Dienstag, 20. Juli 2010

The National, Latitude Festival, 16.07.10


Konzert: The National
Ort: Latitude Festival
Datum: 16.07.2010
Zuschauer: viele Tausend
Dauer: 70 min


Darauf daß The National trotz der vielen anderen hervorragenden Künstler der Höhepunkt des ersten Latitude Tages sein würden, hätte ich alles gewettet. Keine sehr wagemutige Wette zugegebenermaßen, schließlich sind die Amerikaner zur Zeit sicher eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Band der Musikrichtung, die wir hier hören.

Vorher hatte ich Tokyo Police Club gesehen und war zeitig genug im Word Zelt angekommen, um einen recht guten Platz zu finden. Meine Theorie aber, daß es wegen der parallel auf der größten Bühne auftretenden Florence nicht knallvoll würde, hatte sich schnell zerschlagen. Scheinbar wollte doch jeder Matt Berninger, die Dessners und die Devendorfs sehen.

Vor ein paar Monaten ist mit High Violet die fünfte Platte der Amerikaner erschienen. Wie so viele habe ich The National erst seit Alligator wahrgenommen und seit Boxer* abgöttisch geliebt. Gerade gegenüber Boxer mit all seinen unfassbaren Stücken fällt High Violet natürlich ab, die Platte wächst aber immer mehr, und es wäre unfair sie dafür zu bestrafen, daß ihr Vorgänger solch ein Meisterwerk ist.

Wie so oft zeigt sich aber die wahre Stärke von Songs live - der alte
Konzertlackmustest. Und der war ein Volltreffer! Runaway als Auftaktstück war schon so groß, daß jeder Zweifel sofort weg war!

"I'll name my son after you!" brüllte ein Engländer unmittelbar nach den letzten Tönen nach vorne. Ich glaube, er sprach damit vielen aus dem Herzen. Und in ein paar Jahren bekommt National Turner dann erklärt, wie er zu seinem Namen kam.

Runaway habe ich übrigens als Duett erlebt. Neben mir stand eine sehr große Frau, die das Stück komplett mitsang, in atemberaubender Lautstärke aber extrem treff-
und textsicher. Das war toll, vielleicht sollten The National auch mal eine Gastsängerin für ihre Stücke einsetzen. Aber mir genügte natürlich das Original. Eines der perfektesten Stücke Musik, die ich je erlebt habe, kam danach: Mistaken for strangers mit einem unentwegt über die Bühne tigernden Matt Berninger war so intensiv, wie ich wirklich ganz selten ein Lied auf einem Konzert erlebt habe.

Auch wenn Mistaken for strangers erst einmal einzigartig blieb, hielt das Konzert dieses extrem hohe Niveau. Auch etwa Bloodbuzz Ohio, das ich beim ersten Hören viel zu sommerlich fröhlich hielt, überzeugte mich restlos. Squalor Victoria endete in Schreitiraden des introvertierten Sängers, so als suche sich alles mögliche ein Ventil über seine Stimme.

Die Ansagen übrigens übernahm grundsätzlich ein anderes Bandmitglied für den Sänger.

Mit dem Cardinal song kam dann ein Stück aus der Zeit vor Alligator. Das Lied stammt von Sad songs for dirty lovers, der zweiten Platte der Band. Ich hatte bisher
noch keines der Stücke der ersten beiden Alben live gehört, wenn ich mich recht entsinne, eine schöne kleine Überraschung also!

Ähnlich bewegend wie Mistaken for strangers wurde es dann noch einmal bei Fake empires. Ich habe wirklich nie Gänsehaut bei Konzerten, hier schon - trotz der Enge und der hohen Sommertemperaturen. Aber auch dies war sicher kein Phänomen, daß alleine ich erlebte, denn das Zelt bejubelte die Band wie das zwischenzeitliche 2:2 gegen Deutschland. A propos Fußball... eine meine Lieblingsszenen des ganzen Wochenendes spielte sich vor The National ab: in meiner
Nähe standen ein paar junge Frauen, die quer durchs Zelt "Sweinsteiga! Sweinsteiga!" brüllten.

Wieder einmal haben The National ein überragendes Konzert abgeliefert. So und nicht anders muß man das machen. Und genau dafür lohnt es sich, sich Nächte oder Wochenende um die Ohren zu schlagen, um Bands nachzureisen, die niemand im Freundeskreis kennt.

Setlist The National, Latitude Festival:

01: Runaway
02: Mistaken for strangers
03: Anyone's ghost
04: Bloodbuzz Ohio
05: Slow show
06: Squalor Victoria
07: Afraid of anyone
08: Cardinal song
09: Conversation 16
10: Apartment story
11: Abel
12: England
13: Fake empires
14: Mr. November
15: Terrible love

Links:

aus unserem Archiv:
- The National (mit Pavement), Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07

* ich weiß, daß ich einen Mainstream-Geschmack habe



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