Samstag, 7. Juli 2012

Julia Holter, Berlin, 05.07.12


Konzert:Julia Holter
Ort: HBC
Datum: 05.07.2012
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer:ca. 70 Minuten



Text und Fotos von Markus aus Berlin:


Berlin im Hochsommer. Es blitzt und donnert wie in einem Hölleninferno. Ich kann mir das Spektakel mit anderen Wartenden überdacht vor dem HBC ansehen. Solche Art Naturspektakel wirken selbst in Berlin sensationell.Ich habe mich an diesem Abend vor dem HBC eingefunden, um Julia Holter innerhalb eines Monats zum zweiten Mal live zu erleben. Mit mir strömten noch reichlich Andere ins mondän umgestaltete ehemalige Haus Ungarn. Die erste Überraschung erwartet uns gleich beim ersten Blick in den Saal: Ein großer Teil davon ist bestuhlt. Daran ist prinzipell nichts verwerflich, nur reichten die Stühle nicht für alle Gäste, so dass ein Teil sich stehend an der Wänden im Raum verteilte. Die zweite Überraschung ist eigentlich gar keine Überraschung, denn im Raum stand die Luft. Es war unerträglich tropisch schwül. Krokodile hätten sich pudelwohl gefühlt. Wobei denen sicherlich das Wasser zum Abtauchen gefehlt hätte. Als Vorband fungierte der Schlagzeuger von Julia Holters Live Band, der sich sehr experimentierfreudig seinem Schlagzeug widmete. Während draußen ein Hölleninferno Berlin in Atem hielt, herrschte im Konzertraum eine sakrale Stimmung. Das rot gedämpfte Licht ersetzte die fehlenden Kerzen, die dunkel gehaltene Vertäfelung an Wänden und Decken, trug sein Übriges zu dieser Atmosphäre bei. Und die andächtig lauschende Gemeinde komplettierte diesen Eindruck. Meine Begleitung als auch ich konnten uns in die Klangwelten des Schlagzeugers nicht so recht einfinden und so entschieden wir uns die Zeit bis zum Auftritt von Julia Holter in der Lounge bei angenehmeren Temperaturen mit Plausch zu überbrücken.


In der Pause zwischen den Bands hatten wir Glück und so konnten wir, mittlerweile zu dritt, in der Nähe des Mischpultes Platz nehmen. Julia und ihre Band schreiten kurze Zeit später, unter ordentlichem Applaus, durch die Stuhlreihen zur Bühne hin. Julia trägt an diesem Abend die Haare offen, was ihr gut zu Gesicht steht - und auch sonst wirkt sie gelöster. Der Schlagzeuger hat sich wohl in Anbetracht an die Temperaturen seines Oberteils entledigt und könnte so mit seiner behaarten Brust und Vollbart ein Teil einer Trash-Metal Band sein. Sie beginnt ihr Konzert mit der berechtigten Frage, ob alle genug Wasser hätten. Marienbad beginnt. Brüche und das aufbrausende Chaos mittendrin, führen das Publikum in die Klangwelt einer Julia Holter großartig ein. Das Publikum, leicht irritiert von dieser Vielfalt in einem Lied, klatscht auch schon zwischendrin hinein. Das bombastische Gewitter in Berlin ist wohl auch nicht an der Band vorbei gegangen. Mit ein wenig Verwunderung erklärt sie, dass es so etwas wohl nicht in ihrer Heimat Los Angeles geben würde. Ob diese Verwunderung ernst gemeint ist, wird wohl eines der Rätsel des Abends bleiben. Es ist schon verwunderlich, denn diese Widersprüche der Naturgewalten hört man doch deutlich in ihrer Musik. Für Felix und Our Sorrows folgt. Der Schlagzeuger schaut immer noch am liebsten grimmig, während der Cellist seine freundliche Ausstrahlung bewahrt hat. Das Schlagzeug ist an diesem Abend dezenter und das Cello deutlicher herauszuhören. Das hört sich runder und stimmiger an, als zuvor in der Kantine des Berghains. Try To Make Yourself A Work Of Art, Gaston und Four Gardens folgen. Der Band scheint diese schwüle Hitze und die stehende Luft im Saal einiges abzuverlangen. Julia trinkt und fächert und fächert und trinkt immer wieder zwischen den Liedern. Trotz dessen ist sie an diesem Abend in richtiger Spiellaune. Mir wird klarer, dass es eine weise Entscheidung war den Raum, zumindest zum Teil, zu bestuhlen. Während es im Berghain immer auch unruhige Momente gibt, so beschränkt sich die Unruhe an diesem Abend auf das berechtigte Organisieren von Getränkenachschub außerhalb des Saals. Als ungünstig erweist es sich dabei, dass es draußen wohl DJ-Music gibt, die immer mal wieder beim Öffnen der Tür hinein schwappt. Julia Holter blüht mit jeder Sekunde weiter auf. Das liegt wohl nicht nur am Wasser, zu dem sie gerne greift. An Moni Mon Amie live könnte ich mich wohl nie satt hören. Was schon in der Studioversion das Herz zum zerreissen bringt, ist live noch weitaus intimer, intensiver und zerbrechlich schön.


Ihre Stimme glänzt an diesem Abend durchgehend und sie kann ihre Lieder in allen Facetten darbieten. Keine Sekunde langweilt. Ein großartiges Publikum genießt jeden Ton und jede Geste. Goddess Eyes ist an diesem Abend noch atemberaubender. Eine wahre Offenbarung. Julia und ihre Band verschmelzen förmlich. Und das Publikum mit ihnen. Zum Abschluss stellt sie herzlichst die Band vor, findet noch selbst sehr schöne Worte für diesen grandiosen Abend. Mit In The Same Room klingt das Konzert beglückt aus. Ein langer Applaus folgt, aber das Publikum hat Erbarmen mit den Künstlern, die sichtlich selig aber erschöpft, von der Bühne steigen.Wir genießen es noch lange im Konzertraum sitzen zu bleiben und plauschen weiter, während die Techniker geruhsam anfangen das Equipment der Band zu verstauen. Es gibt diese Konzertabende, die klingen noch lange nach. Die haben einen berührt und das ist etwas was es so besonders macht.

Setlist:

Marienbad
Für Felix
Our Sorrows
Try To Make Yourself A Work Of Art
Gaston
Four Gardens
Moni Mon Amie
This is Ekstasis
Goddess Eyes
In The Same Room (Z)


Videos:http://www.youtube.com/watch?v=NM-WnjqB8EY



 

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