Montag, 30. März 2015

Morrissey, Tilburg, 29.03.15


Konzert: Morrissey
Ort: 013, Tilburg (Niederlande)
Datum: 29.03.2015
Dauer: gut 90 min
Zuschauer: knapp 2.000



Bei meiner Konzertgeherei habe ich gelernt, daß man als Zuschauer nicht den Fehler machen darf, alles zu hinterfragen, bei allem immer davon auszugehen, der Künstler habe genau die gleichen sehr hintersinnigen Gedanken bei dieser Aussage oder diesem Lied oder dieser Geste gehabt wie sein Fan. Stuart Murdoch von Belle & Sebastian hat einmal auf die Frage, wie er die Setlisten seiner Konzerte zusammenstelle und warum gerade dies auf jenes folge, geantwortet, daß er kurz vor dem Konzert die Lieder aufschreibe, auf die er gerade Lust habe. Mehr stecke da nicht hinter.


Vermutlich deute ich also auch bei Morrissey viel zu viel in die kleinen Gesten. Vielleicht war To give (is the reason I live) von Frankie Valli nur Bestandteil des Sets, weil er das Lied gerne mag und nicht wegen solcher Zeilen wie "I was born as a part of the plan, with the heart of a man, with a will to survive." Auch der Text von Gertrude Stein über Matisse*, der unmittelbar vor dem Konzert über den Vorhang vor der Bühne lief und der schreckliche Nachruf-Assoziationen bei mir auslöste, war vermutlich aus ganz anderen Gründen ausgewählt.


Unbestritten ist, daß es nicht einfach war, Morrissey auf dieser Tour zur Platte, die gar nicht mehr existiert, noch ein zweites Mal zu sehen. Das Konzert in Essen im November war gut, hatte aber den bitteren Beigeschmack, daß es mit einem Abbruch nach wenigen Sekunden der Zugabe endete. Ein paar Flitzer hatten versucht, Morrissey zu umarmen, ihm war das nicht geheuer, er flüchtete.

Im Dezember sollte der Sänger dann in Tilburg in den Niederlanden spielen, der Termin funktionierte aber leider bei mir nicht. Als er dann kurzfristig abgesagt und auf März verlegt wurde, war ich Profiteur. Zumindest, bis wir nach dem Einparken in Tilburg erfuhren, daß Morrissey das Konzert kurzfristig abgesagt habe. Da ich nicht an viele weitere Europa-Touren glaube (nicht wegen seiner Erkrankung sondern wegen mehrerer Aussagen, er wolle dies irgendwann nicht mehr machen), fand gestern unser zweiter Versuch statt. Noch einmal tief in die Niederlande, um eventuell ein Konzert zu sehen, daß dann vielleicht wieder frühzeitig zu Ende wäre. Aber es ist Morrissey... was soll man da machen?

Als wir viel zu früh ankamen, stand vor dem 013 bereits eine Schlange. Es warteten allerdings viel weniger Leute als ich gedacht hatte. Bei Facebook schrieben Besucher, sie seien um 12 Uhr angekommen (Einlaß sieben Stunden später). Davon zeugten Isolierfolien, mit denen sie sich warm gehalten hatten und die zurückgeblieben waren (wie bei Tokio Hotel!), als wir irgendwann nach Einlaßzeit zurückkamen.

Das 013 ist eines dieser in Belgien und den Niederlanden typischen Musikgebäude. All das Geld, das bei uns in die unzähligen Radiointendanten investiert wird, deren Sender dann miese Musik (aus den 80ern, 90ern und von heute) dudeln, stecken unsere Nachbarn offenbar in Konzerthäuser, in denen Popmusik gespielt werden kann. Das 013 stammt vermutlich vom gleichen Architekten wie das Trix in Antwerpen, es glich dem wie eine etwas kleinere Schwester. Im Rheinland trat Morrissey zuletzt in der ollen Düsseldorfer Halle mit den vielen Namen auf oder in Köln im Palladium. In Tilburg war die Akustik toll, der Saal wunderschön, die Ordner entspannt und wirklich alles auf Musik ausgerichtet.



Statt einer Vorgruppe bestand das Vorprogramm aus einem DJ-Set, das recht angenehm war. Um halb neun startete dann der Morrissey-Pausenfilm, eine Institution zwischen dem Support und dem Hauptprogramm, der aus einer Zusammenstellung von alten Musikvideos und Fernsehmitschnitten von Musik, Talkshows oder Tanz besteht. Im Vergleich zum November gab es viele neue Elemente, u.a. das Video von Fade to grey von Visage, deren Frontmann Steve Strange vor ein paar Wochen gestorben ist, aber auch alte Lieblinge wie den Auftritt der New York Dolls im Musikladen mit der Moderation von Manfred Sexauer ("drehen Sie die Radio ähhh Fernsehgeräte leiser..."). Besonders komisch war die Flamenco-Step Einlage eines Spaniers mit Bolero-Jäckchen, weil der sicher eine andere Meinung zum Stierkampf hatte als Morrissey. Der gut halbstündige Film endete mit dem Stück Imperfect list von Pete Wylie ("cancer, hunger, Stock Aitken Waterman, greed, Adolf Hitler...").

Dann fiel der Vorhang und Morrissey und Band erschienen. Auf das erste Stück hatte ich gehofft, weil es am Vorabend der Absage Anfang März in der Setlist des Konzerts in Groningen war. What she said von Meat is murder. Und danach Suedehead und alles war gut,



Das Musikgebäude (niederländisches Lieblingswort dafür: Poppodium) war da sehr gut gefüllt. Bis auf den Balkon oben, der geschlossen zu sein schien, wirkte der Saal voll. Das Publikum schien uns älter, größer und männlicher als in Essen. Es gab aber auch alles andere, was man bei Morrissey so beobachten kann - die Leute mit den Blumensträußen, das kleine Kind auf den Schultern, den Mann mit den selbstgemalten Porträt des Sängers.


Morrisseys Band schien uns auch noch einmal verändert zu sein. Aber das lag wohl nur an den neuen Outfits und Frisuren. Sie trugen alle diesmal brombeerfarbene Hemden und schwarze Hosen mit Hosenträgern. Morrissey hatte ein Mechanikerhemd und eine (meine Deutung) 50er Jahre Jeans an.

Er sei beeindruckt von diesem "opera house", sagte der Brite, "but we're all classically trained, so don't worry!" 

Der musikalische Schwerpunkt lag wieder auf Stücken von World peace is none of your business, das Morrissey offenbar etwas lieber mag als seine Fans. Manche der Stücke sind wirklich etwas zäh. Aber wenn nach einem dieser eher langweiligen Lieder (Scandinavia) wieder eine Perle wie Speedway kommt, nehme ich die Entschleunigung gerne hin.


Eine angenehme Überraschung war die Rückkehr von Life is a pigsty ins Set. Ich liebe dieses lange, dramatische donnernde Lied. Auch The world is full of crashing bores hat er im ersten Teil der Tour nicht gespielt, glaube ich. The Queen is dead war nicht mehr im Programm, ersetzt wurde es schon Ende des Jahres durch Stop me... Noch nie gehört hatte ich das Frankie Valli Cover To give (is the reason I live), überhaupt mein erstes fremdes Lied bei einem Morrissey Konzert.

Erstaunlich gut kam Gaga in Malaga (das wohl offiziell The bullfighter dies heißt) an. Als ich die Platte zum ersten Mal gehört habe, hielt ich das Stück für einen Witz. Der Text ist nicht plötzlich toll geworden, das Stück hatte aber live etwas. In Essen kam es noch vom Band, untermalt mit Stierkampf-Szenen, bei denen das Tier gewann. In Tilburg war der Film während Meat is murder der einzige mit Erziehungsauftrag. 

Als die Band zur Zugabe zurückkam, war ich nach drei Takten Everyday is like sunday beruhigt. Das lief schon länger als in Essen! Vorher hatte Morrissey uns nach World peace... mit "you can go home now!" verabschiedet. Als mitten in der Zugabe eine sportlich gekleidete Frau versuchte, über den Fotograben zu klettern, versuchte zunächst ein Ordner, sie daran zu hindern. Morrissey mochte aber umarmt werden und half ihr auf die Bühne und ertrug es tapfer. Er beendete das Stück unfallfrei, warf uns "vaya con Dios" entgegen und verschwand.



Vielleicht war es nicht mein bestes Morrissey Konzert (dafür ist die aktuelle Platte zu schwach) aber es war ein gutes! Und es war hoffentlich nicht mein letztes.

Setlist Morrissey, 013, Tilburg:

01: What she said (The Smiths)
02: Suedehead
03: Staircase at the university
04: Istanbul
05: Kiss me a lot
06: Certain people I know
07: I'm throwing my arms around Paris
08: Neal Cassady drops dead
09: One of our own
10: To give (is the reason I live) (Frankie Valli Cover)
11: Scandinavia
12: Speedway
13: Life is a pigsty
14: Stop me if you think you've heard this one before (The Smiths)
15: The bullfighter dies
16: The world is full of crashing bores
17: Meat is murder (The Smiths)
18: People are the same everywhere
19: World peace is none of your business

20: Everyday is like sunday (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Morrissey, Essen, 24.11.14
- Morrissey, Paris,27.10.14
- Morrissey, Lüttich, 05.07.12
- Morrissey, Dublin, 31.07.11
- Morrissey, Köln, 11.06.09
- Morrissey, Offenbach, 09.06.09
- Morrissey, Esch, 05.06.09
- Morrissey, Lille, 19.01.08
- Morrissey, Frankfurt, 12.12.06
- Morrissey, Paris, 25.08.06
- mehr Fotos (flickR) 
- The Smiths und Morrissey Lego Albumcover (flickR)


* danke, Michael!


2 Kommentare :

Michael Pluegge hat gesagt…

Bitteschön ;)

Joachim Sell hat gesagt…

Danke für die ausführliche Review, aber eines solltest du mal tun: höre dir das aktuelle Album mal in Ruhe auf Kopfhörer an. Es verbirgt unendlich viele kleine Melodien und ist das beste Album seit Quarry, wenn nicht Vauxhall.
Und so sieht es auch die Mehrheit der Fans.
Tipp: die Deluxe Edition mit den 6 Extra Tracks ist großartig, Scandinavia der schwächste Song dieser sechs... Frohe Ostern. Joesellmozza

 

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