Dienstag, 22. September 2009

Josh Tillman, Paris, 21.09.09


Konzert: Josh Tillman (Ohbijou)

Ort: Point Ephémère, Paris
Datum: 21.09.2009
Zuschauer: mittlerer Andrang (Optimisten sagen halb voll, Pessimisten halb leer)
Konzertdauer: Josh Tillman: satte 80 Minuten, Ohbijou etwa 35 Minuten



Josh (Joshua, J.) Tillman ist ein schöner Mann. Sehr groß, schlank und männlich. Mit seiner langen Mähne und dem Bart erinnert er mich an den schwedischen Tennisstar Björn Borg. Björn war mein erstes Idol der Popkultur, er verkörperte Stärke, Freiheit und Wildheit und zeigte in manchen Momenten auch seine gefühlige Seite. Als er nach dem entscheidenden Passierball im dramatischen Wimbledonfinale 1980 gegen John McEnroe auf die Knie sank und sein Racket wie eine Monstranz in den Himmel reckte, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Gänsehaut.*

Seitdem sind fast dreißig Jahre ins Land gegangen, Männer trugen das Haar in der Zwischenzeit deutlich kürzer und Björn Borg ist ergraut und hat seine Wimbledonrekorde an Roger Federer verloren. Lange Mähnen sind aber wieder in, seitdem Devandra Banhart vor ein paar Jahren ein Hippie Revival losgetreten hat. Josh liegt also im Trend und was noch viel wichtiger ist: er bereitet mir ähnlich wie damals Björn eine Gänsehaut, wenn er seine intimen Folksongs mit brüchiger Stimme vorträgt. Von jenen atemberaubend schönen Herzwärmern hat er jede Menge auf Lager, einer betörender als der andere. Sehr früh wird zum Beispiel No Occasion gebracht, ein Lied, das einen Gedenkstein verdient. Joshs Fingerpicking ist spärlich, wenn er die traurigen Lyrics ("I dont want to live again, cause i dont want this life to end") vorträgt und sein Blick ist gleichzeitig konzentriert und verträumt. Das stärkste ist seine samtweiche Stimme, die ein wenig vibriert und sich wie ein warmer Schal im Winter um den Hals schmiegt. Aus meinem Augenwinkel beobachte ich eine brünette Französin, die mit glänzenden Augen die Texte mitsingt. Sie trägt beigefarbene Cowboystiefel, das passt zur Atmosphäre. Hier und heute ist nämlich amerikanische Wüste angesagt, Pedal-Steel Gitarre inklusive. Der Bursche, der diese zum Schwingen bringt, guckt allerdings ein wenig gelangweilt, vielleicht ist er müde vom Touren oder denkt an seine Freundin in Texas, oder wo immer sie auch lebt. Der Drummer, der zu Beginn nur den Schneebesen rührt, ist wesentlich expressiver, seine Mimik ist köstlich. Wie ein Heavy- Metal Drummer reißt er oft den Mund weit auf und wirft verrückte Blicke in die Runde. Der Basser wiederum bewegt sich oft auf einer Linie mit Josh und ist ebenfalls ein hübscher Kerl. Fünfter Musiker ist ein unscheinbarer Gitarrist, der am linken Bühnenrand allerdings wunderschöne Melodien zaubert und somit wesentlich zum Gelingen des Konzertes beiträgt. Josh selbst spielt neben der Akustikgitarre auch Percussions, eine am Boden befindliche Pauke und bei einem Stück eine durchsichtig wirkende Flöte. Mit Hilfe dieser werden mystische Töne erzeugt, die einen psychedelischen Charakter aufweisen. Ich glaube sie gehören zum neuen Stück Crosswinds, das vom 2009 er Album Year In A Kingdom stammt. Von diesem werden natürlich auch noch einige andere Stücke performt, von denen mich der Opener Year In The Kingdom am meisten begeistert. Toll sind auch Earthly Bodies (allerdings weniger Chorgesang live als auf dem Album) und Though I Have Wronged You das am Ende ordentlich rockt. Überhaupt ist festzustellen, daß viele Lieder, die sehr schleppend und getragen beginnen, in der Schlußphase zu jaulenden Postrockern mutieren. Josh kann also nicht nur leise und intim, wie man das vielleicht aufgrund der stillen CDs vermuten könnte!

Am schönsten ist es aber natürlich, wenn er auf die Tränendrüse drückt und Kleinode vom Vorgänger Vacilando Territory Blues preisgibt, z.B Firstborn. Großartig ebenfalls When I Light Your Open Doors, fast schon so etwas wie ein Klassiker des Genres.

Auch das Publikum ist angetan und klatscht Josh am Schluß noch einmal zu Zugaben zurück. Es bekommt die wundervollen Balladen Master' s House ("You want need a dime to board in the master's house) und James Blues spendiert und entschwindet mit einem Lächeln auf den Lippen in die dunkle Pariser Nacht. Ein paar Besucher setzen sich noch ein wenig an den Kanal und lassen den Tag in Ruhe ausklingen. Wie sagte Josh Tillman während des Konzertes so uneitel zum eingangs aufgeworfenen Thema Schönheit: " You beautiful french people. If you are sitting there by the canal you look like supermodels or writers. When I am sitting there I look like a homeless man!"

Ein paar Sätze zur Vorgruppe: Ohbijou aus Kanada machen lieblichen und melodiösen Indiepop. Die Band besteht aus sechs Mitgliedern, wovon vier weiblich sind. Angeführt werden sie von Casey Mecija, die eine sehr hübsche Stimme hat. Die Band hat mir wirklich gefallen, ich kann sie empfehlen und habe mir auch ihre letzte CD Beacons zugelegt. Auf der Tour verkaufen sie übrigens auch eine limitierte Ep, die sie zusammen mit ihren hervorragenden Landsleuten The Acorn aufgenommen haben.

* bzw. das Gefühl, daß es einem eiskalt den Rücken runterläuft.



Aufgepasst! Ohbijou und Josh Tillman sind sehr bald auch in Deutschland unterwegs!

Konzertdaten Ohbijou:

22.September 2009: Paradiso, Amsterdam
24. September 2009: Feierwerk, München
25. September 2009: Studio 672, Köln
26.September 2009: Reeperbahn Festival, Hamburg
27. September 2009: Bang Bang Club, Berlin


Konzerttermine Josh Tillman:

22.09.09: Botanique, Brüssel
23.09.2009: Blue Shell, Köln
24.09.2009: Reeperbahn Festival, Hamburg
25.09.2009: Privatclub, Berlin
26.09.2009: Orangehouse, München
28.09.2009: Antwerpen, Belgien


Links:

- J. Tillman in einem intimen Video. Er singt Master's House. Schön!
- Mehr Fotos von Ohbijou hier
- Mehr Fotos von J. Tillman hier




1 Kommentare :

Stéphane hat gesagt…

More photos here :

- Ohbijou http://www.flickr.com/photos/_vran_/sets/72157622465616672/

- J. Tillman http://www.flickr.com/photos/_vran_/sets/72157614484957371/

 

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