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Donnerstag, 6. Juni 2024

Slowdive, Luxemburg, 04.06.24

2 Kommentare

Konzert: Slowdive
Ort: den Atelier, Luxemburg
Datum: 04.06.2024
Dauer: Slowdive knapp 90 min, Pale Blue Eyes gut 30 min
Zuschauer: ca. 1.000 (vermutlich ausverkauft)



The world is full of noise, yeah, I hear it all the time. Oh wie sehr ich Slowdive live vermisst habe. Mein letztes Konzert der Shoegaze-Band vor dem Auftritt beim Maifeld-Derby vorgestern liegt auch schon wieder mehr als sechs Jahre zurück. Seitdem haben Slowdive das zweite Album nach der Reunion veröffentlicht, das sie intensiv betouren. 


Die zweite Karriere der in den 90ern von der britischen Musikpresse belächelten Band verläuft so viel besser als die erste. Shoegaze ist keine Beleidigung mehr, es ist ein hipper Musikstil, endlich feiert nicht nur die Szene sich selbst. Mit dem Reunion-Album Slowdive (es ist ein wenig verwirrend: es gibt die Band Slowdive, eine EP Slowdive, ein Album Slowdive und ein Lied Slowdive) ist der Band etwas gelungen, was mehr als selten ist: es ist mindestens so gut wie die besten alten Veröffentlichungen. 


Das Atelier in Luxemburg ist einer meiner Lieblingsclubs. Das zeigte sich schon am Mittag. Da sendete der Club nämlich noch einmal alle wichtigen Informationen wie den genauen Zeitplan. So was ist toll und hilfreich! Wir wussten also, dass wir kurz vor dem Beginn der Vorgruppe da sein würden. Supportet werden Slowdive auf dieser Tour von Pale Blue Eyes aus Devon (beste Gegend!), einer vierköpfigen Band, die nach The Velvet Underground benannt sind und nach einer shoegazigen Sozialisation klangen. Mir gefiel das gut halbstündige Set gut, Uncut nennt die erste Platte der Band "joyous, propulsive, exhilarating."


Es gab wohl noch Tickets an der Abendkasse, als Slowdive um 21:00 Uhr auf die Bühne kamen, war der Saal aber knackig voll. Der erste Teil des Konzerts unterschied sich nicht vom Auftritt beim Maifeld-Derby - weder in der Liedauswahl noch in der Klarheit des Sounds. Wenn Shoegaze-Bands mies abgemischt sind, ist das eine Qual. Slowdive klingen immer top. Auch wenn - ich jammere jetzt auf sehr hohem Niveau - es nicht mehr an die glasklaren Abmischungen wie in der frühen Reunion herankommt. Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass der Soundmann, der mit ihnen vor und nach der Pause gearbeitet hat, jetzt nicht mehr dabei ist.


In der zweiten Konzerthälfte waren Slomo, Machine gun und Dagger neu im Vergleich zu Mannheim, gerade auf das wunderschöne Dagger hatte ich sehr gehofft (sie spielen das wohl erst seit 2014). 

Ich habe Slowdive jetzt schon oft gesehen, genug davon habe ich aber vermutlich nie. Warum auch, wenn sie immer noch so großartig wie gerade sind?

Setlist Slowdive, den Atelier, Luxemburg:

01: Shanty
02: Star roving
03: Catch the breeze
04: Skin in the game
05: Crazy for you
06: Souvlaki Space Station
07: Sugar for the pill
08: Slomo
09: Kisses
10: Alison
11: When the sun hits
12: 40 days

13: Machine gun (Z)
14: Chained to a cloud (Z)
15: Dagger (Z)
16: Slowdive (Z)

Links:

- aus unserem Slowdive-Archiv:
- Slowdive, Brüssel, 07.10.17
- Slowdive, Hamburg, 04.10.17
- Slowdive, Dortmund, 29.09.17
- Slowdive, Mannheim, 18.06.17
- Slowdive, Den Haag, 31.03.17
- Slowdive, London, 20.12.14
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14


Freitag, 12. Januar 2018

2017 - meine Alben des Jahres (Michael)

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Unter den besten Alben sind einige, von deren Interpreten ich bisher nichts gehört hatte. Ihr werdet staunen, aber ich freue mich immer, wenn ich auch nach so vielen Jahren des Musikkonsums noch Neues entdecke. Auch Neues, was es eigentlich schon lange gibt, aber in meinen 41 Jahren aktiven Musikgenusses habe ich eben manche Strömungen weggelassen, spät entdeckt oder auch wieder verschüttet.

Nun also meine 2017er Liste der für mich besten und schlechtesten Alben - diesmal in der Reihenfolge des Gefallens oder Missfallens.

Die Auswahl aus mehr als 120 Platten fiel dann doch nicht so schwer, wie es bei der Anzahl zu erwarten gewesen wäre. Es ist wohl eher ein Zeichen dafür, dass es für Bands und Künstlerinnen wie Künstler nicht mehr so einfach ist, wirklich aus der Masse herauszustechen. Und bei bekannten Bands lege ich die Messlatte hoch, weil ich mich mehr über Weiterentwicklung freue als über Verwalten des eigenen Stils. Deshalb habe ich eine Liste der größten Enttäuschungen angefügt.


Die Besten

LCD Soundsystem - American Dream


Typisch: dieses Projekt habe ich aus dem Radio (Tonart meist auf dem Weg vom Büro nach Hause). Habe ich vorher nie bewusst wahrgenommen und dieses Werk macht Lust auf die alten.






Ibeyi - Ash


Die beiden Schwestern mit kubanischen Wurzeln kenne ich seit ihrem Debütalbum. Dieses hier ist ein absolute Empfehlung, genial reduzierte Songs und nebenbei großes Artwork!







Dhani Harrison - IN//PARALLEL


Was macht der Sohn von George? Das Radio erzählte mir die Geschichte, dass seine Mitmusiker von Fistful of Mercy ihm diesmal verweigert haben, unter dem Bandnamen zu veröffentlichen. Er solle sich endlich trauen, das Album unter seinem eigenen Namen herauszubringen. Es ist ein eigenständiges und grandioses Werk geworden.


Slowdive - Slowdive


Ich habe wohl in den 1990er Jahren Shoegaze verpasst bzw. bei der Nennung der Genreschublade an komplett andere Musik gedacht und nie reingehört. Bin sehr froh über die Entdeckung wie auch über Cocteau Twins und Jaguwar aus Dresden, die gerade heute (12.01.2018) ihr Debüt veröffentlichen.


Steven Wilson - To The Bone


Hier muss ich nicht viel schreiben. Einer meiner Helden nach der Nach-Rock-Ära und ein kreativer Kopf und Workaholic wie sie selten sind heutzutage. Ich hoffe auf noch viele Werke in all seinen Projekten, die er betreibt.





St. Vincent - Masseduction


Auch eine Empfehlung des Radios, passt für meine Ohren.











Albin Lee Meldau - Lovers (EP)


Eine weitere Quelle für Neuentdeckungen sind die NPR Tiny Desk Konzerte. Dort stellt der Sender neue und bekannte Musiker vor. Diese Entdeckung war besonders spannend wegen der sparsamen Instrumentierung und der dazu im Kontrast stehenden Intensität des Auftritts.




Hello Piedpiper - The Raucous Tide


Als Freund der Scala haben wir uns hier riesig über Fabios 2. Album gefreut und darüber, dass er es mit Band aufgenommen und dann auch bei uns gespielt hat.







Caspian Sea Monster - Caspian Sea Monster


Chemnitz hat auch eine Post- und Progrockgemeinde. Aus verschiedenen Bands hat sich diese Formation gegründet und ein bemerkenswertes Debüt abgeliefert. Das Googeln nach dem Bandnamen fördert Kurioses zu Tage.





Nick & June - My November My


Leider hat es noch nicht mit einem Wohnzimmerkonzert geklappt. Das Album gefällt mir ausnehmend gut.









Courtney Barnett & Kurt Vile - Lotta Sea Lice


Kurt Vile kenne ich seit seinem 2009er Album „Childish Prodigy“ und habe mich bei NPR Tiny Desk concerts über die Performance mit Courtney Barnett gefreut.








Feist - Pleasure


Ein Album wie ein ungeschliffener Diamant.











Father John Misty - Pure Comedy


Dieses Werk erschließt sich mir immer noch. Ich höre es in Abständen und finde es immer interessanter. Und entdecke immer andere Ecken in den Songs. Kein Ohrwurm dabei - gut so!







Woods of Birnam - Searching For William


Die Reste von Polarkreis 18 fanden sich zusammen und schrieben ein Album, mit dem sie im Dresdner Schauspiel einen Shakespeare-Abend gestalteten. Ein Kleinod moderner Popkunst.







Le-Thanh Ho - Staub


Tolle und nahegehende deutsche Texte. Le-Thanh Ho zu erleben war auch ein Höhepunkt unserer Wohnzimmerkonzertreihe.









Die schlimmsten Alben

We Invented Paris - Catastrophe


„Rocket Spaceship Thing war 2014 eines meiner Lieblingsalben auf dem Plattenteller, die Tour dazu ganz toll und ein Erlebnis auf dem Parkett des Beatpols in Dresden. Was die Jungs Geräten hat, diesen Synthipop aufzunehmen, erschließt sich mir nicht. Der Albumtitel sehr wohl, vielleicht hatte jemand in der Band schon so eine Ahnung…




U2 - Songs of Experience


Ich gebe zu, ich habe der Band überlange die Treue gehalten, nämlich bis 2009 und „No Line On The Horizon“. Ab dann ging es bergab und mit diesem Album besonders steil. Einfallslos und uninspiriert. Wer bezahlt noch für sowas?






Portugal.The Man - Woodstock


Dieses Album steht hier, weil es gegenüber den Vorgängeralben so abfällt und beliebig wirkt. So verliert man Fans, gewinnt sicher auch neue. Ich hoffe, dass dies ein Album zum Sammeln von Erfahrungen ist. Das nächste wird wieder besser.


Sonntag, 8. Oktober 2017

Slowdive, Brüssel, 07.10.17

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Konzert: Slowdive
Ort: Botanique, Brüssel (Orangerie)
Datum: 07.10.2017
Dauer: Slowdive gut 95 min, Blanck Mass gut 40 min
Zuschauer: 700 (ausverkauft)




Das Konzertjahr 2017 ist vorbei. Naja, nicht im wörtlichen Sinne, es kommen noch irre viele Shows, auf die ich mich sehr freue. Allerdings - um Julia Engelmann zu zitieren: "besser wird's nicht!" Das ist keine gewagte Prognose, 2017 gehört Slowdive, auf Platte wie auf Bühnen.

Das Konzert in Brüssel war das letzte auf dem europäischen Festland, die Band tourt jetzt durch Großbritannien, reist dann in die USA, nach Japan und nach Australien. Danach plant Slowdive neue Musik, sofern die Band die Lust nicht verlässt. 

Auf das Brüssel-Konzert habe ich mich besonders gefreut. Lieblingsband im Lieblingsclub! Daß musikalisch nichts schief gehen würde, wusste ich. Dafür habe ich die Shoegazer jetzt oft genug gesehen. Wenn man Slowdive nachmittags um zwei auf einen Rasthof stellen würde, würden sie da ein perfektes Konzert spielen.


Wir waren früh da, das Konzert war ausverkauft, da ist früh nicht dumm. Früh im Saal bedeutete aber auch, den Support Blanck Mass noch einmal zu sehen. Blanck Mass ist die eine Hälfte von Fuck Buttons und live sehr sehr langweilig. Jedenfalls war der Support für etwas gut: ich habe entdeckt, daß Zeit nicht linear verläuft. Je länger es dauerte, desto mehr dehnte sich die Zeit, ich guckte immer häufiger auf die Uhr. Irgendwas mit Gravitation, glaube ich. Daher kommt wohl auch der Bandname.


Bei Slowdive-Konzerten gucke ich nie auf die Uhr. Es gibt ja ab und zu diese Kunstprojekte, 24 Stunden irgendetwas ununterbrochen aufzuführen. Wenn die Lannister-Stiftung irgendwann mal den Instrumental-Part von Golden Hair 24 Stunden lang spielen lässt, bin ich dabei!


Im Vergleich zu Hamburg gab es keine Überraschungen. Die Setlist war die gleiche, meine leise Hoffnung, daß Falling ashes schon Teil des Live-Sets sein würde, erfüllte sich nicht. Aber es war ja auch so schon perfekt. Die neuen Lieder sind in jeder Hinsicht auf Augenhöhe mit den alten Lieblingen. Wenn man Slowdive heute für sich entdeckt, wird man wohl nicht sagen können, welche Songs nach einer jahrzehntelangen Pause und welche in der ersten Hochphase der Band entstanden sind. Da in Brüssel wieder viele jüngere Zuschauer waren (auch wieder mehr Frauen übrigens), waren darunter sicher viele neue Fans. Aber auch die alten werden nicht sagen können, daß Sugar for the pill oder No longer making time schlechtere Songs als Crazy for you oder 40 days sind. Es ist also vollkommen egal, was Slowdive spielen, die Band kann nichts falsch machen.



Einen kleinen Unterschied gab es schon zu Hamburg: das jüngste Lied im Liveprogramm, Don't know why, das im Uebel & Gefährlich noch etwas stolperig klang, funktionierte deutlich besser. Es ist neben Souvlaki Space Station aber trotzdem das Lied im Set, das mich am wenigsten berührt.


Ab When the sun hits (das gelbe Licht am Ende!) waren Hamburg und Brüssel gleichermaßen atemberaubend. 
 
When the sun hits. Alison. Sugar for the pill. Golden hair. No longer making time. Dagger. 40 days. Da ist keine Luft nach oben. Wenn nächste Woche die Smiths ein Überraschungskonzert in Köln spielen (Vorgruppe Lush), werde ich dreimal überlegen müssen, ob das besser sein kann. 

Das zweitbeste Konzert des Jahres sehe ich übrigens auch in der Orangerie des Botanique: Wolf Parade in ein paar Wochen. Bis dahin habe ich vermutlich noch Dagger im Ohr, das wunderschöne Lied über die gescheiterte Liebe zwischen Neil und Rachel, das sie erst 2014 zum ersten Mal live gespielt haben. "The world is full of noise yeah, I hear it all the time!"

Setlist Slowdive, Botanique, Brüssel:

01: Slomo
02: Catch the breeze
03: Crazy for you
04: Star roving
05: Slowdive
06: Souvlaki Space Station
07: Avalyn
08: Don't know why
09: Blue skied an' clear 
10: When the sun hits
11: Alison
12: Sugar for the pill
13: Golden hair (Syd Barrett Cover)

14: No longer making time (Z)
15: Dagger (Z)
16: 40 days (Z)

Links:

- aus unserem Slowdive-Archiv:
- Slowdive, Hamburg, 04.10.17
- Slowdive, Dortmund, 29.09.17
- Slowdive, Mannheim, 18.06.17
- Slowdive, Den Haag, 31.03.17
- Slowdive, London, 20.12.14 
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14



Donnerstag, 5. Oktober 2017

Slowdive, Hamburg, 04.10.17

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Konzert: Slowdive
Ort: Uebel & Gefährlich, Hamburg
Datum: 05.10.2017
Dauer: Slowdive rund 95 min, Blanck Mass 43
Zuschauer: knapp 1.000 



Am vergangenen Freitag konnte ich Slowdive vor ihrem Auftritt beim Way Back When Festival in Dortmund interviewen. Die Showgazeband begleitet mich schon lange, seit ihrer Rückkehr 2014 ist sie neben Lush meine Band #1, in guten wie in schlechten Tagen. Ich hatte zig Dinge, über die ich sprechen wollte, ganz besonders interessierte mich etwas, was ich Bands sonst nie frage - der Grund dafür, daß Slowdive live so brillant klingen. Sie sprachen von ihren Soundleuten, davon, daß sie keine Sound- sondern eine Sound- und Songband seien. Schlagzeuger Simon Scott erzählte von einem Gespräch dieser Tage mit Nick, dem neuen Mann am Mischpult. Nick sagte, "Slowdive live zu hören muß wie ein Traum sein, meistens - aber nicht immer - ein schöner, manchmal aber auch ein Albtraum." Beim anschließenden Konzert im FZW fiel mir live nichts auf, was dadurch beschrieben wurde, in Hamburg eine Woche später gab es bei mehreren Stücken ganz besonders krachige Sequenzen, bei denen ich "Nick hat recht" dachte.

Die Band, die in den kommenden Monaten durch Europa, Nordamerika, Japan und Australien touren wird, ändert die Liveversionen ihrer Lieder im laufenden Betrieb. Sie nutzten die Soundchecks, um neue Stücke der aktuellen Platte einzuspielen, hatte Rachel Goswell erklärt. Ich hatte für Hamburg schon auf das Über-Lied Falling ashes gehofft, das "in den nächsten Wochen" in die Livesets integriert wird. Dafür reichte die Zeit aber wohl noch nicht. Im Vergleich zu Dortmund war aber jetzt Don't know why im Programm, das sechste Stück, das Slowdive von Slowdive (dem Album) spielen - jetzt fehlen noch Go get it und Falling ashes. Ich schweife ab. Slowdive proben nicht nur neue Titel ein, sie verändern auch die alten. Catch the breeze, am Anfang, gleich nach Slomo gespielt, hatte ein My Bloody Valentinesches Krachende, das ich so noch nicht kannte. Auch Star roving war eine Ecke härter als sonst. "Sometimes like a nightmare." Oder - Fachbegriff - Beautiful noise. 


Der Auftritt fand im Uebel & Gefährlich im vierten Stock des Hochbunkers statt. Ausverkauft war das Konzert im Vorfeld nicht, es gab eine Abendkasse. Aber wenn überhaupt, war es nicht viel davon entfernt. Daher hätte es sich nicht angeboten, spät zu kommen und die Vorgruppe zu streichen. Ich hatte zwar der Aussage von Bassist Nick Chaplin geglaubt, daß Slowdive die Supports ganz bewußt aussuche, das Lied, das ich mir von Blanck Mass vorher angehört hatte, war schon so gar nichts für mich. Als der Mann hinter Blanck Mass auf die Bühne kam, gefiel mir das für zwei Minuten auch ganz gut, danach war die Geschichte auserzählt, es fing schnell an, uns zu langweilen. Blanck Mass ist Benjamin John Power (London), die eine Hälfte von Fuck Buttons. Seine Musik erinnerte mich oft an die wenigen Dinge, die ich von der Hochphase der Electronic Body Music in den 80ern mitbekommen habe. 43 Minuten lang EBMte Benjamin, der Applaus danach war verhalten. 

Aber dann! Hui! Um 22:15 kamen Christian, Rachel, Simon, Nick und Neil (v.l.n.r.) auf die Bühne und stimmten Slomo an (neues Intro). Es klang wundervoll. Dieses lange, getragene Stück (das mich so an Kate Bush erinnert) ist eine selbstbewußte Wahl für ein Eröffnungslied. Obwohl nicht viel passiert, funktioniert es aber trotzdem sehr gut. Es muß also nicht mit Alison losgehen. Die Betonfestung ist sicher eine echte Herausforderung an Soundingenieure. Der neue Mann bei Slowdive machte seinen Job aber hervorragend. Bei einem Lied in der Mitte klang es einmal etwas dumpf, ansonsten hätte man auch dieses Konzert wieder aufnehmen und veröffentlichen können.

Das Konzert war eine Ecke länger als das in Dortmund. Neu waren Don't know why (zweites Haar in der Suppe... Don't know why war das schlechteste aller neuen Lieder bisher), Slowdive und Blue skied an' clear und die zweite Zugabe Dagger. Dagger, das Lied über eine gescheiterte Liebe, das Neil Halstead wohl über seine Ex Rachel Goswell geschrieben hat und das die beiden 2014 zum ersten Mal live gespielt haben (20 Jahr nach der Beziehung). Dagger ist so verflucht schön, dafür alleine hatte sich der Herzschmerz der beiden gelohnt.


Weil ich die Briten 2014 und 2017 immer wieder auf Bühnen erlebt habe, fallen mir viele Unterschiede auf. Schon 2014 waren Slowdive live fantastisch, 2017 kann man da locker 50% Güte draufpacken, könnte man Konzertqualitäten so skalieren. 2014 seien sie noch eine Showgazeband aus den 90ern gewesen, die die alten Lieder spielt. Heute fühlen sich Slowdive wie eine zeitgenössische Gruppe, erklärten die vier Musiker (außer Neil) bei meinem Interview. Der Erfolg der Platte und die neuen Fans unterstützten das Gefühl. Mir geht es bei den meisten Bands so, daß ich natürlich neuen Liedern gegenüber auch bei Konzerten aufgeschlossen bin, die alten es aber auch tun. Bei Slowdive geht mir das ganz anders. Ich freue mich über jedes neue Stück im Programm. 

So viele neue Leute waren in Hamburg nicht dabei. Das Publikum war sehr männlich. Bei Souvlaki Space Station den wippenden Männerköpfen unter uns zuzugucken, war neben der Musik der schönste Moment des Abends!

Die schönste Nachricht bei meinem Interview war die, daß es Pläne (nur gerade keine Zeit) für neue Musik gibt. Der späte wirkliche Erfolg und das Gefühl eben keine Comeback-Band zu sein, motiviert Slowdive. "Wir machen weiter, solange es uns nicht langweilt." Und da die neuen Lieder ausnahmslos wirklich neu sind und keine aufgewärmten Ideen aus den 90ern, spricht nichts dagegen, daß auch das nächste Album fantastisch wird und Slowdive auch in fünf Jahren noch einfach Ü40-Männern Tränen in die Augen spielen werden. Das kann bei Golden hair, When the sun hits oder auch No longer making friends halt immer auch passieren.


Setlist Slowdive, Uebel & Gefährlich, Hamburg:

01: Slomo
02: Catch the breeze
03: Crazy for you
04: Star roving
05: Slowdive
06: Souvlaki Space Station
07: Avalyn
08: Don't know why
09: Blue skied an' clear 
10: When the sun hits
11: Alison
12: Sugar for the pill
13: Golden hair (Syd Barrett Cover)

14: No longer making time (Z)
15: Dagger (Z)
16: 40 days (Z)

Links:

- aus unserem Slowdive-Archiv:
- Slowdive, Dortmund, 29.09.17
- Slowdive, Mannheim, 18.06.17
- Slowdive, Den Haag, 31.03.17
- Slowdive, London, 20.12.14 
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14



Sonntag, 1. Oktober 2017

Slowdive, Dortmund, 29.09.17

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Konzert: Slowdive
Ort: FZW, Dortmund (Way Back When Festival)
Datum: 29.09.2017
Dauer: gut 70 min
Zuschauer: vielleicht 800



Slowdive befinden sich schon wieder im vierten Jahr ihrer zweiten Bandphase. Nach den sechs Jahren zwischen 1989 und 1995 kam die englische Band 2014 zurück, definierte dies aber nicht als Comeback. Reunions seien etwas für Künstler, die auf ein paar Konzerten ihre alten Hits spielen wollten. Ihnen sei es von Anfang an darum gegangen, neue Musik zu machen. Weil das neue Album Slowdive so ganz untypisch für eine Platte nach zwanzig Jahren ist und nicht nach einem blassen Abklatsch des alten Ruhms klingt, interessierte mich bei meinem Interview am Nachmittag am meisten die Geschichte der neuen Songs. Natürlich wäre es in ihrer Situation eine Möglichkeit gewesen, alte Stücke aus der Schublade zu holen, antwortete Bassist Nick Chaplin, da gebe es noch genügend. Aber wenn die damals nicht gut genug gewesen wären, sind sie es heute eben auch nicht. Also habe man komplett neu angefangen. Das und die Aussage, daß nach der Tour, deren Clubphase in Dortmund begann und die u.a. nach Nordamerika, Japan und Australien führt (als ihr bewußt wurde, wie viele Konzerte das sind, stöhnte Rachel Goswell lachend), mit der Arbeit an neuer Musik gearbeitet werden soll, beruhigten mich sehr. Slowdive (Album) ist die zweitbeste Platte der Band und die mit Abstand tollste, die ich 2017 gehört habe. Von Lieder der Kategorie Star roving, Sugar for the pill, No longer making time und vor allem Falling ashes sollte es noch ganz viele geben. Und wenn Slowdive (Platte) so etwas wie die Brücke zwischen Souvlaki und dem möglichen neuen Stil (für den Falling ashes steht) sein sollte, so wie man es immer wieder lesen konnte, bin ich mehr als gespannt. 



Falling ashes, das erst durch neuere Musiktechnik möglich geworden sei, ist seit meinem ersten Hören der Platte mein großer Liebling - trotz der vielen When the sun hits' oder Alisons auf dem aktuellen Album. "Wir hatten noch keine Zeit, Falling ashes zu proben, werden das aber auf jeden Fall bald auch live spielen. Wir können alle neuen Lieder auch bei Konzerten spielen."

Acht Stunden später beim Konzert im nicht ganz ausverkauften großen Saal des FZW waren zwei neue neue Lieder im Programm, die ich bei meinen beiden Slowdive-Konzerten 2017 (in Den Haag und beim Maifeld Derby) nicht gehört hatte. Slomo war immerhin der Soundcheck-Song in Mannheim, Everyone knows komplett neu. Dafür fehlte dann das fantastische No longer making time. Zusätzlich spielten die Engländer die beiden Singles Star roving und Sugar for the pill.

In der Theorie ist ein Auftritt einer Band, die ich achtmal seit 2014 gesehen habe, nicht mehr spannend. Die Theorie hat aber keine Ahnung. Wie könnten das Austoben der männlichen Bandmitglieder bei Golden hair oder Alison, When the sun hits und Avalyn (der grandiose Bass-Anfang ist mir noch nie aufgefallen) je langweilig werden?



Slowdive haben sich immer als Kombination aus Sound- und Melodie-Band verstanden. Daher ist so wichtig, daß die Konzerte gut klingen. Mogwai und My Bloody Valentine habe ich schon fantastisch aber eben auch gruselig breiig oder harmlos-leise (Live Musik Hall) erlebt. Slowdive klangen immer brillant, egal ob in dem extra für Konzerte gebauten Saal in Den Haag, über dem riesigen Betonplatz beim Primavera, im Dorfgemeinschaftssaal in Genf oder im Bierzelt beim Best Kept Secret (in dem Mogwai unerträglich abgemischt waren). "Wir hatten immer Glück mit unseren Sound Ingenieuren," erklärte Rachel. "Das ist ja nicht nur Glück, wir haben die ja bewußt ausgewählt," präzisierte Nick. Bei ihren ersten Konzerten stand der Soundmann am Mischpult, mit dem sie vor der Pause zusammengearbeitet hatten. Zur Zeit ist er bei Jesus and the Mary Chain im Einsatz, sein Ersatz, ist aber eben genau das nicht. Auch er (noch ein Nick) macht seinen Job so gut, daß er vermutlich seine Band sogar in der Echo-Hölle Hugenottenhalle toll klingen lassen würde. 

Natürlich waren viele Leute über 40 im Saal. Allerdings eben bei weitem nicht nur. Mehrheitlich war das Publikum jung. Es war eben kein Clubkonzert, zu dem man (die Ü40s) gezielt wegen Slowdive, die sonst nirgendwo in der Nähe spielen (Brüssel...), kommt. Slowdive waren der Freitags-Headliner des Way Back When Festivals, das ein sehr gemischtes Lineup am ersten Tag hatte. Von sehr popigen Sachen über die tollen Fazerdaze eben bis hin zu Slowdive. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß Leute, die wegen der eingängigeren Musik des Nachmittags da waren, nach uns nach aus dem Saal gitarrt werden würden. Unsinn! Überall um mich rum wurde getanzt, gewippt, aufmerksam zugehört. Und ganz sicher kannte nicht jeder die Band vor dem Konzert. Slowdive müssen sich also auch nicht als Comeback-Band aus einer anderen Zeit fühlen, offenbar kommt ihre Musik auch heute (oder gerade heute) gut an. 

Das Set bestand aus den vier Liedern von der neuen Platte, aufgefüllt mit alten Lieblingen (40 days und wie sie alle heißen). Und es war die perfekte Setlist, obwohl Machine gun, Slowdive, Falling ashes, No longer making time, Dagger und was auch immer fehlten. Perfekt, weil eben keines der Stücke schlechter als die anderen war. Die 70 Minuten waren etwas knapp bemessen, mehr Kritik gibt es nicht zu üben.

Die letzten beiden Bands, die ich interviewt habe, haben ähnliche Karrieren erlebt und sind beide meine großen Lieblinge. Lush haben sich nach einem (intensiven) Jahr wieder aufgelöst. In Slowdive steckt hoffentlich noch sehr viel neue Lieblingsmusik. Und viele Konzerte. Tschuldigung Rachel.

Setlist Slowdive, FZW, Dortmund:

01: Slomo

02: Catch the breeze
03: Crazy for you
04: Star roving
05: Avalyn
06: Souvlaki Space Station
07: Everyone knows
08: When the sun hits
09: Alison
10: Golden hair (Syd Barrett Cover)

11: Sugar for the pill (Z)
12: 40 days


Links:

- aus unserem Slowdive-Archiv:
- Slowdive, Mannheim, 18.06.17
- Slowdive, Den Haag, 31.03.17
- Slowdive, London, 20.12.14 
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14




Montag, 10. Juli 2017

Slowdive, Mannheim, 18.06.17

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Konzert: Slowdive
Ort: Maifeld Derby, Mannheim
Datum: 18.06.2017
Dauer: knapp 85 min
Zuschauer: volles Zelt



Als ich 2014 endlich Slowdive zum ersten Mal live sehen durfte, schloß sich eine wichtige Lücke meiner Musikgeschichte. Ich hatte die Engländer wie viele andere Lieblinge in den 90er Jahren verpasst. Slowdive waren ganz wundervoll bei ihrem Reunion-Konzert* im Village Underground. Und beim Primavera, beim Best Kept Secret, in Genf und noch zweimal in London. Obwohl die Konzerte immer besser wurden, war ich ziemlich sicher, daß nach diesem Jahr wieder Schluß sein würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß es eine neue Platte, neue Konzerte und größere Säle geben könnte. Mein nächstes Mal Slowdive fand gut zwei Jahre später statt, dabei spielte die Band drei neue Lieder, die Platte erschien wenige Wochen später. Als immer mehr Festivals bestätigt wurden und schließlich das Maifeld Derby Slowdive als Headliner aufbot, waren meine Theorien futsch. Gottseidank.



Nach der Veröffentlichung der Platte saßen wir mit ein paar Leuten bei einem Konzert der Bats im King Georg in Köln zusammen und unterhielten uns über Musik. Natürlich kamen wir auf Slowdive, das Gespräche mündete in der Diskussion, ob Slowdive (das Album) die zweit- oder die beste Platte der Band ist. 



Manchmal ist diese Musibranche also doch gerecht. Nach dem unschönen Ende der ersten Karriere (1995 schmissen Creation Records Slowdive eine Woche nach Erscheinen der dritten Platte raus, der musikalische Zeitgeist mochte gröbere Musik) sind Slowdive endlich nicht mehr nur Kritikerlieblinge auf Abruf! Sondern Festival-Headliner!

Der Maifeld-Sonntag war brillant besetzt. Vor Slowdive hatten u.a. schon Spoon, Amanda Palmer mit Edward Ka-Spel oder Thurston Moore gespielt. Eigentlich war bei dem Programm kein fieses Party-Publikum zu erwarten gewesen, was mir das Konzert am Ende sicher versaut hätte, befürchtet hatte ich es aber trotzdem. Rund um Mannheim ist viel Land. Neben mir stand zwar ein Typ, der eine beleuchtete Weihnachtsbaumbeleuchtung trug, es unterhielt sich aber niemand laut und betrunken, es nervte niemand, die Leute waren wegen Slowdive geblieben, ob als Fan oder neugierig.

Als wir mittags auf dem Parkplatz angekommen waren, lief gerade der Slowdive Soundcheck. Slomo spielten sie, das erste Lied der neuen Platte. Slomo erinnert mich an Kate Bush und ist erst auf den zweiten Blick eine Schönheit. In Den Haag hatten sie es nicht gespielt. Richtig viel Überraschungen stecken sonst nicht in den Setlisten der Band. Das mag man kritisieren, aber warum? Was sollte denn aus dem Set rausfliegen? Slowdive spielen ja nur Hits. Riesenhits. 

Und so war es dann auch, Slowdive, Avalyn, Catch the breeze, Crazy for you, Star roving, Machine gun, Souvlaki Space Station, When the sun hits, Sugar for the pill, Alison, No longer making time, She calls, Golden hair und 40 days. Auf was soll man da verzichten? Um Slomo oder beispielsweise Dagger oder das grandiose (und neue) Falling ashes aufzunehmen? Das geht nur, wenn die Band viel Zeit bekommt, beim Maifeld Derby waren es schon einmal festivaluntypische anderthalb Stunden (die sie leider nicht ganz nutzten). 

Als ich nach dem Konzert überlegte, was wohl die besten Lieder waren, kamen mit Avalyn, When the sun hits, Golden hair, vor allem aber No longer making time, Sugar for the pill und Star roving in den Sinn. Meist ist es ja so, daß neue Lieder lästige Pflicht sind, bei Slowdive sind sie Höhepunkte des Konzerts.


Vor allem bei Golden hair, dem Syd Barrett-Cover, bei dem Rachel Goswell am Anfang haucht, die anderen vier anschließend shoegazen bis zum Anschlag (manchmal geht die Sängerin dabei von der Bühne), war mir das Schlagzeug zu laut, ansonsten klangen Slowdive wie immer gut. Ihr Soundmann, der der gleiche wie damals ist, wenn ich richtig informiert bin, ist wohl einer der besten seiner Art.


Ich habe gar nicht so viel zu sagen, ich stand auch slowdiveüblich anderthalb Stunden mit offenem Mund vor der Bühne und dachte höchstens drüber nach, wann ich Rachel, Christian, Nick, Simon und Neil wiedersehe.

Dortmund...




Slomo spielten sie dann am Ende nicht mehr. Zeit wäre noch gewesen, es blieb aber bei der einen Zugabe 40 days. Aber natürlich wäre das Konzert auch überragend gewesen, hätten Slowdive nur 40 days gespielt.

Setlist Slowdive, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Slowdive
02: Avalyn
03: Catch the breeze
04: Crazy for you
05: Star roving
06: Machine gun
07: Souvlaki Space Station
08: When the sun hits
09: Sugar for the pill
10: Alison
11: No longer making time
12: She calls
13: Golden hair (Syd Barrett Cover)

14: 40 days (Z)

Links:

- aus unserem Slowdive-Archiv:
- Slowdive, Mannheim, 18.06.17
- Slowdive, Den Haag, 31.03.17
- Slowdive, London, 20.12.14 
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14


* am Abend vorher gab es ein kurzfristig angesetztes Konzert bei der Geburtstagsparty von Sonic Cathedral.



Sonntag, 2. April 2017

Slowdive, Den Haag, 31.03.17

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Konzert: Slowdive
Ort: Paard van Troje, Den Haag (Rewire Festival)
Datum: 31.03.2017
Dauer: genau 90 min
Zuschauer: etwa 1.000 (dabei kam mir der Saal kleiner vor)



Als Slowdive When the sun hits anstimmten, mußte ich kurz die Luft anhalten.* Zwei meiner Konzertnachbarn fingen ernsthaft an, rhythmisch zu klatschen! Bei Slowdive! Bei When the sun hits! Das ist, als frittiere man Trüffel. Und esse sie dann mit Ketchup und spüle sie mit Cola runter. Cherry Cola.

Slowdive spielen seit vergangener Woche (London) kleine, intime Clubkonzerte, in denen sie Lieder ihrer im Mai erscheinenden ersten Platte nach zwei Jahrzehnten vorstellen. Daß sie auch in Den Haag auftreten würden, hatte ich erst am Donnerstag gesehen. In der niederländischen Hauptstadt findet am Wochenende das Rewire statt, ein Festival für "adventurous music" (Selbstbeschreibung). Die Künstler des Wochenendes kannte ich mit Ausnahme meines Reisegrunds nicht. Aber da Slowdive mit anderthalb Stunden im Programmheft standen, musste ich mir die lange Fahrt nicht schönreden.**

Slowdive spielten im Paard van Troje, einem dieser typischen Musikclubs ("poppodium"), die es in jeder Stadt in Benelux zu geben scheint. Der große Saal des Paard van Troje sieht aus wie eine kleine Kopie des Ancienne Belgique in Brüssel. Angeblich hat er eine Kapazität von 1.000 Zuschauern, er wirkte aber deutlich kleiner. Was gäbe ich für solche Säle in Deutschland?!


Seit meiner exzessiven Slowdive-Saison 2014 mit sechs Konzerten hat sich optisch einiges geändert. Neil Halsteads Mann-aus-den-Bergen-Bart ist weg, dafür trägt er jetzt einen buschigen Schnauzbart. Die scheinen gerade en vogue zu sein, denn auch Schlagzeuger Simon Scott trägt so etwas, zu einer verwegenen Frisur. Christian Savills Einsatz bei der ganz offensichtlich verlorenen Wette (die Bassist Nick gewonnen haben muß, er hat nichts um Mund und Kinn) war nur ein Vollbart. Wie egal das alles ist, war aber nach ein paar Klängen von Avalyn deutlich. Spätestens wenn die Gitarren einsetzen, sollte man eigentlich für die nächsten anderthalb Stunden die Augen schließen und sich vom ästhetischst-vorstellbaren Krach berauschen lassen.



Nach Avalyn folgten Catch the breeze, Crazy for love und Machine gun. Und wie bei all meinen Slowdive-Konzerten bisher klang die Band fantastisch. 2014 hatte ich irgendwo aufgeschnappt, Slowdive arbeite mit dem gleichen Soundmann wie damals zusammen. Ich hatte die Band u.a. in London in einem Ziegelkeller, in Genf in einem Dorfgemeinschaftssaal und in einem Zelt auf einem Festival erlebt, der Klang war überall fabelhaft. In Den Haag seien sie mit sieben Stunden Verspätung angekommen (ein Problem mit dem Bus). Das hatte aber weder der Laune der Band noch dem Können des Soundingenieurs Probleme bereitet.


Nach Machine gun wurde es dann zum ersten Mal besonders spannend, weil eines der ersten neuen Lieder folgte. Star roving hatten Slowdive vor ein paar Wochen geteilt. Daß eine Platte immer eines der Ziele der Reunion 2014 war, hatte die Band von Beginn an betont. Die Gagen der beiden Shows im Village Underground in London und (vor allem) beim Primavera Sound Festival im Mai sollten die neue Musik finanzieren. Aber Anspruch und Wirklichkeit... auch Lush hatten eine neue Platte aufnehmen wollen, kamen aber nicht mehr über eine (gute) EP hinaus.

Star roving ist wundervoll! Auch live! Besonders gefiel mir das gehetzte Schlagzeug, das am Anfang fast etwas vor dem Rest herzurennen schien. Der Gesang, die Gitarren... das wird ganz sicher einer der A-Songs im Slowdive-Repertoire. Sollte das nicht das beste Lied auf Slowdive (das macht die Band wie My Bloody Valentine, denen auch nur der Bandname als Comeback-Album-Titel eingefallen war) sein, oh, da mag ich gar nicht mal von träumen.




Die Setlist war wie bisher Souvlaki-lastig, aber das ist prima! Der "Titeltrack" Souvlaki Space Station folgte auf Star roving, bevor einer der großen Sieger der Reunion kam - Blue skied an' clear. Das Lied stammt von Pygmalion, dem Album, nach dessen Veröffentlichung Slowdive bei Creation rausgeflogen waren und sich auflösten. Die Prollisierung der britischen Musik durch den Britpop hatte dazu geführt, das auch Slowdive eine Pop-Platte machen sollten, weil sich die Presse nur noch dafür interessierte. Daß ihre Zeit vorbei war, hatte die Band bei einem Konzert bemerkt, bei dem eine Frau während der Show den Boden gewischt hatte. Blue skied an' clear hatte seine Live-Premiere knapp 20 Jahre nach seiner Veröffentlichung.



When the sun hits ist ja bekanntlich das schönste Lied der Welt und von so einschüchternder Schönheit, daß auch die beiden Klatscher ihre Hände glücklicherweise nicht mehr koordiniert bekamen. Auf When the sun hits folgte mit Alison ein nächster Souvlaki-Knüller.

Sugar for the pill, das zweite neue Lied hatte die englische Band erst vor ein paar Tagen veröffentlicht. Ich hatte bis zur Fahrt nach Den Haag gebraucht, um es zum ersten (und einzigen Mal) zu hören. Sugar for the pill beginnt sehr ruhig und hätte vielleicht Alan McGees Vorstellung von einem Slowdive-Popsong entsprochen. Etwas eklig war, das dabei ein Pärchen hinter mir pinguinte. Unabhängig davon hat auch Sugar for the pill das Zeug, ein großer Liebling zu werden, es hörte nur ein wenig unvermittelt auf, das ist das (goldene) Haar in der Suppe des Konzerts. 




Zwei B-Seiten der frühen EPs, She calls (Morningrise) und das Syd Barrett Cover Golden hair (Holding our breath) - wobei das ja eigentlich keine echten B-Seiten waren, beendeten nach 75 min den Hauptteil des Konzerts. Golden hair ist der perfekte Abschluß, weil Rachel Goswell dabei nur den kurzen Text singt und danach von der Bühne geht, während ihre Kollegen sich austoben. Die Sängerin spielt bei den meisten der Lieder Gitarre oder Keyboard, Gitarren-Techniker Kev mußte zwischen manchen Stücken drei Instrumente auf die Bühne schleppen.


Die erste Zugabe Slowdive... eines der vielen Slowdive-Lieder, die man Leuten vorspielen kann, um ihnen zu erklären, warum Shoegaze die beste Musik der Welt ist. Slowdive als Zugabe war erwartbar. Ich hatte mir bewußt vorher keine Setlist angesehen, wurde daher überrascht, daß es noch ein drittes neues Lied gab (No longer making time). Tja... Mir fiel erst auf, daß Simon Scott am Anfang ausschließlich ein E-Schlagzeug bei No longer making time einsetzte, dazu kam in den ersten Takten nur ein Bass, bevor ganz sanfte Gitarren einsetzten - und dann Rachels und Neils Stimmen. Am Anfang dominieren das leicht stampfige Schlagzeug und der tolle Bass, dann hageln irgendwann die Gitarren rein. Als ich das nächste Mal zu Simon guckte (nach ein paar Minuten) hatte er sich wieder nach rechts gedreht und spielte sein großes Schlagzeug. Gut möglich, daß No longer making time auf den ersten Blick neben den beiden anderen neuen auf der Platte blaß aussieht. Aber nicht lange. Mich hat es in der zweiten Hälfte schon komplett umgehauen - ein fantastisches Lied!

Danach hätte es 40 days eigentlich nicht mehr gebraucht, aber ich beschwere mich nicht! 40 days ist natürlich auch ein Liebling.

Nach anderthalb Stunden war das Kunstwerk beendet. Auch wenn ich versuche, eine Band pro Jahr maximal zweimal zu sehen, um keine Langeweile aufkommen zu lassen, wird mir das hoffentlich bei Slowdive 2017 auch wieder nicht gelingen - je öfter desto besser! Wir sind noch nicht fertig. Beim besten deutschen Festival, dem Maifeld-Derby headlinen Slowdive den Abschluß-Sonntag (danke, Timo!). Da sehen wir uns, oder?

Setlist Slowdive, Paard van Troje, Den Haag:

01: Avalyn
02: Catch the breeze
03: Crazy for you
04: Machine gun
05: Star roving (neu)
06: Souvlaki Space Station
07: Blue skied an' clear 
08: When the sun hits
09: Alison
10: Sugar for the pill (neu)
11: She calls
12: Golden hair (Syd Barrett Cover)

13: Slowdive (Z)
14: No langer making time (neu) (Z)
15: 40 days (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
-
Slowdive, London, 20.12.14 
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14



* strenggenommen musste ich die meiste Zeit die Luft anhalten. Mein Nachbar war deoskeptisch. 
** hätte ich das gemußt, hätte ich auf den supergünstigen Preis für die Tageskarte (27 €) verwiesen.


 

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