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Montag, 30. September 2024

Reeperbahn Festival Hamburg - 18.-21.09.2024

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Konzert: Reeperbahn Festival
Ort: div. Orte/Hamburg
Datum: 18.-21.09.2024
Dauer: 4 Tage
Zuschauer: div.


Die Veranstaltung sei eine "bewusste Überforderung" las ich in einem Vorbericht zum Reeperbahn Festival. Selten traf es eine Formulierung besser. 

Dabei waren die Rahmenbedingungen dieses Jahr fantastisch. Strahlender Sonnenschein an fast allen vier Tagen im September. Dazu selbst in der Nacht noch fast T-Shirt artige Temperaturen. Ansonsten waren jedoch wieder alle Arten von Kompromissen erforderlich. 

Auch wenn sich der begeisterte Indie-Gitarrenfan natürlich komplett im Molotow einschließen könnte. Hier gibt es von ca. 12.00 Uhr mittags bis 06.00 Uhr am Morgen schon genug zu erleben ohne das abbruchreife Gebäude verlassen zu müssen. Im Dezember ist an dieser Stelle der Reeperbahn ja dann auch endgültig Schluss und das Molotow zieht wenige Meter nach rechts. 


Bis dahin gab es Thementage einzelner Länder (Australien, Niederlande), Showcases einzelner Bands und Künstler/innen sowie eine Disco im kultigen Hinterhof zu bestaunen. Highlights boten in diesem Jahr besonders die Bands aus den Niederlanden, die zum Teil mehrfach die Bühnen stürmten. 

Marathon und Personal Trainer waren bei kleineren Festivals dieses Jahr ja schon positiv aufgefallen. Hier eroberten sie alle Herzen im Sturm und werden in der nächsten Festivalsaison sicher noch größere Ausrufezeichen setzen können. 

Australien punktete mit den energetischen Girl and Girl, dem dunklen und intensiven Auftreten von RVG und dem klassischen Pop der noch jungen Asha Jefferies. 


Die deutschsprachige Fraktion wurde von International Music (hier als Secret Act The Hi Hats in der Skybar), den Österreichern von Endless Wellness und Easy Easy aus Köln bestens vertreten. Publikumslieblinge waren außerdem die tanzbaren Kapa Tult und die sperrigeren Klänge von Zahn. Dazu noch To Athena aus der Schweiz mit ihrem orchestralen Kammerpop, der schon beim Maifeld Derby begeistern konnte. 


Besonders herausragend waren aber die Auftritte von Jule, die auf einer kleinen Acoustikbühne für Aufsehen sorgte (merkt euch diesen Namen) und die großartig aufspielenden Voodoo Beach aus Berlin, bei denen schwerer, "mystisch durchhauchter Post-Punk" ganz leicht klingt.

Von der Insel überzeugten Antony Szmierek (wer mag The Streets ?) aus Manchester und der catchy Hiphop von Master Peace, der sogar schon um 14.00 Uhr alle umstehenden in einen tanzenden Flashmob verwandelte. 


Vor dem Aufbruch in die Nacht dann noch ein köstliches koreanisches Chicken an  einer neuen Bude am Beatles-Platz. Manchmal reicht es eben, nur ein Gericht auf der Karte zu haben.

Danach lohnte sich ein Abstecher in die wunderschöne St. Pauli Kirche. Hier gab es ein besonderes Highlight: Bess Atwell. Schon als Support von The National konnte sie ihr Album präsentieren, aber hier passte der Rahmen noch besser zu ihrem träumerischen, fast nach Americana klingenden Songs. 


Da traf es sich gut, das Emily Kokal (Warpaint) nicht nur in der Jury des Festivals aktiv war, sondern am Folgetag ebenfalls in der Kirche auftrat. Neue und ältere Solosongs und ein Joni Mitchell Cover bot sie wechselweise an E-Gitarre und weißem Flügel. Ein Genuss. 


Zu erwähnen bleiben noch Efterklang, die mit neuem Album ihre erste Live-Show seit Jahren im wunderschönen Mojo-Club spielten, und natürlich Geordie Greep. Der Mastermind der gerade implodierten Black Midi präsentierte etwas abseits im Knust eine Lehrstunde in komplexem und intelligentem Rock. Trotzdem sicher nicht jedermanns Sache. 


Am Ende gingen die eigentlich vier langen Tage dann doch wieder viel zu schnell vorbei. Einige Kritikpunkte gab es sicher auch, doch insgesamt präsentiert sich das Festival trotz seiner unübersichtlichen Struktur wesentlich aufgeräumter und besser organisiert als noch vor wenigen Jahren. 


Und dann gibt es ja immer noch diesen einen Moment, den man einfach nicht auf der Rechnung hatte: Beharie, ein junger, schlacksiger Wuschelkopf aus Norwegen spielt im wunderschönen Krimi-Theater (Imperial) modernen Soul mit wahnsinnigem Charisma und einer  Perfektion, die einen einfach nur staunend zurücklässt. Ein beeindruckender Auftritt.

Und so überwiegen die positiven Eindrücke und es bleibt zu hoffen, das sich die Branche auch am unteren Ende der Nahrungskette im nächsten Jahr wieder etwas erholen kann. Die Probleme sind vielfältig und nicht einfach zu lösen. Unterstützt eure lokalen Clubs und Veranstalter und besucht junge, aufstrebende Künstler. Es lohnt sich. 

Early Bird Tickets für 2025 sind bereits erhältlich: Reeperbahn Festival Ticket 2025




Mittwoch, 27. September 2023

Reeperbahn Festival 2023, Hamburg

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Konzert: Reeperbahn Festival
Ort: Hamburg
Datum: 20.09.-23.09.2023
Dauer: 4 Tage
Zuschauer: diverse


Vier Tage Reeperbahn Festival sind vorüber. Das Festival hat zu alter Kraft und Stärke gefunden. Wetter und Line-Up passten perfekt zusammen und auch die Organisation war in diesem Jahr gut aufgestellt. 

Trotzdem kann es selbst den erfahrenen Festivalgänger abschrecken, wenn man bis zum Festivalbeginn nicht einmal schafft, die offizielle Playlist komplett durchzuhören. Aber das ist aber halt auch der Charme eines großen Newcomer- und Showcase Festivals.


Immer mehr zeigt sich aber, dass hier eigentlich verschiedene Festivals parallel stattfinden. Wer Post-Punk und Gitarren liebt, brauchte eigentlich das Molotov mit seinen vier Bühnen gar nicht verlassen. Ab Mittag und bis spät in die Nacht gaben sich hier alle Indie Hoffnungen die Gitarre in die Hand. Besonders der Open-Air Back Yard war in diesem Jahr bei durchweg warmen Temperaturen ein Highlight. 

Hier begeisterten am Mittwoch direkt die aus Nottingham stammenden Cucamaras mit einer energetischen Show, die im nächsten Jahr bei vielen Festivals bestimmt auch für Begeisterung sorgen wird. 

Zuvor erlebte man im kuscheligen Moondoo die herrlich unkomplizierte und humorvolle Katie Gregson-MacLeod. In Schottland schon mehr als ein Geheimtipp. 

Zurück im Molotov, diesmal in der Skybar unter dem Dach, dann endlich auch mal schon bekannte Töne. Deathcrash sind mit ihrem Slowcore schon seit circa zwei Jahren in aller Munde und liefern hier einen staubtrockenen, aber leider nicht so elegischen Auftritt hin, wie bereits gesehen. In den nur 45 Minuten erlaubter Spielzeit konnten sie ihre komplette Bandbreite aber auch nicht beweisen. 

Den einsamer Sieger des Tages gab es dann bei Nacht in der wunderschönen Kirche von St. Pauli zu bewundern. Puma Blue steht völlig zurecht ganz kurz vor seinem großen Durchbruch. Wie er hier virtuos mit seiner Band die Genres von Jazz, Pop, Indie und Soul zelebriert, lässt viele mit offenem Mund zurück. Ein wahnsinnig talentierter Songschreiber noch dazu. Unbedingt anhören. 

Auf der tollen, offenen Bühne am Spielbudenplatz gibt es am nächsten Tag nach dem ersten Kaffee einen koreanischen Showcase mit vier Bands, von denen Cotoba besonders herausragen. Überschwängliche Spielfreude, mal als Indiepop, dann wieder etwas vertrackter und mit mehr Ecken und Kanten. 


Iedereen aus Köln lassen es zunächst im Irish Pub und am Tag darauf nochmal im Fanshop von St. Pauli richtig krachen. Punk in seiner reinsten Form, aber mit der spielerischen Klasse und Härte eines klassischen Duos a la White Stripes. 

Wer die Schweizer von Black Sea Dahu mag, kann danach bei Soft Loft, ebenfalls aus der Schweiz, etwas Luft holen. Genauso wie bei AVEC, wurde gefälliger Indiepop geboten. 

Zurück zum Molotov. Hier startet der australische Nachmittag mit einem extra eingeflogenen Ansager, der fast mehr Raum einnimmt als die auftretenden Bands. Doch sobald die Flying Colours das Mikro übernehmen, ist das schnell vergessen. In nur 30 Minuten fegen sie alle Bedenken beiseite, der Auftritt könnte im Hellen vielleicht deplatziert sein. Kein Spur. Toller Shoegaze, tolle Songs. 

Zum Runterkommen dann ab in Angie's Nightclub. ARTE zeichnet zwei Folgen Plattenkiste mit “Promis” auf. Der Talk gerät launig bis peinlich, die Gäste wenig erfahren im Umgang mit Plattenspielern “ach, es gibt ja zwei Seiten”. Abhaken, weiter geht’s. Und zwar direkt ins andere Extrem. 


Im Rockschuppen Headcrash warten bereits Chalk und knallen ihren Elektropunk durch den Raum. Einzelne Songs sind kaum auszumachen. Der Sänger wirkt charismatisch und ganz schön wütend. Behalten wir mal im Auge. 


Kids Return aus Frankreich bieten den nächsten Kontrast. Interessante Pop Songs a la MGMT (1. Album 😊) mit Harmoniegesang. 


Und damit hier nicht der Verdacht aufkommt, es würde nur die erwartete Indie-Bubbel bedient, steht der Besuch von EBOW ganz oben auf der Liste des Wochenendes. Ebro Düzgün bricht mit den normalen Stereotypen des Hip-Hop und kann gleichzeitig aber auch nicht darauf verzichten. So entsteht ein Spannungsfeld aus queeren und politischen Songs, sowie der üblichen Klischees von Handtaschen und dicken Autos. 
Ebru wirkt aber gerade durch diesen offenen Zwiespalt absolut natürlich und sympathisch. Ein lohnender Abstecher. 

Als Rausschmeißer (mit Ansage) dann noch die neue Punk Sensation aus Dublin. Sprints nehmen das Molotov im Sturm und werden ebenfalls nächstes Jahr viele Festivals glücklich machen. 


Am Samstag spielen dann mein Folk-Lieblinge von William the Conqueror gleich zwei Konzerte. Erst akustisch auf dem für alle freien Festivalgelände am Heiligengeistfeld und später dann noch ein richtiges Set im Indra. Lohnte sich beides. 

Im Molotow Biergarten wird auch heute natürlich wieder gerockt. Die Damen von Hotwax sind am Start. Am vierten Tag fällt ihr Set aber leider etwas ab. Kann aber auch an der Anzahl der bereits gesehenen Post-Punk Bands gelegen haben. 


Ein Live-Podcast will natürlich auch noch besucht werden. “Too many Tabs” sorgen für viele Lacher. Carolin Worbs und Miguel Robitzky (ZDF-Magazine Royal) harmonieren sehr gut und berichten von ihren "Rabbit Holes" im Internet. Lyschko performen dazu live ein paar Songs und natürlich die Titelmelodie.

AUGN spielen das für mich spannendste Set des gesamten Festivals, (siehe eigener Bericht) bevor Team Scheisse dann, mittlerweile schon sehr routiniert, im Hochbunker zwischen Fußballrandalen und Reeperbahn-Touristen den Deckel draufmachen. 


Die Anzahl an Bands kann über vier Tage hinweg ermüdend wirken. Es lohnt sich daher immer, auch bewusst Konzerte zu besuchen, deren Musikrichtung einem vielleicht fremd vorkommt. Alles in allem war es ein rundes und entspanntes Festival. 

Als zusätzliches Lob sollte gelten, das die sonst so begehrten Konzerte in der Elbphilharmonie dieses Jahr so gar nicht im Mittelpunkt standen. 

Tickets für 2024 sind als Early-Bird Version bereits erhältlich. 


Dienstag, 26. September 2023

AUGN, Reeperbahn Festival, Hamburg

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Konzert: AUGN
Ort: Kaiserkeller/Reeperbahn Festival
Datum: 23.09.2023
Dauer: 45
Zuschauer: ca.300


Der Barkeeper im Kaiserkeller an der Reeperbahn hat schlechte Laune. Er hält das EC-Gerät an die Decke. Kein Empfang. Besser wird die Stimmung danach nicht mehr. Weder auf, noch vor der Bühne. 

Vom Band läuft in Dauerschleife eine Publikumsbeschimpfung. Die Bühne ist durch Nebel und Gegenlicht nicht auszumachen. 20 Minuten geht das so und man beginnt zu glauben, diese Kunstaktion könnte schon reichen, um das Projekt AUGN beim Reeperbahn Festival überzeugend zu präsentieren.

Plötzlich setzt dann doch noch ein brachialer Beat ein. Wem "The KLF" noch ein Begriff ist, bekommt eine Ahnung. Schafe kamen allerdings hier nicht zu schaden. Ansonsten gibt es aber weiterhin nichts zu sehen. Einer der Beiden scheint die Texte von seinem Handy abzulesen, vielleicht kommt aber auch wirklich alles in den nächsten 25 Minuten vom Band. 

Mensch zwei tanzt wie ein Rumpelstilzchen mit tiefhängendem Bass um Mensch eins herum. Beide tragen natürlich Gesichtsmasken. Alles egal. AUGN kommen, um sich zu beschweren. Über Deutsche, die Musikindustrie und rechte Wutbürger. Das kommt spät, 30 Jahre nach Tocotronic. 

Aber jetzt sind sie da, f... off Haltung gegen alles inklusive. Es ist ein Highlight, nach gefühlt dutzenden von Post-Punk und HipHop Acts, die die A&R Manager zur Zeit signen wie Sand am Meer. Für diese haben AUGN auch gleich einen neuen Song dabei: „Du bist A&R bei irgendeinem Label und die aller größte Ratte im Geschäft.“

Bei AUGN hat sich etwas angestaut, eine Vorgeschichte mit diversen Labels liegt nahe. Zwischen den Songs dröhnt der Applaus auch gleich mit vom Band. Auf ihrer Insta-Seite posten sie am nächsten Tag: „Reeperbahn Festival, so scheisse wie befürchtet. Nie wieder“. 

Sollte die Rettung der Zeitschrift Titanic nicht gelingen. AUGN könnten sofort übernehmen. Am Ende gibt es ein Mantra über einen Gottesdienst, die Glocken läuten und dröhnen, Neonlicht blendet den Raum, fehlt nur noch Weihrauch. Katharsis beendet.

Ach so, es war großartig.

Dienstag, 5. September 2023

Vorbericht / Reeperbahn Festival Hamburg 20.09-23.09.2023

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Konzert: Reeperbahn Festival 2023 - Vorbericht
Ort: div. Orte / Hamburg
Datum: 20.09.-23.09.2023
Dauer: 4 Tage




Das Reeperbahn Festival vom 20.-23-09.2023 präsentiert auch diesmal wieder unzählige Konzerte und ein großes Rahmen Programm. Wie immer sind Tages-, Wochenend- und Tickets für das komplette Festival auf der Webseite erhältlich.

Auf alle unsere Lieblinge hinzuweisen ist gar nicht möglich. Ein paar Tipps wollen wir euch aber natürlich mit auf den Weg nach Hamburg geben. Fast alle haben wir bereits live gesehen. 


Für die besonders begehrten Konzerte in der Elb-Philharmonie sticht der späte Slot von Altin Gün am Samstag heraus. Ein echter
 Newcomer ist die bunte Band aus Amsterdam zwar nicht mehr, wird aber mit ihrer wuchtigen Live Power die Philharmonie definitiv zum Tanzen bringen. 

Vorab wandelt an selber Stelle Matt Corby auf den souligen Pfaden von Paolo Nutini. Im normalen Programm beginnt der Mittwoch mit vielen weiblichen Acts, alle sehr zu empfehlen. Arlo Parks als Headliner bedarf keiner Vorstellung mehr. Auch Brockhoff und Florence Welch aus Düsseldorf dürften durch diverse Auftritte bereits einen guten Eindruck bei vielen hinterlassen haben. 

Aus dem Indie-Bereich sind Deadletter und Tramhaus, Sparkling (Albumproduzent: Goddard/Doyle-LCDSoundsystem) und English Teacher eine sichere Bank. 


Am Donnerstag bespielen dann so unterschiedliche Künstler/innen wie Paula Paula, die folkigen Taylor-Geschwister von The Staves, die "No Waver" von Asbest, der allseits bekannte Bernhoft und die neuen Teenie-Idole von The last Dinner Party die Bühnen der Reeperbahn. 

Der Freitag endet hoffentlich spät mit den punkigen Sprints aus Irland und dem gepflegten College Rock von Girl Scout. Davor präsentiert Christian Löffler sein neues Elektronik-Projekt in der ehrwürdigen Großen Freiheit 36, gleich nachdem der frische Oscar Gewinner (Volker Bertelmann) Hauschka im Resonanzraum (wo immer das sein mag) Songs aus seinem neuen, im Oktober erscheinenden Album vorgestellt hat. Was für ein Doppel. 


Am Samstag dann der vlt. beste Newcomer aus Deutschland. Augn geben in bester Sleaford Mod Besetzung auf die Augen und Ohren. Holly Humberstone wird zum Träumen anregen, Arab Strap sind immer eine Reise wert und Teleman waren schon immer Lieblinge des Konzerttagebuchs. 


Bleiben noch zwei besonders Tipps: Bipolar Feminin aus Österreich haben im Spiegelzelt in Haldern dieses Jahr bereits voll überzeugt. Und Joe Unknown spielte dieses Jahr noch völlig unbekannt beim Lowlands Festival eine Show, die auch sofort auf der Hauptbühne funktioniert hätte.

Lasst uns zusammen feiern und gute Musik genießen. Wo könnte dies besser funktionieren als in Hamburg. Wir werden berichten. 

Fotos: Reeperbahn Festival


Samstag, 21. September 2019

Anna Ternheim, Hamburg, 20.09.19

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Konzert: Anna Ternheim
Ort: Elbphilharmonie (Großer Saal), Reeperbahn Festival
Datum: 20.09.2019
Dauer: 75 min
Zuschauer: 2.100 (ausverkauft)



Theoretisch habe ich Anna Ternheim zu oft gesehen, um ihre Konzerte noch spannend zu finden. Theoretisch habe ich mich mit Musik aber zuletzt im Grundkurs in der 13 auseinandergesetzt (15 Punkte), also war meine Angst davor, nach dem Abend Anna Ternheim vs. Kaiser Quartett in der Elbphilharmonie enttäuscht zu sein, überschaubar. 

Die schwedische Künstlerin spielt nie Tourneen doppelt. Mal tritt sie sehr reduziert nur mit Gitarre und Klavier auf, mal mit Rockband, mal mit Chor, mal folkiger, mal lauter. Im Rahmen des Reeperbahn Festivals fand eine einmalige Zusammenarbeit mit dem Kaiser Quartett aus Hamburg statt. Es sollten neue Songs und alte Stücke mit neuen Arrangements gespielt werden. Das klang hochgradig aufregend, zudem das Konzert am Erscheinungstag von Annas neuem Album stattfand.

Die Elbphilharmonie war ausverkauft. Dummerweise hatte nicht jeder erfahren, daß man für den Einlass ein Ticket und ein Festivalbändchen brauchte, vor mir wurde ein Paar abgewiesen, der Schwarzhändler, der die Karten vermutlich verkauft hat, hatte eben keine Bändchen mitgeliefert. Es blieben dann ein paar Plätze frei, das fiel aber nicht weiter auf.

Um kurz nach halb neun kam das Kaiser Quartett auf die Bühne und spielte ein mehrminütiges Intro, zu dem irgendwann Anna auftrat und einen Teil von Shoreline spielte. Ich habe das Lied schon so oft gehört, es war noch nie so schön wie hier!

Nach Shoreline kamen die beiden Begleiter im Team Anna dazu, Keyboarder Rasmus und Schlagzeuger Andreas. Der im Titel der Veranstaltung angedeutete Wettbewerb (Anna vs. Kaisers) blieb glücklicherweise aus, es war von Beginn an harmonisch. Ich mag Konzerte der Schwedin am liebsten, die wenig Bombast zeigen, die Arrangements heute waren wundervoll!

Nach Shoreline folgten die beiden ersten neuen Lieder von A space for lost time. Beide (This is the one und Everytime we fall) sind keine musikalischen Abenteuer und klingen nach Anna Ternheim, im besten Sinne radiotauglich (auf dem Papier, weil deutsches Radio schrecklich ist) und gefielen mir sehr gut. Keine Angst mehr vor dem neuen Album! Das neue Album heißt nicht umsonst etwas mit Zeit. "Within the last years I've only written songs related to time. I hope it's a phase!" Eines von denen war Hours vom 2016er Album For the young, dessen Titeltrack Anna auch spielte. Better be und All the way to Rio komplettierten den Viererblock von älteren Stücken.



Danach kam etwas, das ich nicht (er)kannte, das (mich) verstörendste Stück des Abends, das mit "Sleep, eat" begann und in dem Anna weitere "eats" fast schon rappte. Das Lied war dramatisch, merkwürdig, vielleicht, allerdings auch gar nicht schlecht.

Danach folgten abwechselnd alte und neue Stücke. Neben dem Thema Zeit spielen gescheiterte Lieben und Freundschaften in den Liedern (wie in allen vernünftigen) eine Hauptrolle. O Mary von der neuen Platte widmete sie einer verrückten Frau, die nicht länger Teil ihres Lebens sei und die ein Energie-Dieb gewesen sei. Das alte Dilemma. Ich möchte, daß es Künstlern gut geht, die besten Lieder schreiben sie aber, wenn es ihnen nicht gut geht. Eigentlich ist es hochgradig egoistisch, gute Musik zu lieben.

Von den neuen Songs gefiel mir aufs erste Hören You belong with me am besten. 

Bis spät ins Konzert empfand ich die Elbphilharmonie als angenehmen Konzertort. Jeden Cent wert. Dem Sound fehlte etwas, ich bin zu wenig Profi, um das genauer sagen zu können, es klang ein wenig flach. Aber der Blick war fantastisch trotz Ebene 15 und trotz eines Absturzgitters vor mir. Ich saß mit Blick auf die Vorderseite der Bühne, dieses 360-Grad-Publikum faszinierte mich, vielleicht hätte ich das auf den Backstage-Balkonen aber anders gesehen. Beim prophetischen What have I done triggerten irgendein kurzer Takt des Kaiser Quartetts das Rhythmische Klatschzentrum eines Teils des Publikums und ließ mich heimisch-rheinisch fühlen. Das machten die Klatscher zweimal, bis Anna Ternheim sie mit einer Arm-Geste und mit einem "shhh" stoppte und darum bat, den Streichern zuzuhören! 

Nach Leavin on a mayday, das nie so mein Liebling war (weil es aus der bombastigsten Phase ihres Werks stammt), kamen Kaiser Quartett und Anna-Trio zurück und spielten Stars als letztes von 6 (1/2)* neuen Liedern, ein Stück über Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Zum Schluß folgte dann noch eine schwedische Version von Auld Lang Syne (Minns det som igår).

Natürlich wird auch die Tour im November wieder ganz anders sein. Die Vorhersage ist nicht verwegen, weil der Abend in der Elphi eine einmalige Zusammenarbeit war. Wie ihre Konzerte dann arrangiert sein werden... keine Ahnung! Ich glaube zwar, schon alles außer einer katyperryartigen Show mit Kostümwechseln gesehen zu haben, das glaube ich aber auch schon seit Jahren.

Setlist Anna Ternheim, Elbphilharmonie, Hamburg:

01: Shoreline (Broder Daniel Cover)
02: This is the one (neu)
03: Everytime we fall (neu)
04: Better be
05: Hours
06: All the way to Rio
07: For the young
08: ?
09: You belong with me (neu)
10: To be gone
11: Oh Mary (neu)
12: When you were mine (neu)
13: What have I done
14: Leaving on a mayday

15: Stars (neu) (Z)
16: Minns det som igår (Z)


Links: 

- unser Ternheim-Verzeichnis:
- Anna Ternheim, Stuttgart, 18.11.17
- Anna Ternheim, Frankfurt, 10.04.16
- Anna Ternheim, Freiburg, 21.02.12
- Anna Ternheim, Frankfurt, 19.02.12
- Anna Ternheim, Köln, 11.02.12
- Anna Ternheim, Berlin, 03.11.11
- Anna Ternheim, Nyköping, 24.11.09
- Anna Ternheim, Paris, 23.09.09
- Anna Ternheim, Fribourg, 20.09.09
- Anna Ternheim, Köln, 13.09.09
- Anna Ternheim, Haldern, 14.08.09
- Anna Ternheim, Paris, 29.04.09
- Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09
- Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06


* Eat, sleep...?



 

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