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Freitag, 30. November 2018

My Brightest Diamond, Paris, 23.11.18

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Konzert: My Brightest Diamond
Le Point Ephémère Paris
Zuschauer: etwa 300


So eine rundum locker-ausgelassene Stimmung gibt es eigentlich viel zu selten bei Konzerten, zu denen ich sonst so gehe. Bei My Brightest Diamond in Paris wurde vorher, -während und auch hinterher getanzt. Schon die Einlaufmusik war tanzbar und während noch ein paar Leute verdutzt auf die Bühne starrten, wo man My Brightest Diamond nicht sah, sondern lediglich ihre Stimme vom Band hörte, bahnte sich die zierliche rotgefärbte Sängerin ihren Weg durch das überraschte Publikum. Der Titel passte perfekt zu der Situation: It's me on the Dance Floor






In den letzten Jahren ist die Musik der hochtalentierten Amerikanerin in der Tat immer elektronischer und discolastiger geworden, was auch mit praktischen Aspekten zu tun. Das Reisen mit Ukulele, Autoharfe und und und ist Shara irgendwann zu beschwerlich und zu teuer geworden und so ist sie wieder dazu übergegangen, als Duo mit reduziertem Instrumentarium zu funktionieren und gewisse Passagen und speziell die Chorgesänge vorher aufzunehmen.  Schon im April hatte sie vor Dominique A auf diese Weise und in dieser Konstellation nur mit einem Schlagzeuger gespielt, an jenem Freitagabend im November was das ebenso der Fall. Und der Bursche war wirklich verdammt gut, Jharis Yokley hiess er, ein toller Trommler.



Und weil Shara Frankreich, seine Kultur und seine Sprache liebt, hatte sie sich erneut die Mühe gemacht, ein paar ihrer Songs ins Französische zu übersetzen. Aus This Is My Hand wurde Ceci est ma main, aus Another Chance wurde Une autre Chance, Champagne blieb Champagne. Die drei Lieder spielte sie hintereinander weg, bevor sie wieder ins Englische wechselte.




Was auch wechselte, war die Stimmung der Lieder, denn im Lauf des Sets wurde das Ganze immer mal wieder deutlich gitarrenlastiger. Shara hatte sichtlich Spass daran, ihre Elektrische aufheulen zu lassen und in die Luft zu reissen und zu zeigen, dass die Indierocklady in ihr noch sehr lebendig ist.



Besonders wild wurde es bei Dorian und Inside a Boy, da zeigte die in einem kurzen goldenen Glitzerkleid performende US-Amerikanerin, welch ein Vulkan in ihr brodelt. Schon das mysteriöse Gitarrenintro wurde von den Fans gefeiert und in der Folge hörten wir Riffs die man definitiv als heavy bezeichnen konnte. Gepaart mit ihrer Sopranostimme war das unwiderstehlich.



Und da gegen Ende auch der Blogothèque Mitbegründer Chryde im Publikum stand, widmete sie diesem und ihrem kleinen, inzwischen siebenjährigen Sohn die hinreissende Ballade I Never Loved Someone. Erstaunlich wie sie es schaffte, nicht ins Kitschige abzudriften, obwohl die Grenze manchmal stimmlich und textlich angetestet wurde. Josh T. Pearson, der auch im Publikum stand, sagte hinterher, er habe noch nie in seinem Leben ein schöneres Lied gehört. Wer sich fragt, warum Shara dem Blogothekler Chryde diesen Song widmete, sollte sich das 2011 in Berlin gedrehte Video ansehen, da kullern am Ende bei allen Beteiligten die Tränchen. Clyde hatte das Video zusammen mit Vincent Moon gefilmt.



Die beiden Zugaben waren auch noch mal hochkarätig. Der alte mit viel Theatralik performte Klassiker Be Brave mit seiner spannungsgeladenen Atmosphäre, die sich gegen Ende des Songs mit krachenden Gitarren und einem ekstatischen Gesang auf herrliche Weise entlud und das diskolastige White Noise setzten dem Konzert die Krone auf. Supportact Ian Chang war inzwischen hinzugestoßen und trommelt in einer sehr experimentellen Phase eifrig mit. Auch ein Rapper namens  Napoleon Maddox hatte seinen Auftritt.



Sie war so gutgelaunt, dass sie einige Fans noch während des Konzertes drückte und abbusselte und in der Menge zwischen den Fans nach dem Konzert weitertanzte, als schon längst Musik vom Band lief. Ob sie das bei anderen Konzerten ihrer aktuellen Tourné auch gemacht hat, weiss ich nicht. In Paris war es schliesslich eine Releaseparty ihres neuen Albums A Million and one, so etwas musste eben gebührend gefeiert werden. Passend dazu gab es kleine, auf der Innenseite signierte, Hütchen für ein paar Fans.



Setlist:
01: It's me on the dance floor
02: Ceci est ma main (This is my hand)
03: Une autre chance (Another Chance)
04: Champagne
05: You wanna see my teeth
06: Sway
07: Supernova
08 Mother
09: White Noise
10: Dorian
11: Inside a boy
12: I have never loved somebody
13: Be brave
14: White noise

Aus unserem Archiv:
My Brightest Diamond, Lille, 20.11.18
Shara Nova, Hamburg, 23.08.18
Shara Nova, Antwerpen, 05.01.18
My Brightest Diamond, Paris, 13.02.15
My Brightest Diamond, Haldern, 08.08.14
My Brightest Diamond, Eindhoven, 07.02.14
My Brightest Diamond, Straßburg, 30.03.12
My Brightest Diamond, Paris, 28.03.12
My Brightest Diamond, Berlin, 24.11.11
My Brightest Diamond, Haldern, 13.08.11
My Brightest Diamond, Paris, 07.10.08
My Brightest Diamond, Haldern, 08.08.08
My Brightest Diamond, Evreux, 27.06.08
My Brightest Diamond, Paris, 22.04.08
My Brightest Diamond, Paris, 02.10.07
My Brightest Diamond, Paris, 26.02.07

Mittwoch, 24. Oktober 2018

The Wedding Present, Paris, 22.09.18

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Konzert: The Wedding Present
Ort: Point Ephémère, Paris
Datum: 22.09.18
Zuschauer: zwischen 250 und 300



Wenn man die Konzertreisen von The Wedding Present in den letzten 10 Jahren mitverfolgt hat, konnte man schön sehen, wie die eigene Lebenszeit verstreicht. Da sie etwa ein mal pro Jahr nach Paris kommen, stellt man immer wieder erstaunt fest, wie schnell ein Jahr vergeht. Waren sie nicht erst kürzlich hier? Um 30 Jahre George Best zu feiern? Ach so, das war im November 2017! Auch schon wieder 10 Monate her, verrückt wie die Zeit fliegt!




Und witzigerweise stammte dann auch gleich das erste Lied des Abends von Georg Best. Everyone Thinks He Looks Daft ist ein Klassiker, ein veritabler Ohrwurm, der das Konzert auf schwungvolle Wiese lancierte. Aber die Weddos können auch gar nicht anders als schwungvoll und dynamisch. Ihre Konzerte ähneln mehreren hintereinanderfolgenden Sprints, jedes Lied ist noch schneller als das vorangegangene und Dave Gedge bearbeitet seine Gitarre immer wie ein gedopter Leichtathlet. Ich glaube der Mann braucht das einfach. Dieses sich Abschrammeln an seiner Elektrischen. Ein Lebenselixier für ihn. Eigentlich könnte er sich ja langsam zur Ruhe setzen oder zumindest etwas kürzer treten, aber Gedge zieht sein Tourprogramm Jahr für Jahr gnadenlose durch. Etliche Begleitmusiker konnten seinem Tempo nur eine Weile lang folgen, Wechsel im Personal gab es in der Historie der Band reichlich.





Auch heuer wieder wurden wir mit einem neuen Line Up überrascht. Anstatt der blonden Danielle Wadey, die inzwischen Gitarre spielt, zupft nun die brünette, bereits auf Studioaufnahmen von Going Going präsente Melanie Howard den Bass. Eine hübsche junge Frau mit zarten Gesichtszügen und einem gothisch angehauchten schwarzen Look, die sehr dezent, fast schüchtern, agierte. Drummer Charles Layton, der schon seit 13 Jahren dabei ist, ging da ganz anders zu Werke. Er knallte drauf wie ein Besessener und zog auch wieder urkomische Grimassen. Danielle Wadey schien ihre Funktion als Gitarristin zu geniessen. Ihre Rolle in der Band ist wichtiger geworden, sie steht jetzt mit Dave an vorderster Front und sang auch immer wieder ein paar Vocalparts. Hübsch anzusehen ihre Kleidung, ein güldenes enges Kleid und flache Glitzerschuhe.


Die Ansagen und Kommentare zwischen den Songs machte aber immer nur der Chef persönlich. Nicht, dass er ausufernde Reden hielt, das nicht, aber er gab immer mal kurze Erklärungen zur Genese der Stücke und von welchem Album sie stammen. In einer recht witzigen Szene zeigte er auch seinen zynischen Humor, als er nach einem Zug aus der Pulle seine edelstählerne Trinkflasche anschaute und grinsend sagte: "Ist nicht aus Plastik. Ich vermeide jetzt Plastik. Ok, ich mache ab und zu Flugreisen, aber zumindest versuche ich umweltfreundlicher zu sein."

Sprachs augenzwinkernd, schnappte sich seine Gitarre und schrammelte wieder drauf los.


Die Setlist ging diesmal quer durch den Garten, quasi jedes Album wurde mit mindestens einem Song bedacht, Bizarro sogar mit drei an der Zahl. Don' Talk Just Kiss, in der Anfangsphase gespielt, stammte z. B. von jenem Machwerk. Nach wie vor ein dufte Titel, der teilweise sehr grungig und aggressiv wird und wurde, aber auch immer mal wieder mit Tempowechseln aufwartete. "I wann wake up in you." sang Dave an einer Stelle. Wie er das wohl meinte? Ob das jugendfrei war?

Lovenest stach ebenfalls hervor. Ein Song mit einem langen Intro , eher mittelschnell als rasant, aber sehr punkig und mit vielen überraschenden Wendungen.

Und dann gab es auch Lieder von seltener gespielten Alben: Ringwall To Seatac von Take Fountain, Boo Boo von El Rey, oder Bear von Going, Going.

Die packendsten Tracks hatten die Weddos aber in die Schlussphase gepackt, da kamen  altbekannte Kracher wie My Favourite Dress, Kennedy ("too much apple pie") und Take Me! hintereinander weg. Das letzte Stück endete in einer irre langen Instrumentalphase und wurde voll ausgekostet.

Zugaben gab es danach natürlich keine, das sind wir von The Wedding Present auch nicht anders gewohnt.

Wieder mal ein starker Auftritt der Briten, die danach auch noch durch Deutschland tourten. Vielleicht wart ihr dabei und könnt uns eure Eindrücke schildern? Im Gebäude 9 in Köln war es sicherlich toll, davon gehe ich mal aus!



Setlist

Everyone Thinks He Looks Daft

Once More
Don't talk, Just Kiss
Blue Eyes
Lovenest
Ringway To Seatac
You Should Always Keep in Touch With Your Friends
Boo Boo
Gazebo
Heather
Pourquoi es tu devenue si raisonnable?
You Jane
Niagara
Getting Nowhere Fast
Bear
Flying Saucer
My Favourite Dress
Kennedy
Take Me!




Dienstag, 25. Juni 2013

The National, Paris, 25.06.13

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Konzert: The National
Ort: Le Point Ephémère, Paris
Datum: 25.06.13
Zuschauer: 350, ausverkauft
Konzertdauer: etwa 80 Minuten  (es gab keine Vorgruppe)



The National in einem kleinen Pariser Club vor lediglich 350 begeisterten Leuten, wer hätte gedacht, daß wir Indiefreaks in Panama noch einmal diese Chance bekommen? Jeder, der als Booker in der Musikzene in der Seine-Metropole arbeitet, wusste schließlich, daß The National kategorisch Clubkonzerte für 2013 abgelehnt hatten. Dann aber gab es eine Konzertabsage in Istanbul (als hätten die Türken zur Zeit nicht schon genug Probleme) und der Weg war frei für eine Show im Point Ephémère. Die eigentlich angesetzte Waxachate vertröstete man mit einem Nachholtermin im Oktober und erklärte zudem, daß sich die Karten für ihren Gig mangels Promo schlecht verkauft hätten.

Die Nachricht von der Show von The National schlug am letzten Donnerstag in Musik Paris (was denn? es gibt schließlich auch Fußball Deutschland!) wie eine Bombe ein, das Problem war bloß, daß beim Eröffnung des Vorverkaufs am Freitag um 12 Uhr fast alle in die Röhre schauten. Die Karten waren in einer Sekunde (!!) weg. Auch ich hatte erst kein Glück, bevor noch Pech dazu kam.

Kate This Is The Kit Stables, die beim The National Label Brassland veröffentlicht, besorgte mir aber kurzfristig am Tage des Konzertes einen schicken Gästelistenplatz. Aus Pech wurde Glück, ohne Eintritt zu bezahlen, latschte ich stolz wie Oskar zur Emfangsdame und sagte, daß mein Name auf der Gästeliste von The National stünde. So war es dann auch und ich bekam noch ein wichtiges schwarzes Bändchen für die After Show (die hätte ich lieber ausgelassen, Stichwort: Brummschädel)

Ganz kurz zum Konzert (ich muss dringend ins Bett) bevor ich morgen den musikalischen Teil ausführlicher schildern werde:

Berninger mit Brille und obligatorischem Rotweinglas (bzw Becher) wirkte entspannt und gut in Form, will heißen er schrie teilweise wieder rum wie so ein Gestörter, was wir Fans natürlich genauso haben wollten. Zu Mister November drehte er wie immer eine Runde durchs Publikum, was nach wie vor funktionierte wie beim ersten Mal.

Die Dessners unterdessen ließen die Gitarren heulen und den Sound wesentlich aggessiver und rockiger klingen als auf den schönen, aber schnarchnasigen Clubsesselatmosphären-Plattenaufnahmen.


Die neuen Lieder zogen recht gut (das treibende und basslastige Graceless war sogar ein Hammer, Don't Swallow The Cap ebenfalls überdurchschnittlich), die Balladen I Need My Girl und This Is The Last Time überzeugten durch Sanftheit und Melancholie. Herausragend waren aber die alten Kracher wie Fake Empire, Squalor Victoria, Mister November und Terrible Love.

Die Stimmung war durchgehend hervorragend. Im Publikum fanden sich glücklicherweise nicht nur Labelmenschen und Promofritzen, sondern auch ein paar echte Fans, die seit Jahren bei allen guten Konzerten dabei sind. Eine Schicki-Micki Veranstaltung für ein paar desinteressierte Snobs wurde es somit Gott sei Dank nicht.

Ein männlicher Mitbürger wurde von Matt Berninger auf die Bühne gezogen und bereitete ihm damit sicherlich einen denkwürdigen Abend. Ich persönlich hätte die glutäugige Brünette hochgebeten, die glotze nämlich herrlich schmachtend den ganzen Abend nach oben. Aber Berninger braucht keine Weiber, sein Rotweinpegel ist ja konstant hoch. (Stichwort: too drunk to fuck)

Schöner Abschluß mit Vanderlyle Crybaby Geeks in einer am Bühnenrand vorgetragenen Akustikversion.

Morgen mehr!

Setlist The National, Point Ephémère, Paris:

01: I Should Live In Salt
02: Don't Swallow The Cap
03: Secret Meeting
04: Bloodbuzz Ohio
05: Sea Of Love
06: Squalor Victoria
07: I Need My Girl
08: This Is The Last Time
09: The Geese Of Beverly Road
10: Abel
11: Pink Rabbits
12: Graceless
13: Fake Empire

14: Humiliation
15: Mr. November 
16: Terrible Love
17: Vanderlyle Crybaby Geeks 

Fotos von diesem Gig:

bei Robert Gil, klick

Links:

- aus unserem Archiv:
- The National, Camber Sands, 09.12.12
- The National, Barcelona, 27.05.11
- The National, Eindhoven, 18.02.11
- The National, Paris, 23.11.10
- The National, Neu-Isenburg, 18.11.10

- The National, Wien, 18.08.10
- The National, Haldern, 14.08.10
- The National, Latitude-Festival, 16.07.10
- The National, Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07





Mittwoch, 12. Juni 2013

Scout Niblett, Paris, 08.06.2013

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Konzert: Scout Niblett
Ort: Le Point Ephémère, Paris
Datum: 08.06.13
Konzertdauer: etwa eine Stunde
Zuschauer: ungefähr 200




So gerne ich einzelne Künstler mag, ich halte in der Regel immer einen gewissen Abstand, eine gewisse Distanz zu der Person, die hinter der Musik steckt. Hat auch damit zu tun, daß ich mich als Blogger als eine Art Journalist sehe. Zwar unbezahlt, aber gewissenhaft und seriös arbeitend. Sympathiepunkte darf es geben (wir sind ja nicht mehr in der Schule), das ist menschlich, aber die musikalische Qualität muss bei der Konzertkritik immer im Vordergrund stehen.

Bei Scout Niblett fällt es mir gar nicht so leicht, Distanz zu halten. Zu sehr besteht eine Einheit aus der Musikerin Scout und der Privatperson Emma. Bei der Wahlamerikanerin ist alles hochgradig authentisch und persönlich, da ist es schwierig zwischen der Künstlerin und der (inzwischen) guten Bekannten zu unterscheiden. Seit etwa 2006 verfolge ich nun ihr Schaffen, bin ihr nach den bisher 6 Konzerten hinterher ein paar mal begegnet und habe mich auf Anhieb gut mit ihr verstanden. Sie ist eben nicht eine jener Musikerinnen, die am Merchstand nur nett lächelt, um eine CD mehr zu verkaufen. So etwas wie einen ehrgeizig verfolgten, grimmig konstruierten Karrierplan sehe ich bei ihr nicht. Was nicht heißen soll, daß sie ihren Job als Musikerin nicht ernst nimmt. Sie ist lediglich äußerst autark, steht dem Musibusiness zu recht kritisch gegenüber und macht vieles frei nach Schnauze.

Das ist sicherlich auch ein wichtiger Grund dafür, warum ich Scouts Musik so sehr schätze. Sie folgt keinen Trends, will nicht nach irgendwem klingen, sondern schreibt und musiziert selbstständig und ohne Kompromisse. Sie hat mir irgendwann einmal erzählt, daß sie recht selten auf Konzerte gehe und dies obwohl sie in Portland, Oregon, sprich einer weltweiten Musikhochburg lebt. Inspiriert wird sie also nicht von anderen Künstlern, sondern vom eigenen Leben, der Astrologie und täglichen Beobachtungen.

Das neue Album scheint eine Art Trennungsalbum geworden zu sein, indem sie die schmerzliche Separation von ihrem letzten Partner verarbeitet. Was auf Platte bereits sehr intensiv und nahegehend klingt, würde live also dann noch direkter und wahrhaftiger auf einen wirken?

In der Tat! In einer knappen Stunde hatten Scout und ihre beiden männlichen Mitmusiker, Phlipe am Schlagzeug und Miguel an der zweiten Gitarre die rund 200 Leute im Point Ephémère tief aufgewühlt, mit ihrer lauten Musik ordentlich durchgeschüttelt und alle schweißgebadet, aber beglückt zurückgelassen. Es war eine 60 minutige Hitzeschlacht, bei der die Musik ähnlich schwül, bleiern und schwermütig klang wie es die feuchte Wärme in dem Laden bereits suggerierte. Schon immer klangen die Songs von Scout  wie eine Art Soundtrack zu einer gefahrverheißenden Autofahrt durch die Wüste von Mexiko, wo man immer damit rechen muss, abgeknallt zu werden.

Der neue Song Gun scheint stellvertretend hierfür zu stehen. Die Gitarre klingt gruselig, aber auch enorm sinnlich und diabolisch anziehend, das Schlagzeug schwer und agressiv, wobei sich der Song nie für Lärm oder knisternde Intimität entscheiden kann. Live noch einmal deutlich intensiver als auf Platte. Die bitter zynischen Lyrics stehen ohnehin für sich selbst ("you took your love from me and I am thankful every day").

Gun war nur eines von vielen packenden Stücken, die eine Scout Niblett in bestechender Form zeigten. Sie war konzentiert und fokussiert bei der Sache, ließ zwar auch diesmal nicht ihre Standardfrage an das Publikum : "do you have any questions?" aus, wusste aber immer in welche Richtung das Konzert gehen sollte. Früher war das manchmal anders, da ließ sie sich teilweise aus dem Konzept bringen, wusste nicht, welche Songs sie spielen sollte und wirkte bisweilen unvorbereitet. Scout Niblett 2013 ist tight, professioneller (ohne zu glatt zu werden) und mit beindruckendem Songmaterial unterwegs. Neben Gun begeisterten von dem neuen Output auch Could This Possibly Be? ("yeh, yeh!") und die ungemein schwermütige, aber wunderschöne Ballade My Man mit der markanten Textzeile: "Could we have made it somehow?"



Von den alten Sachen waren insbesondere Nevada (herrlich nörgelig und grimmig vorgetragen: "put on that suit and lend me that costume") und Let Thine Heart Be Warned ("louder than the thunder") hervorzuheben, die gewohnt roh, wahnsinnig rockig und suizidal klangen.


Schade nur, daß uns lediglich eine Stunde Konzert gegönnt wurde. Zuvor waren zwei mir völlig unbekannte Bands aufgetreten, deren Namen man sich nicht merken muss. 80 Minuten Scout Niblett und Band wie am folgenden Tage in Köln, das wäre es gewesen! Aber wollen wir mal nicht meckern, diese Stunde hatte es in sich und es war so heiß, daß man sich auch ein wenig freute, schnell an den külen Kanal Saint Martin zu kommen, der gleich vor dem Point Ephémère fließt. Dort zog es hinterher dann auch die Band und ihr Team hin. Ich Glücklicher durfte mich hinzugesellen. Was dort erzählt wurde, bleibt aber privat. Blogger sollten schließlich ein wenig verschwiegen sein, wenn es um die Privatsphäre von Künstlern geht und die Texte des neuen Albums geben genug her, um zu verstehen, wie es um das Seelenheil der Engländerin und Wahlamerikanerin bestellt ist. Nur so viel: Emma hat gesagt, daß sie für immer Musik machen möchte, egal wie finanziell schwierig das auch sein mag. Ist doch ein super Ausblick, oder etwa nicht? Mit einer neuen Tour durch Europa ist wohl im November zu rechnen.



Mittwoch, 12. Oktober 2011

Scott Matthew & Ladylike Lily, Paris, 10.10.11

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Konzert: Scott Matthew (Ladylike Lily)

Ort: Le Point Ephémère, Paris
Datum: 10.10.2011
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft, geschätzte 200
Konzertdauer: etwa 75 Minuten


Ich war Nutznießer. So nennt man das dann wohl. Weil mein Pariser Freund Pascal an diesem Montag zu The Duke Spirit ins Nouveau Casino getigert ist, war er dann so nett, mir seinen bei einem Gewinnspiel ergatterten Platz für das Konzert von Scott Matthew im Point FMR zu überlassen. Da ließ ich mich nicht zweimal bitten und nutzte die Gunst der Stunde.

Ich hatte richtig gehandelt, denn das Konzert erwies sich als sehr gelungen. Bei entspannter und feierlicher Atsmosphäre zelebrierte der junge New Yorker Bartträger seine fragilen Songs und begeisterte mit viel Gefühl, brüchig-sentimentaler Stimme und feiner Instrumentierung. Wie immer hauptsächlich auf der Ukulele zupfend, wurde er heute abend von zwei Mitmusikern an Piano und Cello wundervoll begleitet. Die drei Burschen spielten natürlich viele Stücke des aktuellen Albums Gallantry Favorite's Son, ließen aber auch nicht das Altwerk außer Betracht.

Die Stimmung war sehr gelöst, was möglicherweise auch am Rotweinkonsum von Scott gelegen haben mag. Der liebenswürdige Australier lachte viel und oft, betonte gleich mehrfach wie sehr er Paris liebe ("it's a special city, I thought about this show tonight for weeks now") und scheute auch nicht vor Selbstironie zuürck. Zu dem Stück Felicity meinte er einleitend: "this is the cheesiest song I ever wrote and it speaks about birthday too." Fast angewidert verzog er die Mundwinkel, spielte uns dann aber diesen sehr melodieseeligen Song mit hohem Wiederkennungswert. Es stimmte schon, das Lied war in der Tat etwas cheesy, aber wenn man ehrlich ist, spart ja Scott grunsätzlich nicht an Zucker und Schwülsteleien. Dies war bisher auch immer ein Grund, warum ich Scott Matthew nur in homöopathischen Dosen genießen konnte. Irgendwann wurde mir der Herzschmerz und das Geseufze einfach zuviel. Nicht so heute. Ich merkte einfach, wie aufrichtig und authentisch er bei der Sache ist, fühlte, daß seine in Musik gepackte Seelenpain nicht gekünstelt ist. Wobei er schelmisch in den langen Bart grinsend manchmal vorausschickte: "jetzt kommt ein sehr trauriges Lied, dabei fühle ich mich heute eigentlich überhaupt nicht traurig, ganz im Gegenteil."

Seine gute Laune übertrug sich auch auf das bunt durchgemischte Publikum (junge und etwas ältere Leute, gay oder straight, viele Pärchen), das vorbildlich leise zuhörte und nach den jeweiligen Stücken stürmisch applaudierte. Mir persönlich gefiel von diesen Stücken Sinking am besten, weil hier einfach am meisten Emotionen rüberkamen und alles wunderbar harmonisch zusammenpasste: Cello, Piano und der nahegehende Gesang von Scott. Auch der Text war sehr schön: "... all alone in the night I will suffer, I'll fight, that the truth is this dead wish is a prison..."



Froh war ich auch über das ältere Stück In The End (bekannt aus dem Film Shortbus), bei dem sich Scott ganz auf seinen Gesang konzentrierte und weder Ukulele noch Gitarre spielte. Er hauchte die Zeilen geradezu ins Mikro, greinte aber auch immer mal wieder und verstand es auf das Beste, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.



Er fühle sich nicht alleine gelassen sondern im Kreise von Freunden, meinte er schließlich während es Zugabenteils im Hinblick auf seinen Hit Abandoned und auch bei Community beschwor er den Kollektivgedanken, was keinswegs aufgesetzt sondern wahrhaftig klang.

Ein wundervolles Konzert also, in das die junge Französin Ladylike Lily gelungen eingeleitet hatte. Eine Mischung aus Mina Tindle, Soap & Skin, Marie Flore und Björk, so konnte man das Ganze musikalisch stark verkürzt zusammenfassen. Da ich lediglich zwei Lieder mitbekam (darunter mit Serenade ein Cover von Emiliana Torrini), muss ich mich auf diese Floskel und das Zitieren von Referenzen beschränken. Die Dame werde ich sicherlich noch einmal wiedersehen, sie ist noch sehr jung und hat Talent.



Setlist Scott Matthew, Le Point Ephémère, Paris:

01: The Wondering Of Falling

02: True Sting
03: Black Bird
04: Felicity
05: Duet
06: Sinking
07: Burried Alive
08: Upside Down
09: Seeling
10: Sweet Kiss In The Afterlife
11: Friends & Foes
12: In The Ende
13: No Place Called Hell

14: Abandoned
15: Only Girl (Rihanna Cover)
16: Little Bird
17: White Horse
18: Community



Sonntag, 8. April 2007

Konzertrückblick: The Hidden Cameras, Paris, 10.10.06

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Konzert: The Hidden Cameras

Ort: Point Ephemere, Paris
Datum: 10. 10.2006

Die Location war schon mal interessant gewählt: Das Point Ephemere ist ein Teil einer alten Fabrikhalle und liegt idyllisch am Canal St. Martin im 10. Pariser Arrondissement. Während irgendeine langweilige Vorgruppe noch vor sich hin dudelt, nehme ich meinen Mut zusammen (das ist kein Stalker-Gen, sondern ich bin nur kommunikativ!) und spreche ein Bandmitglied der französischen Hushpuppies an, den ich schon oft auf Konzerten gesehen habe, zuletzt auch bei El Perro Del Mar. Er ist erfreut, es mit einem Deutschen zu tun zu haben, denn es läuft sehr gut für die Hushpupppies in Deutschland, wie er nicht ohne Stolz erzählt. Im Dezember stehen wohl wieder Konzerte der Band in Germany an, mit Louis XIV und einer deutschen Gruppe, deren Namen er vergessen hat. Ich verabschiede mich und trete in die dunkle Spelunke ein, es geht nämlich jetzt los mit den versteckten Kameras.

Go-Go-Tänzer kann ich zum Glück keine ausmachen, dafür wäre wohl auch die Bühne zu klein. Stattdessen tummelt sich auf derselben ein erstaunlich heterogenes Häuflein (sind die gecastet?), angeführt von dem durchtrainierten Sänger, der auch als Personal Fitness-Trainer eine gute Figur abgeben könnte. Begleitet wird er von zwei Streichern (einer der beiden hat was von Hape Kerkeling), einem Cellisten und u.a. zwei Damen, wobei die eine die Dolmetscherin abgibt, denn die Band spricht kaum Französisch. Sie (spielt Keyboard) scheint ohnehin eine sehr aktive Rolle in der Band zu spielen.

Das Publikum bekommt eine Band voller Spielfreude und Energie zu sehen (die beiden Streicher amüsieren sich wie Bolle!), die es auch ohne Go-Go-Tänzer schafft, die oft etwas unterkühlten Pariser aus der Reserve zu locken. Meine neuen Freunde von den Hushpuppies tanzen jedenfalls wie wild ab zu den Country-Geigen, den Handclapps und dem Falsett-Gesang. Alles wirkt hier sympatisch amateurhaft, spielerisch und spontan. Gespielt werden Stücke aus allen drei Alben und beendet wird das Set von dem Gassenhauer: "I believe in the good of life". Ein gutes Motto für einen gelungenen Abend, dem nichts mehr hinzuzufügen ist.

von Oliver


 

Konzerttagebuch © 2010

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