Donnerstag, 3. September 2009

Farewell Poetry & Heligoland, Paris, 02.09.09


Konzert: Farewell Poetry & Heligoland (Jason Edwards)

Ort: Le Glaz'Art, Paris
Datum: 02.09.2009
Zuschauer: mittelere Raumauslastung
Konzertdauer: insgesamt mindestens 2 1/2 Stunden



Fans der Stilrichtungen Post-Rock, Shoegaze, Post-Punk aufgepasst: Ich habe zwei heiße Tips für Euch!

Über den ersten, Farewell Poetry, bin ich quasi in meiner Wohnung gestolpert, denn die beiden Macher des Projekts, Frédéric D. Oberland und seine Freundin Jayne Amara Ross saßen bei der Oliver Peel Session mit Simone White als Gäste auf unserer Couch (siehe Bild rechts). An jenem unvergesslichen Tag war die Pariser Akordeonspielerin Jeanne Madic aktiv beteiligt, denn sie eröffnete auf brilliante Weise für Simone. Damals war Jeanne aber noch nicht Teil des Farewell Poetry Kollektivs, diese Verbindung muß also erst in den letzten Wochen zustande gekommen sein.

Erst in den letzten Tagen erfuhr ich, daß Jeanne (Foto links) zusammen mit Farewell Poetry im Glaz'Art auftreten würde. Ich freute mich riesig, Jeanne wiederzusehen, denn sie ist nicht nur eine außergewöhnliche (und ungewöhnliche!) Künstlerin, sondern auch ein ganz lieber, warmherziger Mensch. Aber entgegen der ursprünglichen Ansetzung sollten Farewell Poetry erst ganz am Ende auftreten. Zuvor gab es noch den musikalisch guten, mir an diesem Tage aber zu getragenen Amerikaner Jason Edwards mit seiner vielköpfigen Band. Der Bursche macht wüstensandgeschwängerten Folk, der an Tom Waits oder Bob Dylan erinnert. Sein Indiehit heißt Codeine und den sollte man sich auf seiner MySpace Seite mal anhören.


Nach Jason Edwards waren dann die inzwischen in Paris lebenden Australier Heligoland an der Reihe. Die von der Sängerin und Akustikgitarristin Karen Vogt angeführte Band ist in den letzten zwei Jahren in europäischen Indieclubs schon viel rumgekommen. In Deutschland spielten sie dieses Jahr bereits im Gleis 22 in Münster, im Bett in Frankfurt und im Schokoladen in Berlin, aber auch in Prag und Luxemburg sind sie schon aufgekreuzt. Heute aber nun wieder einmal ein Termin in der Wahlheimat Paris. Und das Konzert hielt, was es versprach, denn Karen hat nicht nur eine ganz wunderbare, warme und sinnliche Stimme, sondern verfügt auch über ein sympathisches Wesen. Hinzu kommt, daß ihre männliche Begleitband einen hochdramatischen, zum Träumen animierenden Post-Rock/Dream Pop- Sound kredenzte, der mit herrlichen kleinen Gitarrenmelodien gespickt war. Der kahlköpfige Gitarrist arbeitete dermaßen hart an seinen feinen, sphärischen Riffs, daß ihm der Schweiß nur so von der Stirne tropfte, während der Basser mit geschlossenen Augen vor sich hin schwelgte. Den französischen Drummer konnte man leider kaum sehen, aber auch er war ganz ausgezeichnet. Obwohl ich zuvor nie von Heligoland gehört hatte, gibt es die Band schon einen ganze Weile, seit 1999 bestehen sie schon, aber vermutlich nicht genau in der heutigen Besetzung. Im Moment arbeiten sie an Album Nummer 3, wovon auch die meisten Stücke des heutigen Sets stammten. Sehr sehr vielsprechende Stücke im Übrigen, die die Qualität der Songs von den Vorgängern A Street Between Us und Shift These Thoughts noch locker toppen sollte. Eine Perle von A Street Between Us wurde uns aber auch gegönnt und zwar Red Pocket, das man sich in Ruhe bei Last Fm anhören kann. Ein bildhübsches Lied, das getragen beginnt und sich im weiteren Verlaufe immer mehr verdichtet und von hochmelodischen Gitarren wie auf Flügeln getragen wird. Zum Abschluß gab es dann noch Cabo De Gata von Shift These Thoughts und hinterher war klar, daß ich soeben eine potentielle neue Lieblingsband gesehen hatte!


Setlist Heligoland, Glaz'Art, Paris:

01: Kiss Kiss Bang Bang
02: Nearness
03: Speedy
04: Landscape
05: Mapping
06: I'm In Love
07: Red Pocket
08: A Year Without Sunlight
09: Cabo De Gata

Es war schon weit nach 22 Uhr, als Farewell Poetry begannen, ihren ganzen "Kram" auf der Bühne auszubreiten. Hierzu gehörten zwei aufgeklappte Koffer, in denen sich allerlei mysteriöse Steckverbindungen befanden, zwei schwarze Raben, Glöckchen an einer Schnur, ein Harmonium, ein Geigenbogen zur Bearbeitung der Gitarre, ein Glockenspiel, ein Akordeon und viele andere spannende Geräuscherzeuger. Ganz in der Mitte der Bühne hatte sich die höllisch attraktive rothaarige Jayne Amara Ross postiert, die in der Folge für den sinnlichen Sprechgesang verantwortlich war, mit dem jedes der fünf endlos langen Lieder eingeleitet wurde. Der Start wurde mit Hymn (The Martyrs' Mount) gemacht und sofort breitete sich eine dichte, düstere und gespenstische Atmosphäre aus. Jayne und ihr Partner Frédéric sind stark vom Film beeinflusst und vertonen ihre verträumten Gedanken, so daß man quasi Zeuge eines Soundtracks wird. Welche Filme sie wohl inspiriert haben? Das müsste man sie schon selbst fragen, aber es versteht sich, daß es keine Hollywood Blockbuster waren, sondern sehr spezielle, experimentelle und pechschwarze Werke. Mir persönlich lief ein kalter Schauer nach dem anderen über den Rücken und als am Ende des Stücks die postrockigen Gitarren losjaulten, wurde ich bis auf den Mond geschossen! Ich war völlig in den Bann gezogen und konnte meine Augen nicht von der bildhübschen und mysteriösen Jayne nehmen. Traumversunken brabbelte sie auch beim dritten Lied, January: In The Bold Jaws Of Beartraps einen mit völlig verrauchter Stimme vorgetragenen Text, indem teilweise auch vulgäre Ausdrücke wie "fuck" oder "cock" vorkamen. Erotisiert taumelte ich durch 10 Minuten purer Dramatik und war von dem sinnlichen Spektakel wie benommen.

Beim letzten Lied schließlich, wurde ein weißer Vorhang, der als Leinwand diente, aufgespannt. Hinter diesem spielten die Musiker den Track As True As Troilus , der mit schwelgerischen Gitaren im Stile von Explosions In The Sky aufwarten konnte. Vorne lief unterdessen ein Filmchen ab. In rascher Folge sah man einen Mann mit Pferdekopf (Eselkopf), weiße Mäuse, Umrisse einer düsteren Stadt (ich dachte an Edinburgh) und eine weißgelockte laszive Frau. Es war ein Fest für alle Sinne! Mindestens 10, eher 15 Minuten lang, wurde eine knisternde Stimmung aufgebaut, die sich schließlich in wildem Lärm und Schlagzeugdonnerhagel entlud.

Farewell Poetry hatten mich weidwund geschossen und mit offenem Munde zurückgelassen. Meine Hände zittterten und mir warm unsäglich warm. Was für ein schaurig-schöner Schocker!


Setlist Farewell Poetry, Glaz'Art, Paris (merci à Jayne et Frédéric!):
01: Hymn (The Martyrs' Mount)
02: Hope
03: January: In The Bold Jaws Of Beartraps
04: An Under-Worked Horse Is An Unsafe Ride
05: As True As Troilus (Film)

Pour nos lecteurs français:

Très belle programmation pour les fans de Post Rock/Post Punk, Shoegaze ce soir au Glaz'Art de Paris! Avec les australiens Heligoland (exilés à Paris) et Farewell Poetry de Paris, il y avait même deux nouvelles perles de ce genre à découvrir. Même si la qualification "nouvelle" n'est pas forcément le cas pour Heligoland, puisque le groupe avait déjà publié leur premier Ep éponyme en 2000. Depuis ils ont fait du chemin, publié deux albums complets et tourné un peu partout en Europe. Mené par la chanteuse Karen Vogt, ils ont proposé à un public ravi leurs tous nouveaux morceaux de l'album à venir. Karen possède une voix cristalline et sensuelle que le groupe épaulait à merveille. Guitares aériennes, son dramatique et post-rock, les Heligoland ont su me rallier à leur cause.

Le collectiv Farewell Poetry ensuite, mené par la très belle chanteuse rousse Jayne Amara Ross et le guitariste Frédéric (ex 21 Love Hotel) a donné un spectacle dense, féerique et envoûtant. Très inspiré par le cinema, le groupe qui compte 7 membres : Frédéric D. Oberland (guitare électrique, harmonium, field recordings), Dave Olliffe (guitare électrique, baryton), Jayne Amara Ross (mots, sampler, projections Super ( & 16 mm N&B), Michel Aubinais (batterie), Colin JohnCo (feedbacks analogique, mpc), Jeanne Madic (accordéon), Eat Gas (Guitare électrique, glockenspiel), m'a laissé complètement bouche bée avec des compositions sombres, ultra-complexes et pleines d'élégance. Les morceaux longs et dramatiques ont souvent commencé par le spoken word de Jayne dont la voix rauque m'a donné la chair de poule, et terminé par des solos de guitares melodiques, post-rock et noisy. C'était un spectacle pour tous les sens, beau, sensuel et hypnotique. À la fin il y avait même un petit court-métrage à admirer. Le groupe jouait derrière le rideau et sur l'écran (un drap blanc) on voyait la silhouette d'une vieille ville fortifiée ,un homme à tête de cheval, des souris blanches et une vamp à chevulure bouclée!
Quelle belle découverte! Quel groupe creatif et innovateur! Je suis persuadé qu'on va beaucoup entendre parler d'eux à l'avenir!

Links:

- mehr Fotos von Heligoland hier
- mehr Fotos von Farewell Poetry hier

- charmante Videosession von Le Cargo mit Heligoland: Hier performen sie Nearness auf einer Parkbank in Paris. Der Wind bläst, aber Karens eindringliche und wunderschöne Stimme überdeckt alle Geräusche, auch diejenigen von vorbeifliegenden Tauben. Toll!
- Ausschnitt aus dem Film von Farewell Poetry, As True As Troilus



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