Montag, 4. April 2016

Desperate Journalist, Köln, 30.03.16


Konzert: Desperate Journalist (& Woog Riots)
Ort: Tsunami Club, Köln
Datum: 30.03.2016
Dauer: Desperate Journalist gut 50 min, Woog Riots knapp 40 min
Zuschauer: ca. 65



Über ein Konzert zu schreiben, das ich selbst veranstaltet habe, ist nicht ganz leicht, weil ich befangener bin als ein Mitglied der FIFA-Ethikkommission. Natürlich liebe ich die Bands, die ich einlade, sonst würde ich das ja nicht machen. In den letzten Monaten habe ich außerdem das Tsunami als tollen kleinen Club für Konzerte kennengelernt, in dem Bands ausgezeichnet klingen können. Was sollte da also schiefgehen? Das alte Theorie/Praxis-Spiel... Es kann eine ganze Menge in die Hose gehen.

Objektiv war da kein Risiko. Desperate Journalist sind eine der aufregendsten Bands, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Sängerin Jo Bevan klingt auf Platte toll, ist live aber um Längen eindrucksvoller. Die Songs der Band müssen sich vor nichts verstecken. Irgendwer sagte nach dem Konzert, Desperate Journalist wären vor 20 Jahren riesig geworden. Ob eine Band heute überdurchschnittlich bekannt und erfolgreich werden kann, hängt vermutlich hauptsächlich vom Glück ab. Desperate Journalist haben alles, um auf sehr viel größeren Bühnen als bisher zu spielen, brillante Musiker, eine charismatische Sängerin und einige riesige Hits! 


Nachdem ich die Band im letzten Juli beim Indietracks in Mittelengland kennengelernt hatte, schickte ich ihr eine Buchungsanfrage für etwas anderes, später im Jahr. Als dann eine Deutschland-Tour gebucht werden sollte, leitete mir ein Kölner Freund das Angebot weiter, das hiesige Konzert zu veranstalten. Meine Booker-Tätigkeit hatte mit einem Abend mit drei spanischen Indiepop-Bands im Januar angefangen, der dank der Gruppen ein großer Spaß und dank des Clubs alles andere als katastrophal war. Also ja. Ich hatte mir irgendwann vorgenommen, nur Bands zu veranstalten, in die ich mich beim Indietracks verliebt habe. Das passte also.

Kurz nachdem das fix war, mailte ich mit Silvana von den Woog Riots, einer irre tollen Darmstädter Elektro-Pop-Band. Die Woog Riots hatte ich beim Indietracks 2013 leider verpasst, hatte das aber zwei Monate später in Darmstadt (deutsche Midlands) nachgeholt und toll gefunden. Wir waren uns schnell einig, daß sie die perfekte Ergänzung zu Desperate Journalist wären. Also wenigstens im Prinzip. Denn am nächsten Tag spielte der 1. FC Köln gegen Darmstadt 98. Da ich langsam wieder verlernen möchte, wie sich Abstiege anfühlen, machte ich meine Konzertzusage davon abhängig, daß Köln in Darmstadt nicht verlieren dürfte. Das Spiel endete wie üblich 0:0, ich hatte also meine zweite Band fürs zweite Konzert.


Die Woog Riots waren ursprünglich eine fünfköpfige Band, sind seit Jahren aber ein Duo, bestehend aus Silvana Battisti und Marc Herbert. Keyboard und Bass. So wie Elektrobands also instrumentiert sind. Was Silvana neben ihrem Keyboard aber nach und nach an Instrumenten hervorzauberte, war phänomenal. Schon beim Soundcheck ging mein Herz auf, als sie nach einem Stuhl fragte, weil sie eine singende Säge spielen werde. Das wundervollste aller Instrumente! Also das wundervollste jedenfalls nach dem (der?) Omatone, einer großen Musiknote aus Plastik, die am Hals wie ein Sylophone gespielt wird und deren Mund die Töne dann verzerrt. Omatones sehen wie Spielzeuge aus. Ich habe mir vor einigen Jahren eine (eines?) in einem Museumshop gekauft, hatte aber nie gedacht, daß man mit dem lustigen japanischen Quatsch auch ernsthaft Musik machen kann. 

Die Omatone war Teil der Instrumentierung bei Alan Rusbridger vom gleichnamigen neuen Album der Hessen. Alan Rusbridger ist der ehemalige Chefredakteur des Guardian, in dessen Zeit die Auswertung der Wikileaks-Dokumente fiel. Damals sollte der Guardian die Festplatten mit den Wikileaks-Daten der Regierung übergeben, ließ sie aber lieber (unter Aufsicht staatlicher Stellen) vernichten. Ich weiß ansonsten nicht viel über den Mann. Wer erreicht, daß Doctor ihn in einer Wikileaks-Verfilmung darstellt und von den Woog Riots ein Album und einen Song (mit Omatone) gewidmet bekommt, muß ein verflucht glücklicher Mensch sein. Vermutlich ist Rusbridger auch Leicester City Fan. 

Vom neuen (bereits fünften!) Album des Duos stammten einige Titel, das großartige Moscow Domodedovo, das eine andere Wikileaks-Seite beschreibt, den Aufenthalt von Edward Snowden auf dem Moskauer Flughafen, The zombie system, Gentrification, Popsongs mit Botschaften, tanzbare Gesellschaftskritik quasi. Mein Liebling von den neuen Sachen war wohl neben DME Emma Momoka (mit singender Säge!). Oder doch Rain am Ende? Am meisten hatte ich aber von einem der alten Hits. People working with computers war bis zum Wochenende mein Dauerohrwurm! Warum kennt nicht jeder die Woog Riots? Warum kann jemand wie ich diese großartige Band buchen? Wenn ich musikalischer wäre, würde ich Lieder über solche Mißstände schreiben!

Auch bei den Woog Riots war ich vorher sicher, daß sie toll sind. Dann zu sehen, daß das Publikum tanzt und sich offenbar auch amüsiert, war aber schon ein wenig beruhigend. Uff! Veranstalter kleben bei Konzerten gerne an Vorgruppen das Label "special guest", um sie aufzuwerten. Für mich waren die Woog Riots auch besondere Gäste - aber im wörtlichen Sinne. Wenn ich Konzerte mache, möchte ich Bands haben, die keinen Support brauchen. Da aber zwei Gruppen besser als eine sind, spielt vorher eben noch eine andere tolle Band.


Setlist Woog Riots, Tsunami, Köln:

01: Alvin Toffler
02: Alan Rusbridger
03: Last beat
04: Moscow Domodedovo
05: George Harrison
06: From Lo-Fi to disco
07: People working with computers
08: The zombie system
09: Gentrification
10: Emma Momoka
11: Friends of mine (Adam Green Cover)
12: Rain

Desperate Journalist hatten beim Indietracks auf der Indoor-Stage gespielt, die eine Lok-Werkstatt ist und den Charme eine Lagerhalle hat - leider auch deren Sound. Der Soundmann des Tsunami hatte zwar keine Blechdach-Halle zu beschallen, sehr viel einfacher ist der Job in dem Kellerclub aber vermutlich auch nicht. Er schaffte es aber im kurzen Soundcheck, daß Desperate Journalist wirklich hervorragend klangen.

Warum die Musik der Band mit dem wundervollen Namen so gut ist, hat viele Gründe. Die Melodien sind grandios, Hits wie Happening, Control, Cristina phänomenal. Ganz besonders ist aber Jos Stimme. Vermutlich wäre Happening mit einer anderen Sängerin auch ein gutes Lied. Aber ein Knüller ist es eben so! Und daß da nicht aus einem Stimmchen im Studio etwas für die Platten gezaubert wurde, zeigte Jo beim ersten Stück Control. Wow! Ich hatte das schon erlebt, die Wirkung war gleich. Welch eine super Band.

Neben (und hinter) Jo spielen Gitarrist Rob Hardy, Bassist Simon Drowner und Schlagzeugerin Caz Hellbent. Jos Stimme und ihr Bühneverhalten verführen dazu, nur sie zu beobachten. Sie spielt kein Instrument, was bei Musikern oft zu komischen Ersatzhandlungen führt. Jo löst dieses Instrument-fehlt-Dilemma eleganter als die anderen. Sie wickelt sich das Mikrokabel wie Ketten um den Hals. Das Kabel in Köln war rot und wirkungsvoll. Auch wenn das ein tolles Schauspiel ist, sind ihre Kollegen genauso sehenswert. 


"Warum spielen die nicht viel größer?" fragte mich ein Freund nach Control. Wenn die Band nicht alles falsch macht, wird sie das hoffentlich! Ich hätte gerne mehr für das Konzert geworben, sehr viel mehr Leute hätten verdient gehabt, den ersten Deutschland-Auftritt der Londoner zu sehen!

Desperate Journalist spielten vor allem Stücke des im vergangenen Jahr erschienenen (und auf Vinyl ausverkauften) Debüts. Leave me von der EP Good luck, die nach der Platte erschienen war und Wait von der Vor-Album EP Cristina.

Als letztes Lied spielte die Band Organ mit Elizabeth my dear von den Stone Roses als Einleitung, fabelhaft, und als Zugabe die B-Seite Kitten, die eine eigene Jutetasche hat. 


"Never apologize, never explain." Also kann ich auch von diesem Konzert schwärmen, puh!

Setlist Desperate Journalist, Tsunami, Köln:

01: Control
02: O
03: Leave home
04: Remainder
05: Wait
06: Nothing
07: Eulogy
08: Heartbeats
09: Happening
10: Cristina
11: Distance
12: Organ (mit Intro Elizabeth my dear (Stone Roses Cover))

13: Kitten (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- Desperate Journalist, Ripley, 25.07.15

- Woog Riots, Darmstadt, 19.09.13
- Woog Riots, Berlin, 22.05.08




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