Montag, 11. April 2016

Anna Ternheim, Frankfurt, 10.04.16


Konzert: Anna Ternheim
Ort: Zoom, Frankfurt
Datum: 10.04.2016
Dauer: gut 95 min
Zuschauer: ausverkauft



Dieser Tage beginnt die neue Staffel der Vox-Sendung Sing meinen Song, die ich sehr gut finde. "Im Prinzip sehr gut", müsste es aber heißen. Das Konzept, die Lieder eines Künstlers von anderen aus anderen Genres singen zu lassen, ist toll. Die Musiker in der Regel nicht, Kurator ist der Aluhut-Träger Xavier Naidoo. Ein Sing meinen Song - Indie-Version empfände ich als enorm spannend. Bon Iver singt Stücke von blur, die von den Nerven, die von When Nalda Became Punk, die von Coeur de Pirate. Daß ich meine fabelhafte Idee einmal umgesetzt erleben würde, hatte ich mir nicht ausgemalt. Nach dem Anna Ternheim Konzert war ich schlauer. Mein schwedischer Liebling spielte im Zoom in Frankfurt nämlich Anna Ternheim Lieder, wie sie klingen würden, wenn sie von My Bloody Valentine, den Wise Guys, Anna Ternheim oder Bon Jovi* gecovert würden.

Daß Anna diesmal wieder mit Band auftreten würde, war spätestens bei der Dimension des Tourbusses klar. In einem Interview hat die Schwedin uns einmal gesagt, sie spiele immer gerade in der Konstellation, nach der ihr sei. Die meisten ihrer Lieder geben das her. Die ersten beiden Alben waren sogar in jeweils einer normalen und einer abgespeckten akustischen Version erschienen. Zur Zeit ist ihr nach Krawall, dachte ich am Anfang. Nach und nach stellte sich aber heraus, daß die Sängerin April-Stimmung hat, die Instrumentierung des Abends reichte von Anna alleine ohne Instrument über Anna an der akustischen Gitarre bis zu alle mit Gitarrenwänden und 130 dB.

Das nächste, was ich nach dem Tourbus sah, war die Schlange vor dem Zoom. Auf den Tickets, der Website und den Facebookseiten der Veranstaltung stand lediglich "20 Uhr", kein Verweis auf eine (oder keine) Vorgruppe, kein Hinweis, wann Einlass und wann Beginn ist. Für die, die nicht in Laufweite leben, wäre so etwas hilfreich. An der Tür stand dann, daß das Konzert um 20 Uhr beginne. Auf meine Nachfrage sagte der nette Security-Mann, es beginne gleich mit Anna Ternheim. Vielleicht gehe es aber auch erst um halb neun los. Vor und hinter mir standen da noch enorm viele Leute. E-Tickets, die von einer Frau gescannt werden müssen, die gleichzeitig die Gästeliste bedient und stempelt, hielten den Verkehrt weiter auf. Hätte es um acht begonnen, ein guter Teil des Publikums hätte den Konzertstart im Treppenhaus des Zoom erlebt.

Als es im schrecklich vollen Saal dann losging, kam erst eine Gitarristin, dann ein Bassist (mit Kontrabass), eine Schlagzeugerin** und ein Keyboarder** auf die Bühne, sie begannen nacheinander ein Intro, das dann mit Anna Ternheim in Hours vom aktuellen Album For the young stammt. Ich mag die Platte und auch Hours, die Wucht, mit der das Stück vorgetragen wurde, ist bei Anna Ternheims Musik nicht so meines. Hours endete in einem wilden Postrock-Geballere mit quietschender Gitarre und headbangenden Musikern.

Diese Postrock- oder Shoegaze- oder manchmal einfach nur Fiesrock-Elemente kamen in unterschiedlich starker Ausprägung immer mal wieder vor. Bei Girl laying down zum Beispiel knallte das Instrument der Gitarristin wahnwitzig laut und vermutlich viel zu früh in den Gesang von Anna Ternheim. Das Ende des Lieds hätten Ride oder My Bloody Valentine nicht anders interpretiert. Den Höhepunkt dieser Rock-Anna bildete Only those who love, bei dem die Sängerin ihre akustische Gitarre abgelegt hatte und die Gitarristin dies zu kompensieren versuchte. Uff.

Dann ging die Band. Anna spielte Better be und The longer the waiting (the sweeter the kiss) akustisch. Ja, das mag ich lieber. Wie viel lieber machte mir dann der Anfang von What have I done deutlich. Keyboard und Schlagzeug stellten das nächste Genre vor: Eurodisco! Am Ende hielt Anna sich ihr Tambourin wie einen Heiligenschein über die neue Frisur. 

A french love danach war wundervoll. Das Stück ist eines ihrer schönsten, die Instrumentierung war schön, es war wie eigentlich immer eines der Highlights des Konzerts. Direkt im Anschluß kamen alle Musiker nach vorne, um - wie schon öfter seit 2008 - Summer rain komplett abgespeckt nur mit Annas akustischer Gitarre zu singen. Ich mag das Lied nicht so, es war aber vermutlich für alle anderen ein besonders schöner Moment. Leaving on a mayday begleitete das kundige Publikum mit rhythmischem Klatschen. Bei diesem Lied, das sie für ihren Vater geschrieben habe, führte die Sängerin eine Art Regentanz auf.

Und danach begann dann mein Konzert. My secret war wundervoll! Die erste Zugabe kannte ich nicht, hatte aber von ihr gehört. Ich hatte natürlich nicht stillhalten können und auf die deutsche Veröffentlichung von For the young warten können und hatte die Platte Monate vorher in Schweden bestellt. Auf der deutschen Version ist offenbar das Backstreet Boys Cover Show me the meaning of being lonely, das in der Anna Interpretation vollkommen unpeinlich war! Calling love beendete die ersten Zugaben.


Auch wenn die ersten aufbrachen, keine Anna ohne Shoreline. Obwohl auch das Lied ein Cover ist (von Broder Daniel), ist Anna Ternheims Version sehr eigenständig und auch nach all den Jahren noch ein riesiger Hit. Danach folgte der Antipol zum Konzertauftakt: A voice to calm you down, nur von der Schwedin, komplett ohne Instrument gesungen. 

Es war - man liest das vielleicht zwischen den Zeilen raus - keines meiner besten Anna Ternheim-Konzerte. Die Schweinegitarre hat mir vieles verdorben. Aber es war natürlich trotzdem wieder eine gute Idee, zu ihr zu gehen. Vielleicht ist die nächste Begegnung ja wieder eine nur mit ihr und ihrer Gitarre.

Setlist Anna Ternheim, Zoom, Frankfurt:

01: Hours
02: Still a beautiful day
03: To be gone
04: For the young
05: Girl laying down
06: Only those who love
07: Better be
08: The longer the waiting (the sweeter the kiss)
09: What have I done?
10: A french love
11: Summer rain
12: Leaving on a mayday
13: My secret

14: Show me the meaning of being lonely (Backstreet Boys Cover) (Z)
15: Calling love (Z)

16: Shoreline (Broder Daniel Cover) (Z)
17: A voice to calm you down (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
- Anna Ternheim, Freiburg, 21.02.12
- Anna Ternheim, Frankfurt, 19.02.12
- Anna Ternheim, Köln, 11.02.12
- Anna Ternheim, Berlin, 03.11.11
- Anna Ternheim, Nyköping, 24.11.09
- Anna Ternheim, Paris, 23.09.09
- Anna Ternheim, Fribourg, 20.09.09
- Anna Ternheim, Köln, 13.09.09
- Anna Ternheim, Haldern, 14.08.09
- Anna Ternheim, Paris, 29.04.09
- Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09
- Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06



* Bon Jovi ist böse! Viel zu böse! Mit fiel (Schlafmangel) nur gerade keine Indieband mit fiesen Gitarren ein, sowas höre ich halt nicht.
** glaube ich. Ich war sichtbeschränkt.




2 Kommentare :

Uwe Batke hat gesagt…

Ein Anruf bei zoom hat mich informiert, dass es gegen 20h 30 losgeht, so wie bei denen wohl üblich.
So kam ich stressfrei genau zu der Zeit an, alle waren schon im Club und ich hatte von hinten Mitte gute Sicht.

Die Band fand ich sehr gut, auch die Gitarristin und speziell die tolle Schlagzeugerin
und ich hätte gern noch mehr von den lauten Songs gehört. Es gab erstaunlich viele Songs vom Debütalbum.



Dixi hat gesagt…

Bei eingen deiner Konzerte war ich auch. U. a. dieses hier. Mein erstes von Anna Ternheim war im Karlstorbahnhof Heidelberg.
Später habe ich sie mehrfach in Köln (Stadtgarten, Luxor) und in Frankfurt (Batschkapp, Zoom) erlebt. Mir gefällt auch die fetzige Anna bzw. der Live-Mix. Immer wieder ein besonderes Erlebnis, für das sich jeder Weg lohnt.

 

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