Donnerstag, 22. August 2013

Lowlands-Festival, Biddinghuizen, 16. & 17.08.13


Konzert: Lowlands Festival, Biddinhuizen
Ort: [hier]
Datum: 16. & 17.08.2013
Zuschauer: 55.000 (ausverkauft)




von Dirk aus Mönchengladbach

Das Lowlands Festival in den Niederlanden ist vielleicht das größte, unbekannte Festival in Europa. Da die Tickets grundsätzlich innerhalb von 2 Stunden ausverkauft sind, hat es leider nicht die europäische Reputation wie Roskilde, Werchter oder Sidget. Der Run auf die Tickets hat aber natürlich seinen Grund. Ein tolleres Gelände, bessere Organisation und ein breiteres Line-Up wird man kaum finden. Und dies bereits seit fast 20 Jahren. Für mich ist es seit ca. 15 Jahren ein Pflichttermin und neben dem Haldern Pop auch das einzige Festival bei dem ich mich grundsätzlich wohlfühle. 


Die unzähligen Schönheiten und Bauten, sowie das fast unüberschaubare Programm können hier nicht im einzelnen besprochen werden. Nur soviel : Alle 11 Bühnen sind in echten Zirkuszelten untergebracht von denen die Hauptbühne, das ALPHA als größtes portables Zelt ca. 15.000 Menschen incl. Riesenbühne aufnehmen kann. Das Lowlands ist immer schon als vollständige Stadt konzipiert und somit gibt es jeden Morgen eine kostenlose eigene Zeitung, Jogakurse, Sauna, Lesungen, Theater, politische Diskussionen, ganze Opernaufführungen u.s.w. 

Beschränken wir uns hier auf das Konzerttagebuch-Klientel der klassischen Bands…..die üblichen Hauptbühnen-Verdächtigen wie Franz Ferdinand, NIN, Hurts und Editors gibt es hier natürlich auch, konnten in meinem Zeitplan aber schon gar nicht berücksichtigt werden. Viel schöner finde ich auch die kleineren Zelte, die oft spontanere und unperfektere Momente zulassen. 

Veränderung ist einer der ständigen Begleiter dieses Festivals, alles wird jedes Jahr erneut hinterfragt und wenn nötig verbessert. Ein Prozess der mir dieses Jahr auch extrem bei einigen Band auffiel. 

Beginnen wir mit Daughter, deren Haldern Pop Auftritt mich im letzten Jahr gar nicht überzeugen konnte. Zu eintönig, zu schüchtern agierte die Band damals noch. Dies ist bei Ihrem jetzigen Auftritt schnell verflogen. Trotz Beginn um 11:30 Uhr (morgens !!) und schwerem Kater nach dem Transfer vom Pukkelpop am Vortag, bearbeitet Gittarist Igor Haefeli schon im 2. Song sein Instrument mit einem Geigenbogen im Jonsi Stil und erzeugt herrliche Noise-Attacken. Der Auftritt verläuft sehr abwechslungsreich, die ganz leisen Töne gibt es immer noch, doch die Band kann einfach mittlerweile das Publikum bis zum Ende fesseln. Der Auftritt ist trotz der frühen Stunde sehr gut besucht (ca. 4000) und wird mehr gefeiert als vieles andere zu späterer Stunde. Ein schöner Auftakt. 

Half Moon Run und Little Green Cars müssen aus Zeitgründen leider ausfallen. Dafür wollte ich mir den Mittagsauftritt der deutschen SEEED-Vertretung in Holland nicht entgehen lassen. Wegen des kompletten Showaufbaus der Deutschland – Tour muss die Band wohl als erste im Grolsch-Zelt ran. Eine CD der Band wird aber auch erst im Herbst in den Benelux-Ländern veröffentlicht. Somit ist es zunächst noch recht leer im Zelt, als aber dann der Dancehall Donnerhall der Truppe einheizt, strömen tausende dazu und bald gibt es kein halten mehr. SEEED spielen eine absolut perfekte Best of. Show, spielen dazu Songs in anderen Versionen (z.B. Augenbling in eng. Sprache). Peter Fox hält den Laden mit launigen Ansprachen zusammen. Diese Band könnte jeden FDP Parteitag zu einer Raserei werden lassen. Ich sage dies als vehementer Reggaeverweigerer. Trotz der Perfektion ist fast alles Live und kann spontan angepasst werden. Bläser und Cold Steel Drummer sind auch dabei und müssen am Ende spontan den Set kürzen. Auch das gelingt ohne Probleme. Mr. Fox ist als Profi natürlich sauer, hier mal von der Bühne gejagt zu werden. Sein Blick beim 2minutes-Zeichen des Managers von der Seite war vernichtend…aber so ist das eben, wenn man in neue Länder aufbricht…Am Ende müssen sowohl auf der Bühne als auch im kompletten Publikum die verschwitzten Hemden getauscht werden. Alle glücklich. Schön die Band mal gesehen zu haben, hätte ich als Einzelkonzert wohl nie gemacht. 


Nach einer Grolschpause geht es weiter, diesmal in ein kleineres Zelt zu den Chvrches. Keine Seltenheit neuerdings: die Band hat noch nicht einmal eine CD veröffentlicht, trotzdem singen alle mit. Geboten wird melodiöser Elektropop von Sängerin Laureen Mayberry (schöner Name) und Iain Cook (Ex-Twilight Sad). Das ist schön anzusehen, klingt auch gut, ist aber bis auf den Überhit Recover auf Dauer etwas langatmig. Vor allem die Bühnenshow mit 2 Keyboards und der einsamen, zierlichen Sängerin in der Mitte bietet nicht viel Abwechslung. Trotzdem eine Band die sicher bald größere Hallen füllen wird. 

Die große Kirmesshow von Majo Lazer und die schon zu oft gesehenen Editors lasse ich links und rechts auf dem Gelände liegen und entscheide mich zunächst für Moderat im großen Bravo-Zelt. Wer noch nie in den Niederlanden auf Festivals war, wird nicht glauben wie groß die Bewunderung unserer Nachbarn für hiesige DJ`s und Danceacts ist. Und so werden die eher ruhigen Songs von Moderat hier genauso begeistert aufgenommen wie das eher poppige Set von Modeselektor letztes Jahr. Dazu kommen wirklich tolle Visuals auf einer Art durchsichtigen Prismenleinwand. Die gesungenen Tracks wirken live manchmal etwas spröde, sobald der Beat übernimmt ist dieses Manko schnell vergessen. 

Ohne kurze Überschneidung geht es nicht, da ich unbedingt noch Polica sehen will. Wirkt die CD durch den groben Einsatz von Autotune  etwas befremdlich, ist man beim Konzert sofort von der klaren Stimme und Präsenz der Sängerin Channy Leaneagh überzeugt. Alles wirkt plötzlich stimmig und sogar sehr tanzbar. 

Die nachfolgenden DJ Sets bis 5:00 Uhr morgens mit u.a. Richie Hawtin und DJ Koze fallen leider wegen spontaner Müdigkeit aus. 

Zwei Schwachpunkte dieses Tages seien noch erwähnt: 1. Austra: vielleicht einfach nicht meine Band, ich fand den Auftritt langweilig und 2. Judah Friedlander (der Comedian mit den verrückten Truckermützen aus 30 Rock) lieferte einen schwachen Altherren Witzeabend ab, schade. 

Tag 2

Der nächste Tag beginnt wieder früh, zunächst wie immer mit der festivaleigenen Zeitung die überall auf den Campingplätzen verteilt wird. Hier erfährt man nicht nur, welche Highlights man gestern auf den jeweils anderen zehn Bühnen verpasst hat, sondern wird auch über aktuelle Programmänderungen bestens informiert. Heute trifft es den Rapper London Grammar, der aus stimmlichen Gründen sein Konzert am Vormittag absagen muss. Ersatz hat der Veranstalter sofort parat: S O H N treten auf, und somit wird sofortiger Aufbruch fällig, da der Künstler bisher ausnahmslos gelobt wurde. 

S O H N stehen dann auch um 11:00 Uhr morgens auf der Bühne, im Publikum natürlich auch Menschen, die die Zeitung noch nicht gelesen haben und Hip-Hop erwarten. Den gibt es zum Glück nicht, dafür sehr melodischen Indie-Pop von einer dreiköpfigen Band. S O H N haben bisher nur über diverse Video-Portale auf sich aufmerksam gemacht, eine CD ist noch gar nicht geplant. Trotzdem spielen sie hier 45 min fast ohne Schwächen auf. Die Stimme ist von hohem Wiedererkennungswert und wird bestimmt noch viele Fans gewinnen. Die Band ist mittlerweile bei 4 AD unter Vertrag und hat 2 EPs veröffentlicht. Ein erster, ungeplanter Höhepunkt des noch frühen Tages. 


Danach kann mich der holländische Syd Barratt (Jacco Gardner) leider gar nicht überzeugen, ein Hit macht eben noch keinen Sommer. Die holländischen Nachbarn sehen das natürlich anders, und die jungen Mädchen tanzen mit Blumen in den Haaren. Ist doch auch schön anzusehen. 

Danach fällt die Entscheidung zwischen Haim und Jake Bugg leicht. Haim hatte ich bereits vor ein paar Wochen auf ihrem Nachholkonzert in Köln gesehen, dort spielten Sie aber auch nur gefühlte 45 Minuten. Da die CD immer noch nicht erschienen ist, konnte ich vom nun gleichlangen Festivalset keine Neuerungen erwarten. Daher lieber nochmal zu Herr Bugg, der mich damals als völliger Frischling beim Support von Noel Gallagher in Düsseldorf noch gar nicht überzeugen konnte. Interessant zu sehen, wie er dem blutjungen Publikum eine Lektion in britischem Retropop erteilt. Emotionslos und an der Grenze zur Arroganz, so wie man es gewohnt ist. Die Bühnenshow tendiert natürlich gegen null, Schlagzeuger und Bassist sind nur Beiwerk. Jake Bugg wirkt verloren auf der großen Bühne, sein Sound ist monoton, die Versionen als solche nicht einen Millimeter anders als auf CD. Trotzdem sind die Songs einfach gut, und das spürt man bei jedem Track. Er spielt neue Songs, sein Album, sowie ein unerwartetes Cover von Neil Young (Hey Hey, My My) und am Ende natürlich Lightning Bolt. Der Rahmen des Auftritts war für eine tolle Atmosphäre zu groß, an den Songs lag es nicht. 

Bat for Lashes, MS MR, Noah and the Whale, Alambama Shakes und auch James Blake fallen einem spontanen Gang über das Gelände zum Opfer, bei dem mich freundliche Einheimische in die Geheimnisse des Grolsch Witt Bier einweihen. Doch schon bald muss ich weiter, denn zwei Highlights warten noch: Foals und The Knife

Nachdem Foals-Sänger Yannis Philippakis unlängst noch klagte, die Headliner bei Festivals wären immer nur alte Säcke, die nichts mehr zu sagen hätten, kann seine Band schon bald das Gegenteil beweisen. Hier reicht es nur zur zweitletzten Band des Abends, aber auch den Part muss man sich ohne große Radiohits erstmal erspielen. 

Immerhin haben die Foals drei gute Alben in Folge veröffentlicht und konnten in den Live-Shows immer überzeugen. Dies ist auch heute nicht anders. Die Band spielt in bestechender Form. Allerdings sehr auf Perfektion bedacht, auch wenn dies nicht immer so klingt. Der Auftritt ist wohl am ehesten mit dem Begriff „breitbeinig“ umschrieben. Vom fiebrigen, feinen Gitarrensound der ersten Tour ist das weit entfernt. Hier brummt der Bass und knüppelt das Schlagzeug die Songs nach vorne. Trotzdem ist der eigene Stil der Foals immer noch da. Der Sänger ist ständig auf Tour über die Bühne und ins Publikum, es gibt viel zu sehen und die Songs sind spitze. Höhepunkte wie immer: Spanish Sahara und Publikumsliebling My Number. Mit noch einem weiteren guten Album und Hits wird es die Band schon bald auf die Headliner Position schaffen, und das völlig zurecht.

Danach steht die letzte Entscheidung des Festivals an: Klassiker Nick Cave oder volles Risiko bei The Knife. Wie meistens entscheide ich mich für das noch nicht gesehene und begebe mich nach einer Frikandelstärkung zur Knife Show. So ist der korrekte Begriff. Wurden die ersten Gigs dieses Jahr noch mit „The Knife – Live“ als normale Konzerte beworben, ist der Name mittlerweile auf „Shaking the Habitual Show“ geändert. Dies hat gute Gründe. Nicht wenige Zuschauer sollen genervt die Hallen verlassen haben, als sie das Ergebnis der jahrelangen Knife Pause auf der Bühne sahen. Die Kritiken waren gespalten wie selten, ich war gespannt. 


The Knife und auch der von mir geliebte Ableger Fever Ray waren immer auch Kunstprodukte, die als Gesamtkunstwerk funktionierten. So verwundert mich auch nicht der völlig überdrehte Anheizer der Show, der das Publikum schonmal auf die Eigenarten des Abends vorbereitet. Dann beginnt das Konzert mit 20 Minuten Droiden-Doom-Pop, indem die Band vermummt auf diversen Fantasieinstrumenten einen irren Sound erzeugt. Ein Sog von Beat und Drums, Lichtorgeln und 4 Meter langen Keyboards geben einen ungefähren Eindruck. 

Danach wird es richtig verrückt. Die Truppe erscheint in einer Art Trainingsanzügen und bietet eine moderne Riverdance Version. Die nächsten und letzten 40 Minuten wird es keinen Live-Sound mehr geben, nur gelegentlich wird live gesungen. Klingt dämlich, ist aber in keiner Sekunde langweilig, weil die Qualität des Gebotenen einfach toll ist. Die Tänze sind atemberaubend, das Licht unglaublich gut und perfekt auf die Show abgestimmt. 

Das eigentliche Konzept eines Konzertes wird hier im Rahmen der künstlerischen Freiheit völlig auf den Kopf gestellt. Alle Grenzen verschwimmen: Live und Playback, männlich – weiblich, Sänger und Tänzer, Star und Statist. Als verwöhnter und abgebrühter Konzertgänger fühlt man sich wie in einem Lars von Trier Film. Es muss nachgedacht werden, obwohl die Schönheit der Darstellung einen nur träumen oder tanzen lassen will. Am Ende des unfassbar kurzweiligen Sets explodiert die Bühne fast vor Farben, die Tänzer sind nur noch schemenhaft im Nebel tanzend zu erkennen und Karin Dreijer Andersson singt dazu doch noch selber ein Mantra in den Wall of Sound. 

Den Kopf voller neuer Eindrücke und wie immer in dem Gefühl viel zu viel verpasst zu haben wanke ich zum Klappcaravan und freue mich schon auf das nächste Jahr beim Lowlands Festival. 


Fotos: Dirk; Musikerfotos: Archiv



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