibt ja zwei Seiten”. Abhaken, weiter geht’s. Und zwar direkt ins andere Extrem. 


Im Rockschuppen Headcrash warten bereits Chalk und knallen ihren Elektropunk durch den Raum. Einzelne Songs sind kaum auszumachen. Der Sänger wirkt charismatisch und ganz schön wütend. Behalten wir mal im Auge. 


Kids Return aus Frankreich bieten den nächsten Kontrast. Interessante Pop Songs a la MGMT (1. Album 😊) mit Harmoniegesang. 


Und damit hier nicht der Verdacht aufkommt, es würde nur die erwartete Indie-Bubbel bedient, steht der Besuch von EBOW ganz oben auf der Liste des Wochenendes. Ebro Düzgün bricht mit den normalen Stereotypen des Hip-Hop und kann gleichzeitig aber auch nicht darauf verzichten. So entsteht ein Spannungsfeld aus queeren und politischen Songs, sowie der üblichen Klischees von Handtaschen und dicken Autos. 
Ebru wirkt aber gerade durch diesen offenen Zwiespalt absolut natürlich und sympathisch. Ein lohnender Abstecher. 

Als Rausschmeißer (mit Ansage) dann noch die neue Punk Sensation aus Dublin. Sprints nehmen das Molotov im Sturm und werden ebenfalls nächstes Jahr viele Festivals glücklich machen. 


Am Samstag spielen dann mein Folk-Lieblinge von William the Conqueror gleich zwei Konzerte. Erst akustisch auf dem für alle freien Festivalgelände am Heiligengeistfeld und später dann noch ein richtiges Set im Indra. Lohnte sich beides. 

Im Molotow Biergarten wird auch heute natürlich wieder gerockt. Die Damen von Hotwax sind am Start. Am vierten Tag fällt ihr Set aber leider etwas ab. Kann aber auch an der Anzahl der bereits gesehenen Post-Punk Bands gelegen haben. 


Ein Live-Podcast will natürlich auch noch besucht werden. “Too many Tabs” sorgen für viele Lacher. Carolin Worbs und Miguel Robitzky (ZDF-Magazine Royal) harmonieren sehr gut und berichten von ihren "Rabbit Holes" im Internet. Lyschko performen dazu live ein paar Songs und natürlich die Titelmelodie.

AUGN spielen das für mich spannendste Set des gesamten Festivals, (siehe eigener Bericht) bevor Team Scheisse dann, mittlerweile schon sehr routiniert, im Hochbunker zwischen Fußballrandalen und Reeperbahn-Touristen den Deckel draufmachen. 


Die Anzahl an Bands kann über vier Tage hinweg ermüdend wirken. Es lohnt sich daher immer, auch bewusst Konzerte zu besuchen, deren Musikrichtung einem vielleicht fremd vorkommt. Alles in allem war es ein rundes und entspanntes Festival. 

Als zusätzliches Lob sollte gelten, das die sonst so begehrten Konzerte in der Elbphilharmonie dieses Jahr so gar nicht im Mittelpunkt standen. 

Tickets für 2024 sind als Early-Bird Version bereits erhältlich. 


Samstag, 21. September 2019

Anna Ternheim, Hamburg, 20.09.19

0 Kommentare

Konzert: Anna Ternheim
Ort: Elbphilharmonie (Großer Saal), Reeperbahn Festival
Datum: 20.09.2019
Dauer: 75 min
Zuschauer: 2.100 (ausverkauft)



Theoretisch habe ich Anna Ternheim zu oft gesehen, um ihre Konzerte noch spannend zu finden. Theoretisch habe ich mich mit Musik aber zuletzt im Grundkurs in der 13 auseinandergesetzt (15 Punkte), also war meine Angst davor, nach dem Abend Anna Ternheim vs. Kaiser Quartett in der Elbphilharmonie enttäuscht zu sein, überschaubar. 

Die schwedische Künstlerin spielt nie Tourneen doppelt. Mal tritt sie sehr reduziert nur mit Gitarre und Klavier auf, mal mit Rockband, mal mit Chor, mal folkiger, mal lauter. Im Rahmen des Reeperbahn Festivals fand eine einmalige Zusammenarbeit mit dem Kaiser Quartett aus Hamburg statt. Es sollten neue Songs und alte Stücke mit neuen Arrangements gespielt werden. Das klang hochgradig aufregend, zudem das Konzert am Erscheinungstag von Annas neuem Album stattfand.

Die Elbphilharmonie war ausverkauft. Dummerweise hatte nicht jeder erfahren, daß man für den Einlass ein Ticket und ein Festivalbändchen brauchte, vor mir wurde ein Paar abgewiesen, der Schwarzhändler, der die Karten vermutlich verkauft hat, hatte eben keine Bändchen mitgeliefert. Es blieben dann ein paar Plätze frei, das fiel aber nicht weiter auf.

Um kurz nach halb neun kam das Kaiser Quartett auf die Bühne und spielte ein mehrminütiges Intro, zu dem irgendwann Anna auftrat und einen Teil von Shoreline spielte. Ich habe das Lied schon so oft gehört, es war noch nie so schön wie hier!

Nach Shoreline kamen die beiden Begleiter im Team Anna dazu, Keyboarder Rasmus und Schlagzeuger Andreas. Der im Titel der Veranstaltung angedeutete Wettbewerb (Anna vs. Kaisers) blieb glücklicherweise aus, es war von Beginn an harmonisch. Ich mag Konzerte der Schwedin am liebsten, die wenig Bombast zeigen, die Arrangements heute waren wundervoll!

Nach Shoreline folgten die beiden ersten neuen Lieder von A space for lost time. Beide (This is the one und Everytime we fall) sind keine musikalischen Abenteuer und klingen nach Anna Ternheim, im besten Sinne radiotauglich (auf dem Papier, weil deutsches Radio schrecklich ist) und gefielen mir sehr gut. Keine Angst mehr vor dem neuen Album! Das neue Album heißt nicht umsonst etwas mit Zeit. "Within the last years I've only written songs related to time. I hope it's a phase!" Eines von denen war Hours vom 2016er Album For the young, dessen Titeltrack Anna auch spielte. Better be und All the way to Rio komplettierten den Viererblock von älteren Stücken.



Danach kam etwas, das ich nicht (er)kannte, das (mich) verstörendste Stück des Abends, das mit "Sleep, eat" begann und in dem Anna weitere "eats" fast schon rappte. Das Lied war dramatisch, merkwürdig, vielleicht, allerdings auch gar nicht schlecht.

Danach folgten abwechselnd alte und neue Stücke. Neben dem Thema Zeit spielen gescheiterte Lieben und Freundschaften in den Liedern (wie in allen vernünftigen) eine Hauptrolle. O Mary von der neuen Platte widmete sie einer verrückten Frau, die nicht länger Teil ihres Lebens sei und die ein Energie-Dieb gewesen sei. Das alte Dilemma. Ich möchte, daß es Künstlern gut geht, die besten Lieder schreiben sie aber, wenn es ihnen nicht gut geht. Eigentlich ist es hochgradig egoistisch, gute Musik zu lieben.

Von den neuen Songs gefiel mir aufs erste Hören You belong with me am besten. 

Bis spät ins Konzert empfand ich die Elbphilharmonie als angenehmen Konzertort. Jeden Cent wert. Dem Sound fehlte etwas, ich bin zu wenig Profi, um das genauer sagen zu können, es klang ein wenig flach. Aber der Blick war fantastisch trotz Ebene 15 und trotz eines Absturzgitters vor mir. Ich saß mit Blick auf die Vorderseite der Bühne, dieses 360-Grad-Publikum faszinierte mich, vielleicht hätte ich das auf den Backstage-Balkonen aber anders gesehen. Beim prophetischen What have I done triggerten irgendein kurzer Takt des Kaiser Quartetts das Rhythmische Klatschzentrum eines Teils des Publikums und ließ mich heimisch-rheinisch fühlen. Das machten die Klatscher zweimal, bis Anna Ternheim sie mit einer Arm-Geste und mit einem "shhh" stoppte und darum bat, den Streichern zuzuhören! 

Nach Leavin on a mayday, das nie so mein Liebling war (weil es aus der bombastigsten Phase ihres Werks stammt), kamen Kaiser Quartett und Anna-Trio zurück und spielten Stars als letztes von 6 (1/2)* neuen Liedern, ein Stück über Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Zum Schluß folgte dann noch eine schwedische Version von Auld Lang Syne (Minns det som igår).

Natürlich wird auch die Tour im November wieder ganz anders sein. Die Vorhersage ist nicht verwegen, weil der Abend in der Elphi eine einmalige Zusammenarbeit war. Wie ihre Konzerte dann arrangiert sein werden... keine Ahnung! Ich glaube zwar, schon alles außer einer katyperryartigen Show mit Kostümwechseln gesehen zu haben, das glaube ich aber auch schon seit Jahren.

Setlist Anna Ternheim, Elbphilharmonie, Hamburg:

01: Shoreline (Broder Daniel Cover)
02: This is the one (neu)
03: Everytime we fall (neu)
04: Better be
05: Hours
06: All the way to Rio
07: For the young
08: ?
09: You belong with me (neu)
10: To be gone
11: Oh Mary (neu)
12: When you were mine (neu)
13: What have I done
14: Leaving on a mayday

15: Stars (neu) (Z)
16: Minns det som igår (Z)


Links: 

- unser Ternheim-Verzeichnis:
- Anna Ternheim, Stuttgart, 18.11.17
- Anna Ternheim, Frankfurt, 10.04.16
- Anna Ternheim, Freiburg, 21.02.12
- Anna Ternheim, Frankfurt, 19.02.12
- Anna Ternheim, Köln, 11.02.12
- Anna Ternheim, Berlin, 03.11.11
- Anna Ternheim, Nyköping, 24.11.09
- Anna Ternheim, Paris, 23.09.09
- Anna Ternheim, Fribourg, 20.09.09
- Anna Ternheim, Köln, 13.09.09
- Anna Ternheim, Haldern, 14.08.09
- Anna Ternheim, Paris, 29.04.09
- Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09
- Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06


* Eat, sleep...?



Donnerstag, 13. September 2018

Luna, Hamburg, 09.08.18

0 Kommentare

Konzert: Luna
Ort: Nachtasyl, Hamburg
Datum: 09.08.2018
Dauer: gut 80 min
Zuschauer: vielleicht knapp 200 (nah an ausverkauft)



Wenn ich doch noch wüsste, wie ich Galaxie 500 kennengelernt habe! 1988 erschien das Debüt der amerikanischen Band, irgendwann tauchte sie in meinem Leben auf und seitdem liebe ich sie abgöttisch. Die Zeit vor dem Mauerfall wirkt heute ähnlich weit weg wie der Dreißigjährige Krieg. Als Today erschien, war Boris Becker noch kein Tennis-Experte, Influencer kein Beruf und Europa zwölf Länder kleiner als heute. Unverändert ist meine Liebe zu dieser Band, die mich sogar Saxophon-Soli ertragen lässt. 

Live hatte ich die originalen Galaxie 500 1990 beim Bizarre Festival gesehen, ich erinnere mich aber leider nicht an das Konzert. Ich mochte die Band vorher, ich mochte sie nachher, es kann also nicht schlimm gewesen sein. Sänger Dean Wareham sagt, Galaxie 500 sei keine gute Liveband gewesen, vielleicht verdränge ich da also auch einiges. 1991 löste Dean Galaxie 500 auf, kurz nachdem Rough Trade Records pleite gegangen war. Allerdings war die schwierige Bandkonstellation (ein Paar - Naomi und Damon und eine Einzelperson) und nicht der Labeltod der Grund dieses Endes. Ich mochte nicht, daß meine Lieblingsband verschwinden sollte und ignorierte deshalb alles, was danach kam. Außerdem waren mit Lush und den Pale Saints zwei neue Herzensbands aufgetaucht, den Galaxie-500-Nachfolger Luna konnte ich also guten Gewissens ausblenden.

Erst Jahre später bemerkte ich, was das für ein Quatsch war. Luna fehlt zwar das Unfertig-Schrammelige, das ich an Galaxie 500 so geliebt habe, Dean Warehams Stimme und Songwriting machten aber auch Luna zu einer Band, die ich von Beginn an hätte lieben müssen. Dann hätte ich sie auch in den 90er Jahren in Köln sehen können. Habe ich nicht, also musste ich bis 2015 warten, als Luna erstmals seit zehn Jahren wieder Konzerte spielten. Alle drei 2015 (Madrid, Brighton und London) waren euphorisierend gut!

Als die 2018er Tour angekündigt wurde, tauchte nur ein Deutschland-Termin auf, Hamburg. Daß sich nicht mehr örtliche Veranstalter fanden, ist eine Schande, leider aber auch nicht weiter verwunderlich in einem Land, in dem diese schrecklichen Gitarren-Heinis aus dem Radio als Künstler gelten. 

Also Hamburg (all the way).

Das Nachtasyl ist Teil des Thalia-Theaters und befindet sich unmittelbar unter dessen Dach. Der Raum, der meist für Lesungen genutzt wird, hat an einer Seite eine Bar, an der nächsten ein großes Fenster, an der dritten einen Glaskasten mit Lüftung (den Raucherraum) und an der letzten die Bühne.


Als Luna vorgruppenlos um 21 Uhr auftraten, war der Saal sehr gut gefüllt. Luna sind seit ihrer Reunion Dean Wareham, Britta Phillips (Bass), Sean Eden (Gitarre) und Lee Wall (Schlagzeug), also die Mannschaft, die auch die letzten Jahre vor der Trennung 2005 zusammen war.

Luna-Konzerte - das kann ich mit der Erfahrung von mittlerweile vieren sagen - sind nie gleich. Die Band verfügt nicht nur über ein riesiges eigenes Repertoire, es gibt neben sieben Studio Alben auch alleine zwei Cover-Platten. Ich mag originelle Cover, ich wäre aber vermutlich verstört, wenn eine Band mehr als zwei am Abend spielte. Bei Dean Warehams Gruppen ist das ganz anders. Seine Cover klingen komplett eigen und sind ausnahmslos toll. Jüngestes Beispiel: Fire in Cairo von The Cure, eines dieser Lieder, die niemals gecovert werden dürften. Außer von ihm. Gottseidank stand Fire in Cairo auf dem Programm, ebenso wie das häufig gespielte Indian summer (Beat Happening), Lonesome Cowboy Bill von The Velvet Underground und One fine summer morning (Evie Sands), von Britta Phillips gesungen. Nicht zufällig heißt die erste Luna Cover-Platte Lunafied, wüsste man es nicht besser, könnte man all diese Stücke für Luna-Songs halten.

Dazu kamen zwei Galaxie-500-Lieder, darunter mein Liebling Strange, der Rest war Luna-Luna. Obwohl der Luna-Part ein Best-of war (vielleicht empfinde aber auch nur ich das so, weil ich so viele Stücke liebe) mit Hits wie Moon palace, 23 minutes in Brussels, Sideshow, Chinatown, gab es zumindest für mich eine große Überraschung: Still at home, das Sean Eden singt. Das ist zwar nicht das beste Luna-Lied, es ist aber mein seltenstes.

Ich bereue sehr, nicht mehr Konzerte der Tour gesehen zu haben. Dean Wareham versprach zwar, bald wieder nach Deutschland zu kommen, vermutlich wird es dann aber eine Solo-Tour. Was nicht schlimm ist, da ich wohl auch einen Abend, an dem er nur Flippers-Songs spielte, gut fände.
 
Setlist Luna, Nachtasyl, Hamburg:

01: Chinatown
02: Sideshow by the seashore
03: Fire in Cairo (The Cure Cover)
04: California (all the way)
05: 23 minutes in Brussels
06: Still at home
07: Malibu love nest
08: Bewitched
09: Tracy I love you
10: Moon palace
11: One fine summer morning (Evie Sands Cover)
12: Strange (Galaxie 500)
13: Indian summer (Beat Happening Cover)

14: Lonesome Cowboy Bill (Velvet Underground Cover) (Z)
15: Tugboat (Galaxie 500) (Z)
16: Friendly advice (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Luna, Paris, 12.10.16
- Luna, Brighton, 30.07.15
- Luna, Madrid, 20.04.15
- Dean Wareham, Köln, 29.07.14
- Dean Wareham, Ripley, 26.07.14
- Dean Wareham, Paris, 07.12.13
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Barcelona, 28.05.11
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Paris, 19.02.11
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Minehead, 11.12.10



Mittwoch, 1. November 2017

Jetstream Pony, Hamburg, 28.10.17

0 Kommentare

Konzert: Jetstream Pony
Ort: Astra Stube, Hamburg
Datum: 28.10.2017
Dauer: 37 min
Zuschauer: ca. 60



Sängerin Beth Arzy fluchte schon passend zur Hafenstadt wie eine Matrosin! Es gab keinen Whiskey in dem kleinen Club, außerdem spielte Altona 93 am Sonntag nicht wie geplant; Gründe genug, ordentlich rumzutoben! Hätte ich die Musikerin nicht neulich mit ihrer anderen Band The Luxembourg Signal in Köln erlebt und als schrecklich nett kennengelernt, hätte mich das vielleicht eingeschüchtert. Weil sie aber kein "Drecksschwien" ist, was sie gerne behauptet, haben wir uns vor und nach dem Konzert über unsere gemeinsamen Lieblinge Slowdive, Galaxie 500 oder Belle & Sebastian unterhalten, wobei meine Anekdoten zwar ganz gut, bei weitem aber nicht so toll wie Beths waren. Nerds unter sich.

Aber ich war auch wegen der Musik da.


Jetstream Pony sind wieder einmal eine Indie-Supergroup. Neben Beth (Aberdeen, Tembling Blue Stars, The Luxembourg Signal) sind in dieser neuen Band Kerry Boettcher (Turbocat // Bass), Sara Boyle (Shelley Mack Band // Schlagzeug) und Shaun Charman (The Wedding Present, The Popguns, The Fireworks // Gitarre). Shaun spielte auf Wedding Presents Debütalbum George Best, das David Gedges Band gerade live aufführt. Auch Kerry ist popgeschichtlich aufregend, sie ist die Namensgeberin des Cinerama-Hits Kerry Kerry. Falls ich da keinem Vor-Halloween-Gag aufgeflogen bin. 

Jetstream Pony haben bisher eine Single veröffentlicht. Like you less & Had enough (das ist alles andere als eine B-Seite!) erschien beim tollen Augsburger Label Kleine Untergrund Schallplatten, das uns schon so großartige Bands wie The BV's, Zimt und Endlich Blüte beschert hat und auf dem die neue Luxembourg Signal Platte erschienen ist. 


Jetstream Pony klingen eine ganze Ecke schrammeliger als die anderen Bands, von denen ich Beth kenne. Aber schrammelig und roh ist natürlich absolut nicht verkehrt! Ich mochte es vom ersten Lied an!

Nach diesem ersten Lied kam die Single Like you less, eines von zwei Liedern, die ich kannte. Und schon ganz am Anfang sagte die Sängerin, daß sie a) wirklich gerne einen Whiskey hätte und b) aufs Klo müsste. An der Schnaps-Lage ließ sich nichts ändern, die andere Sache schon. Nach Ready to let you go (jaja...) ging es wohl nicht mehr. "Musst Du die Gitarre stimmen, Shau? I really have to pee" - was uns zum Lachen brachte, das habe ich bisher noch nicht bei Konzerten erlebt. "Is that bad? Is that wrong?" und weg war sie. Ihre Band jammte in der Zwischenzeit etwas.

Nach der Pause spielten Jetstream Pony das Lied, in das ich mich spontan verliebt habe: Self-destruct reality, ein echter Riesenhit! Der Rest war auch toll, die Single-Lieder, vor allem auch die B-Seite Had enough sind großartig, Self-destruct reality aber der Star!

Danach kamen zwei weitere Besonderheiten: ein neues Lied, das auch für sie - wie Beth uns vorher gesagt hatte - neu war. "This is a new one and I fucking don't know it!" Es (Close to you) klappte aber sehr gut!



Danach wechselten Beth und Kerry die Plätze. Die Band spielte einen Turbocat-Song (A tribute to Wanda and Zena), der eine Ecke düsterer als der Rest war. Danach war wie befürchtet schnell Schluß. "This is the last one. Alles ist scheiße, there is no whiskey, no football." Had enough galt aber wohl nur für die Sängerin, wir wollten mehr. "We don't know anymore!" - "Like you less!" - "If we keep playing you'll like us less! This is stupid. This is the single again. Go the fuck home!"

Setlist Jetstream Pony, Astra Stube, Hamburg:

01: Out of reach
02: Like you less
03: Not the one
04: Bury me
05: Coming with me
06: Ready to let you go

07: Self-destruct reality
08: Close to you
09: A tribute to Wanda and Zena (Turbocat Cover)
10: Had enough



 




Donnerstag, 5. Oktober 2017

Slowdive, Hamburg, 04.10.17

0 Kommentare

Konzert: Slowdive
Ort: Uebel & Gefährlich, Hamburg
Datum: 05.10.2017
Dauer: Slowdive rund 95 min, Blanck Mass 43
Zuschauer: knapp 1.000 



Am vergangenen Freitag konnte ich Slowdive vor ihrem Auftritt beim Way Back When Festival in Dortmund interviewen. Die Showgazeband begleitet mich schon lange, seit ihrer Rückkehr 2014 ist sie neben Lush meine Band #1, in guten wie in schlechten Tagen. Ich hatte zig Dinge, über die ich sprechen wollte, ganz besonders interessierte mich etwas, was ich Bands sonst nie frage - der Grund dafür, daß Slowdive live so brillant klingen. Sie sprachen von ihren Soundleuten, davon, daß sie keine Sound- sondern eine Sound- und Songband seien. Schlagzeuger Simon Scott erzählte von einem Gespräch dieser Tage mit Nick, dem neuen Mann am Mischpult. Nick sagte, "Slowdive live zu hören muß wie ein Traum sein, meistens - aber nicht immer - ein schöner, manchmal aber auch ein Albtraum." Beim anschließenden Konzert im FZW fiel mir live nichts auf, was dadurch beschrieben wurde, in Hamburg eine Woche später gab es bei mehreren Stücken ganz besonders krachige Sequenzen, bei denen ich "Nick hat recht" dachte.

Die Band, die in den kommenden Monaten durch Europa, Nordamerika, Japan und Australien touren wird, ändert die Liveversionen ihrer Lieder im laufenden Betrieb. Sie nutzten die Soundchecks, um neue Stücke der aktuellen Platte einzuspielen, hatte Rachel Goswell erklärt. Ich hatte für Hamburg schon auf das Über-Lied Falling ashes gehofft, das "in den nächsten Wochen" in die Livesets integriert wird. Dafür reichte die Zeit aber wohl noch nicht. Im Vergleich zu Dortmund war aber jetzt Don't know why im Programm, das sechste Stück, das Slowdive von Slowdive (dem Album) spielen - jetzt fehlen noch Go get it und Falling ashes. Ich schweife ab. Slowdive proben nicht nur neue Titel ein, sie verändern auch die alten. Catch the breeze, am Anfang, gleich nach Slomo gespielt, hatte ein My Bloody Valentinesches Krachende, das ich so noch nicht kannte. Auch Star roving war eine Ecke härter als sonst. "Sometimes like a nightmare." Oder - Fachbegriff - Beautiful noise. 


Der Auftritt fand im Uebel & Gefährlich im vierten Stock des Hochbunkers statt. Ausverkauft war das Konzert im Vorfeld nicht, es gab eine Abendkasse. Aber wenn überhaupt, war es nicht viel davon entfernt. Daher hätte es sich nicht angeboten, spät zu kommen und die Vorgruppe zu streichen. Ich hatte zwar der Aussage von Bassist Nick Chaplin geglaubt, daß Slowdive die Supports ganz bewußt aussuche, das Lied, das ich mir von Blanck Mass vorher angehört hatte, war schon so gar nichts für mich. Als der Mann hinter Blanck Mass auf die Bühne kam, gefiel mir das für zwei Minuten auch ganz gut, danach war die Geschichte auserzählt, es fing schnell an, uns zu langweilen. Blanck Mass ist Benjamin John Power (London), die eine Hälfte von Fuck Buttons. Seine Musik erinnerte mich oft an die wenigen Dinge, die ich von der Hochphase der Electronic Body Music in den 80ern mitbekommen habe. 43 Minuten lang EBMte Benjamin, der Applaus danach war verhalten. 

Aber dann! Hui! Um 22:15 kamen Christian, Rachel, Simon, Nick und Neil (v.l.n.r.) auf die Bühne und stimmten Slomo an (neues Intro). Es klang wundervoll. Dieses lange, getragene Stück (das mich so an Kate Bush erinnert) ist eine selbstbewußte Wahl für ein Eröffnungslied. Obwohl nicht viel passiert, funktioniert es aber trotzdem sehr gut. Es muß also nicht mit Alison losgehen. Die Betonfestung ist sicher eine echte Herausforderung an Soundingenieure. Der neue Mann bei Slowdive machte seinen Job aber hervorragend. Bei einem Lied in der Mitte klang es einmal etwas dumpf, ansonsten hätte man auch dieses Konzert wieder aufnehmen und veröffentlichen können.

Das Konzert war eine Ecke länger als das in Dortmund. Neu waren Don't know why (zweites Haar in der Suppe... Don't know why war das schlechteste aller neuen Lieder bisher), Slowdive und Blue skied an' clear und die zweite Zugabe Dagger. Dagger, das Lied über eine gescheiterte Liebe, das Neil Halstead wohl über seine Ex Rachel Goswell geschrieben hat und das die beiden 2014 zum ersten Mal live gespielt haben (20 Jahr nach der Beziehung). Dagger ist so verflucht schön, dafür alleine hatte sich der Herzschmerz der beiden gelohnt.


Weil ich die Briten 2014 und 2017 immer wieder auf Bühnen erlebt habe, fallen mir viele Unterschiede auf. Schon 2014 waren Slowdive live fantastisch, 2017 kann man da locker 50% Güte draufpacken, könnte man Konzertqualitäten so skalieren. 2014 seien sie noch eine Showgazeband aus den 90ern gewesen, die die alten Lieder spielt. Heute fühlen sich Slowdive wie eine zeitgenössische Gruppe, erklärten die vier Musiker (außer Neil) bei meinem Interview. Der Erfolg der Platte und die neuen Fans unterstützten das Gefühl. Mir geht es bei den meisten Bands so, daß ich natürlich neuen Liedern gegenüber auch bei Konzerten aufgeschlossen bin, die alten es aber auch tun. Bei Slowdive geht mir das ganz anders. Ich freue mich über jedes neue Stück im Programm. 

So viele neue Leute waren in Hamburg nicht dabei. Das Publikum war sehr männlich. Bei Souvlaki Space Station den wippenden Männerköpfen unter uns zuzugucken, war neben der Musik der schönste Moment des Abends!

Die schönste Nachricht bei meinem Interview war die, daß es Pläne (nur gerade keine Zeit) für neue Musik gibt. Der späte wirkliche Erfolg und das Gefühl eben keine Comeback-Band zu sein, motiviert Slowdive. "Wir machen weiter, solange es uns nicht langweilt." Und da die neuen Lieder ausnahmslos wirklich neu sind und keine aufgewärmten Ideen aus den 90ern, spricht nichts dagegen, daß auch das nächste Album fantastisch wird und Slowdive auch in fünf Jahren noch einfach Ü40-Männern Tränen in die Augen spielen werden. Das kann bei Golden hair, When the sun hits oder auch No longer making friends halt immer auch passieren.


Setlist Slowdive, Uebel & Gefährlich, Hamburg:

01: Slomo
02: Catch the breeze
03: Crazy for you
04: Star roving
05: Slowdive
06: Souvlaki Space Station
07: Avalyn
08: Don't know why
09: Blue skied an' clear 
10: When the sun hits
11: Alison
12: Sugar for the pill
13: Golden hair (Syd Barrett Cover)

14: No longer making time (Z)
15: Dagger (Z)
16: 40 days (Z)

Links:

- aus unserem Slowdive-Archiv:
- Slowdive, Dortmund, 29.09.17
- Slowdive, Mannheim, 18.06.17
- Slowdive, Den Haag, 31.03.17
- Slowdive, London, 20.12.14 
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14



Sonntag, 19. Januar 2014

Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2013

4 Kommentare

Konzert: Bernd Begemann & Die Befreiung
Vorband: Achim Erz
Ort: Knust, Hamburg
Datum: 29.12.2013
Dauer: Bernd Begemann 170 Minuten, Achim Erz 30 Minuten
Zuschauer: etwa 500 (ausverkauft)



Natürlich ist das Knust ausverkauft. Alle Jahre wieder, wenn Bernd Begemann & Die Befreiung zwischen Weihnachten und Silvester zum traditionellen Abschlusskonzert im Hamburger Club laden, kann man davon ausgehen, dass es voll wird. Der Godfather of Hamburger Schule ist im Knust auf St. Pauli in seinem Element. Konzerte sind am Ende noch leidenschaftlicher, noch erfrischender, noch besser als irgendwo sonst. Vor einigen Jahren spielte man jeden Monat ein Album komplett. Begemann ist hier das, was er landesweit sein müsste: Ein Star, mit unzähligen Songs, die man kennen sollte, ja kennen muss, möchte man deutschen Pop lieben. 


Im Publikum scheint jeder jeden über höchstens eine Ecke zu kennen. Konzertjunkies, Begemann-Fans und Musiker reichen sich die Hand. Es ist der sympathische Charakter eines Klassentreffens, nur ohne Leute, denen man am liebsten niemals wieder begegnen würde. Wenn man sich umblickt, schaut man in bekannte Gesichter. Isa Poppensieker von Tonbangerät ist da, ebenso der Musik-Video-Regisseur Kay Otto oder Superpunk-/Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen-Sänger (und Booker der Band) Carsten Friedrichs


 Während sich das Knust nach und nach füllt, betritt Befreiungs-Schlagzeuger Achim Erz gemeinsam mit Robert Holstein (Bass und Keyboards), Nicolas Nitt (Gitarre) und David Alleckna (Schlagzeug) die Bühne. Vor seinem Bandleader darf Erz seine gerade fertiggestellte EP vorstellen, nachdem er Anfang des Jahres im Vorprogramm der Ben Schadow Band bei einem von mir organisierten Konzert im Stuttgarter Studenten-Café Faust erstmals als Solokünstler in Erscheinung trat.
Eine halbe Stunde hat Erz, um das Publikum von sich und seinen Songs zu überzeugen. Nach dem Breitwand-Opener „Deine goldenen Zeiten“ verlässt ihn bei seinem bisher größten Solo-Auftritt die Nervosität. Souverän singt er sich durch das Set, berichtet von einer gewonnenen Bob-Dylan-Box und schwärmt von Ben Folds, dem er mit einem umgetexten Cover bemerkenswert Tribut zollt. Während eines Songs rutscht Robert Holsteins Mikrophon am Keyboard aus der Halterung. Bernd Begemann betritt unter Zwischenapplaus die Bühne und rettet die Situation. Spätestens jetzt hat Erz die Zuschauer in der Hand. Am Ende sind es vor allem „Gewartet“, „Mein Leben ist ein Medley“ und „Fahrschein“, die mit Sprachwitz und opulenter Bandumsetzung nachhaltig gefallen. An Gitarre und Keyboards gelingt Achim Erz der Livetest vor großem Publikum. Anerkennung für einen zum Performer gereiften Band-Arbeiter, der die große Bühne genießen darf. 


Es gibt nur wenige Dinge, die so gut sind wie ein Bernd-Begemann-Konzert. Noch besser allerdings sind Auftritte mit seiner famosen Band Die Befreiung. Nach einer kurzen Pause ist die Bühne hinter einem roten Vorhang verborgen. Schon zu Zeiten mit Die Antwort in den 80ern hatte Begemann ein Händchen für fantastische Shows im 50er Format. Nirgends lässt sich das besser ausreizen als im Knust. Der Vorhang fällt unter tosenden Applaus, „Unsere Liebe ist ein Aufstand“ vom gleichnamigen Befreiungs-Debüt, ein treibender Start. Die 500 im Saal reagieren ekstatisch, die Band wird frenetisch begrüßt. Bassist Ben Schadow im Kapuzenpullover des in seinem Bestehen gefährdeten Clubs Molotow wird für diese Geste gefeiert. 


„Bist du dabei?“ vom Überalbum „Solange die Rasenmäher singen“ von 1995 und „Liebe tat mir nie weh“ vom wohl schlagereskesten Begemann-Werk „Endlich“ folgen umgehend. Wo Soloauftritte von Anekdotenplauderei und purem Entertainment geprägt sind, leben die Band-Konzerte von der enormen Energie des Quartetts. Zu kurz kommen die Geschichten freilich trotzdem nicht. Begemann tobt sich an seiner Gibson-Gitarre aus, verausgabt sich in Textimprovisationen, während Kai Dorenkamp (Keyboards), Ben Schadow und Achim Erz ihm den nötigen Freiraum geben. Völlig außer Frage stehen die Live-Qualitäten dieser Formation, der es gelingt dem größten Entertainer dieses Landes das musikalische Gewand zu geben, das er verdient. 

Zuletzt fand der 51-Jährige wieder häufiger in den Medien statt. Das ist gerecht und gut so und hat vor allem mit einem bekannten Epigonen des ersten Punks aus Bad Salzuflen zu tun. Olli Schulz feierte seinen 40. Geburtstag gemeinsam mit Begemann in Hamburg und Berlin mit umjubelten Konzerten. Ein gemeinsamer Auftritt bei „Circus Halligalli“ und „Verhaftet wegen sexy“, ein Blödelsong mit „La Bamba“-Riff, fördern die Popularität. Die Single knackt die Charts. Eine kleine Anerkennung für den unerbittlichen Kämpfer für Qualität in einem Genre, das durch mediokre Konsens-Melancholie kommerziell geprägt wird. Wäre "Verhaftet wegen sexy" doch bloß nicht so wahlweise Aprés Ski oder Ballermann tauglich und würden dadurch doch bloß nicht so viele Störer, so viel Pro7-Pöbel auf die Konzerte gespült werden. Konsequenterweise wird „Verhaftet wegen sexy“, das viel zu oft gefordert wird, immerhin früh gespielt und mit „Summer Loving“ aus Grease, „Twist and Shout“ und „Wild Thing“ geschickt abgerundet. Im Spiel mit Popzitaten macht dem Hamburger ohnehin keiner etwas vor. „So, dann können alle die dafür gekommen sind, jetzt gehen“


Wer Begemann als größten Popdichter Deutschlands, als eine Art deutschen Elvis Costello feiert, der spätestens mit „Rezession, Baby“, seinem ersten Soloalbum, in den 90ern einen weichenstellenden Meilenstein veröffentlichte, kommt selbstredend auch auf seine Kosten. „Ohne den König, keine Prinzen“, sagte Thees Uhlmann einmal über Bernd Begemanns Einfluss und trifft den Kern. Solange die Rasenmäher singen, wird Bernd versuchen dieses Land zu entschlüsseln, nie werden subtilere Alltagsstudien angestellt. Ohne Bernd kein Blumfeld, Tocotronic, Kettcar, Tomte, wie man es kennt, und erst recht keinen Olli Schulz. Gleichzeitig hat Begemann dieses unschlagbare Händchen für große Melodien, perfekte Beat-Chöre und eine einnehmende Animation, die selbst abgeklärte Akademiker mitreißen. Gefangen in einem Sonntagabend.  

„Lila Twingo“ feiert Livepremiere, nach zwei Minuten wird der Refrain des unbekannten Songs vom Publikum getragen. Der Frontmann im Mod-Anzug genießt das zurecht. „Sie fuhr einen lila Twingo, ein Geschenk zum Abitur oder so.“ Zwischendurch wird liebevoll mit „Ben schwarzer Block Schadow“ gebauchelt und Achim Erz augenzwinkernd darauf hingewiesen, dass er nun wisse, "wie hart es ist, vor den Kids zu stehen".


 Eine weitere Premiere, „Es klappt gerade nicht mit dem Fahrrad“, ist textlich von gewohnter Qualität, während es musikalisch noch ein wenig unausgegoren ist. "Das ist Sozialkitsch. Aber es war schließlich auch Sozialkitsch, der den amerikanischen Bürgerkrieg ausgelöst hat, nämlich 'Onkel Toms Hütte' und nicht 'Nathan der fucking Weise', auch wenn das von mir aus bessere Literatur ist." Kai Dorenkamp überbetont derweil den einfachen Klavierrhythmus und verleiht der Situation angenehme Komik. Sein Frontmann spielt mit und persifliert das Klischee des abgeklärten Pianisten "mit Roger Willemsen Brille" ebenso wie das des egozentrischen Frontmanns à la "Michael Wendler".


Songwünsche werden erfüllt, Publikumslieblinge wie „Fernsehen mit deiner Schwester“, „Judith mach deinen Abschluss“ oder „Unten am Hafen“ selbstverständlich gespielt, auch wenn ich mir stattdessen die heimlichen Großtaten seines Kanons wünschen würde. Zu „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ tanzt Ben Schadow leidenschaftlich. Nach der obligatorischen Pause steigert sich die Band erfahrungsgemäß in unnachahmliche Klasse bis zur völligen Verausgabung. „Nichts erreicht außer Dir“, die vielleicht großartigste deutschsprachige Indie-Pop-Single der frühen 00er Jahre, ein großes Liebeslied, das live noch immer zündet, glänzt als tanzbarer Klassiker. Begemann-Konzerte versöhnen mit unsterblichen Songs, lyrischer Brillanz und gelebter Selbstironie Feingeister, Diskursrocker und Indie-Popper, sie sind obligatorische Highlights eines jeden Konzertjahres. Niemanden sah ich häufiger live und niemand hat seltener enttäuscht. Wenig überraschend verbleibt dieser Jahresabschluss als herausragender Höhepunkt, der dann doch immer wieder überrascht. Die Doors werden während „Judith, mach deinen Abschluss“ zitiert, schließlich gibt es eine echte Rarität als Zugabe, „Derrick weint“
Der König des deutschen Pop ist in seinem Haus- und Hofclub ein gerechter Herrscher, der weiß, wie man seine Untertanen drei Stunden lang beglückt.


Mittwoch, 8. Januar 2014

Trümmer, Hamburg, 01.01.2014

0 Kommentare

Konzert: Trümmer
Ort: Eine Künstler-WG in einem Künstlerhaus in Hammerbrook, Hamburg
Datum: 01.01.2013
Dauer: 47 Minuten
Zuschauer: >50


Foto wurde uns von Trümmer zur Verfügung gestellt.
 „Nehmt euch, eure Wünsche ernst und nehmt eure Träume ernst. Das ist das allererste Signal, das wir schicken wollen. Wischt nicht alles mit 'nem Witzchen weg, ironisiert euch selber nicht weg.“ Während des Haldern-Pop-Festivals, erklärt Paul Pötsch – Sänger, Gitarrist und Texter der Hamburger Gruppe Trümmer – in einem WDR-Interview die Haltung seiner Band. Überhaupt kreist die Lyrik des 22-Jährigen vehement um ernste Themen, diagnostiziert die Befindlichkeiten seiner Generation und die Probleme dieses Landes, rüttelt auf – und das ohne zu appellieren. Damit schreitet das Trio über ähnliche Pfade wie die politisch versierten musikalischen Vorreiter, dessen, was Musik-Journalisten einst Hamburger Schule tauften, und zu der sich öffentlich vermutlich ausschließlich die englischen Meister des pointierten Indie-Pops, Art Brut, zählen wollen („We are Hamburg school“). Trümmer setzen da an, wo die frühen Blumfeld um Jochen Distelmeyer einst erste Erfolge feierten und warten mit einer Ironiefreiheit auf, die sie von anderen deutschen Bands dieser Zeit abhebt. Ein Attribut das Trümmer in einer durchironisierten, von Yuppies der 90er und Hipster der 10er Jahre geprägten Popkultur zur Blaupause neuen endlich wieder einmal politischen Indie-Pops werden lässt. Live erzeugen Pötsch und seine Mitstreiter Maximilian Fenski (Schlagzeug) und Tammo Kasper (Bass) dazu tatsächlich eine rohe Energie zwischen frühem Punk und 00er-Jahre-Garagen-Gitarren a la Strokes und Libertines, deren Dandytum angenehm adaptiert wurde. 


Schon im Februar letzten Jahres während des KOMMA Winterfests in Esslingen von Trümmer überzeugt, bin ich in den frühen Stunden dieses Jahres überwältigt. In einer Künstler-WG im Hamburger Stadtteil Hammerbrook startet 2014 mit einem buchstäblich ekstatischen Konzert der Gruppe: Um 00.40 Uhr stehen Pötsch, Fenski und Kasper zwischen Plastikbechern und Schnapsflaschen auf der improvisierten Bühne neben dem Plattenteller eines DJs im rechten Eck des Wohnzimmers einer loftartigen Wohnung. 
In Anzügen und Hemden wirkt das alles stilvoll. „Schutt und Asche“, es geht los. Im Publikum kennt man sich, Trümmer sind im Szenebild fest integriert. Die Intensität eines Konzerts an der Quelle ist immens, Kasper pendelt vor und zurück, Fenski drischt hart auf sein Instrument ein, während im ganzen Raum getanzt wird. „Und die Welt macht keinen Sinn“, skandiert Pötsch in „Macht“
Songs und Performance sind stimmig, die Qualität des bald erscheinenden Debüt-Albums lässt sich erahnen. Aufgenommen in einem Bauernhof irgendwo in der norddeutschen Provinz, kann man fest davon ausgehen, dass die rohe Live-Energie auch auf Platte generiert werden kann. Tocotronic platzierten in ihrem letzten Album in seinem stärksten Song das Schlagwort „Revolte“ prominent. Dass der gleichnamige Song Trümmers ebendiesem das Wasser reichen kann, soll an dieser Stelle als Gütesiegel festgehalten werden. Kritiker der Band mögen all das prätentiös finden. Das aber muss keineswegs negativ ausgelegt werden. Tocotronic leben davon, Kraftwerk werden seit einiger Zeit  für den denkbar prätentiösesten Akt zurecht gefeiert – nämlich den der musealen Retrospektive, während man doch auch einfach auf Greatest-Hits-Tour gehen könnte. 


„Straßen voller Schmutz“ werden besungen und im Kontext der jüngsten Ausschreitungen auf der Schanze und der Einrichtung so genannter Gefahrenzonen ebendort und auf St. Pauli scheinen die Trümmer-Songs der ideale Soundtrack dieser Tage zu sein. "Unsere Lügen sind wahrer als das, was ihr uns auftischt!"  
„Testament der Angst“ nannten Blumfeld eines ihrer herausragenden Alben. „Diktatur der Angepassten“ war der Schlüsselsong. Pötsch scheint sich seinen Distelmeyer zu Herzen genommen haben und transformiert die gewichtige Attitüde in die Gegenwart. Dass die derzeitige Single mit der Doppel-A-Seite „Der Saboteur“ / „In all diesen Nächten“ gefeiert wird, ist da nur folgerichtig. 
Die SPEX, deren Leser Trümmer auf den vierten Platz der Newcomer 2013 wählten, jauchzt in höchsten Tönen. Letztes Jahr trat man mit Dinosaur Jr. und Casper auf. Der sichere Hype um Trümmer steht in den Startlöchern.  Im vergangenen Festivalsommer wurde man in Haldern oder auf dem Melt! gefeiert, das Konzert im Künstlerhaus macht deutlich, dass 2014 vermutlich ähnlich erfolgreich wird. 
Spätestens als schließlich „Der Saboteur“ und „In all diesen Nächten“, die bisher einzigen im Netz verfügbaren Songs, entschlossen kredenzt werden, aus vielen Mündern mitgesungen wird, Fäuste in die Luft steigen, wird klar, dass der Aufstieg Trümmers zur Band, deren Relevanz allgemein anerkannt wird, kaum gestoppt werden kann. „In all diesen Nächten sind wir nicht brav sondern schlimmer.“ Paul Pötsch, Maximilian Fenski und Tammo Kasper verneigen sich, „Es ist 2014, Mann. Frohes Neujahr, Freunde!“, das war's. Frenetischer Beifall des Publikums. „Morgensonne“ als Zugabe, freundschaftliches Schulterklopfen mit Freunden, die Energie breitet sich aus, das Signal kam an, während mein Konzertjahr mit einer kleinen Perle beginnt. 


Setlist Trümmer, Hamburg:

01: Schutt und Asche
02: Macht
03: Revolte
04: Wo ist die Euphorie?
05: Straßen voller Schmutz
06: Die 1000. Kippe
07: Der Saboteur
08: 05:30
09: Scheinbar
10: Welten in uns
11: In all diesen Nächten

12: Morgensonne (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Trümmer, Frankfurt, 12.02.2013
- Trümmer, Feldkirch, 15.08.2013

Tourdaten:

14.01.2014, Dresden, Scheune
15.01.2014, Kassel, Schlachthof
16.01.2014, Düsseldorf, FFT
17.01.2014, Stuttgart, Kulturzentrum Merlin





















Dienstag, 26. Juni 2012

Snow Patrol, Hamburg, 24.06.12

0 Kommentare

Konzert: Snow Patrol Ort: O2 World, Hamburg Datum: 24.06.2012
Zuschauer: ca. 8.000
Dauer: 90 min



von Karina aus Bonn


Keine Ahnung wie oft ich Snow Patrol nun schon live gesehen habe. Ich könnte mir die Mühe machen und mal nachrechnen, aber ich will niemanden langweilen. Ja, ich bin ein Fan. Und ja, ich fahre auch bis nach Hamburg, mache dort ein bisschen Sightseeing, treffe andere verrückte Mädels, warte stundenlang am Einlass und stehe dann in der ersten Reihe. Und womit? Mit einem riesigen Grinsen im Gesicht. Hinterher tot, aber rundum glücklich.

Snow Patrol starten nicht mit „I’ll never let go“ in ihr etwa 90 minütiges Set, sondern mit „Hands open“. „I’ll never let go“ das als opener der aktuellen Scheibe „Fallen Empires“ die Konzerte der Tour im Februar / März noch eröffnete, wurde stattdessen ganz und gar weg gelassen. Ein bisschen schade, denn ich mag dieses Lied sehr, andererseits kann ich es mir auch nicht ohne weibliche Gesangsunterstützung vorstellen (einen Part den Shauna von Ram’s Pocket Radio bei den Februar-Terminen großartig meisterte).

Getreu dem Titel flogen den Jungs von Snow Patrol die Hände nur so entgegen. Ja, dieses Publikum war gut drauf. Diese Stimmung übertrug sich auch auf die Jungs auf der Bühne. Oder war es andersherum? Es war jedenfalls eine absolut fantastische Atmosphäre vor und auf der Bühne.

Neben dem erwähnten „Hands open“, folgten noch „Crack the shutters“, „Take back the Cities“, “Run” und natürlich “Chasing Cars”. Der Tür- und Toröffner, der Wegbereiter, die Single, die von vielen belächelt, totgespielt, gehasst und doch trotzdem immer wieder nur schön und ein Highlight ist. Die Teenies in der zweiten Reihe kreischen sich die Seele aus dem Leib als die ersten Töne erklingen, die Halle singt den Refrain lauthals mit, Pärchen kuscheln sich zusammen und der „Hardcore-Fan“? Der bringt Schilder mit auf denen OH’s stehen und freut sich wie Bolle wenn die Band dann lächelnd nickt und am Ende in die Reworked-Version umspringt und eben noch ein paar großartige „ohohoohoos“ anhängt.

Apropos Fan. Ein paar holländische Fans hatten ein Schild mitgebracht und forderten die Einlösung eines anscheinend auf einem anderen Konzert gemachten Versprechens ein. „How to be dead“ vom zweiten Album „Final Straw“ wurde gewünscht. Und da wir wissen, dass der Herr Lightbody es mit den Lyrics manchmal nicht so hat, hatten die Holländer vorgedacht und die Lyrics direkt mitgebracht. Ganz schön clever. Am Ende hielt dann Bassist Paul Wilson den Liedtext fest und Gary sang und bedankte sich mit einem Küsschen bei Paul für die Hilfe. Ja, hier hat man sich lieb.

Aber es gibt eben nicht nur die leisen Töne. Die Mischung macht’s. Wer eher auf stampfende Beats setzt, der sollte sich mal „Fallen Empires“ (in dem Fall den Song) live anhören. Das ist einfach bombastisch. Plötzlich stehen drei Trommler auf der Bühne, die Lichtmaschine zeigt was sie kann und Gary ist nur noch schemenartig als herumspringendes Etwas auf der Bühne auszumachen. Sofern man denn nach vorne schaut und sich nicht mit geschlossenen Augen diesem lauten, treibenden Sound hingibt. „we are the light, we are the light“ Definitiv!

Ich könnte ehrlich gesagt noch stundenlang weitertippen: über „Called out in the dark“ oder „just say yes“ bei denen man am Gekreische und Gejubele erkennt, dass die Radiostationen hier fleißig waren. Oder über das wunderschöne „life-ning“ dass zu Tränen rührt, „Make this go on forever“ dass durch ein verändertes Ende ebenfalls Gänsehaut verursacht. Oder über eine Band, die ihr Publikum liebt, mit ihm agiert, einen Sänger der zwischendrin Geschichten erzählt, mit seinen Bandkollegen auf Tuchfühlung geht und am Ende einfach nur verzückte Gesichter hinterlässt.

Vielleicht macht sich aber besser jeder selbst ein Bild. Diese Band ist mehr als „chasing cars“.

Setlist, Snow Patrol, O2 World, Hamburg:


01: Hands Open
02: Take Back The City
03: Crack The Shutters
04: This Isn’t Everything You Are
05: How To Be Dead
06: Run
07: In the End
08: New York
09: Set the FireTo The Third Bar

10: Make This Go On Forever
11: Shut Your Eyes
12: Chasing Cars
13: Chocolate
14: Called Out In The Dark
15: Fallen Empires
16: Open Your Eyes

17: Lifening (Z)
18: Just Say Yes (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
- Snow Patrol, Köln, 10.10.06

Tourtermine Snow Patrol:


29.06. Berlin, Zitadelle
03.07. Dresden, Elbufer
04.07. Köln, Lanxess Arena




Samstag, 11. Juli 2009

The Lucksmiths u.a., Hamburg, 11.07.09

8 Kommentare

Konzert: The Lucksmiths, A Smile And A Ribbon, Gary Olson, Uni & Her Ukulele

Ort: Prinzenbar, Hamburg
Datum: 11.07.2009
Zuschauer: vielleicht 250 (voll)
Dauer: The Lucksmiths 95 min, A Smile And A Ribbon 40 min, Gary Olson 27 min, Uni & Her Ukulele 35 min


Im März bekam ich ein mail mit dem Betreff "Wir fahren nach Hamburg". Als ich las, wer der Grund für den Ausflug sein sollte, fiel mir als Antwort nicht mehr als "Natürlich!!!" ein. Obwohl da wirklich noch nicht absehbar war, daß die bevorstehende Trennung der australischen Band, das Konzert noch besonderer machen sollte, wollte ich unbedingt hin, denn zu gerne wollte ich die Indiepop-Band endlich einmal sehen. Im Mai folgte dann auf ihrer Website die Meldung, daß sich die Lucksmiths nach ihrer Europatour (die Samstag in Berlin endete) und einigen australischen Abschiedsgigs auflösen würden ("There's no easy way to put this, so please accept our apologies for the seemingly abrupt nature of this post. We are saddened to announce that after sixteen years as The Lucksmiths, the band has decided to break up"). Schnief.

Die Lucksmiths wären wahrlich Grund genug gewesen, nach Hamburg zu fahren. Aber das
Programm bot noch mehr... Vorgruppen sollten die tollen A Smile And A Ribbon, eine fabelhafte schwedische Indiepop-Band und Uni & Her Ukulele aus den USA sein. Uni hatte ich noch nicht gesehen, ihre Musik hörte sich aber interessant an. Also mehr Motivation als nötig...

Die Prinzenbar gehört zum gleichen Gebäudekomplex wie die Docks. Während die
aber von der Reeperbahn erreicht werden, befindet sich der Eingang zur Prinzenbar in einer Parallelstraße. Die Bar ist einer der sehenswertesten Clubs, die ich kenne. Neben vielen Stuckverzierungen an den Wänden fallen sofort der riesige Kronleuchter und das nach Jugendstil aussehende Oberlicht auf. Besonders toll sind aber die beiden unterschiedlich hohen Balkone, von denen man in dem kleinen Club den perfekten Überblick hat.

Um acht war der Laden noch sehr leer. Aber wir wollten ja nichts verpassen. Von oben sah man die Künstler des Abends eintreffen. Unverkennbar waren dabei Uni und A Smile And A Ribbon. Uni trug ein Kleid, das mich ein wenig an eine Gardine erinnerte, an eine schöne. Mit ihrer Ukulele und ziemlich hohen Schuhen, kletterte die recht kleine Uni auf die Bühne und begann ein 35 minütiges Set, bestehend aus eigenen und fremden Liedern. Das war nett, hat mich aber nicht umgehauen. Am meisten sind mir die (mindestens drei) Cover im Gedächtnis geblieben. Schön war dabei Dancing in the dark von Bruce Springsteen. Am besten kam aber ein Lied von einem Sänger an, den Uni als "great songwriter with awesome hair" ankündigte: Right here waiting von Richard Marx...

Nach einer Zugabe machten Uni und ihre Ukulele dann Platz für einen später ins Roster gerutschten vierten Künstler: Gary Olson, den Sänger von The Ladybug Transistor. Da er ohne Band aus New York angereist war, begleiteten die Lucksmiths den amerikanischen Sänger und Trompeter. Gary Olson spielte Trompete und
einen... zweisaitigen Bass. Schwer einzuschätzen, ob der nur Deko war, laut ausgesteuert habe ich keinen Bass gehört, oder ob eben zwei Saiten vollkommen genügen. Dazu drei Gitarren und Schlagzeug (ein ausgewachsenes) der Lucksmiths und es entstand ein großartiger Song nach dem anderen. Leider war ich zu hingerissen, um eine Setlist zusammenzubekommen. Das war allerdings auch vollkommen egal, denn der knapp halbstündige Augenblick war so fabelhaft, wie wenige Konzerte, die ich dieses Jahr gesehen habe. Die Musiker harmonierten, als hätte sie nie in anderer Besetzung gespielt. Nur einmal gab es kleinere Unstimmigkeiten, als Gary ein Under The Bridge Cover ankündigte (die Frage, ob das Original oder das vorzügliche All Saints Cover besser ist, war gerade Dienstag erst Gesprächsthema), man sich kurz unterhielt und dann etwas anderes spielte (Summer rain?, keine Ahnung). Es ging alles viel zu schnell vorbei und hinterließ uns mit der irren Meinung, daß es die Lucksmiths schwer haben würden, das bessere Konzert hinzulegen...

Dritte Akteure des Abends waren die schwedischen A Smile And A Ribbon. Die weiblichen Bandmitglieder konnte man schon vorher im Saal kaum übersehen. Vor allem Bassistin Antonia Pehrson stach ins Auge. Mit
einem schwarz-weißen Kleid mit schwarzer Fliege, roter Brille und Pony war sie vermutlich die auffälligste Person in der Prinzenbar. An ihrem Bass steckte dann vorne auch noch eine Sonnenblume (da, wo ansonsten die Stimmechanik ist - die wiederum habe ich nicht gesehen - ein Fakebass vielleicht auch hier?). Nachdem alle Vorbereitungen abgeschlossen waren (dazu zählten u.a. das Befestigen eines Stoffeinhorns und eines Tuchs an Mikroständern), begannen die fünf Schweden. Sängerin Rebecca Mehlman sah mit Dauerwelle und rotem Kleid wie eine 50er Jahre Traum-Schwiegertochter aus. Mein Bandliebling war aber eindeutig die Keyboarderin (Kajsa Tretow vermutlich) mit ihrem Matrosenkleid und der roten Schleife im Haar! Hui!

Ich hatte die Zeit mir die Band genauer anzugucken, weil es mich musikalisch leider etwas enttäuschte. Die The boy I wish I never met EP von ASAAR mag ich sehr, live lebte alles von den Personen, weniger vom Spiel. Es fesselte mich leider nicht sonderlich... Natürlich spielte der irre gute Auftritt von Gary Olson vorher dabei eine Rolle. Quasi eine akustische Täuschung, nachdem man zu lange etwas Brillantes gehört hat (analog zu diesem).

A Smile And A Ribbon spielten all die fabelhaften Instrumente, die eine Indiepop-Band gefälligst im Repertoire haben sollte: Flöte, Glockenspiel, Melodica und Keyboard - aber sie spielten ihren größten Hit leider
nicht, The boy I wish I never met. Gespielt haben ASAAR Stücke ihrer EP, Lieder, die ich nicht kannte (darunter eines mit dem dänischen Titel Den lille havfrue - Die kleine Meerjungfrau, auf Schwedisch Den lilla sjöjungfrun) und ein Television Personalities Cover (Magnificient dreams).

Sehen will ich sie auf alle Fälle noch mal, ohne die beiden Auftritte vor und nach ihnen, werde ich das vielleicht anders beurteilen. Die Musik ist ja da, und die ist gut.

Setlist A Smile And A Ribbon, Prinzenbar, Hamburg:

01: Sommer
02: Then I felt your cheek
03: The bomb
04: My bunny's back
05: Pebbles
06: Batgirl
07: A nice walk in the park
08: A little late to be polite
09: Den lille havfrue
10: Blue rose
11: Miracles
12: Magnificient dreams (Television Personalities Cover)

Und dann der Hauptact... Die Lucksmiths haben ein anderes Bühnenlayout als
normale Bands. Weil der Leadsänger auch Schlagzeuger ist, standen mittig Tali Whites Trommeln. Er bediente sein Instrument im Stehen, alleine optisch macht das viel mehr her. Neben und hinter Tali hatten sich seine Kollegen, Bassist Marky Monnone und die beiden Gitarristen Marty Donald und Louis Richter aufgebaut.

Mit Young and dumb von Warmer corners und Good light von der leider letzten Platte First frost begann die Show und nahm mir die Angst, die Lucksmiths könnten nur zweiter Sieger des Abends sein. Es folgte eine Perle nach der anderen, darunter Transpontine von der A little distraction EP, das Lied, das Kölner (und
Wäre-gern-Kölner) so gut nachvollziehen können ("The river has a right side and a wrong side"). Brillant brillant wurde es dann mit The town & the hills (mit der punktgenauen Ansage "this is a song about a town and the hills") und dem Wiedererscheinen von Gary Olson. Die Trompete gab dem Sound und meinem breiten Grinsen den Rest.

Der Trompeter begleitete die Band auch bei den nächsten drei Stücken. Eines davon, Even Stevens, ist eine Kooperation seiner Ladybug Transistors mit den Australiern. Ein weiterer Gastmusiker kam dann zu
The year of driving langourously dazu, die in Dänemark lebende Violinistin Saundrah Humphrey des Math And Physics Club aus Seattle. Wundervoll!

Normalerweise achte ich bei Konzerten immer auf die vielen Dinge, die so nebenher passieren. Entweder gab es so etwas nicht, oder ich war einfach so sehr auf die Lieder der Lucksmiths fixiert, daß alles drumherum egal war. Ich fürchte, es war letzteres.

Die Band war aufmerksamer als ich. Auf der der Bühne gegenüberliegenden Seite der Bar hängt ein riesiger gekippter Spiegel. Einer der Schmidts sagte, wie toll das sei, das man als Band auch einmal die Zuschauer von hinten sehen könnte. Einer hätte ein Teenage Fanclub T-Shirt an, habe er da gesehen...

Weil der Club wegen der Anwohner (Rückseite Reeperbahn, remember...) um
Mitternacht leiser sein muß, kündigte Tali Sunlight in a jar als letztes Lied an. "One more...". Im richtigen Moment erschien der Veranstalter und sagte ihm etwas. "Five more!" Leider gingen aber auch die viel zu schnell um. Aber vermutlich wäre jede Konzertlänge zu kurz gewesen. Wir haben 95 Minuten Bandgeschichte von allen Platten seit der vierten gespielt bekommen und schließlich die tollen Lucksmiths vor ihrer Auflösung noch einmal rechtzeitig sehen können. Sänger Tali wird jetzt als Grundschullehrer arbeiten, seine Kollegen in anderer Form weitermusizieren. Darf man hoffen, daß australische Kinder ganz schreckliche Nervensägen sind? Dann mache ich das hiermit!

Setlist The Lucksmiths, Prinzenbar, Hamburg:

01: Young and dumb
02: Good light
03: Transpontine
04: Synchronised sinking
05: South-east coastal rendezvous
06: A hiccup in your happiness
07: Under the rotunda
08: The town & the hills
09: Self-preservation
10: Even Stevens
11: Stay-away stars
12: Song of the undersea
13: Smokers in love
14: Great lengths
15: The year of driving langourously
16: A sobering thought (just when one was needed)
17: T-Shirt weather
18: Sunlight in a jar
19: California in popular song
20: The music next door

21: Untidy towns (Z)

22: Camera-shy (Z)

Links:

- mehr Fotos aus der Prinzenbar




 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates