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Mittwoch, 5. März 2014

Casper, Bielefeld, 24.10.2013

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Konzert: Casper
Support: Ahzumjot
Ort: Forum, Bielefeld
Datum: 24.10.2013
Dauer: 100min (Casper), 35min (Ahzumjot)
Zuschauer: ca. 450 - ausverkauft.

Aus der Reihe „Leben im Augenblick und fangen den Blitz in 'nem Glas ein“ - weil das Leben zumeist viel zu schnell vorbeizieht und es sich lohnt zu welchem Zeitpunkt auch immer rückblickend zu verweilen, den Moment festzuhalten und wieder heraufzubeschwören.



Es ist Mitte Juli. Viel zu heiß zum Denken und die letzten Tage des Semesters wollen einfach nicht vergehen. Fast jeden Tag Klausuren und natürlich auch an diesem Morgen. Der einzige Gedanke der meinen Verstand an jenem Tag jedoch beherrscht ist folgender: „Ich brauche verdammt nochmal Karten für die Clubtour von Casper im Herbst.“
So schnell es menschenmöglich zu bewerkstelligen war, schrieb ich die Klausur, klatschte sie der Dozentin auf den Tisch und suchte das Weite. 45 Minuten Blut, Schweiß und Tränen in der Warteschleife von Krasserstoff später, hatte ich es tatsächlich geschafft. Fangirl-Problematik schlechthin.

Fast forward zum 27.09.2013: „Hinterland“ erscheint. 10 Tage voller Radiokonzerte von Berlin, über Magdeburg nach München. Weiter nach Mannheim. Wieder weiter nach Frankfurt. Und Saarbrücken. Dann kurz Videos drehen in New Orleans und dann noch eben Promo in Österreich. Der wohlverdiente Lohn des Irrsinns: die Nummer 1 in den Charts, Goldstatus für „Hinterland“ in kürzester Zeit und ganz nebenbei auch noch Platin für das Vorgängerwerk „XOXO“. Promo extrem à la Casper und man scheint wieder im Jahr 2011 angekommen zu sein, „Hinterland“ polarisiert fast noch stärker und gekonnter als „XOXO“. Zu festgefahren und auf Genre-Schubladen bestehend, scheint die Mehrheit der Musikliebhaber in Deutschland zu sein, die sich so gar nicht damit anfreunden können, wenn sich ein Künstler nicht brav in eine Schublade stopfen lässt – und zwar auch dieses mal nicht. 2011 versuchte man verzweifelt Casper und „XOXO“ greifbar zu machen, erschuf neue Genres wie „Post Hop“ um seine Interpretation von Rap auf Indie-Beats erklären zu können; die Massen und die Mehrheit der Kritiker feierten ihn schlussendlich (vollkommen zurecht!), während andere scheinbar all das, was in ihren eigenen Leben nicht stimmt, auf ihn zu projizieren versuchten.

Der übertriebene Hype und die Hasstiraden in gleichem Maße sind auch etwas mehr als 2 Jahre später nicht abgeklungen und positive, wie negative treibende Kraft hinter „Hinterland“. Als bekannt wurde, dass Caspers neues Werk von Konstantin Gropper, dem Mastermind hinter Get Well Soon und Markus Ganter, der u.a. das Debüt „Psycho Boy Happy“ von Sizarr zu verantworten hat, produziert werden würde, so war es nicht abwegig Großes zu erwarten. Das Resultat vermag jedoch für so manchen die kühnsten Fanträume zu übertreffen: Tom Smith von Editors als Feature auf der selben Platte, auf der ein viel offensichtlicheres, aber nicht minder gelungenes Feature mit Kraftklub stattfindet. Für so manchen schlichtweg nicht nachvollziehbar, für viele andere zum Glück eher ein kleines musikalisches Wunder. Was sich allerdings mit Bestimmtheit sagen lässt, ist das „Hinterland“ Toleranz und Offenheit von Caspers Fans erfordert, die scheinbar nicht jeder aufbringen kann oder möchte.

Der erste Eindruck von „Hinterland“ live bei einem der Radiokonzerte in Mannheim. Tested and approved. Es fühlte sich an wie ein Festivalset mit überwiegend neuen Songs, vorgetragen in einer Kirche. Sehr bizarr. Nach eigener Aussage betrieben Casper und seine Band auf der Radiokonzerttour „Proben vor Publikum“, nahmen sich selbst, wie immer, sympathischerweise nicht allzu ernst und meisterten den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit den neuen Songs gegenüber und der Leichtigkeit und Souveränität, die man von der Casper Gang gewohnt ist.


Weiter zu einem kalten Tag Ende Oktober, genauer gesagt dem 24.10.2013. Tourauftakt der Hinterland Clubtour in Bielefeld. Und ich nach 4h Zugfahrt in mir komplett unbekannten Gefilden mittendrin. Tatsächlich ließ ich mich in meiner Meinung etwas von Caspers Worten selbst beeinflussen und befürchtete, dass mich humorlose Menschen erwarten würden, die mit fremdem Menschen aus Prinzip nicht reden würden und überwiegend sollte er leider irgendwie Recht behalten – an dieser Stelle Grüße an den Menschen, der mir dann freundlicherweise doch noch den Weg zum Forum gezeigt hat, nachdem mehrere Menschen einfach keine Lust hatten mir weiterzuhelfen – es lebe das nicht-funktionierende GPS auf dem Smartphone. Dennoch tat das der Stimmung keinerlei Abbruch: weit nach Einlass reihten sich die Fans, die sich ihrer exklusiven Situation mehr als bewusst waren und teils leider mehr als den doppelten Originalpreis auf einschlägigen Auktionsseiten gezahlt hatten, gefühlt mehrfach um das Forum herum und ließen mich persönlich das Unvermeidliche bereits vorausahnen: viel zu viele Menschen für diesen kleinen Laden, der idealerweise auch noch mitten im Club eine Trennwand aufweist, wodurch einige Menschen wohl wirklich wenig bis nichts sehen konnten.

In überfüllten Locations wird jede Minute zur Qual und pure Vorfreude reicht auch nur bis zu einem gewissen Grad aus, um betrunkene und drängelnde Menschen auf Dauer tolerieren zu können – zum Glück dauerte es nicht lang und es war Zeit für den Support in Gestalt von Ahzumjot. Während mir Ahzumjot letztes Jahr in Wien noch vor Kraftklub und Casper in Kombination einfach ein unnötiger Störfaktor vor einem grandiosen Abend war, so schaffte er es dieses Mal auch mich wirklich zu begeistern, denn er machte genau das, wofür Supportacts eigentlich gedacht sind: gute Laune, spitzen Stimmung und richtig Lust auf den Hauptact. Und man könnte deutlich hören, dass sich einige Ahzumjot-Fans im Hause befanden, da das Publikum wirklich Spaß hatte und mitmachte. Um es mit Caspers Worten zu sagen: Bock.

Dann endlich das seit dem Sommer bekannte und nun gänzlich einzuordnende Intro zu Im Ascheregen. Applaus. Vom ersten Moment „Kopfüber nach vorn“ auf der Bühne. Vollgas. Abriss. „Schönen guten Abend Bielefeld!“ - „Könnt ihr springen?“ - „Geht's euch gut?“. Das darauffolgende ohrenbetäubende Kreischen und der tosende Applaus sprechen für sich. Während man wenige Tage nach Veröffentlichung von „Hinterland“ in Mannheim noch merkte, dass Casper ausnahmsweise der Textsicherste unter den Anwesenden ist, hat er knapp einen Monat später bereits gegen seine treue Anhängerschaft keine Chance mehr – kleine Texthänger seinerseits fallen kaum auf, da das Publikum mit Textsicherheit auf ganzer Linie brilliert und „Alles endet, aber nie die Musik“ lauter aus dem Publikum, als von der Bühne schallt.

Nach bereits zwei Songs merkt man, dass die Setlist wie gewohnt eine durchdachte Dramaturgie transportieren soll und mit Auf und Davon bewegt man sich kollektiv in Richtung gemeinsames Klatschen und vorprogrammiertes Ausrasten – die meisten Anwesenden machen das hier wohl nicht zum ersten Mal. Sanft ans Thema „Ausrasten“ herangeführt folgt Casper Bumayé! und sofortiges mehr oder weniger glückseeliges Chaos – immerhin mal keine Wall of Death. „Alle Arme hoch und ich will den ganzen scheiß Laden springen sehen“ - ein Klassiker unter den Bühnenansagen und funktioniert natürlich. Das dieser Abend ein Heimspiel ist macht sich spätestens durch das versierte „Ööööh“ an der richtigen Stelle bemerkbar und man kann nur feststellen: jeder einzelne der Anwesenden hat derbe Bock. Mindestens genauso viel Bock wie Casper und „seine Kapelle“ eben auch. Perfekte Voraussetzungen für ein herausragendes Konzert. „Ihr seid doch verrückt.“ Recht hat er.

Und weiter: Die letzte Gang der Stadt. „Und alle springen jetzt“. Und wie wir das tun. Das live etwas dumpfere Ganz schön Okay als Sinnbild purer Lebensfreude. „Hallooo-ooh-oh“ in ohrenbetäubender Lautstärke bringt wahnsinnig viel Spaß und Felix Brummer von Kraftklub fehlt nur ein kleines bisschen – das wäre vermutlich auch zu viel des Guten für die meisten Fangirl-Herzen. „Ganz schön Okay“ beweist auf jeden Fall, dass das mit dem Schreiben von eingängigen Hooks auf „Hinterland“ definitiv auch geklappt hat.

Besonders verstörend für jemanden der nicht aus Bielefeld kommt und genau deshalb umso erwähnenswerter: plötzliche „BIE-LE-FELD, BIE-LE-FEEEELD“-Fangesänge und – und das weiß ich nur weil ich Casper-spezifisches Wissen besitze – unweigerlich das „Wen lieben wiiiiiir? DSC!“. Ich muss es nicht verstehen, aber ich kannte dank der Festivalblogs immerhin die richtige Antwort. Schöner und ultimativ nachvollziehbarer für mich der Moment mit dem „Ultra-Fan“, persönlich von Benjamin mit Wasser versorgt, ganz charakteristisch für Casper Konzerte – zum Glück! - ein Fan der anscheinend überall am Start ist und „nur für Spritgeld und Eintrittskarten arbeitet“. Und laut Casper ist das auch verdammt nochmal richtig so! Finde ich auch. Es folgen Bühnenansagen aus der Hölle, ein Geburtstagsständchen für Daniel aus der Casper Gang und dann Coldplay-Potential bei 20QM, trotz minimaler Textschwierigkeiten, die die Sympathie seitens des Publikums vermutlich ins Unmessbare steigern.

Sobald der Mikrofonständer in die Bühnenmitte gerückt wird ist es noch nicht Zeit für Michael X, sondern, wie man an der Resonanz seitens des Publikums nach wenigen Sekunden merkt, Zeit für einen neuen Publikumsliebling: Lux Lisbon. Natürlich beehrt uns Tom Smith, der das Feature im Original zur absoluten Perfektion treibt, an diesem Abend nicht mit seiner Anwesenheit und Stimmgewalt – was vermutlich ganz sinnvoll ist, da ich persönlich sonst einen mittelschweren Nervenzusammenbruch erlitten hätte – dennoch ein toller, emotional intensiver Moment zwischen all dem Durchdrehen und Springen während des Konzerts. Während ich noch meinen Gedanken hinterher hänge erfolgt der wohl massivste Stimmungswechsel des Abends: Blut Sehen. Dramaturgisch wunderbar, auf und ab: „WER IST WEGEN HIP HOP HIER? HIPPI HOPPI ABFEIERMODUS?“ (Ja, dies ist ein direktes Zitat!) Und sowohl Band, als auch Publikum sind sofort komplett dabei: mit beiden Armen in der Luft! Nahtloser (komplett krasser, mind you) Übergang zu Halbe Mille, leider nur halb, aber es folgt Double-Time auf den Beat von „N*ggas in Paris“ - in dem Mix ist wirklich für jeden was dabei. Komplettes Durchdrehen und kollektives Schwingen des imaginären Handtuchs beim Drunken Masters Remix von So Perfekt. Und als wäre das noch nicht genug, walzt das wohlbekannte Intro von Mittelfinger Hoch das Publikum platt. Nicht einmal übertrieben gesagt: minutenlang ein kompletter Raum in Ekstase. Oh und wir hatten übrigens ein Unentschieden! Ich glaube das gab's wirklich noch NIE. WAHN-SINN.


Man könnte ja meinen, dass das Konzert schon fast vorbei wäre, aber nein: Lilablau und Ariel in perfektem Zusammenspiel. Der erste Teil des Abends endet mit Nach der Demo gings bergab und Hinterland, wobei wir übereifrigen Deutschen abermals eindrucksvoll beweisen, dass wir trotz oder gerade wegen all der Begeisterung nicht richtig im Takt mitklatschen können. Ich bin bei rhythmischem Mitklatschen sowieso raus, nehme aber amüsiert das verzweifelte Kopfschütteln und vehement am Takt festhalten des Drummers Timur zur Kenntnis und bin erleichtert, dass sich die Casper Bande trotz katastrophalem Klatschen all around nicht aus dem Konzept bringen lässt.

Leider wieder viel zu schnell Zeit für das Finale mit Endlich angekommen: alles zerberstender Beat von Herrn Gropper persönlich – ich habe unter Einsatz meines Lebens persönlich nachgefragt – und dafür Applaus. Der eigentlich bessere „Coldplay-Moment“ an diesem Abend. Letzter Song, nochmal „alles geben, alles zerlegen“ mit Jambalaya. Die Boom Boom Band reißt ab, mit zusätzlichem echten Trompetenspiel von „Hinterland“-Produzent Markus Ganter himself. Und bis zum letzten Song des Abends zeigt sich das Publikum auch als Cheerleader-Kinderchor perfekt textsicher.

Ein ganzer Raum euphorisiert. „Der schönste Willkommensgruß überhaupt, einfach wunderschön.“
„Hinterland“ funktioniert live bedingungslos. Was manchem auf Platte unmöglich, zu weich, zu Pop, zu was auch immer erscheint, ist live immer noch Casper. Und zwar sowas von. Es sei dahingestellt, ob die Art von spezieller energetischer Show nächstes Jahr auch in den großen Hallen genauso exzellent funktionieren wird, aber das ändert nichts daran, dass dieser Abend in Bielefeld wirklich großartig war und ich ihn Monate später noch unmittelbar in meinem Herzen trage.

Wer sich den Artikel wirklich bis hierher durchgelesen hat: Chapeau und danke! Solche Reviews in Romanlänge sind eben oft das Resultat überbordender Begeisterung und wirklich guter Abende, nach denen sich die Gedanken und Ideen in meinen Kopf förmlich überschlagen. My apologies, aber zumindest ein Teil davon musste endlich niedergeschrieben werden.

Setlist: Casper, Forum Bielefeld, 24.10.2013

01 Im Ascheregen
02 Alles endet (aber nie die Musik)
03 Auf und Davon
04 Casper! Bumayé
05 Die letzte Gang der Stadt
06 Ganz schön okay
07 20 QM
08 Lux Lisbon
09 Blut Sehen
10 Halbe Mille/NIP/So Perfekt/Mittelfinger Hoch
11 Lilablau
12 Ariel
13 Das Grizzly-Lied
14 XOXO
15 Nach der Demo gings bergab
16 Hinterland

17 Der Druck steigt (Z)
18 Michael X (Z)
19 Endlich angekommen (Z)
20 Jambalaya (Z)




Montag, 20. Dezember 2010

Fest van Cleef, Bielefeld, 12.12.10

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Konzert: Fest van Cleef
Datum: 12.12.2010
Ort: Ringlokschuppen, Bielefeld


- von Johannes von HerrSalami.de -

Das sehr, sehr gute Ham­bur­ger Label „Grand Hotel van Cleef“ bat zum all­jähr­li­chen „Fest van Cleef“ (Rück­blick: 2009) und weil ich mich ein­ge­la­den ge­fühlt habe, war ich letz­ten Sonn­tag im Bie­le­fel­der Rin­glok­schup­pen kör­per­lich und geis­tig zu­ge­gen. Und Heis­sa, es war ein Fest! Es gab Glüh­wein, Brat­wurst und Heiz­pil­ze, aber nur im Drau­ßen­be­reich für Rau­cher und Frisch­luft­fe­ti­schis­ten, die ei­gent­li­che Ver­an­stal­tung fand in einer Halle statt. Mit acht Bands auf zwei Büh­nen, so dass man immer hin und her wan­dern muss­te. Wie ein rich­ti­ges Fes­ti­val fühl­te es sich also im­mer­hin be­dingt an, aber das Wich­tigs­te an sol­chen Ver­an­stal­tun­gen (Aus­nah­men: Wa­cken, Rock im Park, Rock am Ring, etc.) ist ja oh­ne­hin die Musik. Und die war prima. Ein klei­ner Ein­trag ins Kon­zert­ta­ge­buch.


Ich ar­bei­te mal chro­no­lo­gisch den Ab­lauf­plan ab: Beat!Beat!Beat! sah ich be­reits zum drit­ten Mal und ir­gend­wie werde ich mit die­ser Band nicht warm. Ja, nette Musik ma­chen sie ja be­stimmt, aber meine ehe­ma­li­ge Sitz­nach­ba­rin aus dem Che­mie­un­ter­richt ist auch nett und den­noch weiß ich ihren Nach­na­men nicht mehr. Im­mer­hin konn­te man die durch das lang­wei­li­ge erste Kon­zert ge­won­ne­ne Zeit in Al­ko­hol-​ und Fan­ar­ti­kel­kon­sum in­ves­tie­ren. Da­nach: wan­dern zur Bühne zwei, wo Tim Neu­haus auf der Bühne her­um­sound­check­te. Ich setz­te mich mit mei­ner mich be­glei­ten­den Freun­din an den Büh­nen­rand, da spa­zier­ten Nils Koppruch und Gis­bert zu Kny­phau­sen an uns vor­bei – Gis­bert hielt inne und er­in­ner­te sich: „Ihr wart doch auch in Ober­hau­sen, oder?“ Ja, waren wir – und tags zuvor auch in Müns­ter. Wir ver­ab­schie­de­ten uns wahr­heits­ge­mäß mit „Und nächs­ten Frei­tag sehen wir dich schon wie­der, in Ham­burg!“. Scheiß Grou­pies sind wir. Aber ei­gent­lich woll­te ich was zu Tim Neu­haus sagen, kann ich aber nicht, da mir von sei­nem Pro­gramm nichts im Ohr ge­blie­ben ist. War so ein Song­wri­ter-​Ge­schwur­bel mit Drum­mer. War viel­leicht gut. Viel­leicht aber auch nur so naja. Und be­stimmt was fürs Radio. Also wei­ter zu den mir vorab völ­lig un­be­kann­ten Young Rebel Set. Bri­ti­sche Hut-, Bart- und Un­ter­hem­den­trä­ger, also sehr sym­pa­thisch. Mu­si­ka­lisch ir­gend­wo zwi­schen The Po­gues, Mum­ford & Sons und den Fleet Foxes. Aber beim ers­ten Hören lei­der auch nur nett.


Da­nach be­gann für mich der Fes­ti­val­tag. Nils Koppruch war schließ­lich nicht nur zum Spa­zie­ren­ge­hen nach Bie­le­feld ge­kom­men. Ir­gend­je­mand hat mal ge­schrie­ben, dass er der deut­sche Tom Waits sei. Aber das ist eine noch grö­ße­re Lüge, als wenn ich sagen würde, dass Bir­nen und Äpfel fast das Glei­che wären. Ein ziem­li­cher Schrat ist Koppruch (siehe Bild) den­noch, denn er nennt au­ßer­ge­wöhn­lich un­schö­ne Cow­boy­stie­fel und einen Drei­ßig­ta­ge­bart sein eigen. Sein ak­tu­el­les Album „Ca­ru­so“ ist einer der bes­ten Ton­trä­ger des Jah­res, üb­ri­gens. Auch auf der Bie­le­fel­der Bühne funk­tio­nier­ten seine Stü­cke, ge­tra­gen nur von Gi­tar­re (wahl­wei­se: Banjo), Bass und Koppruchs mar­kan­ter Stim­me, ziem­lich gut. Er sang von Liebe, Zwei­feln und (ge­mein­sam mit zu Kny­phau­sen) der Aus­sicht. Ja, das war sehr gut. Und wenn wir schon bei „sehr gut“ und Gis­bert sind: Gis­bert zu Kny­phau­sen ist so­wie­so der un­an­ge­foch­te­ne Spit­zen­rei­ter in den Lie­der­ma­cher­charts. Auch wenn er sei­nen Vor­sprung bei sei­nem sonn­täg­li­chen Akus­tik­gi­tar­ren­auf­tritt nicht aus­bau­en konn­te, da er ohne Band eben deut­lich an Wucht und Gän­se­haut­mo­men­ten ver­liert. Egal, Frei­tag in Ham­burg sind die Her­ren Band­kol­le­gen ja wie­der dabei.


Es folg­ten Bier­stand­vi­si­ta­tio­nen und ver­spä­te­tes Ein­tref­fen beim Auf­tritt des aus­tra­li­schen In­die-​Rock-​Du­os An Horse. Ein Drum­mer und eine Gi­tar­ris­tin. Ich weiß zu wenig über die Band, um an die­ser Stel­le nicht (wie alle an­de­ren auch) „The White Stri­pes!“ zu rufen, Ver­zei­hung. Scheint aber gute Musik zu sein. Schön auch, dass wäh­rend des Auf­tritts Nils Koppruch aus Grün­den zu mir kam und mir nach einem klei­nen Plausch eine Zi­ga­ret­te anbot. Jetzt ist er end­gül­tig mein Lieb­lings­sch­rat. Zu An Horse ver­mag ich hin­ge­gen lei­der nichts mehr zu be­rich­ten, daher schnell wei­ter zum heim­li­chen Head­liner Thees Uhl­mann, der be­glei­tet von be­freun­de­ten Mu­si­kern zu­nächst zwei Tom­te-​Klas­si­ker („Das hier ist Fuß­ball“, „Die Schön­heit der Chan­ce“) und an­schlie­ßend Titel von sei­nem im nächs­ten Jahr er­schei­nen­den So­lo­al­bum spiel­te. Es bleibt dabei: Uhl­mann, Grün­dungs­pa­pa vom Grand Hotel van Cleef und seit Jah­ren schon der al­ber­ne Weise der deut­schen Pop­kul­tur, ist ein echt prima Kerl. Und ich möch­te pro­gnos­ti­zie­ren, dass sein So­lo­al­bum ein ech­tes Feu­er­werk wird.


Die Kri­ti­ker wer­den zwar schrei­ben, dass sich die Song­struk­tu­ren zu sehr äh­neln und dass er immer noch ein wenig nu­schelt, aber die­sen Leu­ten möch­te ich jetzt schon sagen: Fres­se. Bei Uhl­mann selbst muss ich mich al­ler­dings auch be­schwe­ren, denn mir an einem Abend der­ma­ßen viele Ohr­wür­mer ins Hirn schie­ßen, ohne dass ich zu Hause auf Ton­trä­ger­auf­nah­men zu­rück­grei­fen kann und auf YouTu­be-​Mit­schnit­te an­ge­wie­sen bin – fies und ge­mein. Trotz­dem ist Uhl­mann einer der Bes­ten unter all den Guten, al­lein schon wegen Song­ti­teln wie Zum Lai­chen und Ster­ben zie­hen die Lach­se den Fluss hin­auf“. Am Epo­chi­als­ten ist al­ler­dings der zwei Sätze zuvor ver­link­te Song na­mens „Und Jay-Z singt uns ein Lied“ (wer genau hin­hört, be­merkt zum Ende des Lie­des zwei Text­zei­len­ver­wechs­ler des mit­sin­gen­den Gi­tar­ris­ten): „Und wie häu­fig schlägt dein Herz? Wie häu­fig siehst du him­mel­wärts? Und wie häu­fig stehst du auf und freust du dich dar­auf? Und Jay-Z singt uns ein Lied“ singt Thees und wenn das Lied nach drei Mi­nu­ten so tut, als wäre es vor­bei, hauen einem die Gi­tar­ren noch ein­mal mäch­tig in die Fres­se und föh­nen einem die Gän­se­haut auf die Arme. Sap­per­lot! Groß. So viel Ap­plaus spen­de­te ich sel­ten.


Ganz wenig Klat­sche­rei be­ka­men zum Ab­schluss des Tages Kett­car spen­diert, al­ler­dings nur des­we­gen, weil letz­te Züge am Bahn­hof er­reicht wer­den woll­ten. Mit dem un­ge­wöhn­li­cher­wei­se nicht zum Kon­zer­ten­de, son­dern schon nach vier Songs ge­spiel­ten „Balu“ in den Ohren ver­lie­ßen wir fro­hen Mutes den Rin­glok­schup­pen und be­ga­ben uns in die ost­west­fä­li­sche Kälte. Feste soll man fei­ern, wie sie fal­len – sagt der Volks­mund. Aus die­sem Sprüch­lein ließe sich si­cher ein lus­ti­ges Fazit für das Fest van Cleef 2010 bas­teln, aber schlech­te Wort­spie­le hebe ich mir lie­ber für die nächs­te Kurz­ge­schich­te auf. Statt­des­sen möch­te ich die­sen klei­nen Be­richt schlie­ßen mit: bis nächs­tes Jahr, Grand Hotel van Cleef-​Men­schen!

(Danke an An­ni­ka! Auch für die Bil­der.)



Freitag, 16. Mai 2008

Konzertrückblick: Slut, Bielefeld, 15.03.08

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Konzert: Slut und Uphill Racer
Ort: Forum, Bielefeld
Datum: 15.03.2008
Zuschauer: gut gefüllt, aber bei weitem nicht ausverkauft
Dauer: 120 Minuten


Um 17h betrete ich in meiner Niedersächsischen Heimat eine Pizzeria und mir als immigrierter Nordrheinwestfale fällt eines sofort ins Auge, große aber dennoch dezente Schilder am Eingang und auf jedem Tisch die den Gast höflichst aber bestimmt darauf hinweisen, dass hier nicht (mehr) geraucht werden darf. Wie schön das doch auch in NRW wäre … Konzerte ohne rauchende Schlote …

Aber spulen wir doch mal ein wenig vor.

Gegen 20:30h betreten wir das Forum in Bielefeld. Das Forum, ach wie viele Erinnerungen hängen mit dem Laden zusammen. Wie viele wirklich geile Konzerte habe ich hier gesehen? Blumfeld mit einem über den Kickerautomaten im Foyer philosophierenden Jochen Distelmeyer auf Heimaturlaub, You will Know us by the Trail of Dead die alles auf der Bühne kurz und klein schlugen, Jimmy Eat World und und und … heute sind die glorreichen 5 Ingolstädter mit Namen Slut hier. Zuletzt hatte ich sie im Kamp gesehen und da hätten sie auch diesmal besser spielen sollen, wirklich füllen können sie das Forum leider nicht. Auch wenn der Parkplatz schon fast voll ist als wir am Forum ankommen, drinnen herrscht gähnende Leere, das ändert sich Gott sei dank zwar noch bis zum Konzert, aber im Kamp wäre es sicherlich heimeliger gewesen.

Den Anfang machen Uphill Racer ebenfalls aus Ingolstadt. Wie Chris Neuburger noch im laufe des Abends stolz zu Protokoll geben wird, eine der wenigen Bands aus Ingolstadt die nicht nach Bonfire oder Bon Jovi klingen.

Wunderschöne Musik zelebrieren die 4 Herren dort auf der Bühne, nur schade, dass man davon leider kaum was mitbekommt. Es dauert fast das halbe Set, bis der Sound hörbar ist und nicht mehr nur noch aus übersteuerten Rückkoppelungen besteht.

Aber neues Spiel, neues Glück, pünktlich um 22Uhr beginnt das Spektakel. Das Licht erlischt und auf der Bühne beginnt ein Filmchen zu flimmern. Dazu gesellen sich nach und nach 3 Monitore mit immer wiederkehrenden Filmchen. Dann kommen Slut und beginnen Ihr Konzert mit ‚Come On’ vom aktuellen Album. Die Bühne bleibt spärlich beleuchtet nur hier und da blitzt im Laufe des Abends eine der sechs Glühbirnen über der Band auf.

Die Songs der vergangenen 5 Alben und der 5 Groschenoper Ep reihen sich schon fast wie Hit und Hit aneinander an und harmonieren gleichzeitig wunderbar mit dem neuen Material.

Auf der Bühne findet beinahe nach jedem Song das wilde Instrumente Tauschen statt. Die Jungs bieten dem Publikum, neben bis zu drei Gitarren auch noch Pianos, Synthies, ein Akkordeon, diverse Rhythmus Instrumente und eine Posaune. Dargeboten werden Perlen des Slut Repertoirs wie Swingquest, die man schon lange nicht mehr auf einem Slut Konzert gehört hatte. Chris Neuburger schwingt mit seinem Lockenkopf im Takt hin und her und stellt damit locker Chris Martin, seinen Namensvetter von Coldplay, in den Schatten. Schade ist es, daß 'If I had a Heart' leider nicht so druckvoll daherkommt, wie ich es mir gewünscht hätte. Genauso wie ich 'Failed On You' schmerzlich vermisse. Das Hauptset beschließt die Band mit 'Say Yes To Everything'. Chris schreit dem Publikum unter einem silbernen Lamettaregen 'Thank you for passing us bye' entgegen.

Aber das Publikum hat noch lange nicht genug, 2 Zugabenblocks folgen, die u.a. 'Mackie Messer' und 'Staggered And Torn' beinhalten. Dann ist Schluß, die Meute bewegt sich in Richtung Ausgang und nicht nur ich scheine glücklich darüber zu sein, dass die breite Masse die Band ignoriert und diese trotzdem immer noch das tun was sie lieben, nämlich Musik und längst nicht die Flinte ins Korn geworfen haben wie ehemalige Mitstreiter.

von O. S.



 

Konzerttagebuch © 2010

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