Dienstag, 13. November 2012

The Maccabees & Spiritualized, Paris, 08.11.12


Konzert: The Maccabees & Spiritualized (Team Me, Citizens!)
Ort: La Cigale, Paris, Festival des Inrocks
Datum: 08.11.2012
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft
Konzertdauer: The Maccabees 45 Minuten, Spiritualized eine knappe Stunde



Seltsam zusammengewürfeltes Line Up an jenem Donnerstag in der Pariser Cigale beim Festival des Inrocks. Zwei junge britische Bands (Citizens! und The Maccabees), die besonders den 16 jährigen Mädchen im Publikum gefielen, eine norwegische Band, die viel zu früh angesetzt war und bloß 25 Minuten spielen durfte (Team Me) und ein kultiger Headliner zum Abschluß (Spiritualized), der vor allem alte Säcke wie mich anzog. Kein Wunder, daß sich die Cigale nach den an dritten Stelle auftretenden Maccabees sichtlich leerte und die älteren Leute bei Sprittualized fast unter sich blieben.


Aber kommen wir sofort zur Sache, erwähnen kurz, daß ich die erfrischende Team Me verpasst habe, Citizens! so grottenschlecht und poserhaft waren, daß ich die Flucht Richtung Bar ergriff und steigen sofort mit den Maccabees ein.


Die Maccabees also, einstige Oliver Peel Lieblingsband der jungen britischen Post Punk Revival Szene hatte mich beim Haldern Pop Festival 2012 nicht vollständig überzeugt. Zu episch und breit ist ihr Sound mit dem dritten Album geworden, zu wenig war übrig geblieben von den kurzen, messerscharfen Riffs, der schrammeligen Unbeschwertheit der Jugend und den rasant schnellen Songs der ersten zwei vorzüglichen Longplayer. Stattdessen tragen sie nun Spurenelemente von Coldplay in ihrem Sound, sind weit entfernt von der Gang Of Four, die man vor allem beim ersten Album als Referenz nennen konnte. 

Ob es heute anders, sprich besser, im Idealfall sogar so euphorisierend wie vor ein paar Jahren werden würde?


Besser ja, euphorisierend nicht wirklich. Letztlich sahen und hörten die Zuschauer ein recht gutes Konzert, das logischerweise bei den alten Hits seine Highlights erfuhr, aber beim Spielen des neuen Materials auch nicht miserabel wurde. Also so schwach sind die neuen Stücke nun auch nicht. Die Single- Auskopplung Pelican ist sogar ein veritabler Knüller, hätte auch gut auf Colour It In oder Wall Of Arms drauf sein können und Feel To Follow gefiel nach verhaltenem Start mit seiner rasanten Tempobeschleunigung am Ende und seinen spacigen Gitarren. 


Der Sound der Gitarren ist es letztlich auch, der sich im Vergleich zu früher geändert hat. Sie klangen geleckter, runder, weniger zackig und roh als zuvor, was zur Folge hatte, daß das ganze Set eine Spur zu glatt und poliert wurde. Weniger Punk, mehr Pop, so der stilistische Werdegang, den man auch an den Frisuren ablesen konnte. Sänger Orlando Weeks trug früher ganz unpretentiös raspelkurze Haare, nun aber ähnlich wie Gitarrist Hugo White (was für ein posender Schönling!) eine Schmalztolle, die sicherlich mit viel Gel getrimmt wird.

"If you have no kind words to say than just say nothing?" Soll ich also nichts mehr sagen, wenn mir nichts mehr Positives einfällt? Doch, denn es gab ja noch ein paar positive Dinge. Precious Time z.B. das kam fast noch genauso scharf und berauschend rüber wie damals und Love You Better war ebenfalls tadellos gealtert.

Nach lediglich 45 Minuten war dann aber auch schon Schluß und ich immerhin um die angenehme Erkenntnis reicher, daß ich die einst so heiß geliebten Maccabees noch nicht völlig abschreiben muss. Das war ein kompakter Auftritt, tighter und mehr auf den Punkt gebracht  als In Haldern und durchaus stimmungsaufhellend.

Was nach 15 Minuten Umbauarbeiten folgte, gehörte sicherlich zu den Highlights der diesjährigen Ausgabe des Festivals. Spiritualized aus England hatte ich vor ein paar Jahren mal beim Haldern Pop Festival gesehen, aber ich habe seltsamerweise kaum noch Erinnerungen daran, weder gute noch schlechte (ist das der Beginn von Alzheimer oder war ich damals blau?). 
  
Insofern wusste ich nicht so recht, was mich heute erwarten sollte, obwohl mir natürlich klar war, daß nun Spacerock bzw. Shoegaze auf dem Programm stand. Aber das sind ja immer solch vage Begriffe, daß sie kaum zur genauen Beschreibung dienen. Zunächst einmal fiel auf, daß die Truppe sehr vielköpfig war und insgesamt 7 Musikerzählte.Bandchef und Sänger Jason Pierce saß mitsamt Gitarre auf dem Schoß ganz links vom Zuschauer aus auf einem Hocker und hatte zwei soulige Backgroundsängerin hinter sich stehen, die aber glücklicherweise relativ dezent agierten und mit der Kraft ihrer Stimmen nicht unnötig protzten. So blieb genug Platz für die einzigartige Stimme von Jason. 

Der Kerl hatte ein ganz außergewöhnliches, leicht verrauchtes Kehlchen und klang nach vielen Kultsängern gleichzeitig. Nach Loud Reed, aber auch nach David Bowie, Jeff Tweedy und Richard Ashcroft. Das beeindruckte mich und sofort war mir klar, daß ich das Konzert mögen würde. Es war dann auch nicht weiter schlimm, das das Intro zum ersten Lied Hey Jane ellenlang wurde, daß es Balladen gab, die textlich und musikalisch knapp an der Kitschgrenze vorbeischrammten (beispielsweise So Long You Pretty Thing und Jason weder "guten Tag", noch "auf Wiedersehen" oder "danke" sagte und durchgängig stoisch und unnahbar blieb. Seine Stimme machte das alles wett und die spacigen Gitarren kamen einfach spitzenmäßig rüber. Ich will ja hier nicht mit dem vielzitierten Spruch von der Wall Of Sound kommen, kenne mich mit Phil Spector auch viel zu wenig aus, aber als Beschreibung passte das ziemlich gut zu dem Gehörten. 


Wer die Gabe dazu hatte, ließ sich von den Gitarren stimulieren und nickte wild entschlossen mit dem Kopf im Takt, wem das nicht zusagte, der verließ den Saal. Und in der Tat gab es nicht wenige, die die Cigale vorzeitig verließen, warum auch immer. Blieben also die Fans, die Labelleute von Domino und ein paar Neugierige unter sich und erlebten eine packende Schlussphase, die aus zwei alten Songs bestand. Zuvor war bis auf Ausnahme von Electricity quasi das ganze neue Album Sweet Heart Sweet Light durchexerziert worden. Take Your Time (von Lazer Guided Melodies) fing auf fast peacige Weise sehr lahm an (klar, man sollte sich auch ja auch Zeit lassen!) und wurde dann... nein, falsch! Das Stück wurde nicht schneller, plätscherte fast sieben Miunten lang vor sich hin, hatte aber dennoch eine tranceartige, hypnotische Wirkung.

Für mehr Tempo und Druck sorgte schließlich der alte Klassiker aus den 1990er Jahren Electric Mainline. Der rein  instrumentale Song schoß den Vogel am heutigen Abend ab! Ebenfalls langsam und repetitiv beginnend, etnwickelte sich der Song mit Einsetzen des Schlagzeuges und den immer lauter werdenden Gitarren zu einer brachialen Noisekeule, die mir fast den Schädel in zwei Teile spaltete. Ich stand gleich neben den Boxen, bekam so richtig was aufs Trommelfell. Das war geil, geil, geil!

Ein famoser Abschluß eines Konzertes das man auf jeden Falls als gut, mit etwas Wohlwollen sogar als sehr gut bezeichnen konnte. In Noten ausgedruckt: 8/10.

Setlist Spiritualized, Festival des Inrocks, Cigale, Paris 2012

01: Hey Jane
02: Electricity
03: Too Late
04: Headin' For The Top
05: Freedom
06: I Am What I Am
07: Mary
08: So Long You Pretty Thing
09: Perfect Miracle
10: Take Your Time
11:Electric Mainline

12: Ladies & Gentlemen (vorgesehen, aber nicht gespielt)







2 Kommentare :

E. hat gesagt…

sehr viel mühe für sehr eindrückliche erlebnisse. immer gut mit- bzw. nachzuerleben. warum sollte ich selbst auf konzerte gehen, es gibt doch das konzerttagebuch!?

Oliver Peel hat gesagt…

Genau!

 

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