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Sonntag, 19. Januar 2014

Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2013

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Konzert: Bernd Begemann & Die Befreiung
Vorband: Achim Erz
Ort: Knust, Hamburg
Datum: 29.12.2013
Dauer: Bernd Begemann 170 Minuten, Achim Erz 30 Minuten
Zuschauer: etwa 500 (ausverkauft)



Natürlich ist das Knust ausverkauft. Alle Jahre wieder, wenn Bernd Begemann & Die Befreiung zwischen Weihnachten und Silvester zum traditionellen Abschlusskonzert im Hamburger Club laden, kann man davon ausgehen, dass es voll wird. Der Godfather of Hamburger Schule ist im Knust auf St. Pauli in seinem Element. Konzerte sind am Ende noch leidenschaftlicher, noch erfrischender, noch besser als irgendwo sonst. Vor einigen Jahren spielte man jeden Monat ein Album komplett. Begemann ist hier das, was er landesweit sein müsste: Ein Star, mit unzähligen Songs, die man kennen sollte, ja kennen muss, möchte man deutschen Pop lieben. 


Im Publikum scheint jeder jeden über höchstens eine Ecke zu kennen. Konzertjunkies, Begemann-Fans und Musiker reichen sich die Hand. Es ist der sympathische Charakter eines Klassentreffens, nur ohne Leute, denen man am liebsten niemals wieder begegnen würde. Wenn man sich umblickt, schaut man in bekannte Gesichter. Isa Poppensieker von Tonbangerät ist da, ebenso der Musik-Video-Regisseur Kay Otto oder Superpunk-/Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen-Sänger (und Booker der Band) Carsten Friedrichs. 


 Während sich das Knust nach und nach füllt, betritt Befreiungs-Schlagzeuger Achim Erz gemeinsam mit Robert Holstein (Bass und Keyboards), Nicolas Nitt (Gitarre) und David Alleckna (Schlagzeug) die Bühne. Vor seinem Bandleader darf Erz seine gerade fertiggestellte EP vorstellen, nachdem er Anfang des Jahres im Vorprogramm der Ben Schadow Band bei einem von mir organisierten Konzert im Stuttgarter Studenten-Café Faust erstmals als Solokünstler in Erscheinung trat.
Eine halbe Stunde hat Erz, um das Publikum von sich und seinen Songs zu überzeugen. Nach dem Breitwand-Opener „Deine goldenen Zeiten“ verlässt ihn bei seinem bisher größten Solo-Auftritt die Nervosität. Souverän singt er sich durch das Set, berichtet von einer gewonnenen Bob-Dylan-Box und schwärmt von Ben Folds, dem er mit einem umgetexten Cover bemerkenswert Tribut zollt. Während eines Songs rutscht Robert Holsteins Mikrophon am Keyboard aus der Halterung. Bernd Begemann betritt unter Zwischenapplaus die Bühne und rettet die Situation. Spätestens jetzt hat Erz die Zuschauer in der Hand. Am Ende sind es vor allem „Gewartet“, „Mein Leben ist ein Medley“ und „Fahrschein“, die mit Sprachwitz und opulenter Bandumsetzung nachhaltig gefallen. An Gitarre und Keyboards gelingt Achim Erz der Livetest vor großem Publikum. Anerkennung für einen zum Performer gereiften Band-Arbeiter, der die große Bühne genießen darf. 


Es gibt nur wenige Dinge, die so gut sind wie ein Bernd-Begemann-Konzert. Noch besser allerdings sind Auftritte mit seiner famosen Band Die Befreiung. Nach einer kurzen Pause ist die Bühne hinter einem roten Vorhang verborgen. Schon zu Zeiten mit Die Antwort in den 80ern hatte Begemann ein Händchen für fantastische Shows im 50er Format. Nirgends lässt sich das besser ausreizen als im Knust. Der Vorhang fällt unter tosenden Applaus, „Unsere Liebe ist ein Aufstand“ vom gleichnamigen Befreiungs-Debüt, ein treibender Start. Die 500 im Saal reagieren ekstatisch, die Band wird frenetisch begrüßt. Bassist Ben Schadow im Kapuzenpullover des in seinem Bestehen gefährdeten Clubs Molotow wird für diese Geste gefeiert. 


„Bist du dabei?“ vom Überalbum „Solange die Rasenmäher singen“ von 1995 und „Liebe tat mir nie weh“ vom wohl schlagereskesten Begemann-Werk „Endlich“ folgen umgehend. Wo Soloauftritte von Anekdotenplauderei und purem Entertainment geprägt sind, leben die Band-Konzerte von der enormen Energie des Quartetts. Zu kurz kommen die Geschichten freilich trotzdem nicht. Begemann tobt sich an seiner Gibson-Gitarre aus, verausgabt sich in Textimprovisationen, während Kai Dorenkamp (Keyboards), Ben Schadow und Achim Erz ihm den nötigen Freiraum geben. Völlig außer Frage stehen die Live-Qualitäten dieser Formation, der es gelingt dem größten Entertainer dieses Landes das musikalische Gewand zu geben, das er verdient. 

Zuletzt fand der 51-Jährige wieder häufiger in den Medien statt. Das ist gerecht und gut so und hat vor allem mit einem bekannten Epigonen des ersten Punks aus Bad Salzuflen zu tun. Olli Schulz feierte seinen 40. Geburtstag gemeinsam mit Begemann in Hamburg und Berlin mit umjubelten Konzerten. Ein gemeinsamer Auftritt bei „Circus Halligalli“ und „Verhaftet wegen sexy“, ein Blödelsong mit „La Bamba“-Riff, fördern die Popularität. Die Single knackt die Charts. Eine kleine Anerkennung für den unerbittlichen Kämpfer für Qualität in einem Genre, das durch mediokre Konsens-Melancholie kommerziell geprägt wird. Wäre "Verhaftet wegen sexy" doch bloß nicht so wahlweise Aprés Ski oder Ballermann tauglich und würden dadurch doch bloß nicht so viele Störer, so viel Pro7-Pöbel auf die Konzerte gespült werden. Konsequenterweise wird „Verhaftet wegen sexy“, das viel zu oft gefordert wird, immerhin früh gespielt und mit „Summer Loving“ aus Grease, „Twist and Shout“ und „Wild Thing“ geschickt abgerundet. Im Spiel mit Popzitaten macht dem Hamburger ohnehin keiner etwas vor. „So, dann können alle die dafür gekommen sind, jetzt gehen“. 


Wer Begemann als größten Popdichter Deutschlands, als eine Art deutschen Elvis Costello feiert, der spätestens mit „Rezession, Baby“, seinem ersten Soloalbum, in den 90ern einen weichenstellenden Meilenstein veröffentlichte, kommt selbstredend auch auf seine Kosten. „Ohne den König, keine Prinzen“, sagte Thees Uhlmann einmal über Bernd Begemanns Einfluss und trifft den Kern. Solange die Rasenmäher singen, wird Bernd versuchen dieses Land zu entschlüsseln, nie werden subtilere Alltagsstudien angestellt. Ohne Bernd kein Blumfeld, Tocotronic, Kettcar, Tomte, wie man es kennt, und erst recht keinen Olli Schulz. Gleichzeitig hat Begemann dieses unschlagbare Händchen für große Melodien, perfekte Beat-Chöre und eine einnehmende Animation, die selbst abgeklärte Akademiker mitreißen. Gefangen in einem Sonntagabend.  

„Lila Twingo“ feiert Livepremiere, nach zwei Minuten wird der Refrain des unbekannten Songs vom Publikum getragen. Der Frontmann im Mod-Anzug genießt das zurecht. „Sie fuhr einen lila Twingo, ein Geschenk zum Abitur oder so.“ Zwischendurch wird liebevoll mit „Ben schwarzer Block Schadow“ gebauchelt und Achim Erz augenzwinkernd darauf hingewiesen, dass er nun wisse, "wie hart es ist, vor den Kids zu stehen".


 Eine weitere Premiere, „Es klappt gerade nicht mit dem Fahrrad“, ist textlich von gewohnter Qualität, während es musikalisch noch ein wenig unausgegoren ist. "Das ist Sozialkitsch. Aber es war schließlich auch Sozialkitsch, der den amerikanischen Bürgerkrieg ausgelöst hat, nämlich 'Onkel Toms Hütte' und nicht 'Nathan der fucking Weise', auch wenn das von mir aus bessere Literatur ist." Kai Dorenkamp überbetont derweil den einfachen Klavierrhythmus und verleiht der Situation angenehme Komik. Sein Frontmann spielt mit und persifliert das Klischee des abgeklärten Pianisten "mit Roger Willemsen Brille" ebenso wie das des egozentrischen Frontmanns à la "Michael Wendler".


Songwünsche werden erfüllt, Publikumslieblinge wie „Fernsehen mit deiner Schwester“, „Judith mach deinen Abschluss“ oder „Unten am Hafen“ selbstverständlich gespielt, auch wenn ich mir stattdessen die heimlichen Großtaten seines Kanons wünschen würde. Zu „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ tanzt Ben Schadow leidenschaftlich. Nach der obligatorischen Pause steigert sich die Band erfahrungsgemäß in unnachahmliche Klasse bis zur völligen Verausgabung. „Nichts erreicht außer Dir“, die vielleicht großartigste deutschsprachige Indie-Pop-Single der frühen 00er Jahre, ein großes Liebeslied, das live noch immer zündet, glänzt als tanzbarer Klassiker. Begemann-Konzerte versöhnen mit unsterblichen Songs, lyrischer Brillanz und gelebter Selbstironie Feingeister, Diskursrocker und Indie-Popper, sie sind obligatorische Highlights eines jeden Konzertjahres. Niemanden sah ich häufiger live und niemand hat seltener enttäuscht. Wenig überraschend verbleibt dieser Jahresabschluss als herausragender Höhepunkt, der dann doch immer wieder überrascht. Die Doors werden während „Judith, mach deinen Abschluss“ zitiert, schließlich gibt es eine echte Rarität als Zugabe, „Derrick weint“. 
Der König des deutschen Pop ist in seinem Haus- und Hofclub ein gerechter Herrscher, der weiß, wie man seine Untertanen drei Stunden lang beglückt.


Mittwoch, 30. Oktober 2013

Achim Erz & Johnny Heyerdahl, Stuttgart, 27.09.2013

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Konzert: Achim Erz & Johnny Heyerdahl
Ort: Ein Wohnzimmer in Stuttgart
Datum: 27.09.2013
Dauer: 54 Minuten
Zuschauer: über 30


In Bernd Begemanns grandioser Rockstartraum-Satire „Unsere Band ist am Ende“ sorgt Achim Erz vor neun Jahren mit seinem leidenschaftlichen Schlagzeug-Spiel für einen der intensivsten Momente auf dem ersten Album des größten deutschen Pop-Poeten mit seiner aktuellen Band Die Befreiung, „Unsere Liebe ist ein Aufstand“.
Für langjährige Sidemen ist der Schritt zum eigenen Solo-Projekt ein einschneidender Moment in der musikalischen Karriere: Erz, der sich mit totaler Hingabe in jeden der mehrstündigen Auftritte seines Bandleaders stürzt, ließ sich lange Zeit, bis er im April beim von mir organisierten Konzert der Ben Schadow Band um seinen gleichnamigen Befreiungs-Kollegen erstmals ans Mikrophon trat und das Schlagzeug gegen Gitarre und Klavier eintauschte, um eigene Lieder zu präsentieren. Erz hat ein Händchen für gute Geschichten, er ist jemand, der lange an seinen Songs feilt, bis er schließlich mit dem Ergebnis zufrieden ist. Nach seinem gelungenen Live-Debüt als Trio mit Robert Holstein und Nicolas Nitt alias Johnny Heyerdahl war es eine Selbstverständlichkeit, Erz zu einem Wohnzimmerkonzert im Herbst einzuladen. Als Doppelkonzert mit Johnny Heyerdahl angekündigt, treten die Hamburger Musiker mit Wurzeln in München und Bayreuth erneut als Trio auf und begeistern die gut 30 Zuschauern mit formvollendet gespielten deutschen Indie-Pop, der mit unverstärktem Gesang vor der heimeligen Wohnzimmeratmosphäre eines Kamins und zahlreicher Kerzen seine Wirkung entspannt entfaltet. 
Johnny Heyerdahl eröffnet den Abend mit „Ein letztes Feuer“, einer entspannten Folkpop-Nummer mit schönen Harmonien und noch schöneren Naturbildern. Die Zuschauer lauschen gespannt, mühelos gelingt es den drei Hamburgern die Spannung hochzuhalten. Der begnadete Sänger und Gesangslehrer Erz' gibt in „Edinburgh“ den sentimentalen Bänkelsänger, indem er ein unprätentiöses Liebeslied singt. Verdienter Applaus quittiert die Güte der ersten Songs des noch jungen Projekts, bevor das kurze, tadellose Set Heyerdahls mit „Jugendlicher Leichtsinn“ stark endet und Achim Erz im schwarzen Anzug und strahlendem Gesicht übernimmt:
„Man beginnt am liebsten mit seinem neusten Stück, weil man es immer für das beste hält“, kündigt der Schlagzeuger auf Solopfaden ein noch unbenanntes Liebeslied an, das Fabian vom Stuttgarter Blog Gefuehlsbetont im Vorfeld für eine seiner Akustiksessions aufnahm und das mit einem starken Text und wundervollen Satzgesang aufwartet: „Diese Ausdruckslosigkeit in meiner Stimme macht mich krank / Bin das wirklich ich? / Doch meine Augen sind recht hübsch / Und das nur weil sie dich ansehen.“, beginnt er und steigert sich von Strophe zu Strophe weiter in das Lied herein. Seine Songs leben von klaren Bildern, der Verneinung des Unbestimmten. „Ich brauche keine Vitamine und meistens keine Religion, doch trotzdem bete ich dich an“, fährt Erz fort und gewinnt das Publikum bereits im ersten Song für sich, während die Harmonien Heyerdahls und Holsteins dem Ganzen einen eigenen Zauber verleihen. 
Das traurige Liebeslied „Gewartet“ ist eine kleine lyrische Perle, die wundervolle Interpretation von Ben Folds „Still“, das im Animations-Film „Ab durch die Hecke“ vorkomme, mit neuem Text ist ein Genuss. Aufrichtig erweist er einem seiner größten Idole Referenz, besingt anschließend im zutiefst emotionalen "Klappentext" den Selbstmord einer Frau und sein eigenes Lebens im erstklassigen „Mein Leben ist ein Medley“. 
Die mit geschickten Vergleichen arbeitende Abrechnung mit einer gescheiterten Beziehung und der Absage an eine „Reunion“ endet das kurze Konzert mit großem Indiepop. 
Als Zugaben folgen erneut die ersten Stücke des Abends, bevor der verdiente Applaus die Entscheidung der Künstler dem Rockstartraum als Solo-Künstler weiterzuverfolgen rechtfertigt. Bald erscheint die von Ben Schadow produzierte Debüt-EP von Achim Erz, man darf sich freuen.


Setlist Achim Erz & Johnny Heyerdahl, Stuttgart:

01: Ein letztes Feuer [Johnny Heyerdahl]
02: Edinburgh [Johnny Heyerdahl]
03: Jungendlicher Leichtsinn [Johnny Heyerdahl]
04: "Fahrschein" [Achim Erz]
05: Gewartet [Achim Erz]
06: Still (Ben Folds - "Cover") [Achim Erz]
07: Klappentext [Achim Erz]
08: Mein Leben ist ein Medley [Achim Erz]
09: "Häng' die Bilder an die Wand..." [Achim Erz]

10: "Fahrschein" [Achim Erz] (Z)
11: Ein letztes Feuer [Johnny Heyerdahl] (Z)

*Bilder folgen in Kürze!

Links:
- aus unserem Archiv:
- Achim Erz, Stuttgart, 14.04.2013
- Achim Erz & Johnny Heyerdahl, Stuttgart, 27.09.2013 (Bericht von Gudrun)

Bisherige Konzerte im Rohr'schen Wohnzimmer:
#01 Ben Schadow & Pele Caster, 04.06.2012
#02 Ben Schadow & Pele Caster, 21.11.2012
#03 Amy Schmidt, 24.01.2013
#04 Anika Auweiler, 22.02.2013
#05 Tonbandgerät, 13.04.2013
#06 LUAI, 29.05.2013
#07 Ben Schadow & Pele Caster, 30.08.2013
#08 Achim Erz & Johnny Heyerdahl, 27.09.2013
#09 TANN, 21.10.2013

Wohnzimmerkonzerte im November:
- Oile Lachpansen, 02.11.2013
- Desiree Klaeukens, 19.11.2013
- Tigeryouth, 24.11.2013
- The Grand Opening, 27.11.2013


Montag, 30. September 2013

Achim Erz, Stuttgart, 27.09.13

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Konzert: Achim Erz und Johnny Heyderdahl
Ort: ein Wohnzimmer in Stuttgart
Datum: 27. September 2013
Dauer: 50 min
Zuschauer: etwa 30



Die herzliche Einladung nach Stuttgart ins Rohrsche Wohnzimmer zum intimen Konzert daselbst hatten wir schon zu oft ausschlagen müssen. Nun passte es Ende September und wir nahmen - ohne allzu lange nachzudenken - die Möglichkeit wahr und machten uns auf den Weg.
 


Es erwartete uns ein Abend mit drei Hamburger Künstlern und darüber hinaus einigen lieben bekannten Gesichtern im Publikum. Beides wichtige Aspekte dafür, dass wir uns ein paar wunderbare Stunden versprachen, die die Tortur aufwiegen würden, am Freitag Abend von Karlsruhe nach Stuttgart und wieder zurück fahren zu müssen. Als wir gegen 20 Uhr eintrafen, war der Tisch in der Stube schon gut besetzt. Es gab leckere Suppe und Kuchen, Bier und Wein und viel Gelächter.


Das musikalische Set begann schließlich gegen 21 Uhr mit drei Liedern von Johnny Heyderdahl. Besonders schön waren jeweils die Momente, wo alle drei Herren auf der Bühne sich im Satzgesang übten. Direkt zum Augen zumachen und nur noch Ohren sein. Von den gleichen Protagonisten wurden anschließend sechs Lieder von Achim Erz vorgetragen.  Wir sollten bei dem neusten noch Vorschläge für einen möglichen Titel machen (siehe Video weiter unten). Und haben uns nicht lumpen lassen und gut mitgearbeitet! Außerdem gab es eine Pseudocoverversion von Ben Folds (der Herr, der Amanda Palmers Solo-Album Who killed Amanda Palmer produziert hat).


Dem Publikum waren die insgesamt neun Lieder ein zu schmales Set und so gab es so lange Applaus bis jeder der Künstler uns noch je eine Zugabe gewährt hatte. Auch danach war die Stunde noch nicht ganz voll.



Anschließend gab es noch lange Gespräche über Konzertplanung und -verabredungen, viel Lachen, etwas Obstler, Wein  und Wohnzimmerkonzertveranstalternetzwerkwerkstatt bis Mitternacht. 


Leider auch 30 min Stau am Stuttgarter Kreuz.


 
Aus unserem Archiv:

Amy Schmidt, 24. Januar 2013
Tonbandgerät, 13. April 2013
Ben Schadow und Achim Erz, 14. April 2013 (im Faust)
LUAI, 29. Mai 2013
Ben Schadow und Pele Caster, 30. August 2013




Mittwoch, 17. April 2013

Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013

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Konzert: Ben Schadow Band
Vorbands: The Overdressed Monkeys / Achim Erz
Ort: Café FAUST, Stuttgart
Datum: 14.04.2013
Zuschauer: über 40
Dauer: Ben Schadow Band 60 Min.; The Overdressed Monkeys etwa 30 Min.; Achim Erz 15 Min.




Als um Viertel nach elf die letzten Töne von „Was, wenn es mich wach entdeckt“ verklingen, das Licht angeht und Musik vom Band erschallt, bin ich erleichtert. Der ganze Stress hat sich gelohnt, das erste von mir organisierte Club-Konzert wurde ein Erfolg – für Zuschauer und Bands.

Mit Ben Schadow verbindet mich seit seinem ersten Wohnzimmerkonzert bei uns ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Ein Konzert seiner ausgedehnten Band-Club-Tour im April zu veranstalten, war für mich folgerichtig. Nachdem ich das Studentencafé FAUST, für das ich ehrenamtlich arbeite, als Veranstaltungsort gewinnen konnte, ging die Planung erst richtig los. Als Vorbands konnte ich die aufstrebende Stuttgarter Band The Overdressed Monkeys und Achim Erz, wie Ben Schadow Mitglied in Bernd Begemanns Band Die Befreiung verpflichten. Für Schlagzeuger Erz sollte es der erste Auftritt als Solokünstler werden.

Es ist der Tag nach dem Wohnzimmerkonzert Tonbandgeräts; die Temperaturen erklimmen weitere Höhen und das sonntägliche Stuttgart verströmt ein mediterranes Flair. Die Ben Schadow Band erscheint am frühen Nachmittag, technische Probleme werden schnell beseitigt und der Soundcheck lässt Großes erwarten. Etwas später trifft Achim Erz am Hauptbahnhof ein, der kurz darauf mit seinen beiden Mitmusikern Robert Holstein und Nicolas Nitt nochmals sein Set durchgeht. The Overdressed Monkeys entscheiden sich heute für ein akustisches Set und werden das Konzert eröffnen.
 Der Saal im Keller eines der Gebäude der Stuttgarter Universität füllt sich rasch und gegen halb neun betreten The Overdressed Monkeys in Banduniform (Smokings) die Bühne. Die Band um Songwriter, Bassist, Keyboarder und Sänger Moses Eduardo Luta besticht durch große Energie und eine leidenschaftliche Performance. Lutas Gesang erinnert dabei positiv an Kele Okereke von Bloc Party; überhaupt kreieren Timo Scheib (Schlagzeug), Miguel Perez Beroth (Gitarre) und Lutas Schwester Miriam (Gesang) einen stimmigen Soundteppich zwischen der englischen Indie-Institution Okerekes und den Berliner Punkrock-Größen Beatsteaks. „Lights of Life“, zu dem das erste professionelle Musikvideo – das mich an U2s Clip zu „Beautiful Day“ denken lässt – des Quartetts entstand. 


Die Atmosphäre nimmt die relaxte Stimmung einer Kreuzfahrt mit den Overdressed Monkeys als perfekte Animateuren an. Der Kontrast zum deutsch-sprachigen, textlastigen Indie-Pop Erz' und Schadows fällt nicht störend ins Gewicht, vielmehr sorgt die junge Band für einen gelungenen Einstieg. Nach etwas über einer halben Stunde endet der funkige, gut gelaunte Auftritt einer Band, die mit Songs wie „Stalker“ noch große Pläne hat.



Nach einer kurzgehaltenen Umbaupause betreten Achim Erz und seine beiden Mitstreiter die Bühne des im Keller gelegenene Studentencafés. Es ist das Live-Debüt des begnadeten Schlagzeugers, der schon mit Adam Green jammte und fester Drummer bei Bernd Begemann & Die Befreiung ist. 
  Vier Songs umfasst das Set des Münchners, der vor etwas über zehn Jahren nach Hamburg zog. „Ich dachte, die Tage sind gezählt, sobald man irgendetwas verspricht.“ Bereits „Gewartet“, der erste von vier Songs, die Erz heute Abend vorstellen wird, überzeugt textlich auf ganzer Linie. Der Gesang erinnert dabei an den ganz, ganz frühen Udo Lindenberg, während die lyrische Qualität, die lakonische Eleganz und das sympathische Wechselspiel aus tieftrauriger Ernsthaftigkeit und unterschwelligem Humor, Sven Regeners Arbeit für Element of Crime oder den Songs der Kölner Band Erdmöbel in nichts nachsteht.
„Im Winter hab' ich mir schon überlegt, welche Lieder ich dir aufnehm' für den Herbst.“ Der Natureingang unter Verwendung der Jahreszeit ist so unpathetisch melancholisch, dass es einem wie eine Faust im Magen trifft. Sind doch Winter und Herbst die düsteren Jahreszeiten, metaphorisch gerne verwendet für Trauer, Melancholie und Depression. Doch räumt Erz diese Assoziation selbst aus dem Weg, wenn er singt „Und ich sehe, dass es etwas gibt / Schöner als Jahreszeiten, die ich so geliebt / Die mich mein Leben lang begleiten“. Nicolas Nitt und Robert Holstein leisten als harmonische Backroundsänger Schwerstarbeit, schließlich singen die Beiden unverstärkt – unplugged im wahrsten Sinne. Erz spielt Gitarre und nimmt textlich gar eine versteckte Metaebene zum eigenen Text ein, bezieht Stellung zur eigenen Metrik: „In Liedern, alle nur für uns geschrieben, in diesen wirklich gut gemeinten Reimen“. In unreinen Reimen eine derartige Zeile zu schreiben, zeugt von höchstem lyrischen Grundverständnis, beweist das enorme Textertalent eines Musikers, der als Sideman des großartigsten deutschen Songschreibers, Bernd Begemann, immer mit der Champions-League nationaler Liedkunst konfrontiert ist; dass sein eigenes Werk diesem ebenbürtig ist, lässt nur die Frage zu, warum er sich so lange Zeit für den Schritt zum Solokünstler nahm. 


„Ich bin zwischen 33 und 45 Jahren alt“ singt er im fantastischen „Mein Leben ist ein Medley“, dem dritten Song, den es heute zu hören gibt, und seinen wohl bisher besten. Die angedeutete Erwähnung der Geschwindigkeit von Schallplatten-Umdrehungen in der Minute ist brillant. Die erzeugten Bilder sind feine Stiche, keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern sensible Alltagsstudien aus dem Leben eines Künstlers: „Mein Leben ist ein Medley, nie kann ich was durchziehen / Mein wahres Ich gibt’s nur als Raubkopie / Also finden werdet ihr mich nie.“

Nach dem Konzert wird ein guter, konzertbegeisterter Bekannter mit den Worten „Wie geil ist denn bitte Achim Erz“ auf mich zu kommen, der besonders den erwähnten Songs berechtigterweise in den höchsten Tönen lobt. Solos gibt es heute keiner – die Erwähnung dessen sorgt für kurzen Applaus - doch gibt sich Erz augenzwinkernd optimistisch. „Ben meinte zu mir, dass Neil Young ganze Soli auf nur einer Saite spielt, na also.“

Dass nicht nur begabte Rapper und große Popliteraten gelungenes Name-Dropping zustande bekommen, beweist der Wahl-Hamburger mit dem vierten und letzten Song heute Abend. Am Klavier sitzend, während Holstein Bass und Nitt Gitarre spielt, besingt Erz ehrlich reflektiert eine Trennung unter der Erwähnung äußerer Umstände und Vergleiche. „Nimm den Metzger oder Bäcker / alles gleich gut, beides lecker / Und du wünschst dich zurück / Wenn die Nacht dich weckt.“ Ist das nun traurig oder schwarzhumorig? Der Sänger überlässt das Urteil dem Publikum und betreibt Name-Dropping in Perfektion: „Gehst du zu Penny oder Lidl / Bist du Stone oder Beatle? / Oasis gegen Blur / Das war wohl mal recht wichtig, doch ich schwör' / Reunions gibt’s für dich nicht mehr.“ Ob der große Britpopfan hier die Reunion Blurs verurteilt, sei dahingestellt. Fraglos bleibt jedoch, dass die Bezugnahme von Reunions großer Bands auf eine gescheiterte Beziehung doch nur folgerichtig sein kann. Wieso sollte man sich eine nostalgische Reunion-Tour antun, wenn man nie wieder etwas mit der Ex anfangen würde. Die zynisch-komischen Schlussverse sind der gelungene Schlusspunkt eines kurzen Konzerts, das große Hoffnungen in den Solokünstler Achim Erz setzt: „Du musst jetzt ganz viel fernsehen / Ich verkauf dir meinen Flatscreen.“


Setlist, Achim Erz, Stuttgart
 
01: Gewartet
02: Klappentext
03: Mein Leben ist ein Medley
04: „Häng' die Bilder an die Wand...“




Dass das Solo-Debütalbum „Liebe zur Zeiten der Automaten“ seines Befreiungs-Kollegen Ben Schadow für mich persönlich mit "Kid Kopphausen" das beste deutschsprachige Indie-Album des vergangenen Jahres ist, muss ich nicht noch einmal vertiefend erwähnen. Wie sehr diese Songperlen durch eine fantastische Band noch weiter aufgewertet werden können, hätte ich jedoch nicht erwartet. David Rieken, Leadgitarrist bei Dirk Darmstaedter und in der Band von Moritz Krämer, beispielsweise schenkt der 60s infizierten Musik des Hamburgers einen angenehm gehauchten Americana-Flair ohne dabei an die country-esken Klänge von Nils Koppruchs Fink zu erinnern. Ohnehin sind die Instrumentalpassagen heute durchgehend berauschend. Ben Schadow ist es gelungen für seine 16 Konzerte umfassende Tournee eine illustre Truppe aus Größen der unabhängigen deutschen Musikszene zusammenzustellen.
Neben Rieken spielt so Tobias Noormann, der Schlagzeuger von Mikroboy, und der äußerst profilierte Tontechniker und Produzent Thomas Hannes in dieser Besetzung der Ben Schadow Band. Hannes ist seit über einen Jahrzehnt der beste Freund Schadows und spielt heute Bass, also eben jenes Instrument, an dem man den heutigen Frontmann in seinen meisten Projekten sehen kann: Sei es bei Bernd Begemann, Dirk Darmstaedter oder der Indie-Folk-Band Pretty Mery K. Die Referenzen Hannes' lesen sich hingegen wie ein Who is Who der nationalen und internationalen Musikbranche. Von Stars der Klassik wie Nigel Kennedy, über die Jazz-Größe Charlie Mariano bis hin zu den Ibbenbürener Pop-Punks Donots, Max Herre oder den Offenbacher Straßenrapper Haftbefehl reicht das Spektrum derer, mit denen er gearbeitet hat.

In einer Fred-Perry-Sportjacke beweist er heute, dass er auch große Qualitäten als Instrumentalist besitzt.


Ben Schadow, gekleidet in blauer Jacke, kariertem Hemd, Jeans und roten Sneakers eröffnet sein gut einstündiges Set mit „Gnade trägt man in Särgen“; einem der wohl kreativsten Trennungssongs deutscher Popmusik, der „Dig a Pony“ von den Beatles sehr ähnlich sieht. Überhaupt ist das Werk Schadows durchzogen von Referenzen, intertextuellen Bezügen auf Klassiker der Popmusik oder Literatur und Zitaten. So ist bereits der Albumtitel „Liebe zur Zeit der Automaten“ eine Hommage an E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“. Auch das von der Frankfurter Künstlerin Anny Öztürk geschaffene Tourplakat nimmt Bezug auf Schadows Lieblingsautor, indem es das Nachtwandler-Motiv formschön aufnimmt.

Bei „Herz aus Holz“, meinem liebsten Schadow-Song, spielt dieser heute Mundharmonika, was natürlich Assoziationen zu Neil Youngs „Heart of Gold“ weckt. Rieken spielt tolle Passagen, Hannes souveräne Basslinien und Noormann hält einen tadellos-dezenten Beat. „Und jetzt weiß ich Bescheid / Und ich weiß es noch nicht lang / Ich liebte die ganze Zeit gar nicht dich / Sondern dass ich dich nicht haben kann / Mit meinem Herz aus Holz.“ Ein wunderschöner Song, der von einem nicht minder schönen Stück deutscher Popmusik abgelöst wird, der ersten Single „Ich fall' immer auf die selben Dinge“ rein.

„Zusammen zuletzt“ und „Einer aus Stolz, einer aus Scham“ sind ebenbürtige Titel und „Ich hab' geträumt, ich sei tot“ wartet mit einem „Hey Jude“ - entlehnten Refrain auf, während dem David Rieken ein formidables Solo spielt, während Schadow einen Traum besingt, indem er seine eigene Beerdigung mit Blick aus dem Sarg erlebt. So traurig die Thematik anmutet, so reizend ist die Musik währenddessen und auch der Text ist frei von jeglicher misanthropischer Grundhaltung, die man bei solch einem Titel durchaus hätte erwarten können.


Vor etwas über zehn Jahren war Ben Schadow Mitglied der Hamburger Mod-Band Les Garçons, mit denen er zwei wunderbare Alben - mit unnachahmlichen Songtiteln wie "Hutkosmopolitin" oder "Freundin auf Latein" - aufnahm. Neben Superpunk war das Quartett die vermutlich wichtigste deutsche Mod-Formation der jüngeren Vergangenheit. Nicht zu Unrecht bezeichnet Rieken seinen Bandleader als Modgott. Drei Songs aus dieser Zeit folgen direkt aufeinander: Das großartige „Gerade verliebt“, das Bernd Begemann in der Studioversion singt, geht in „Buena Sera Signor, Buena Sera“ und dann in „In einer Welt voller Sonnenschein und Bier“ über.

Wer bisher gedacht hat, dass Beck die beste Version des Klassikers „Everybody's Got To Learn Sometime“ der Korgis spielte, wird heute eines Besseren belehrt. Der todtraurige Song erlebt seine definitive Fassung in dieser Besetzung der Ben Schadow Band. Schadow singt im Bariton, während seine brillante Band glänzt. Wer sich nicht vorstellen kann, wie gut das klingt, muss unbedingt zu einem der übrigen Konzerte dieser Tour gehen. Wer es sich vorstellen kann sowieso.


Mit der wundervollen Zugabe „Was, wenn es mich wach entdeckt“ endet nach ziemlich genau einer Stunde ein geniales Konzert einer genialen Band.

Ich bin glücklich und freue mich. Nach dem Abbau fällt alle Belastung von mir. Alle Mühen haben sich gelohnt. Es wurde ein perfekter Abend.

Setlist, Ben Schadow Band, Stuttgart
 
01: Gnade trägt man in Särgen
02: Herz aus Holz
03: Ich fall' immer auf die selben Dinge rein
04: Zusammen zuletzt
05: Einer aus Stolz, einer aus Scham
06: Ich hab' geträumt, ich sei tot
07: Gerade verliebt (Les Garçons – Song)
08: Buena Sera Signor, Buena Sera (Les Garçons – Song)
09: In einer Welt voller Sonnenschein und Bier (Les Garçons – Song)
10: Wie leicht es wär' einfach zu bleiben
11: Everybody's Got To Learn Sometime (The Korgis – Cover)
12: Heller Fleck im schwarzen Meer
13: Was, wenn es mich wach entdeckt (Z)


Tourdaten Ben Schadow Band:


17.04. – Ben Schadow – Köln – Stereo Wonderland
18.04. – Ben Schadow – Halle/Saale – Brohmers
19.04. – Ben Schadow – Hamburg – Knust (gemeinsam mit Bernd Begemann & Die Befreiung)
20.04. – Ben Schadow – Oberhausen – Zentrum Altenberg
21.04. – Ben Schadow – Osnabrück – Big Buttinsky
22.04. – Ben Schadow – Aachen – Domkeller
23.04. – Ben Schadow – Bonn – Bar Ludwig (gemeinsam mit Miomiao)
24.04. – Ben Schadow – (F) Sarreguemines – Terminus Brasserie
25.04. – Ben Schadow – Mannheim – RaumZeitLabor
26.04. – Ben Schadow – Rüsselsheim – Das Rind
27.04. – Ben Schadow – Münster – Eule

 

Konzerttagebuch © 2010

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