Samstag, 21. März 2015

My Brightest Diamond, Paris,13.02.15


Konzert: My Brightest Diamond mit Support Tim Fite
Ort: Le Gaîté Lyrique in Paris
Datum: 13. Februar 2015
Dauer: 35 min + 100 min
Zuschauer: etwa 600 (nicht ganz ausverkauft)



Ich bin in unserer Familie ein bisschen berühmt berüchtigt. Aber ich schwöre, diesmal kam die Idee, Freitag den dreizehnten zum Glückstag in Paris zu machen, nicht von mir... Zu viert hatten wir schließlich am Bühnenrand gestanden und schauten uns nach dem Konzert in die Augen, die ein Glück teilen konnten, für das uns in dem Moment noch die Worte fehlten. Am nächsten Tag sprach ich mit den Kanadiern in Paris noch etwas stammelnd darüber: Eigentlich brauche ich dieses Jahr kein Konzert mehr zu besuchen. Es wird keines mithalten können...


Als der Plan aufkam, konnte ich recht bestimmt sagen: Gute Idee, das wird sich lohnen. Die drei Konzerte, die ich mit My brightest Diamond schon erlebt hatte, waren alle grandios gewesen. Zuletzt in Eindhoven mit dem Material der neuen Platte hatte sie sich in die Jahresbestenliste gespielt - das erste in Berlin 2011 hatte mich zum Schreiber fürs Konzerttagebuch werden lassen und wird auch deshalb immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Was ich aber nicht wusste war, dass Paris ein ganz besonderer Konzertort für Shara Worden ist und sie an diesem Abend auch vom Publikum in einmaliger Weise getragen werden würde. Insofern wurde die etwas spinnerte Entscheidung für Paris zu einer, die weise genannt werden kann.


Wir hatten uns ein Quartier gesucht, von dem wir zur Gaîté Lyrique laufen konnten. Das Theater überraschte uns sehr positiv. Es machte von außen ordentlich was her mit einer Jugendstilfassade und hatte ein stilvoll modernes Innenleben. Auch Einlass und übriges Personal waren freundlich und effektiv, gelassen und fast heiter. Wir verbrachten noch etwas Zeit in dem Café und studierten die Bühnenzeiten. Erst fünf Minuten bevor es mit Tim Fite  losgehen sollte, suchten wir uns Plätze im Saal und standen damit noch in der zweiten Reihe.


Tim (mit bürgerlichen Namen Timothy Sullivan) ist ein Hans Dampf in allen Gassen oder Jack of all trades. Ein Schelm, der sich und sein Publikum ordentlich auf den Arm nimmt. Er spielt mit Worten, Samples alter Schallplatten (die vom iPad kommen), bastelt und macht Kurzfilme. An diesem Abend war er von der großen Projektion ganz eingenommen neben der er fast ein bisschen klein wirkte. Seine Einmannshow war und ist wahrscheinlich jederzeit wirklich sehenswert, auch wenn man - wie ich - eigentlich nicht so viel mit Hiphop anfangen kann. Aber die Ironie, das spielerische, die überbordende Spielfreude, das Geplänkel mit dem Publikum, die kamen nicht nur bei mir bestens an.


Er hatte eine Tour de Force vorbereitet:  iBeenHACKED  sein aktuellstes Album war prominent vertreten mit dem Titelsong, BigMAC, No Philsophy, The Phoney und Like. Man kann das natürlich kindisch finden wenn somebody got my nose gesungen und gespielt wird. Oder wenn Sexy Leroy seine Auftritte auf der Leinwand hat. Oder The Dog & Pony Show mit der Episode On crying gezeigt wird. Oder die Stimmung zwischendurch angeheizt wird, indem das Publikum von ihm gerufene Fragen, ob wir noch Lust haben, mit möglichst enthusiastischem "ja!" - in Paris natürlich mit "Oui!" - beantworten soll. Und doch kommt auch jedes Mal - schwupps - etwas mit, das so gar nicht kindisch ist, sondern einen wachen Blick auf die moderne Welt zeigt.
 

Der endgültige Ohrwurm, der uns auch Tage später noch anhing war Burn it down. Auch hier geht es zunächst etwas schräg los, wenn Ställe brennen sollen, nur weil die Kühe und Hühner ihn auslachen. Aber es wird ernst, wenn Banker sich daneben benehmen... Das Publikum war jedenfalls im Refrain eifrig dabei, alles brennen zu lassen. Und es gab besonders großes Hallo, als Shara Worden für ein Sing- und Tanzduett auf die Bühne kam.


Der Umbau war schnell erledigt - es musste ja nur das iPad und das Mikro abgeräumt werden und der Ablauf sah auch vor, dass es nach nur 15 min mit My Brightest Diamond weitergehen sollte. Sie hatte an diesem Abend am Schlagzeug Tim Mulvenna (+) und  Fontaine Burnette am Bass dabei. Damit war auch der Ton schon klar gesetzt: heute gab es eine Rockshow.



Bestätigt wurde das gleich zu Beginn mit einem recht dunklen Rocksong von Jeff Buckley Gunshot Glitter, in dem die E-Gitarre rotzig herangenommen wurde und anschließend in ähnlichem Habitus das trotzige I am not the bad guy vom aktuellen Album This is my hand (2014) folgte. Beide Songs mit den für Shara so typischen Wechseln zwischen sehr tiefen und hohen weiblichen Stimmlagen an diesem Abend ziemlich rockig.


Mein erster Höhepunkt und auch der Moment wo der Saal das erste mal explodierte war Pressure, wofür Shara ans Keyboard wechselte. Diesmal mit moves, die den Inhalt des Refrains ausdrückten. Dafür gab es Unterstützung durch Tim Fite und den Bassisten (sehr expressiv!). Es startet ja mit einem sehr charakteristischen Trommelwirbel (der in mir immer die Erinnerung an die Marching band Version von Eindhoven anstößt). Der setzte auch hier den ganzen Saal in Bewegung. Nach der Zeile Disperse the white light durfte dann endgültig der Mann an den Drums ausflippen und alle zum zappeln bringen. Im Herzen trage ich zwar die Version mit fetten Bläsern - die hier leider fehlten - aber es war doch auch so Glück pur.


Es folgte Before the Words - ebenfalls vom aktuellen Album. Erstmals erschloss sich mir nun der Refrain, nachdem uns Shara dazu den Mythos der Ureule dargelegt hatte, die von Anbeginn der Zeiten existiert und in den Erzählungen der Mütter für uns lebendig bleibt. So wurde die Version des Abends für mich schamanisch und innig. Be brave ist einer meiner Lieblinge vom Vorgängeralbum (All things will unwind, 2011), das immer wieder bei mir Gänsehaut auslöst: be brave dear one - be changed to be undone. In der rockigen Umsetzung auch sehr stark.


Lover, killer vom aktuelles Album hat diese synkopischen Rhythmen, die gar nicht so einfach zum klatschen sind. Damit ist es eigentlich eine Tanznummer und irgendwie ganz luftig, obwohl es um so ernste und dunkle Inhalte geht. High low middle - ihr Lied über Detroit - macht mir immer gute Laune und wurde entsprechend enthusiastisch vom Publikum aufgenommen und mitgesungen. Diese gute Stimunng wurde gebrochen durch Say what (Album Bring me the workhorse, 2009) - ein sehr inniger, unendlich trauriger Song, den ich noch nie von ihr live gehört hatte. 


Mein nächster absoluter Höhepunkt war das Wiegenlied I have never loved someone (2011), das nie verfehlt mir die Tränen der Rührung in die Augen zu treiben. Ein wahrhaft funkelndes Kleinod. Für die Pariser hatte sie anschließend etwas ganz besonderes vorbereitet: Ihren Song Apparition, dessen Text ein Gedicht von Mallarme ist, wurde von ihr erstmals im französischen Original aufgeführt. Die Einführung in den Song war sehr geheimnisvoll (eine Geistergeschichte) und die Version auf der Bühne auch sehr introvertiert.


Als letztes Stück der regulären Setlist war das Titelstück des aktuellen Albums in der französischen Version vorgesehen, die zu Beginn der Tour veröffentlicht worden war. Ich fand es sehr interessant, wie unterschiedlich der Song wirkt, wenn die einfachen englischen durch die gleichen aber französischen Aussagen ersetzt werden. Irgendwie stellt man sich dann gleich einen viel zierlicheren Körper vor (jedenfalls ging mir das so). Natürlich wurde anschließend enthusiastisch um Zugaben geklatscht. Und es gab zunächst Inside a boy von All things will unwind, was ich auch sehr ins Herz geschlossen habe. Die Zeile We are stars colliding wird wohl nie seine Wirkung auf mich verfehlen. 


Anschließend gab es noch eine echte Überraschung. Tim und Shara schlüpften in zueinander passende Overalls, die Tim Fite für die Hand in Hand Tour gestaltet hatte, und legten eine heiße Tanznummer hin. Sie drückte noch einmal sehr fröhlich aus, was sich schon als roter Faden durch den Abend gezogen hatte: Hier sind zwei Freunde zusammen unterwegs, die - so verschieden sie Musik machen - doch voneinander lernen und sich ergänzen. Das gab eine ziemlich lustige und extrovertierte Nummer im Publikum - herrlich! Ebenso eindrucksvoll, Fontaine Brunette die Hüften schwingen zu sehen - unfassbar köstlich (man sehe sich das verlinkte Video an).


Hier war wohl der Höhepunkt und das Finale geplant gewesen, aber die Pariser ließen nicht locker. Noch zweimal kam Shara mit all time hits auf die Bühne. Feeling good ist ohnehin ein unzerstörbarer Song, der aber von ihr an diesem Abend in einer wahnsinnigen Version zelebriert wurde, und auch dem Bass ordentlich Schmiss erlaubte. Das setzte mich komplett in Extase (und nicht nur mich). Noch in der Erinnerung bekomme ich Gänsehaut und es fühlte sich wie ein ganz persönliches Geschenk an. Als auch anschließend der Saal (zurecht!) tobte, kam Shara noch ein letztes Mal heraus, setzte sich auf den Bühnenrand und kam schließlich noch einmal ins Publikum, um mit uns Fever zu zelebrieren. So ging ein Abend zu Ende, der uns bestimmt noch sehr, sehr lange im Herzen leuchten wird.


(*) fast vertrottelt hätte ich auch den Fakt, dass wir damit den - für mich halt sehr nebensächlichen - Valentinstag in Paris hatten...
(+) leider nicht mein Lieblingsdrummer Earl Harvin



Setlist:
01: Gunshot Glitter (Jeff Buckley cover)
02: I Am Not The Bad Guy
03: Pressure (mit Tim Fite)
04: Before The Words (mit Tim Fite)
05: Be Brave
06: Lover Killer
07: High Low Middle
08: Say What
09: A Bronze Head
10: Resonance
11: I Have Never Loved Someone
12: Apparition (in Frz.)
13: Ceci Est Ma Main ("This Is My Hand" Frz.)

14: Inside A Boy (Z)
15: It takes two   (Z, mit Tim Fite, Rob Base, DJ Easy cover)

16: Feeling Good (Z, Nina Simon cover)(#)

17: Fever (Z, Peggy Lee cover) 


(#) von Leslie Bricusse & Anthony Newley

Alle Bilder des Abends:
 
 

Hand in Hand Tour:
Feb 08 Vera - Groningen
Feb 09 Tivoli De Helling - Utrecht
Feb 11 Stereolux - Nantes
Feb 12 Aetonef - Lille
Feb 13
Gaîté Lyrique - Paris
Feb 14/15 Festival Generiq - Dijon
Feb 17 Salumeria Della Musica - Milan
Feb 18 Bogen F - Zürich
Feb 19 Bad Bonn - Dudingen

 

Aus unserem Archiv:
My Brightest Diamond, Haldern, 08.08.14
My Brightest Diamond, Eindhoven, 07.02.14
My Brightest Diamond, Straßburg, 30.03.12
My Brightest Diamond, Paris, 28.03.12
My Brightest Diamond, Berlin, 24.11.11
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