Montag, 20. November 2017

Anna Ternheim, Stuttgart, 18.11.17


Konzert: Anna Ternheim
Ort: Neues Schloss, Stuttgart (New Fall Festival)
Datum: 18.11.2017
Dauer: knapp 95 min
Zuschauer: knapp 350 (ausverkauft)




"Have you been to Rio, Martin? I went there on my own four and a half years ago. I thought this record was so easy to make, so fast. How wrong was I! Four and a half years for eight songs!" All the way to Rio ist das sechste Studioalbum der schwedischen Sängerin Anna Ternheim. In Deutschland erscheint es erst am Freitag, in ihrer Heimat eine Woche vorher. Kurz vor meinem Aufbruch nach Stuttgart klingelte der Postbote und brachte mir mein Exemplar. Da schwedisches Vinyl häufig ohne Download-Code kommt, fiel meine Vorbereitung dürftig aus. Etwas Angst machte mir ein Satz im wunderschönen Begleitheft zum Album: "This record is a collaboration between me and a bunch of tough dudes." Zuletzt waren mir die Konzerte der Sängerin zu rockig, nachdem vorher die Gospel-Phase auch nicht meine liebste war. Tough guys klang nach Vollbärten und Rock.


Als ich in den wundervollen Saal des Neuen Schlosses kam, galt mein erster Blick deshalb der Bühne. Da standen zwar eine Menge Instrumente, Keyboards an beiden Seiten, ein Flügel, viel Platz für viele Rocker war aber nicht. Um fünf nach acht kam erst ein Violinist auf die Bühne, kurz darauf Anna Ternheim. Die beiden begannen mit Off the road von Annas drittem Album Leaving on a mayday. Das Lied gehört nicht zu meinen Lieblingen, das abgespeckte Arrangement aber schon. Ich habe Anna Ternheim nicht nur in erschütternd vielen Städten, ich habe sie auch in sehr vielen verschiedenen Konstellationen erlebt. Am besten (auch auf Platte) ist sie, wenn die Produktion im Hinter- und ihre Stimme im Vordergrund stehen. Von den ersten beiden Platten gibt es "naked versions", das sind die mit Abstand besten Veröffentlichungen der Schwedin.

Nach Off the road bleib es dabei, daß nur Anna und ihr Begleiter auf der Bühne standen. Anna Ternheim stellte ihn als Martin Hederos von The Soundtrack of Our Lives vor. Als nach Nennung seiner alten Band nur eine Handvoll Leute klatschten, bedankte sich Martin bei "den drei Menschen, die sie noch kennen." Danach spielten die beiden das erste neue Lied, Maya, eine Stück über eine unglückliche Liebe (das sind die besten. Also Lieder, nicht Lieben). Maya war live nur Martin am Klavier und Annas Stimme - und sehr schön. Puh!

Nach dem neuesten kam das älteste Stück des Abends - und eines der wenigen (wenn überhaupt) der ersten Platte, das ich noch nie live gesehen habe. Sie habe Somebody outside mit 16 geschrieben und nur auf ihrer ersten Tour gespielt. Anna Ternheim war redselig, sie erzählte viel über die Lieder, die sie spielte, sie spielte aber glücklicherweise auch viele. Zwar war kaum einer meiner Lieblingssongs im Programm, das machte aber gar nichts, das Konzert war auch mit einer B-Setlist (auf dem Papier)* fantastisch und mein bestes der Schwedin seit vielen Jahren. 


Annas Erklärungen machten sehr viel Spaß. Sie erzählte zum Beispiel vor Lovers dream (das Fyfe Dangerfield von den Guillemots auf Platte mitsingt), daß sie damals in einer Phase gewesen sei, in der sie "deep into a band called The Doves and horror movies" gewesen sei. Und ja, Lovers dream erinnert jetzt mit diesem Wissen an klassische Horrorfilm-Soundtracks von John Carpenter.


Man merkte den beiden nicht an, daß sie noch nicht oft miteinander gespielt haben. Einmal brach Anna ein Lied ab - beim "Sailor- and lovesong" The longer the waiting (the sweeter the kiss). Dave Ferguson, mit dem Anna das Lied auf Platte singt, habe ihr mal gesagt "don't stop the train when the train is running!" Schön, daß sie gerade bei Daves Lied seinen Rat mißachtete und es neu starten musste. Es war die falsche Gitarre.

Der Titeltrack der neuen Platte kam irgendwann in der Mitte als zweites neues Lied. All the way to Rio hatte einen Beat vom Band, der an einen schnellen Herzschlag erinnerte (oder an Eurobeat), ich mochte das sehr. Aber weder Maya noch All the way to Rio waren die besten der neuen Stücke. Holding on - Martin an der Geige, Anna an der Gitarre - war das Highlight unter den neuen. Holding on wurde immer lauter, wundervoll!

Als viertes neues Lied spielten die beiden 4 in the morning, ein Stück über den Heimweg aus einer fremden Wohnung mitten in der Nacht. 




Nach 14 Anna-Liedern und einem von Martin am Flügel war der Hauptteil vorbei. Wir standen zum ersten Mal von unseren Stühlen auf - die Bestuhlung passte zum tollen Saal, Sitzkonzerte sind mir aber trotzdem ein Graus.


Die Sängerin kam zunächst alleine zurück - und das höfliche Publikum setzte sich wieder. Anna Ternheim spielte ohne Instrument Leaving on a mayday. Die beiden anderen Zugaben waren ein echter und ein heimlicher Liebling, wieder gemeinsam mit Martin. Der echte ist natürlich To be gone, Lied eins von Platte eins, der heimliche Annas großartiges Backstreet Boys Cover Show me the meaning of being lonely. Wir hatten nicht genug - und Anna noch Lust. Sie kam zurück, wir setzten uns wieder und hörten I'll follow you tonight zu.


Es war bei weitem nicht die beste Setlist, die ich bisher bei ihren Konzerten erlebt habe, ich saß sehr weit von der Bühne weg (ich hatte das buchstäblich letzte Ticket gekauft, danach schaltete die Website auf "ausverkauft"), es war trotzdem ein nahezu perfektes Anna Ternheim Konzert. Denn nach ausführlichen Studien** scheint klar, daß die Singer/Songwriterin am besten ist, wenn sie wenig mehr als ihre Stimme und eine akustische Gitarre einsetzt.

Wie das alles mit einer Menge tougher dudes klingt, werde ich sicher auch irgendwann herausfinden. Das kann aber ruhig noch warten.


Setlist Anna Ternheim, Neues Schloss, Stuttgart:

01: Off the road

02: Maya (neu)
03: Somebody outside
04: The longer the waiting (the sweeter the kiss)
05: Better be
06: Lovers dream
07: Solitary move
08: Still a beautiful day
09: All the way to Rio (neu)
10: For the young
11: Martin Hederos am Klavier
12: 4 in the morning (neu)
13: Holding on (neu)
14: What have I done?
15: My heart still beats for you

16: Leaving on a mayday (Z)
17: To be gone (Z)
18: Show me the meaning of being lonely (Backstreet Boys Cover) (Z)

19: I'll follow you tonight (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Anna Ternheim, Frankfurt, 10.04.16
- Anna Ternheim, Freiburg, 21.02.12
- Anna Ternheim, Frankfurt, 19.02.12
- Anna Ternheim, Köln, 11.02.12
- Anna Ternheim, Berlin, 03.11.11
- Anna Ternheim, Nyköping, 24.11.09
- Anna Ternheim, Paris, 23.09.09
- Anna Ternheim, Fribourg, 20.09.09
- Anna Ternheim, Köln, 13.09.09
- Anna Ternheim, Haldern, 14.08.09
- Anna Ternheim, Paris, 29.04.09
- Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09
- Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06


* weil so wenige Stücke der ersten beiden Platten dabei waren 
** durch mich



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