Mittwoch, 27. Oktober 2010

Peter Broderick & François and The Atlas Mountains, Paris, 26.10.10


Konzert: Peter Broderick & François And The Atlas Mountains

Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 26.10.2010
Zuschauer: recht gut besuchte Veranstaltung



"Die Vorstadtdiskos sind total primitiv und sauteuer und um in die angesagten Läden in der Stadt reinzukommen, muss man sich anziehen wie eine Nutte."

Diesen Spruch einer jungen Pariserin konnte man allen Ernstes lesen, als die Kulturzeitschrift Les Inrocks 10 Gründe dafür anführte, warum die Jugend in Rage gegen Sarkozy ist. Das Nachtleben in der Seine-Metropole sei grundsätzlich scheiße und überteuert, wurde gefolgert.

Wenn ich solch einen Blödsinn lese, muß ich mir wirklich an den Kopf fassen! Es gibt ja wahrlich genug Gründe, den Präsidenten mit den Einlegesohlen zu kritisieren, aber die Grenze zur Albernheit sollte man dabei nicht überschreiten. Irgendwann werden junge Leute noch behaupten, daß der Eintritt in der Flèche d'or etwas teurer geworden ist, weil Carla Bruni das so wollte. Und das Frankreichs Fußballmannschaft derzeit so schwach ist, liegt natürlich an Sarko. Logisch. Aber reden wir doch mal über das Kultur-und Nachtleben in Paris. Ist das wirklich so schlecht? Grinderman & Anna Calvi in der Cité de la Musique, Perfume Genius im Point Ephémère, Yeasayer im Bataclan, Heligoland im International und Peter Broderick & Francois and The Atlas Mountain in der Flèche d'or. All dies wurde am heutigen 26. Oktober geboten. Wer da noch sagt, daß das Angebot mies sei, dem ist wirklich nicht zu helfen. Und abgesehen von der Show von Nicks Grindermännern waren auch die Eintrittspreise erschwinglich. Man muss wissen, daß es in Paris für quasi jedes Konzert, insbesondere für die kleinen und mittelgroßen Indiegigs, Gewinnspiele gibt, bei denen man sehr gute Gewinnchancen hat. Zudem existieren zahlreiche Gratisläden mit sehr ordentlichem Programm und in der Flèche d'or werden heuer je nach Konzert zwischen 8 und 10 Euro verlangt. Dafür bekommt man in der Regel drei, manchmal vier Bands + anschließendem DJ Set geboten.

Heute standen in der Flèche d'or ebenfalls drei Acts an. Der French Cowboy interessierte mich am wenigsten, ich war vielmehr für Peter Broderick und François and the Atlas Mountains gekommen.

François machte den Beginn. Der schmale Franzose mit den feinen Gesichtszügen lebt in Bristol und gehört zur dortigen Folkszene. Dennoch kommt er natürlich immer mal wieder nach Paris, um mit seiner vielköpfigen Band aufzutreten. In der Vergangenheit hatte ich ihn zweimal knapp verpasst, da galt es heute Versäumtes nachzuholen. Und es hatte sich letztlich gelohnt, früh auf der Matte zu stehen. François and The Atlas Mountains boten einen frischen Stilmix aus Pop und Indie, garniert mit einem nicht zu überhörenden Afroeinschlag. Sofort schossen mir Referenzen durch den Kopf und die üblichen Verdächtigen offenbarten sich : Animal Collective, Grizzly Bear, Le Loup, Yeasayer, Vampire Weekend. Diese Vergleiche dienten als Einordnunghilfe, konnten aber nicht das ganze Universum der Franzosen erklären. Bei François gab es eine typisch französische Note, die nicht nur an dem phasenweise französischen Gesang lag.

Ich verbrachte jedenfalls eine gute halbe Stunde und war besonders von dem Trommler beeindruckt. Der Bursche hüpfte gleich vor mir barfuß rum und trommelte auf zahlreiche Bongos, ohne je den Takt zu verlieren. Eine schweißtreibende und schwierige Aufgabe, die er mit Bravour meisterte!

Dann kam Peter Broderick. Der Bruder der süßen Heather hatte bei dem Konzert von François in der ersten Reihe gestanden und ebenfalls seinen Spaß gehabt. Bekannt geworden als Geiger von Efterklang, hat sich der sympathische Kerl zu einem beachtlichen Solomusiker entwickelt, der auch zahlreichen anderen Musikern seine Violinenkünste zur Verfügung stellte (Horse Feathers, She & Him, Laura Gibson, etc.). Sein letztes Album (sein sechstes in nur drei Jahren!) heißt How They Are, aber davon spielte er seltsamerweise keinen einzigen Song! Es dominierte ganz klar das Material von Home (2008). Absolut zu verschmerzen, denn alles was Peter anfasst ist hochfein und filigran. Seine Stimme ist sanft, aber doch eindringlich, sein Geigespiel herzerwärmend und seine Arrangements komplex und durchdacht. Dass ihm heute einige Male das richtige Timing fehlte, um die Instrumente zu wechseln (von der Geige zur Akustikgitarre und umgekehrt), sei ihm verziehen. Auch talentierte Musiker wie er sind nun mal keine Roboter, sondern Menschen, die unter dem Schlafmangel während ausgedehnter Tourneen zu leiden haben. Hinzu kommt, daß Broderick kürzlich erst von einer Knieoperation genesen ist und deshalb vielleicht einen Tick langsamer als sonst ist. Erfreuen wir uns doch eher an den herrlichen Liedern die gespielt wurden, als das Haar in der Suppe zu suchen. Ist With The Notes in My Ears etwa kein Kleinod, das uns im heranziehenden Winter wie eine warme Decke wärmen wird? Below It kein Seelentröster, der uns in traurigen Stunden begleitet und uns wieder aufrichtet?

Gegen Ende des leider recht kurzen Konzertes stieß dann ein Musiker namens Johan mit hinzu, mit dem Peter eine Split 7" veröffentlich hat, die auf den schlichten Namen Peter Broderick & Johan G Winther on Johan G Winther & Peter Broderick hört. Toll, wie die beiden zusammen agierten, ich hätte stundenlang zuhören können! Danach war aber relativ schnell Schluß und ich hatte einen wirklichen guten Konzertabend verbracht.

Kostenpunkt? 0 Euro*, weil mich ein Freund eingeladen hat, der zwei Plätzchen gewonnen hatte. Musste ich mich, um die Flèch d'or zu kommen, besonders in Schale werfen? Nö. Ist das Kultur-und Nachtleben in Paris mies? Nö, im Gegenteil! Ich bin sogar noch anschließend ins International geeilt, dort spielten gratis die famosen Australier Heligoland auf.

Worüber sich die Jugend lieber mal aufregen sollte: die Pariser sind beschissene Autofahrer, vor allem nachts! Fast jeden Tag kommt es vor, daß jemand völlig ohne Licht durch die Straßen der Stadt fährt, ohne es zu merken. Unfassbar!

Setlist Peter Broderick, la Flèche d'or, Paris (merci à Chantal!)

01: Looking / Thinking

02: The Piano Race
03: Below It
04: Pop's Song
05: Not At Home
06: With The Notes In My Ears
07: Pappa I Sverige (feat. Tsukimono/Johan G. Winther)
08: Chasing Kingdoms (feat. Tsukimono/Johan G. Winther)
09: Everything
10: Games Again

* regulärer Preis 10 Euro

Ausgewählte Konzerttermine Peter Broderick (ohne Gewähr):

28.10.2010: Luzern at Treibhaus
31.10.2010: Hamburg at Haus 73
26.11.2010: Berlin at HBC
27.11.2010: Utrecht at Le Guess Who Festival
28.11.2010: Brüssel at Autumn Falls, Botanique


Links:

- Das Klienicum mit einer wundervollen Albumbesprechung von Peter Broderick, How They Are?.
Klick!
- Auch zu François and The Atlas Mountains hat das Team vom Klienicum schon etwas Schönes geschrieben, klick!




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