Dienstag, 15. September 2009

Bart Davenport & Kacey Johansing, Paris, 14.09.09


Konzert: Bart Davenport & Kacey Johansing & Simone Rubi (Molly Tuttle)

Ort: Galerie Brachfeld, 3. Pariser Arrondissement
Datum: 14.09.2009
Zuschauer: ungefähr 55
Konzertdauer: zusammen fast 2 1/2 Stunden



Als ich gegen 19 Uhr 30 vor der Galerie Brachfeld ankomme, sind die kalifornischen Künstler, die heute hier auftreten werden, noch beim Soundcheck. Ich begrüße kurz aber herzlich Kacey Johansing, die am 14. Juli zusammen mit ihrer Freundin Vera Gogh (und am Ende auch Mariee Sioux!) eine denkwürdige Oliver Peel Session in unserem heimischen Wohnzimmer abgeliefert hatte. Inzwischen sind genau zwei Monate vergangen, in denen Kacey nicht nur etliche Male in kleinen Pariser Bars und Cafés aufgetreten ist, sondern auch in Europa rumkam. Sie war unter anderem in Spanien, aber auch in Belgien und Deutschland, wo sie kürzlich im Berliner Intersoup auflief. Heute wird Kacey ihr letztes Konzert in Paris geben, bevor sie morgen ins sonnige Kalifornien zurückfliegen wird, wo sie so illustre Musikerfreunde wie Alela Diane, Alina Hardin, Matt Bauer und die Blank Tapes (bei denen sie auch mitspielt) hat. In der Galerie findet gerade auch eine Fotoausstellung statt und auf den hübschen Bildern sieht man nicht nur wildromantische Himmelaufnahmen, sondern auch eine barbusige Frau und das wohlgeformte Hinterteil einer holden Maid. Amüsanterweise werden die Musiker später vor diesen Arschbacken spielen, eine wahrlich originelle Einrahmung! Aber "später" ist das Stichwort: noch geht es nicht los, obwohl der Flyer von 19 Uhr sprach...

Ich verlasse kurzzeitig die Galerie und bummele durch das schicke Viertel. Es liegt im Marais, einer Gegend mit wunderschönen französischen Bürgervillen, Museen, Kunstgalerien und trendigen Klamottenläden. Gleich in der Nähe entdecke ich einen herrlichen Park, in dem ich ein wenig verweile und über Kopfhörer Musik höre. Während ich staunend auf die Pflanzen schaue, läuft Asobi Seksu auf meinen Ohren. Etwa zehn Minuten später kommt zufällig Erwan vorbei, dem ich es zu verdanken habe, daß Kacey Johansing und Vera Gogh in unserem Wohnzimmer auftraten. Er ist Labelchef von dem famosen Laden Waterhouse Records, organisiert Konzertabende im Pop In und in der Belushi's Bar und zupft auch bei der tollen Band Flowers From The Band Who Shot Your Cousin den Bass. Zusammen gehen wir nun zurück zur Galerie und stellen fest, daß sich der Laden seit meiner Abwesenheit deutlich gefüllt hat. Es dürften nun etwa 20 Leute da sein, später werden es sogar mindestens 50 sein, die auf engem Raum den erlesenen Konzerten, die unter dem Motto "A Night Of Music From Californians" stehen, lauschen werden.

Den Start macht Kacey Johansing. Mit caramellfarbenen Cowboystiefeln und ihrer Klampfe bewaffnet, verzaubert sie schon nach wenigen Noten. Ihre Stimme ist einfach unglaublich schön. Jazzig/soulig angehaucht, aber nie verstellt oder gekünstelt. Kacey hat einfach das gewisse Etwas, das wird schnell klar. Ihr Gitarrenspiel ist einfach, aber präzise und man fragt sich verwundert, wie sie es schafft, mit so wenig Aufwand eine solch relaxte, sonnendurchflutete Atmosphäre zu schaffen. Ihre hübschen blauen Augen hält sie meistens geschlossen, aber manchmal setzt sie auch einen Schlafzimmerblick auf und scheint die Reaktionen der Besucher zu beobachten. Die sind verzückt, der immer stärker aufbrandende Applaus ist dafür der beste Beweis. Am lautesten jubelt ihre kalifornische Freundin Simone Rubi (von der Band The Rubies), die später selbst noch in Erscheinung treten wird. Wenn man einen solch harmonischen und exquisiten Titel wie Angel Island hört, hat man aber auch wirklich allen Grund euphorisch zu werden! Überhaupt ist alles, was sie spielt einfach fabelhaft. Nach den bisherigen Eindrücken zu urteilen, dürfte das zumindest in den USA demnächst offiziell erscheinende Album ein Knüller werden. Kacey gönnt den Zuhörern heute nur etwa ein halbes Dutzend Stücke, aber jedes einzelne ist sublim. Obwohl es draußen in Strömen regnet, schließt sie mit dem Jonathan Richman Cover This Summer Feeling perfekt ab.

Nun ist die temperamentvolle Simone Rubi an der Reihe. Obwohl stimmlich auch nicht schlecht, kann sie nicht ganz das hohe Niveau ihrer Vorgängerin halten. Das lange Gitarrestimmen stört zudem den Fluß des Konzertes und manchmal wirkt sie auch nicht textsicher. Oder ist das Absicht? Ich weiß es nicht. Ihre Band The Rubies ist in Amerika in Indiekreisen wohlbekannt, eine stattliche Anzahl von Profilaufrufen bei MySapce und ein Artikel im renommierten Spin Magazine belegen dies eindrucksvoll. Vielleicht müsste ich mich mal näher mit den Rubies (die ihren Stil als Dance-Folk bezeichnen) beschäftigen, um Blut zu lecken. So aber bleibt mir vor allem das ungestüme Wesen von Simone Rubi in Erinnerung. Am Ende des Sets tritt übrigens auch noch die Countrysängerin Molly Tuttle für zwei Lieder mit hinzu. Diese macht sich ein Vergnügen daraus, mehrfach das Sätzchen: "I'm so honoured and delighted to be with you tonight" zu wiederholen. Eine liebenswürdige Person mit einer hübschen Stimme. Tonträger gibt es allerdings nicht von ihr.

Etwa eine viertel Stunde später ist dann endlich Bart Davenport am Start. Die schmucke Galerie ist inzwischen brechend voll. Alle Stühlchen sind besetzt und die anderen Leute stehen dicht an dicht. Wie so oft bei amerikanischen Künstlern sind auch viele Amis unter den Zuschauern, vielleicht gibt es ihnen eine Art Heimatgefühl , einen Landsmann singen zu hören.

Den Musiker selbst hatte ich mir vor einem innerern Auge ganz anders vorgestellt. Ich assoziierte mit dem Namen Bart Davenport immer einen vollbärtigen Typ mit Holzfällerhemd und stehe stattdessen einem hageren Bürschlein mit wavigem Scheitel und grauer Skinny Jeans gegenüber. Aber das spielt überhaupt keine Rolle, was zählt ist die wunderschöne Stimme des Kaliforniers, der bereits vier Alben veröffentlicht hat und bei Musikkritikern hoch im Kurs steht. Er singt fest, eindringlich und mit einem romantischen Zartschmelz. Seine Lieder atmen kalifornisches Flair, sie wirken sonnengereift, sind aber jeweils mit einer zarten Melancholie versehen. Sein Gitarrenspiel ist erstklassig, jeder Griff sitzt und gerne bewegt er sich auch ein wenig mit seiner Klampfe und geht teilweise tief in die Knie, um einzelne Stellen zu betonen. Ein Könner seines Fachs, das wird jedem hier deutlich! Was für ein Genuß ihn aus nächster Nähe und noch dazu umsonst zu bewundern! Bart spielt natürlich überwiegend Songs seines letzten Albums Palaces (2008), genauer gesagt Yerba Buena, Palaces und Jon Jon, wobei das Letztgenannte durch seinen Singalong im Mittelteil besonders einprägsam ist. Ich persönlich kenne vor allem The Sweetest Game, da ich den Musiker 2004 mit dem vielgelobten Album Game Preserve kennengelernt hatte, worauf diese Perle enthalten ist. Aber im Grunde genommen ist das gesamte Set hochkarätig und als bei Only A Shadow Kacey Johansing mitsingt, ist die Harmonie perfekt!

Ein rundum gelungener Konzertabend, der auch noch mit CD-Käufen versüßt wird. Witzigerweise steht am Merchandising Stand ein netter junger Mann, der für das wunderbare Hamburger Label Tapete Records arbeitet. Auch deren Künstler sind sehr zu empfehlen!

Setlist Bart Davenport, Galerie Brachfeld, Paris:

01: Come On, Let's go
02: Yerba Buena
03: Jon Jon
04: The Sweetest Game
05: Intelectual
06: Palaces
07: Only A Shadow
08: When My Dream


Links:

- Uschi aus Dortmund hat (hier!) auch schon ein schönes Video von Kacey Johansing eingefangen. Sie performt This Summer Feeling in der Galerie Brachfeld.
- Ebenfalls von Uschi: Bart Davenport singt Jon Jon und auch Sweetest Game. Spanisches Feeling!
- English Review of this gig by Rockerparis with photos and a video of Bart Davenport.
- Erst jetzt gesehen: Hier spielt Kacey Johansing in unserem Wohnzimmer. Wundervoll! Aber was soll ich auch anderes sagen?
- Mariee Sioux war am gleichen Tag (14. Juli 2009) in unserer guten Stube. Ich kann es immer noch nicht richtig glauben! Hier performt sie Friendboats und Kacey leistet die Backgroundvocals. Danke an Rockerparis für das Video!

Konzerttermine Bart Davenport:

16.o9.09: D:qliq, Luxemburg
19.09.09: Landet, Stockholm
21.09.09: Ost-Pol, Dresden
22.09.2009: Haus der Pioniere, Gera
24.09.2009: Privatclub, Berlin
25.09.2009: Reeperbahnfestival, Hamburg
03.10.2009: Nalen, Stockholm. Beginn der Skandinavientournee mit den Kings Of Convenience



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