Mittwoch, 8. Oktober 2008

My Brightest Diamond, Paris, 07.10.08


Konzert: My Brightest Diamond (Chris Garneau, Clare & The Reasons)
Ort: La Cigale, Paris
Datum: 07.10.2008
Zuschauer: nicht ausverkauft

Konzertdauer: My Brightest Diamond ca. 55 Minuten, Chris und Clare jeweils ca. 40 Minuten



Nanu, bin ich hier auf einem Flohmarkt, oder einem Basar gelandet?

Auf dem Merchandising - Tisch in der Cigale kann man nicht nur CDs und Platten der auftretenden Künstler kaufen, sondern auch Plüschpferdchen (in einer Kiste), handgemachte Postkarten für 3 Euro, selbstgestrickte Schals für 18 Euro (überwiegend schwarz) und kristallähnlichen Kunstschmuck, dessen Preis mir entfallen ist. Ob man mit Shara Worden aka My Brightest Diamond handeln kann? Die zierliche Amerikanerin hat den Kram nämlich liebevoll selbst gestaltet und legt persönlich noch ein wenig Hand an, damit die Sachen ordentlich aufgebaut sind.

Der Start einer zweiten Karriere für Shara? Hmm..., ich glaube sie soll besser bei der Musik bleiben, denn dort liegen ganz klar ihre Stärken!

Bevor man sich aber vom Talent von Shara selbst überzeugen konnte, galt es erst noch zwei Vorgruppen zu "erleiden".

Im ersten Falle, Chris Garneau, bezieht sich das Erleiden weniger auf die musikalischen Kompositionen im Allgemeinen - die sind insgesamt ziemlich hübsch - denn auf die weinerliche Stimme des schüchternen Amerikaners, die auf die Dauer ein wenig anstrengend werden kann. Als würde er vor Liebeskummer und Weltschmerz schluchzen, so klang das, was der oberlippenbärtige Brillenträger hinter seinem Piano vortrug.

Lieder voller Melancholie und Sentimentaltät, die meine Sitznachbarin (die Cigale war heute komplett bestuhlt) leise mitsang und mit wehmütigem Blick den Künstler fixierte. Ich persönlich hatte etwas Mühe, mich diesen Klängen hinzugeben, zu angespannt und unkonzentriert war ich.

Irgendwann gelang es aber auch mir, mich sacken zu lassen und abzutauchen zu den vorgetragenen Schmachtnummer, die zu einem Teil vom Debütalbum Music For Tourists, zum anderen Teil von dem 2009 erscheinenden zweiten Werk stammten. Möglicherweise gab es aber auch Stücke von dem sogenannten C Sides Album, das man nur über das französische Label Fargo, das diesen heutigen Abend ausgerichtet hat, beziehen kann.

Logischerweise wurde ich immer bei Sachen von Music For Tourists aufmerksam, da ich die Platte habe und die Lieder gut kenne. Relief z.B., das gleich zu Beginn kam. Nur ins Mikro gehaucht wurden Sätze wie "I love the way you dance we can work it all out", oder We Could laugh In hell together; the devil will find you". Dazu fiedelten gleich drei Streicher (eine Violinistin und zwei Cellisten) um die Wette und Chris seufzte seine ooohhhoos und uhhuhhus mit viel Gefühl ins weite Rund.

Beim zweiten Lied, einem Neuling, kniete er sich an den vorderen Bühenrand und spielte auf einem Instrument, daß ich noch nie zuvor gesehen hatte. Es glich in etwa einem Schifferklavier, wurde aber liegenderweise wie ein Blasebalk nach vorne und hinten bewegt. Verblüffend!

Auch Baby's Romance und Castle Time wurden gespielt und mit sanften Streicherklängen unterlegt. Das war alles recht schön, wurde aber irgendwann ziemlich zäh. Man vermisste die Variationen und war am Ende ziemlich lull und lall. Freunde berichteten sogar hinterher, mich schlafend in meinem Sessel beobachtet zu haben. Üble Nachrede, so etwas, ich habe lediglich meditiert!...

Zu Black & Blue wurde ich noch einmal wach und lauschte aufmerksam dem Text: "I wish I was smaller, a little creepy crawler". Eine Stimmung wie an Weihnachten, so feierlich! Aber leider fehlten die Geschenke und vor allem die Plätzchen. Ich hatte nämlich Hunger!

Auf meinem Sessel zusammengesackt, bekam ich dann noch mit, wie sich Chris, der hervorragend französisch spricht, am Ende gerührt bedankte und mit seiner Band von dannen zog. Leider hatte er nicht das Elliott Smith Cover Between The Bars gespielt...

Soviel Gefühlsduselei hatte mich durstig gemacht, ich musste erst einmal tanken gehen. Als ich wiederkam, hatte Clare und ihre Reasons bereits mit dem ersten Stück begonnen. Von der Seite sah ich, daß die Sängerin genau wie ihre Begleitband komplett in rot gekleidet war und Converse an den Füßen trug.

Ich nahm meinen Platz in der ersten Reihe ein und sah die Amerikanerin jetzt aus nächster Nähe. Sie sah nicht schlecht aus, hatte wundervolle Augen, leider aber auch zwei bis drei Kilo zuviel auf den Hüften. Die Hose und das enge Top spannten recht bedenklich...

Leider gab es auch bei ihrer Musik etwas zuviel. Und das war ganz klar der Zuckerguss, der über jedes Lied üppig drübergeschüttet wurde. Regelrecht klebrig schwappte die Chose zu mir rüber. Man darf kein Diabetiker sein, wenn man Clare & The Reasons rund 40 Minuten lang ertragen will. Stilistisch sollte das Ganze ein luftiger, altmodischer Jazz-Pop sein, der Kritikern teilweise ein entzücktes Jauchzen entlockt haben soll, mir aber schon nach kurzer Zeit auf die Nerven ging.

Gespielt wurden Lieder von dem ersten Album The Movie, das in Amerika bereits 2007 erschien und bei dem solch erlesene Musiker wie Van Dyke Parks und Sufjan Stevens mitgewirkt haben. Ich fragte mich wirklich, wie es möglich ist, daß sich ein Sufjan Steven für einen solchen Käse hergegeben hat. Man höre nur das heute abend ebenfalls präsentierte Rodi oder das auf französisch gesungene Pluton an, um zu wissen, was ich meine!

"Getoppt" wurde das ganze aber noch durch eine Coverversion von (Somewhere) Over The Rainbow. Bei Clare & The Reasons hieß der Klassiker, der ursprünglich in den 3o er Jahren geschrieben und von Judy Garland zum ersten Mal gesungen wurde aber Obama Over The Rainbow. Ohne Worte...

Zum Glück kam danach aber noch eine anderes Cover und das war wirklich gar nicht übel. Everybody Wants To Rule The World nach Tears For Fears klang bei Clare frisch und unverbraucht, genau wie es sein soll.

Irgendwann hatte es sich aber ausgeclart und auch ihr Ehegatte Olivier hatte sowohl seine Flöte als auch seine Geige beiseite gelegt und man konnte sich auf das bald bevorstehende Highlight der Veranstaltung freuen und das war natürlich My Brightest Diamond.

Und über die Dame die hinter dem Pseudonym steckt, Shara Worden, habe ich wirklich schon oft auf dem Konzerttagebuch berichtet. Allein in diesem Jahr habe ich sie dreimal erlebt, zweimal in Frankreich, einmal beim Haldern Pop. Da hatte sie aber nie eine Band dabei, sondern kam immer nur alleine mit ihrer schönen Gibson-Gitarre.

Heute stand ihr aber eine ganze Band zur Seite. Es handelte sich schlichterdings um die Reasons, die zuvor noch bei Clare auf der Bühne agiert hatten. Dort traten die vier noch ganz in rot auf, für My Brightest Diamond hatten sie sich aber passend zur Sängerin schwarz/weiß angezogen.

Shara selbst trug ein sehr interessantes Retro-Outfit. Es bestand aus einem schwarzen Westchen mit Bolero Ärmeln und Krause, worin eine schwarz/weiß karierte Bluse integriert war und einem schwarzen Röckchen, das wie eine lange Bermuda-Short saß. Unten ragte die schwarz/weiß karierte Strumpfhose heraus. Entzückend!

Dergestalt in Schale geworfen konnte eigentlich gar nichts mehr schief gehen. Und es ging mit dem "Oldie" Golden Star auch gleich fetzig los. Die Streicher lieferten sich mit Shara's Gitarre interessante Duelle, es enstand ein famoser Sound, irgendwo zwischen Indie Rock à la PJ Harvey und Kammermusik. Die klassisch ausgebildete Stimme von Fräulein Worden war glasklar und präzise wie immer, es war ein Genuß diesem riesigen Talent zuzuhören!

Mit If I Were Queen ging es thematisch zum ersten Male zum aktuellen Album A Thousand Shark's Teeth. Das dramatisch aufgebaute Lied hatte ich zuvor noch nie live gehört, was ganz einfach daran lag, daß Shara die Streicher nicht zur Verfügung standen. Besonders Olivier Manchon, der Ehemann von Clare (die von den Reasons), tat sich dabei hervor. Mit schwarzem Zylinder gut behütet, fiedelte er hochpräzise die schwierigen Geigenparts. Ein Könner seines Fachs!

Apples bestritt Shara dann wieder mit diesem seltsamen kleinen Instrument, dessen Name ich schändlicherwiese immer noch nicht kenne, bevor mit To Pluto's Moon das definitive Sahnestück des Abends gespielt wurde. Auf der CD wurde dieser famose Track mit traumhaften Harfen aufgenommen und selbst wenn die heute fehlten, war es eine Wonne Shara und den Streichern zuzuhören. Eine Stelle begeisterte mich ganz besonders: Immer wenn Miss Worden "Why did you go like this" schmachtete, wurde ihr Gesang von der Geige und den beiden Celli bekleitet. Und am Ende gab es auch noch verzerrte Gitarrenklänge, es war wirklich ein sehr komplexes Stück.

Die ineinander übergehenden Klassiker Disappear und Dragonfly waren stark wie immer, bevor dann mit From The Top Of The World die neue Single gespielt wurde. Das Stück basiert auf einem Buch von George MacDonald und handelt von dem kleinen Diamond, der auf dem Nordwind dahinreitet.

Poetisch ging es dann auch mit Black And Costaud weiter, denn das Lied wurde von Maurice Ravel 1925 für die Oper L'enfant et les sortilèges geschrieben. Shara bediente sich bei der Interpretation des weißen Kastens, der über eine Art Telefonkabel einen Stimmverzerrer bot.

Auch der Rest des Programms wurde mit neuen Liedern von A Thousand Shark's Teeth bestritten, auf Ice And Storm (Lyrics: I want a storm to blow it out I want to shake myself and turn my heart inside out) folgte das vermutliche beste Stück des Albums, nämlich Inside A Boy.

Und am Ende gab es sogar noch ein Puppentheater zu bewundern! Zunächst wurde eine Leinwand mit einem darauf abgebildeten Schiff hochgehalten und dann bewegten die Reasons zwei kleine Püppchen, einen Herrn in weiß, und eine Dame in schwarz, aufeinander zu. Die Dame hielt dabei rote Rosen in ihrer Hand und irgendwann küssten sich die beiden inniglich. Hierzu wurde auf englisch ein Lied gesungen (Lyrics von G.Parsons), das eigentlich von Edith Piaf stammt: Je n'en connais pas la fin/Hymne à l'amour.

Eigentlich ein perfekter Schluss, denn was sollte nach einer Hymne auf die Liebe eigentlich noch kommen?

Nun, es kam noch der Ukulele-Song. Eine Mitsingnummer, bei der das Publikum den l"alalalala la- singalong" geben muss, die aber nicht zu meinen Favoriten gehört. Das Lächeln, das uns Shara beim Spiel der winzigen Ukulele schenkte, möchte ich aber nicht missen wollen...

Setlist My Brightest Diamond, La Cigale, Paris (Fargo All Stars):

01: Golden Star
02: If I Were Queen
03: Apples
04: To Pluto's Moon
05: Disappear
06: Dragonfly
07: From The Top Of The World
08: Black And Costaud
09: Ice And Storm
10: Inside A Boy
11: Hymne à l'amour (Edith Piaf, English Lyrics By G. Parsons)

12: Ukulele-Song (Z)

Links:

- Bloggerfreund Eike urteilt hier viel positiver über Clare & The Reasons

- Fotos von My Brightest Diamond hier
- Fotos von dem entzückenden Puppentheater hier
- Fotos von der Verabschiedung, rührend!
- mehr Pics von Clare & The Reasons und Chris Garneau

- Video My Brightest Diamond Hymne à l'amour, auf einem Steg umgeben von Wasser, gedreht von La Blogothèque, am besten ist das herzhafte Lachen von Shara am Ende!
- Video zu Disappear, ebenfalls von der Blogothèque
- Chris Garneau, Baby's Romance in einer diesen charmanten Sessions von Le Cargo, hinter seinem Piano mit roten (!) Tasten
- Chris Garneau We Don't Try, gedreht von der Blogothèque, einsam auf Pariser Straßen unterwegs, bis es dann in die Bar geht...




4 Kommentare :

E. hat gesagt…

auf chris' neues album warte ich bereits. "music for tourists" habe ich sehr gut in erinnerung. etwas eintönig vielleicht, genau so, wie du das konzert beschreibst. trotzdem.

oliver r. hat gesagt…

Ja, ich denke auch, daß das zweite Album von Chris wieder schön sein wird, wie schon Music For Tourists. Man muss es ja auch nicht immer von Anfang bis Ende auf einen Schwung durchhören.

Christina hat gesagt…

...ich hatte Chris irgendwie weniger bebrillt und weniger bärtig in Erinnerung. Habe ihn beim runterscrollen gerade gar nicht erkannt. Mmmmh. Ich wünschte, er würde mal im Umkreis von 300 km von hier spielen :((

oliver r. hat gesagt…

Schnäuzer und Brille sind neu bei Chris Garneau, das T-Shirt trägt er aber anscheinend bei jedem Konzert.

Man folge dem Link, dann sieht man seinen neuen Look noch besser:
http://www.flickr.com/photos/oliverpeel/2926040417/in/set-72157607859922746/

 

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