Mittwoch, 11. Juli 2012

Warpaint, Prag, 10.07.12


Konzert: Warpaint

Ort: Palác Akropolis in Prag
Datum: 10. Juli 2012
Zuschauer: etwa 400
Dauer: 75 min


von Gudrun aus Karlsruhe

Wenn in Prag ein Veranstaltungsort Akropolis heißt, sollte man sich vielleicht nicht zu sehr wundern, wenn der Weg dorthin nicht nur durch das Prag, das die Touristen normalerweise nicht sehen, sondern auch noch bergan, bergan und nochmals bergan führt...

Diesmal bin ich zum arbeiten eine Woche in Prag. Im Vorfeld hatte ich geschaut, welche Konzerte Prag in dieser Woche zu bieten hat. Bruce Springsteen in der großen Arena begeisterte mich spontan nicht so sehr (nichts gegen den Boss), aber am
Dienstag gab es Warpaint in fußläufiger Entfernung zu meiner Unterkunft. Das sah vielversprechend aus.

Schon beim Eintreffen ganz oben auf dem Hügel war klar, dass hier ein paar Hardcore Fans ihren Idolen huldigen wollten. Eine Warpaint-Fahne wurde geschwenkt und es herrschte eine ausgelassene Stimmung in der angeschlossenen Bar.

Der Palác Akropolis ist ein großes Haus aus den 1920er Jahren. Dem Überschwang des Jugendstils entwachsen, aber sichtbar als ein Ort für Vergnügungen gebaut evt. von einem Verein (es gibt in Deutschland manche Gewerkschaftshäuser, die so aussehen)?

Ich entschied mich für einen Platz auf dem Balkon in der ersten Reihe. Es war noch genug Zeit um im Bistro auf dem Bürgersteig vor dem Akropolis etwas zu Abend zu essen. Für 89 Kronen (*) hatte ich einen ordentlichen Teller mit Käse, Brot und Paprika (alles sehr lecker) und einen halben Liter Bier. Dagegen fand ich den Eintritt von 550 Kronen für das Konzert nicht gerade Studenten-tauglich. Aber ich würde sagen, in der Summe von geistiger und körperlicher Nahrung war es ein guter Deal für mich an diesem Abend und der Saal war anschließend auch sehr gut gefüllt.

Auf dem Programm war als Beginn 19:30 Uhr angegeben. Einlass begann auch 19:00 Uhr, aber der Kartenverkäufer wiegelte schon ab: ich hätte noch zum essen Zeit, heut ginge es erst gegen 20:00 Uhr los.
In Wirklichkeit wurde es 20:15 Uhr und die Hardcore-Fans, die sich vor der Bühne schon um sieben die Plätze gesichert hatten, taten mir ein bisschen leid. Sie scharrten sichtbar mit den Hufen als ich oben kurz vor acht meinen Platz einnahm. Auf dem Balkon fand ich es sehr angenehm. Ich hatte alles gut im Blick und konnte meine Beine schonen. Der Anblick des Publikums unter mir war auch nicht ohne, denn von dem Moment an, wo die vier Mädels auf der Bühne erschienen, wurden sie konsequent abgefeiert. Die ersten beiden Reihen Zuschauer waren unübersehbar im siebten Himmel. Da ich selbst das von oben beobachten konnte, war es einfach nur schön. Wenn ich unten dazwischengeklemmt hätte, wäre meine Einschätzung ziemlich sicher eine andere gewesen. Der kleine Aufpreis für den Balkon war eine sehr weise Investition gewesen!

Zunächst schien die Band die Euphorie gar nicht wahr zu nehmen (denn es wurde nicht von der Bühne her quittiert) aber nach einiger Zeit gab es einen ''Sieg'' für die Verliebten vor der Bühne: die Fahne fand Aufmerksamkeit und bekam einen Platz auf der Bühne. In der zweiten Hälfte des Konzertes nahmen sie die Huldigungen etwas sichtbarer an und freuten sich, wenn das Publikum schon mit dem ersten Basslauf oder den ersten Gitarrentönen zufrieden aufjaulte oder klatschte.
Die Musik von Warpaint finde ich schwer zu beschreiben. Ich habe schon lange ihr Debut ''The Fool'' im CD Regal stehen, hole es aber eher selten hervor. Manches erinnert mich an Konstruktionen bei The Cure (die ich sehr mag). Aber anderes bleibt mir zu anstrengend und
abstrakt.

Im Liveset war es in jedem Fall druckvoller, was mir gefiel. Andererseits aber so laut, dass ich die Ohren schützen musste (finde ich stets doof).

In jedem Fall ist es eine Musik, wo die Energie eher verdeckt zirkuliert. Einen in der richtigen Stimmung aber total umhaut. Als Filmmusik zu einem Post-James-Bond-Krimi im Kopf bestens geeignet.

Ich bin ja vielleicht ein bisschen eigentümlich, aber auch hier hatte es mir besonders die Drummerin angetan (zuletzt fand ich die Schlagzeugerin bei Nive Nielsen so toll!). Sie saß wie eine Königin inmitten ihrer Werkzeuge, war häufig im Augenkontakt mit den drei Frontfrauen und von ihr ging auch fast stets ein zufriedenes Lächeln aus. Sie genoss in vollen Zügen den ganzen Abend. Die anderen Frauen wirkten meist sehr angespannt, die Bewegungen und Ansagen waren sehr sparsam und wie nicht richtig anwesend. Es entstand der Eindruck, sie spielten mehr für sich als für das Publikum.

Als Abschlußgeschenk des eigentlichen Sets gab es aber eine tolle Solo-Version von Baby. Sehr leise und intim, aber auch sehr intensiv in einer Weise, die die lauten Stücke so nicht hatten. Und die Sängerin verlor auf einmal ihre Unnahbarkeit. Und wie Christoph aus Lüttich berichtet hat, wurde ''unterwegs'' der Patti Smith Klassiker ''because the night'' eingeflochten. So etwas öffnet mein Herz.
Als das Konzert nach 55 min zu Ende sein sollte, waren die Fans noch nicht zufrieden. Sie feierten und riefen nach mehr. Die Damen ließen sich ganz schön bitten, lieferten dann aber noch zwei Songs. Aus der Setlist ist ersichtlich, dass diese schon eingeplant waren. Aber es war abzusehen, dass sich das Publikum immer noch mehr wünschen würde und dass man dem nicht unendlich nachgeben kann. Schließlich wurde dieser Widerspruch dadurch aufgelöst, dass es ein besonderes Geschenk als Abschied gab. Alle vier Frauen kamen vor an den Bühnenrand, setzten sich auf die Monitorboxen und spielten akustisch ein Lied, das nicht auf der Setliste stand und für mich emotional am stimmigsten war.

Hier war nichts verhuscht, hier wurde tatsächlich mit dem Publikum musiziert. Aus dem Rund wurde der Rhythmus klatschend und schnipsend spontan ergänzt und um lustige Sequenzen erweitert. Es wurden von einzelnen Gesangsparts beigesteuert. Die vier Frauen schauten das erste Mal an diesem Abend so richtig froh und zufrieden aus.

Das war wirklich ein besonderes Erlebnis.

21:30 Uhr war der Zauber schon vorbei. 400 glückliche Menschen strömten den Berg im letzten Tageslicht hinab. Auch wenn Warpaint nun immer noch nicht zu meinen Lieblingsbands zählt, war der Abend ein rundum schönes Erlebnis.

Setlist Warpaint, Palác Akropolis, Prag:

01: Intro
02: Bees
03: Stars
04: Beetles
05: Composure
06: Undertow
07: Majesty
08: Elephants
09: Baby

10: Burgundy (Z)
11: Billie Holiday (Z)

12: ? (Z)

Links:

- aus unserem Warpaint-Archiv:
- Warpaint, Lüttich, 05.07.12
- Warpaint, Haldern, 13.08.11
- Warpaint, Köln, 28.06.11
- Warpaint, Amsterdam, 19.06.11
- Warpaint, Barcelona, 28.05.11
- Warpaint, Frankfurt, 11.11.10
- Warpaint, Paris, 06.11.10
- Warpaint, Brüssel, 16.05.10
- Interview mit Warpaint



(*) 1 Euro sind etwa 25 Kronen



2 Kommentare :

E. hat gesagt…

da habt Ihr eine wundervolle ergänzung gefunden in Eurer berichterstatterrunde, die gudrun sucht die entlegensten orte auf und bietet spannende erzählungen. toll! weiter so!
ich habe warpaint mal als hype und kurzlebiges phänomen verschrien. längst revidiert.

gudrun.thaeter hat gesagt…

Danke E. !

Hier noch ein Hinweis auf sehr gelungene Fotos aus der "Schubszone" vor der Bühne. Darauf sieht man sehr schön: 1) Es lacht nur die Frau am Schlagzeug 2) die Warpaint-Fahne als Umhang
3) leider nicht den akustischen Abschluss.
http://www.musicweb.cz/fotoreporty/foto-warpaint-palac-akropolis-praha-10-7-2012

 

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