Donnerstag, 5. Oktober 2017

Slowdive, Hamburg, 04.10.17


Konzert: Slowdive
Ort: Uebel & Gefährlich, Hamburg
Datum: 05.10.2017
Dauer: Slowdive rund 95 min, Blanck Mass 43
Zuschauer: knapp 1.000 



Am vergangenen Freitag konnte ich Slowdive vor ihrem Auftritt beim Way Back When Festival in Dortmund interviewen. Die Showgazeband begleitet mich schon lange, seit ihrer Rückkehr 2014 ist sie neben Lush meine Band #1, in guten wie in schlechten Tagen. Ich hatte zig Dinge, über die ich sprechen wollte, ganz besonders interessierte mich etwas, was ich Bands sonst nie frage - der Grund dafür, daß Slowdive live so brillant klingen. Sie sprachen von ihren Soundleuten, davon, daß sie keine Sound- sondern eine Sound- und Songband seien. Schlagzeuger Simon Scott erzählte von einem Gespräch dieser Tage mit Nick, dem neuen Mann am Mischpult. Nick sagte, "Slowdive live zu hören muß wie ein Traum sein, meistens - aber nicht immer - ein schöner, manchmal aber auch ein Albtraum." Beim anschließenden Konzert im FZW fiel mir live nichts auf, was dadurch beschrieben wurde, in Hamburg eine Woche später gab es bei mehreren Stücken ganz besonders krachige Sequenzen, bei denen ich "Nick hat recht" dachte.

Die Band, die in den kommenden Monaten durch Europa, Nordamerika, Japan und Australien touren wird, ändert die Liveversionen ihrer Lieder im laufenden Betrieb. Sie nutzten die Soundchecks, um neue Stücke der aktuellen Platte einzuspielen, hatte Rachel Goswell erklärt. Ich hatte für Hamburg schon auf das Über-Lied Falling ashes gehofft, das "in den nächsten Wochen" in die Livesets integriert wird. Dafür reichte die Zeit aber wohl noch nicht. Im Vergleich zu Dortmund war aber jetzt Don't know why im Programm, das sechste Stück, das Slowdive von Slowdive (dem Album) spielen - jetzt fehlen noch Go get it und Falling ashes. Ich schweife ab. Slowdive proben nicht nur neue Titel ein, sie verändern auch die alten. Catch the breeze, am Anfang, gleich nach Slomo gespielt, hatte ein My Bloody Valentinesches Krachende, das ich so noch nicht kannte. Auch Star roving war eine Ecke härter als sonst. "Sometimes like a nightmare." Oder - Fachbegriff - Beautiful noise. 


Der Auftritt fand im Uebel & Gefährlich im vierten Stock des Hochbunkers statt. Ausverkauft war das Konzert im Vorfeld nicht, es gab eine Abendkasse. Aber wenn überhaupt, war es nicht viel davon entfernt. Daher hätte es sich nicht angeboten, spät zu kommen und die Vorgruppe zu streichen. Ich hatte zwar der Aussage von Bassist Nick Chaplin geglaubt, daß Slowdive die Supports ganz bewußt aussuche, das Lied, das ich mir von Blanck Mass vorher angehört hatte, war schon so gar nichts für mich. Als der Mann hinter Blanck Mass auf die Bühne kam, gefiel mir das für zwei Minuten auch ganz gut, danach war die Geschichte auserzählt, es fing schnell an, uns zu langweilen. Blanck Mass ist Benjamin John Power (London), die eine Hälfte von Fuck Buttons. Seine Musik erinnerte mich oft an die wenigen Dinge, die ich von der Hochphase der Electronic Body Music in den 80ern mitbekommen habe. 43 Minuten lang EBMte Benjamin, der Applaus danach war verhalten. 

Aber dann! Hui! Um 22:15 kamen Christian, Rachel, Simon, Nick und Neil (v.l.n.r.) auf die Bühne und stimmten Slomo an (neues Intro). Es klang wundervoll. Dieses lange, getragene Stück (das mich so an Kate Bush erinnert) ist eine selbstbewußte Wahl für ein Eröffnungslied. Obwohl nicht viel passiert, funktioniert es aber trotzdem sehr gut. Es muß also nicht mit Alison losgehen. Die Betonfestung ist sicher eine echte Herausforderung an Soundingenieure. Der neue Mann bei Slowdive machte seinen Job aber hervorragend. Bei einem Lied in der Mitte klang es einmal etwas dumpf, ansonsten hätte man auch dieses Konzert wieder aufnehmen und veröffentlichen können.

Das Konzert war eine Ecke länger als das in Dortmund. Neu waren Don't know why (zweites Haar in der Suppe... Don't know why war das schlechteste aller neuen Lieder bisher), Slowdive und Blue skied an' clear und die zweite Zugabe Dagger. Dagger, das Lied über eine gescheiterte Liebe, das Neil Halstead wohl über seine Ex Rachel Goswell geschrieben hat und das die beiden 2014 zum ersten Mal live gespielt haben (20 Jahr nach der Beziehung). Dagger ist so verflucht schön, dafür alleine hatte sich der Herzschmerz der beiden gelohnt.


Weil ich die Briten 2014 und 2017 immer wieder auf Bühnen erlebt habe, fallen mir viele Unterschiede auf. Schon 2014 waren Slowdive live fantastisch, 2017 kann man da locker 50% Güte draufpacken, könnte man Konzertqualitäten so skalieren. 2014 seien sie noch eine Showgazeband aus den 90ern gewesen, die die alten Lieder spielt. Heute fühlen sich Slowdive wie eine zeitgenössische Gruppe, erklärten die vier Musiker (außer Neil) bei meinem Interview. Der Erfolg der Platte und die neuen Fans unterstützten das Gefühl. Mir geht es bei den meisten Bands so, daß ich natürlich neuen Liedern gegenüber auch bei Konzerten aufgeschlossen bin, die alten es aber auch tun. Bei Slowdive geht mir das ganz anders. Ich freue mich über jedes neue Stück im Programm. 

So viele neue Leute waren in Hamburg nicht dabei. Das Publikum war sehr männlich. Bei Souvlaki Space Station den wippenden Männerköpfen unter uns zuzugucken, war neben der Musik der schönste Moment des Abends!

Die schönste Nachricht bei meinem Interview war die, daß es Pläne (nur gerade keine Zeit) für neue Musik gibt. Der späte wirkliche Erfolg und das Gefühl eben keine Comeback-Band zu sein, motiviert Slowdive. "Wir machen weiter, solange es uns nicht langweilt." Und da die neuen Lieder ausnahmslos wirklich neu sind und keine aufgewärmten Ideen aus den 90ern, spricht nichts dagegen, daß auch das nächste Album fantastisch wird und Slowdive auch in fünf Jahren noch einfach Ü40-Männern Tränen in die Augen spielen werden. Das kann bei Golden hair, When the sun hits oder auch No longer making friends halt immer auch passieren.


Setlist Slowdive, Uebel & Gefährlich, Hamburg:

01: Slomo
02: Catch the breeze
03: Crazy for you
04: Star roving
05: Slowdive
06: Souvlaki Space Station
07: Avalyn
08: Don't know why
09: Blue skied an' clear 
10: When the sun hits
11: Alison
12: Sugar for the pill
13: Golden hair (Syd Barrett Cover)

14: No longer making time (Z)
15: Dagger (Z)
16: 40 days (Z)

Links:

- aus unserem Slowdive-Archiv:
- Slowdive, Dortmund, 29.09.17
- Slowdive, Mannheim, 18.06.17
- Slowdive, Den Haag, 31.03.17
- Slowdive, London, 20.12.14 
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14



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