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Freitag, 3. Juni 2016

Einar Stray Orchestra, Frankfurt, 02.06.16

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Konzert: Einar Stray Orchestra
Ort: Das Bett in Frankfurt
Datum:  2. Juni 2016
Dauer: 90 min
Zuschauer: knapp 40 


Es ist mal wieder so weit: ich sitze total übermüdet, aber mit einem breiten Grinsen am Rechner, um über einen besonderen Abend zu berichten. Und auch (schon) wieder: Fast ist es des guten zu viel dieser Tage (*). Soll heißen, ich habe mir die Fahrt nach Frankfurt wirklich sehr, sehr gut überlegt. Aber nachdem ich das Einar Stray Orchestra beim Orange Blossom Festival im schönen Beverungen nicht sehen konnten, war mein Leidensdruck einfach zu groß um diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen und ich rede mir ein, ab Montag gibt es Winterschlaf (das Wetter ist ja danach!).


Fast wie eine Belohnung für meine Courage, mir mal wieder eine halbe Nacht um die Ohren zu schlagen, gab es für mich einen Überraschungsgast. Ein herrlicher Bonus, dieses Erlebnis teilen zu können! Zumal ich - nachdem mein Zug kurz vor Frankfurt noch 20 min verbummelt hatte - ein wenig kurz nach knapp in Das Bett hineinrauschte und ausnahmsweise mal ganz froh war, dass es nicht auf den Punkt losgegangen war. Mein geplanter Aufenthalt passte dann zum Glück auch fast auf die Minute zum Konzert (puh!).


Die Live-Stichproben nehme ich nun schon länger und am auffälligsten war für mich zunächst der neue Mann am Bass. Aber die Spielfreude war vom ersten Moment an als die alte zu erspüren. So waren
 
  Maja Gravoermoen Toresen: Violine & Gesang
  Ofelia Østrem Ossum: Cello & Gesang
  Einar Stray: Piano/E-Gitarre & Gesang
  Lars Fremmerlid: Schlagzeug & Gesang

  Steinar Glas: E-Bass, Gitarre & Gesang


mit großem Spaß dabei. Am meisten juckte es sie wohl die allerneusten - gerade aufgenommenen Lieder zu präsentieren. Aber bitte Vorsicht mit den neuen Titeln, die in der Setliste unten vermerkt sind! An die Bilder-Setlisten der Cellistin Ofelia bin ich ja schon gewöhnt und wäre enttäuscht, wenn sich etwas an dem Brauch ändern würde. Aber auf der ausgedruckten Setlist hatten viele Songs einen Schlabberversionsnamen.


Und für die neuen Songs habe ich ja keine anderen Informationen und kann nichts "berichtigen". Aber was sind schon Namen? Die Live-Versionen entsprechen ja auch nicht der Wohnzimmer-Fassung auf CD. Und dieser Hang zum Exzess wird meiner Meinung nach eher ausgeprägter über die Jahre, die ich nun schon das Glück habe, ab und zu ein Zipfelchen Live-Erlebnis zu erhaschen. Wieder (wie in Darmstadt) befreite sich Einar zwischendurch vom Stuhltanzen am Piano und war mit einer E-Gitarre auf der Bühne unterwegs. Die Bilder davon sind mir alle verwackelt... 


Der inhaltliche Aufbau des Konzertes hatte für mich eine sehr einnehmende Regie. Zunächst einiges Neues (darauf war ich ja auch gespannt!)  aber damit noch ungewöhntes - mit Titeln vom zweiten Album etwas gemischt bevor dann etwa ab der Hälfte nach und nach auch meine Lieblings-Kracher kamen. Zunächst - und das der erste richtige Ah-Moment -


Pocket full of Holes - wo ich seit dem Neujahrskonzert in Berlin immer mitgrölen muss - will I die inside before I die - und anschließend die immer und immer wieder Gänsehaut erzeugende acapella Schönheit For the Country.  Jemand hielt das aufstellen hierfür schon für die Vorbereitung zur Abschiedsverbeugung... Anschließend wurde noch ein neues Stück eingeschummelt: Deer Beergotry - nee Dear Bigotry (das wurde zum Glück angesagt) um dann 3 - 2 - 1 - Takoff! das Gran Finale einzuläuten, das sich 45 min steigerte und immer weiter steigerte. Im regulären Set gab es nämlich noch meine Lieblinge vom ersten Album, die sich einfach nicht verschleißen und live schon wieder anders und wunderbar schimmern durften: Chiaroscuro und Caressed.


Während 40 Personen im Bett natürlich nicht wie ein volles Haus wirken, so war doch die Begeisterung von Anfang an spürbar und mit Rufen und Applaus wurde wahrlich nicht gespart. Natürlich hatten wir schon am Anfang auf die Liste gesehen, und mit Freude festgestellt, dass noch drei Zugaben vorgesehen waren, die dann auch episch zelebriert wurden (mehr als 20 min für drei Songs!).


Und obwohl ich eigentlich schon im siebten Himmer war, war die letzte Zugabe We are the core seed noch einmal wahnsinniger und mitreißender als alles, was bis dahin geboten worden war. Was für ein Abend - was für eine Band. Ich war rundum glücklich und fühlte mich vom Schicksal beschenkt. 


Zwischendurch wurde gar nicht arg viel gesprochen. Außer über das Aufnehmen der neuen Song mit Blick auf den Atlantik, in dem sie jeden Morgen geschwommen wären (im Januar, in Norwegen...) und woher der Trinkspruch Skol im norwegischen kommt. Sie hätten einen Menschen skalpiert, um dann aus dem Skalp (dem Skol) zu trinken. Naja, den nordischen Humor muss man schon ein wenig mögen. Allerdings von Ofelia würde ich mir wohl alles erzählen lassen. Sie hat einfach den Schalk im Nacken! Und ich weiß jetzt auch (endlich), dass sie Einar Stray so aussprechen, wie wir das auch in (nord)deutsch machen würden: mit "ei" und stolper "st".


Leider reichte meine Zeit dann nicht mehr für ein persönliches Dankeschön, denn ich musste mich zum Zug sputen. Noch gibt es ja auch das neue Album  nicht zu erwerben. Die Musik wärmte mein Herz noch bis ich drei Stunden nach Konzertschluss endlich auch im heimischen Bett angekommen war. 


Mehr Bilder

 (*) Nämlich: 29.05. Konzert in KA, 01.06. Konzert bei uns (inkl. zwei Tagen drei Gäste betreuen), ab 03.06. Maifeld Derby 04.06. Konzert bei uns (mit vier Gästen) und 05.06. noch ein mitorganisiertes Wohnzimmerkonzert.

Setlist:
01: Thrasymachus
02: Penny vor your thoughts
03: Caravelle
04: Arrows
05: Envelope
06: Honey
07: For the country
08: Pockets full of holes
09: Dear Bigotry
10: Chiaroscuro
11: Caressed

12: Beast (Z)
13: Montreal (Z)
14: We were the core seeds (Z)


Aus unserem Archiv:
Einar Stray, Berlin, 01.01.14
Einar Stray, Köln, 20.06.12

Einar Stray Orchestra, Darmstadt, 16.05.15 


Tourdaten 2016
08.05. Rostock - Jaz
09.05. Hamburg - Nochtspeicher
10.05. Münster - Gleis 22
11.05. Leipzig - UT Connewitz
14.05. Magdeburg - Moritzhof
15.05. Beverungen - Orange Blossom Festival
22.05. St. Petersburg – Nordic Meta Fest [solo set]
29.05. Moskau – Nordic Meta Fest
31.05. Göttingen - Nörgelbuff
01.06. Oberhausen - Drucklufthaus
02.06. Frankfurt/M. - Das Bett
03.06. Köln - 

        15:00 Acoustic teaser gig at Le Pop Lingerie
        19:00 At The B-Sites Festival
04.06. Chemnitz - Aaltra Vox Open Air

 

Mittwoch, 18. März 2015

Kafka Tamura, Frankfurt, 17.03.15

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Konzert: Kafka Tamura
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 17.03.2015
Dauer: 47 min
Zuschauer: etwa 50

 

Kennengelernt habe ich Kafka Tamura im Dezember 2013 in Paris. Die britisch-deutsche Band hatte am Vorabend eine Oliver-Peel-Session gespielt, ich war auf dem Weg zu einem Dean Wareham Konzert. Wir trafen uns auf Olivers Terrasse. Die drei Lieder der Band, die es damals gab, habe ich auf dem Rückweg 24 Stunden später wieder und wieder gehört. Auch wenn ich die Musik nicht richtig einordnen konnte (Trip-Hop? Indie-Soul? Daughter-Gitarren), mochte ich sie sofort (wobei das Quatsch ist - warum sollte ich sie deshalb nicht mögen?).


In den 15 Monaten seit der Begegnung ist mein Kafka Tamura Liedschatz nicht viel gewachsen. Eine neue Single ist seitdem erschienen, No hope, vor ein paar Wochen. Zur Single gibt es ein sehr schönes (und hochprofessionelles) Video, die junge Band scheint nicht nur musikalisch geschmackvoll und stilsicher zu sein. Meine wenigen Chancen, Kafka Tamura live zu sehen, musste ich verstreichen lassen. Zuletzt vergangene Woche, als ich vergeblich zu Morrissey nach Tilburg fuhr, während Kafka Tamura im schönen Studio 672 in Köln auftraten. Dann also Frankfurt. Berlin von einigen Tagen war rappelvoll, berichtete mir Markus. Wie viele Menschen an einem Dienstag ins Bett in Frankfurt kommen würden, konnte ich nicht einschätzen. Wenn in Berlin, dessen Publikum ja oft viel zu cool für Bands ist, der Club voll war, sollte Kafka Tamura doch auch in Frankfurt Leute anlocken.


Es wurden etwa 50 und damit weit weniger als gedacht. Da einige von denen aber Stimmung für zehn machten und jeden Liedbeginn frenetisch feierten, empfand die Band den Abend vermutlich trotzdem (zurecht) als Erfolg.

Mir war Kafka Tamura (nach der Hauptperson des Haruki Murakami Romans 海辺のカフカ* benannt) als Trio bekannt, bestehend aus der englischen Sängerin Emma Dawkins und den beiden Deutschen Gabriel Häuser und Patrick Bongers. Die drei fanden sich, als Gabriel und Patrick im Internet Lieder von Emma fanden und sie auf eine Zusammenarbeit ansprachen.

Im Bett traten die drei Kafka Tamuras aber mit zwei zusätzlichen Musikern auf. Emma, die früher live auch Gitarre spielte, singt jetzt nur noch. Begleitet wird sie von Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Nur bei der Zugabe Liar traten nur die drei Stamm-Mitglieder auf. Mir gefiel das enorm gut, der (etwas anders klingende) Rest aber eben auch, daher weiß ich nicht, ob die beiden weiteren Instrumente es nun besser machten.

Die Lieder stammten offenbar überwiegend vom im Juni erscheinenden Debüt-Album. Meine beiden alten Lieblinge Somewhere else (mit Reprise) und Lullabies waren sehr früh dran, ein Zeichen, daß die Band berechtigterweise selbstbewußt genug ist, unbekannte Stücke an prominenteren Stellen im Set zu spielen.

Die Lieder der Band haben zwar wundervolle Melodien und clevere Instrumentierungen, das herausstechendste Merkmal, das sie von denen von anderen Bands mit wundervollen Melodien unterscheidet, ist aber ganz sicher Emmas Stimme. Hätte ich erst die Musik und dann die Band gekannt, wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, daß die Sängerin blutjung ist. Ihre Stimme ist gewaltig - auch live. Daß Emma gerade mal 18 ist, merkte man nur zwischen den Stücken ein wenig. Da sie keine Gitarre trug, wusste sie nicht recht, was sie mit den Händen anfangen sollte. Meist hatte sie sie verschränkt vor dem Bauch, immer wieder zog sie das kurze Kleid nach unten, sie wirkte da unsicher. Sobald ein neues Lied begann, war das aber vorbei.


Stärkste Stücke des Abends waren neben dem wundervollen Liar und den Singles Bones und Blood stains. Bei Bones gefiel mir die etwas aus dem Rahmen der anderen fallende Songstruktur, Blood stains hatte fantastisch klingende Gitarren, die mich an Daughter erinnerten. Wie es sich bei talentierten Bands gehört, war das eine Cover im Programm (No rest for the wicked von Lykke Li) das schlechteste Stück des Abends. Und wie es auch nur bei talentierten Gruppen vorkommt, war es trotzdem besser als das Original.

Meine seit anderthalb Jahren aufgebauten Erwartungen an Kafka Tamura waren nicht übertrieben, die Band ist toll, das Album wird ein Tipp! Ein Geheimtipp ist die Gruppe sicher nicht mehr lange, aus denen wird etwas, denke ich.

Setlist Kafka Tamura, Das Bett, Frankfurt:

01: Intro
02: Nothing to everyone
03: Somewhere else
04: Somewhere else (Reprise)
05: Lullabies
06: Feral child
07: Find me well
08: Blood stains
09: Bones
10: Ho hope
11: No rest for the wicked (Lykke Li Cover)
12: Bruises

13: Liar (Z)

* Tschuldigung. Kafka am Strand heißt der Roman bei uns.



Donnerstag, 13. März 2014

Bernd Begemann, Frankfurt, 12.03.2014

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Konzert: Bernd Begemann
Vorband: Pleil
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 12.03.2014
Dauer: 139 Minuten (exklusive Pause)
Zuschauer: etwa 70



Bernd Begemanns Debüt als Solokünstler war 1993 nichts weniger als eine Zäsur für die deutsche Popwelt. „Rezession, Baby“ hatte nicht nur einen brillanten Titel, es war auch gefeierter Meilenstein und kritisch beäugtes Werk zugleich. Begemann polarisierte und schenkte der Indieszene ein Album, das einen noch heute in seiner Direktheit, seinen beängstigenden Alltagsstudien gefangen nimmt, einen in seiner fragilen Schönheit in den sanften Momenten zart berührt und in der schonungslosen Dekonstruktion, der Offenlegung des Gewöhnlichen schockiert. Mit dem Zusatz „Der elektrische Liedermacher“ untertitelt, war Begemann Anfang der 90er nach der Auflösung der zweiten Besetzung seiner Band Die Antwort (unter anderem mit Lindenberg-Gitarrist Karl Allaut) in Deutschland unterwegs und schuf den Grundstein seiner bis heute einmaligen, ganz eigenen Nische. Auch wenn die Konzerte mit seiner 2003 ins Leben gerufenen, wahrlich formidablen Gruppe Die Befreiung, der vielleicht besten deutschen Liveband, mitreißende Rockkonzerte mit ganz erheblichen Beat- und Mod-Einschlag sind, versprühen die bis heute in seinem Tourkalender dominierenden Solo-Gigs einen eigentümlichen Zauber, der Zuschauer entweder verstört oder einem Erweckungserlebnis gleichkommt. 
 
Gut 70 Leute versammeln sich im Club Das Bett in Frankfurt, während Marco Pleil, der Sänger der Frankfurter Indie-Band Cloudberry, die ich im Sommer 2009 einmal als Vorband der Editors in Aschaffenburg sah, den Abend mit eigenen, deutschsprachigen Stücken und unter seinem Nachnamen eröffnet. 

Dionne Warwick singt „Walk on by“, Begemann im chicen Modanzug zum Beach-Boys-Hemd mit Dreitagebart justiert einige Einstellungen am Mischpult nach, grüßt das Publikum. Es geht los. Mit verlässlicher Beständigkeit sind seine Konzerte eine Mischung aus hochklassiger Werkschau, Kabarett, eigenen Hits und der Präsentation gänzlich unbekannter weil neuer Stücke. Eine Setlist im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, vielmehr lässt sich Begemann von seiner Laune, spontanen Einfällen und Zuschauerwünschen leiten. Im Bett hat gleich die Eröffnung einen gewissen Premierencharakter. „Ich habe meinen Frieden gemacht“, singt der 51-Jährige milde in einem vermutlich neuen Lied, geht dann direkt in den Klassiker „Oh, St. Pauli“ über und hat das Auditorium in seiner Hand. Man kennt das, viele begleiten die graue Eminenz der Hamburger Schule schon seit Jahren und auch die Novizen verstehen die begemann'schen Rituale rasch und schon wird der Refrain traditionell vom Publikum getragen. Immernoch ziehen der pointierte Sprachwitz, die eingeschobenen Improvisationen und vor allem die eindringliche Präsenz des Protagonisten einen in ihren Bann. Zwischen neuen Songs wie „Lila Twingo“ oder „Es klappt gerade nicht mit dem Fahrrad“, die beim letzten Weihnachtskonzert im Hamburger Knust erstmals vorgestellt wurden, glänzen publikumgsgewünschte, häufig gehörte Standards wie „Fernsehen mit deiner Schwester“ (diesmal mit Californication-Dialog) oder „Ich hab nichts erreicht außer Dir“. „Stop Me If You Think You've Heard This One Before“ wird dann zwar angespielt, an kommen sie dennoch, die beliebtesten Lieder aus über fünfundzwanzig Jahren. Früher gerne als der Hamburger Morrissey bezeichnet, dankt er dem großen Applaus nach der Familien-Ode „Wir Drei“ mit der formvollendet-satirischen Imitation einer dieser überlebensgroßen Posen des Mozzers. 


 Neben Begemann beherrscht kaum einer das Spiel mit Klischees, die gekonnte Kombination aus trauriger Liebeslyrik und gewitztem Scharfsinn mit derartiger Leichtigkeit. Und so kann es sich der in Bad Salzuflen Aufgewachsene locker erlauben nach der Pause seinen gemeinsam mit Olli Schulz aufgenommenen Blödelsong und diesjährigen Karnevals-Hit „Verhaftet wegen sexy“ und seine Geburtstagshommage „Komm zurück, Olli Schulz, Hamburg braucht Dich“ vor einem der schönsten Liebeslieder deutscher Sprache, nämlich „Bleib zuhause im Sommer“ zu spielen. Die Reaktionen sind ähnlich positiv: So leidenschaftlich die gehaucht-gestöhnten „Hot“ und „Sexy“ - das man Marius Müller-Westernhagen entreißen müsse - mitgegrölt werden, so andächtig lauscht man Versen wie „Es ist egal, dass es keinen Strand gibt / Der Strand ist überall, wo man sich wirklich liebt“ - Größeres wurde nie einfacher in deutscher Sprache verfasst. Dennoch ist es ausgerechnet die Kollaboration mit seinem langjährigen Freund und Epigonen Olli Schulz, die den eigenen Bekanntheitsgrad überraschend ausweitet: „2013 war mein erfolgreichstes Jahr bisher: Auf der neuen Fettes Brot CD ist irgendein Sample von mir, Max Raabe hat ein Lied von mir gecovert, das auf seiner Nummer-1-LP ist, ich hatte meinen ersten Top-10-Hit mit Olli Schulz, der genau Nummer 10 war und zwar zwei Tage lange, aber auch nur in den Download-Charts“, konstatiert der Musiker, der sichtlich mit sich und seinem Leben im Reinen ist, lächelnd und man sieht ihm die Erholung des zurückliegenden All Inclusive Urlaubs mit seiner Freundin, der aufstrebenden Singer-Songwriterin Dorit Jakobs sofort an, „gebucht in einem Reisebüro, ich bin da altmodisch“


 Inmitten seiner direkten Abrechnung mit dem nationalen Medienbetrieb, moralischen Fragwürdigkeiten und dem peinlichen Schwermut der jungen, erfolgreichen Vertreter der deutschen Popzunft, blitzen in Begemanns Songs kleine Hoffnungsschimmer auf. In „Jetzt bist du in Talkshows“ führte er seine Hörerschaft Ende der 90er durch ein wahres Panoptikum einer absurden Medienwelt mit ihren Modetrends und anderen Eigenheiten. Unter all den Perlen dieses Albums schillert „Ein Fremder in Deiner Wohnung“ am Schönsten. Im Bett ist das dann zusammen mit „Ein Geständnis unter Fremden“, das, was man guten Gewissens als heimlichen Höhepunkt bezeichnen kann. Dazu nimmt einen der hallende Wohlklang seiner roten Gibson gefangen. 


 Der wohl rezipierte, zu Recht als Pate der Hamburger Schule betrachtete Popdichter konnte schon in den 80ern direkte Liebeslieder in der Güte von „Aber Du meine Liebste (Die schönste Rose)“ schreiben und nahm spätestens mit seinen besten Soloalben „Rezession, Baby“ und „Solange die Rasenmäher singen“ die Großtaten anderer Künstler vorweg. Das Recht, „euch weiterhin alle scheiße finden zu dürfen“, nimmt sich Begemann nichtsdestotrotz heraus. Und das hat dann nichts mit „Bigmouth strikes again“ zu tun, ist stattdessen lediglich das verdiente Selbstverständnis einen großen Künstlers fernab von Zynismus und plumper Arroganz. 


 „Der Junge, der nie mein Onkel“ wünsche ich mir als erste Zugabe und Begemann liefert. „Das ist ein Stück, das Schande und Ärger über mich brachte“, erzählt er, „man war sich in Hamburg nie in irgendetwas einig, außer darin, dass man keinen Song über einen Wehrmachtssoldaten schreibt“. Das ruhige, in keiner Form verherrlichende Lied, stellt die Schuld einer indoktrinierten Jugend in Frage. „Ich sage, er war 18 und es ist schade“, singt er über den in Frankreich gefallenen Bruder seiner Mutter und liegt damit so fern von einer vermeintlichen Landser-Romantik, wie man nur liegen kann. Begemanns Song ist ein tieftrauriges Stück über düstere Zeiten in der Familienhistorie, durchaus kritisch und von atemberaubender Klasse. Thees Uhlmann nahm sich vor zwei Jahren des Stückes bei der Gala zum 50. Geburtstag des Autors an und rief noch einmal die Qualität des Songwriters dahinter vor Augen. Ohne die endlos gedehnten uhlmann'schen Vokale bringt Begemann den Song so, wie er auf „Rezession, Baby“ erschien, nämlich als überhaupt nicht rührselige Antikriegsballade. 
Dass der Übergang in zwei weitere Stücke des großen Albums so spielend glückt, sorgt für die fulminante Krönung eines großen Abends. „Deutsche Hymne ohne Refrain“ ist fraglos einer der großartigsten deutschen Popsongs, dem „Der lange Abend“ in nichts nachsteht. 
Als Begemann am Ende zu Donna Summers Interpretation des Barry-Manilow-Songs „Could It Be Magic“ das Hemd öffnet, schließlich mitsingt, den Zuschauern dankt und sich noch einmal völlig verausgabt, lenkt er nach den nachdenklichen Momenten dann doch noch einmal den Blick auf seine unbeschreiblichen Entertainer-Qualitäten. Wer Thees Uhlmann als Rampensau bezeichnet, hat sein Vorbild Bernd Begemann noch nicht erlebt. Den Zuschauern erschließt sich eine neue Dimension der Unterhaltung, die man nur lieben oder schrecklich finden kann. Ich entschied mich in meiner Oberstufenzeit für ersteres und auch beim zehnten Besuch ist das weder langweilig noch zu übertreffen.


Setlist Bernd Begemann, Frankfurt:

01: Ich habe meinen Frieden gemacht (neu)
02: Oh, St. Pauli
03: Lila Twingo (neu)
04: Wahrscheinlich bin ich verloren (Bernd Begemann & Die Befreiung)
05: Fernsehen mit deiner Schwester
06: Hübscher als sonst (mit "Fun, Fun, Fun"-Intro) 
07: Selten
08: Wir träumen von Liebe (Bernd Begemann & Die Befreiung)
09: Ich habe nichts erreicht außer Dir (Bernd Begemann & Die Befreiung)
10: Es klappt gerade nicht mit dem Fahrrad (neu)
11: Wir drei (Bernd Begemann & Die Befreiung)
12: Stop Me If You Think You've Heard This One Before (The Smiths-Cover; angespielt)
13: Arbeiter leiden unter dem Stockholm-Syndrom (improvisiert)
14: Ich identifiziere mich nicht mit der Firmenphilosophie (Bernd Begemann & Die Befreiung)
15: Judith, mach Deinen Abschluss (Die Antwort-Song)
PAUSE
16: Die besoffene Fahrerin (neu)
17: Verhaftet wegen sexy (Bernd Begemann & Olli Schulz-Song)
18: Komm zurück Olli Schulz, Hamburg braucht Dich
19: Bleib zuhause im Sommer
20: Aber Du meine Liebste (Die schönste Rose) (Die Antwort-Song)
21: Weil wir weg sind
22: Wir werden uns umsehen
23: Wir werden tanzen
24: Ich brauch dich so (neu?)
25: "Euch weiterhin alle scheiße finden zu dürfen" (neu?)
26: Ein Geständnis unter Fremden
27: Unten am Fluss (Die Antwort-Song)
28: Ein Fremder in Deiner Wohnung

29: Der Junge, der nie mein Onkel wurde (Z)
30: Deutsche Hymne ohne Refrain (Z)
31: Der lange Abend (Z)
32: Warum kommst Du nicht zu mir rüber (Die Antwort-Song) (Z)
33: Could It Be Magic (Z) (Donna Summer-Cover)


Links:
- aus unserem Archiv: 
- Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2013




Samstag, 8. März 2014

Fanfarlo, Frankfurt, 07.03.14

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Konzert: Fanfarlo
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 07.03.2014
Dauer: Fanfarlo ca. 80 min, Lilies On Mars ca. 30 min
Zuschauer:  ca. 200



von Dirk von Platten vor Gericht

Zunächst sah es in Das Bett noch so aus, als würde auf der Bühne mehr los sein als davor. Auf der Homepage des Clubs war der Einlass mit 20:00 Uhr angegeben, das Konzert sollte eine halbe Stunde später beginnen. Doch zu diesem Zeitpunkt herrschte noch gähnende Leere und wir wurden ein wenig vom schlechten Gewissen geplagt, da wir über die Gästeliste (auf der noch reichlich andere Namen standen) freien Eintritt erlangt hatten und Clubbetreiber und Bands sicherlich jeden Euro gebrauchen konnten. Zumindest letzteren sicherten wir später am Merchandise-Stand noch ihr Einkommen. 


Den Auftakt sollte das italienische Duo Lilies On Mars bilden, das mit Hilfe eines Kickstarter-Projektes aktuell Geld einsammelt, um die gemeinsame Tour mit Fanfarlo über das europäische Festland, England und später die USA zu finanzieren. Das Wissen um diese Tatsache half dem Gewissen auch nicht besonders. 

Das Geheimwissen, dass der Auftritt von Lisa Masia und Marina Cristofalo erst um 21 Uhr beginnen sollte, hatten wohl die Frankfurter Konzertbesucher exklusiv, und so füllte sich Das Bett bis zu diesem Zeitpunkt doch noch recht ansehnlich. Das Duo betrat pünktlich die Bühne, stellte sich vor, was noch keine Reaktion des Publikums hervorrief, und erst der folgende Hinweis, dass Marina heute Geburtstag habe, sorgte für freundlichen Applaus. 

Lilies On Mars eröffneten ihr Set mit See You Sun und Entre-Temps, der erste Song wurde von Lisa gesungen, das zweite Lied war das einzige des Abends, das von Marina vorgetragen wurden. Die beiden jungen Damen sangen nicht nur, sondern bedienten zudem gleichzeitig Bass, Gitarre, Schellen sowie Vintage-Keyboards und ließen Rhythmen aus einem Drumcomputer hinzu kommen. 


Insgesamt war der Auftritt von Lisa und Marina im Vergleich zum aktuellen, dreampopigen Album Dot To Dot, in dem ständig die Synthies pluckern, etwas rockiger ausgefallen. Aufgrund des gehauchten, oftmals von einer Soundwelle verschluckten Gesangs, der zudem noch mit italienischem Akzent vorgetragen wurde, fiel das Zusammenstellen der Setliste nicht gerade leicht und konnte erst auf Nachfrage bei den beiden Lilies beendet werden. Mit No Way, Sugar Is Gone, SIDE ABCDE und Martians folgten in dem rund 30-minütigen Auftritt noch weitere Songs aus der aktuellen Platte, von der Marina später einen großen Stapel zum Merchandise-Stand (und später hoffentlich deutlich weniger wieder zurück) trug. 

Das Highlight hoben sie sich für den Schluss auf und trugen gemeinsam mit den beiden Damen von Fanfarlo einen tollen, rockigen und neuen Song namens Stealing vor. 

Setlist Lilies On Mars, Das Bett, Frankfurt: 

01: See You Sun 
02: Entre-Temps 
03: No Way 
04: Sugar Is Gone 
05: SIDE ABCDE 
06: Martians 
07: Stealing 

Stopp, „zwei Damen von Fanfarlo“? Bildeten nicht zuletzt vier Männer und Cathy Lucas (Geige, Keyboards, Gesang) die Band? Richtig, doch Ende 2013 verließ Amos Memon das Quintett und wurde am Schlagzeug durch Valentina Magaletti ersetzt. 

Die neu aufgestellten Fanfarlo betraten kurz nach 22:00 Uhr die Bühne und eröffneten ihr Set mit Ghosts und Life In The Sky und ließen recht schnell deutlich werden, wie toll der Abend werden würde, insbesondere die Titel, die Leon Beckenham mit der Trompete begleitete. Sänger Simon Balthazar, der auch Gitarre spielte und gelegentlich zum Saxofon griff, und Bassist Justin Finch, der als einziger im ständig wärmer werdenden Bett zu frieren schien, und daher seinen Wintermantel auch nicht ablegte, vervollständigten die Bühnenbesatzung. Modisch stachen zudem Simon Balthazar und Cathy Lucas heraus, die in ihrem Outfit auch in der Mitte der 80er Jahre auf jeder Bühne eine gute Figur abgegeben hätten. 


Die ausliegende Setliste zeigte im Vergleich zur vorherigen Internetrecherche, dass Fanfarlo ihre Konzerte mit einem bestimmten Repertoire an Songs bestreiten, bei denen nur gelegentlich die Reihenfolge ein wenig variiert wird. Der Hauptteil, der 13 Lieder andauern sollte, setzte sich gerecht aus den drei Alben Reservoir, Rooms Filled With Light und Let’s Go Extinct zusammen, und ließ nun dementsprechend Deconstruction, Cell Song und I’m A Pilot folgen. 


„Szenenapplaus“ erhielten zwischendurch der Trompeten-Einsatz von Leon Beckenham und auch Cathy Lucas an der Geige. Vor allem ihr Gesang kam deutlicher zum Tragen als auf den Studioversionen. Besonders gut gefielen mir an diesem Abend die zwei auf Bones und Luna folgenden Stücke: Das balladeske Vostok, I Know You Are Waiting, so erzählte uns Simon Balthazar, dreht sich inhaltlich um den Wostoksee, einen subglazialen See unter dem Eisschild der Antarktis. Dazu wechselte er an die Keyboards und die Rhythmusgruppe durfte für den Song, der sich nur auf der limitierten Box von Rooms Filled With Light befindet, Kurzarbeit antreten. 

Comets war ein weiteres Highlight, denn Cathy Lucas nahm hierzu auf einem Hocker Platz und begleitete das Lied an der singenden Säge. Live immer toll zu sehen und zu hören! Das folgende, vom Saxofon dominierte Tunguska war sicherlich der ungewöhnlichste Song des Abends und wurde dem Geburtstagskind Marina gewidmet. 

Mit Landlocked und A Distance spielten Fanfarlo, die zwar ihre Freude über die Rückkehr nach Frankfurt äußersten, aber ansonsten wenig mit dem Publikum kommunizierten, noch zwei weitere Titel aus dem aktuellen Album und beschlossen den Hauptteil mit Harold T. Wilkins. Da auch die Setliste mit diesem Lied abschloss, durfte man gespannt sein, ob noch die obligatorischen Let's Go Extinct und The Walls Are Coming Down folgen sollten, oder ob das recht begeisterte Frankfurter Publikum noch mehr erklatschen konnten. Um es kurz zu machen: Ja, sollten sie und nein, konnte es nicht. 

Wenn ich mir zuvor eine Setliste hätte wünschen dürfen, hätte sie nicht viel anders ausgesehen. Jedoch definitiv ein wenig länger, auf jeden Fall mit Replicate sowie den schnelleren Songs Drowning Men und Fire Escape

Am Merchandise-Stand wurden wir schließlich noch 60,- € und unser schlechtes Gewissen los. Die Band verkaufte und unterschrieb selbst ihre Platten, war überaus freundlich und Justin Finch sorgte später höchstpersönlich dafür, dass die noch fehlenden Unterschriften von Cathy und Simon auch auf meine Platte kamen. Dazu suchte und verfolgte er die beiden auf der Bühne und im Backstagebereich, was ihn wohl so ins Schwitzen brachte, dass er sich dann doch noch seines Mantels entledigte. 

Setlist Fanfarlo, Das Bett, Frankfurt: 

01: Ghosts 
02: Life In The Sky 
03: Deconstruction 
04: Cell Song 
05: I'm A Pilot 
06: Bones 
07: Luna 
08: Vostok, I Know You Are Waiting 
09: Comets 
10: Tunguska 
11: Landlocked 
12: A Distance 
13: Harold T. Wilkins, Or How To Wait For A Very Long Time 
14: Let's Go Extinct 
15: The Walls Are Coming Down 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Fanfarlo, Paris, 13.09.12
- Fanfarlo, Wien, 18.08.10
- Fanfarlo, Paris, 14.05.10
- Fanfarlo, Paris, 08.03.10
- Fanfarlo, Köln, 24.01.10
- Fanfarlo, Paris, 21.01.10
- Fanfarlo, Paris, 13.06.08



Montag, 17. Juni 2013

The Veils, Frankfurt, 14.06.13

3 Kommentare

Konzert: The Veils 
Datum: 14.06.2013
Ort: Das Bett, Frankfurt 
Zuschauer: ca. 200 
Dauer: The Veils ca. 75 Minuten, Wyoming ca. 40 Minuten 


von Ursula von neulich als ich dachte


The Veils also. Als mein Freund erwähnte, dass er uns dank seines Plattenblogs Gästelistenplätze fürs Konzert im Frankfurter Bett gesichert hatte, ging ich eigentlich davon aus, dass es sich um eine Band handeln würde, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere steht. Erst kurz vor dem Konzert erkannte ich, dass The Veils bereits mehrere Alben veröffentlicht hatten, und soeben las ich auf Wikipedia, dass die Band (allerdings mit verschiedenen Wechseln im Line-up) bereits seit über zehn Jahren existiert und einst von Suedes Bernard Butler produziert wurde. Das aktuelle Album „Time Stays, We Go“ ist tatsächlich das vierte der Band. 

Am selben Abend konnte ich auch gleich eine weitere Bildungslücke schließen, denn im Bett war ich seit dem Wegzug des Lokals aus Sachsenhausen, der schon etliche Jahre her ist, bislang nie gewesen und erreicht bei der Anreise per Straßenbahn Tiefen des Gallusviertels, die ich in dreizehn Jahren Frankfurt nie kennen gelernt hatte – in direkter Nachbarschaft befindet sich ein Geflügelzuchtverein. 

Das „neue“ Bett entpuppte sich als recht einfache kleine Halle mit Bar und Bühne, das Publikum war etwas gemischter und älter, als ich es sonst bei Frankfurter Konzerten gewöhnt bin. Entweder The Veils haben ein sehr breites Fanspektrum oder die Nachbarschaft schaut hier auch mal rein. 

Einige waren sicher auch wegen der Vorband Wyoming da, einem dreiköpfigen
Trio aus Deutschland, bei dem ich mir nicht ganz sicher war, ob es die Schulzeit bereits hinter sich hatte und ob die Oberlippenbärte vielleicht nicht doch angeklebt waren. Wyoming sind die Brüder Manuel und Sascha Lukas sowie ihr Schulfreund – aha, also doch! - David Stieffenhofer aus Lorch am Rhein. Ihre Indiepoplieder gefielen mir aber eigentlich ganz gut, auch wenn der Auftritt für eine Vorband ungewöhnlich lang ausfiel. Wyoming mögen, da die Band erst im März 2012 gegründet wurde, noch nichts veröffentlicht haben, an Songmaterial mangelt es aber offenbar nicht. Für den gespielten Song „Man/Machine“ gibt es ein Video, das man hier sehen kann. 

Gegen diese Jungs wirkte die ebenfalls nicht alte Hauptband zunächst richtiggehend reif. Neben den eigentlichen Mitgliedern der Gruppe an Gitarre, Bass, Keyboards, Schlagzeug und Mikrophon traten auch ein Trompeter und ein Saxophonist mit auf die Bühne. Das Bett hatte während Wyomings Set sommerliche Temperaturen von beachtlicher Höhe erreicht, aber The Veils hatten keine Stylingkompromisse gemacht: Sänger Finn Andrews und Keyboarder Uberto Rapisardi behielten ihre Sakkos an, der Rest seine Westen – dabei müssen sie unheimlich geschwitzt haben, was man bei Andrews, der unter seinem ebenfalls fest installierten Hut regelrecht tropfte, auch gut sehen konnte. Lediglich Bassistin Sophia Burn hatte sich für eine durchsichtige Bluse entschieden und hatte es so etwas kühler. 

Das Set begann mit „Train With No Name“, die Reihenfolge der gespielten
Songs entsprach dabei der bei der aktuellen Tournee üblichen. Allzu groß scheinen die bespielten Hallen in den letzten zehn Jahren für die Veils nicht geworden zu sein, denn Finn Andrews, der als einziger mit dem Publikum sprach, war regelrecht begeistert über die große Zahl von Zuschauern. Sonst hatte auch er verbal nicht allzu viel beizusteuern und sagte sogar in einer Kurzpause, als jemand aus dem Publikum „Say something!“ forderte etwas wie „I do that sometimes, but it usually doesn’t turn out well.“ Und so erfuhren wir lediglich, dass er ein gewisses Interesse an der deutschen Sprache hat („Birds“ wurde auf Deutsch angekündigt) und, sehr viel später, dass er gerne einen Wodka hätte (den er auch bekam). 

Der Großteil des Sets bestand aus neuen Titeln, die Andrews inbrüstig vortrug. Aufgelockert wurden diese durch einzelne Songs aus den drei Vorgängerplatten, wie etwa „Calliope!“, „Vicious Traditions“ oder „Sit Down By The Fire“. 

Ich erwähnte ja, dass das Konzertpublikum etwas ungewöhnlich war. In unserer direkten Umgebung hatten sich drei junge Männer aufgestellt, die wirkten, als würden sie in einem Film über die Siebziger Jahre mitspielen (Schlagjeans über Cowboystiefeln, Leder- oder ärmellose Jeansjacke). Hauptsächlich tranken sie Bier, aber gerade bei den rockigeren Songs der Band wurde auch begeistert die Mähne geschüttelt, die Arme gereckt und abgerockt. Ein ziemlich seltsamer Anblick, offenbar auch von der Bühne aus, denn Finn Andrews reagierte irgendwann auf einen unspezifischen Zwischenruf aus der Rockerecke mit „Sorry, I can’t understand you“ und fragte in die Umgebung „Is what they say funny?“, worauf mit allgemeinem heftigem Kopfschütteln reagiert wurde... 

Da der Hauptteil des Konzertes dem entsprach, was The Veils auch bei den vorherigen Auftritten präsentiert hatten, konnte man auf den Zugabenteil gespannt sein, denn hier variierte die Band zuletzt, vielleicht je nach Stimmung und Laune, zwischen einem und fünf Songs. Vielleicht lag es an den beschriebenen Kommunikationsproblemen oder der Hitze, wir bekamen nach Ende des Hauptteils jedenfalls nur zwei Songs als Zugabe, nämlich „The Tide That Left And Never Came Back“, den Andrews allein mit der Akustikgitarre vortrug, und das zur Freude unserer Nachbarn wieder sehr rockige „Jesus For The Jugular“. 

Setlist The Veils, Das Bett, Frankfurt:

01: Train With No Name 
02: Calliope! 
03: Turn From The Rain 
04: Birds 
05: Not Yet 
06: Vicious Traditions 
07: The Pearl 
08: Sign Of Your Love 
09: Sit Down By The Fire 
10: Out From The Valley & Into The Stars 
11: Through The Deep, Dark Wood 
12: Nux Vomica 

13: The Tide That Left And Never Came Back (Z)
14: Jesus For The Jugular (Z)

Links:

- The Veils, Köln, 12.10.06



Dienstag, 4. Juni 2013

Sin Fang & Pascal Pinon, Frankfurt, 03.06.13

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Konzert: Sin Fang & Pascal Pinon
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 03.06.2013
Zuschauer: 55
Dauer: Sin Fang 60 min, Pascal Pinon gut 45 min



Gestern machte die Meldung die Runde, daß das Boot Boo Hook Festival in Hannover nicht stattfindet und die Betreibergesellschaft Insolvenz angemeldet hat. Laut Hannoverscher Allgemeine waren gerade mal 600 Tickets verkauft worden, obwohl das Lineup sehr attraktiv war (The Thermals!).

Wir wollen alle immer, daß alles möglichst indie ist, vollkommen unabhängig von Leuten, die Konzerte und Festivals nicht der Liebe zur Musik wegen sondern wegen der Verdienstmöglichkeiten veranstalten, sind dann aber auch selbst so indie, daß die das gefälligst auch ohne uns hinbekommen sollen. Als Gegenleistung muß dann eben ein "like" bei Facebook reichen! Hey, wir sind schließlich die Generation unverbindlich!


Durch Facebook-Likes finanzieren sich aber keine Festivals oder Konzerte. Und daß die in Zeiten, in denen scheinbar niemand mehr bereit ist, für die Musik, die er hört, Geld auszugeben, für Künstler existenziell wichtig sind, ist dann eben auch egal.

Es wäre natürlich vermessen zu behaupten, Oliver und ich hätten diese Website 2006 gegründet, um Bands zu unterstützen. Blödsinn! Wir haben mit dem Tagebuch-Schreiben angefangen, weil wir uns an Konzerte auch in ein paar Jahren noch erinnern wollten. Aber durch das Bloggen lernt man auch immer mehr darüber, wie die wirtschaftliche Seite hinter Bands und Veranstaltungen aussieht. Ich empfand zum Beispiel Spotify als clevere Alternative, um Musik zu entdecken, die ich mir dann gekauft hätte, wenn sie mir gefallen hätte. Glücklicherweise hielt diese Meinung nur ein paar Tage. Dann las ich nämlich einen Artikel der beiden Galaxie 500 Mitbegründer Naomi Yang und Damon Krukowski über deren Quartalsabrechung von Streaming-Diensten und habe Spotify seitdem nicht mehr angerührt. Natürlich ist es besser, ein paar Pfennig zu bekommen als nichts. Aber man unterstützt auch weiter das System, das Musik nicht als Kunst sondern billigste Massenware einstuft. Aktiv an der Zerstöung von etwas mitzuwirken, was man liebt, ist absurd und lässt uns irgendwann alle nur noch David Guetta hören, weil es nichts anderes mehr gibt.

Wie oft sind in den vergangenen Jahren Konzerte abgesagt worden, auf die ich mich sehr gefreut hatte, weil im Vorverkauf nicht genug Karten verkauft worden waren. Die Veranstalter nennen das das "produktionstechnische Gründe", die Wahrheit ist, daß es sich für eine US-Band nur schwerlich lohnt, für zehn Tage nach Deutschland zu kommen, um dann acht Konzerte à 20 Kartenvorkäufe zu spielen.

Bei meinem gestrigen Konzert sah es nicht viel besser aus. 55 Leute waren am Ende wohl da, davon müssen ein Club mit mehreren Angestellten und sieben Künstler plus Techniker und Tourmanager leben. Natürlich sind Sin Fang kein großer Name, Pascal Pinon, die isländischen Schwestern, die der Hauptgrund meines Besuchs waren, erst recht nicht. Aber beide Bands machen tausendfach bessere Musik als die, die in den Hitparaden (und den meisten Radios) auftauchen.

Als die beiden Schwestern Jófrídur und Ásthildur Ákadóttir auf die Bühne kamen, waren eine Handvoll Zuschauer im Bett. Sie begannen trotzdem früh (sie schienen nämlich auch früh wegzumüssen). Den Auftakt bildete ein Stück, das sie bisher nie gespielt hätten, und das ich leider nicht erkannte. Mitschreiben ist bei Bands, die häufig auf Isländisch singen, so eine Sache (wobei die Ausrede hier nicht gilt, weil das Lied einen englischen Text hatte). Wie restlos alles der Schwestern gefiel mir der Auftakt sehr! Um Ásthildur, die links sitzende Musikerin, machte ich mir aber ein wenig Sorgen, sie wirkte, als schliefe sie gleich ein, das Touren scheint anstrengend zu sein!

Mir gefiel bei meine ersten Konzert der beiden in Darmstadt schon sehr, daß neben der ausgezeichneten Musik eine ganze Menge Unterhaltung zischen den Leidern geboten wird. Zum einen sind Jófridurs Ansagen herrlich, wenn sie den Hintergrund des Stücks Fernando erklärt (über eine unglückliche Liebe ihrer Freundin, die den Text geschrieben hat, zum Fußballer Fernando Torres) oder mit ihrer Schwester streitet, wie weit die Insel Þerney vom Festland weg ist, um zu erklären, daß beim Rudern (oder Segeln) dahin die Demoaufnahme zu Þerney (One thing) stattfand. "10 min" - "nein, 20" - "15 höchstens!"

Zum anderen sind da aber noch die vielen kleinen Pannen, die Konzerte der beiden besonders charmant machen! Ásthildur hatte das MacBook backstage vergessen und rannte nach dem Auftaktstück schnell los, um es zu holen. Dann knallte dauernd irgendein Mikro runter, mal fehlten die Stromkabel in der Gitarre! Aber der herrliche Slapstick endet sofort, wenn die Schwestern singen. Ihre Lieder sind verhutschelt aber enorm schön, haben wundervolle Melodien und Instrumentierungen.

Bei Ekki vanmeta kam zum Beispiel ein Walkman zum Einsatz, um ein Schlagzeug zu ersetzen. Eigentlich spielt eine Freundin der beiden diesen Schlagzeug-Part - auf einem pinken Barbie Kinder-Klavier. Das habe aber albern ausgesehen bei Konzerten, also wurde sie durch den Walkman ersetzt. Überhaupt sei ihre ursprüngliche Band nach und nach verschwunden.

Es war zwar alles ganz hervorragend, ein Highlight war aber die Zugabe, zu der der Sin Fang Frontmann erstmals auf die Bühne kam. Gemeinsam mit Sindri Már Sigfússon und dessen Bassisten spielten die Pascal Pinons ein neues Stück namens Babies, das die Bands gemeinsam vor wenigen Tagen geschrieben haben. Babies mit dem Gesang aller vier am Ende, mit Blockflöten-Begleitung des Sin Fang Bassisten, war ein ganz großer Knüller und wird hoffentlich veröffentlicht! 

Setlist Pascal Pinon, Das Bett, Frankfurt:

01: ?
02: Bloom
03: Ekki vanmeta
04: Fernando
05: Evgeny kissin
06: Somewhere
07: Þerney (One thing)
08: 53

09: Babies (neu) (mit Sindri Már Sigfússon) (Z)

Um 21.45 begann dann das Hauptprogramm mit weiteren Isländern. Sin Fang ist das Soloprojekt des Seabear Gründers Sindri Már Sigfússon, wobei Seabear ursprünglich ein Soloprojekt war und bei Sin Fang fünf Musiker auf der Bühne standen. Zu kompliziert? Willkommen in Island! Was hat uns dieses kleine Land für großartige Musik geschenkt. Leider komme ich nicht nach, all die tollen isländischen Künstler für mich zu entdecken, dafür gibt es zu viele. Von den hörenswerten deutschen Bands kenne ich dagegen bestimmt einen Großteil (gut, das ist einfach).

Sindris Soloprojekt wurde von vier Musikern unterstützt. Von einem eher unscheinbar wirkenden Gitarristen, dem bereits erwähnten Bassisten, der eine rot-schwarz karierte Hose trug, einem Schlagzeuger mit Baseballkappe und Chicago Bulls Trikot und komischem Blick und einem Keyboarder, der vor mir stand und eine ganz merkwürdige Hose trug. Beim Aufbau hatte er noch Shorts getragen, während des Konzerts war da etwas rot-weiß-blau Gewickeltes. Vielleicht eine Tracht, passend zum Pulli? "Unser Keyboarder trägt eine Jacke als Hose", klärte Sindri auf. Eine Sportjacke, um genau zu sein. 

So verpeilt wie die Kleidung wirkte auch die ganze Show. Die Lieder gefielen mir zum großen Teil sehr, die Band wirkte aber müde, vielleicht lustlos. Die Tour war lang, das Konzert in der letzten großen Stadt viel zu leer, das drückt sicher aufs Gemüt. In Sindris Musik scheint ohnehin eine ganze Menge an Sehnsucht zu stecken, erstaunlich viele Lieder haben "light" im Titel. Catch the light, Slow lights, Look at the light oder Sunbeam.

So monothematisch die Titel, so abwechslungsreich die Melodien. Mal klingen Sin Fang melancholisch, mal flotter (nach Vampire Weekend), mal nach den Strokes. Das an die Strokes erinnerde Stück See ribs war mein Liebling des Abends. Toll wurde es auch immer dann, wenn der Jackenhosen-Keyboarder Horn spielte. Kornetts gehören in meinen Ohren zu den großartigsten Instrumenten überhaupt. Daß mindestens ein Mitglied einer isländischen Band auch dieses Instrument beherrscht, ist selbstverständlich bei all dem Talent auf der Insel.

Sindri zog irgendwann sein Kaputzenshirt aus und entschuldigte sich, daß er nur noch ein ärmelloses Shirt anhabe. "Ich habe mich verschätzt, als ich meine T-Shirts für die Tour rausgelegt habe. Ich dachte, es sei warm. Jetzt habe ich nur noch zwei ärmellose übrig." Sehr höflich!

Sin Fang haben ein schönes Konzert gespielt, Pascal Pinon aber das schönere. Beim Merch lagen dann wieder die isländischen Männer vorne: von denen gab es Sin Fang Skateboards. Daß als Versuch zu deuten, ein weiteres Einnahmen-Standbein zu schaffen, ist aber dann vermutlich doch etwas weit hergeholt.

Setlist Sin Fang, Das Bett, Frankfurt:

01: Catch the light
02: Slow lights
03: Nothings
04: Everything alright
05: Always everything
06: Look at the light
07: Sunbeam
08: My weird heart
09: See ribs
10: Young boys
11: What's wrong with your eyes

12: Walk with you (Sindri Már Sigfússon solo) (Z)
13: Clangour and flute (Z)

Links:

- aus unserem Island-Archiv:
- Sin Fang, Wiesbaden, 07.06.12 
- Sin Fang, Paris, 09.09.11
- Pascal Pinon, Offenbach, 08.03.13
- Pascal Pinon, Karlsruhe, 22.02.13 
- Pascal Pinon, Darmstadt (Bedroomdisco), 21.02.13
 

- aktuelle Fotos folgen nachher!

Montag, 13. Mai 2013

Prag, Frankfurt, 13.05.13

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Konzert: Prag
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 13.05.2013
Zuschauer: rund 250
Dauer: 100 min



Vor ein paar Jahren habe ich während des Studiums einen Tschechisch-Kurs belegt, obwohl mir als Rheinländer schon die Aussprache des Wortes Tschechisch eigentlich unmöglich ist. Einen romantischen Grund dafür gab es leider nicht, ich kann nicht behaupten, daß ich das für eine große Liebe in Prag gemacht hätte, der ich Schmeicheleien wie "strč prst skrz krk"* ins Ohr hauchen wollte. Seit Luzie, dem Schrecken der Straße und einem Ausflug nach Prag in den späten 80ern mag ich Stadt und Land mit der Sprache, die so schön im Hals kribbelt.

Eine Band, die Prag heißt, passte mir da gut in den Kram. Hätten die drei Musiker, die im vergangenen Jahr erste Konzerte gespielt haben (u.a. in der Kölner KulturKirche), sich beispielsweise Leverkusen genannt, wäre ich heute um einen guten Abend gebracht worden!


Daß Gitarrist Tom Krimi sich über die hessische Aussprache des Mitsinglieds Schicht im Schacht, das Prag nach weit mehr als anderthalb Stunden als letzte Zugabe spielten, amüsiert hat - "es heißt 'Schicht' nicht 'Schischt!'" - passte da ganz wundervoll zu meinem Spracherfahrungen mit Prag und war der komischste (auch so ein schlimmes Wort für mich!) Moment von vielen! Gudruns Urteil vom Tübinger Konzert, daß Prag ein hervorragendes Mittel gegen schlechte Laune sind, bewahrheitete sich auch im Bett, denn meine war vorher eigentlich nicht vorzeigbar.

Prag - Bett... wenn ich nicht Wortwitze so hassen würde, wäre heute Feiertag! Alleine die Steilvorlage "ohne Krimi geht der Erik nie ins Bett..." Aber das ist nicht mein Job. Fürs Entertainment sind die Leute auf der Bühne zuständig, und die beherrschen das vorzüglich!


Für 20.15 Uhr waren Prag angekündigt, um 20.45 Uhr traten sie auf, glücklicherweise immer noch zu einer zivilen Zeit. Obwohl die Band aus den drei Mitgliedern Erik Lautenschläger (Gesang und Gitarre), Nora Tschirner (Gitarre, Gesang u.a.) und Tom Krimi (Gitarre) besteht, tritt die Band live zehnköpfig auf. Die sieben Begleiter (ein Trompeter, ein Bassist, ein Schlagzeuger, ein Keyboarder, ein Cellist, eine Bratschistin und eine Violinistin, v.l.n.r.) erschienen zuerst und begannen das Instrumental-Stück Leisetreter, in das die beiden Gitarristen sowie Erik an der Zither einstiegen, nachdem der Trompeter Steffen per Handschlag begrüßt hatte!


Leisetreter ist ein herrliches Stück, das einem Film entsprungen sein könnte. Und es war herrlich laut im Bett, was Nora zur Erkenntnis brachte, sie seien jetzt eine Punkband. Das erste Stück mit Gesang war Zeit, und es war gleich ein richtiger Knüller. Die Stimmen von Erik und Nora passen ganz wundervoll zusammen. Und obwohl der hohe Gesang des Frontmanns, der mich in Köln immer mal wieder gestört hatte, bei vielen Lieder vorkommt und mir heute gut gefiel, sind die Duett-Passagen, die großen Stärken der Band. Noch viel besser wird es allerdings, wenn alle drei singen (Bis einer geht!). Nora charakterisierte den Gesang wissenschaftlich korrekter: "Erik singt so ne komische Kastraten-, Tom hat eine Brummbär- und ich eine Mädchenstimme"


Ich habe das Prag-Debüt (das passenderweise auch so heißt) nicht sehr oft gehört, muß ich gestehen. Ich glaube, das ist so wie bei Fußballspielern. Wenn man den ganzen Tag auf dem Platz oder an der Playstation kickt, guckt man abends nicht noch die Südamerika-Jugendmeisterschaft auf Eurosport. Je mehr Konzerte stattfinden, desto weniger von der irre vielen neuen Musik höre ich auf Platte. Wann denn auch? Also gab es viele dieser "ach genau, das gibt's ja auch!"-Momente.

Das dritte Lied Sie ham's ja so gewollt, konnte ich aber nicht kennen, es ist unveröffentlicht und wurde "noch nie" (Prag) gespielt. Das danach kennten wir wohl alle, sagte Erik an, was Nora zum ersten hoffnungsvollen "Billie Jean?" brachte. Im Laufe des Abends versuchte sie immer wieder, das olle Ding unterzubringen und drohte es für die nächste Tour an. Sophie Marceau kannten wirklich alle, was sich an der ausgelassenen Mitklatscherei zeigte. Die aber schnell wieder vorbei war (wie auch der Streit zwischen zwei Männer ein paar Reihen vor mir, die darum stritten, wer weiter vorne stehen dürfte - kurz hatte ich Angst, daß das eskalieren würde). Daß fehlendes Mitklatschen nicht gleichbedeutend mit mieser Stimmung ist, muß ich nicht betonen, die war im Bett durchgängig hervorragend. So schlechte Laune mag ich mir auch gar nicht vorstellen, die sich nicht durch die urkomischen Phasen zwischen den Stücken wegjagen ließe. Ich habe schon oft viel bei Konzerten gelacht, Prag werden mir aber in besonderer Erinnerung bleiben! Ein paar Beispiele?


Vor Ende, das Erik als das beste Stück, das er geschrieben habe ankündigte, und das dazu hätte führen können, daß er aufgehört hätte, Musik zu machen, erzählte er von den Aufnahmen in Prag. "Immer wenn die Bassstreicher eingesetzt haben, hat Nora giggelnd in der Ecke gesessen. Sagt man eigentlich 'giggelnd'?" - Nora: "Wenn man 'giggelnd' sagen will, sagt man das." 


Vögel kündigte die Gitarristin mit dem Matrosenkleid als "Lied über Tiere" an. "So habe ich das verstanden. Erik schreibt die Texte und erklärt uns nie, worum es geht." Der Sänger lachte (giggelte) während der ersten Zeilen und zischte ein "so geht das nicht" dazwischen. Später im Lied kam Tom Erik immer näher und legte seinen Hinterkopf auf dessen Schulter, was ihm den Rest gab. "So kann ich nicht singen." 

Argumente 1000fach, leitete Erik damit ein, daß Nora das Intro dazu spiele, das aber regelmäßig verpatze und dabei (für andere) lustige Gesichter ziehe (Nicole Kidman, Keira Knightley, Angela Merkel).

Als der erste Zugabenblock mit einem Cover der Französin Barbara enden sollte, einen Lied mit der schönen Zeile "wenn schon geh'n, dann schon geh'n, noch jung und ohne Klagen", erklärte Nora, daß das ja für sie nicht stimme. Sie würden zwar nur über Sachen singen, die auch für sie zuträfen (wobei das ja ein wenig im Gegensatz dazu steht, daß Tom und Nora Eriks Texte nicht verstehen), man müsse aber auch mal eingestehen, über Dinge zu singen, die man anders sehe. 


Und als sich dann alle noch an die Vorgabe beim gemeinsamen Singen von Schischt im Schacht hielten "und es gibt keinen Grund, das jetzt zu verkacken" endete ein hochunterhaltsamer Abend nach deutlich mehr als anderthalb Stunden.

Auch wenn ich lieber über Konzerte als über Musik schreibe... beste Stücke des Abends waren Bis einer geht, Warten und Zeit. Warten spielte die Band übergangslos nach Wieder gut, für das sie eine "fetzige Liveversion" geschrieben hätten. Der Bruch zu dem fabelhaften, sehr ruhigen Warten war sensationell!

Ein toller Abend!


Setlist Prag, Das Bett, Frankfurt: 

01: Leisetreter 
02: Zeit 
03: Sie ham's ja so gewollt (neu)
04: Sophie Marceau 
05: Zweiter 
06: Einfach 
07: Ende 
08: Wieder gut ("fetzige Liveversion")
09: Warten 
10: Vögel 
11: Und jeder hält die Luft an 
12: Drehbuch 
13: Bis einer geht 
14: Einfach ist gar nichts 
15: Argumente 1000fach

16: Einkauf (Z) 
17: Kein Abschied (neu) (Z) 
18: Wenn schon sterben (Barbara Cover) (Z)

19: Schicht im Schacht (Z)

Tourdaten Prag: 

14.05. Uhingen, Uditorium 
15.05. Heidelberg, halle02 
20.05. Kiel, Die Pumpe 
21.05. Lübeck, Kolosseum 
23.05. Dresden, Scheune 
24.05. Leipzig, Werk2 
25.05. Cottbus, Gladhouse 
27.05. Hamburg, Knust 
28.05. Köln, Die Werkstatt 
29.05. Wuppertal, Live Club Barmen 
30.05. Osnabrück, Rosenhof 
31.05. Krefeld, Kulturfabrik 
01.06. Erfurt, Dasdie Live 
02.06. Berlin, Heimathafen Neukoelln 
06.06. Schweinfurt tba

Links:

- aus unserem Archiv:
- Prag, Tübingen, 11.05.13
- Prag, Köln, 17.10.12

* "steck' den Finger durch den Hals"



 

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