Dienstag, 11. September 2012

Sigur Rós, Wien, 04.09.12


Konzert: Sigur Rós
Ort: Arena, Wien
Datum: 04.09.2012
Zuschauer: ca. 3000

Dauer:etwa zwei Stunden

The return of the king. König Jonsí kehrt mit Sigur Rós nach Wien zurück und wer diesen Satz noch nicht toll genug findet, kriegt hier einen ganzen Bericht des Triumphs. (Dass ich dafür eine Woche gebraucht habe führen wir bitte großzügigerweise auf die konzertbedingte Sprachlosigkeit zurück.)

Im Februar war das Konzert bekanntgegeben worden, eine Woche zuvor allerdings auch schon ein Termin im Schweizer Winterthur, was mir zwei Tickets innerhalb einer Woche bescherte. Und ich hätte keines missen wollen. Aber hier gehts um das Wiener Konzert (auch damit irgendwann mehr Konzerttagebucheinträge aus Österreich als aus England zu Buche stehen): Für dieses war schon im Vorfeld alles angerichtet: Open Air-Konzert, früh ausverkauft, unzählige Leute, die auf diverse Art ihrer Vorfreude freien Lauf ließen. Da machte es auch keinen traurig, dass die Vorband (Nik Void oder so ähnlich) doch nicht spielen konnte. Und so gut der Dauerregen beim Schweizer Konzert zu den Klangwelten der Isländer gepasst hatte, so war ich dennoch sehr froh über das perfekte Wetter, ein lauer Spätsommerabend, wie er besser nicht sein könnte. Was ein bisschen abging: Ein Sonnenuntergang, wie er an gleicher Stelle 2008 die Band die ersten Minuten begleitete.
Hat diese komische Aufzählung von Sigur Rós-Konzerten eigentlich eine Bedeutung? Soll hier gar ein Vergleich angestellt werden? No - genau das Gegenteil. Solch schöne Konzerte soll man gar nicht gegeneinander ausspielen, die genau im Moment des Stattfindens das so ziemlich Schönste sind, was man sich gerade vorstellen kann. Deshalb zurück zum Wiener Konzert und von den Schwärmereien weg hin zur Königsdisziplin des Konzerttagebuchs: Leute beobachten.


Da gab es nämlich genug zu sehen, Hipsterkinder in Federkleidern, viele Engländer und Slowaken, Leute mit Sigur Rós-Tourshirts aus dem letzten Jahrtausend, Securities mit erhöhtem Sendungsbewusstsein und viele mehr, die zweierlei gemeinsam hatten: eine Karte und massig Vorfreude. Und die wurde rasch gestillt, schon kurz nach halb neun standen die Isländer elf Mann/Frau hoch und begleitet von dichtem Kunstnebel auf der Bühne und machten sich umgehend an die Arbeit.
Í Gær aus dem vorvorletzten Album Hvarf/Heim eröffnete mit betörendem Glockenspiel den Abend, schwang sich hoch in fragile Höhen, bis dann die langerwartete und doch überraschende Eruption die Arena mächtig erbeben ließ. Besonders herrlich ist dabei immer der Schlagzeuger Orri, der voller Einsatz und ohen Augen für das Rundherum seine Becken und Trommeln bearbeitet, als gäbe es (zumindest für die Ohren) kein Morgen mehr.

Es folgte Vaka, ebenfalls auf dem 2007er-Album und das erste absolute Highlight. Allein der Moment, wenn das nach Ringelspiel klingende Keyboard einsetzt, scheinbar eine Ewigkeit die schlichte Tonfolge wiederholt, sich dann irgenwann das Glockenspiel ins Boot holt, schlussendlich auch Jonsí und seinen per Geigenbogen bearbeitete Gitarre - zu gut!
Aber welcher Song war denn kein Highlight?! Eine rhetorische Frage, die mit der Setlist zur Genüge beantwortet sein dürfte. Spricht man bei anderen Konzerten von Songperlen, die in der Setlist zu finden gewesen seien, muss an dieser Stelle von einer ganzen Perlenkette die Rede sein. Sæglópur und Ný Batterí. Hoppípolla und Olsen Olsen. Kein Wunder, dass nach dem Konzert nicht das Fehlen bestimmter Songs (und tatsächlich wurden einige sehr populäre Songs nicht gespielt) beklagten, sondern sich über die gespielten freuten. Spannungsbogen im eigentlichen Sinn haben Sigur Rós-Konzerte nicht, sie geben sich von Anfang bis Ende unverändert. Elegisch, mächtig und weltvergessen.


"Vergessen" wurde weitestgehend auch auf die neuen Songs aus Valtari. Gerade einmal zwei wurden gespielt, die dafür dann mit eigen Visuals auf drei großen Leinwänden entlang der Bühne. Im Grunde genommen war dieses Konzert ein hervorragend zusammengestelltes Best of-Programm, das alte wie neue Fans gleichermaßen zufriedengestellt haben dürfte. Dass die "eher" massenkompatiblen Songs Gobbledigook und Inní mér syngur vitleysingur nicht mit von der Partie waren, stellte sich als kein Manko heraus.

Ebenso wenig die sehr gering vollführten Kommunikationsversuche zwischen Band und Publikum. Kein Hallo, kein Baba, kein Takk. Jedoch bestens bekannt, dass Sigur Rós nicht die extrovertiertesten unter der Sonne sind. Würde wohl auch viel von der Stimmung zerstören, gäbe es zwischen den Songs ständig halb-relevante Ansagen, Mitglieder-Vorstellungen und Dankesarien. Umso mehr Bedeutung maß man daher kleinen Gesten bei, etwa wenn Jonsí sich aus seiner starren Position löst und einen kleinen Schritt auf das Publikum zu macht. Oder in einem Song einen Ton über eine Minute lang hält und das Publikum zu vollkommener Stille bewegt.

Richtig ausgelassen gestaltete sich jedenfalls Hoppípolla, über die Leinwand rauschte ein Funkenschauer, Orri holte mit gesenktem Kopf wieder alles aus sich und seinem Instrument heraus und Jonsí ließ sich sogar zu einladenden Gesten hinreißen.
Viel zu schnell waren die zwölf Songs vergangen, das Zeitgefühl hatten sie einem im Vorbeigehen geraubt. Einer nach dem anderen legte sein Instrument ab und verließ die Bühne, bis nur noch Jonsí seiner Gitarre die letzten Töne abverlangte und sich mit kurzem Nicken vom Publikum verabschiedete.
Was diesem allerdings ein bisschen zu schnell ging: Minutenlange Applausstürme und Sprechchöre brachten die Band zurück und mit Ekki Múkk auch gleich einen neuen Song mit.
Das furiose Ende war dann P
opplagið überlassen, das eine gefühlte halbe Stunde dauerte und in richtigem Postrock ausartete, mit stampfendem Schlagzeug, kräftigem Bass und zartem Gitarrengestreichle. Um einen herum standen Menschen mit geschlossenen Augen, die letzten Momente eines wunderbaren Abends genießend, mancherorts floßen Tränen und was halt noch so alles zu kitschigen Augenblicken gehört.

Sigur Rós verabschiedeten sich, wurden nochmals zurückgerufen, verbeugten sich feierlich und traten den Rückzug an. Und kamen wieder - weil sich das Publikum nicht satt sehen konnte an dieser wunderbaren Band, niemand dem Ende ins Auge sehen wollte. (Ok, in der Nähe fiel schon eine ältere Frau einem Schwächeanfall zum Opfer, ihr Begleiter sehnte das Ende des Konzerts vielleicht doch herbei.)
Jonsí ging wiederum als letzter, hielt seine Hände an den Mund und schien Wolfsgeheul in den Nachthimmel auszustoßen - hören tat man leider nichts.
Man durfte das Gefühl haben, er sei glücklich und auf einer Wellenlänge mit den 3000 Menschen vor ihm. Ein wunderbarer Gedanke, der den simplen Charakter des Konzerts auf den Punkt bringt: Beglückend.

Und wenn man eine halbe Stunde und einmal Umsteigen später wieder bei der eigenen Ubahn-Station angelangt ist und noch immer von wildfremden, strahlenden Leuten umgeben ist, die vom gleichen Konzert kommen, dann lässt sich nur mehr eines sagen: Takk.


Setlist Sigur Rós, Wien:

01 Í Gær
02 Vaka
03 Ný Batterí
04 Svefn-g-englar
05 Sæglópur
06 Viðrar Vel Til Loftárása
07 Hoppípolla
08 Með Blóðnasir
09 Olsen Olsen
10 Festival
11 Varúð
12 Hafsól

13 Ekki Múkk (Z)
14 Glósóli (Z)

15 Popplagið (Z)

Vielen Dank für die Fotos an Elisabeth!



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