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Mittwoch, 5. März 2014

Casper, Bielefeld, 24.10.2013

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Konzert: Casper
Support: Ahzumjot
Ort: Forum, Bielefeld
Datum: 24.10.2013
Dauer: 100min (Casper), 35min (Ahzumjot)
Zuschauer: ca. 450 - ausverkauft.

Aus der Reihe „Leben im Augenblick und fangen den Blitz in 'nem Glas ein“ - weil das Leben zumeist viel zu schnell vorbeizieht und es sich lohnt zu welchem Zeitpunkt auch immer rückblickend zu verweilen, den Moment festzuhalten und wieder heraufzubeschwören.



Es ist Mitte Juli. Viel zu heiß zum Denken und die letzten Tage des Semesters wollen einfach nicht vergehen. Fast jeden Tag Klausuren und natürlich auch an diesem Morgen. Der einzige Gedanke der meinen Verstand an jenem Tag jedoch beherrscht ist folgender: „Ich brauche verdammt nochmal Karten für die Clubtour von Casper im Herbst.“
So schnell es menschenmöglich zu bewerkstelligen war, schrieb ich die Klausur, klatschte sie der Dozentin auf den Tisch und suchte das Weite. 45 Minuten Blut, Schweiß und Tränen in der Warteschleife von Krasserstoff später, hatte ich es tatsächlich geschafft. Fangirl-Problematik schlechthin.

Fast forward zum 27.09.2013: „Hinterland“ erscheint. 10 Tage voller Radiokonzerte von Berlin, über Magdeburg nach München. Weiter nach Mannheim. Wieder weiter nach Frankfurt. Und Saarbrücken. Dann kurz Videos drehen in New Orleans und dann noch eben Promo in Österreich. Der wohlverdiente Lohn des Irrsinns: die Nummer 1 in den Charts, Goldstatus für „Hinterland“ in kürzester Zeit und ganz nebenbei auch noch Platin für das Vorgängerwerk „XOXO“. Promo extrem à la Casper und man scheint wieder im Jahr 2011 angekommen zu sein, „Hinterland“ polarisiert fast noch stärker und gekonnter als „XOXO“. Zu festgefahren und auf Genre-Schubladen bestehend, scheint die Mehrheit der Musikliebhaber in Deutschland zu sein, die sich so gar nicht damit anfreunden können, wenn sich ein Künstler nicht brav in eine Schublade stopfen lässt – und zwar auch dieses mal nicht. 2011 versuchte man verzweifelt Casper und „XOXO“ greifbar zu machen, erschuf neue Genres wie „Post Hop“ um seine Interpretation von Rap auf Indie-Beats erklären zu können; die Massen und die Mehrheit der Kritiker feierten ihn schlussendlich (vollkommen zurecht!), während andere scheinbar all das, was in ihren eigenen Leben nicht stimmt, auf ihn zu projizieren versuchten.

Der übertriebene Hype und die Hasstiraden in gleichem Maße sind auch etwas mehr als 2 Jahre später nicht abgeklungen und positive, wie negative treibende Kraft hinter „Hinterland“. Als bekannt wurde, dass Caspers neues Werk von Konstantin Gropper, dem Mastermind hinter Get Well Soon und Markus Ganter, der u.a. das Debüt „Psycho Boy Happy“ von Sizarr zu verantworten hat, produziert werden würde, so war es nicht abwegig Großes zu erwarten. Das Resultat vermag jedoch für so manchen die kühnsten Fanträume zu übertreffen: Tom Smith von Editors als Feature auf der selben Platte, auf der ein viel offensichtlicheres, aber nicht minder gelungenes Feature mit Kraftklub stattfindet. Für so manchen schlichtweg nicht nachvollziehbar, für viele andere zum Glück eher ein kleines musikalisches Wunder. Was sich allerdings mit Bestimmtheit sagen lässt, ist das „Hinterland“ Toleranz und Offenheit von Caspers Fans erfordert, die scheinbar nicht jeder aufbringen kann oder möchte.

Der erste Eindruck von „Hinterland“ live bei einem der Radiokonzerte in Mannheim. Tested and approved. Es fühlte sich an wie ein Festivalset mit überwiegend neuen Songs, vorgetragen in einer Kirche. Sehr bizarr. Nach eigener Aussage betrieben Casper und seine Band auf der Radiokonzerttour „Proben vor Publikum“, nahmen sich selbst, wie immer, sympathischerweise nicht allzu ernst und meisterten den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit den neuen Songs gegenüber und der Leichtigkeit und Souveränität, die man von der Casper Gang gewohnt ist.


Weiter zu einem kalten Tag Ende Oktober, genauer gesagt dem 24.10.2013. Tourauftakt der Hinterland Clubtour in Bielefeld. Und ich nach 4h Zugfahrt in mir komplett unbekannten Gefilden mittendrin. Tatsächlich ließ ich mich in meiner Meinung etwas von Caspers Worten selbst beeinflussen und befürchtete, dass mich humorlose Menschen erwarten würden, die mit fremdem Menschen aus Prinzip nicht reden würden und überwiegend sollte er leider irgendwie Recht behalten – an dieser Stelle Grüße an den Menschen, der mir dann freundlicherweise doch noch den Weg zum Forum gezeigt hat, nachdem mehrere Menschen einfach keine Lust hatten mir weiterzuhelfen – es lebe das nicht-funktionierende GPS auf dem Smartphone. Dennoch tat das der Stimmung keinerlei Abbruch: weit nach Einlass reihten sich die Fans, die sich ihrer exklusiven Situation mehr als bewusst waren und teils leider mehr als den doppelten Originalpreis auf einschlägigen Auktionsseiten gezahlt hatten, gefühlt mehrfach um das Forum herum und ließen mich persönlich das Unvermeidliche bereits vorausahnen: viel zu viele Menschen für diesen kleinen Laden, der idealerweise auch noch mitten im Club eine Trennwand aufweist, wodurch einige Menschen wohl wirklich wenig bis nichts sehen konnten.

In überfüllten Locations wird jede Minute zur Qual und pure Vorfreude reicht auch nur bis zu einem gewissen Grad aus, um betrunkene und drängelnde Menschen auf Dauer tolerieren zu können – zum Glück dauerte es nicht lang und es war Zeit für den Support in Gestalt von Ahzumjot. Während mir Ahzumjot letztes Jahr in Wien noch vor Kraftklub und Casper in Kombination einfach ein unnötiger Störfaktor vor einem grandiosen Abend war, so schaffte er es dieses Mal auch mich wirklich zu begeistern, denn er machte genau das, wofür Supportacts eigentlich gedacht sind: gute Laune, spitzen Stimmung und richtig Lust auf den Hauptact. Und man könnte deutlich hören, dass sich einige Ahzumjot-Fans im Hause befanden, da das Publikum wirklich Spaß hatte und mitmachte. Um es mit Caspers Worten zu sagen: Bock.

Dann endlich das seit dem Sommer bekannte und nun gänzlich einzuordnende Intro zu Im Ascheregen. Applaus. Vom ersten Moment „Kopfüber nach vorn“ auf der Bühne. Vollgas. Abriss. „Schönen guten Abend Bielefeld!“ - „Könnt ihr springen?“ - „Geht's euch gut?“. Das darauffolgende ohrenbetäubende Kreischen und der tosende Applaus sprechen für sich. Während man wenige Tage nach Veröffentlichung von „Hinterland“ in Mannheim noch merkte, dass Casper ausnahmsweise der Textsicherste unter den Anwesenden ist, hat er knapp einen Monat später bereits gegen seine treue Anhängerschaft keine Chance mehr – kleine Texthänger seinerseits fallen kaum auf, da das Publikum mit Textsicherheit auf ganzer Linie brilliert und „Alles endet, aber nie die Musik“ lauter aus dem Publikum, als von der Bühne schallt.

Nach bereits zwei Songs merkt man, dass die Setlist wie gewohnt eine durchdachte Dramaturgie transportieren soll und mit Auf und Davon bewegt man sich kollektiv in Richtung gemeinsames Klatschen und vorprogrammiertes Ausrasten – die meisten Anwesenden machen das hier wohl nicht zum ersten Mal. Sanft ans Thema „Ausrasten“ herangeführt folgt Casper Bumayé! und sofortiges mehr oder weniger glückseeliges Chaos – immerhin mal keine Wall of Death. „Alle Arme hoch und ich will den ganzen scheiß Laden springen sehen“ - ein Klassiker unter den Bühnenansagen und funktioniert natürlich. Das dieser Abend ein Heimspiel ist macht sich spätestens durch das versierte „Ööööh“ an der richtigen Stelle bemerkbar und man kann nur feststellen: jeder einzelne der Anwesenden hat derbe Bock. Mindestens genauso viel Bock wie Casper und „seine Kapelle“ eben auch. Perfekte Voraussetzungen für ein herausragendes Konzert. „Ihr seid doch verrückt.“ Recht hat er.

Und weiter: Die letzte Gang der Stadt. „Und alle springen jetzt“. Und wie wir das tun. Das live etwas dumpfere Ganz schön Okay als Sinnbild purer Lebensfreude. „Hallooo-ooh-oh“ in ohrenbetäubender Lautstärke bringt wahnsinnig viel Spaß und Felix Brummer von Kraftklub fehlt nur ein kleines bisschen – das wäre vermutlich auch zu viel des Guten für die meisten Fangirl-Herzen. „Ganz schön Okay“ beweist auf jeden Fall, dass das mit dem Schreiben von eingängigen Hooks auf „Hinterland“ definitiv auch geklappt hat.

Besonders verstörend für jemanden der nicht aus Bielefeld kommt und genau deshalb umso erwähnenswerter: plötzliche „BIE-LE-FELD, BIE-LE-FEEEELD“-Fangesänge und – und das weiß ich nur weil ich Casper-spezifisches Wissen besitze – unweigerlich das „Wen lieben wiiiiiir? DSC!“. Ich muss es nicht verstehen, aber ich kannte dank der Festivalblogs immerhin die richtige Antwort. Schöner und ultimativ nachvollziehbarer für mich der Moment mit dem „Ultra-Fan“, persönlich von Benjamin mit Wasser versorgt, ganz charakteristisch für Casper Konzerte – zum Glück! - ein Fan der anscheinend überall am Start ist und „nur für Spritgeld und Eintrittskarten arbeitet“. Und laut Casper ist das auch verdammt nochmal richtig so! Finde ich auch. Es folgen Bühnenansagen aus der Hölle, ein Geburtstagsständchen für Daniel aus der Casper Gang und dann Coldplay-Potential bei 20QM, trotz minimaler Textschwierigkeiten, die die Sympathie seitens des Publikums vermutlich ins Unmessbare steigern.

Sobald der Mikrofonständer in die Bühnenmitte gerückt wird ist es noch nicht Zeit für Michael X, sondern, wie man an der Resonanz seitens des Publikums nach wenigen Sekunden merkt, Zeit für einen neuen Publikumsliebling: Lux Lisbon. Natürlich beehrt uns Tom Smith, der das Feature im Original zur absoluten Perfektion treibt, an diesem Abend nicht mit seiner Anwesenheit und Stimmgewalt – was vermutlich ganz sinnvoll ist, da ich persönlich sonst einen mittelschweren Nervenzusammenbruch erlitten hätte – dennoch ein toller, emotional intensiver Moment zwischen all dem Durchdrehen und Springen während des Konzerts. Während ich noch meinen Gedanken hinterher hänge erfolgt der wohl massivste Stimmungswechsel des Abends: Blut Sehen. Dramaturgisch wunderbar, auf und ab: „WER IST WEGEN HIP HOP HIER? HIPPI HOPPI ABFEIERMODUS?“ (Ja, dies ist ein direktes Zitat!) Und sowohl Band, als auch Publikum sind sofort komplett dabei: mit beiden Armen in der Luft! Nahtloser (komplett krasser, mind you) Übergang zu Halbe Mille, leider nur halb, aber es folgt Double-Time auf den Beat von „N*ggas in Paris“ - in dem Mix ist wirklich für jeden was dabei. Komplettes Durchdrehen und kollektives Schwingen des imaginären Handtuchs beim Drunken Masters Remix von So Perfekt. Und als wäre das noch nicht genug, walzt das wohlbekannte Intro von Mittelfinger Hoch das Publikum platt. Nicht einmal übertrieben gesagt: minutenlang ein kompletter Raum in Ekstase. Oh und wir hatten übrigens ein Unentschieden! Ich glaube das gab's wirklich noch NIE. WAHN-SINN.


Man könnte ja meinen, dass das Konzert schon fast vorbei wäre, aber nein: Lilablau und Ariel in perfektem Zusammenspiel. Der erste Teil des Abends endet mit Nach der Demo gings bergab und Hinterland, wobei wir übereifrigen Deutschen abermals eindrucksvoll beweisen, dass wir trotz oder gerade wegen all der Begeisterung nicht richtig im Takt mitklatschen können. Ich bin bei rhythmischem Mitklatschen sowieso raus, nehme aber amüsiert das verzweifelte Kopfschütteln und vehement am Takt festhalten des Drummers Timur zur Kenntnis und bin erleichtert, dass sich die Casper Bande trotz katastrophalem Klatschen all around nicht aus dem Konzept bringen lässt.

Leider wieder viel zu schnell Zeit für das Finale mit Endlich angekommen: alles zerberstender Beat von Herrn Gropper persönlich – ich habe unter Einsatz meines Lebens persönlich nachgefragt – und dafür Applaus. Der eigentlich bessere „Coldplay-Moment“ an diesem Abend. Letzter Song, nochmal „alles geben, alles zerlegen“ mit Jambalaya. Die Boom Boom Band reißt ab, mit zusätzlichem echten Trompetenspiel von „Hinterland“-Produzent Markus Ganter himself. Und bis zum letzten Song des Abends zeigt sich das Publikum auch als Cheerleader-Kinderchor perfekt textsicher.

Ein ganzer Raum euphorisiert. „Der schönste Willkommensgruß überhaupt, einfach wunderschön.“
„Hinterland“ funktioniert live bedingungslos. Was manchem auf Platte unmöglich, zu weich, zu Pop, zu was auch immer erscheint, ist live immer noch Casper. Und zwar sowas von. Es sei dahingestellt, ob die Art von spezieller energetischer Show nächstes Jahr auch in den großen Hallen genauso exzellent funktionieren wird, aber das ändert nichts daran, dass dieser Abend in Bielefeld wirklich großartig war und ich ihn Monate später noch unmittelbar in meinem Herzen trage.

Wer sich den Artikel wirklich bis hierher durchgelesen hat: Chapeau und danke! Solche Reviews in Romanlänge sind eben oft das Resultat überbordender Begeisterung und wirklich guter Abende, nach denen sich die Gedanken und Ideen in meinen Kopf förmlich überschlagen. My apologies, aber zumindest ein Teil davon musste endlich niedergeschrieben werden.

Setlist: Casper, Forum Bielefeld, 24.10.2013

01 Im Ascheregen
02 Alles endet (aber nie die Musik)
03 Auf und Davon
04 Casper! Bumayé
05 Die letzte Gang der Stadt
06 Ganz schön okay
07 20 QM
08 Lux Lisbon
09 Blut Sehen
10 Halbe Mille/NIP/So Perfekt/Mittelfinger Hoch
11 Lilablau
12 Ariel
13 Das Grizzly-Lied
14 XOXO
15 Nach der Demo gings bergab
16 Hinterland

17 Der Druck steigt (Z)
18 Michael X (Z)
19 Endlich angekommen (Z)
20 Jambalaya (Z)




Samstag, 24. August 2013

Casper, Feldkirch, 15.08.2013

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Konzert: Casper
Vorband: Trümmer
Ort: Poolbar, Feldkirch
Datum: 15.08.2013
Dauer: Casper 75 Minuten / Trümmer etwa 30 Minuten
Zuschauer: etwa 1.000

Bericht von Fabian von Gefuehlsbetont:  


Naturgewalt trifft auf Liveshowgigant: Im idyllischen Rahmen unter Bergen legte Casper in seiner laufenden Festivaltour einen Zwischenstopp in Feldkirch ein, um das Abschlusskonzert in der Poolbar zu spielen. 
Im ländlichen Raum begeistert er die überwiegend jugendliche Masse und sorgt im sommerlichen Ambiente für ein gewohnt intensives, wenn auch überraschungsarmes Konzert und liefert dem Poolbar-Festival einen würdigen Abschluss. 
Der Himmel glänzt golden, die Stadt trägt Nirvana-Tanktops oder Mit Verachtung-Shirts, während sich eine Schar an gut gelaunten Menschen vor dem Alten Hallenbad tummelt. 
Derweil spaziert die Band des Abends noch in der Stadt herum. Star-Allüren sind hier Fehlanzeige, so besucht Band-Fokus Casper alias Benjamin Griffey regelmäßig Fans auf den Campingplätzen, wenn er im Sommer auf Festivals spielt. Heute ist er zu Gast in Feldkirch, eine überschaubare und geschichtsträchtige Kleinstadt in Vorarlberg, Österreich. 
Vor dem Konzert treffen sie niemanden in der hiesigen Pick up-Bar an, in der Poolbar später knapp tausend Konzertwütige. Nach sechswöchigem bunten Festivalprogramm der Poolbar, mit Konzerten von Tocotronic, Bad Religion, Kate Nash oder Friska Viljor findet dieses mit Casper nun ein Ende. Dieser hat bereits einen Lauf, spielte schon auf Rock am Ring, splash! oder dem Deichbrand und wird einen Tag später direkt zum Frequency fahren. 
Auf den Leinwänden der Poolbar-Halle werden die Highlights der letzten Wochen gezeigt, viele Anwesende waren mehrfach zu Besuch. Dies zeigt, wie gut das breitgefächerte Programm der Poolbar angenommen wird und Menschen trotz großer Unterschiede der einzelnen Szenen zusammenbringt. Wer könnte dies besser aufzeigen als Casper, der einst in Hardcorebands sang, zum Rap fand und dessen Musik von Indie-Bands geprägt ist. 
Mit seinem Meisterwerk XOXO begeisterte er vor zwei Jahren szenenüberschreitend, riss die Ketten des Raps auseinander und zog Massen an. Nun schmückt das neue Casper-Backdrop den Raum, dem Cover des neuen Albums Hinterland, das am 27.09.2013 erscheint. Einen Song daraus spielte er bereits auf dem diesjährigen splash!, dem wohl bedeutendsten deutschen Hip Hop-Festival, die neue Single Im Ascheregen wurde bereits veröffentlicht. Dennoch verzichtete er in Feldkirch auf diese, dafür ist der splash!-Auftritt dann doch zu besonders, um anderen Terminen ebenfalls neues Material zu präsentieren. Nach XOXO ist die Erwartungshaltung und freudige Anspannung unter Fans wie Kritikern hoch. 
Dass nach vielen Touren zum letzten Album die Live-Qualitäten keineswegs verblassen, zeigte auch der Auftritt in Feldkirch. Um 21 Uhr lässt seine Band mit einem instrumentalen Intro früh erahnen, wie der Abend werden wird. Benjamin Griffey springt in die Mitte, wechselt oft die Seiten und sofort sind alle Stimmen da: Auf und Davon dient seit längerem als Opener, vor zwei Jahren begeisterte man im dunkelblauen Nebel mit Wolfsmasken mit Der Druck steigt, einem äußerst feinen Beginn für ein Konzert. Diesen nutzt Casper nun für die Zugaben – so auch heute. 



Wer Casper noch nie live sah, bekommt in Feldkirch wie auch auf allen anderen laufenden Festivalterminen ein Standardset, das es in sich hat. Klar XOXO-geprägt, aber auch Medleys (Alles verboten, Mittelfinger hoch, Guten Morgen Herzinfarkt) und Songs aus alten Tagen (Unzerbrechlich, Hin zur Sonne) sind mit dabei. Trotzdem würden kleine Variationen der Setlist gut tun. So fehlen Songs wie Die Welt steht still oder Alaska, die es vor einiger Zeit noch live zu hören gab. Auch 230409 wäre denkbar. 
Die Band und Casper selbst haben Spaß – doch es fordert auch Professionalität, jeden Tag vor anderen Leuten das exakt gleiche zu spielen. So ist Casper, wie er selbst vor Unzerbrechlich erwähnt, vom verkannten Underground-Emo-Rapper zum Berufsmusiker geworden. Waren die Clubs vor einigen Jahren nur spärlich besucht, sind sie heute brechend voll. Die Leinwände in der breiten Halle werden auf einmal notwendig, wenn Dirigent Casper sagt, was zu tun ist. Er hat die Masse fest im Griff, weiß, wie er sie kriegt. Nur werden seine immergleichen Ansagen wie „Habt ihr Bock?“, „Schreit so laut ihr könnt!“, „Alle springen jetzt!“ irgendwann lästig, zumal Casper das Publikum auch ohne ständige Imperative mit seiner Musik begeistert und zur Ekstase bringt. 
Das steckt bereits in der Intensität seiner Aufnahmen, ein zusätzliches Aufwirbeln wäre kaum nötig. Genauso wie den Schrei-Wettbewerb bei Mittelfinger hoch, der mit dem alten ‘Unentschieden’-Witz seitens der Band zwar in Ironie trieft, aber gähnend langweilig geworden ist. Bei Michael X bittet er dann um Ruhe und verlässt nach dem aufwühlendsten Song im Set die Bühne. 
Anders geht das die heutige Vorband Trümmer an, die wie Casper von Landstreicher Booking betreut wird. Diese begrüßt den noch halbvollen Saal freundlich, aber unspektakulär mit “Es ist 20.30 Uhr – Zeit für ein bisschen Punkrock.” und macht damit gleich eine Ansage. 


Im dritten Song Scheinbar nehmen sie eben jenes ermüdendes Publikumsentertainment ein wenig auf die Schippe, als sie sich sehr überschwänglich nach dem Wohl im Publikum erkundigen und dabei nur eine Verbindung zum folgenden Song herstellen, der mit der Zeile “Scheinbar geht es allen gut” die Antwort von Paul Pötschs Frage erneut wiedergibt. Neben durchaus poppig-eingängigem, selbsternannten Punkrock erinnern Trümmer in ihrer Formation als Trio mit roten Instrumenten an frühe, weniger protestierende Tocotronic (Auch wegen der Trümmer-Songtextzeile “Ich starte die Revolte”) und an verbissenere Die Sterne, Mikroboy oder Ja, Panik. 
Mit ihrem deutschsprachigen Indie-Rock und der Herkunft Hamburg ist für eine Verbindung zur vielbesagten Hamburger Schule schon einiges gegeben, die junge und nonchalante Band hätte sicher auch kein Problem mit dieser Einordnung. Die Haltung ist eher die: Wir spielen euch ein paar Songs und ihr fühlt euch gut dabei, wir haben genauso Spaß. Der Band kann man die Freude am Musizieren deutlich ansehen, sie spielen druckvoll und brillieren mit frischem Indie-Sound, der von Paul Pötschs kantiger Stimme umgarnt wird. 
Zudem ist die Band äußerst adrett gekleidet und liefert zu ihrem beinahe overdressed-wirkenden Outfit stabilen Pop mit guter Lyrik, stets auf der Suche nach Wegen, Gründen oder dem Sinn und sorgen dennoch für tanzbare Momente. Nach üblichen dreißig Minuten Spielzeit beenden Trümmer ihr Set mit In all diesen Nächten und skandieren gemeinsam mit dem Publikum Cas-per im “oh-oh”-Chor am Ende des Songs. Dieser Song ist zudem das einzige Fundstück im Internet, denn mehr als dieses Youtubevideo findet man nicht. 
Leider wirkt das bisher anwesende Publikum vom guten Auftritt der Band weniger angetan, sondern unbeteiligt und gelangweilt. Dies ist eine fast schon typische Erscheinung bei Casper-Konzerten, die von hartgesottenen Fans belagert werden und sich bis auf Benjamin Griffey’s eineinhalb Stunden kaum für etwas anderes interessieren. So haben die einen exzellente Wartemusik und die, die sich öffneten, einen überzeugenden Trümmer-Auftritt gesehen schnell vergessen, sobald Casper auf der Bühne steht und sich seinem Publikum trotz Massenbegeisterung liebevoll widmet, ihm Komplimente macht, Wasser verteilt und auf viele einzelne eingeht, von deren Freude er sichtlich angetan ist.
 Gemeinsam singen sie für Keyboarder Konrad Happy Birthday am heutigen Tage. Das ist wiederrum der Casper, in den sich die Mädchen verlieben. Lässig, cool und nie arrogant – er zeigt ihnen, dass Überheblichkeit und Egozentrik nicht sexy ist. Kein Wunder, dass er als Sprachrohr der Jugend gilt, was man auch am jungen Alter des Publikums feststellt. Die leichte Kehrseite sind die vielen, treu ergebenen 14-jährigen Fangirls in der ersten Reihe, die Griffey bindungslos und abgöttisch verfolgen. 
Diese junge und leidenschaftliche Schar himmelt den bodenständigen 30-Jährigen wie einen Popstar an, er ist Idol und Kultfigur zugleich. So sehr es auch nicht passt, wird der Bielefelder sie nicht los werden. Doch zumindest tut es gut, dass eben jene Mädchen qualitativ hochwertiger und inhaltsstarker Musik folgen und sich nicht an schiefe Figuren im gleichen Genre hängen. 
Casper hingegen ist fast schon ein fürsorglicher Vater und vermittelt die Größe seiner persönlichen Helden an die Kids weiter: So lernen sie nicht nur Turbostaat (Michael X), Bruce Springsteen und Joy Division (Kontrolle/Schlaf) oder The Smiths (XOXO) kennen, sondern auch den Sound von Odd Future bei Rock’n'Roll, Kanye West bei Guten Morgen Herzinfarkt und Cas in Paris sowie Jay-Z. Wenn das nicht reicht, liegen sich nach dem fulminanten So perfekt-Radiohit bei Don’t look back in Anger alle in den Armen, selbst Trümmer sind auf der Bühne zum Mitsingen zurück. Casper, ein bekennender Oasis-Fan, singt lautstark und mit weicher Stimme. Jetzt ist wirklich alles perfekt.


Setlist Casper, Feldkirch:

01: Auf und Davon 
02: Casper Bumayé! 
03: Die letzte Gang der Stadt + Ms. Jackson (OutKast) 
04: XOXO 
05: Unzerbrechlich 
06: Das Grizzly Lied 
07: Rock'n'Roll / Alles verboten 
08: Blut sehen 
09: Medley (Cas in Paris, Guten Morgen Herzinfarkt, Mittelfinger hoch) 
10: Hin zur Sonne 
11: Lilablau 
12: Michael X 

13: Der Druck steigt (Z) 
14: So perfekt (Z) 
15: Don't look back in anger (Oasis Cover) (Z) 


Links:
- aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann und Band feat. Casper, Mannheim, 01.06.2013
- Trümmer, Frankfurt, 12.02.2013 
- Casper, Trier, 10.12.2011




Freitag, 7. Juni 2013

Thees Uhlmann & Band feat. Casper, Maifeld Derby 2013, 01.06.2013

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Konzert: Thees Uhlmann & Band feat. Casper
Ort: Maifeld Derby 2013, Mannheim
Datum: 01.06.2013
Dauer: 70min
Zuschauer: sehr gut gefülltes Palastzelt, max. ca. 3000


Sämtliche großartige Bilder von Christoph! Danke!

Was kann man zu Thees Uhlmann schon noch groß sagen? Oder besser gesagt was kann man nicht über ihn sagen? Lebende Legende! Gevatter Indie (für diesen Ausspruch immer und immer wieder Credits an Casper!)! Die Liste der persönlichen Errungenschaften nimmt kein Ende, wenn man nur mal an Tomte denkt oder die kleine Tatsache, dass Herr Uhlmann mit Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch vor nun mehr als 10 Jahren das legendäre Indie-Label „Grand Hotel van Cleef“ ins Leben rief und zwar einfach „weil unsere Musik einfach Niemand wollte und dann haben wir das eben selbst gemacht“. Das Thees Uhlmann immer noch kompromisslos für Indie-Musik steht und dafür eintritt, sollte sein Auftritt an diesem Abend mehr als deutlich machen!

Sowie Thees endlich nach seiner Band die Bühne betrat, brach das gesamte Palastzelt sofort in tosenden, sympathisierenden Beifall aus. Das Set bestand selbstredend zum Großteil aus Songs seines ersten Solo-Albums „Thees Uhlmann“, die dem Publikum mittlerweile merklich ans Herz gewachsen sind (Fanboys in der ersten Reihe, die Thees mit herzzereißender Begeisterung jede Silbe entgegenschrien, auch wenn viele unter ihnen sich vermutlich immer noch fragen werde, was denn nun mit Tomte werden wird). Los ging es mit „Römer am Ende Roms“, das noch mit einer vergleichsweise kurzen Ansage angekündigt wurde. Wer Thees Uhlmann schon einmal live erleben durfte, der weiß, dass er ein Mann der vielen Worte ist. Das mag manchen vielleicht nicht gefallen, ist ihm aber glücklicherweise vollkommen egal, wie man bei der Ansage zu „Sommer in der Stadt“ live miterleben durfte. Thees trug eine einigermaßen lange Anekdote vor und irgendein respektloser Mensch im Publikum meinte wohl, es sei total witzig ihn mit einem Gummiband abzuwerfen. Das Geschoss mit einem kurzen, abfälligen Blick bedenkend, meinte Thees nur „Also bei uns in Hamburg wirft man wenigstens mit Bengalos und nicht so beschissenen Raverbändern!“ Recht hat er und unbeirrt ging es weiter.


Genau dies meine ich mit Kompromisslosigkeit und der gesamte Auftritt trug eine deutliche eigene Handschrift, da Thees Uhlmann einfach das macht, was er gerne macht und sich auch nicht scheut es auf eigene Art und Weise zu machen. Ein weiteres Highlight auch die Tatsache, dass Thees es erwähnenswert fand das Maifeld an sich und das „kleine Dorf namens Indie“ und die gesamte Szene zu zelebrieren und das Lied „Lat:53.7 Lon 9.11667“ allen Anwesenden und Helfern beim Maifeld zu widmen. Obwohl der Tag wirklich schon lang und anstrengend gewesen war, so belebte mich der Auftritt wieder mit Energie und es war toll dabei sein zu dürfen. Spannend erwartet selbstverständlich auch die neuen Lieder des im Spätsommer erscheinenden zweiten Soloalbums von Thees. Auf Uhlmann'sche Art anmoderiert, gab es zunächst „Zugvögel“, das man bereits in einer Videogrußbotschaft vor den Festivals auszugsweise hören durfte und auch live sehr vielversprechend klang und gegen Ende des Sets noch „Die Bomben meiner Stadt“, das mir zugegebenermaßen eine Portion Skepsis abverlangte, aber man wird sehen, wie das im Endeffekt auf dem Album klingt.


Nach „17 Worte“ dann der große Moment, um den ich das Universum angefleht hatte: die zweite Strophe von „& Jay-Z singt uns ein Lied“ neigt sich dem Ende zu, der Refrain setzt wieder ein, mein Puls liegt bei circa 200 und dann passiert es tatsächlich genauso verrückterweise, wie ich es bereits letztes Jahr bei „10 Jahre GhvC“ miterleben durfte: Casper springt auf die Bühne und rappt seinen Part in „& Jay-Z singt uns ein Lied“! Das war einfach nur wundervoll. „Auf & Ab, Euphorie und zuckersüße Lethargie. Weg und Ziel zugleich, nur noch Fragen die blieben, für die Komödie gezahlt, aber für das Drama geblieben.“ Eine meiner persönlichen Lieblingspassagen, in einem an sich bereits wundervollen Song. Casper rappt mit solcher Vehemenz und Kraft, wie man es gewohnt ist und das sowieso schon tobende Palastzelt nimmt den Lautstärkepegel an, den man von Caspers Konzerten gewohnt ist: ohrenbetäubend! Ich persönlich war zu diesem Moment und von diesem Moment an schon etwas weggetreten, einfach da ich mir das genauso so sehr gewünscht habe und Caspers geschriene Frage „MANNHEIM? HABT IHR NOCH BOCK?!“ konnte ich vor lauter Begeisterung schon gar nicht mehr richtig beantworten.



Pure Gänsehaut und Glückseeligkeit, als die ersten Töne von „XOXO“ das Zelt erfüllen und ich kann nicht mehr klardenken. Ein Privileg für jeden Fan diese Kombination aus den beiden Features im Original einmal miterleben zu dürfen und ich weiß nicht wohin mit meiner Begeisterung. Im Zweifelsfall einfach Springen und Mitschreien, bis man nicht mehr kann und genau das mache ich dann auch! Das Casper, der meines Wissens nach an diesem Abend zum ersten Mal seit Dezember 2012 auf der Bühne stand und einfach nur noch vor sich hingrinste und strahlte, das Publikum beobachtete und auf die gewohnte rauhe Art und Weise anwies angebrachterweise auszurasten, war auch wunderbar mitzuerleben, da man ihm spürbar anmerkte, wie sehr er es genoss wieder auf der Bühne zu stehen und gar nicht wusste, wohin mit der aufgestauten Energie. Um mich herum nur noch Fangesänge des Refrains von „XOXO“, Gekreische von Indiegirls, man springt, liegt sich in den Armen und genießt diesen besonderen Moment. Wie perfekt sich Thees Uhlmann und Casper widersprechen und zugleich ergänzen lässt sich bereits an den beiden Features ablesen, allerdings nimmt das live noch eine andere Dimension an, wenn sich die beiden förmlich in den Armen liegen und Casper vor lauter Begeisterung seinen Einsatz zur zweiten Stophe von „XOXO“ verpasst. So muss das sein! Ich werde jetzt nicht die passende Textstelle aus „XOXO“ dazu zitieren, da sich jeder Casper-Fan genau denken kann, was man hier jetzt schreiben könnte! Es war einfach wunderbar.



Auch wenn die beiden neuen Songs mich noch nicht hundertprozentig überzeugen konnten, konnte Thees Uhlmann an diesem Abend abermals seinen Status als lebende Legende, als Hamburger Original (ja, ich weiß, dass er eigentlich aus Hemmoor kommt!), als kompromisslos guter, sehr souveräner Entertainer unterstreichen und lieferte mir insbesonders durch den Gastauftritt von Casper die Kirsche auf der Sahnehaube auf dem Törtchen, dass sich Maifeld Derby Wochenende nannte – und das bereits am Samstagabend. Man könnte mir vorwerfen, dass der Vergleich minimal dick aufgetragen ist, aber für mich fühlte es sich haargenau so an. Wir verließen schweigend das Gelände, stiegen schweigend ins Auto und fuhren schweigend nach Hause. Und zwar vor Begeisterung strahlend, weil wir ausnahmsweise mal keine Worte mehr fanden. Das muss man erstmal hinbekommen. Einfach nur „DANKE!“ für das erste Highlight des noch jungen Festivalsommers!


Setlist: Thees Uhlmann & Band feat. Casper, Maifeld Derby 2013, 01.06.2013

01: Römer am Ende Roms
02: Das Mädchen von Kasse 2
03: Vom Delta bis zur Quelle
04: Zugvögel (neu)
05: Lat: 53.7 Lon: 9.11667
06: Sommer in der Stadt
07: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
08: 17 Worte
09: & Jay-Z singt uns ein Lied (mit Casper)
10: XOXO (mit Casper)
11: Die Bomben meiner Stadt (neu)

12: Die Nacht war kurz (ich steh früh auf) (Z)
13: Die Toten auf dem Rücksitz (Z) 

Das gesamte Fotoset von Christoph hier: http://www.flickr.com/photos/-christoph-/with/8971731165/


Sonntag, 11. Dezember 2011

Fest van Cleef, Trier, 10.12.11

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Konzert: Thees Uhlmann, Element Of Crime, Frank Turner & Casper (Fest van Cleef)
Ort: Messehalle, Trier
Datum: 10.12.2011
Zuschauer: 2.500 vielleicht? Nicht ganz ausverkauft
Dauer: Thees Uhlmann 75 min, Element Of Crime 45 min, Frank Turner 42 min, Casper knapp 40 min


Die Trierer Messehalle hat etwa den Charme eines nordkoreanischen Kaufhauses. Sie beherbergt normalerweise Mosellandausstellungen und Flohmärkte, als Konzertveranstaltungsort ist sie mit dem Bau der Arena am anderen Ende der Stadt vor ein paar Jahren unwichtiger geworden. Die Messehalle ist irre hoch und sah von innen aus wie ein Hangar für die Busflotte der Stadtwerke, sehr sexy also.

Beide Bühnen waren im gleichen Raum untergebracht, es sollten sich also keine Auftritte überschneiden. Der Zeitplan hatte das vorher nahegelegt, vielleicht hatte ich die Spielzeiten von Element Of Crime z.B. aber auch zu optimistisch eingeschätzt. An der Bühnenkonzeption und am Ablauf des gesamten Festivals merkt man, daß die
Veranstaltung von Musikern bzw. Musiknerds konzipiert wurde. An der Häßlichkeit der Halle konnten die nichts ändern, der Rest passte perfekt.

Zwischen den beiden Bühnen standen Bierwagen, die an gleicher Stelle draußen auch im Sommer vermutlich die Kirmes versorgen. In einer Halle hatte ich die noch nicht gesehen, zum Flair passte es aber perfekt. Vermutlich waren auch die Tourbusse in einem abgesperrten Teil der Halle geparkt. Ähnlich pragmatisch hatte man die Bierversorgung geplant: damit man nicht zu oft laufen musste, gab es 1-Liter-Plastikbecher!

Meine ersten Konzertnachbarn hatten von denen schon einige verdrückt, sie hatten
um halb sechs schon ordentliche Stand-Probleme. Allerdings waren sie auch extrem textsicher und gröhlten sich durch den Auftritt Frank Turners, sodaß ich das Konzert im Surround-Sound miterlebte (oder 3D für die jüngeren). Aber nicht nur der angeschickerte Frank-Turner-Fanclub aus Bawü hatte Spaß mit dem Soloauftritt des Engländers. Man sah erstaunlich viele T-Shirts des Sängers in den ersten Reihen.

Frank Turner war mit Band (The Sleeping Souls) angekündigt worden. Als er auf die Bühne kam entschuldigte er sich dafür, solo da zu sein, es habe Probleme mit dem Schlagzeug gegeben. Ich hatte den Musiker beim 2010er Latitude Festival nachmittags mit Band gesehen, hatte aber mehr in der Sonne gelungert und nicht richtig zugesehen, sodaß ich nicht weiß, ob mir eine Band gefehlt hätte. Alleine, mit Gitarre zur rauhen Stimme, taugte der Auftritte jedenfalls sehr viel!

Obwohl ja auf dem Papier akustisch, trug Frank Turner seine Lieder eindrucksvoll
brachial vor. Ich kannte nicht viel davon, bin aber jetzt Fan. Sein vierzigminütiger Auftritt war zu gut, um den Engländer weiter zu ignorieren. Thees Uhlmann, der alle Bands ansagte (eine sehr schöne Sitte des Festivals), hatte geschildert, wie er Franks Musik kennengelernt hat. Er saß in einem vermüllten Auto eines Freunds und griff einen der zerkratzen CD-Rohlinge, die da rumlagen. Darauf war Substitute, das ihn sofort begeisterte. Frank Turner, der sehr passabel deutsch sprach (er hat europäische Geschichte studiert), fragte vor dem Song, "was der Typ, der mich angekündigt hat, über den Song erzählt hat. War das nett?"

Das war ein hervorragender Einstieg ins Festival, ohne jeden Zweifel!

Setlist Frank Turner, Fest van Cleef, Trier:

01: I knew Prufrock before he got famous
02: Try this at home
03: Peggy sang the blues
04: I'm disappeared
05: The ballad of Steve
06: Dan's song
07: Substitute
08: The English curse
09: I still believe
10: The road
11: Photosynthesis

Meine nächste Band war eine gute halbe Stunde später Element Of Crime. Wenn
man die fünf Musiker auf die Bühne schlurfen sieht, kommt man nicht dirket auf die Idee, eine der wichtigsten deutschen Bands der letzten Jahrzehnte vor sich zu haben. Bassist David Young beispielweise sieht nicht aus wie ein Mitglied einer Band, die ich mag. Truckstop, ok - aber Indiemusiker? Im Leben nicht. Wenn die Mannen um Sven Regener dann aber losspielen, ist das alles weg. Die Musik bleibt leise und ruhig. Daß sie trotzdem wuchtiger ist, als der meiste übrige Kram, liegt an den wunderbaren Texten des Sängers und Schriftstellers. "Element Of Crime sind härter als alle anderen," urteilte auch Thees Uhlmann. Recht hat er.

Mit Nightmare von Freedom, Love & Happiness, einem der englischsprachigen Alben der Band, begann das Konzert. Neben Immer unter Strom vom fast 20 Jahre alten Weißes Papier blieb Nightmare das einzige alte Stück der Mitte der achtziger Jahre
gegründeten Band. Die anderen Lieder stammten von den beiden letzten (vorzüglichen) Alben Mittelpunkt der Welt und Immer da wo Du bist bin ich nie.

Leider gilt das Immer da wo Du bist, bin ich nie nicht für die jeweils anstrengendsten Konzertbesucher und mich. Die sind nämlich immer da, wo ich bin. Diesmal eine Gruppe von freundlichen und betrunkenen Frauen mit zwei dazugehörigen Typen, die mitgröhlten (ist ok) und sich mit vors Gesicht gehaltenen Kameras und Handys in der ersten Reihe fotografierten. Da das nicht klappte (sie guckten sich jedes der verwackelten Fotos ausgiebig an), wurde weitergeschossen. Aufzupassen, nicht auf die Bilder zu geraten (falls durch ein Wunder eines mal nicht unscharf werden würde) und den hochgehaltenen schwankenden und überschwappenden Bierbechern auszuweichen, erforderte all
mein Geschick. Daß ich das Konzert trotzdem und trotz der Leute, die auf meinen Füßen stehen, aufmerksam und gut gelaunt genießen konnte, rechne ich mir hoch an.

Die doofe Floskel, es wäre sehr gut aber viel zu kurz gewesen, traf es leider sehr genau. Element Of Crime mit einem 45 Minuten Auftritt bei einem Festival zu verheizen, ist eigentlich Perlen vor die Säue geschmissen. So als lüde die Trierer Sparkasse den Dalei Lama zu einem Grußwort zum Sparkassendingstag ein. Eigentlich. Da das Fest van Cleef allerdings alles andere als die Sparkasse unter den deutschen Festivals ist, passte das trotzdem. Man sollte sich jedoch fest vornehmen, die nächsten richtigen Konzerte nicht wieder zu verpassen (done.).

Setlist Element Of Crime, Fest van Cleef, Trier:

01: Nightmare
02: Straßenbahn des Todes
03: Am Ende denk ich immer nur an dich
04: Deborah Müller
05: Immer unter Strom
06: Bitte bleib bei mir
07: Kaffee und Karin
08: Immer da wo du bist bin ich nie

09: Delmenhorst (Z)

Danach kam der Künstler, der das Lineup des diesjährigen Festivals besonders machte. Casper (bitte als Cäsper lesen), der Rapper aus Bielefeld, "der Mann, der mehr Platten verkauft hat, als alle Assi-Rapper" (Thees Uhlmann). Der Soundcheck von Caspers Band war schon bemerkenswert. Nachdem clickclickdecker auf der kleinen Bühne fertig waren, hatten die Musiker und Techniker nicht schrecklich viel Zeit, mit richtiger Lautstärke abzustimmen. Die Tontests dabei waren schon ziemlich laut. Das reichte den Männern in Kapuzenshirts aber nicht, sie standen alle minutenlang mit erhobenem Zeigefingern auf der Bühne und wurden und wurden nicht zufrieden.

Sie verschwanden wieder und wurden durch dichten Nebel ersetzt. Als das Saallicht ausging, und die Musiker schemenhaft erschienen, sah man zunächst nur Tiermasken und Lichtstrahlen, die aus den Augenhöhlen kamen. Dazu
wummerten die Instrumente (klassisch besetzt: Bass, Gitarre, Keyboard, Schlagzeug) durch die Nebelschwaden - der Anfang war schon einmal sagenhaft gut!

Rap ist nicht meine Musik, ich stehe auch nicht auf Matrosensprache, was mir das Zuhören von MC Hastenichtgesehens schwer macht. Casper hat mit denen allerdings kaum etwas gemeinsam. Bon Jovi und die Thermals könnte man grob ja auch beide als Rockbands bezeichnen, wobei die eine göttlich, die andere schlimmster Schund ist. Ich habe viel zu wenig Ahnung von aktuellem Rap, deshalb will ich nicht versuchen, Casper irgendwie einzuordnen, das ginge gnadenlos schief.

Also hintenrum: das Konzert hat sagenhaft viel Spaß gemacht. Irgendwie schien das Publikum auch plötzlich ausgetauscht zu sein. Hatte
ich bei Frank Turner und bei Element Of Crime noch den Eindruck, die Leute seien ausschließlich wegen dieser Bands da (und nicht nur die in den ersten Reihen), war es diesmal viel jünger und rapaffiner. Ich kannte außer dem Duett mit Thees Uhlmann nichts von Casper, hatte auch seine Nummer eins Platte XOXO bisher ignoriert. Aber ich verstehe auch vollkommen, warum Casper als "Indierapper" gilt (auch wenn das furchtbar ist), und warum er vollkommen zurecht ins Lineup des Festivals gehörte. Es fehlte komplett diese aufgelegte Ghetto-Attitüde. Die Texte wirkten intelligent, es gab richtige Musikinstrumente. Besonders wohltuend waren Benjamins Ansagen. Während des Konzerts flogen Becher und auch einmal Schuhe nach vorne auf die Bühne. "Da sagt man immer, daß Rap-Publikum besonders doof sei. Und dann spielen wir vor Rock Publikum, und es fliegen Sachen nach vorne." Der Kerl kann nicht verstecken, daß mehr in der Birne hat, als man Rappern gerne zugesteht.

Natürlich gab es auch die Standard Rap-Folklore (Arme in die Höhe... usw.). Die
störte mich aber nicht, dafür vermittelten Casper zu viel Spaß. Ich bin jetzt nicht selbst zum Rapper geworden, das Konzert war allerdings ausgezeichnet!

A propos ausgezeichnet: Casper hat für XOXO gerade die einslive Krone fürs beste Album 2011 bekommen.

Setlist Casper, Fest van Cleef, Trier:

01: Der Druck steigt
02: Auf und davon
03: XOXO (mit Thees Uhlmann)
04: Die letzte Gang der Stadt
05: Rock'n'roll
06: Casper Bumaye
07: So perfekt
08: Michael X

Den Schlußpunkt des Abends lieferte der nächste Krone-Gewinner, Thees Uhlmann.
Thees hatte den Radiopreis als bester Plan-B-Act (will sagen Indiemusiker) bekommen und das runde Ding gleich mitgebracht. Die Kugel lag während des Konzerts vor dem Schlagzeug.

Das Konzert von Thees Uhlmann und Band unterschied sich kaum vom Auftritt in der Live Music Hall vor sechs Wochen. Ich war damals mit
gemischten Erwartungen in die LMH gefahren, verließ die Bude nach 90 Minuten aber vollkommen begeistert. Diese Euphorie fehlte diesmal, ich wusste ja, was mich erwartete. Das Konzert selbst war allerdings nicht schlechter als das letzte, es fehlten wegen der gleichen Setlist (nur eine Abweichung: 17 Worte ersetzte Paris im Herbst als Zugabe) aber die großen Überraschungen.

Der Gastauftritt von Casper bei & Jay Z singt uns ein Lied war nicht überraschend, aber auch das nahm ihm nicht den Reiz. Danach lagen sich Casper und Thees (verschwitzt) in den Armen und strahlten!

Wie die drei anderen Konzerte, die ich Samstag gesehen habe, war auch der Abschluß wirklich hervorragend. Das konnte selbst das Ambiente nicht versauen. Ein schönes Festival entstellt eben nichts.

Setlist Thees Uhlmann, Fest van Cleef, Trier:

01: Römer am Ende Roms

02: Das Mädchen von Kasse 2
03: Lat: 53.7 Lon: 9.11667
04: Vom Delta bis zur Quelle
05: Sommer in der Stadt
06: New York (Tomte)
07: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
08: Die Nacht war kurz (Ich stehe früh auf)
09: & Jay-Z singt uns ein Lied (mit Casper)
10: Die Toten auf dem Rücksitz

11: Das hier ist wie Fußball (Tomte) (Z)
12: 17 Worte (Z)

Links:

- Thees Uhlmann, Live Music Hall, 25.10.11



 

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